Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
118
Alle Kapitel
395 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
27.06.2013 6.655
 
Kapitel 6 – Damit sie ihre Macht nicht missbrauchen



Die Türen der Gildehalle öffneten sich. Ein grauuniformierter Diener eilte durch den Mittelgang zur Empore. Er verneigte sich vor den höheren Magiern und reichte Administrator Osen ein zusammengefaltetes Blatt Papier.

Rothen beobachtete, wie der Administrator es entfaltete und einen Blick darauf warf. Obwohl es nicht seine erste Gildenversammlung als Leiter der alchemistischen Studien war, hatte er sich noch nicht vollständig an seinen neuen Platz gewöhnt. Es überraschte ihn, wie viel mehr er sich dadurch als Teil eines Ganzen empfand. Seine Meinung war jetzt gefragt, denn er war mehr als nur ein Zuschauer, der gelegentlich eine Lichtkugel schuf, um an einer Abstimmung teilzunehmen.

Administrator Osen legte den Zettel beiseite und sah auf.

„Die Anhörung bezüglich des Wiederaufbaus von Lord Davins Wetterausguck wird vertagt“, verkündete er und schlug einen kleinen Gong.

Auf dem Gesicht des Alchemisten machten sich Ärger und Enttäuschung breit. Rothen verspürte ein jähes Mitgefühl. Davin kämpfte bereits seit Jahren für die Genehmigung seines Projekts. Es schien, als würden ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt. Rothen hatte sich für eine erneute Genehmigung ausgesprochen, weil Lord Davins Vorhersagen inzwischen recht häufig zutrafen, was seinem Projekt eine gewisse Wissenschaftlichkeit verlieh. Die endgültige Entscheidung musste jedoch durch eine Abstimmung in der Gildenversammlung geschehen und der Ausgang war fraglich, weil seit der Schlacht das Geld an allen Enden fehlte.

Rothen ließ seinen Blick durch die Gildehalle schweifen. Für einen Vormittag waren die Sitze erstaunlich gut gefüllt. Lord Davins Wetterforschung löste immer wieder kontroverse Diskussionen unter den Magiern aus. Der eigentliche Grund, warum fast die gesamte Gilde anwesend war, war jedoch von anderer Natur. Rothen suchte in der Menge nach Dorrien, aber keiner der grüngewandeten Magier ähnelte seinem Sohn.

Rothen verspürte eine vage Enttäuschung. Er hatte erwartet, Dorrien würde sich diese Versammlung nicht entgehen lassen. Aber wahrscheinlich war genau der Punkt in der Tagesordnung, weswegen er so fest mit Dorriens Anwesenheit gerechnet hatte, der Grund für sein Fortbleiben.

„Lord Davin, bitte kehrt zurück auf Euren Platz“, wies Osen den Alchemisten an, der noch immer vor der Empore stand an. Mit hängenden Schultern wandte dieser sich zu den Reihen der Magier und setzte sich auf einen freien Platz.

Der Administrator erhob sich verkündete mit magisch verstärkter Stimme: „Erhebt Euch und beugt Euer Knie vor König Merin, dem Herrscher über Kyralia.“

Ein Raunen ging durch die Halle. Roben raschelten, als einhundert Magier sich von ihren Plätzen erhoben und auf ein Knie sanken. Rothen und seine Kollegen auf der Empore taten es ihnen nach.

Die Türen öffneten sich erneut. König Merin, gehüllt in ein kostbares, orangefarbenes Gewand, das mit seinem Incal, dem goldenen Mullook, bestickt war, schritt gefolgt von seinen Beratern durch die Gildehalle. Ein goldener Halbmond baumelte an einer langen Kette aus Gold – das königliche Siegel. Er bestieg die Empore und setzte sich auf den freien Stuhl oberhalb von Balkan. Lord Rolden und Lord Mirken nahmen zu seinen beiden Seiten Platz.

„Erhebt Euch“, sprach Merin. Die Magier erhoben sich und setzten sich wieder auf ihre Plätze.

Der König nickte dem Administrator zu. „Administrator, wir können anfangen.“

Osen neigte den Kopf. „Sehr wohl, Euer Majestät.“ Er winkte den Diener herbei. „Holt sie herein.“

Der Diener verneigte sich und eilte zurück zur Tür. Nur wenige Augenblicke später kehrte er gefolgt von zwei schwarzgewandeten Gestalten zurück.

Akkarin und Sonea.

Es war immer wieder bemerkenswert, wie winzig sie neben ihm wirkte, was nicht nur an Akkarins hochgewachsener Gestalt lag. Sonea schien nervös und blickte allenthalben zu ihrem Gefährten auf. Auf ihrem Weg durch die Halle war nichts außer ihren Schritten zu hören. Vor den höheren Magiern blieben sie schließlich stehen. Akkarin berührte kurz ihre Schulter, worauf Sonea sich ein wenig entspannte.

Offenkundig stolz, eine solch wichtige Ankündigung machen zu dürfen, schwoll Osens Brust an, als er verkündete: „Die Gilde wird nun Zeuge sein, wie Lord Akkarin von Delvon, Haus Velan, und seine Novizin Sonea, seit vier Tagen wieder in die Gilde aufgenommen, vor unserem König Merin, Sohn von Terrel folgenden Eid leisten: Sie werden schwören, niemals schwarze Magie zu einem anderen Zwecke als zur Verteidigung Kyralias einzusetzen und das nur mit Erlaubnis der Gilde und des Königs. Zur Information der Anwesenden möchte ich Folgendes hinzufügen: Nach der letzten Versammlung haben die höheren Magier sich das Recht genommen, mit dem Einverständnis des Königs einige Teile des Eids abzuändern, über den wir bei der letzten Versammlung abgestimmt haben. Wir sehen darin eine Verbesserung.“

Was für ein Gefühl muss das sein, schon wieder dort unten zu stehen?, fragte Rothen sich. Noch vor wenigen Wochen hatten Sonea und Akkarin dort gestanden, als die Gilde sie für ihren Gebrauch schwarzer Magie verurteilt und ausgestoßen hatte. Jetzt sollten sie schwören, diese Macht nur auf Befehl einzusetzen. Sonea würden diesen Eid vermutlich albern finden. Ihr Respekt vor schwarzer Magie war groß und sie war viel zu anständig und ehrenhaft, um sie für finstere Zwecke zu missbrauchen. Und auch wenn Rothen gegenwärtig keine allzu hohe Meinung von Akkarin hatte, so bezweifelte er Selbiges bei ihm.

Aber es musste sein. Von nun an würde jeder, der sich der schwarzen Magie verschrieb, diesen Eid sprechen müssen. Heute würden es nur Akkarin und Sonea sein, aber eines fernen Tages würden sie Nachfolger ausbilden. Jedem in diesem Saal war bewusst, dass dieser Eid niemanden davon abhalten würde, mit schwarzer Magie Böses zu tun. Aber zumindest heute wurde er von zwei Menschen mit ehrbaren Prinzipien gesprochen. Das würde die Furcht der übrigen Magier vor Akkarin und Sonea verringern, auch wenn es noch lange dauern würde, bis die Gilde die beiden wieder als zwei von ihnen betrachten würde.

König Merin erhob sich. „Lord Akkarin, sprecht mir nach.“

Akkarin trat vor und ging auf ein Knie, seine dunklen Augen auf den König gerichtet. Die Stille in der Gildehalle war absolut.

„Ich, Lord Akkarin von Delvon, Haus Velan, gelobe schwarze Magie nur auf Befehl der Gilde und des Königs und dann auch nur einzig zur Verteidigung Kyralias einzusetzen. Ich gelobe, mein darüber erlangtes Wissen einzig an meine Novizin Sonea weiterzugeben und sie so in schwarzer Magie zu unterweisen, dass niemand Schaden davonträgt. Ich gelobe weiterhin, meine Novizin daran zu hindern, schwarze Magie für böse Zwecke einzusetzen und dies der Gilde zu melden, sollte dieser Fall eintreten. Ich erkenne an, dass ein Bruch dieses Eids mit dem Tode bestraft wird.“

Akkarin wiederholte den Eid. Dabei strahlte er eine Selbstsicherheit aus, die Rothen mit widerwilliger Bewunderung erfüllte. Als der schwarze Magier geendet hatte, erhob er sich mit einem leisen Rascheln seiner Roben.

„Dann möge nun Sonea den Eid sprechen.“

Sonea machte einen zögernden Schritt nach vorne. Rothen schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. Doch sie war offenkundig zu nervös, um ihn zu bemerken. Ihr Blick war auf einen Punkt über ihm gerichtet und er konnte darin Furcht und Entschlossenheit lesen. Dann ging sie auf ein Knie.

„Sonea, sprich mir nach“, forderte Merin sie auf.

Dem verhassten Herrscher Kyralias einen Schwur zu leisten gehörte vermutlich zu den letzten Dingen, die Sonea tun wollte. In diesem Augenblick schien ihre Furcht jedoch zu überwiegen.

Als sie den Eid wiederholte, war ihre Stimme dennoch klar und deutlich.

„Ich, Sonea, gelobe schwarze Magie nur auf Befehl der Gilde und des Königs und einzig zur Verteidigung Kyralias einzusetzen oder unter Anleitung meines Mentors Lord Akkarin – und dann auch nur zu Unterrichtszwecken. Ich gelobe, meinem Mentor den Gehorsam zu verweigern und es der Gilde zu melden, sollte er mich dazu verleiten, schwarze Magie für böse Zwecke einzusetzen oder selbst schwarze Magie für einen solchen Zweck zu verwenden. Ich erkenne an, dass ein Bruch dieses Eids mit dem Tode bestraft wird.“

Nachdem sie den Eid gesprochen hatte, erhob sie sich und trat zurück an Akkarins Seite. Der Blick, den sie tauschten, war seltsam ernst. Rothen fragte sich, was sie in diesem Augenblick empfand. Dieser Eid hatte das Potential sie beide auseinander zu treiben. Egal ob einer von beiden tatsächlich dagegen verstieß.

Rothen hoffte, dies würde niemals geschehen. Er wollte sich nicht ausmalen, was das für sie alle bedeuten würde.

„Somit sind nun Lord Akkarin von Delvon, Haus Velan und seine Novizin Sonea offiziell schwarze Magier der Magiergilde von Kyralia“, verkündete Administrator Osen. Rothen glaubte, eine leise Resignation in seiner Stimme zu hören. „Lord Akkarin wird uns von heute an als Experte für schwarze Magie und Sachaka zur Seite stehen. Die Versammlung ist hiermit beendet.“

Er schlug erneut auf den kleinen Gong. Die Magier erhoben sich von ihren Plätzen und strömten nach draußen. Rothen eilte die Stufen hinab. Akkarin und Sonea standen noch immer vor der Empore.

Als Sonea ihn erblickte, lächelte sie.

„Hallo, Rothen.“

„Hallo, Sonea“, erwiderte Rothen. „Lord Akkarin.“

Der schwarze Magier nickte kaum merklich. „Lord Rothen.“

„Wie geht es dir, Sonea?“, fragte Rothen. „Das war nicht gerade angenehm, nicht wahr?“

„Es hätte schlimmer sein können.“ Sie wirkte überraschend gefasst. „Es war nur völlig anders, als ich erwartet habe.“

„Du hast nicht damit gerechnet, dass sie von uns verlangen, einander zu verraten“, sagte Akkarin. Es war vielmehr eine Feststellung als eine Frage.

Sie nickte.

„Es war zu erwarten, dass sie das tun.“ Sein Blick wanderte zu Rothen.

Rothen erschauderte unwillkürlich. Selbst jetzt, wo er keinen Grund mehr dazu hatte, fürchtete er Akkarin. Er war noch nicht einmal sicher, ob er ihn überhaupt jemals mögen konnte. Das, was Akkarin ihm und Sonea angetan hatte, stand noch immer unausgesprochen zwischen ihnen. Sie mochte ihm verziehen haben. Doch Rothen war nicht sicher, ob er das konnte.

„Das war der einzige Weg, die Gilde davon zu überzeugen, Euch so etwas wie Vertrauen zu schenken“, sagte er. Viele Magier sahen seit der Anhörung in Akkarins Loyalität gegenüber dem König und der Gilde seine einzige positive Eigenschaft. Nur dank seiner starken moralischen Prinzipien war es ihnen gelungen, ihn ins Exil zu schicken und nur deswegen war er zurückgekommen. Die Gilde hielt daran fest, dass sie ihn auf diese Weise kontrollieren und daran hindern konnte, die Macht an sich zu reißen. Denn sie alle waren sich bewusst, dass sie machtlos gegen ihn waren. Akkarin hatte offen zugegeben, mit schwarzer Magie getötet zu haben. Wenn er sich gegen die Gilde stellte, würde niemand ihn aufhalten können.

Plötzlich veränderte sich Soneas Gesichtsausdruck. Ihre Kiefermuskeln spannten sich an und ihr Mund wurde zu einer dünnen Linie. Bevor Rothen sich darüber wundern konnte, erklang neben ihm eine inzwischen nur allzu vertraute Stimme.

„Lord Akkarin“, sagte König Merin. „Sonea. Willkommen zurück in der Gilde.“ Er nickte Rothen zu. „Lord Rothen.

„Ich danke Euch, Euer Majestät“, sagten Akkarin und Sonea fast gleichzeitig. Letztere jedoch mit zusammengebissenen Zähnen.

Zu Rothens Überraschung lächelte der König huldvoll. „Ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet. Ich bitte um Verzeihung, wenn ich mich dessen noch nicht auf angemessene Weise erkenntlich gezeigt habe. Jedoch habe ich noch keinen Weg gefunden, meinen Dank für das, was Ihr für Kyralia getan habt, auf eine Weise ausdrücken, die Euren Taten gerecht wird.“

„Das Vertrauen, das Ihr mir und meiner Novizin schenkt, ist mehr als genug“, erwiderte Akkarin.

Der König neigte den Kopf. „Ich bedauere, das nicht schon viel eher getan zu haben. Doch jetzt entschuldigt mich. Ich habe einen Termin im Palast. Aber wir werden uns schon bald wiedersehen.“

Akkarin nickte. „Auf Wiedersehen, Euer Majestät.“

„Auf Wiedersehen.“

Sonea verabschiedete sich förmlich und deutete eine unsichere Verneigung an. Jäh wurde Rothen bewusst, dass sie nicht wusste, wie man sich bei Hofe oder in Anwesenheit des Königs benahm. Woher auch? Falls der König dies bemerkte, so sah er darüber hinweg. Er nickte Rothen und den beiden schwarzen Magiern zu und schritt dann mit seinen beiden Beratern zum Ausgang.

Als er fort war, stieß Sonea geräuschvoll die Luft aus.

„Das war wild!“

„Sonea …“, sagten Rothen und Akkarin mahnend.

Sie verzog das Gesicht. „Tut mir leid“, murmelte sie. Sie wirkte außer sich. „So nahe war er mir noch nie.“

„Er hat sicher nicht bemerkt, dass du ihn nicht besonders magst“, versuchte Rothen sie zu trösten.

„Das bezweifle ich“, sagte Akkarin. „Merin besitzt eine hervorragende Beobachtungsgabe.“

Sonea blickte unbehaglich zu ihrem Gefährten auf. „Glaubt Ihr, er hat etwas gemerkt?“

„Das ist möglich“, antwortete Akkarin. „Er weiß, dass nicht alle Kyralier ihn mögen. Ganz besonders jene, die nicht aus den Häusern kommen. Doch selbst in den Häusern ist er nicht überall beliebt.“

Sonea schnaubte. „Sehr beruhigend.“

Rothen runzelte die Stirn. „Wie auch immer, du hast es nun hinter dir“, sagte er aufmunternd. „Deinen nächsten Eid brauchst du erst in zwei Jahren sprechen. Und normalerweise erscheint der König nicht zur Abschlusszeremonie.“

Sie warf ihm einen vielsagenden Blick zu.

„Das ist richtig“, sagte Akkarin ihm. Seine Augen begegneten denen Rothens. „Meistens erscheint nur einer seiner Berater, vor dem die Absolventen ihren Eid sprechen.“

Rothen zuckte unwillkürlich zusammen und überlegte, wie er das Thema wechseln konnte.

„Wenn Sonea soweit ist … Nun, in diesem Fall könnte ich mir vorstellen, dass Merin eine Ausnahme macht“, fuhr der schwarze Magier fort.

Sonea schnappte nach Luft. Für einen Moment sah sie aus, als wolle sie Akkarin anfahren, schwieg jedoch. Rothen überlegte, etwas zu ihrer Beruhigung sagen, doch er konnte keine passenden Worte finden.

Inzwischen hatten auch die letzten Magier die Gildehalle verlassen. Sonea blickte von Rothen zu Akkarin und zurück. Es schien, als habe noch etwas anderes außer Merins unerwartetem Auftritt ihr Missfallen erregt.

„Ich muss zurück zum Unterricht“, sagte sie. „Es tut mir leid, Rothen. Bis bald.“

Sie sah zu Akkarin.

„Ich bringe dich zurück zu deinem Klassenzimmer“, sagte der schwarze Magier. „Einen schönen Tag noch, Lord Rothen.“

„Euch beiden auch“, wünschte er, ein Seufzen unterdrückend.

Akkarin legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter und führte sie nach draußen.

Wenn man es nicht weiß, könnte man nicht auf die Idee kommen, dass die beiden ein Liebespaar sind, fuhr es Rothen durch den Kopf.

Dass Akkarin seine Beziehung mit Sonea sehr diskret behandelte, war Rothen bereits bei der Trauerfeier aufgefallen. Akkarin suchte als einziger der beiden Körperkontakt. Aber auf eine Weise, die von der Fürsorge eines Mentors sprach. Sie hingegen suchte den Kontakt zu ihm nur mit Blicken, aus denen mehr hervorging, als wie bedingungslos sie ihm vertraute. Aber solange nur sie ihre Gefühle so offen zeigte, war die Beziehung der beiden sicher. Jeder in der Gilde schien bereits zu vermuten, dass Sonea in ihren Mentor verliebt war. Doch nach allem, was die beiden zusammen erlebt hatten, sollte eine jugendliche Schwärmerei nicht überraschend kommen. Rothen kam jedoch nicht umhin, sich zu fragen, ob Sonea sich auch so verhielt, wenn sie und Akkarin alleine waren. Er schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Besser, er dachte gar nicht erst darüber nach.


***


„Hm“, machte Lady Vinara. Mit einem Stirnrunzeln sah sie von dem Bericht auf, den Sonea ihr einen Tag zuvor gegeben hatte.

Sonea begegnete ihrem Blick mit unheilvoller Erwartung. Sie scheint nicht sehr zufrieden. Ich hätte mir nicht so viel auf Akkarins Meinung zu meinem Bericht einbilden sollen. Nicht, wenn es um etwas geht, das mit Heilkunst zu tun hat. Akkarin war Krieger. Sein Wissen über Heilkunst beschränkte sich vermutlich auf das Grundkurswissen. So außergewöhnlich er auch sein mochte, so war er wie jeder Magier ein Experte auf dem Gebiet der Disziplin, der er gewählt hatte.

Als ihre Lehrerin sie gebeten hatte, etwas früher zu ihrem Unterricht zu erscheinen, weil sie ihr zu dem Bericht noch einige Fragen stellen wollte, hatte Sonea bereits das Schlimmste befürchtet. Seit fast einer halben Stunde fühlte sie sich einer Art Verhör durch das strenge und zuweilen sauertöpfische Oberhaupt der Heiler ausgesetzt. Es war schwierig, sich dabei nicht zu verraten.

„Mir ist noch immer unklar, wie es dir gelungen ist, Akkarins Kraftquelle zu finden. Welche Übungen hat er mit dir gemacht, die dir einen solchen Einblick erlaubt haben?“

Soneas Wangen wurden heiß. Die Müdigkeit, die sie ob der vergangenen Nacht kurz zuvor noch verspürt hatte, war wie weggewischt und ihr Herz schlug viel zu schnell. Sie sah keinen Ausweg, der unverfänglich genug war, dass sie ihr Geheimnis nicht preisgab. Außer einem.

„Es war, als er mich in schwarzer Magie unterwiesen hat“, log sie.

Lady Vinara runzelte die Stirn. „Das ist ungewöhnlich“, sagte sie. „Aber nun gut. Ich weiß zu wenig über schwarze Magie, um das wirklich beurteilen zu können. Und ich will auch nicht, dass du es mir erklärst.“

Sonea stieß einen leisen Seufzer aus. Nichtsdestotrotz glaubte sie zu spüren, dass Lady Vinara ihr nicht glaubte. Für das sauertöpfische Oberhaupt der Heiler war dieses Thema gewiss noch nicht beendet.

„Dein Bericht vermittelt den Eindruck, als hätte es länger gedauert, Akkarins magische Quelle zu finden“, fuhr Vinara fort.

Sonea unterdrückte ihre Verärgerung. Was sollte sie darauf antworten? Sie hatte diesen Teil absichtlich gestreckt, in der Hoffnung es würde die intimen Details verschleiern und den Eindruck erwecken, sie und Akkarin hätten nicht miteinander geschlafen.

„Ich hatte Angst zu versagen und wusste zunächst nicht genau, was ich tun muss“, antwortete Sonea. Das zumindest war keine Lüge. Es war ihr tatsächlich so ergangen, wenn auch bevor sie den Einfall mit der magischen Quelle gehabt hatte.

„Wie deinen Körper zu verlassen und deine eigene Magie in seiner Quelle zu bündeln?“

Sonea nickte.

„Nun, auf solch eine Idee kommt man auch nicht so einfach“, sagte Lady Vinara. Sie machte eine Pause und ihre grauen Raubvogelaugen blickten Sonea direkt an. „Sonea, ich finde du hast in dieser Situation außerordentlichen Verstand und große Geistesgegenwart bewiesen.“

„Vielen Dank, Mylady“, sagte Sonea.

Über Lady Vinaras harsches Gesicht huschte der Anflug eines Lächelns. Sie wandte sich wieder dem Bericht zu. „Und dann hast du auf Grund deiner Theorie seine Vitalfunktionen angeregt und ihn mit deinen Gedanken gerufen?“

„So ist es, Mylady.“ Sonea hoffte, die Heilerin würde nicht weiter bohren. Außer ihr, Akkarin und Dorrien wusste niemand, was sie ihm durch ihr Blutjuwel kommuniziert hatte, damit er zurückkam. „Ich hatte erkannt, dass sein Körper erst wieder arbeiten muss, damit seine Präsenz zurückkehren kann. Weil er eine lebendige Hülle braucht, um darin gehalten zu werden.“

Lady Vinara bedachte Sonea mit einem Blick, indem sich Strenge und eine tiefe Intelligenz, aber auch Mitgefühl widerspiegelten. „Sonea“, sagte sie. „Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich von dir keine befriedigenden Antworten bekommen werde. Weder heute noch in ein paar Tagen oder Wochen.“

„Wie ich bereits sagte, Mylady, ich hatte große Angst, zu versagen. Wenn ich deswegen ein Detail vergessen habe, dann bitte ich um Verzeihung.“

Lady Vinara nickte langsam. „Sollten deine Erinnerungen zurückkehren, lass es mich wissen. Und du sollst wissen, dass du jederzeit mit mir über deinen Mentor sprechen kannst.“

Sonea nickte erneut. Sie mochte Lady Vinara. Aber sie würde ihr niemals die Details ihrer Gefühle für Akkarin anvertrauen. Mit leisem Unbehagen erinnerte sie sich an das Gespräch, das sie an dem Tag geführt hatten, an dem er aufgewacht war. Dennoch verspürte sie im Nachhinein Dankbarkeit für das, was die Heilerin damals getan hatte. Nicht auszudenken, was allein in den letzten Tagen hätte passieren können, würde sie nicht wissen, wie sie sich schützte.

„Vielen Dank, Mylady.“

Das Oberhaupt der Heiler verschränkte die Unterarme auf ihrem Schreibtisch und blickte Sonea direkt an.

„Sonea, ich weiß, dieses Thema ist nicht sehr angenehm für dich“, begann sie. „Und deswegen frage ich dich nur ungern nach diesen Dingen. Doch für die Heilkunst wäre es ein gewaltiger Fortschritt, wenn wir diese Methode bei Patienten, die während einer Behandlung oder einer Operation sterben, anwenden könnten.“

„Ich weiß nicht, ob es ohne schwarze Magie überhaupt möglich ist“, sagte Sonea vorsichtig.

Lady Vinara betrachtete sie nachdenklich. „Selbst wenn dem so ist, wärst du eine große Bereicherung für uns. Du hast ein außergewöhnliches Potential, Sonea. Aus dir könnte eine großartige Heilerin werden.“

Die Worte erfreuten Sonea. Dennoch fiel es ihr schwer, sie zu akzeptieren. „Ich habe die Heilkunst benutzt, um zu töten“, wandte sie ein.

„Weil du keine andere Wahl hattest“, widersprach Vinara ungewöhnlich sanft. „Jedes Wissen und jede Macht kann missbraucht werden. Selbst die Heilkunst ist nicht davor gefeit, wie du bewiesen hast.“

Dann müsstest du auch verstehen, dass schwarze Magie nicht böse ist, dachte Sonea.

„Sonea, von deinem ehemaligen Mentor Lord Rothen weiß ich, dass du der Gilde beigetreten bist, um Heilerin zu werden“, fuhr Lady Vinara fort. „Es wäre bedauerlich, wenn du diesen Traum aufgibst, weil du diese Disziplin auf eine Weise eingesetzt hast, die du für unmoralisch hältst.“

„Ich verstehe“, sagte Sonea langsam. Doch sie wusste nicht, wie sie der anderen Frau erklären sollte, dass es nicht nur das war, was sie zweifeln ließ. „Was ist mit den anderen Heilern?“, fragte sie.

Lady Vinara runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Nun …“ Sonea hielt inne. „Sie fürchten mich. Ich sehe es ihnen an, wenn ich ihnen auf den Fluren begegne. Sicher wäre es ihnen lieber, wenn ich mich einer anderen Disziplin zuwende.“

Die Heilerin schürzte missbilligend die Lippen. „Das darf dich bei deiner Entscheidung nicht beeinflussen, Sonea“, sagte sie streng. „Es ist wahr, einige fürchten dich. Doch ich bin sicher, das wird sich bessern, wenn sie sehen, dass du mit deiner Macht verantwortungsvoll umgehst.“

Sonea nahm diese Worte in sich auf. Sie hoffte, Lady Vinara würde recht behalten. Aber würde sie ihre Bedenken, die Heilkunst zu wählen, überhaupt überwinden können? Würde sie irgendwann aufhören sich daran zu erinnern, dass sie damit getötet hatte? Dann schoss ihr eine neue Frage durch den Kopf.

Nein, das kannst du sie nicht fragen, dachte sie dann. Damit wirst du sie bestimmt erzürnen.

Aber sie musste es wissen. Sie waren viermal die Woche einen halben Nachmittag zusammen. Sie würde sich in Lady Vinaras Unterricht nicht wohl fühlen, wenn sie dies nicht in Erfahrung brachte.

„Lady Vinara, fürchtet Ihr mich?“

Die Heilerin schwieg einen Augenblick.

„Nein“, antwortete sie schließlich. „Ich kenne dich gut genug, um dazu keinen Grund zu haben. Doch ich habe Respekt vor dem, wozu du fähig bist.“


***


Cery verließ das Lager und ging zurück zu dem Raum, den er als Esszimmer benutzte. Auf dem Tisch lagen ein Laib frisches Brot und ein großer Käse. Er hatte schon fürstlicher gegessen. Aber auch schon weitaus schlechter. Gol lümmelte sich auf einem der Stühle und entfernte den Dreck hinter seinen Fingernägeln mit seinem Messer.

Als Cery eintrat, steckte Gol das Messer wieder in seinen Gürtel und sah auf. Ein Vorteil seines noch bis vor kurzem andauernden Wohlstandes war der Luxus von richtigem Essensbesteck. Cery hätte es nicht begrüßt, hätte einer seiner Männer mit dem Messer gegessen, mit dem er sich rasierte oder seine Nägel bearbeitete.

Er stellte die Weinflasche auf den Tisch. „Das war die Letzte“, sagte er. „Ab morgen gibt’s nur noch Bol.“

Sein Leibwächter sah auf. „Wär’ auch zu schön gewesen, auf ewig wie die feinen Leute zu leben“, brummte er.

Cery entkorkte die Flasche und schenkte ihnen beiden ein. Dann ließ er sich mit einem Seufzer in seinen Stuhl fallen. Ein weiterer anstrengender Tag, den er dem Wiederaufbau seines Territoriums gewidmet hatte, lag hinter ihm. Solange er einen Großteil seines Tages in den Trümmern der Hütten verbrachte, regelte Gol die wenigen seiner Geschäfte, die noch liefen. Cery vertraute seinem zweiten Mann genug für diese Aufgabe und Gol erledigte diese Arbeit verlässlich und gewissenhaft.

Er hob sein Glas und rang sich ein müdes Lächeln ab. „Auf die letzte Flasche Anurischer Dunkelwein!“, sagte er und sie stießen an.

„Prost!“, sagte Gol und rülpste.

Einen tiefen Schluck nehmend lehnte Cery sich zurück. „Was gibt’s Neues von meinen Klienten?“, fragte er.

„Nicht viel“, antwortete der andere Mann. „Bullin hat endlich bezahlt.“

„Hai!“, rief Cery aus. „Das ist ja mal ’ne gute Neuigkeit!“

„Wie man’s nimmt.“ Gol deutete auf das Brot zwischen ihnen. „’Nen Teil hat er mit Brot bezahlt, weil er nicht mehr Geld auftreiben konnt’. Hat uns drei Brote gebracht und sagte, er kann noch mehr bringen, wenn dir das nicht reicht.“

Cery winkte ab, wenn auch nicht allzu begeistert. „Er hat wirklich versucht, das Geld aufzutreiben“, sagte er. „In Zeiten wie diesen müssen wir nehmen, was wir kriegen können, ohne unsere Klienten noch mehr auszunehmen. Sonst verlieren wir sie am Ende an die Konkurrenz. Wenigstens haben wir so was Ordentliches zu essen.“

„Wohl wahr!“, stimmte Gol zu. Er langte nach dem Brotmesser und schnitt sich eine dicke Scheibe von Bullins Bezahlung ab. Dann schnitt er eine mindestens ebenso dicke Scheibe Käse ab, legte sie auf das Brot und begann zu essen.

Cery betrachtete ihn neiderfüllt. Nach dem heutigen Tag hätte er hungrig sein müssen. Tatsächlich war er einfach nur müde. Dennoch schnitt er sich ein wenig Brot und Käse ab und begann sein Nachtmahl.

„Was ist mit Kun?“, fragte er. „Seine Schulden sind noch von vor der Invasion.“

„Er sagt, du kriegst übermorgen ’ne Anzahlung“, antwortete Gol kauend. „Eigentlich morgen, aber da macht er seinen Laden zu, weil Wochenende ist.“

Als ob das ein Grund wäre, nicht zu zahlen! Cery schnitt eine Grimasse. „Das sagt er seit Wochen. Langsam fang’ ich wirklich Feuer. Er kann nicht so arm sein, wie er tut. Nicht, wenn er sich’n neues Pferd für seinen Karren leisten kann.“

„Sein altes Pferd war krank“, wandte sein Leibwächter ein.

Cery schnaubte verächtlich. „Kun’s einer der wenigen in meinem Territorium, die keinen Schaden durch die Schlacht erlitten haben. Ich seh’ nicht ein, was mich sein altersschwaches Pferd kümmern soll.“

Statt einer Antwort grunzte Gol nur. Der Tuchhändler aus Vin hatte sich vor einigen Jahren in der Hoffnung, mit seinen exotischen Stoffen Profit zu machen, in Imardin niedergelassen. Seinem nur mäßigen Erfolg hatte er zu verdanken, dass er in die Hüttenviertel gezogen war. Die Hüttenleute konnten sich seine überteuerten Textilien indes kaum leisten, weswegen Cery den Vindo für einen Halsabschneider hielt. Mit seinen monatlichen Zahlungen ließ er sich zu Cerys Ärger meist Zeit. Cery war sicher, Kun hatte keinen Grund, mit den Zahlungen derart in Verzug zu sein. Trotz seiner horrenden Preise verkaufte der Mann das beste Tuch in den Hüttenvierteln und machte damit ordentliche Einnahmen. Was machte er mit all dem Geld?

„Morgen geh ich mich davon überzeugen, wie arm er wirklich ist“, erklärte Cery finster.

„Ich komm’ mit dir“, erbot sich Gol erfreut.

Cery nickte. „Gut. Am besten, wir nehmen noch’n paar andere aus der Familie mit und machen ihm klar, dass er unseren Schutz verliert, wenn er nicht brav zahlt.“

Gol grinste. „Und dann schickst du nachts ein oder zwei Messer, um seinem Geschäft ’nen Besuch abzustatten. Natürlich so, dass er nicht merkt, dass sie von dir sind.“

Fast hätte Cery sich vor Lachen an Bullins Brot verschluckt. Hastig spülte er die Krümel mit Wein hinunter. „Hai!“, rief er um Atem ringend. „Das sollte ihn überzeugen, in Zukunft pünktlich zu zahlen.“ In jeden Fall würde ihm Kun einige Gefälligkeiten für diesen Aufschub schulden.

„Wollen wir’s hoffen.“ Gol stopfte sich die Reste seiner Brotscheibe in den Mund und griff nach dem Messer, um sich eine weitere abzuschneiden. „Wie läuft’s mit dem Aufbau der Hütten?“

Augenblicklich wurde Cery wieder ernst. „Scheiße“, sagte er. „Es fehlt viel Holz. Dafür gibt’s so viele Schindeln, dass man damit sämtliche Dächer der Hüttenviertel neu decken könnte.“

„Vielleicht kannst du mit Ravi tauschen. Ich hab’ von einem seiner Leute gehört, dass er ziemlich viel Holz zum Bauen hat.“

Cery horchte auf. „Hai! Wo hat er denn das her?“

Gol zuckte mit seinen massigen Schultern. „Vielleicht hat er gute Verbindungen zu ’nem Holzhändler. Oder er hat seine Leute selbst in die Wälder geschickt, um’s zu schlagen. Der Kerl, mit dem ich gesprochen hab’, wusst’ auch nicht mehr.“

Im Gegensatz zu anderen Teilen der Hüttenviertel war die Verwüstung in Ravis Territorium verhältnismäßig gering. So wie Cery den anderen Dieb kannte, besaß er weitaus mehr Bauholz, als er brauchte. Gewiss war Ravi sich dessen wohlbewusst und würde einen hohen Preis dafür verlangen. Cery zweifelte, dass seine Schindeln dafür ausreichen würden. Er würde sich einen guten Plan überlegen müssen.

Er schenkte sich etwas Wein nach. „Dann werden wir gleich morgen zu Ravi gehen und ihm ein Geschäft anbieten.“


***


Auch an diesem Tag hatte Dorrien in den Hüttenvierteln mehr Menschen behandelt, als er zählen konnte. Er fühlte sich ausgelaugt und erschöpft und wollte nichts lieber, als endlich schlafen. Zuvor musste er jedoch seinen Vater sprechen. Rothen frequentierte den Abendsaal mit großer Regelmäßigkeit an jedem Vierttag. Die Chancen, ihn hier zu finden, standen demnach sehr gut.

Der Abendsaal war voller, als Dorrien ihn von seinen gelegentlichen Besuchen kannte. Aus den Gesprächsfetzen, die er auf seinem Weg durch die Menge aufschnappte, drehten sich die Gespräche um die heutige Gildenversammlung. Dorrien hatte nichts anderes erwartet. Er war aus demselben Grund gekommen.

Ein Diener mit einem Tablett eilte an ihm vorbei. Dorrien griff ein Weinglas heraus. Während er davon trank, ließ er seine Augen durch den Raum schweifen.

Ganz hinten in einer Ecke entdeckte er seinen Vater. Er und sein betagter Freund Lord Yaldin saßen zusammen in bequemen Sesseln, offenkundig in eine angeregte Diskussion vertieft. Dorrien eilte auf sie zu.

Als Rothen aufsah und ihn näherkommen sah, hob er die Hand und winkte ihn zu sich.

„Dorrien!“, rief er überrascht. „Was tust du hier?“

„Guten Abend, Vater“, grüßte Dorrien. „Lord Yaldin.“

„Guten Abend, Dorrien“, sagte Yaldin ein äußerst griesgrämiges Gesicht machend. „Dein Vater und ich hatten gerade ein interessantes Gespräch über die aktuelle Gildenpolitik.“

„So könnte man es auch nennen“, murmelte Rothen in sein Glas.

„Geht es um die heutige Versammlung?“, fragte Dorrien hoffnungsvoll. „Leider konnte ich nicht dabei sein. Die Menschen in der Stadt brauchten meine Hilfe.“

Tatsächlich war das nur die halbe Wahrheit. Vielmehr hatte er Sonea aus dem Weg gehen wollen, weil er wusste, sie würde dort sein. Er hatte noch nicht entschieden, wie er mit ihr umgehen sollte, jetzt wo sie unumstößlich mit Akkarin zusammen war.

„Du hast nicht viel verpasst. Wir haben jetzt zwei schwarze Magier“, antwortete Yaldin grantig. „Ganz offiziell, mit der Genehmigung des Königs.“

Dorriens Vater seufzte leise. Anscheinend ärgerte er sich über seinen Freund. Bis zu einem gewissen Punkt konnte Dorrien ihn verstehen, denn er hatte Akkarin und Sonea selbst in Aktion erlebt. Schwarze Magie mochte böse und verachtenswert sein, aber war sie alles, was Kyralia vor den Sachakanern schützte. Er wohnte nur einen halben Tag vom Südpass entfernt. Seit der Begegnung mit Parika war er sich der drohenden Gefahr von der anderen Seite der Berge nur allzu bewusst. Schwarze Magie war ein notwendiges Übel, doch Dorrien war weder bereit, Akkarin deswegen Sympathie entgegen zu bringen, noch Soneas Entscheidung gutzuheißen.

„Also hat sie den Eid gesprochen?“, fragte er atemlos.

Sein Vater nickte und schilderte ihm detailliert den Verlauf der Versammlung.

Bei seinen Worten spürte Dorrien, wie sich etwas in seiner Brust schmerzvoll zusammenzog. Er hatte nicht darauf gehofft, dass Sonea der schwarzen Magie abschwören würde. Dafür war sie viel zu sehr davon überzeugt, das Richtige zu tun. Dass sie den Eid gesprochen hatte, hätte ihn insofern beruhigen sollen, dass er jetzt sicher wusste, sie würde keine Dummheiten damit anstellen. Aber das bedeutete auch mit einer Endgültigkeit, die ihm die Luft zum Atmen nahm, dass sie den von ihr eingeschlagenen Weg nicht mehr verlassen würde. Und das traf ihn mehr als er für möglich gehalten hatte.

„Du siehst also, weit es mit unserer Gilde schon gekommen ist“, brummte Yaldin verdrießlich, als Rothen mit seinem Bericht geendet hatte.

Dorrien wusste von seinem Vater, dass Yaldin gegen die Wiederaufnahme von Akkarin und Sonea gestimmt hatte. Nicht weil er Sonea keine zweite Chance zugestand, sondern weil er sich von dem ehemaligen Hohen Lord betrogen fühlte. Dorrien selbst hatte nur Sonea zuliebe für eine Wiederaufnahme gestimmt. Wenn es nach ihm ginge, hätte die Gilde Akkarin nach seiner Genesung auf der Stelle wieder nach Sachaka verbannt.

Bei der ersten Versammlung, bei der dieses Thema aufgekommen war, war eine hitzige Diskussion darüber entbrannt, nur einen der beiden schwarzen Magier wieder aufzunehmen. Die einen fühlten sich von ihrem ehemaligen Anführer betrogen, die anderen sahen in Sonea den Beweis, dass es ein Fehler war, Novizen aus den Hüttenvierteln aufzunehmen. Am Ende waren sie jedoch zu dem Schluss gekommen, dass es besser war, Sonea und Akkarin nicht zu trennen, weil die Gilde sonst die Unterstützung beider verlieren würde. Sonea war ihrem Mentor schon einmal in die Verbannung gefolgt und würde es ohne Zweifel wieder tun. Und Akkarin würde nicht zulassen, dass die Gilde sie allein fortschickte. Zudem waren sich die Magier uneins, ob Soneas Wissen über schwarze Magie ausreichte, um allein für die Verteidigung der Gilde zu sorgen.

„Yaldin mein Freund, wir brauchen die beiden“, sagte Rothen sanft, aber eindringlich. „Ihr müsst Akkarin nicht mögen, aber Ihr solltet akzeptieren, dass er zurück ist. Ohne ihn wären wir alle nicht mehr am Leben.“

Yaldin schnaubte leise. „Daran lässt sich jetzt nichts mehr ändern. Doch die Gilde hätte ihm nicht so viel Macht geben sollen.“

„Sie hat ihm keine Macht gegeben, die er nicht bereits über uns hat“, widersprach Rothen. Dorrien musste ihm widerwillig zustimmen. Wahrscheinlich würde Akkarin selbst mit blockierten Kräften noch so etwas wie Macht ausstrahlen.

„Er ist bereits wieder ein höherer Magier“, widersprach Yaldin. „Wie lange wird es dauern, bis sie ihn wieder zum Hohen Lord machen?“

„Akkarin ist nur ein Berater“, stellte Rothen richtig. „Selbst wenn er dafür an den Treffen der höheren Magier teilnehmen wird, macht ihn das noch lange nicht zu einem höheren Magier.“

„Ist es das, was Eure Kollegen sich einreden?“, fragte Yaldin.

Rothen unterdrückte ein Seufzen und sah hilfesuchend zu Dorrien.

„Es tut mir leid Vater“, sagte Dorrien. „Aber für mich hört sich das so an, als hättet ihr ihn heute zum Leiter der schwarzmagischen Studien oder so etwas ernannt.“

„Darüber müsste die Gilde in einer Versammlung erst abstimmen.“ Rothen wirkte verzweifelt. „Bei der letzten Versammlung haben sie dagegen gestimmt, dass Akkarin jemals wieder ein Amt ausüben darf. Deswegen haben wir ihm keins gegeben und dabei wird es auch bleiben. Der König würde das nicht wollen.“

Doch, das habt ihr, wollte Dorrien erwidern. Ihr wollt es nur nicht wahrhaben. Yaldin hatte recht, die Gilde hatte, wenn vielleicht auch ohne Akkarins direkten Einfluss, ihm ein inoffizielles Amt gegeben. Grund dafür war sowohl ihre Furcht vor den Sachakanern als auch ihre Furcht vor dem schwarzen Magier selbst. Dorrien schwante indes, sein Vater habe für heute genug über dieses Thema diskutiert und entschied daher seine Gedanken für sich zu behalten.

„Vergiss, was ich gesagt habe, Vater“, sagte er stattdessen. „Im Augenblick bin ich nicht ganz ich selbst.“

Rothens Augen, die so blau waren wie die seinen, begegneten ihm. Er legte eine Hand auf Dorriens Arm.

„Dorrien, sie tut nur, was sie tun muss“, sagte er sanft. „Daran kannst du nichts ändern.“

„Ich weiß“, erwiderte Dorrien leise. Er trank einen Schluck Wein. „Eigentlich bin ich auch nur gekommen, um dir zu sagen, dass ich heute Nacht in meinem alten Zimmer schlafen werde.“

„Das ist schön“, sagte Rothen erfreut.

Dorrien wurde ernst. „Vater, ich reise morgen früh ab.“

Die Augen seines Vaters weiteten sich. Aber das änderte nichts für Dorrien. Sein Entschluss stand fest.

„Brauchen die Heiler dich nicht mehr?“

Dorrien schüttelte den Kopf. „Es wird Zeit, nach Hause zugehen. Und jetzt entschuldigt mich. Ich muss Lady Vinara noch Bescheid geben, dass ich ab morgen nicht mehr zur Verfügung stehe.“


***


„Du bist nicht bei der Sache.“ Das war keine Frage. Es war eine Feststellung.

Sonea fühlte sich ertappt. So etwas war ihr noch nie passiert. Sie schämte sich.

„Nein“, sagte sie und sah auf. „Bitte entschuldige.“

Sie wollte damit fortfahren, ihn zu liebkosen, doch Akkarin bekam ihren Arm zu fassen. „Dann hör auf“, sagte er mit einem Anflug von Missbilligung in der Stimme. „Das ist, als würde ich dich benutzen.“

Er zog sie hoch und hielt sie fest.

Sonea wollte erwidern, es mache ihr nichts aus, von ihm benutzt zu werden, aber sie wusste, das würde seine Entscheidung nicht ändern. Akkarin legte Wert darauf, dass sie sich ihm bedingungslos hingab, wenn sie sich liebten. Besonders im Bett schien er für ihre Gedanken und Gefühle empfänglich. Es machte keinen Sinn es überhaupt zu versuchen, wenn sie nicht zur Ruhe kam. Sie verstand, warum er darauf bestand. Sie würde es ebenfalls nicht mögen, wenn er ausgerechnet dann abgelenkt war.

„Es hat mit dem Eid zu tun, den wir heute gesprochen haben“, stellte er fest.

Sie nickte nur.

„Sonea, warum hast du den Eid geleistet, wenn du Zweifel hast?“

Sie stützte sich auf einen Ellenbogen und sah ihn an. In dem gedämpften Licht der Lichtkugel, die hinter einem Wandschirm schwebte, wirkten seine Augen fast schwarz.

„Weil ich das Richtige tun will.“

Trotzdem hatte ihr dieser Eid Angst eingejagt. Das war ihr jedoch erst im Laufe des Tages bewusstgeworden. Sie fürchtete, die Gilde könne ihn verwenden, um sie beide zu trennen. Doch das war noch nicht alles, was sie beunruhigte.

Sie hatte geglaubt, diese Gedanken würden verschwinden, wenn sie erst einmal im Bett lagen. Sie hatte gehofft, Akkarins Nähe würde sie ablenken. Stattdessen hinderten ihre Sorgen sie daran, sich ganz auf ihn einzulassen.

Akkarin streckte eine Hand nach ihr aus und strich eine Haarsträhne zurück, die ihr ins Gesicht gefallen war. Er betrachtete sie nachdenklich und Sonea fragte sich unwillkürlich, wie viel von ihren Gedanken ihm in diesem Augenblick offenbar wurde.

„Nachdem ich Dakova und seine Sklaven getötet hatte, habe ich mir geschworen, schwarze Magie niemals für etwas Böses einzusetzen“, sagte er. „Daran habe ich mich bis heute gehalten. Und das werde ich auch weiterhin.“

„Akkarin, das brauchst du mir nicht sagen. Davor habe ich keine Angst.“

Er runzelte die Stirn. „Wovor dann?“

Sie seufzte und holte tief Luft.

„Davor, dass ich etwas Böse damit tue.“

„Sonea, das ist Unsinn“, sagte er. „Dazu bist du viel zu gut.“

Dann frag mal die ganzen Magier, was sie von mir halten. Gewiss wartete die Gilde nur darauf, dass sie einen Fehler machte, um sie erneut nach Sachaka zu schicken oder ihre Kräfte zu blockieren. Niemand hatte dies ihr gegenüber laut ausgesprochen, doch Sonea brauchte nur durch die Universität zu gehen, um es in den Blicken der anderen zu sehen und ihrem Geflüster zu hören, wenn sie die Köpfe zusammensteckten. Die Furcht, das Misstrauen und die Abneigung der meisten Magier waren nur schwer zu ignorieren. Einzig die Novizen schienen von ihr begeistert.

Aber sie waren naiv. Sie verstanden nicht, was sie getan hatte. Sie wussten nicht, wie es war zu töten.

„Was, wenn ich dieser Verantwortung nicht gewachsen bin?“, fragte sie. „Was, wenn ich mit dieser Macht nicht umgehen kann?“

„Allein die Tatsache, dass du das fürchtest, sollte dich beruhigen“, sagte Akkarin.

Das sah Sonea anders. Bloß über die Möglichkeit nachzudenken, ihre Macht zu missbrauchen, erschien ihr als der erste Schritt dazu, es wirklich zu tun. Wenn sie nicht vor Größenwahn gefährdet war, warum musste sie dann immerzu daran denken?

„Sonea, wenn ich nicht aus deinen Gedanken gelesen hätte wie gewissenhaft, verantwortungsbewusst und willensstark du bist, hätte ich dich niemals in schwarzer Magie unterwiesen“, fuhr Akkarin fort. „Ich hätte es abgelehnt, egal wie sehr du mich darum gebeten hättest.“

„Aber das ist fast zwei Jahre her. Ich habe mich verändert. Woher willst du wissen, ob ich noch immer so bin?“

Sie war nicht mehr die Sonea, die in Akkarin einst ihren größten Feind gesehen und schwarze Magie für böse gehalten hatte. Aber sie war auch nicht mehr die Sonea, die Akkarin auf Grund ihrer Ideale nach Sachaka gefolgt war. Diese Erfahrung hatte sie verändert. In mancher Hinsicht war sie härter geworden, in anderer weicher und verletzlicher. Sie überlegte, ob sie ihn bitten sollte, ihre Gedanken noch einmal zu lesen.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Weil wir beide dann jetzt nicht hier wären“, beantwortete er ihre Frage. Seine Augen bohrten sich in ihre. „Und solange du bei mir bist, wirst du dich hüten, etwas anderes mit schwarzer Magie zu tun, als was ich dir befehle.“

Sonea erschauderte, doch sie verspürte zugleich eine unendliche Erleichterung, weil sie darauf vertrauen konnte, dass er sie von Dummheiten abhielt. Akkarins Worte gaben ihr Sicherheit. Irgendwie schien er einen tieferen Einblick in ihr Wesen zu haben, als sie selbst. Vielleicht waren ihre Ängste wirklich unbegründet. Und sollten sie es nicht sein, so würde er dafür sorgen, dass sie es blieben.

„Das werde ich.“ Sonea lächelte. „Danke.“

Akkarin streckte seine Hand nach ihr aus und zog sie zu sich hinab. „Und jetzt mach weiter“, murmelte er und küsste sie.

Ein angenehmer Schauer lief ihren Rücken hinab.

„Ja, Lord Akkarin“, sagte sie, unfähig sich ein unanständiges Grinsen zu verkneifen.

Dann ließ sie sich von der Hand in ihrem Nacken dorthin führen, wo immer er sie haben wollte.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast