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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
12 Reviews
 
02.07.2013 3.858
 
A/N: Vielen Dank an Madrilena, Balalaika, Tracy89, Silvana, Tiefseentraum und Nathi.





Kapitel 14 – Kimi plant oder Recherche ist alles


Daniels POV

Das war voll hart. Damit hab ich nicht gerechnet. Okay, Jean ruft mich schon öfter mal an, wenn wir uns nicht täglich über den Weg laufen. Wir können gut quatschen und so, aber das jetzt… Nein. Perplex starre ich das Telefon an, überlege dann, ob ich es weglegen und einfach wieder zur Tagesordnung übergehen soll, entscheide mich dann allerdings dagegen und rufe Valtteri an. Bei Sergio will ich mich lieber nicht melden. So richtig grün waren wir uns bisher nicht, dass ich ihn in so ’ner Angelegenheit aus heiterem Himmel ansprechen wollen würde.

›Hi Daniel.‹

„Hi“, erwidere ich, „Noch gut heimgekommen?“

›Ja, wie man’s nimmt. War besser als der Hinflug. Und du?‹

„Ja, ging ganz entspannt weiter. Sag mal, hat Sergio sich schon wieder bei dir gemeldet?“

›Nein, ich hab nichts mehr von ihm gehört, seit da die Verbindung unterbrochen wurde‹, antwortet Valtteri, ›Ich glaube, er hat sein Smartphone ausgestellt.‹

„Auweia“, seufze ich, „Aber ist vielleicht das Beste, was er im Moment machen kann. Du hast’s schon mitgekriegt?“

›Was? Dass die Stewards fertig sind? Nein, aber Checo hatte ja sowas erwähnt, ich bin nur gestern nicht mehr zum Nachschauen gekommen. Jetlag und so, du weißt schon.‹

„Ja, ja, jedenfalls sind sie fertig und haben ihn echt für ’n Rennen gesperrt“, erzähle ich, ohne dass er danach gefragt hat. Ich muss es einfach loswerden, sonst brennt’s mir ein Loch in die Zunge – und die brauch ich schließlich noch für andere Sachen.

›Woher hast du das?‹ Valtteris Frage hört sich unverkennbar skeptisch an, geradewegs so, als würde er an meiner Glaubwürdigkeit zweifeln.

„Also mich hat Jean eben angerufen und der hat’s von Esteban und dem hat’s Nico erzählt.“

›So?‹ Überzeugung sollte anders klingen.

„Na, wenn ich’s dir doch sage.“

Ich höre ihn seufzen und vermute, er beginnt jetzt zu grübeln, sich erst recht Gedanken zu machen, weil Sergios Telefon aus ist. So war das nicht gedacht.

„Hör mal, Valtteri“, setze ich an, werde aber barsch unterbrochen:

›Mann, daran ist bloß Lindström schuld!‹

„Was?“ Jetzt verstehe ich nur noch Bahnhof. Was hat bitte Lindström damit zu tun? Für mich sah das bisher ganz anders aus. Eher so, als wäre Sergio da zwischen 130R und Casino Triangle aufgefahren. An und für sich ja nichts Weltbewegendes, sowas passiert. That’s racing.

›Lindström ist schuld‹, wiederholt Valtteri, doch das hilft mir immer noch nicht weiter.

„Ich verstehe nicht, worauf du raus willst“, merke ich an.

Er schnaubt: ›Lindström baut nur Scheiße auf der Strecke. Hat er schon immer und das wird sich auch nicht mehr ändern!‹

„Ah okay.“ Ich glaube, dazu möchte ich lieber nichts mehr sagen. Klar, ich hab jetzt auch kein tolles Verhältnis zu Lindström, aber so übel ist er trotzdem nicht. Wir haben doch alle schon mal Mist gemacht, okay, er mehr als andere, aber die Quittung hat er ja längst gekriegt. Er ist dies Jahr nur als Ersatz an die Reihe gekommen, nicht als erste Wahl. Und eigentlich hab ich echt Besseres zu tun, als mich über wen aufzuregen, mit dem ich nix zu schaffen hab. „Ja, du, ich werd’s mir merken, muss aber nun schlussmachen, weil Training, du weißt schon.“

›Ja, bye.‹

Oh. Mein. Gott. Das war auch voll hart. Drehen die denn jetzt alle am Rad?! Erst diese Telefonkette und jetzt flippt Valtteri wegen Lindström aus. Gibt’s in diesem Zirkus keine normalen Typen mehr?! Wenn sich das nicht wieder legt, bin ich nach dem Indien-GP ein Fall für die Klapsmühle, das steht fest.

*** ~~~ ***


Runes POV

Also wenn ich nach dem Aussehen von Mappe und Karton gehe, dann sind beide ein paar Jahre alt und stammen wahrscheinlich aus früheren Jahren, aus Kinderzeiten. Und irgendwie bin ich mir jetzt gar nicht mehr so sicher, ob ich wirklich einen Blick auf ihren Inhalt werfen soll. Stattdessen löffle ich grübelnd meine Haferflocken und stürze den bedenklich abgekühlten Kaffee anschließend in einem Zug hinunter, nur um einen guten Grund zu haben, mich noch ein paar Minuten vor einer Entscheidung zu drücken. Okay, jetzt muss ich Nägel mit Köpfen machen… Tief hole ich Luft, meine Hand schwebt einen Augenblick über dem Karton, doch dann greife ich doch nach der Mappe, hebe sie auf und lege sie auf meinen Schoß. Jetzt oder nie… Schlagartig wird es hell, als ob ein Blitz vor mir einschlüge, ich muss die Augen zukneifen und es erinnert mich binnen Sekundenbruchteilen sehr an -

«Hola, Freundchen!»

Ich muss blinzeln, vor meinen Augen flimmern altbekannte bunte Sternchen. «Hei», bringe ich raus.

«Du siehst scheiße aus, weißt du das?»

«Was?» Langsam klärt sich meine Sicht und ich kann Enrique erkennen, der lässig an einem der Regale lehnt und wieder oder immer noch das FC Barcelona-Trikot trägt.

«Du siehst aus wie ein Blaubeermuffin.»

«Was? Woher - Was machst du hier?!», stammle ich.

Der Flaschengeist verdreht kurz die Augen. «Nachsehen, ob du mit dem Ergebnis deiner Wünsche auch zufrieden bist, Qualitätskontrolle, wenn du so willst.»

«Aha.» Sowas gibt’s? Aber ich hab ja letzte Woche schon gemerkt, dass das Wünschen eine hochkomplizierte Angelegenheit ist. Es sollte mich also nicht so sehr überraschen. Eigentlich.

«Und? Wie gefällt’s dir? Alles zu deiner Zufriedenheit?» Die Frage klingt so selbstgefällig, dass sie mir die Luft abschnürt. Wie kann er nur? Er muss doch wissen, dass -

«Tickst du noch richtig?», schreie ich ihn, von jetzt auf gleich auf 180, an, «Erik ist tot und ich hab keine Ahnung, wie ich dies verdammte Auto fahren soll, und… und… und Erik ist tot

Scheinbar unbeeindruckt zuckt er die Achseln. «Was hast du denn gedacht, wie das funktioniert? So ist das halt, an jeden Wunsch sind Bedingungen geknüpft, die erfüllt werden müssen, damit der Wunsch wirksam wird.»

«Und deswegen musst du gleich meinen kleinen Bruder umbringen?!» Mein Kopf ist leergefegt. Das kann nicht wahr sein, es kann einfach nicht wahr sein!

«Es war ein großer Wunsch, die sind halt teurer», gibt er gleichgültig zurück und mir platzt der Kragen. Ich springe auf und werfe mit der Mappe nach ihm. Sie verfehlt ihn knapp, springt auf und ein Schwung loser Zettel verteilt sich weiträumig auf dem Fußboden, doch dafür habe ich keinen Blick übrig, als ich weiterschreie:

«Spinnst du? Das kannst du mir nicht vorher sagen? Erik ist tot. Tot, verdammt!»

«Jetzt halt aber mal die Luft an!», keift Enrique, «Es ist ja wohl nicht meine Schuld, wenn du ohne nachzudenken drauf los wünschst. Ich mache nur meinen Job und das solltest du auch tun. Stell dich mal nicht so an und fahr vernünftig. Der Crash war absolut unnötig, du hättest Hülkenberg viel früher überholen können, wenn du nur gewollt hättest. Und jetzt schaust du dir gefälligst an, was hier rumliegt. Ich komm wieder, wenn du dich eingekriegt hast. Ist ja nicht zu glauben, was du für ’n Fass aufmachst wegen so ’ner Kleinigkeit. Meine Fresse, ehrlich!»

Es gibt einen erneuten Lichtblitz, der mich für gefühlte Minuten blendet, dann bin ich wieder allein, sitze auf dem Fußboden, umringt von den Zetteln aus der Mappe. Ich fühle mich leer, ausgebrannt, ernüchtert. Als ob etwas in mir drin gestorben ist, während die Erkenntnis in meinen Verstand sickert: Ich habe mir nicht gewünscht, ein guter Formel 1-Pilot zu sein, ich habe mir Eriks Tod gewünscht!

Ohne es wirklich zu merken, kippe ich zur Seite, rolle mich wie ein Fötus zusammen und bleibe so liegen. Erik ist tot. Und Enrique hat recht. Ich hätte nachdenken sollen, bevor ich den Mund aufgemacht habe. Ich hätte es besser wissen müssen. Es ist meine Schuld. Eriks Tod ist allein meine Schuld. Ich weiß doch, dass ich viel zu oft spreche, ehe ich mir im Klaren darüber bin, was ich sagen werde. Obendrein ist es auch ganz logisch, dass man gewisse Dinge nicht erreichen kann, ohne andere aufzugeben. Man kann nicht alles haben, das lernt man in der Regel schon als kleines Kind. Wie konnte ich also nur so dumm, so blauäugig sein und das annehmen?! Weil ein Flaschengeist mir das Blaue vom Himmel runter versprochen hat? Ich bin so ein selbstsüchtiger Idiot! Und alles, was mir noch bleibt, alles, was Eriks Tod nicht vergebens macht, ist, dass ich mit dem Arsch an die Wand komme und meine Performance verbessere. Mehr bleibt mir nicht.

Deswegen kann ich mich jetzt auch nicht gehen lassen. Ich setze mich auf, wische mir mit dem Ärmel übers Gesicht, die Tränen weg und versuche, ruhig zu atmen. Ich muss jetzt um jeden Preis die Kontrolle behalten. Wenigstens so lange, bis Enrique wieder auftaucht. Dann werde ich ihm sagen, er soll die Wünsche wieder rückgängig machen. Dann wird alles wieder gut werden. Ich muss mich nur zusammenreißen. Es gibt genug zu tun, damit das klappt. Genügend Dinge, die ich auf die Reihe kriegen muss. Noch ein tiefer Atemzug und noch einer und ein weiterer. Auch mein Puls beruhigt sich wieder.
Und schließlich fühle ich mich in der Lage, einen der herumliegenden Zettel aufzuheben. Nicht, weil Enrique meinte, ich solle sie mir ansehen, sondern weil sie aufgeräumt werden müssen und ich es ursprünglich eh tun wollte.
Ein Rand des Blattes ist ausgefranst, als ob es aus einem Schulheft ausgerissen wurde. Die Schrift ist krakelig und ich brauche einen Moment, um sie zu entziffern:

Hei Erik, ich habe den zweiten Platz im Norrlandscupen gemacht. Du hast es gesehen, ja? Mama war nicht da. Sie kommt gar nicht mehr mit. Ich vermisse dich.

Ich schnappe nach Luft, schlucke dann gegen den Kloß in meinem Hals an und schüttle ungläubig den Kopf. Das habe ich geschrieben. An meinen kleinen Bruder. Sind das hier etwa alles… Hektisch greife ich nach weiteren Zetteln und beginne, sie zu überfliegen.

Wie ist das im Himmel?

Haben Engel echt Flügel?

Geht es dir gut?

Mama ist komisch. Sie geht immer weg, wenn ich aus der Schule komme.

Anders hat seinen Helm so fest auf den Boden geschmissen, dass er kaputtgegangen ist.

Wir waren Schuhe kaufen. Mama hat mich mit dem Verkäufer alleingelassen.

Hast du jetzt neue Freunde im Himmel? Kannst du da auch Kart fahren?

Papa hat einen neuen Motor mitgebracht. Meiner hat letzten Mittwoch gebrannt, weißt du noch? Aber wir brauchen noch einen neuen Feuerlöscher. Braucht ihr das im Himmel auch?

Mir ist nicht kalt, aber ich zittre trotzdem von Kopf bis Fuß, als ich die Seiten in die Mappe zurücklege. Habe ich sie hier unten versteckt? War ich das selbst? Warum? Warum sollte ich sowas denn verstecken? Traue ich meinen Eltern nicht? Vorsichtshalber sollte ich die Sachen hier lassen, schätze ich, zumindest so lange, bis ich rausgekriegt habe, weshalb sie hier stehen. Schließlich ist es nicht irgendwas, sondern die Art meines jüngeren Ichs Eriks Tod zu verarbeiten und auf eine nicht erklärbare, aber nichtsdestotrotz wohltuende Weise scheint dies Wissen den Schmerz zu lindern.
Langsam lege ich die Mappe auf den Fußboden, wende mich dem Karton zu und nehme den Deckel ab. Zum Vorschein kommen ein paar Notizbücher. Ich runzle die Stirn und fische wahllos eines heraus. Es war wohl das Werbegeschenk einer Bank. Das Logo auf dem roten Umschlag verrät es, aber für mich hat es nichts zu sagen. Ich halte erst inne, als ich die erste Seite aufgeschlagen habe.

18. 05. 09
Hei kleiner Bruder,
alles Gute zum Geburtstag. Feier schön und für mich mit, bitte.
Hier ist alles wie immer. Papa ist den ganzen Tag unterwegs, obwohl er vorgestern erst von seiner Geschäftsreise aus den USA zurückgekommen ist. Mama ist auch kaum zuhause und ich auch nicht. Und ab morgen bin ich auch wieder unterwegs. Irgendwie ist alles stressiger in der Formel Renault. Papa hat einen Physio für mich engagiert. Weiß nicht, was ich davon halten soll. Wenn du Zeit hast, wirf mal bitte einen Blick auf ihn und sag mir, was du denkst. Ich fühle mich so nicht wohl, nur wie ein Außenseiter. Mir wäre es lieber, wenn ich mit mehr guten Leistungen auffallen würde.
Ich vermisse dich, Erik.

Reflexartig werfe ich das Buch von mir, als ich die erste Seite fertiggelesen habe. Das sind keine Notizen, das sind Tagebücher! Die Tagebücher meines alten Egos. Meine Tagebücher! Zittrig atme ich aus. Ich habe geschrieben, um Eriks Tod zu verarbeiten. So getan, als wäre er nur verreist oder so. Vielleicht auch so, als würde er irgendwann antworten, doch das hätte sich wohl nur in meinem Kopf abgespielt und um es rauszufinden, müsste ich wahrscheinlich alles lesen. Warum eigentlich nicht? Es könnte mir helfen und ich muss echt mit dem Arsch an die Wand kommen, sonst ist Erik umsonst gestorben. Zumindest für mich. Mein altes Ego dürfte das anders gesehen haben. Andererseits… ist Erik wirklich tot? Wenn das hier sowas wie ein Paralleluniversum ist, dann müsste er doch im anderen noch leben. Hölle, das ist wirr. Aber es könnte sein!

Vielleicht ist doch alles nicht so schwer. Vielleicht sollte ich da weitermachen, wo mein altes Ego aufgehört hat, und Erik schreiben. Einfach so, einfach, weil ich es kann und er irgendwo da draußen noch ist und ich das weiß. Ja, das hört sich nach einem guten Plan an, es ist überhaupt mal einer. Ich hebe das Buch wieder auf, lege es zurück in den Karton und mache den Deckel drauf, lege die Mappe obenauf. Anschließend stehe ich auf und stelle die große Kiste, hinter der ich beides entdeckt habe, zurück ins Regal. Es braucht niemand zu wissen, dass ich hier unten war und gestöbert habe.

Als ich mit Karton, Mappe und dem benutzten Geschirr ganz oben auf diesem Stapel aus dem Keller komme, ist es immer noch totenstill im Haus. Ich könnte das Radio in der Küche anmachen, dann wäre da zumindest eine irgendwie menschliche Geräuschquelle. Andererseits sollte ich wohl lieber nach oben gehen und mir ein Versteck für meine Aufzeichnungen suchen. Wobei ich die auch einfach in den Schrank stellen könnte. Wer wird da schon reinschauen? Wenn jemand da bereits nach sowas gesucht hätte, wüsste er mittlerweile, dass dort nichts steht und würde es bestimmt kein weiteres Mal versuchen. So gesehen müssten sie da sicher sein.
Ich gehe in die Küche, stelle alles auf den Tisch und nehme das Geschirr herunter, um es in die Spülmaschine zu stellen. Müsste ich wahrscheinlich nicht, weil außer mir eh niemand da ist und es so keinen stören würde, aber trotzdem. Ich mag es nicht offen herumstehen haben. Anschließend werfe ich einen Blick aufs Smartphone, dass ich hier habe liegenlassen, weil ich im Keller eh nur schlechten Empfang gehabt hätte. Ein entgangener Anruf blinkt mir entgegen. Von Joakim. Hoppla. Nicht gut. Am besten rufe ich ihn sofort zurück.  

Er scheint nur darauf gewartet zu haben, denn es kann höchstens ein halbes Mal geklingelt haben, da ist er schon dran: ›Hei Rune, wieder unter den Lebenden?‹

«Ja, schon seit…», ich muss eine kurze Pause machen, um auf die Uhr zu sehen, «…fast vier Stunden. Was gibt’s denn?»

›Denk morgen bitte an deinen Augenarzttermin um zehn, der ist wichtig! Der Erinnerungszettel müsste auf deinem Schreibtisch liegen.‹

«Ja, mach ich. Wie sieht’s dann morgen mit Training aus?» Ich muss diese Frage stellen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass ich das wegen des Crashs jetzt mal eben zwei Wochen vernachlässigen kann. Das wäre irgendwie unrealistisch.

›Machen wir. Ich bin gegen drei da, dann sehen wir, was schon wieder geht.‹

«Super.» Dann bin ich morgen Nachmittag auf keinen Fall allein, das ist doch schon mal positiv. Und ich habe was zu tun, also etwas Vernünftiges.

›Dann mach aber heute nichts mehr. Geh meinetwegen in die Sauna und pack dich hinterher vor die Glotze oder so, aber kein Training und keinen anderen Sport, okay?‹

«Ja, Chef», rutscht es mir raus.

›Rune, was -‹ Joakim stockt und ich kann sein verwirrtes Kopfschütteln fast sehen. Das hat er zumindest immer gemacht, wenn ich in der Bar irgendwas anders gemacht habe, als er es sonst gemacht hat. Einmal hab ich die Flaschen umsortiert, weil ich dann besser an alles rankam. Es hat ihn für eine ganze Stunde total aus der Bahn geworfen.

«Was denn?», versuche ich die Situation zu retten, «Du bist doch mein Physio, also bist du der Boss, wenn’s um sowas geht.»

›Ähm, ja, okay‹, räumt Joakim immer noch hörbar irritiert ein.

«Und deswegen werde ich jetzt genau das tun, was du gesagt hast und in die Sauna gehen», schiebe ich nach.

›Ja, mach das. Wir sehen uns morgen.‹

«Genau. Bis dann», flöte ich und lege auf. Ich sollte in Zukunft besser aufpassen, was ich zu ihm sage. Oder ich gewöhne es mir einfach an, ihn Chef zu nennen. Dann würde er sich früher oder später bestimmt auch daran gewöhnen. Könnte klappen und es spricht ja auch nichts dagegen.

*** ~~~ ***


Daniels POV

Ich raff’s immer noch nicht. Warum regt Valtteri sich bitte so auf? Es geht mir nicht aus dem Kopf. Der ist doch sonst eher der lockre Typ und nicht so hart drauf. Aber ich kann mir irgendwie auch nicht vorstellen, dass Lindström hart drauf sein soll. Wenn’s so wär’, würde Jean sich schließlich nicht mit ihm abgeben. Das würde auch gar nicht gutgehen bei seinem Humor, den mag man entweder oder man hasst ihn. Hartes Ding. Am besten rufe ich ihn noch mal an und frage ihn nach Lindström. Vielleicht erzählt er ja was Aufschlussreiches, aber auf jeden Fall würde es dann aufhören, mir im Kopf rumzugeistern. Und ich mach eh grad ’ne Trainingspause. Okay, Jean wohl nicht, er lässt mich zumindest ganz schön warten, bis er rangeht:

›Hi, was los?‹

„Muss dich mal was fragen“, sage ich geradeheraus.

›Schieß los‹, kommt’s heiter zurück.

„Wegen Lindström“, setze ich an, werde aber gleich abgewürgt:

›Du rufst mich wegen Rune an? Bist du betrunken?‹

„Lass den Scheiß, ich mein’s ernst.“

›Ja, okay, ich hab mich nur verjagt, weil du sonst nichts von ihm wissen willst, also?‹

„Hast du ’ne Ahnung, wie sein Verhältnis zu Valtteri ist?“

›Äh, nein. Ich wusste nicht mal, dass sie überhaupt ein Verhältnis zueinander haben. Wieso?‹

„Weil… na, weil…“, druckse ich herum. Damit hab ich nicht gerechnet, aber kann ich Jean jetzt einfach so sagen, dass Valtteri sich irgendwie merkwürdig… Aber wenn nicht, dann muss ich was erfinden. Nein, keine Lust drauf. „Ich hab Valtteri angerufen und der hat sich voll hart über Lindström aufgeregt, als ich ihm gesagt hab, dass Sergio fürs nächste Rennen gesperrt ist.“

›Warum regt er sich da über Rune auf?‹

„Das wollte ich von dir wissen.“

›Hast du Valtteri denn nicht nach gefragt?‹

„Doch, klar, aber das hat nix gebracht. Er hat nur gesagt, Lindström würde auf der Strecke nur Mist bauen und das würde sich nie ändern.“

›Aha‹, Jean klingt erstaunt, ›Das ist mir neu. Du hast’s ja am Sonntag auch gesehen. Sah das für dich so aus, als würde Rune da was falsch machen?‹

„Nein, eigentlich nicht. Die waren nur dicht beieinander, da kann sowas halt passieren. Und wenn er an Hülkenberg nicht gleich vorbeigekommen ist, dann ist das auch nicht verwunderlich.“

›Exakt. Aber falls es dir hilft, kann ich Rune ja mal fragen, wenn’s Gespräch drauf kommt. Oder du gehst mal mit uns mit, wenn wir -‹

„Hältst du das für ’ne gute Idee, Jean?“, will ich wissen. Als ich letztes Mal mit denen unterwegs war, hatte ich am Ende ziemlich Streit mit Jules und Max und das brauche ich echt kein zweites Mal. Außerdem ist das Jeans Freundeskreis, nicht so meiner.

›Stell dich nicht so an, wir sind alle erwachsen. Da wird schon keiner am Rad drehen.‹

„Wenn du meinst“, murmle ich, aber so sicher bin ich mir da nicht. Andererseits hat Sergio jetzt ja die klare Quittung für seine Aktionen bekommen, damit dürfte der Streitgrund aus der Welt sein, schätze ich.

›Aber da fällt mir noch was ein. Hast du das Interview mit Rune und Valtteri in diesem Einkaufscenter gesehen? Das von letzter Woche, wo sie die Plateauschuhe anziehen mussten? Max hat’s rumgeschickt. Valtteri sah nicht so elegant aus, Rune schon.‹

„Was? Die haben echt Plateauschuhe angezogen? Hart! Die Dinger sind doch so out, dass sie schon wieder retro sind.“

›Du musst es dir unbedingt anschauen, Danny, es ist zu geil.‹

„Ja, werd’ ich machen“, verspreche ich. Fällt mir auch leicht. Das ist so hart, das muss man einfach gesehen haben. Formel 1-Piloten auf Plateauschuhen! Und dann auch noch welche von Williams! Möglicherweise hat Jean recht und ich sollte ein wenig mehr Vertrauen in seinen Kindergarten haben. Dann würde mir sowas auf jeden Fall nicht mehr so ewig entgehen.

›Super, und dann gehst du demnächst wieder mit uns weg, geritzt?‹

„Ja, geritzt“, lenke ich ein. Alles andere würde Jean auch nicht akzeptieren. Er kann da ziemlich dickköpfig sein.

›Ich nagel dich drauf fest.‹

Das hab ich befürchtet. Aber wenigstens bin ich der Antwort auf meine Frage ein Stückchen nähergekommen. Da war der Anruf nicht ganz vergebens.

*** ~~~ ***


Kimis POV

Feierabend, Zeit für die Couch. Zusammen mit einem Glas Milch mache ich es mir also im Wohnzimmer bequem. Einen Moment lang betrachte ich unschlüssig den Laptop auf dem Couchtisch. Angry Birds oder ein wenig an meinem Plan tüfteln? Der sollte ja eigentlich ausgereifter sein bis zu meinem Geburtstag übermorgen. Hatte ich mir vorgenommen. So lang ist die Saison ja auch nicht mehr und wer weiß, ob das nächstes Jahr überhaupt noch funktionieren würde, wie ich mir das bisher vorstelle. Also doch der Plan. Ich schalte den Laptop ein, lehne mich zurück und warte.

Nur wo soll ich anfangen? Einfach was bei irgendeiner Suchmaschine eingeben? Das bringt nichts, viel zu ungenau. Da würden mir sicherlich hunderte von Ergebnissen ausgespuckt werden und die kann ich mir nie im Leben alle ansehen. Ein bisschen genauer muss es also schon erst mal sein. Wikipedia meinetwegen. Die wichtigsten Eckdaten sollte es da schon geben und dann kann ich weitersehen. Aber ich komme mir schon ein wenig albern vor, als ich den Namen eintippe und suchen lasse. Dabei ist das gar nichts Weltbewegendes. Das machen täglich Millionen andere Menschen auch, gerade jetzt bestimmt tausende. Doch trotzdem…

Es gibt nur einen Artikel, gut so. Es hätte auch schlimmer kommen können. Allzu außergewöhnlich ist der Name schließlich nicht. Ich überfliege den Artikel. Nicht so informativ, wie ich mir erhofft habe. Der schwedische wäre vermutlich detaillierter, aber ich habe wirklich keine Lust, jetzt zu versuchen, die Reste des Schwedischunterrichts aus Schulzeiten zusammenzukratzen, um das lesen zu können. Ein Satz zur Karriere lässt mich jedoch aufmerksam werden: …startete und war auch siegreich in Sprintrennen der finnischen Klassen Pikku-Mini, Raket und Yamaha jr. von 2001 bis 2005. Das ist interessant. Etwa zu der Zeit müsste Valtteri dort auch unterwegs gewesen sein. Ach, wenn ich eh schon dabei bin, hier nach Leuten zu suchen, mit denen ich eigentlich persönlich sprechen könnte… Ich habe mich nicht scheinbar nicht geirrt, Wikipedia sagt, Valtteri sei dort von 2001 bis 2006 gefahren. Ist nicht so unwahrscheinlich, dass sie sich da schon mal über den Weg gelaufen, wenn nicht sogar gegeneinander angetreten sind. Moment, das lässt sich auch rausfinden, aber dafür brauche ich ein klein wenig Hilfe, sonst wird es zu auffällig. Und von hier aus würde es vermutlich auch zu lange dauern.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr. Glück gehabt. Noch kann ich ihn anrufen, ohne dass es unhöflich ist.



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