Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
02.07.2013 5.530
 
A/N: Danke an Madrilena, Silvana, Tiefseentraum, SkyeChucks, Balalaika, Tracy89, Nathi und ShadowOfTheDay.




Kapitel 15 – Gemeinsam einsam


Kimis POV

›Hei?‹

„Hei Rami.“ Ich muss fast grinsen. Vielleicht ist es doch ein wenig zu spät zum Anrufen. Er hört sich auf jeden Fall irgendwie verschlafen an.

›Kimi, was gibt’s? Willst du nun doch hier feiern?‹

Ich muss lachen: „Nein, das holen wir nach der Saison nach.“

›Unbedingt. Justus und Tiitus fragen schon.‹

„Sind sie schon im Bett?“ Manchmal bin ich nicht der Vorzeigepatenonkel, auch wenn ich’s gerne wäre, da habe ich einfach nicht genug Zeit – und das nervt.

›Ja.‹

Ich seufze leise und beschließe im Hinterkopf schon mal, dass es übers nächste freie Wochenende nach Finnland geht.

›Habe ich da etwa eine Heimwehbekundung gehört?‹

„Nein“, erwidere ich grinsend, „Das war der Staubsauger.“

›Den Fernseher hätte ich dir geglaubt, aber das nicht.‹

Ich muss lachen. Ob es immer so schwer ist, seinem großen Bruder etwas vorzumachen? Mir kommt’s gerade mal wieder so vor.

›Warum rufst du an? Du willst doch nicht bloß quatschen, oder?‹ Ich kann das Augenzwinkern regelrecht aus seiner Stimme heraushören.

„Kannst du mir die Start- und Ergebnislisten für Kartsprintrennen aus den Jahren 2001 bis 2005 für die Klassen Pikku-Mini, Raket und Yamaha jr. besorgen?“, frage ich.

›Kimi, du hast mich ja schon um einige seltsame Sachen gebeten, aber das? Was willst du damit?‹

„Ich bin neugierig“, gestehe ich. Heute Abend hätte es vermutlich wenig Sinn, zu versuchen, Rami etwas anderes vorzumachen. Ich scheine für ihn mal wieder viel zu durchschaubar zu sein.

›Auf irgendwelche Namenslisten?‹ Seine Skepsis ist nicht zu überhören.

„Nicht direkt“, räume ich ein, „Ich hatte dir doch erzählt, dass ein Schwede Pastor Maldonado ersetzt.“

›Ja, hast du. Und?‹

„Und der ist unter anderem in Finnland Sprintrennen gefahren.“

›Was ist daran so interessant?‹

„Ich will wissen, ob der und Valtteri auch gegeneinander gefahren sind und wenn ja, mit welchem Ergebnis. Das ist so ja nicht rauszukriegen.“

›Du könntest einen von beiden danach fragen.‹

„Nur, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt und darauf will ich nicht warten. Also, kannst du die Listen besorgen?“

Rami seufzt: ›Kimi Matias Räikkönen, deine Sturheit geht auf keine Kuhhaut, weißt du das?‹

„Ja, was ist jetzt?“

›Ich sehe, was sich machen lässt, okay?‹

„Ja, okay.“

*** ~~~ ***

***


Runes POV

Enrique hat recht, ich habe wirklich Ähnlichkeit mit einem halbseitigen Blaubeermuffin, dabei ist heute schon Donnerstag. Aber wenigstens scheinen Knöchel und Handgelenk sich so zu erholen, wie sie es im Idealfall tun sollten. Joakim hatte weder gestern noch heute Vormittag etwas zu beanstanden. Bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob er damit so zufrieden ist, wie er sich gibt. Irgendwie kam’s mir so vor, als hätte er sich mental darauf eingestellt, mit mir zu schimpfen oder schimpfen zu können und wäre letztendlich enttäuscht gewesen. Keine Ahnung, also sei’s erst mal drum. Das gehört wohl zu den Dingen, die ich nicht ändern kann, zumindest nicht sofort.

Doch was ich ändern kann, ist die Länge meiner Haare. Die werden in den nächsten paar Wochen keinen Friseur mehr sehen, das ist klar. Ich finde sie viel zu kurz. Diese anderthalb Zentimeter sind ein Witz! Da mit Gel ranzugehen auch. Die stehen auch so ganz toll ab, wozu also jeden Morgen so einen Aufstand wegen des Stylings machen? Man kann’s auch echt übertreiben! Und während der Rennwochenenden sieht man’s die meiste Zeit eh nicht, weil ich Kappe oder Helm auf dem Kopf hab – was die Frisur sowieso ruiniert.
Und wenn ich so wie heute den ganzen Tag zuhause rumhänge, dann brauche ich mich morgens auch nicht fünf bis zehn Minuten vor den Spiegel stellen. Das ist unnötig, weil mich dann außer Joakim oder meinen Eltern oder der Haushälterin – ich hab mich so erschreckt, als ich gestern aus der Stadt kam und sie auf dem Weg in die Küche fast über den Haufen gerannt hab – auch niemand zu Gesicht kriegt. Joakim kennt mich verschwitzt und ungestylt, er sorgt ja dafür, dass ich so aussehe, für meine Eltern sollte das auch kein außergewöhnlicher Anblick sein und die Haushälterin… nun ja, sie hat mich gefragt, ob sie jetzt, wo ich wach wäre, oben weitermachen könnte. Das war schon irritierend und mir ist nichts Besseres eingefallen, als ihr die Wahrheit zu sagen. Dass ich bis eben nämlich gar nicht zuhause, sondern in der Stadt beim Augenarzt gewesen bin. Das schien sie wiederum zu wundern. So sehr, dass ich mich gezwungen sah, ihr zu sagen, dass es jetzt mit dem Lotterleben vorbei sein müsse, das könne ich mir mit einem Formel 1-Cockpit an der Backe nicht mehr leisten.

Kopfschüttelnd betrachte ich den Trockner im Wäschekeller. Ich hasse die Dinger. Schlimmer als jede Waschmaschine und denen muss man die Socken teilweise schon entreißen, um sie zurückzubekommen. Die Wäsche und ich… nächster Punkt: Natürlich wasche ich meinen Kram selbst. Warum sollte ich auch nicht? Ist ja keine große Sache, das Zeug erst in die eine und dann in die andere Maschine zu stopfen und hinterher zusammenzulegen. Man muss nicht jedes T-Shirt und obendrein die Unterwäsche bügeln.
Seufzend werfe einen Blick in die Trommel und rümpfe die Nase. Na gut, du hast es nicht anders gewollt, Trockner, ich krieg meine beiden fehlenden Socken wieder, ob dir das passt oder nicht! Fest entschlossen stecke ich den rechten Arm hinein und beginne sorgsam, Zentimeter für Zentimeter der Trommel abzutasten. Irgendwo müssen die Socken sein. Die können sich schließlich nicht einfach in Luft auflösen. Es dauert eine Weile, aber dann ertasten die Fingerspitzen etwas Weiches, das eindeutig nicht zur Maschine gehört. Ha! Trockner null, Rune eins. In einem ersten Anflug von Siegesgewissheit ziehe ich die Socke heraus und werfe sie auf den Tisch, auf dem ich schon den Rest meiner Wäsche zusammengelegt habe, dann widme ich mich der Suche nach der zweiten. Diesmal dauert es länger, bis ich fündig werde, und ich muss auch wirklich zerren, um sie herauszukriegen. Aber am Ende steht es so, wie es sollte. Trockner null, Rune zwei.

Triumphierend stehe ich auf und lege die letzten zwei Sockenpaare zusammen und in den Korb, bevor ich den nehme, das Licht ausschalte und nach oben gehe. Wenn ich die Sachen in den Schrank sortiert habe, könnte ich mich eigentlich hinsetzen und meine Tagebücher weiterlesen. Mit dem Gedanken, dass Erik in einem anderen, meinem eigentlichen Paralleluniversum lebt und dass er dort der Erik ist, den ich kenne, ist das hier nicht mehr ganz so schlimm. Immerhin habe ich ja schon an Joakim gemerkt, dass er nicht so ist, wie ich ihn eigentlich kenne. Und ich bin es eigentlich auch nicht gewesen und werde es auch nicht mehr werden. Hier ist alles anders. Aber ich bin ja noch jung, ich werde schon damit zurechtkommen. Irgendwie.

Als ich aus dem Keller komme, höre ich Geräusche aus der oberen Etage. Diesmal kann ich sicher sein, dass sie nicht von der Haushälterin stammen, Mama musste ja spätestens heute noch mal herkommen, um ein paar Sachen zu holen, wenn sie nachher nach Italien fliegen will. Auch wenn ich ehrlich gesagt nicht verstehe, warum und wohin sie Montag verschwunden ist. Naja, vielleicht hatte sie auch einfach nur viel zu tun und wir haben uns verpasst. Nachgesehen, ob ihr Bett benutzt war, habe ich nämlich nicht und wenn sie ihr Geschirr mit der Hand abgewaschen hat, dann hätte ich logischerweise auch keine Chance gehabt, daran etwas zu bemerken. Ganz davon abgesehen, dass ich es nicht geschafft habe, abends länger als bis halb neun die Augen offenzuhalten. Da kann man sich leicht verpassen, selbst wenn man unter einem Dach lebt.
Aber jetzt wird das nicht wieder passieren, jetzt sind wir ja beide da und wach und ich habe weder einen Jetlag noch Fieber, also können wir uns auch noch mal unterhalten, bevor sie nachher wieder weg ist. Andernfalls sehen wir uns ja erst in drei Wochen oder so wieder und das ist mir ehrlich gesagt zu lange hin.
Doch zuerst bringe ich den Wäschekorb in mein Zimmer, stelle ihn da vor den Schrank, räume ein, nehme den Korb mit auf den Flur und lehne ihn der Treppe gegenüber an die Wand. Dann vergesse ich nicht, ihn nachher wieder mit nach unten zu nehmen. Vielleicht könnte ich ihn auch hier oben stehenlassen, das weiß ich nicht, aber die Lösung gefällt mir auch nicht besonders gut. Wenn man schon einen Wäschekeller hat, dann kann man den auch benutzen.
Bis zum Schlafzimmer sind es nur ein paar Schritte. Die Tür steht offen und auf dem Bett liegt ein aufgeklappter himmelblauer Koffer, in den meine Mutter gerade sorgsam einen flachen Stapel Kleidungsstücke, vermutlich irgendwelche Oberteile, legt. Mich scheint sie erst mal nicht zu bemerken. Erst als ich mich leise räuspere, sieht sie auf und mich an. Aber sie sagt nichts. Sie hält zwar inne, aber sie steht nur da und sieht mich an, als wäre ich ein Gespenst.

«Hei Mama», höre ich mich sagen. Die eigene Stimme klingt fremd in meinen Ohren, irgendwie belegt, fast so, als ob ich leicht erkältet wäre, aber das bin ich nicht. Dann müsste ich auch Halsschmerzen haben, von denen jedoch jede Spur fehlt.

Es dauert einige Sekunden, bis sie reagiert: «Hast du heute kein Training?»

Ich stutze einen Augenblick verwundert, bevor ich antworte: «Doch, eine Einheit heute Morgen.»

«Oh, na dann…» Sie wendet sich wieder ihrem Koffer und dem Packen zu.

«Du, Mama, sag mal», beginne ich vorsichtig, doch sie unterbricht mich harsch:

«Nicht jetzt. Du siehst doch, dass ich beschäftigt bin. Das können wir später noch besprechen.»

Was bitte? Will sie mich jetzt schon wieder einfach abwürgen so wie letzte Woche am Telefon? Das kann nicht sein! Sie packt doch bloß ihren Koffer, da kann sie nebenbei locker mit mir reden.

«Wann später?», hake ich nach, habe keine Lust, mich einfach so abwimmeln zu lassen. Ich will mit meinen Fragen nicht mehr wochenlang warten müssen. Das dauert mir zu lange und es ist sicher nicht zu viel verlangt, wenn sie jetzt  mit mir spricht, wo wir uns doch mindestens die letzten zweieinhalb Wochen schon nicht gesehen haben!

«Später, nach meinem Urlaub irgendwann», erwidert sie ungehalten.

«Das ist dann frühestens in drei Wochen», halte ich dagegen, «Und das ist mir zu lange hin.»

«Das ist dein Problem», faucht sie und schlägt den Koffer zu, obwohl er noch längst nicht fertig gepackt zu sein scheint. «Ich habe jetzt nun mal keine Zeit, mich mit dir rumzuschlagen, Rune.»

«Wie bitte?», will ich wissen. Das kann sie nie im Leben ernstgemeint haben! Das würde sie niemals ernst meinen!

Sie kommt zur Tür, ihr Gesicht ist wie versteinert und der Anblick jagt mir einen Schauer über den Rücken. So habe ich sie noch nie gesehen, bin mir nicht mal sicher, wie ich den Ausdruck auf ihrem Gesicht deuten soll. Wut ist das Einzige, was mir dazu einfällt, aber das trifft es irgendwie nicht.

«Du sollst mich in Frieden lassen!», wiederholt sie etwas lauter, «Lass mich einfach in Frieden und kümmer dich um deinen eigenen Kram!» Und bevor ich überhaupt dazu komme, eine Erwiderung zu stottern, hat sie mir die Tür vor der Nase zugeschlagen. Ich stehe da wie versteinert, höre nur die Schritte auf der anderen Seite und sonst nichts.

Was soll das? Warum sagt und macht sie sowas? Ich wollte doch nur - Ja, was wollte ich eigentlich? Mit ihr reden, ja. Über Erik. Vielleicht. Nein, eigentlich wollte ich überhaupt mit jemandem reden, einfach so, einfach weil ich hier seit Montag quasi alleine bin und mich irgendwie einsam fühle. Und jetzt zusätzlich auch wieder innerlich betäubt, leer. Eine gefühlte Ewigkeit bleibe ich vor der geschlossenen Tür stehen und erst als ich mich abwende und gehe, spüre ich, dass meine Wangen verdächtig feucht sind. Automatisch wische ich mir mit dem Ärmel übers Gesicht, greife dann nach dem Wäschekorb an der Treppe und bringe ihn zurück in den Keller. Oben kann ich nicht bleiben. Zumindest nicht jetzt, also gehe ich mit dem Smartphone in die Küche und mache mir noch einen Kaffee. Doch als ich mit der vollen Tasse am Tisch sitze, liegt das Telefon unangetastet daneben und ich starre aus dem Fenster, weil ich eigentlich keine Ahnung habe, was ich machen will oder soll. Was hat mein altes Ego in solchen Momenten nur gemacht? Sauftouren geplant vielleicht. Ein gequältes Grinsen schleicht sich für einen Augenblick oder zwei auf mein Gesicht. Für mich kommt das nicht in Frage. Ich will keine Negativschlagzeilen mehr, ich will gute Presse und noch bessere Leistungen abliefern. Ich will, dass Erik stolz auf mich sein kann. Dass er einen großen Bruder hat, der sich nicht nur wie der letzte Idiot auf Erden benimmt, denn leider kann ich ja nicht dafür garantieren, dass ich mich nie wieder dumm verhalten werde, obwohl ich das gerne würde.

Der Wind ist im Laufe des Tages offenbar eingeschlafen, die paar gelben Blätter auf dem Hof vor dem Küchenfenster liegen still und die immergrüne Hecke rührt sich nicht. Ich stelle mir vor, wie es im Winter aussieht, wenn es geschneit hat und das nasse Einheitsgrau unter einer weißen Decke begraben liegt. Ich muss unbedingt herausfinden, auf welchem Friedhof Eriks Grab ist. Wenigstens zu Weihnachten und Silvester würde ich gerne eine Kerze daraufstellen, damit es nicht ganz so dunkel ist. Aber eigentlich mag Erik, also der, den ich kenne, keine Kerzen. Er findet, sie stinken, wenn man sie auspustet. Genauso wie Streichhölzer und man kann ihn herrlich damit necken.

Der Kaffee ist nur noch lauwarm, als ich zum ersten Mal daran nippe, aber es stört mich kaum. Verbrenne ich mir wenigstens nicht die Zunge. Hm, ich muss noch mal nachsehen, was Joakim für heute Abend auf meinen Ernährungsplan geschrieben hat. Wenn ich kochen muss, dann sollte ich frühzeitig damit anfangen. Ich werfe einen Blick auf das magnetische Whiteboard am Kühlschrank, kann aber von hier aus nicht erkennen, was draufsteht. Missmutig verziehe ich das Gesicht. Muss ich wohl doch aufstehen. Ich trinke den Kaffee aus, stehe auf und sehe aus dem Augenwinkel, wie ein Taxi vor dem Tor zur Straße hält, gleich darauf höre ich Schritte auf der Treppe und verschiebe den Blick auf das Whiteboard auf einen späteren Zeitpunkt.

Als ich in den Flur komme, zieht meine Mutter gerade ihre Schuhe an. Sie passen farblich perfekt zu dem Kostüm, das sie trägt. Alles in pastellfarbenem Grün, sodass sie aussieht wie der leibhaftige Frühling mitten im Herbst. Selbst die große Handtasche scheint darauf abgestimmt zu sein, nur der Koffer wirkt etwas unpassend.

«Ich wünsche dir einen schönen Urlaub», sage ich. Etwas anderes oder gar Besseres fällt mir nicht ein, aber etwas sagen muss ich auf jeden Fall. Ich will nicht, dass wir schweigend auseinandergehen. Das soll man nicht, weder in Schweigen noch im Streit, das ist nicht gut.

Doch sie reagiert nicht, sieht mich nicht einmal an. Nimmt nur ihren Koffer und die Handtasche von der Kommode und geht zur Haustür. Für eine oder zwei Sekunden ist die Versuchung da, einfach die paar Schritte zu machen und sie festzuhalten, aber meine Beine wollen nicht gehorchen. Es ist fast so, als wären die Füße am Boden festgenagelt. Wenigstens funktioniert die Stimme noch:

«Mama, bitte -»

Sie öffnet die Tür und tritt nach draußen.

«Bitte sag was!»

Sie zieht die Tür mit einem Ruck hinter sich zu und ist von der Bildfläche verschwunden. Die Knie geben unter mir nach und im nächsten Augenblick sitze ich auf dem Boden, den Blick fassungslos auf die geschlossene Tür gerichtet. Das ist gerade nicht passiert. Das kann nicht passiert sein. Bitte nicht! Sie kann doch nicht… wieso? Wieso spricht sie nicht mit mir?

Mama ist komisch. Sie geht immer weg, wenn ich aus der Schule komme.

Und sie sagt kein Wort. Nicht eines. Warum habe ich überhaupt versucht, mit ihr zu sprechen? Ich habe doch angefangen, meine Tagebücher zu lesen. Wie konnte ich dabei nur auf die Idee kommen, es könnte heute anders sein als noch vor ein paar Jahren?

Sie hat mich mit dem Verkäufer alleingelassen.

Warum hätte sich daran etwas ändern sollen? Wie konnte ich nur annehmen, es sei in der Zwischenzeit vielleicht etwas passiert, das alles wieder irgendwie ins Lot gebracht hat? Wie konnte ich nur so töricht sein und mir da Hoffnungen machen?

Mama ist nie zuhause, wenn ich da bin. Ich habe sie jetzt in sechs Wochen nur ein einziges Mal gesehen – und da ist sie zu einer Freundin ins Auto gestiegen.

Ich kann nicht mehr. Keine Ahnung, wie lange ich teilnahmslos im Flur sitze, doch mir ist eiskalt, als ich mich schließlich aufraffe, nach oben gehe, die Zähne putze und zu Bett gehe. Es hätte keinen Sinn, jetzt noch was zu kochen, ich würde es sowieso nicht runter bekommen, also kann ich auch die Zimmerdecke anstarren, die zwischen Tränenschleier und Dämmerung langsam zu Albtraumsequenzen verschwimmt.

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich hatte den Nachmittag frei. Nicht weil ich es unbedingt wollte, sondern weil Seb später zu Kimis Geburtstagsparty gehen wollte und man mal Fünf gerade sein lassen muss. Eigentlich hätte ich auch hingehen können, aber mir ist nicht nach Feiern zumute. Überhaupt nicht. Nur nach schlafen. Mir ist absolut schleierhaft, wie ich es in den letzten Tagen geschafft habe, überhaupt die Augen offenzuhalten. Die Magenschmerzen liefern allerdings eine plausible Antwort: viel zu viel zu starker Kaffee. Ich sollte weniger davon trinken oder ihn nicht mehr so stark machen. Aber ich sollte auch Zimmerpflanzen haben und das ist keine gute Idee, das ist ja mittlerweile klar.

Doch ich habe wenigstens versucht, die Zeit gut zu nutzen, war einkaufen und hab mir die Zeit genommen, mal etwas anderes als ein Fünf-Minuten-Gericht zu kochen. Dumm nur, dass ich jetzt, wo es fertig ist, keinen Hunger mehr habe, stattdessen gelangweilt vor dem Fernseher sitze und die abstrus modisch gekleideten Darsteller der Soap beobachte, wie sie miteinander agieren. Gerade sitzen zwei Frauen, eine blond, die andere brünett, auf dem Sofa, jede mit einer Literpackung Eis auf dem Schoß und einem Esslöffel in der Hand, und schauen die obligatorische Liebeskummerromantikkomödie. Ich wünsche mir fast, Liisa hätte mit einer Freundin dasselbe machen müssen. Musste sie aber nicht. Warum auch? Sie hat mich verlassen, nicht umgekehrt. Und ich kann nicht mal eben einen Freund einladen und das machen. Ich bin ja nicht schwul!

Ach, bin ich nicht? Merkwürdig, sehr merkwürdig. Es waren nicht rein zufällig Träume mit einem jungen Mann, die mich in den letzten Nächten immer wieder aus dem Schlaf gerissen haben? Es ist doch zum Verrücktwerden! Und ich kann es mir einfach nicht erklären. Lindström hat sich irgendwie in meinem Verstand festgefressen und ich krieg ihn da nicht mehr raus. Dabei habe ich eigentlich genug Zeug um die Ohren, das mich von ihm ablenken sollte. Funktioniert aber nicht. Jedes Mal, wenn ich zur Ruhe komme, ist sein Bild wieder da und mittlerweile traue ich mich kaum noch, es als akuten Anfall von Berufskrankheit abzutun. Ich beginne sogar zu hoffen, dass der Flug von Indien nach Abu Dhabi diese Illusion – irgendwas in der Art muss es sein, das mich da erwischt hat – zerstören wird. Dann hätte ich endlich wieder Ruhe und nicht mehr ständig Lindströms Bild vor Augen. Wobei Bild relativ zu nehmen ist. Eigentlich sieht er immer aus wie dieses Häufchen Elend, das man am liebsten in den Arm nehmen möchte, damit es nicht vor den eigenen Augen erfriert. Ich versuche, mich daran zu erinnern, wie er ausgesehen hat, als er lachte, nachdem Chilton, Bianchi und Jean-Éric aufgetaucht sind. Es gelingt mir nicht.

Ein ohrenbetäubender Werbejingle schreckt mich auf und ich beschließe, doch eben in die Küche zu gehen und mir was zu essen zu holen. Es ist auch nicht so toll, nachts aufzuwachen, weil man Hunger hat. Und das würde mit ziemlicher Sicherheit der Fall sein, wenn ich irgendwann zwischen zwei und drei Uhr morgens die Augen aufreiße, weil Lindström mich wieder heimgesucht hat. Nein, das muss ja echt nicht sein.
Eigentlich isst man auch nicht im Wohnzimmer. Meine Mutter würde die Hände überm Kopf zusammenschlagen, wenn sie das wüsste. Deswegen werde ich ihr das nie sagen. Manche Dinge sollten Eltern besser nicht erfahren, so einfach ist das. Die Werbepause ist fast vorbei, als ich zurückkomme. Es läuft schon die Vorschau aufs Abendprogramm. Irgendwelche Krimiserien aus den USA. Naja, man wird’s anlassen können, schätze ich, stelle den Teller neben meinem Laptop ab und schalte den Computer dann ein.

Auf die Idee hätte ich auch viel früher kommen können. Im Grunde bin ich doch selber schuld, dass ich kein anderes Bild von Lindström mehr im Kopf habe. Ich hätte mir längst welche ansehen können, um das zu ändern. Vielleicht hilft das ja, also sich seiner Nemesis zu stellen. Obwohl ich ehrlich gesagt nicht davon ausgehe, dass er meine ist. Das ist nun wirklich lächerlich! Auf einen Versuch kann man’s jedoch trotzdem ankommen lassen. Muss ja niemand erfahren. Sollte sowieso niemand wissen, solange es sich nur irgendwie vermeiden lässt. Sowas gibt nur unnötiges Gerede. Das ist auch das, was Seb wegen der Sache mit Jenson nicht haben will. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er es außer Kimi und mir keiner Menschenseele erzählt hat. Und wenn er es seinen Schwestern nicht sagt… das will schon was heißen.

Ich weiß nicht, inwieweit die Bildersuche die Ergebnisse filtert, vielleicht hätte ich mehr als nur seinen Namen eingeben müssen, um anderes zu sehen, aber das probiere ich jetzt nicht auch noch aus. Überfliege stattdessen das Angebot und klicke ein paar Bilder an, die mir auf den ersten Blick besonders erscheinen, weil sie etwas privater wirken. Beruflich kann ich ihn mir auch so ansehen.
Das erste zeigt ihn zusammen mit einer jungen blonden Frau, vermutlich seiner Freundin, immerhin halten sie Händchen und ich finde, sie sollte es mal mit etwas flacheren Schuhen versuchen. High Heels sind nicht gerade gesund und schon gar nicht empfehlenswert, wenn man nicht unbedingt einen kaputten Rücken und eine ruinierte Hüfte haben will, aber gut, eigentlich geht’s mich nichts an. Und wahrscheinlich kommt es mir auch nur so vor, als wäre das Bild samt Nähe zwischen ihnen nur gestellt. Da spricht bloß das verwirrte Unterbewusstsein, jede Wette.
Auf dem zweiten ist er mit Chilton zusammen. Das wundert mich nicht so sehr wie das Bild mit der vermeintlichen Freundin. Die beiden hängen ja nun wirklich häufig miteinander herum. Auch auf dem dritten und vierten Bild. Es scheint fast so, als gäbe es Lindström nicht alleine, also zumindest nicht auf Bildern, die ihn nicht in beruflichen Angelegenheiten zeigen. Naja, vielleicht ist er ja jemand, der gerne Gesellschaft hat oder es auf irgendeine geheimnisvolle Art und Weise schafft, sich so gut wie nie allein ablichten zu lassen. Aber auf jeden Fall sollte das ausreichen, um nicht mehr dauernd von einem deprimierten Schweden zu träumen. Hoffe ich. Am liebsten wär’s mir natürlich, wenn ich gar nicht mehr von ihm träumen würde, aber…

*** ~~~ ***


Romains POV

Der Geruch von Sex hängt noch immer in der Luft, obwohl das Fenster gekippt ist und ich genau spüre, dass kühle Luft von draußen hereinzieht. Marion schläft auf ihrer Seite des Bettes. Ihre tiefen ruhigen Atemzüge verraten sie und würde ich die Hand ausstrecken, könnte ich sie, ihre nackte Haut berühren, aber das tue ich nicht. Obwohl ich es vielleicht sollte. Aber ich kann nicht. Ich will nicht. Habe nicht mehr das Gefühl, das hier zu tun, weil ich es will, sondern weil ich es muss. Weil ich ihre Erwartungen erfüllen muss. Weil wir verheiratet sind. Weil, weil, weil…

Ich will nicht! Ich sollte jetzt ganz woanders sein, aber auf keinen Fall hier. Warum bin ich geblieben? Weil ich Schuldgefühle habe? Vielleicht. Weil ich mir ziemlich sicher bin, dass ich es bei Kimi, auf seiner Geburtstagsparty nicht ausgehalten hätte? Ganz bestimmt! Ich kann nicht so tun, als wäre da nichts zwischen uns gewesen, Suff hin oder her. Ich kann’s nicht. Aber weitermachen muss ich, da gibt’s keine Wahl. Wenigstens noch diese Saison. Sind ja nur noch vier Rennen und wahrscheinlich krieg ich nächstes Jahr eh kein Cockpit. Ein bitteres Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht, zeigt der Dunkelheit kurz herausfordernd die Zähne.

Was tue ich hier eigentlich? Was mache ich mir vor? Dass ich alles so laufen lassen kann, wie es im Moment läuft? Wohl kaum! Es wirkt sich bereits jetzt auf meine Performance aus. Ich habe das Gefühl, nicht atmen zu können, wenn Marion Nähe will. Alles fühlt sich falsch an. Und in Gedanken betrüge ich sie längst jeden Tag. Doch welchen Sinn hätte es, das laut zu sagen? Welchen Sinn hätte Ehrlichkeit, wenn sie nur dafür sorgt, dass ich hinterher allein zurückbleibe?

Vielleicht besteht noch die Chance, dass alles wieder gut wird, dass ich akzeptieren kann, dass Kimi ein zweimaliger One Night Stand bleiben wird. Dann könnte ich vergessen, hier von vorne anfangen. Es sind nur noch vier Rennen, vier Wochenenden. Ich muss es zumindest versuchen, auch wenn es weitere zahllose schlaflose Nächte bedeutet.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Es ist kühl und wird schon langsam wieder hell. Ich sitze auf der Terrasse und betrachte den Garten. Obwohl ich müde sein sollte, bin ich es nicht. Die frische, klare Luft hat alle Lebensgeister schlagartig geweckt, sodass sie auch jetzt, wo die anderen Gäste zur Ruhe gekommen sind, nicht abschalten wollen. Könnte aber auch an der Cola liegen oder von ihr unterstützt werden.

Plötzlich setzt sich jemand neben mich. Kimi, keine Frage. Wenn hier noch jemand wach ist, dann er. Wir schweigen und ich erhasche einen Blick auf sein beinahe obligatorisches Glas Milch.
Irgendwer hat mir mal gesagt, Deutsche würden Schweigen nach etwa zwanzig Sekunden als unhöflich oder belastend empfinden. Eigentlich seltsam. Kimi scheint es nicht zu stören, mich genauso wenig. Vielleicht ist Schweigen auch nicht immer gleich Schweigen. Oder mit einem Finnen zu schweigen etwas anderes als mit Deutschen. Keine Ahnung.

Kimi trinkt einen Schluck und räuspert sich dann leise. „Wusstest du, dass Valtteri und Lindström zusammen Kart gefahren sind?“

„Lindström ist doch Schwede“, werfe ich erstaunt ein.

„Ja“, er zuckt mit den Schultern, „Hat aber ein paar Rennen in Finnland absolviert.“

Mir ist nicht ganz klar, warum Kimi mir das erzählt. Es wundert mich überhaupt, dass er sowas weiß, wo ihn solche Dinge sonst nicht zu interessieren scheinen. „Wer hat gewonnen?“, erkundige ich mich, weil ich jetzt doch das Gefühl habe, schweigen könnte unangenehm werden.

„Lindström häufiger als Valtteri. Zwar nicht immer die Rennen, aber im Endeffekt ist’s ja fast dasselbe.“

„Denkt man gar nicht, dass die beiden so ’ne lange Vorgeschichte haben“, murmle ich. Hätte ich zumindest nicht gedacht.

Wir schweigen wieder. Aus dem vagen Gefühl, dass es heller wird, entwickelt sich nun langsam die echte Dämmerung. Jene Zeit, in der man zwar glaubt, wieder mehr sehen zu können, doch das Zwielicht täuscht. Und plötzlich bin ich froh, dass er nicht doch in Finnland gefeiert hat, wie er ursprünglich wollte. Dann hätte ich es nämlich wahrscheinlich nicht geschafft, vorbeizukommen, und mich geärgert. Neben aller Professionalität braucht der Mensch auch mal etwas anderes im Leben, um runterzukommen. Selbst wenn das bedeutet, eine Nacht durchzumachen und sich irgendwann in der Dämmerung auf der Terrasse sitzend wiederzufinden. Ehrlich gesagt kam mir das gestern sehr recht, obwohl es auch nicht in ganz in Ordnung war, herzukommen, ohne den Streit mit Hanna aus der Welt geschafft zu haben. Aber was hätte ich tun sollen? Sie hat sich beklagt, ich hätte neuerdings auch keine Zeit für sie, wenn ich zuhause wäre. Stimmt nicht ganz. Zeit hätte ich schon, aber jedes Mal meldet sich das schlechte Gewissen. Es kommt mir fast so vor, als würde ich Jenson betrügen und nicht sie. Verrückt, einfach verrückt. Und jetzt wird mir das Schweigen doch zu belastend:

„Ich hab ihm angeboten, mit mir nach Abu Dhabi zu fliegen.“

„Lindström?“ Kimi scheint fast ein wenig erstaunt zu klingen. Okay, kein Wunder, immerhin war ich letzte Woche noch nicht so gut auf Rune zu sprechen.

„Ja.“

„Wie kommt’s?“

Ich zucke mit den Schultern. Dass ich es eigentlich wegen Heikki angeleiert habe, kann ich Kimi nur schlecht sagen. Würde Heikki mir vielleicht übelnehmen, wenn ich so frei über seine Privatangelegenheiten plaudere – verständlicherweise!
„Wir hatten gemeinsame Wartezeit am Flughafen.“

„Dir war langweilig?“

Jetzt bin ich doch ein klein wenig irritiert: „Wie kommst du darauf?“

„Ich hab mir deine Worte ausnahmsweise mal zu Herzen genommen.“

„Welche?“, will ich wissen. In Bezug auf Lindström fällt mir da eigentlich nur ein, was ich versucht habe, ihm über Romain zu sagen. Wobei ich ihm von der SMS immer noch nichts erzählt habe und das auch nicht tun werde. Aber ich könnte ihn mal anrufen… Wenn Kimi es allein nicht versteht… Man könnte vielleicht nachhelfen. Und ob ich da jetzt auch noch die Finger im Spiel habe… Macht doch eigentlich keinen großen Unterschied und wenn das klappt, dann weiß ich wenigstens schon, was ich mal mit meinem Leben anstelle, sobald sich das mit dem Rennsport dem Ende neigt: Dann mache ich eine Partnervermittlungsagentur für Finnen auf!

„Dass ich mich manchmal ein wenig mehr um die Presse kümmern sollte. Hab ich getan.“

„Und?“ Mir ist immer noch nicht ganz klar, worauf er hinaus will.

„Und Lindström erinnert mich ein bisschen an jemanden, den ich sehr gut kenne.“

„Hä?“ Offenbar hat sich mein Verstand jetzt doch ins Traumland verabschiedet und es wird nur bedingt besser, als Kimi fortfährt:

„Und an einen gewissen Flug vor fünf Jahren.“

„Aha.“ Spielt er jetzt auf uns beide an? Wär möglich. Aber dann müsste er Rune ja mit sich vergleichen und das...? Nein, das ist dann doch etwas zu weit hergeholt!

„Ihr könntet euch gut verstehen, meinst du nicht?“

„Sonst hätte ich ihn nicht gefragt“, gebe ich zurück.

„Und? Wie hat er reagiert?“

„Ach, ich hatte Glück und musste nicht einfach hingehen, ihn aus heiterem Himmel ansprechen und fast zu Tode erschrecken.“ Was Kimi kann, kann ich auch.

Er lacht, schweigt dann und scheint darauf zu warten, dass ich weiter erzähle:

„Jean war auch da. Und Chilton und Bianchi. Da hatten sich vier Spaßvögel gefunden, ehrlich, sie haben den ganzen Wartebereich unterhalten. Wusstest du, dass Rune Deutsch kann?“

„Nein.“

„Ich auch nicht“, murmle ich und trinke noch einen Schluck Cola, „Nicht besonders gut, aber gut genug, um seine Nummer richtig ins Telefonbuch einzuspeichern, und ich bin mit den schwedischen Einstellungen nicht zurechtgekommen.“

„Lohnt sich aber nicht, Schwedisch zu lernen. Die sprechen sowieso alle Englisch.“

„Wie lange hattest du’s in der Schule?“

„Zu lange auf jeden Fall.“

Wir lachen beide. Und ich bin froh, dass Deutschland nur eine Amtssprache hat und mir das erspart geblieben ist. Englisch reicht eigentlich auch aus. Alles andere ergibt sich irgendwann von selbst, wenn es das soll oder man das will. Aber ich glaube, ein paar schwedische Phrasen oder so werde ich mir schon mal ansehen. Ich mag’s nicht auf mir sitzenlassen, dass Rune Deutsch versteht, aber ich kein Wort Schwedisch. Vielleicht sollte ich in den nächsten Tagen mal versuchen, das eine oder andere aus Heikki herauszukitzeln. Nach vier Jahren Unterricht muss da irgendwas hängengeblieben sein.

Der Himmel beginnt heller zu werden. Das dunkle Blau verschwimmt langsam, wird gräulich und dann von feurig orangen Strahlen durchbrochen. Alles sieht nach einem strahlenden, warmen Herbsttag aus. Eigentlich perfekt, um sich draußen auszupowern und wieder wach zu werden. Wobei’s da auch ein Kaffee richten würde.

„War Romain jetzt eigentlich da? Ich hab ihn gar nicht gesehen“, merke ich an, als die orangen Lichtstrahlen sich zu einem leuchtenden Teppich verbunden haben.

„Nein. Er hat abgesagt.“ Kimi klingt, als wäre ihm das gleichgültig. „Ich verstehe auch nicht, wie er den Job in der Bank noch unterkriegt.“

„Dito“, murmle ich, denke aber, dass es gehen müsste, wenn man keinen großen Wert auf Freizeit legt oder so eine Arbeit schlicht und ergreifend mag. Sowas soll’s ja geben. Nur dass Romains Absage mit dem Job zu tun hat, das glaube ich nicht. Das passt nicht. Da steckt ganz sicher mehr dahinter und ich weiß jetzt, dass ich ihn spätestens heute Abend anrufen werde. Immerhin war er in Japan schon so verzweifelt – kann man das so sagen? –, dass er meinte, mir eine SMS schreiben zu müssen. Und das hier sieht ganz so aus, als wäre es nicht besser, sondern bloß schlimmer geworden. Hätte nur keinen Sinn, Kimi danach zu fragen. Er ist im Moment noch zu stur, um zu sehen, was ich und vielleicht auch ein paar andere sehen.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Das läuft ja viel besser, als ich erwartet habe. Wenn Sebastian Lindström schon so ein Angebot macht, dann kann ich davon ausgehen, dass es Hand und Fuß hat. Und man sieht ja, was aus einer Kleinigkeit wie dieser werden kann. Eigentlich muss ich mir jetzt nur noch überlegen, wie daraus mehr werden kann. Oder wie man Button mit Lindström aussticht. Dummerweise ist das der Teil meines Plans, über den ich mir bisher die wenigsten Gedanken gemacht habe.

Natürlich könnte ich Lindström das gleiche anbieten wie Seb, aber wenn ich ehrlich bin… Nein. Lieber nicht. Zu viel ist auch nicht gut. Ich könnte erst mal weitere Informationen einholen. Bei Valtteri zum Beispiel. Bietet sich doch an. Niemand schöpft Verdacht, wenn sich zwei Finnen in ihrer Muttersprache unterhalten, und kaum jemand versteht’s. Okay, das wird der nächste Schritt sein.

„Kaffee?“, frage ich Seb und stehe auf.

Er nickt: „Ja.“

Im Haus empfängt uns die Wärme wie eine Wand und wir lassen die Terrassentür gleich mal offen. Wir werden eh wieder rausgehen und etwas frische Luft kann hier drinnen gerade auch nicht schaden.



***
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast