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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
9 Reviews
 
02.07.2013 3.378
 
A/N: Danke an Madrilena, Tracy89, Silvana, Balalaika, Nathi, Tiefseentraum und Sternengrau (5x!).




Kapitel 16 – Aufbauen und Zerstören


Runes POV

Das ist also Indien oder Delhi oder was auch immer. Die Begeisterung hält sich sehr zurück, was bei der dreckigen Luft und den Temperaturen nicht erstaunlich ist. Im klimatisierten Flughafengebäude war es ja noch auszuhalten, aber als Joakim und ich auf dem Weg zu einem Taxi nach draußen kommen, erschlägt uns die Luftfeuchtigkeit beinahe. Hat Claire ein Glück, dass sie hier noch nicht dabei sein muss und erst Dienstag anreisen wird. Ich wäre auch lieber nach England geflogen, ehrlich! Im Taxi selbst wird es mithilfe der Klimaanlage dann wieder etwas besser, aber wirklich zum Aushalten ist es erst, als wir die Lobby unseres Hotels betreten. Diesmal, das hat Claire mir gesagt, als wir am gestrigen Samstag telefoniert haben, sind wir im selben einquartiert wie der Rest des Teams. Und ich find’s super! In Japan hat mir das nicht gut gefallen, da kam ich mir im Nachhinein irgendwie ausgeschlossen vor, auch wenn das wohl eher der Tatsache geschuldet war, dass wir – wie ich auch von Claire erfahren habe – nach dem Korea GP eigentlich schon zurück nach Europa fliegen wollten und es sich kurzfristig nicht mehr anders einrichten ließ.

Diesmal nehme ich das Einchecken für mich selbst in die Hand, noch bevor Joakim überhaupt den Mund aufmachen kann. Ich habe mir vorgenommen, selbstständiger zu sein als mein altes Ego, also bin ich das auch. Punkt, aus, Schluss. Dass Joakim mich irritiert mustert, ignoriere ich geflissentlich. Er wird sich schon dran gewöhnen, notfalls auch gewöhnen müssen. Genauso, wie er sich auch mit einigen anderen Dingen wird abfinden müssen. Es kann doch nicht ernsthaft notwendig sein, dass mein Physio mich zu allen Sponsoren- und Promotionsterminen begleitet! Die Zeit könnte Joakim sicher besser und für sich nutzen. Muss doch nervig für ihn sein, ständig bei mir rumzuhängen, wenn er eigentlich ganz was anderes machen könnte.

«Ich bin dann auch soweit», reißt Joakim mich schließlich aus meinen Überlegungen, «Wo muss du hin?»

«Fünfte Etage», antworte ich.

«Ich auch.»

Claire ist ein Genie, keine Frage. Dabei hab ich sie erst Freitag gefragt, wie das mit der Zimmerverteilung werden würde, ob sie da schon was wüsste. Und sie hat nur gefragt, wie ich es gerne hätte und Zack! Es ist exakt so, wie ich es mir gewünscht habe. Mir war einfach wohler bei dem Gedanken, im Falle eines Falles nicht erst durchs halbe Hotel irren zu müssen. Und für Joakim ist’s so ja auch kürzer, wenn er abends in sein Zimmer will.
Wir schlendern zum Fahrstuhl, müssen kurz warten, steigen schließlich ein und erreichen unsere Etage unbehelligt. Ich finde, es ist ganz anders als in Japan, obwohl es hier drinnen aufgrund westeuropäischer Einrichtung kaum so aussieht. Es liegt wohl an den Menschen hier, vermute ich.

«Rune, wenn du dopst, ist das illegal, gefährlich und ich muss das wissen. Ist dir das klar?», will Joakim wissen, nachdem wir auf unserer Etage wieder ausgestiegen sind.

«Was?», mache ich erstaunt. Mir ist völlig schleierhaft was Doping im Augenblick mit mir zu tun haben soll.

Joakim sieht mich eindringlich an und seufzt schwer: «Schon gut, vergiss es. Welche Zimmernummer hast du?»

Ich runzle ein wenig die Stirn. Das finde ich jetzt nicht so fair. Erst sowas sagen und dann nicht mit der Sprache herausrücken, das ist wirklich ungerecht, aber das sage ich nicht. «Vierhundertvier.»

«Okay, wenn noch was ist, ich hab vierhundertsechs», sagt er, klopft mir noch mal auf die Schulter und geht. Ich bleibe verwirrt zurück. Da dachte ich eigentlich, ich hätte mich mit diesem neuen, veränderten Joakim abgefunden, mich einigermaßen an ihn gewöhnt und nun das? Naja, vielleicht ist war ihm der Ozongehalt in der Kabinenluft des Flugzeugs zu hoch. Hört man ja immer wieder mal, dass die entsprechenden Konverter nicht gut genug funktionieren oder gar nicht erst eingebaut wurden. Davon sollen teilweise ganze Airlines betroffen sein. Eigentlich gruselig.

Kopfschüttelnd sehe ich meinem Physio nach und beschließe, ihn erst mal in Ruhe zu lassen. Kann ja nicht schaden und ich muss schließlich auch auspacken und würde mich sowieso gerne noch für eine halbe Stunde hinlegen.

***


Aus der halben Stunde ist überraschend schnell eine ganze geworden, stelle ich fest, als ich wieder einen Blick auf mein Smartphone werfe. Doch außer der Uhrzeit blinken mir vom Display auch zwei Anrufe in Abwesenheit entgegen – beide von Heidi. Zum Glück hatte ich den Ton ausgestellt! Einen Moment überlege ich, ob ich zurückrufen soll, entscheide mich dann aber dagegen. Die wird sich so oder so auch von selbst wieder melden, da brauche ich mich nicht drum zu kümmern. Außerdem sollte ich jetzt anderes tun, zum Beispiel den Terminplan noch mal durchgehen, den Claire mir geschickt hat. Immerhin hab ich den zur Einsicht haben wollen, weil ich mich ja noch mit Nico treffen will. Nico… Ihn sollte ich anrufen…

Es tutet ewig und ich bin schon kurz davor, wieder aufzulegen, weil sich einfach keine Mailbox meldet, als Nico endlich rangeht:

›Ja?‹ Er hört sich ein wenig gehetzt an.

„Hi Nico, Rune hier.“ Hoffentlich hab ich ihn jetzt nicht gerade von irgendwas Wichtigem weggeholt. Das wollte ich ja eigentlich nicht.

›Oh, hi! Du rufst wegen dem Treffen an?‹

„Ja, eben ist der Terminplan eingetrudelt, weißt du.“

›Und?‹

„Morgen oder Mittwochabend“, antworte ich.

›Lieber Mittwoch. Ich komm ja morgen erst an‹, lacht er, bevor er etwas ernster hinzufügt: ›Diesmal hoffentlich mit meinem Koffer.‹

„Wann ist der verlorengegangen?“ Hölle, daran, dass sowas passieren kann, habe ich ja noch gar nicht gedacht! Aber wenn man häufiger fliegt, wird es einen früher oder später wohl echt mal treffen… Ich will gar nicht dran denken.

›Zum Glück beim Rückflug aus Japan, aber die haben ihn erst gestern gefunden und abgeliefert. Dafür war er zwischenzeitlich allerdings in Neuseeland.‹

„Nett, aber er hätte dich ruhig mitnehmen können.“

›Das hab ich mir auch gedacht.‹

Ich muss lachen: „Aber wenn sie dich jetzt falsch ausliefern, wird’s problematisch.“

›Ja, toll, so komm ich nie nach Neuseeland und du wirst auch keine deutschen Reporter überraschen.‹

„Ich soll was?“

›Deutsche Medienvertreter überraschen.‹

„Bist du sicher, dass das ’ne gute Idee ist?“ Ich nämlich nicht. In meinem Kopf braut sich da allein bei dem Gedanken schon ein Katastrophenszenario zusammen.

›Wenn du’s vorher absprichst, ist’s doch keine große Sache.‹

„Ja, okay, dann ginge das schon.“

›Klasse!‹

Sollte ich mir vielleicht Gedanken machen? Im Moment habe ich nicht mehr das Gefühl, noch irgendwie Kontrolle über die Situation zu haben…

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Heikki und Schwedisch… ein Buch mit sieben Siegeln! Nach ein paar Wörtern war Feierabend und ich weiß bis jetzt nicht, ob er sich tatsächlich nicht erinnern kann oder sich einfach nur nicht sicher war, ob das, woran er sich noch erinnert, so auch richtig ist. Ich hab von ihm eigentlich dieselbe Antwort bekommen wie von Kimi: Es lohnt nicht, Schwedisch zu lernen, denn wenn man mal da ist, spricht man eh Englisch und wird wunderbar verstanden. Finde ich trotzdem ein bisschen frustrierend. Naja, vielleicht ändert er ja für Rune was dran. Da würde sich das eigentlich lohnen.

Was ich in den letzten Tagen aber nicht getan habe, ist mit Romain zu sprechen. Dabei wollte ich das unbedingt machen, bevor ich nach Indien fliege. Und jetzt bin ich schon da. Das ärgert mich etwas, wenn ich ehrlich bin. Aber er hätte auch mal zurückrufen können, nachdem ich ihm am Freitag mindestens fünf Minuten lang auf die Mailbox gequatscht habe. Er kann doch nicht ernsthaft so neben der Spur sein oder so viel zu tun haben, dass er nicht mal Zeit findet, mir ’ne Nachricht zu schicken, wenn er sich schon anders nicht meldet! Aber jetzt ist es genug, denke ich mir und suche seine Nummer erneut raus.

Es klingelt und klingelt und gleich meldet sich wieder die Mailbox… Gerade, als ich genervt seufzen will, nimmt Romain doch noch ab:

›Ja, was ist denn jetzt schon wieder?!‹

Holla die Waldfee! Es dauert ein paar Sekunden, bis ich mich so weit gefasst habe, dass ich antworten kann: „Hallo Romain. Alles in Ordnung bei dir?“

›Oh, Sebastian, du bist’s. Tut mir leid, ich dachte, du wärst - Ach, egal. Was ist denn?‹

Ich wäre wer? Das würde mich jetzt wirklich interessieren! Aber deswegen habe ich eigentlich nicht angerufen, also sage ich nur: „Hast du deine Mailbox nicht abgehört?“

›Doch‹, kommt’s hörbar verlegen zurück, ›und eigentlich wollte ich mich auch melden, aber der Job und… Mir ist immer was dazwischen gekommen.‹

„Ja, schon gut“, wiegle ich ab. Er braucht mir nicht zu erklären, warum er nicht angerufen hat. Ich kann mir auch so vorstellen, dass seine freie Zeit knapp ist, und vielleicht hatte er auch keine Lust, mit mir zu sprechen. Könnte auch sein und würde mich gar nicht so sehr wundern bei seiner Situation. „Aber dann weißt du ja, worum’s geht.“

›Um meine SMS, ja, tut mir leid, Sebastian. Ich hätte dich da nicht mit reinziehen sollen.‹ Es hört sich zerknirscht an und seltsam, weil keine Rechtfertigung folgt.

„Braucht’s nicht. Ist nicht so, dass ich Kimis Verhalten jetzt so toll finde“, erwidere ich, „Ich find’s nämlich nicht okay, wie er mit dir umspringt.“

›Aha‹, macht Romain ein wenig ungläubig, sodass ich mich gezwungen sehe, meine Worte noch mal zu bekräftigen:

„Das ist mein Ernst. Hab ich ihm auch schon gesagt, aber du weißt ja, wie er ist. Er will’s eben nicht sehen.“

Er lacht, aber es klingt gequält: ›Wem sagst du das. Aber da kann man nichts machen. Wenn Kimi auf stur stellt, kann man nichts machen.‹

„Und das willst du tun? Einfach nichts?“, hake ich nach. Keine Ahnung, ob es überhaupt Sinn hat, meinen Plan durchzuziehen, wenn er die Flinte längst ins Korn geworfen hat. Das wären irgendwie denkbar schlechte Voraussetzungen, dann könnte ich es auch gleich bleiben lassen.

›Hast du ’ne bessere Idee?‹

„Wie wär’s mit nicht aufgeben?“

›Sebastian, ich weiß doch nicht mal, ob ich nächstes Jahr noch ein Cockpit habe, also selbst wenn Kimi seine Meinung ändern würde – was er nicht tun wird – wäre das zum Scheitern verurteilt.‹

„Das weißt du nicht“, halte ich dagegen.

›Und Marion ist auch noch da.‹

„Ja, na und? Hanna auch.“ Das ist nun wirklich kein Argument, das ich gelten lassen kann.

›Wie bitte? Was hat deine Freundin damit zu tun?‹

Scheiße! Romain weiß das ja gar nicht! Er weiß nicht, dass ich was mit Jenson habe. Was mach ich jetzt? Eine Ausrede erfinden? Keine gute Idee, nicht wirklich zumindest, aber -
„Ich hab ein Verhältnis mit Jenson.“

Für einen Moment herrscht Schweigen, dann räuspert Romain sich leise: ›Das ist ein Scherz, oder?‹

„Nein.“

›Verrückt. Damit hätte ich im Leben nicht gerechnet, dass gerade du - Also, ich meine… Fass das bitte nicht falsch auf, aber -‹

„Lass gut sein“, bitte ich. Das braucht’s jetzt nicht. Ich weiß selbst, dass man damit nicht rechnet. Deswegen funktioniert’s schließlich auch. „Ich wollte nur sagen, dass du das auch mit Marion auf die Reihe kriegen kannst, wenn du das willst.“

›Da bin ich mir nicht mehr so sicher‹, murmelt er so leise, dass ich es kaum verstehe, dann fügt er etwas lauter hinzu: ›Wie machst du das mit Hanna?‹

Gute Frage, sehr gute Frage, die nächste bitte. Im Moment weiß ich überhaupt nicht, wie ich das mache und rede mich damit raus, erschöpft und gestresst zu sein. Sie akzeptiert das, weil… Naja, weil… Sie ist eben immer noch meine Hanna. Hanna, die verständnisvoll ist und mir ohne Wenn und Aber den Rücken freihält, wenn es hart auf hart geht.
„Ich… Es… Also, Jenson und ich sehen uns ja nur an Rennwochenenden. Hanna weiß das gar nicht.“

›Und du hast kein schlechtes Gewissen?‹

„Nein… Ja, schon irgendwie, seit Kimi mir eins eingeredet hat.“

›Halt, Stopp, Kimi hat dir ein schlechtes Gewissen gemacht?‹

Ich bejahe.

›Sieht ihm gar nicht ähnlich.‹

„Irgendwie nicht, da hast du recht“, räume ich ein, „Aber das täuscht wohl, sonst würde er mit dir bestimmt anders umspringen.“

›Das kannst du laut sagen.‹

Ich kann die Resignation in Romains Stimme nicht ignorieren: „Ist an dem Wochenende in Japan eigentlich noch was passiert?“ Im Grunde weiß ich überhaupt noch nicht richtig, was passiert ist. Kimi spricht mit mir nicht darüber. Dass er die One Night Stands mit Romain hatte, hat er auch nur in einem Satz erwähnt und dann fallen lassen, als wäre es das Normalste der Welt, das sowas vorkommt.

›Ja, Kimi weiß jetzt, dass er mein Problem ist, aber das dürfte ihm wie alles andere auch ziemlich egal sein.‹

„Er hat mit dir gesprochen?“

›So würde ich’s jetzt nicht direkt nennen, aber er hat sich wenigstens die Mühe gemacht, seine Vorwürfe auszuformulieren, statt mich weiterhin raten zu lassen.‹

„Wann?“

›Samstagabend. Und mich hat’s echt gewundert, dass er sich dafür überhaupt die Zeit genommen hat, wenn’s ihm so egal ist.‹ Romain klingt bitter. ›Dann kann’s ihm doch auch egal sein, dass ich schlecht fahre! Ich krieg die Quittung dafür schon noch.‹

„Hör auf mit dem Scheiß, Romain! Das steht nicht fest, die Saison dauert noch vier Rennen.“

Nur noch vier Rennen, ja, und da werde ich kaum was reißen können.‹

„Mit der Einstellung ganz sicher nicht“, halte ich dagegen, „Daran solltest du was ändern.“

›Weiß ich selbst‹, murrt er, ›Das sagt sich nur so leicht…‹

„Kann ich dir irgendwie helfen?“ Okay, das hab ich zwar eh vor, aber so falle ich vielleicht nicht ganz so schlimm mit der Tür ins Haus.

›Was schwebt dir vor? Ich bin grad für fast jeden Vorschlag zu haben.‹

„Dich mit Kimi verkuppeln.“

›Lass die Witze, Sebastian. Das ist nicht zum Lachen.‹

„Das ist kein Witz, das ist mein Ernst. Sonst hätte ich mich doch nicht wieder bei dir gemeldet, sondern das einfach auf sich beruhen lassen.“

›Fein, dann verrate mir mal, welchen geheimen Trick du draufhast, um das zu packen.‹

„Umgekehrte Psychologie.“

›Wie bitte?‹

„Ja, seine Mutter hat das auch so gemacht, wenn er den Müll rausbringen sollte. Sie hat ihm gesagt, er solle ihn stehenlassen, sie würde das später schon machen und dann hat er’s gemacht“, erkläre ich.

›Äh, Sebastian, darf ich dich dezent darauf hinweisen, dass ich erstens kein voller Müllbeutel bin und Kimi zweitens mittlerweile fünfundzwanzig Jahre oder so älter ist?‹

„Ja, das heißt aber nicht, dass es nicht funktioniert.“

›Das ist das Bescheuertste, das ich seit langem gehört habe, wirklich.‹

„Falls es dich beruhigt, es ist auch das Bescheuertste, das ich seit langem jemandem vorgeschlagen habe.“

›So bescheuert, dass es funktionieren könnte.‹

„Dann sind wir uns einig?“, hake ich begeistert nach.

›Alles ist besser als weiterzumachen wie jetzt, also ja, sind wir.‹

„Super!“

›Du musst mir nur sagen, was ich bei der ganzen Sache tun soll.‹

„Erst mal nichts weiter. Konzentrier dich einfach aufs Fahren, damit Kimi nicht merkt, dass da von deiner Seite aus noch was ist.“

›Okay, werde ich tun.‹

„Gut.“

›Aber beantwortest du mir noch eine Frage, Sebastian?‹

Oh Gott, wenn er jetzt noch mehr Details wissen will, dann muss ich echt passen. Ich weiß nämlich nicht, wie man umgekehrte Psychologie plant. Sowas ergibt sich doch eigentlich aus der Situation heraus, oder? Trotzdem sage ich: „Ja, klar, frag.“

›Wie ist das mit dir und Jenson passiert?‹

Gut, damit hab ich nicht gerechnet, aber Hauptsache, er fragt nicht weiter nach dem Plan und irgendwie hat er auch ein Recht zu fragen, glaube ich. Und er wird es ganz sicher nicht weitererzählen. Das ist nicht Romains Stil.

Ich seufze: „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht so genau.“

›Dein Ernst?‹

„Irgendwie schon. Ich will nicht sagen, es hat sich einfach so ergeben, aber…“ Ich breche ab, muss mich räuspern. Es war einfacher, Heikki und Kimi davon zu erzählen. Das musste ich ja auch nicht am Telefon machen! Es ist sowieso komisch, das alles hier am Telefon zu besprechen, aber treffen können wir uns schlecht. Das wäre irgendwie zu auffällig, so sehr, dass es sogar Kimi interessieren könnte – und wie sollte ich das dann erklären? Nein, es ist gut, dass Romain und ich telefonieren.
„Aber es war halt nicht geplant. Wir sind letztes Jahr in Brasilien im selben Hotelzimmer aufgewacht und… naja, und…“

Romain kichert: ›Du hast dich auf deiner eigenen WM-Party abschleppen lassen?‹

„Kann ich dir nicht sagen. Ich hab einen totalen Blackout und… und Jenson auch“, gestehe ich.

›Wir beide hätten uns viel eher mal unterhalten sollen‹, lacht er jetzt.

„Warum das?“

›Ich bin auch so ein Blackout-Kandidat und kann mich nicht an die erste Nacht erinnern.‹

„Kimi kann sich erinnern“, wende ich ein. Bisher bin ich also davon ausgegangen, Romain könnte das auch, weil sie beide nicht so viel intus hatten.

›Ja, das ist ja auch Kimi, der ist trinkfester‹, kommt’s wie selbstverständlich zurück und bringt mich nun ebenfalls zum Lachen. Wo Romain recht hat, hat er recht.

*** ~~~ ***


Valtteris POV

Seit dem Urteil der Stewards habe ich mit Checo nur per Whatsapp kommuniziert und besonders gesprächig war er nicht. Er fühlt sich ungerecht behandelt, das ist eigentlich alles, was klar geworden ist – und mir nicht genug. Deswegen bin ich einen Tag früher als geplant nach Delhi geflogen, um mich noch mal in Ruhe mit ihm zu treffen. Immerhin sind wir befreundet und einer Meinung: Das war nichts, wofür er hätte bestraft werden müssen. Auch ein Grund, warum er nach Indien gekommen ist. Er will sich nicht kleinkriegen lassen, nur weil er nicht mitfahren darf.

Doch ich erlebe mein blaues Wunder, als er seine Hotelzimmertür öffnet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass das Urteil und die darauffolgende schlechte Presse Checo so sehr zusetzen würden. Er sieht abgespannt aus, müde und erschöpft. Und genauso klingt auch sein: „Hi.“
Und es wird nicht besser, als wir Minuten später auf dem Sofa sitzen, jeder an einem Ende, und uns anschweigen wie zwei Fremde und ich weiß nicht, wann ich mich in Checos Gegenwart je so unwohl gefühlt habe. Am Ende ist es so schlimm, dass ich zuerst etwas sage:

„Hast du großen Ärger gekriegt?“

Checo sieht von seiner linken Hand auf. „Was glaubst du denn?“

„Oh.“ Das hört sich nicht so gut an, eigentlich ganz und gar nicht. „Das tut mir leid für dich.“

„Sie überlegen, mich gleich für den Rest der Saison zu ersetzen“, schiebt er nach.

„Was?! Warum?“ Fassungslos starre ich ihn an. Das muss ein Scherz sein! Das können sie doch nicht machen!

„Drei Crashs in drei Rennen hintereinander sind zu viel.“

Ich schnaube: „That’s racing. Du hast bloß Pech gehabt, das ist kein Grund, dich gleich auszusortieren! Das müssen sie doch sehen!“

Aber offenbar tun sie das nicht. Dafür sehe ich jedoch etwas Überraschendes, nämlich wie Checos Gesichtsausdruck sich ändert. So radikal, dass mir augenblicklich klar wird, dass hier irgendwas plötzlich noch weniger im Lot ist als es eh schon war, und es lässt mich stutzig werden.

„Ich hatte kein Pech, Valtteri, zumindest nicht nur“, erwidert er dann und klingt plötzlich weitaus gefasster, „Ich hätte nur zurückziehen brauchen, dann wäre nix passiert.“

„Ja, hast du aber nicht und -“

„Und ich hab’s bewusst nicht getan“, unterbricht er mich scharf, „Weil ich nicht wollte, dass Lindström dir das Rennen kaputt macht.“

„Was?“ Das hat er gerade nicht gesagt! Das wäre… das… Nein!

„Ich wollte nicht, dass er dir was kaputt macht“, wiederholt er, „Ich hab dir doch gesagt, dass du ihn vielleicht auch weniger als fünf Rennen ertragen musst und -“

„Sag mal, spinnst du eigentlich?“ Plötzlich bin ich wieder auf den Beinen, stehe vor ihm und starre ihn an. Das kann er doch nicht ernstgemeint haben! Das ist… Also…

„Ich wollte doch nur -“, setzt er hilflos an, aber ich schüttle energisch den Kopf:

„Sei still! Das ist echt Bullshit, ist dir das klar? Nachdem, was mit Pastor… Denkst du überhaupt nach? Lindström ist kein so großes Problem, dass - Du hast sie nicht alle!“ Mir ist bewusst, dass ich hysterisch klinge, ich bin’s auch fast, kann kaum glauben, was Checo hier gerade raushaut.

„Ja, aber -“

„Nein, kein aber! Das ist lebensgefährlich, was du da machst, und vielleicht wär’s echt besser, wenn sie dich für den Rest der Saison rausnehmen, ehrlich mal“, fauche ich und bin auf dem Weg zur Tür und draußen, ehe er noch einmal Einspruch erheben kann. Lindström abschießen, meinetwegen! Wie hirnlos ist das bitte?! Gerade bei Lindström! Der kann das auch ganz alleine, da braucht keiner nachhelfen. Also so hatte ich mir den Nachmittag jetzt nicht vorgestellt. Scheiße!



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