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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
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Dieses Kapitel
8 Reviews
 
02.07.2013 4.274
 
A/N: Vielen lieben Dank an Madrilena, Tracy89, Silvana, Balalaika, Tiefseentraum und Nathi.

Welche Ironie... Kapitel 13 an einem Freitag, den 13ten, hochgeladen...




Kapitel 13 – Telefonkettenweckdienst


Runes POV

Ein penetrantes Klingeln reißt mich aus dem Schlaf. Ich haue auf den Wecker, aber es hört nicht auf, sodass ich mich gezwungen sehe, doch den Kopf zu heben. Ist gar nicht der Wecker, sondern das Smartphone, das daneben auf dem Nachttisch liegt. Das darf nicht wahr sein! Ich wollte doch nur ausschlafen… Das ist nicht fair! Trotzdem nehme ich ab und halte mir das Telefon ans Ohr.

„Hi“, murmle ich, das Gesicht noch halb ins Kissen gedrückt, denn zum Kopf oben halten reicht’s dann nicht.

›Rune?‹

„Ja.“ Wer denn sonst? Ich bin hier nicht derjenige, der meine Nummer gewählt hat und als Anrufer weiß man doch eigentlich, wen man erreichen wird.

›Nico hier.‹

„Ja, was gibt’s?“

›Hab ich dich geweckt?‹

Höre ich mich echt so verpennt an wie ich mich fühle? Vielleicht sollte ich doch mal… Ich drehe mich auf den Rücken und bin schlagartig hellwach. Keine gute Idee, sich über die linke Seite umzudrehen.
„Nein“, antworte ich, „Ich hatte nur noch keinen Kaffee.“

›Seit wann trinkst du Kaffee?‹

Er klingt verdammt erstaunt, so sehr, dass mein Hirn trotz des schlaftrunkenen Zustands schlussfolgert, dass ich jetzt eine gute Antwort brauche.
„Seit ich nicht mehr rauche.“

Nico lacht: ›Warum nimmst du Kaffee und keine Nikotinpflaster? Das wär doch einfacher.‹

„Ja, nein, weil Kaffee steht noch nicht auf der Dopingliste“, erwidere ich.

›Auch wieder wahr, aber weswegen ich anrufe: Weißt du schon, dass die Stewards fertig sind?‹

„Nein, aber was ist bei rausgekommen?“

›Na, was nach den Verwarnungen eben rauskommen musste. Sie haben Perez fürs nächste Rennen gesperrt.‹

„Dein Ernst?“

›Ja, und dir wollte ich’s zuerst sagen. Jetzt muss ich gleich noch Robin und Esteban anrufen. Tust du mir den Gefallen und rufst Max an? Der ist sonst wieder beleidigt, weil er’s zuletzt erfährt.‹

„Kindergarten“, meine ich kopfschüttelnd.

Nico lacht wieder: ›Wem sagst du das.‹

„Dann ruf ich ihn lieber gleich an.“ Und hoffe, dass ich ihn und seine Freundin nicht bei irgendwas störe. Das wäre mir nun wirklich etwas unangenehm. Immerhin hat Max da gestern noch die eine oder andere doppeldeutige Bemerkung fallen lassen.

›Ach, eins noch, Rune, wegen deinem Deutsch.‹

„Was ist damit?“

›Willst du’s nicht ein bisschen auffrischen?‹

„Ja, könnte lustig sein. Schwebt dir was Bestimmtes vor?“

›Wir könnten uns in Indien mal ’nen Abend zusammensetzen.‹

„Klingt gut.“ Es klingt total verrückt, um ehrlich zu sein. Wie soll das denn bitte funktionieren? Und was soll dabei rauskommen? Totales Chaos vermutlich und hinterher werde ich ganz viel Blödsinn können, jede Wette. Aber was soll’s? Alles ist besser als wieder jeden Abend allein im Hotelzimmer zu hocken, weil man sonst nichts mit sich anzufangen weiß. „Aber ich hab meinen Terminplan für die Woche noch nicht.“

›Halb so wild, ist ja noch ’ne Woche hin und wir sollten den Rest vom Kindergarten auch nicht so lange auf die News warten lassen.‹

Ich bin definitiv wach, nachdem wir aufgelegt haben, obwohl ich laut dem Wecker noch eine halbe Stunde liegenbleiben könnte. Doch wenn ich eh schon wach bin… Ich stelle den Alarm aus und stehe auf, um tatsächlich einen Kaffee aufzusetzen, bevor ich Max anrufe. Auf die paar Minuten kommt es nun auch nicht mehr an, denke ich, gehe zum Schrank und suche was zum Anziehen raus, das ich mit nach nebenan ins Bad nehme.

Gestern konnte ich mich nicht mehr zum Duschen aufraffen. Als Joakim mich nach zweieinhalb Stunden geweckt hat, habe ich mich nicht im Mindesten besser gefühlt, eher schlechter und bis zum Abend hatte ich Mühe, die Augen offen zu halten. Um halb neun hab ich aufgegeben und bin schlafengegangen. Es gab ja auch nichts, was mich irgendwie von der Müdigkeit hätte ablenken können. Joakim ist heimgefahren, nachdem er mich wach hatte, Mama war auch nicht mehr da und Papa ist auf Geschäftsreise.
Jetzt geht’s etwas besser. Aber mein Spiegelbild lässt mich doch einmal nach Luft schnappen. Meine linke Seite hat einige beeindruckende heidelbeerfarbene Flecken. Zum Glück ist’s draußen nicht mehr warm genug, um sich in Badehose irgendwo blicken zu lassen. Bei dem Anblick würde jedem Paparazzo das Herz aufgehen. Ich strecke meinem Spiegelbild kurz die Zunge raus und steige in die Dusche.

Als ich etwa eine Viertelstunde später nach unten komme, bin ich mir ziemlich sicher, immer noch allein zu sein. Im Haus ist es totenstill. Ein wenig unheimlich ist das bei der Größe des Hauses schon. Sobald ich gestern allein war, hab ich mich zum Ablenken etwas umgesehen, heißt, ich habe in alle Räume geschaut, noch ein drittes Bad und eine Gästetoilette gefunden, zwei weitere Gästezimmer und ein großes Arbeitszimmer. Die Küche und das riesige Wohn- und Esszimmer nicht mitgezählt. Die musste ich nicht finden, über die bin ich ja regelrecht gestolpert. An dem Eindruck, sich in einem Möbelhauskatalog zu befinden, hat sich jedoch nichts geändert. Eigentlich wundere ich mich mittlerweile sogar, dass die Sitzmöbel im Wohnzimmer keine Plastikschonbezüge tragen.
Der Keller war da schon weitaus interessanter und persönlicher eingerichtet, wenn man das für Kellerräume so sagen kann. Der Wäschekeller sieht ziemlich benutzt aus, da sind noch ein paar Kleidungsstücke von Mama aufgehängt und ein Bügelbrett stand mitten im Raum. Weitaus interessanter finde ich allerdings das halbe Fitnesscenter, das sich da unten befindet und vermutlich meinetwegen eingerichtet wurde, damit ich auch zuhause trainieren kann. Das Zimmer daneben sah auf den ersten Blick wie eine Abstellkammer aus. Erst als ich das Licht eingeschaltet hatte, konnte ich sehen, dass nicht alles, was ich für Regale gehalten hatte, auch ein Regal war. Einige sind mit Pokalen, Medaillen und Urkunden vollgestellte Vitrinen, während die Regale zumeist mit Kartons und Plastikkisten gefüllt sind. Ich habe mir nur ein paar der Pokale und Urkunden angesehen. Es sind nicht nur meine, ein guter Teil davon gehört Erik und es hat auf mich erst mal den Eindruck gemacht, als sei er eigentlich der Talentierte von uns beiden. Ich muss mir das alles noch mal genauer ansehen, das ist klar, aber zuerst ist der Kaffee dran und Max.

Und ich bin heilfroh, dass hier die gleiche Kaffeemaschine steht, die Joakim auch hat, oder hatte, je nachdem wie man das sehen will. Da weiß ich wenigstens, wie sie funktioniert und muss mich nicht erst auf die Suche nach einer Gebrauchsanweisung machen.
Allerdings traue ich mich kurz darauf nicht, mich mit der vollen Kaffeetasse ins Wohnzimmer zu setzen. Es sieht so perfekt, so aalglatt aus, dass ich Angst habe, irgendwo einen Fleck zu hinterlassen. Also bleibe ich in der Küche, zücke dort mit der Tasse vor mir auf dem Tisch das Smartphone und rufe Max an.

Er ist viel schneller dran, als ich es erwartet habe. ›Hi Vogel, was gibt’s?‹

„Hi. Die Stewards sind fertig.“

›Und? Sag schon!‹

„Du bist ja aufgeregter als ich“, stelle ich verblüfft fest.

›Ja, mir fährt der Kerl auch schon ein bisschen länger um die Ohren‹, kommt’s zurück, ›Und jetzt spuck’s schon aus!‹

„Ist ja gut.“ Ich muss lachen. Wie kann einer zu dieser Uhrzeit nur schon so auf heißen Kohlen sitzen? „Sie haben ihn fürs nächste Rennen gesperrt.“

›Ha! Wusst’ ich’s doch! Rune, nimm’s mir nicht übel, aber das muss ich gleich Charles erzählen, ich hab die Wette gewonnen!‹

„Nein, schon okay, mach das“, erwidere ich noch immer lachend. Hölle, das ist zu putzig.

›Super, ich meld’ mich die Tage noch mal bei dir. Bye.‹ Und aufgelegt. Lachend und kopfschüttelnd lege ich das Smartphone neben die Kaffeetasse. Und der nennt mich Vogel! Unglaublich! Wenn hier einer einen hat, dann ja wohl er.
Ich nehme die Tasse in beide Hände, genieße die Wärme, die von ihr ausgeht und sehe aus dem Fenster. Draußen bläst der Wind ein paar gelbe Blätter über den Hof, manche verfangen sich in der hohen Hecke, die wohl neugierige Blicke von der Straße abwehren soll. Man müsste sich schon direkt vors Tor stellen, um etwas sehen zu können, und das würde wohl niemand tun. Sowas wäre mehr als offensichtlich und auch ziemlich bescheuert.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Hanna arbeitet und ich habe – irgendwie zu meiner großen Erleichterung – Zeit für mich allein. Heikki wird auch erst in einer Dreiviertelstunde da sein. So lange kann ich also noch versuchen, mir mein schlechtes Gewissen auszureden. Ich habe nämlich keine Lust, das mit Heikki auseinanderzupflücken, wenn er merkt, dass ich nicht bei der Sache bin. Es war schon schlimm genug, ihm von Jenson zu erzählen. Aber wenigstens hat er mir da nicht reingeredet. Ich müsse wissen, was ich tue, hat er gesagt. Das kann alles und nichts bedeuten, aber dabei ist es geblieben. Es ist meine Sache, meine allein – und jetzt sitze ich wohl auch allein mit dem Problem da. Ich werde Hanna nicht ewig damit hinhalten können, dass ich k.o. bin. In der Winterpause oder im Urlaub schon gar nicht. Spätestens da würde sie dann Lunte riechen, würde alles aufflieg- Das Klingeln meines Smartphones schreckt mich auf. Wundervoll, genau das habe ich jetzt gebraucht.

„Guten Morgen, Jean.“ Warum auch immer Jean-Éric mich mitten am blanken Vormittag anruft…

›Hi Seb! Hast du’s schon gehört?‹

Was ist das denn für eine Begrüßung?! „Nein. Was soll ich gehört haben?“

›Die Stewards sind fertig. Perez muss ein Rennen aussetzen.‹

„Wirklich?“

›Ja, Esteban hat mich vor zehn Minuten angerufen, er hat’s von Nico und der wird’s ja wissen. Und ich muss gleich noch Daniel Bescheid sagen.‹

„Was macht ihr?“, will ich verwundert wissen, „Telefonkette?“

›Ja, und funktioniert doch super, nicht, Seb?‹

„Ihr seid verrückt“, murmle ich.

›Das stellst du aber früh fest.‹

„Besser spät als nie, Jean. Muss ich noch wen anrufen oder bleibt mir das erspart?“ Der Höflichkeit halber sollte man das fragen, auch wenn ich sehr hoffe, dass sie so weit nicht gedacht haben.

›Nö, wenn du’s keinem erzählen willst, dann nicht. Das schaffen wir auch allein.‹

„Ja, das kann ich mir vorstellen.“

Jean lacht: ›Wir haben einen Ruf zu verteidigen, solltest du doch wissen.‹

„Ja, gut, Argument“, räume ich ein, immerhin profitieren wir alle von ihren Spaßvogelanfällen.

›Okay, Seb, dann lass ich dich mal wieder in Ruhe, Daniel wartet. Wir sehen uns in Indien.‹

„Bis dann.“

Jetzt spinnen sie völlig!
Ja, Sergio ist uns allen irgendwie auf die Nerven gegangen und außer Kimi in Monaco hatte auch niemand sonst den Schneid, es auf die Kollision ankommen zu lassen, aber deswegen gleich die gute, alte Telefonkette wieder auszugraben ist schon etwas übertrieben. Spätestens beim nächsten Rennen hätte es auch der Letzte mitgekriegt. Obwohl… wenn ich mir vorstelle, wie jetzt nach und nach alle angerufen, womöglich auch noch geweckt werden… Da hab ich wohl noch mal Glück gehabt. Und noch eine halbe Stunde Zeit, bis Heikki kommt. Das reicht, um Jenson anzurufen.

Allerdings klingt er reichlich verschlafen, als er abnimmt: ›Hi Seb.‹

Seine Stimme jagt mir einen Schauer über den Rücken. Ich weiß genau, wie er klingt, wenn er gerade aufgewacht ist, wenn er nach ein paar Sekunden wieder anschmiegsam wird. Das ist fast noch schöner als der Sex mit ihm.
„Hi“, erwidere ich, halte mich damit aber nicht lange auf. Es könnte sein, dass Jessica da ist und die soll keinen Verdacht schöpfen, also jetzt nur Berufliches: „Hast du schon mitgekriegt, was die Stewards entschieden haben?“

›Nein, ich hab bis eben noch geschlafen. Also, was -‹

„Sie haben ihn fürs nächste Rennen gesperrt“, unterbreche ich ihn.

›Wen? Lindström oder Perez?‹

„Perez.“

›Na endlich, das wurde langsam echt Zeit.‹ Er räuspert sich. ›Und du willst jetzt sicher von mir wissen, wer ihn ersetzen wird, oder?‹

Alles klar! Jessica ist da, liegt wohl sogar noch neben ihm. Ich verstehe den Wink mit dem Zaunpfahl.
„Genau“, spiele ich daher mit.

›Vermutlich Gary‹, gähnt er.

Nicht besonders überzeugend, wie ich finde, aber das kann ich ihm in Indien immer noch sagen. Jetzt gebe ich erst mal klein bei: „Danke. Ich lass dich dann mal weiterschlafen.“

›Zu gütig, danke‹, höre ich ihn noch leise sagen, und gleich darauf das typische Tuten im Hörer.

Seufzend lege ich ebenfalls auf. Vielleicht hätte ich doch zuerst Kimi anrufen sollen, aber bei dem bin ich mir viel sicherer, dass er noch pennt. Und diese Sache ist es nicht wert, ihn zu wecken. Es interessiert ihn mit der allergrößten Wahrscheinlichkeit sowieso nicht. Nach dem Rennen in Monaco hat er ja klargestellt, was er von Perez’ Aktionen hält.

Noch fünfundzwanzig Minuten. Immer noch. Und was mache ich jetzt? Hier einfach wieder rumsitzen? Darauf hab ich auch keine Lust. Ich betrachte das Telefon in meiner Hand. Wen könnte ich denn noch anrufen?

*** ~~~ ***


Runes POV

Und jetzt sitze ich doch im Wohnzimmer, ohne die Kaffeetasse, dafür aber mit dem Ernährungsplan, der am Kühlschrank hing und der zweifellos für mich bestimmt ist. Joakim hat extra noch mal groß und rot drauf geschrieben, dass ich mich bitte daran halten soll, auch wenn er heute nicht vorbeikommt. Na gut, dann mach ich das eben. Ist sowieso nicht so, dass ich großen Hunger hätte. Vielleicht schaffe ich es um die Mittagszeit, die Haferflocken zu essen, die er fürs Frühstück notiert hat… Vielleicht… Ich lege den Ernährungsplan auf den Glascouchtisch vor mir und lehne mich zurück. Es ist ein seltsames Gefühl, hier ganz allein zu sein, in einem Haus, das mein Zuhause sein sollte, aber in dem ich mich doch wie ein Fremder, ein Eindringling fühle und mich nicht so auskenne wie ich es müsste. Aber habe ich mich hier je zuhause gefühlt? Kann man das überhaupt, wenn alles so kahl ist? Es gibt hier keine Fotos, weder an den Wänden noch sonst irgendwo. Bloß ein paar weitere Vasen und komische Kunstgebilde und natürlich Leinwände mit Strichen in Beige und verschiedenen Brauntönen drauf, passend zu den Möbeln. Irgendwie erinnert es mich an Latte Macchiato. Ein Kaffeewohnzimmer… und man könnte sich hier bestimmt wohlfühlen, wenn es ein wenig… nun, ein wenig wärmer wäre, aber nicht was die Raumtemperatur betrifft, sondern das Zwischenmenschliche, das Persönliche, das ein Zuhause von einem Musterhaus unterscheidet.

Vielleicht sollte ich mich aufraffen und wieder in den Keller gehen, solange ich noch allein hier bin und niemand fragen kann, warum ich mich dahin zurückziehe und in alten Sachen wühle. Die Gelegenheit wäre ja günstig. Andererseits müsste ich mich auch dringend in meinen Zimmern umsehen, doch das könnte ich auch tun, wenn jemand anders im Haus wäre… Geht schließlich niemanden was an, was ich in meinem Reich anstelle. Da kann ich rein theoretisch so viel wühlen und kramen wie ich mag.
Plötzlich klingelt mein Smartphone erneut. Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und stürze in die Küche, wo es noch immer auf dem Tisch liegt. Was ist das heute? Sonst ruft mich nur alle paar Tage mal wer an!

Unbekannter Teilnehmer, verkündet das Display. Gehe ich jetzt dran oder lasse ich es bleiben? Für ein, zwei Sekunden zögere ich, nehme dann aber ab. Kann ja sein, dass irgendwer ’ne neue Nummer hat…

„Hi“, melde ich mich, vorsichtshalber gleich auf Englisch. Da kann ich wenigstens sicher sein, dass der Anrufer es versteht.

›Hi, Sebastian hier.‹

Oh, damit hab ich nun nicht gerechnet. Dabei wär’s schon naheliegend gewesen. Er hat ja am Flughafen gesagt, er würde sich bei mir melden, nur dass er das so schnell tun würde… Naja, damit habe ich nun nicht gerechnet und bin entsprechend perplex. Ist aber halb so wild, denn Sebastian übergeht es einfach:

›Wie geht’s dir?‹

„Alles gut. Dir?“

›Auch. Du weißt schon, dass sie Perez fürs nächste Rennen gesperrt haben?‹

„Ja, Nico hat vorhin kurz angerufen und es erzählt“, antworte ich, „Ist das üblich, dass so weiterzusagen, also per Telefon?“

›Eigentlich nicht, ist mir zumindest neu gewesen.‹ Er lacht. ›Musstest du noch wen anrufen?‹

„Ja, Max. Was ist mit dir?“

›Eigentlich nicht. Jean meinte, das würde man auch ohne mich schaffen.‹

„Eigentlich?“

›Ja, ich hab Jenson danach angerufen, weil ich wissen wollte, wer jetzt für Perez fahren wird.‹

„Und konnte er dir was sagen?“ Hölle, das hat was! Ich erfahre hier frei Haus Insiderinformationen! Wie geil ist das denn?! Und dafür musste ich quasi nicht mal was tun.

›Wahrscheinlich Gary Paffett.‹

„Passt das denn mit dem letzten DTM-Lauf?“, will ich wissen. Ja, ich hab mich schlau gemacht, so ist’s ja nicht. Bot sich an, als ich mit Kaffee und Smartphone aber ohne Zeitung in der Küche saß, und ich war wirklich neugierig, welche Ersatzfahrer denn bei McLaren zur Verfügung stehen. Kein Wunder, wo ich selbst auch einer bin.

›Ich glaube, der ist kommendes Wochenende.‹ Wirklich sicher klingt Sebastian nicht, aber das ist irgendwie auch egal. Wir haben beide sowieso keinen Einfluss auf die Wahl des Ersatzfahrers. Und dann wechselt er das Thema: ›Passt’s dir, wenn wir montags nach Abu Dhabi fliegen?‹

Sehr elegant. Ehrlich.

„Ja, klar. Wann und wo geht’s los?“

›Treffen wir uns einfach morgens um zehn am Indira Gandhi International Airport.‹

„Ja, wo da?“

Wenn das ein International im Namen hat, wird’s schließlich was Größeres sein, und wir brauchen ernsthaft eine halbe Stunde, bis wir sicher sind, einen geeigneten und idiotensicheren Treffpunkt gefunden zu haben. Gut, das könnte auch daran liegen, dass ich dort noch nie bewusst gewesen bin und wir nicht wissen, ob sich da seit dem letzten Jahr etwas verändert hat.
Nachdem wir aufgelegt haben, hefte ich den Zettel mit den Daten an die Kühlschranktür – die scheint ja für sowas da zu sein – und schicke Claire eine Nachricht, damit sie auch gleich Bescheid weiß. Ich musste ihr hoch und heilig versprechen, das sofort zu tun, wenn die Sache mit Sebastian geklärt ist. Nächstes Mal werde ich mir was überlegen, um ihr solche Neuigkeiten irgendwie schonender zu übermitteln. Sie ist regelrecht aus allen Wolken gefallen, als ich’s ihr ganz direkt gesagt hab.

Fast genauso wie ich, als ich am Flughafen festgestellt habe, dass es scheinbar echt Fahrer gibt, die nicht schlecht auf mich zu sprechen sind. Ich hatte es mir ehrlich schlimmer vorgestellt nach den Artikeln, die ich überflogen habe, und nach Valtteris klarer Ansage auf der Toilette. Eher so, dass niemand etwas mit mir zu schaffen haben will. Doch jetzt, im Nachhinein, bin ich positiv überrascht. Vielleicht hat Perez mir mit dem Crash unfreiwillig eine Chance verschafft… Könnte sein. Auf ihn schien immerhin auch niemand gut zu sprechen zu sein. Wenn es nicht so zynisch rüberkommen würde, müsste ich mich da eigentlich bei ihm bedanken.
Na gut, im teaminternen Duell mit Valtteri wird’s mir wohl trotzdem nicht helfen, aber das macht nichts. Ich glaube eh nicht, dass irgendjemand erwartet, dass ich den diese Saison noch mal schlage. Von daher ist’s bestimmt ziemlich egal. Für mich selbst zucke ich mit den Schultern und mache mir dann noch eine Tasse Kaffee und die fünfzig Gramm Haferflocken mit Joghurt und einer halben Banane. Keine Ahnung, ob das mit dem schwarzen Kaffee zusammen schmeckt, aber das lässt sich rausfinden.

Gegessen wird im Keller, habe ich kurzerhand beschlossen. Wenn ich eh allein bin, kann ich auch so komische Sachen machen. Sturmfreie Bude sollte sich wenigstens lohnen, alles andere wären weggeworfene Chancen.
Im Zimmer mit den Regalen und Vitrinen angekommen stelle ich Müslischälchen und Kaffeetasse erst mal auf den Fußboden, ziehe dann eine der Plastikkisten aus dem Regal neben der Tür und werfe einen Blick hinein. Sie ist nicht besonders voll. Bloß ein paar Schrauben, ein seltsamer Gummifetzen und paar Startnummern, die wohl von irgendwelchen Volksläufen stammen, an denen Erik oder ich teilgenommen haben. Also benutze ich diese Kiste als niedrigen Tischersatz und suche mir weiter hinten im Raum eine andere, viel größere zum Stöbern aus.
Mit ihr setze ich mich dann neben den Kistentisch auf den Boden, schiebe mir den ersten Löffel der Haferflockenjoghurtbananenmischung in den Mund und öffne sie. Es sind lauter Schuhkartons drin. What the fuck…?!

Ich nehme einen heraus und mache ihn auf. Zum Vorschein kommt ein Paar kaum getragener Fahrerschuhe in rot und weiß. Daneben liegt ein Zettel mit der Aufschrift Rune 2003. Auweia, hatte ich damals kleine Füße. Das ist definitiv eine Kindergröße! Kopfschüttelnd mache ich den Karton wieder zu und stelle ihn zur Seite, dann nehme ich mir den nächsten vor.
Blauweiße Fahrerschuhe und folgende Notiz: Erik 2003.
2003… die hat er im Jahr vor seinem Tod getragen. Ich spüre, wie sich in meinem Hals ein Kloß bildet. Sie sind ungefähr so groß wie die rotweißen – obwohl er fünf Jahre jünger war als ich! Tränen steigen mir in die Augen, ich schließe den Karton wieder, stelle beide wieder in die große Kiste und bringe sie zurück ins Regal. Das kann ich mir jetzt unmöglich weiter ansehen. Geht einfach nicht. Wenn ich jetzt weitermache, dann breche ich wieder so zusammen wie letzten Mittwoch und diesmal wäre niemand zum Anlehnen da. Das Risiko kann und will ich nicht eingehen und es sind ja noch genug andere Kartons da.

Einen Augenblick überlege ich, dann entscheide ich mich für eine andere Kiste, die ganz in der Ecke steht, in der Hoffnung, dass da was anderes drin sein wird. Irgendwas weniger Erschütterndes. Sie ist für ihre Größe überraschend leicht, sogar leichter als die mit den Schuhen. Doch gerade, als ich mich mit ihr auf dem Arm abwenden und zu meinem verspäteten Frühstück zurückkehren will, bleibt mein Blick an etwas anderem hängen. Es klemmt in dem schmalen Spalt zwischen Regalboden und Wand, der sich hinter dieser Kiste verborgen hat. Neugierig stelle ich sie erst mal ab und sehe genauer hin. Es ist eine Mappe mit lauter roten Rennautos drauf und sie wirkt neben all diesen augenscheinlich sorgfältig gepackten und archivierten Kisten irgendwie deplatziert.
Ich ziehe sie hervor und entdecke dabei noch einen kleinen Karton mit demselben Aufdruck, der sich hinter der Kiste versteckt, die neben der stand, die ich gerade herausgenommen habe. Auch ihn nehme ich aus dem Regal, habe das Gefühl, dass beide – Mappe und Karton – zwar zusammen- aber hier nicht hingehören. Sie wurden dort aus irgendeinem Grund versteckt, das steht für mich fest. Warum sonst sollte sich jemand die Mühe machen, sie hinter andere Kisten zu tun, wo weiter vorne im Raum noch so viel Platz auf den Regalbrettern frei ist?

*** ~~~ ***


Heikki H.s POV

Ich komme mit fünf Minuten Verspätung bei Seb an und stelle zu meinem größten Erstaunen fest, dass er mir nicht schon die Tür aufmacht, bevor ich die Treppe überhaupt erreicht habe. Seltsam. Das kommt auch nicht oft vor, eigentlich nur, wenn er einen Anfall von chronischer Unlust aufs Training hat. Einen Moment lang taste ich nach dem Schlüsselbund in meiner Tasche, aber lasse ihn dann da, wo er ist und klingle lieber. Ich hab kein gutes Gefühl dabei, einfach reinzugehen, wenn ich weiß, dass jemand zuhause ist. Dann fühle ich mich immer irgendwie wie ein Eindringling.
Eine Weile passiert nichts und ich sehe mich gezwungen, ein zweites Mal auf den Klingelknopf zu drücken. Diesmal tut sich was und ich kann Schritte im Flur hören, nur Sekunden später reißt Seb die Tür auf. Zu meiner großen Überraschung hat er noch nicht mal seine Laufschuhe an.

„Was ist los?“, will ich wissen.

„Nette Begrüßung.“ Seb grinst, irritiert mich damit jedoch nur noch mehr. „Dir auch einen wunderschönen Vormittag.“

Irgendwas ist hier faul, sehr faul. „Sebastian“, sage ich leise und habe schlagartig seine volle Aufmerksamkeit, schließlich nenne ich ihn nur höchst selten beim vollen Namen. „Was ist passiert? Ich komme zu spät und du stehst noch nicht in den Startlöchern? So langsam bist du doch sonst nicht.“

„Ich hab noch mit Lindström telefoniert.“

„Tatsächlich?“ Ich würde zwar lieber sagen, dass ich das gar nicht wissen will, aber das geht schlecht, weil ich das Gespräch ja in diese Richtung gelenkt habe. Am liebsten würde ich in den nächsten zwei Wochen gar nichts über Lindström wissen, nicht nachdem ich letzte Nacht denselben absurden Traum wie im Flugzeug hatte und vorhin im Supermarkt vor dem Zeitschriftenregal ernsthaft überlegt habe, ob ich die Frauenzeitschrift mit dem Special zur Traumdeutung kaufen soll. Ich bin nicht schwul!

„Erde an Heikki, hörst du mir noch zu?“

„Was?“, schrecke ich auf.

Seb schüttelt grinsend den Kopf: „Und dann sag du mir noch mal, mit mir sei was los. Oder hat dich das jetzt so geschockt?“

„Hat mich was geschockt?“

„Dass sie Perez fürs nächste Rennen gesperrt haben natürlich.“

„Woher weißt du? Von Lindström?“ Teufel, jetzt sprech ich es auch noch selbst aus! Das kann doch nicht wahr sein! Hätte ich mich gestern nicht einfach am Riemen reißen und aufhören können, ihn anzustarren? Dann hätte ich den Salat jetzt und in zwei Wochen nicht. Aber nein, nein, natürlich hab ich das nicht gemacht. Ich hab ja auch so noch nicht genug am Hals.

„Nein, Jean hat angerufen. Die sind auf die kindische Idee gekommen, rumzutelefonieren und das weiterzusagen.“

„Etwa wie bei einer Telefonkette?“

„Genau so“, bestätigt Seb und bindet seinen zweiten Schuh zu.

„Und du musstest dann Lindström anrufen?“ Das ist ja mal sowas von old school, das hab ich ja seit der Schulzeit nicht mehr erlebt!

„Nein, ich hätte niemanden anrufen müssen, aber ich hab’s bei Jenson probiert und aus ihm rausgekitzelt, wer Perez ersetzen wird. Danach hab ich Lindström angerufen“, stellt er klar, richtet sich wieder auf und grinst mich an, „und ihm erzählt, was Jenson gesagt hat, und wir haben geklärt, wann und wo wir uns am 28. treffen.“

„Ah ja“, mache ich leise. Vom Hocker haut mich das nun nicht und wenn ich ehrlich bin, dann wär’s mir am liebsten, wenn Lindström noch irgendwas – egal was! – dazwischenkommen würde.

„Ja, los komm, ich erzähl’s dir, wenn wir unterwegs sind.“ Er schlüpft an mir vorbei und durch die offenstehende Haustür, überlässt es mir, sie zu schließen, und geht schon mal zu meinem Auto vor. Im Gegensatz zu ihm hab ich meine Laufschuhe nämlich noch nicht an. Damit kann ich einfach nicht fahren.



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