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Kinoabend

von Breq
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Lilly Rush Scotty Valens
28.06.2013
08.07.2013
3
6.545
1
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.06.2013 2.342
 
Die Serie Cold Case gehört noch immer nicht mir, genau so wenig wie die in ihr vorkommenden Charaktere. Mir gehört aber natürlich alles, was ich mir selber zusammengesponnen habe.
Ähnlichkeiten zu lebenden oder toten Personen sind unbeabsichtigt.

Ich hoffe das neue Kapitel gefällt allen,

viel Spaß! :)

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Lilly schmiss die Tür des Taxis zu und eilte zum Rest ihres Teams unter den kurzen Dachüberstand des Capitols. Der riesige, graue Bau wirkte trotz der enormen Größe gedrungen und im stömenden Regen noch trister als normalerweise. Der Haupteingang wurde von Strahlern erhellt und über die komplette Breitseite waren Schaukästen mit Kinoplakaten angebracht. Ein roter Teppich führte zu den gläsernen Flügeltoren und eine übernatürlich große Filmkamera prangte schräg über ihnen, sowie auch einige Fake-Filmrollen. Eine Traube von Menschen stand vor den Toren des Kinos, dem Anschein nach alle in ausgelassener Laune. Sie fragte sich, was Miller für einen Film ausgesucht hatte, denn am Morgen wollte sie nichts davon erzählen und hatte nur kryptisch gelächelt. Lilly musste nachdem sie alle begrüßt hatte feststellen, dass Scotty ohne Anzug in Jeans, Pullover und mit Lederjacke noch besser aussah als sowieso schon und die Tatsache, dass gefühlte tausend weitere Leute auch unter dem Überstand Platz haben wollten und sie dadurch gegen ihren Partner gedrückt wurde, machte es so gut wie unmöglich für sie das Ziehen in ihrem Inneren zu ignorieren. Sie blickte ihn von unten herauf an. Am liebsten würde sie ihn zu sich hinunterziehen und ihre Lippen auf seine pressen, aber sie tat es nicht. Sie tat es nie. Ihre Wangen erröteten.
"Würden Sie uns jetzt aufklären, Kat? Welchen Film wollen sie mit uns sehen?" Fragte Valens, welcher am nächsten zum Haupteingang stand.
"Ich habe den Film nach Ausschlussverfahren ausgewählt. Keiner von uns will den Film mit den korrupten Cops sehen, genau so wenig wie hier jemand den Heimat-Film gucken möchte. Die beiden Liebesfilme wären höchstens für Lil und mich etwas - und vielleicht für Valens", sie grinste ihn an. "Ich habe mir erlaubt die beiden "World End"-Filme auszuschließen, sowie den "Zombie-Apokalypse"-Film auszusortieren. Uns bleibt also nur noch der dort", Kat zeigte hinter sich auf ein Plakat.
Lilly reckte den Hals um das Plakat sehen zu können, erstarrte aber in der Sekunde, in der sie es erkannte. Das Gesicht eines kalkweißen Mädchens, welches zu einer schmerzerfüllten Grimasse verzogen war, starrte jeden vor dem Kino an, den blutigen Mund weit aufgerissen und die gesprungenen Lippen überstrapaziert schien es einen markerschütternden Schrei von sich zu geben. Das Kind wurde von etwas Unsichtbarem am Haar zurück in die Schwärze des Hintergrundes gerissen und in verblendenden, weißen Buchstaben stand "Dark Streets" über dem Kopf geschrieben.

-flashback-

"Lilly, woher kommen die Schreie?", fragte das kleine blonde Mädchen neben ihr im Bett. Ihre Stimme war ein leises Flüstern.
"Das ist der Fernseher."
"Ich hab Angst davor..."
Lilly atmete tief ein und ließ die Luft langsam wieder aus ihren Lungenflügeln entweichen. Natürlich hatte Chris Angst. Chris hatte immer Angst. Sogar tagsüber.
Sie schwang ihre Beine über die Bettkannte und wollte aufstehen, aber eine kleine Hand krallte sich in ihren Arm. Sie zuckte zusammen als die Fingernägel sich in ihre Haut gruben. Lilly verdrehte genervt die Augen, sie konnte sich doch nicht zweiteilen! Als sie sich umweandte sah sie blaue Augen die sie anstarrten. Blaue Augen die ihren eigenen so sehr ähnelten.
"Ich muss nach unten gehen, wenn die Schreie aughören sollen, Chris. Lass mich los", murrte die Zehnjährige und befreite sich aus dem Griff ihrer jüngeren Schwester.
Sie verließ die beschützende Wärme der gestreiften Decke, stand auf und begann über den Flur zu tapsen, mit leisen Schritten die Treppe nach unten zu gehen, ehe sie vor der Tür zum Wohnzimmer innehielt. Das Kreischen war nun lauter, viel lauter als man es oben hatte vernehmen können, es drang vernehmlich durch die abgesplitterte Holztür. Ihr Inneres zog sich zusammen, sie wollte nicht in das Zimmer hinter dieser Tür. Aber sie musste den Ton ausschalten, sonst würde Christina nicht schlafen können.
Ihre zitternde, blasse Hand umfasste die kalte Türklinke, aber sie konnte sich nicht dazu durchringen sie zu öffnen. Stattdessen kauerte sie sich klein zusammen und rutschte in eine Ecke des Flures. Was auch immer um diese Uhrzeit von den Sendern ausgestrahlt wurde war nicht für Kinder. Die Wanduhr zeigte 01:53 Uhr an. Sie war zehn und sie wusste das dieses Programm nicht einmal für Erwachsene vollkommen harmlos war.

- flashback Ende -


"...jemand etwas dagegen?", fragte Miller gerade. Lilly hatte das Gefühl, dass sie nicht zufällig auf diesen Horrorfilm gekommen war, viel mehr wirkte ihre Erklärung gestellt und unecht. Wahrscheinlich ging aber Lillys Fantasie mit ihr durch. Sie konnte keine Schwäche zeigen, nicht einmal vor ihren Kollegen und das Letzte, dass sie tun würde wäre es, ihre Angst zuzugeben, also blieb sie einfach stehen und machte überhaupt nichts. Sie hoffte nur inständig, dass Scotty in ihrer Nähe bleiben würde, es war schon so schwer genug für sie durch diese Menschenmenge durch zu müssen, aber ein Horrorfilm verschlimmerte ihre Lage um ein Vielfaches. Wenn sie jetzt schon kaum drei Stunden schlief würde sie heute Nacht wahrscheinlich von vorne herein wach bleiben, zu viel Angst vor den Träumen die sie heimsuchten.
"Dann los", meinte Vera und begann sich durch die Menschen zum Eingang zu kämpfen. Kat folgte ihm, sowie Jeffries ebenfalls - Stillman war nicht hier, er hatte einen anderen Termin. Lilly wollte losgehen, spürte aber das ihre Beine sich nicht einen Zentimeter bewegen ließen, alles in ihr sträubte sich, sich diesen Film anzusehen. Sie hätte sich fast selbst ausgelacht. Sie hatte Angst vor einem dummen Film - ihre Psyche musste wirklich kaputt sein wenn sie nach soetwas nicht richtig schlafen konnte. Selbst Teenager schlichen sich irgendwie in diese Psycho-Splatter-Filme und sie selbst, eine Polizistin der Mordkomission, hatte Angst davor. Lächerlich, das war wirklich lächerlich.
"So schlimm wird er nicht sein, Lil", hörte sie die leise, beruhigende Stimme ihres Partners. Er stand nur etwas nach links versetzt hinter ihr, sie konnte seinen Atem im Nacken stühren. Lilly fühlte, wie ein Zittern durch ihr Rückgrat fuhr, nur wegen ihm. Trotzdem bewegte sie sich kein Stück, ehe er neben sie trat und ihr eine Hand ins Kreuz legte. Ihre Kollegen waren alle bereits bis zum Eingang vorgedrungen und in der Menge waren sie wie ein Gesichtsloses Paar. Hier kannte sie niemand, Lil war sicher das Scotty sonst nie gewagt hätte, was er nun tat. Er nahm sie mit, seine Hand in ihrem Kreuz ließ Wärme in ihren Körper sickern und der sanfte Druck den er ausübte ließ sie los- und neben ihm zum Eingang gehen. Dort angekommen ließ er zwar seine Hand von ihrem Rücken gleiten, blieb aber erst dicht neben ihr stehen, ehe auch er irgendwo in der Menge verschwand.
Miller hatte sich bis zum Schalter vorgekämpft und die Karten gekauft, außerdem hatten Jeffries und Vera Getränke für alle gekauft. Valens hatte mehrere Schachteln Süßkram besorgt, nun stellte er sich wieder dicht neben sie, ehe die komplette Einheit begann Richtung Kinosääle zu gehen. Lilly redete sich ein, dass es nicht so schlimm werden würde und sie hätte sich fast selbst überzeugt, bis sie den Kinosaal betraten. Er war überfüllt, es waren nur noch vereinzelt Plätze frei, auf keinen Fall genug um die Einheit komplett beieinander sitzen zu lassen. Sie fühlte sich gehetzt, Panik schwappte über sie herein und plötzlich fand sich Lilly in einer in der Mitte gelegenen Reihe wieder, Scotty, Nick und Will vier Reihen weiter vorne, neben ihr auf dem abgeschlagenen, roten Kinosessel Kat Miller, weche eine riesige Packung Popcorn in der Hand hielt. Lilly blickte sich um, die Panik war noch immer in ihrem Inneren und die Ermittlerin versuchte mit allen mitteln sie unter der Oberfläche zu halten.
"Valens hat mal wieder übertrieben. Nicht einmal er könnte so viel Popcorn essen", meinte Kat und verdrehte spaßend die Augen als sie die Popcornpackung in die Luft hielt. Lillys Blick wanderte zu der rot-weiß gstreiften Papiertüte, klammerte sich an einzelnen Knicken und Falten fest und sie zwang sich ein Lächeln für Kat auf. Diese schien kein Problem zu haben sich einen Horrorfilm anzusehen, sie trank gut gelaunt aus ihrer Limonadenflasche und wippte vergnügt mit dem Fuß hin- und her.
Lilly fröstelte als der Saal dunkel wurde und die Werbung vor dem Film startete. Die Lampen gingen nur langsam aus, aber irgendwann erlosch auch das letzte bisschen Helligkeit aus dem Raum und hinterließ die beiden Frauen eingequetscht zwischen schmierigen Schranktypen in der Kinoreihe. Sie blickte nach vorne, vielleicht war gerade die Hälfte der Werbung verstrichen und der Hauptfilm würde bald beginnen, sie fröstelte wieder, ein Schauer lief über ihren Rücken und sie musste sich mehr anstrengen ihre Angst zu unterdrücken, aber dann hörte sie eine leise Stimme. Ihr Blick wanderte zu der Seite, auf der Miller saß. Scotty stand gebückt dort und redete leise mit ihr, der breite Mann, der Kat von Scotty im Gang trennte blickte den Detective finster an. Er straffte seine breiten Schultern und räusperte sich, ehe er entnervt die Luft ausstieß und sich damit begnügte weiterhin einen bösen Blick zu behalten.
Rush biss sich auf die Unterlippe, so gern sie Kat hatte, sie würde lieber neben Scotty sitzen. Und tatsächlich: Miller stand auf und begann ihren Weg vier Reihen nach vorne zu Scottys früherem Sitzplatz und Scotty ließ sich neben ihr nieder.
"Als könnte ich zwei Stunden neben Vera aushalten. In einem Horrorfilm. Ich meine: er wird sich nicht mehr einkriegen vor lachen, du kennst ihn." Antwortete er auf ihren fragenden Blick.
"Und wie...?" Wie hatte er Miller dazu gebracht den Platz mit ihm zu wechseln? Außerdem: Wieso sollte er neben ihr sitzen wollen? Lieber als neben Vera und Jeffries?
"Vorwand", sagte er nur und zuckte die Schultern. "Außerdem weiß ich, dass du die hier", er hielt triumpfierend eine Packung Schokoladenlinsen in die Höhe, "viel lieber magst als Popcorn." Er lächelte sie warm an.
"Dafür wird sie dich bluten lassen", lächelte die Ermittlerin erleichtert, glücklich dass er hier war. Die Tatsache das er neben ihr saß machte sie ruhiger. Aus welchem Grund auch immer, die Vorstellung Ray hier neben sich zu haben ließ Unwohlsein in ihr aufkochen. Ray war nie... er verstand sie nicht, Scotty aber schon. Besser noch als Patrick, besser als Eddie, besser als ihre Mutter, ihre Schwester, besser als jeder andere.
Sie saß auf einer Doppelbank neben Scotty, also wurden sie von keiner Lehne getrennt und waren direkt nebeneinander. Sie konnte die Wärme spüren, die von seinem Körper abgestrahlt wurde. Beruhigend.
Die Handlung des Hauptfilmes hatte bereits begonnen, als sie das erste mal richtig die Leinwand ansah. Der ganze Film begann vollkommen harmlos, eine Familie die neu in ein sehr bewaldetes Gebiet zog, ein nettes, uraltes Haus mit viel Platz - viel zu viel eigentlich, für vier Personen. Dann beginnen die Nachbarn komische Andeutungen zu machen, es knartscht im Flur während der Nacht, als würde jemand die Treppen auf und ab steigen, wieder und wieder. Jede Nacht. Sachen verschwinden oder hatten sich am Tag darauf verschoben. Wieder und Wieder. Die Pflanzen der Familie sterben plötzlich von einer Minute zur nächsten und die Gemälde scheinen sich beim betrachten zu verändern.

- flashback -

Chris lag oben im Bett, Lilly musste sich um sie kümmern, denn ihre Mutter lag wahrscheinlich mit einer Flasche Vodka im Arm auf dem Sofa. Sie rappelte sich auf die Beine und trat ins Wohnzimmer, hielt den Blick am Boden, studierte die dreckigen Muster.
Verzweifeltes Kreischen und Getöse flutete den kompletten Raum, und dann sah sie auf.
Der flimmernde Fernseher zeigte das Bild nur verzogen, aber das machte alles noch viel schlimmer. Ein Mann stand da, in der Hand eine laufende Motorsäge und beugte sich über eine wimmernde Frau.
Lil wollte sich wegdrehen. Wollte wieder die beruhigenden Muster des Bodens anstarren, aber ihr Blick war am Geschehen festgenagelt.
Das rotierende Sägeblatt näherte sich dem Schädel der Frau. Sie schrie. Der Mann lachte zynisch auf.
Die Augen des Mädchens weiteten sich in Horror, als schier unendliche Mengen Kunstblut aus dem zersägten Kopf der Frau im Fernseher quoll. Es wirkte echt - zu echt für ein zehn Jahre altes Mädchen.
Sie streckte ihre Hand nach der abgegriffenen Fernbedienung aus, aber sie stand nicht nah genug am Wohnzimmertisch um sie erreichen zu können. Lilly schob sich Schritt für Schritt weiter nach Vorne, ehe sie ein weiteres Mal nach dem Plastikteil griff.
Ein erleichtertes Wimmern ausstoßend drückte sie den roten Knopf links oben in der Ecke.
Es passierte nichts.
Lilly blickte wieder auf.
Zersägte Körper im Fernsehbild. Ein mit Blut besudeltes Mädchen das durch den Wald rannte. Hinter ihr raschelte es, irgendetwas musste dort sein. Das Mädchen stolperte. Über den Torso eines verstümmelten Mannes. Der Rest seiner Gliedmaßen lag über einige Meter verteilt auf dem Boden, die Kleine schrie, weinte, irgendwann gurgelte sie nur noch. Hustete, und schließtlich blieb sie reglos liegen.
Lilly drückte verzweifelt wieder und wieder den Knopf, ehe sie nah zu dem Gerät lief und den Stecker aus der Steckdose riss. Das Bild verschwand, der Ton ging aus und Lilly blieb zurück in klirrender Stille, welche nur von ihrem eigenen Schluchzen durchbrochen wurde.
Das Mädchen wandte sich um und blickte mit harten, blauen Augen auf ihre schlafende Mutter auf dem Sofa. Die blonde Frau hielt eine Flasche Vodka im Arm, wie anzunehmen gewesen war.
Das Kind schmiss die Fernbedienung zu Boden und störte sich nicht daran, dass Teile des spröden Plastiks abbrachen. Sie schritt leise über den dreckigen Teppich im Wohnzimmer, stieg lautlos wie ein zwielichtiger Geist die Treppen nach oben und legte sich in ihr Bett, ließ Christina alleine in ihrem. Etwas hatte sich verändert.
"Du kannst jetzt schlafen, Chris. Alles ist gut", und es war das erste Mal, dass Lilly schreiend von ihren Albträumen erwachte. Es war das erste Mal, dass ihre Stimme wirklich eiskalt klang. Und es war alles, nur nicht das letzte Mal.

- flashback Ende -


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Jeder bittet doch um Rewievs, oder? So auch ich :)

Liebe Grüße,

Kahlan
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