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Life is a Game made for everyone and Love is the Prize

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Charles Pic Jean-Éric Vergne Kimi Räikkönen Max Chilton Romain Grosjean Sebastian Vettel
02.07.2013
25.07.2014
54
232.189
20
Alle Kapitel
547 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
02.07.2013 3.717
 
A/N: Danke an Madrilena, Balalaika, freakylittlegirl, Canastas Phi, Tracy89, Tiefseentraum und livelovelaugh!

Ihr habt es sicher schon gemerkt, die Geschichte beginnt langsam Fahrt aufzunehmen und es wird Zeit, einen Teil der Karten auf den Tisch zu legen. In diesem Sinne wünsche ich euch – auch den Schwarzlesern von ganzem Herzen – viel Spaß mit diesem Kapitel.

Doch bevor es losgeht, muss ich noch etwas loswerden: Als ich dieses Kapitel geschrieben habe, fiel mir auf, dass in der Auflistung der Sprachen vor dem Prolog eine fehlt, deswegen an dieser Stelle noch mal die ergänzte Version:
Sprachen:
„ - “ =  Englisch
„ - “ = Finnisch
« - » = Schwedisch
› - ‹  = Telefongesprächspartner / Funk
>-<  = Deutsch





Kapitel 10 – Flughafen oder Sebastian plant


Heikki H.s POV

Irgendwann gegen zwei Uhr heute Früh wurde es da oben endlich still. Aber da war ich längst wieder aufgestanden und bin nicht mehr ins Bett gekrochen. Hätte sich beim heutigen Zeitplan nicht gelohnt, weil ich da noch nicht gepackt hatte. Jetzt ärgere ich mich aber doch etwas, weil ich hundemüde am Flughafen sitzen muss. Seb neben mir sieht aus wie das blühende Leben selbst. Das ist unfair! Außerdem schreibt er schon die ganze Zeit grenzdebil grinsend mit Button. Ich habe im Moment nur Tetris, wenn ich nicht anfangen möchte zu arbeiten – wofür ich aktuell eindeutig zu müde bin.
Ich unterdrücke ein Gähnen, schaue von den eckigen bunten Steinchen auf dem Display auf, um festzustellen, ob sich in den letzten paar Minuten etwas nennenswert verändert hat – sofern das an einem Flughafen nun geht. Und diesmal ist tatsächlich etwas passiert!

Ein paar Stuhlreihen entfernt ist Lindström samt persönlichem Team aufgelaufen. Er humpelt. Das fällt mir zuallererst auf. Wir haben gestern natürlich keine genaue Auskunft mehr über seinen Gesundheitszustand bekommen, das macht es jetzt ja so interessant. Und es ist sogar mehr als nur das Humpeln mit dem linken Bein. Den linken Arm hält er obendrein schützend vor dem Oberkörper, so dicht, als ob er da festgewachsen wäre. Schonhaltung, keine Frage.
Kalt ist ihm offenbar auch. Im Gegensatz zu anderen, uns eingeschlossen, aber von den Anzugträgern abgesehen, ist er dick angezogen und hat den Reißverschluss seiner Jacke auch noch bis oben hin zugezogen. Außerdem wirkt er ziemlich blass. Zumindest blasser als am Wochenende, wenn er zufällig durch mein Blickfeld gelaufen ist. Könnte sein, dass er Fieber hat. Armer Kerl! Muss fies sein, wenn es einen gleich im ersten Formel 1-Rennen so erwischt, und dann auch noch unverschuldet. Wir haben uns die Szene nach dem Rennen mal angesehen, weil eben Perez daran beteiligt war. Der hat viel zu spät gebremst, das war sogar mit bloßem Auge zu erkennen – für Seb. Mir fehlt dafür noch etwas die Übung, denke ich.

Dafür erkenne ich jetzt etwas anderes: Bei Lindström ist so ziemlich gar nichts im grünen Bereich. Laufen geht nicht richtig, sitzen auch nicht, dazu immer wieder ein – unbewusster? – Griff mit der rechten Hand in den Nacken. Vermutlich schmerzhaft verspannte Muskulatur. Nach einem Rennen schon nicht verwunderlich und noch weniger nach einem Einschlag. Und das HANS-System ist bei seitlichen Einschlägen wie seinem keineswegs so hilfreich wie bei frontalen. Im Gegenteil! Es schränkt die Bewegungsfreiheit ein und erhöht das Risiko einer Wirbelsäulenverletzung durch die Körperbewegung zur Seite. So gesehen hat Lindström Glück gehabt, einen verflixt schnellen Schutzengel oder was einem da sonst noch so einfällt. Und -

Was zum Teufel ist los mit mir?! Das ist nicht mehr normal! Nicht mal nach einer durchwachten Nacht! Aber er sieht schrecklich verloren aus, wie er da neben seinem Physio sitzt und sich so tief in der Jacke verkrochen hat, wie es sonst nur müde kleine Kinder tun. Wundert mich schon, dass Joakim sich nicht weiter drum kümmert. Auf der Fortbildung, bei der wir uns letztes Jahr begegnet sind, machte er noch den Eindruck eines besorgten großen Bruders auf mich. Davon ist gerade nichts mehr zu erkennen. Für mich vollkommen desinteressiert aussehend blättert er durch eine Zeitung. Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, den Kopf zu schütteln. So geht das doch nicht! Wenn es Seb gestern so erwischt hätte, würde ich jetzt alles andere tun, als in Ruhe Zeitung oder irgendwas anderes zu lesen. Ich würde mich um ihn kümmern, nicht um irgendwelche Artikel! Und am liebsten würde ich das jetzt auch bei Lindström machen. Kann ja keiner mit ansehen, wie er da sitzt!

„Heikki, du hast seit fast zehn Minuten verloren, weißt du das?“

„Was?“, schrecke ich auf.

Sebastian grinst: „Tetris.“

„Ach so.“

„Ach so? Bei Tetris? Willst du mich auf den Arm nehmen?“

Ich blinzle leicht verwirrt, aber Seb hat recht. Bei Tetris passiert mir das eigentlich nicht. „Weiß auch nicht“, murmle ich also.

„Aber ich.“

„Hä?“

Sebs Grinsen wird verschwörerisch und er flüstert fast: „Privatflugzeug. Es wäre noch Platz.“

„Nein“, gebe ich entschieden zurück.

„Nicht?“

„Überhaupt nicht. Die müssen doch auch ganz woanders hin“, wehr ich ab.

„Und? Fragen kostet nichts“, hält er dagegen, „Ich würd’s auch machen.“

Einen Moment lang bin ich wirklich versucht, nachzugeben. Doch was hätte ich davon? Das würde eh so enden, dass ich Smalltalk mit Joakim mache – was ich nicht will. Definitiv nicht! Ich weiß zwar nicht recht, was ich mir davon erhoffe, mich mit Lindström zu unterhalten, denn mehr als Smalltalk würde da bestimmt auch nicht herauskommen, aber das stört mich bedenklich wenig.

„Nicht meinetwegen.“ Die erste Entscheidung ist meist die richtige, selbst wenn sie sich, nachdem sie getroffen wurde, nicht so anfühlt. Und genau dafür sorgt Sebs skeptischer Blick jetzt bei mir.

*** ~~~ ***


Runes POV

Mir tut alles weh, ganz besonders links, und ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich so überhaupt durchschlafen konnte. Zu verdanken ist das wohl dem Schock. Allerdings war der nicht gerade hilfreich, als es darum ging, um halb sechs aufzustehen und zu packen. Aber ein Flugzeug wartet eben nicht, warten müssen wir – und das schon seit einer halben Stunde. Mittlerweile weiß ich nicht mehr, wie ich mich hinsetzen soll, weil es immer irgendwo schmerzt. Nur Rumstehen will ich auch nicht. Das sieht bescheuert und ungeduldig aus und dann tut der linke Knöchel auch irgendwie wieder weh. Es ist grauenhaft!
Und in geistiger Umnachtung hab ich das zweite Buch, das ich am Dienstag gekauft habe, in den Koffer gestopft. Heißt, da komme ich jetzt nicht mehr ran. Aber das im Handgepäck habe ich fast ausgelesen und in dem Laden ein paar Meter weiter gibt’s nichts, was mich wirklich interessiert. Nicht mal die Krimis klingen gut, obwohl das auch daran liegen könnte, dass ich im Moment schmerzbedingt unleidlich bin. Kalt ist mir ja auch noch. Kann gar nicht verstehen, wieso Joakim nur im T-Shirt warm genug ist. Ich friere selbst mit der Jacke noch entsetzlich. Dass mir nicht die Zähne klappern, ist schon alles Positive.
Kann das Boarding nicht endlich beginnen? Dann ginge wenigstens irgendwas vorwärts. Obwohl ich in Flugzeugen selbst dann friere, wenn es mir gut geht. Aber da gibt’s bestimmt Decken, weil der Flug so lange dauern wird und viele Passagiere das in der Regel für ein Nickerchen nutzen.

Lautlos seufzend hebe ich zum wiederholten Mal die rechte Hand und reibe mir den verspannten Nacken. Gestern gab’s keine Massage mehr. Joakim sagte, ich wäre eingeschlafen, bevor ich mich überhaupt zugedeckt hatte. Das hätte er machen müssen. Da kann ich ihm schwer böse sein, dass er nichts gemacht hat. Hätte ich auch nicht. Wäre auch ziemlich sinnlos.

„Hi Vogel“, flötet es plötzlich und als ich aufschaue, sehe ich Max auf mich zukommen. Allerdings muss ich mich sofort fragen, wie jemand mit so dunklen Augenringen so gut gelaunt sein kann. Das ist nicht normal!

„Hi“, mache ich leise.

Er lässt sich neben mir auf den freien Stuhl fallen. „Wusste ich doch, dass ich dich hier treffe. Wie geht’s dir?“

„So gut, wie’s einem am Tag nach ’nem Crash eben geht. Du hast doch mit Joakim gesprochen“, antworte ich ausweichend.

Max legt den Kopf schief. „Ja, schon, aber wirklich nur ’n verstauchtes Handgelenk und Prellungen?“

„Pack noch ’nen verstauchten Knöchel und ’nen steifen Nacken dazu, dann passt’s.“

„Fies“, murmelt er, „Sah auch genauso aus. Richtig, richtig fies.“

„Hä?“ Woher will er das wissen? Er hat doch zu dem Zeitpunkt selbst im Auto gesessen und musste sich aufs Fahren konzentrieren.

„Wir haben’s alle gesehen.“

„Echt?“

„Klar!“, versichert er mir, „Nach Pastors Crash selbstverständlich. Und jetzt warst es ja nicht nur du, Nico hat’s auch erwischt.“

„Oh“, mache ich, „Das hab ich nicht mitgekriegt. Ich weiß eigentlich gar nicht, was passiert ist.“

„Du kannst dich nicht erinnern?“ Es klingt nicht erstaunt, eher wie eine Feststellung.

„Genau. Nur noch an einen Funkspruch aus der Runde vorher, dann Black Out und danach an -“

„Da seid ihr ja!“

Der plötzliche Ausruf lässt mich zusammenzucken und ich komme nicht mal dazu, mich vom ersten Schrecken zu erholen, als man mir plötzlich auf die Schultern klopft. Jules Bianchi, Max’ Teamkollege, und Jean-Éric Vergne, stelle ich fest. Hat sich wenigstens gelohnt, sicherheitshalber jeden Piloten, dessen Aussehen ich nicht im Kopf hatte, bei Google durch die Bildersuche zu jagen. Es lebe das Internet!

„Sieht aus, als hätten wir alle denselben Flug erwischt“, grinst Jules uns an.

„Ach, gebt doch zu, dass ihr das mit Absicht gemacht habt“, erwidert Max, „Ihr wollt uns bloß vom Schlafen abhalten.“

„Blödsinn“, kommt’s von Jean-Éric, „Du siehst fit aus und Rune, du musst nicht schlafen, das hast du gestern schon gemacht, nicht?“

„Äh -“

„Wer äh sagt, stimmt zu“, bestimmt Jules nachdrücklich und ich beschließe, lieber erst mal den Mund zu halten, bis ich halbwegs durchschaue, was hier gerade abgeht.

Max schnaubt: „Ihr habt sie doch nicht alle.“

Jean-Éric und Jules grinsen sich an, bevor sie wie aus einem Mund erwidern: „Wir haben einen Ruf zu verteidigen.“

„Hä? Hab ich was verpasst?“, frage ich schnell nach. Die Gelegenheit scheint günstig für eine Frage wie diese zu sein, das muss genutzt werden.

„Allerdings“, sagt Jules, „Robin hat uns gestern den Titel duo infernale verliehen.“

„Als ob ihr das vorher noch nicht gewesen wärt.“ Max schüttelt leicht den Kopf.

Ich weiß zwar nicht, wer Robin ist, aber wenn es schon heißt, dass ich was verpasst hab, kann ich gleich noch mehr Fragen stellen. Das ist ziemlich gut, denn dann erfahre ich vielleicht etwas über mich oder besser gesagt mein altes Ego, das nicht im Internet zu finden ist.

„Was habt ihr gemacht?“

„Perez fertig, das haben sie gemacht“, kommt Max ihnen beiden zuvor.

Jean-Éric zuckt kurz, aber heftig mit den Schultern. „Er hat’s nicht besser verdient. Es hätte jeden von uns treffen können. Und du kannst auch nicht wissen, ob er jetzt nicht versucht, jedes Rennen einen mehr abzuschießen.“

„Ich finde, du übertreibst ein bisschen.“ Max spricht nun ein wenig leiser, fast vorsichtig, würde ich sagen, aber sicher bin ich nicht. Dafür kenne ich ihn nicht so gut, wie ich sollte.

Doch Jules springt seinem Landsmann bei: „Das würdest du nicht sagen, wenn er dich erwischt hätte, oder, Rune? Was sagst du dazu?“

„Was soll ich dazu sagen?“, will ich wissen. Was sagt man denn, wenn man abgeschossen wurde? Mittlerweile ist es nicht mehr so, dass ich mich darüber wirklich ärgere. Ich bin einfach nur froh, dass mir nichts Schlimmeres passiert ist und fertig. „Dafür müsste ich doch erst mal wissen, was ihr ihm an den Kopf geworfen habt.“

„Wem? Perez?“ Jules legt den Kopf schief.

Ich nicke.

„Dass er seinen Frust gefälligst anders ablassen und endlich fahren lernen soll“, sagt Jules.

Jean-Éric ergänzt: „Ich hoffe, dass die Stewards ihm diesmal so richtig den Arsch aufreißen. So geht’s doch nicht! Andere werden zwangspausiert, wenn sie nicht mal halb so viel Mist machen, und der kriegt ’n Freifahrtschein. Was ist denn das bitte für ’ne Welt?“

„Die reale, Jean“, beantwortet Max die rhetorische Frage kühl, „Und es wäre schön, wenn du da auch mal ankommen würdest.“

Der Toro Rosso-Pilot will etwas erwidern, doch im gleichen Moment klingelt sein Smartphone. Er hält inne, kramt es aus der Hosentasche und wirft einen Blick drauf. „Ey, Rune, Esteban fragt, ob er deine neue Handynummer haben kann. Und sie an Nico weitergeben darf.“

„Ja, klar“, antworte ich ohne zu überlegen. Die werden einen guten Grund haben, wenn sie meine Nummer wollen, sonst würden sie nicht fragen. Warum also nicht? Ich kann’s mir nicht leisten, sowas abzulehnen, denke ich mir, nicht, nachdem ich mich an so vielen Stellen unbeliebt gemacht habe.

„Super.“ Jean-Éric klingt begeistert, tippt eilig etwas und steckt das Smartphone wieder weg. „Mal schauen, wie lange es dauert, bis deins klingelt.“ Er grinst mich an.

„Wir könnten wetten“, schlägt Max vor, erntet von den beiden Franzosen aber nur ein leises, leicht genervtes Stöhnen.

„Bitte nicht“, murmelt Jules dann, „Du gewinnst eh immer.“

Max lacht: „Ich bin Engländer, das ist genetisch bedingt.“

„Vielleicht hätten wir seine Gene gestern Abend doch mal mit den Schotten alleinlassen sollen“, meint Jean-Éric gerade noch in hörbarer Lautstärke an Jules gewandt.

„Pah“, mache ich genauso leise, „Was seid ihr denn für Franzosen, wenn ihr dafür Schotten braucht?“

Für einen Augenblick sind alle drei still, dann bricht Max in beinahe irres Gekicher aus. Er kriegt sich gar nicht wieder ein, steckt uns stattdessen allesamt an. Es ist verrückt. Eigentlich sollten Jules und Jean-Éric das nicht besonders lustig finden, aber nun ja…

„Können wir ja bis zum Saisonende nachholen“, japst Jules schließlich, als wir uns wieder beruhigt haben. Ich für meinen Teil habe sogar ein wenig Seitenstechen vom Lachen, aber es hat verdammt gutgetan, das lässt sich nicht leugnen. Irgendwie fühle ich mich dadurch wieder wie ein normaler Mensch und auch schon gar nicht mehr so schrecklich angeschlagen.

„Das traut ihr euch eh nicht, wetten?“, haut Max raus.

Und wir fangen wieder an zu lachen, ohne Rücksicht auf unsere Umgebung.

*** ~~~ ***


Sebastians POV

Ich weiß nicht, was ich seltsamer finden soll. Dass Heikki Lindström beobachtet oder dass Lindström sich gerade gar nicht so benimmt, wie man vermuten könnte. Von dem Arschlochverhalten, das er in Jerez an den Tag gelegt hat, ist nichts zu sehen, nicht mal der Hauch einer Spur. Er sitzt da mit Chilton, Bianchi und Jean-Éric und scherzt und lacht, kurz: Er wirkt wie ausgewechselt.

Aber Heikki auch. Normalerweise starrt er Leute etwas dezenter an. Das hier ist schon ziemlich auffällig, das muss man sagen. Naja, wäre nicht unbedingt schlecht, wenn es ihn erwischt hätte. Die Trennung ist jetzt schon fast ein halbes Jahr her, es wird Zeit, dass er wieder auf einen grünen Zweig kommt oder zumindest mal die letzten Umzugskartons ausräumt, die sich in seinem Schlafzimmer stapeln. Heimelig sieht nämlich anders aus, besonders in einer Zweizimmerwohnung, in der sich Arbeits- und Wohnzimmer im selben Raum befinden.

„Jetzt reicht’s“, beschließe ich laut.

Heikki sieht mich überrascht an. „Was reicht?“

„Ich mache jetzt Nägel mit Köpfen.“

„Wovon sprichst du?“, will er wissen.

„Es geht auf keine Kuhhaut mehr, wie du da hinschaust“, erkläre ich, „Ich geh jetzt rüber und frage, ob er schon ’nen Flug von Indien nach Abu Dhabi hat und wenn nicht, dann fliegt er mit uns.“

„Hältst du das echt für ’ne gute Idee, Seb?“ Er hört sich skeptisch an, aber das ignoriere ich.

„Ja.“

„Aber er ist nicht mehr allein da“, merkt Heikki an.

„Und?“

„Naja, es wäre ein wenig unhöflich, wenn du nur ihn -“

„Ach was“, unterbreche ich ihn. Er sucht Ausreden, ich merk’s. Wäre es anders, könnte er mich ja ansehen, während er spricht. „Wir haben doch nur noch zehn Minuten. Ich bin wieder weg, bevor sich irgendwer beklagen kann, du kannst endlich aufhören, Lindström anzustarren als gäbe es kein Morgen mehr und kriegst deine Gesprächsmöglichkeit in aller Ruhe. Ist doch kein Ding der Unmöglichkeit.“

„Aber -“

Mehr höre ich nicht, denn ich bin schon aufgestanden und auf dem Weg zu den vieren, die sich jetzt seit mehr als fünf Minuten über irgendetwas schlapplachen. So sehr, dass sie alle immer wieder nach Luft schnappen müssen. Irgendwie beneide ich die Besatzung ihres Fluges nicht und hoffe, dass sie Ohrstöpsel dabeihaben. Auf Dauer könnte das sonst anstrengend werden.

Schließlich bin ich aber da, und klopfe Jean-Éric kumpelhaft auf die Schulter, um mich bemerkbar zu machen. Das ist am einfachsten so, immerhin gilt die Scuderia Toro Rosso ja als Nachwuchsförderteam von Red Bull. Da kennt man sich.

„Hi Seb“, grüßt er, als er mich erkennt und ich setze mich auf den freien Platz neben ihm. Auf seiner anderen Seite sitzt Bianchi.

„Hi Leute“, sage ich. Das muss reichen. Ich hab eigentlich keine Zeit, jeden einzeln zu begrüßen. Dafür sind zehn Minuten wiederum zu wenig. Die anderen drei murmeln zur Begrüßung was zurück. Ich achte nicht genau darauf, was sie sagen. So wichtig ist es nun auch wieder nicht.

„Was verschafft uns denn die Ehre?“, will Jean-Éric dann wissen. War ja irgendwie klar, dass er zum Wortführer wird. Wir beide kennen uns hier noch am besten.

„Meine Neugier“, räume ich ein, auch wenn das nicht ganz stimmt, aber komplett mit der Tür ins Haus fallen will ich nicht. „Was macht ihr?“

„Runes Crash aufarbeiten“, meldet Bianchi sich zu Wort.

Chilton nickt bestätigend: „Ist dringend nötig.“

Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht die Wahrheit ist. Lindström selbst sagt nämlich nichts dazu, schaut stattdessen irgendwie angestrengt in eine andere Richtung. Heikkis Richtung. Ob er ihn allerdings ansieht? Keine Ahnung. Kann ich so nicht erkennen. Doch wenn er es tut, dann wird mein Physio gleich gehörig durch den Wind sein und hoffentlich etwas anderes im Kopf haben als Tetris, Schlaf oder Arbeit.

„Gibt’s denn was Neues von den Stewards?“, will ich wissen, diesmal direkt an Lindström gewandt. Irgendwie muss ich schließlich die Kurve kriegen und mit ihm ins Gespräch kommen, sonst wirkt die Frage gleich total aus der Luft gegriffen, was mir nicht recht wäre.
Alle Blicke richten sich auf ihn, er scheint es zu bemerken, sieht in die Runde und zuckt dann mit den Schultern:

„Ich hab noch nichts mitgekriegt. Scheint wohl was komplizierter zu -“

„Das ist überhaupt nicht kompliziert, Rune“, fällt Jean-Éric ihm ins Wort, „Perez hat nicht rechtzeitig gebremst und damit basta!“

„Aber er ist die letzten paar Mal auch schon so davongekommen“, murmelt Lindström kaum hörbar. Auf mich wirkt er in diesem Augenblick erstaunlich hoffnungslos und erschöpft. Andererseits macht er gerade sowieso keinen besonders fitten Eindruck, also stimmt das Gesamtbild irgendwie.

Ich schüttle kurz den Kopf. „Das können sie nicht immer so machen, schon gar nicht nach Korea. Irgendwann ist ’ne Grenze erreicht und verwarnt hatten sie ihn ja schon mal. Ich glaube, diesmal ist er dran.“

Lindström sieht mich an als hätte ich ihm gerade erklärt, der Himmel bestünde eigentlich aus rosa Zuckerwatte. Er ist, abgesehen von mir selbst, offensichtlich der einzige, der nicht der Ansicht ist, die ich gerade zum Besten gegeben habe. Trotzdem schweigt er und ich sehe mich aufgrund der knappen Zeit gezwungen, zum Punkt zu kommen:

„Hast du schon ’nen Flug von Indien nach Abu Dhabi gebucht?“

„Nein“, lautet die verwunderte Antwort.

„Bock drauf, bei mir mitzufliegen?“ Das hört sich total bescheuert an. Vielleicht hätte ich mir vorher mal Gedanken um die Formulierung machen sollen, aber jetzt ist’s zu spät. Abgehakt.

Er runzelt kurz die Stirn, wirkt genauso lange irritiert, bevor er antwortet: „Ja.“

Mehr nicht, aber ich bin zufrieden damit. Das ist eine klare Antwort und das finde ich gut. „Super“, freue ich mich. Aber noch mehr freue ich mich darüber, Heikki gleich unter die Nase reiben zu können, dass alles so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe. Das ist großartig! „Details müssten wir aber später besprechen, mein Flieger geht gleich. Lass mal Handynummern tauschen.“

Der Einfachheit halber halte ich ihm mein Smartphone hin. Es geht schneller wenn wir die gegenseitig eben ins Telefonbuch tippen. Die Dinger funktionieren ja eh alle gleich. Lindström reicht mir seins, nimmt dann meins. Doch im nächsten Augenblick schaue ich reichlich blöd aus der Wäsche. Seins ist unverkennbar auf Schwedisch. Daran hab ich nun nicht gedacht. Genauso wenig wie daran, dass meins auf Deutsch eingestellt ist. Ups.
Ich schaue auf und will das Versehen gerade anmerken, aber da hält Lindström mir mein Smartphone schon wieder hin.

„Bitte“, sagt er.

Ich stutze überrascht, nehme es entgegen. „Wie -“ Das kann nicht sein. Ich weiß ganz genau, dass meins auf Deutsch eingestellt ist!

Lindström grinst fast entschuldigend. >Ein wenig Deutsch ich kann schon früher<, sagt er dann.

>Von früher?<, hake ich nach. Der hat doch sonst immer so viel geredet! Aber nie davon! Das gibt’s einfach nicht. Wie kann jemand denn so viel Müll verzapfen und sowas dabei nicht preisgeben? Das ist einfach… einfach… Das zieht einem glatt die Schuhe aus.

>Ja, ich kann von früher. Ich mache immer falsch.<

Noch während ich überlege, ob ich jetzt auf Deutsch oder Englisch weitermachen soll, höre ich Heikki nach mir rufen. Es wird Zeit. Lindström hat mich total aus dem Takt gebracht. So lange sollte das hier eigentlich nicht dauern.
Eilig gebe ich ihm sein Smartphone zurück – jetzt eben immer noch ohne meine Nummer – und stehe auf. „Sorry, muss los. Ich melde mich bei dir.“

„Okay.“ Lindström nickt.

Irgendwie verabschiede ich mich noch von ihnen, dann hetze ich zurück zu Heikki, der mit skeptischem Gesichtsausdruck auf mich wartet. Ich merke, dass er etwas fragen will, schüttle gleich den Kopf. Das muss ich selbst erst ein paar Minuten verdauen und wir werden gleich noch genug Zeit zum Reden haben.

*** ~~~ ***


Runes POV

Das war ja mal echt hart! Voll abgefahren! Sprachlos starre ich das Smartphone an, nachdem ich mich vergewissert habe, dass es auch wirklich meins und keine Verwechslung passiert ist. Hölle, verdammt, zum Glück hab ich meine Telefonnummer noch auswendig gelernt, sonst wäre das jetzt unangenehm geworden, also so irgendwie.
Wir sitzen alle da wie die Ölgötzen. Niemand sagt was oder rührt sich und das so lange, bis Vettel und sein Physio verschwunden sind.

Aber Jean-Éric fasst sich dann immer noch sehr kurz. „Krass!“, sagt er, „Ist das grad echt passiert?“

Es dauert einen Moment, dann reagiert Jules: „Ich kann dich kneifen, wenn’s dir hilft. Mir kam’s aber ziemlich real vor, Kumpel.“

„Das nur zu den Flügeln, Vogel“, meint Max trocken und grinst mich an.

Meine Mundwinkel zucken, aber ein richtiges Grinsen wird nicht daraus. Sebastian Vettel hat mir grad tatsächlich angeboten, mit ihm zusammen nach Abu Dhabi zu fliegen. Der Sebastian Vettel! Der jüngste Weltmeister aller Zeiten! Und ich hab Ja gesagt! Absolut unfassbar das Ganze.



***
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