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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 10.273
 
Kapitel 5 – Solange es eben dauert



Ihre erste Stunde Kriegskunst bei Akkarin übertraf sämtliche Vorstellungen, die Sonea von einem lebendig gewordenen Albtraum hatte. Als sie an ihren zweiten Unterrichtstag durch das Portal in die Arena trat, wartete er bereits auf sie. An der Hüfte trug er seinen juwelenbesetzten Dolch und sie begann sich zu fragen, wofür er ihn in der Arena brauchen würde. Seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er verärgert. Hastig verneigte sie sich.

„Du bist spät“, sagte er statt einer Begrüßung und runzelte missbilligend die Stirn. „Ich hoffe, es gibt dafür einen guten Grund.“

„Es gab einen Notfall im Heilerquartier“, beeilte Sonea sich zu sagen. Es hätte sie nicht gewundert, hätte er ihr eine Strafarbeit aufgegeben, wäre ihre Verspätung ihr eigenes Verschulden gewesen. „Ein Haus im Innern Ring ist beim Wiederaufbau eingestürzt. Lady Vinara hat mich gebeten, auszuhelfen.“

Akkarins Miene verfinsterte sich.

„Das war zu erwarten“, murmelte er mehr zu sich selbst. „Ich hatte Balkan gewarnt.“

Sonea atmete innerlich auf, weil sein Zorn nicht ihr galt, wenn auch das nicht zu bedeuten hatte, dass er in der folgenden Stunde nicht weniger streng sein würde. Sie blickte sich um. Außer ihnen beiden befand sich noch niemand in der Arena. Nur auf der Zuschauertribüne saßen ein paar Novizen. Sie erkannte Genel, Jarend und Yaen und verdrehte die Augen. Den ganzen Tag über waren sie wie aus dem Nichts aufgetaucht, wo auch immer sie gerade war. Beim Mittagessen hatten sie ihr sogar einen Platz freigehalten. Dass sie und Trassia sich an einen anderen Tisch gesetzt hatten, hatte die drei Novizen nicht davon abgehalten, ihr weiterhin nachzustellen und sie erneut nach einer Verabredung zu fragen.

„Sind das deine Verehrer?“

Sonea unterdrückte ein Stöhnen. „Ja“, antwortete sie missmutig. „Es ist, als hätte sich mein Schatten plötzlich verdreifacht.“

Zu ihrem Verdruß schien ihn das zu amüsieren.

„Und die Novizinnen?“, fragte er weiter. „Ist Trassia eine von ihnen?“

Sie blickte zu der Gruppe von Mädchen und schüttelte den Kopf. Sie waren aus höheren Klassen, die meisten aus dem fünften Jahr. Es gefiel ihr nicht, Zuschauer zu haben. Ganz besonders nicht diese.

„Ihr glaube, sie sind Euretwegen hier, Mylord.“

Akkarin hob kaum merklich die Augenbrauen. „Wir sollten anfangen“, sagte er dann. „Wir haben bereits genug Zeit verloren.“

Sonea blinzelte verwirrt. „Ohne meinen Gegner?“

Ich bin dein Gegner.“

Soneas Mund klappte auf. Seine Worte bestätigten ihre schlimmsten Befürchtungen und es erklärte den Dolch, auch wenn sie noch nicht ganz verstand, warum er ihn trug. Sie hatte gehofft, er würde sie gegen ein paar ältere Novizen oder einen Krieger kämpfen lassen. Gegen Akkarin war sie indes noch nie angetreten und sie war auch nicht sonderlich erpicht darauf. Sie hatte genug gesehen, um zu wissen, wozu er fähig war. Und als wenn das nicht schlimm genug wäre: Wie überhaupt sollte sie gegen ihn kämpfen, wo sie ihn doch hatte sterben sehen?

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, wohl wissend ihn mit ihrem Ungehorsam zu verärgern. Doch sein Zorn war ihr in diesem Augenblick lieber, als noch einmal daran erinnert zu werden.

„Lord Akkarin, ich kämpfe nicht gegen Euch.“

„Das ist mir egal“, entgegnete er ungerührt. „Das Ziel deines Unterrichts ist es, deine Techniken im Kampf gegen einen schwarzen Magier zu verbessern. Da ich der einzige andere schwarze Magier bin, mit dem du trainieren kannst, wirst du mit mir als Gegner vorliebnehmen. Und jetzt halt still, damit ich deinen Inneren Schild errichten kann.“

„Wozu brauche ich einen Inneren Schild?“, fragte sie aufmüpfig. Während der Schlacht hatte sie auch keinen Inneren Schild gehabt. Wenn er sie schon persönlich unterrichtete, dann sollte er seinen Beschützerinstinkt beim Betreten der Arena ablegen.

„Es ist Vorschrift. Niemand hat einen Nutzen davon, wenn du im Unterricht stirbst.“

Sonea starrte ihn entsetzt an. Was um alles in der Welt hatte er vor?

Wenn er nur auf den Schild besteht, weil er um mich besorgt ist, dann verbirgt er es ziemlich gut, dachte sie und seufzte leise. Andererseits war er für die nächste Stunde ausschließlich ihr Mentor. Sie ahnte, er würde alles andere als nett sein. Besser, sie nahm seine Distanziertheit nicht persönlich. Für Gefühle durfte in der Arena kein Platz sein.

Akkarin legte eine Hand auf ihre Schulter. Sonea spürte kaum, wie seine Magie sie durchströmte, noch spürte sie viel von dem Schild, mit dem er sie ausstattete. Sie erinnerte sich, dass es sich bei ihrem Duell mit Regin genauso angefühlt hatte. Damals hatte sie noch geglaubt, Akkarin habe sie mit Absicht mit einem schwachen Schild ausgestattet, um sie auf diese Weise loszuwerden. Doch inzwischen bezweifelte sie das. Dieser Schild hielt gewiss mehr aus, als er erahnen ließ.

„Ich habe zusätzliche Kraft von Takan bezogen, damit es möglichst realistisch ist“, sagte er, nachdem er wieder von ihr abgelassen hatte. „Für den Fall, dass es dir gelingen sollte, mich zu besiegen …“

Er zog einen Dolch mit einer ledernen Halterung aus seiner Robe und reichte ihn ihr.

Soneas Augen weiteten sich, als sie den Dolch erkannte. Es war Karikos Dolch. Erinnerungen daran, wie sie ihn aus Akkarins Brust gezogen hatte, bahnten sich unerbittlichen ihren Weg von dem Ort, an die sie sie verbannt hatte, zurück in ihr Bewusstsein.

„Das kann ich nicht annehmen“, stammelte sie.

„Du hast Kariko getötet“, antwortete er. „Er gehört dir.“

Mit zitternden Fingern nahm Sonea den Dolch entgegen und befestigte ihn an ihrer Hüfte.

„Es versteht sich von selbst, dass du mir damit nicht den geringsten Kratzer zufügst“, fügte Akkarin leise hinzu. „Solange du keine anderen Anweisungen von mir bekommst, wirst du nur so tun, als würdest du meine Kraft nehmen. Das beendet die Runde.“

Sonea hörte ihn kaum. Sie war wie gelähmt von der Aussicht, dass sie beide versuchen sollten, sich gegenseitig umzubringen. Die Sache mit den Gefühlen und dem Unterricht erschien ihr mit einem Mal unmöglich.

„Ja, Mylord“, sagte sie schwach.

Er musterte sie mit undurchdringlicher Miene. „Bist du bereit?“

Sie zögerte. Es kümmerte sie nicht, ob er stärker war und sie diese Runde wahrscheinlich verlieren würde. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie sich nichts sehnlicher gewünscht hatte, als stark genug zu sein, um ihn zu vernichten.

Aber sie hatte ihn sterben sehen.

Sie schüttelte den Kopf. „Lord Akkarin, ich kann das nicht.“

Akkarin hatte sich ein paar Schritte von ihr entfernt. Er fuhr herum. „Was kannst du nicht?“

Sonea zwang sich, ihn anzusehen. Sein Blick hatte jede Wärme verloren.

Sie erschauderte unwillkürlich.

„Gegen Euch kämpfen.“

Akkarin betrachtete sie ungehalten. „Dann lässt du mir keine Wahl.“

Ohne Vorwarnung griff er an.

Sonea fluchte und warf sich zur Seite. Noch im Fallen riss sie einen starken Schild hoch. Sich schwörend, ihm das heimzuzahlen, schleuderte sie eine Reihe von Kraftschlägen gegen seinen Schild. Zu ihrer Verärgerung prallten ihre Angriffe jedoch wirkungslos ab.

Akkarin lachte leise. „Du musst dich schon ein wenig mehr anstrengen.“

Einen weiteren Fluch murmelnd verstärkte Sonea ihren Angriff. Akkarin konterte mit einem Kraftschlag, dessen Wucht ihren Schild erbeben ließ. Instinktiv wich sie zurück.

Eine Weile umkreisten sie sich, Kraft- und Feuerschläge austauschend, ohne dass der Schild des Anderen ernsthaften Schaden nahm. Sonea versuchte, Akkarins Schwächen herauszufinden. Hatte er überhaupt welche? Sie erinnerte sich daran, wie sie gemeinsam gegen die Ichani gekämpft hatten. Selbst als sie in Gefahr gewesen war, hatte das seine Konzentration nicht gebrochen.

Ganz anders als bei ihr.

Bei ihrem letzten Kampf hatte ihn ihre Unaufmerksamkeit fast das Leben gekostet. Andererseits hatten weder er noch sie damit gerechnet, dass Kariko mit einer solchen List von unten angreifen würde. Sollte sie etwas Ähnliches versuchen? Selbstverständlich nicht mit dem Dolch. Dann verwarf sie die Idee jedoch wieder. Akkarin würde darauf vorbereitet sein. Und weil er ihr an Stärke überlegen war, würde sie ihn auch nicht mit brutaler Stärke besiegen können. Sie musste sich etwas Besseres einfallen lassen.

Fieberhaft ging Sonea in ihrem Kopf sämtliche Tricks durch, die Lord Yikmo ihr während ihrer Vorbereitung auf das Duell mit Regin gezeigt hatte, um einen stärkeren Magier zu besiegen. Damals war sie die Stärkere gewesen; sie hatte die Tricks dennoch gelernt, um keine unangenehme Überraschung zu erleben. Sie war sicher, auch im Kampf gegen die Ichani instinktiv davon Gebrauch gemacht zu haben, obwohl die Ichani so viel stärker gewesen waren, dass diese Tricks an ihnen verschwendet waren. Sonea seufzte frustriert. Es kam ihr vor, als hätte sie alles vergessen, was sie je über Kriegskunst gelernt hatte.

„Ist das schon alles, was du kannst?“ Akkarin wirkte, als würde der Kampf eher zu seiner Erheiterung beitragen. „Ich habe dich schon besser kämpfen sehen.“

Er legt es wirklich drauf an, mich zu provozieren, fuhr es Sonea durch den Kopf. Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, sie gegen jemand anderen kämpfen zu lassen, wenn er schon darauf bestand, sie persönlich zu unterrichten. Doch es gab nichts, was sie im Kampf gegen einen gewöhnlichen Magier noch lernen konnte. Sie waren ihr auch ohne schwarze Magie an Stärke unterlegen. Fluchend bombardierte sie ihn mit einem Hagel von Kraftschlägen, die sie so umlenkte, dass sie seinen Schild aus allen Richtungen trafen, in der Hoffnung eine Schwachstelle zu finden.

Akkarin lachte und konterte mit einer Wucht, die sie zurücktaumeln ließ.

„Wir können das gerne fortsetzen, bis du dich erschöpft hast. Ich muss morgen früh nicht zum Unterricht.“

Sonea funkelte ihn an. Ihr Schild schwächelte allmählich. Wenn ihr nicht bald etwas einfiel, würde sie auf jeden Fall gegen ihn verlieren. Sie überlegte, ob sie den Zusammenbruch ihres Schildes vortäuschen sollte. Vielleicht würde ihn das dazu verleiten, seinen ebenfalls fallenzulassen, weil er fürchtete, sie verletzt zu haben. Aber wahrscheinlich würde Akkarin ihre List durchschauen.

Dann kam ihr eine andere Idee. Sonea lächelte grimmig. Einen ähnlichen Trick hatte sie im vergangenen Halbjahr gegen einige ältere Novizen angewandt. Die Novizen hatten die Runde verloren und Akkarin war von ihr beeindruckt gewesen. Aber dieses Mal würde sie den Trick ein wenig abändern. Die einzige Schwierigkeit bestand indes darin, dass sie das, was sie zu tun beabsichtigte, bisher nur an Gegenständen im Klassenzimmer geübt hatte.

Sie streckte ihren Willen aus und ließ den sandigen Boden der Arena aufwirbeln, bis sie nichts mehr sehen konnte. Doch Akkarin konnte nun nicht mehr sehen, was sie tat. Damit er sie nicht traf, brauchte Sonea sich nur von der Stelle fortbewegen, auf der sie zuvor noch gestanden hatte. Wahrscheinlich würde Akkarin ebenfalls seine Position verändern und sie in die Irre führen, indem er seine Angriffe umlenkte oder schwache Angriffe wie Betäubungsschläge in verschiedene Richtungen sandte, um sie zu finden.

Und deswegen musste sie schnell sein.

Sich konzentrierend schuf Sonea neun Illusionen ihrer selbst. Während sie durch die Arena rannte, sandte sie ihre Abbilder in alle Richtungen, wobei sie Akkarins Angriffen möglichst auswich. Als die Illusionen ihre Positionen eingenommen hatten, ließ sie den Sandsturm verebben und sah sich um. Sie stand leicht seitlich von Akkarin. Zu ihrer Freude wirkte er beeindruckt. Ihr Plan war aufgegangen, die Illusionen perfekt. Sie unterdrückte ein Kichern.

Dann traf etwas ihren Geist wie ein gewaltiger Hammer und die Illusionen verschwanden.

Sie blinzelte verwirrt. Als ihr klarwurde, was gerade passiert war, erstarrte sie.

Akkarin hatte einen Gedankenschlag gegen sie eingesetzt.

Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, nicht mehr atmen zu können.

Akkarin ging langsam auf sie zu und griff unbarmherzig an. Das Beben ihres Schildes brachte Sonea wieder zur Besinnung. Entsetzt erkannte sie, dass sie zu viel ihrer Magie für die Illusionen verbraucht hatte. Eine Niederlage schien unaufhaltsam. Aber wenn sie diese Runde schon verlor, dann wenigstens hocherhobenen Hauptes.

Als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, gab sie all ihre verbleibende Magie in einen einzigen Kraftschlag. Die Wucht ihres Angriffs schleuderte Akkarin mehrere Schritt rückwärts durch die Luft.

Auf der Tribüne brach Jubel aus.

Soneas Entsetzen schlug in Panik um.

„Akkarin!“

Sie ließ ihren Schild fallen und rannte auf ihn zu. Akkarin lag reglos im Arenasand. Sie sank neben ihm auf die Knie.

„Das wollte ich nicht“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid.“

Sie sandte ihren Geist in seinen Körper, fürchtend, was sie dort finden würde. Was, wenn er am Ende schwächer gewesen war, als sie angenommen hatte?

Etwas warf sie nach hinten und presste ihr die Luft aus den Lungen. Der Innere Schild erlosch.

So viel ist also nötig, um ihn zu zerstören, dachte sie flüchtig und erschrak. Dieser Kraftschlag hätte sie töten können.

Sonea versuchte, sich aufzurichten, doch eine unsichtbare Kraft hielt sie fest. Dann war Akkarin über ihr und drückte seinen Dolch an ihren Hals.

„Was tut dir leid?“, fragte er. „Dass du denselben Fehler zweimal gemacht hast?“

„Das auch“, presste sie hervor.

„Und was noch?“

„Dass ich unaufmerksam war.“

„Das sollte es auch.“

Seine Stimme war hart. „Du wirst diese Fehler von jetzt an vermeiden. Hast du das verstanden?“

„Ja, Mylord.“

Akkarin ließ sie los und zog sie auf die Füße. Sonea war verstört. Erst allmählich begann sie zu begreifen, was gerade geschehen war. Sie begriff, sie sollte erleichtert sein, weil ihm nichts passiert war. Doch was er gerade getan hatte, entsetzte sie. Er hatte sie hereingelegt. Aber als wenn dieses Täuschungsmanöver nicht schon genug gewesen wäre, hatte er auch noch mit Gedankenschlag angegriffen. In der Arena galt dies als unsportlich, weswegen es Novizen nicht gelehrt wurde. In Duellen war es sogar verboten. Das alles wäre für Sonea noch verzeihbar gewesen. Eine Sache konnte sie ihm jedoch nicht verzeihen:

Er hatte mit ihrem Ängsten gespielt.

Von der Tribüne ertönte neuerlicher Applaus. Sonea und Akkarin wandten ihre Köpfe. Dieses Mal waren es die Novizinnen.

Akkarin runzelte missbilligend die Stirn. „Genug für heute“, entschied er und ließ sie los. „Du hast dich beinahe erschöpft. Gehen wir nach Hause.“

Sie nickte benommen und folgte ihm aus der Arena, erleichtert, weil sie für den Rest des Tages von Kriegskunst verschont bleiben würde.

„Was war das vorhin?“, wollte sie wissen, nachdem sie sich wieder halbwegs gefangen hatte.

„Ich habe meinen Schild nach innen gezogen, damit es so aussieht, als hättest du ihn durchbrochen. Dadurch konnte mich dein Kraftschlag durch die Luft schleudern“, antwortete er. „Ich werde es dir in einer unserer nächsten Stunden zeigen.“

Sonea starrte ihn an. „Ihr habt unfair gekämpft!“, protestierte sie.

„In einem richtigen Kampf interessiert sich niemand für Fairness“, sagte Akkarin. „Das gilt insbesondere für die Sachakaner. Du darfst deinen Schild niemals fallenlassen, bevor du dich überzeugt hast, dass du deinen Gegner auch wirklich besiegt hast.“

Sonea wollte erneut protestieren, wollte ihm erklären, dass sie geglaubt hatte, ihm ernsthaften Schaden zugefügt zu haben, doch Akkarin fuhr unbeirrt fort: „Ich verstehe, warum du nicht gegen mich kämpfen willst, Sonea. Aber wenn wir in der Arena sind, erwarte ich, dass du deine persönlichen Gefühle ablegst. In der Arena bin ich dein Lehrer, und wenn wir gegeneinander kämpfen, dein Feind. Ich weiß, du kannst weitaus besser sein. Ich erwarte, dass du bis zu den Nachprüfungen mindestens dein früheres Niveau wiedererlangt hast.“

Sonea seufzte innerlich. Diese Stunde hatte sie wieder daran erinnert, wie hart und unerbittlich er sein konnte. Sie hätte ihn gehasst, hätte sie nicht gewusst, dass er das auch für sie tat. Vielleicht würde sie ihm eines Tages dafür dankbar sein. Im Augenblick war sie jedoch zu sehr damit beschäftigt, ihn zu verfluchen.

„Ja, Mylord“, sagte sie, obwohl ihr ein Monat viel zu wenig erschien, um die Ereignisse nach der Schlacht zu vergessen.

„Du hast dieses Halbjahr an drei Tagen Kriegskunst. Morgen werde ich dir beibringen, wie man einen Gedankenschlag ausführt und abwehrt“, sagte er ein wenig weicher. „Ab übermorgen werden wir an jedem Vierttag gegen Balkan und einige Krieger antreten. Wir müssen an unserer gemeinsamen Strategie gegen einen stärkeren Gegner arbeiten, damit so ein … Missgeschick wie bei der Schlacht kein zweites Mal passiert. Nach deinen Prüfungen werden wir damit beginnen uns dabei einander die Kraft zu nehmen. Warum erkläre ich dir, wenn es soweit ist.“

Sonea erstarrte. Am liebsten hätte sie erneut protestiert, doch Akkarins Entscheidung schien bereits festzustehen. Sie ahnte, das war ein schlechter Zeitpunkt, um sich durchzusetzen.

„Ihr verlangt viel von mir“, sagte sie.

„Ich weiß“, murmelte Akkarin, „aber du wirst es irgendwann verstehen.“

Sie durchquerten den Innenhof. Ein paar Magier verließen die Universität in Richtung der Magierquartiere. Selbst aus der Entfernung wirkten sie beim Anblick der beiden schwarzen Magier furchterfüllt.

Wenn sie wüssten, wie sehr ich mich manchmal selbst vor Akkarin fürchte, hätten sie weniger Angst vor mir, dachte Sonea trocken.

Den Rest ihres Heimwegs legten sie schweigend zurück. Ihr Versagen in der Arena und Akkarins Worte quälten Sonea, während sie durch die unter den Bäumen einsetzende Dämmerung schritten. Erst als sie die Empfangshalle der Arran-Residenz betraten und der Geruch von frisch zubereitetem Essen in ihre Nase stieg, hob sich ihre Stimmung wieder ein wenig. Mit einem Mal spürte sie, wie hungrig sie war. Sie stellte ihre Tasche ab und wollte in den Speisesaal eilen.

„Sonea, warte“, hörte sie Akkarin hinter sich sagen.

Sie hielt inne und wandte sich zu ihm um.

„Ja, Lord Akkarin?“

Akkarin bedachte sie mit dem Halblächeln, das sie so an ihm liebte. „Du weißt, du brauchst zuhause nicht förmlich sein“, sagte er mit einer Spur von Strenge.

Sonea lächelte unwillkürlich und sparte es sich, ihm zu erklären, dass sie ihn in diesem Augenblick noch immer mehr als ihren Mentor denn ihren Geliebten empfand.

„Ich bedaure, dich vorhin in der Arena mit deinen Ängsten konfrontiert zu haben“, sagte er. „Es musste sein.“

Er trat auf sie zu und schloss sie in seine Arme.

„Ich weiß“, flüsterte sie. „Du brauchst dich dafür nicht entschuldigen.“

„Sonea, du sollst mich nicht für ein Ungeheuer halten.“

Sonea legte den Kopf in den Nacken, um ihn anzusehen. Akkarin streckte eine Hand aus und strich behutsam eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.

Sie lächelte schief. „Diese Phase habe ich bereits hinter mir.“

Er runzelte die Stirn und wurde unvermittelt ernst. „Sonea, ich habe meine Gründe, warum ich in Kriegskunst so hart zu dir bin.“

Sie spürte, dass mehr hinter seinen Worten steckte, als er bereit war ihr zu sagen. „Werde ich diese Gründe auch erfahren?“

„Ja. Nach deinen Prüfungen. Sie sind jetzt wichtiger als alles andere. Ich bitte dich, mir solange zu vertrauen.“

„Ich vertraue dir“, sagte sie und stieß einen leisen Seufzer aus. Dabei hätte sie die Wahrheit der nagenden Ungewissheit vor dem, was er ihr verschwieg, vorgezogen.

„Du hast mein Wort, dass du es erfahren wirst“, versprach er und küsste sie auf die Stirn.

Die Tür zum Speisezimmer ging auf und Takan bat sie zum Essen hinein. Akkarin legte eine Hand auf ihre Taille und sie folgten seinem Diener. Wie am Abend zuvor war der Tisch mit Speisen überladen. Sonea blinzelte überrascht. Sie hatte nicht damit gerechnet, jeden Abend ein so üppiges Mahl zu erhalten.

„Wie weit bist du mit deinem Bericht für Lady Vinara?“, fragte Akkarin, nachdem Takan sich zurückgezogen hatte und sie sich aufgetan hatten.

„Fast fertig.“ Sonea hatte in der Mittagspause in der Bibliothek ein wenig daran geschrieben. „Warum?“

„Ich möchte ihn lesen, bevor du ihn abgibst. Es sollte nichts darin stehen, das Lady Vinara nichts angeht.“

Sonea verschluckte sich fast an dem Bissen Harrelfleisch, an dem sie gerade kaute. Hastig trank sie einen Schluck Wein.

„Hast du etwas dagegen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Du kannst ihn ruhig lesen. Vorausgesetzt, es macht dir nichts aus.“

An seiner Stelle hätte sie nichts über ihre Rettung wissen wollen. Wie verstörend musste es sein zu wissen, das man für einige Minuten tot gewesen war?

„Das spielt keine Rolle.“

Sonea nickte nur mäßig überzeugt. Dachte er wirklich, er könne bis an sein Lebensende alles mit sich selbst ausmachen? „Dann werde ich den Bericht gleich nach dem Essen fertigstellen und dir geben.“

Hoffentlich findet er nichts Anstößiges, dachte sie unbehaglich. Sie wollte den Bericht nicht noch einmal schreiben müssen. Als sie ihn verfasst hatte, hatte es sich angefühlt, als hätte sie Akkarin erneut verloren. Sie wollte das nicht noch ein drittes Mal durchleben. Sonea versuchte sich damit zu trösten, dass es vorbei sein würde, wenn sie den Bericht abgab. Danach würde sie nicht mehr an diesen Tag denken müssen. Aber das stimmte nicht. Sie würde jedes Mal daran erinnert werden, wenn sie gegen Akkarin in der Arena kämpfte und wahrscheinlich auch dann, wenn sie beide gegen Balkans Krieger antraten. Und er erwartete von ihr, dass sie in einem Monat dieses Erlebnis so weit verarbeitet hatte, dass sie in Kriegskunst über ihren alten Stand hinausgewachsen war.

Als sie den Blick hob, stellte sie fest, dass Akkarin sie nachdenklich betrachtete.

„Ich weiß, es ist schwer“, sagte er. „Aber du wirst lernen, damit umzugehen.“


***


Nachdem er das Abendessen, das Tania ihm gebracht hatte, verzehrt hatte, lehnte Rothen sich in seinem Sessel zurück. Ein langer und anstrengender Tag lag hinter ihm. Es bereitete ihm Freude die Novizen, die Alchemie als Disziplin gewählt hatten, zu unterrichten. Im Gegensatz zu manchen Novizen der unteren Jahrgänge waren sie mit Leidenschaft bei der Sache. Die oft komplexen Experimente erforderten jedoch eine sorgfältige Unterrichtsvorbereitung.

Im Laufe des Tages waren außerdem zwei Alchemisten an ihn herangetreten, die ihre Forschungsprojekte genehmigt haben wollten. Lord Davin wollte den Bau seines Wetterausgucks wieder aufnehmen. Im Frühjahr hatte er dazu von Akkarin die Erlaubnis erhalten, doch über den Angriff der Sachakaner waren die Baumaßnahmen eingestellt worden. Rothen wusste nicht, wie Balkan zu der Wiederaufnahme dieses seit langem umstrittenen Projektes stand, und hatte Davin gebeten, sein Anliegen bei der Gildenversammlung am nächsten Vierttag erneut vorzutragen.

Der andere Magier, Lord Krelin, hatte ihm von seiner abstrusen Idee berichtet, Textilien zu erfinden, die nicht nass wurden oder verschmutzten. Er hatte Rothen fast zwei Stunden lang bis ins kleinste Detail erläutert, wie er Gewebe aus verschiedenen Materialien mit Magie dazu bringen wollte, gegen Nässe und Schmutz resistent zu sein, und welchen Nutzen das für die Allgemeinheit haben würde.

Rothen konnte nur den Kopf darüber schütteln, womit manche Magier ihre Zeit verbrachten. Morgen würde er mit Lord Peakin sprechen, ob er solche Vorschläge nicht lieber sofort ablehnen sollte. Das Projekt war nicht uninteressant, aber hatte wirtschaftliche Nachteile, die man nicht ignorieren durfte. Sollte sich ein solches Material auf dem Markt durchsetzen, würde dies das Ende der Wäschereien bedeuten und die dort Beschäftigten würden sich nach einer neuen Arbeit umsehen müssen. Zudem bestand die Möglichkeit, dass der Stoff die Farbe mit der er gefärbt worden war, durch Lord Krelins Methode verlieren würde oder sich gar nicht erst färben ließ. Es war ein hehres, aber unrealistisches Ziel.

Als seine Dienerin seine allabendliche Tasse Sumi vor ihm abstellte, sah Rothen auf. Die Dunkelheit im Raum war dabei, sich zu verdichten. Rothen schuf eine Lichtkugel und ließ sie hinter einen Wandschirm schweben.

„Danke, Tania“, sagte er und griff nach der Tasse.

Tania zögerte. Sie machte ein Gesicht, das Rothen nur zu gut von ihr kannte. So sah sie ihn immer an, wenn sie etwas sagen wollte, sich aber nicht sicher war, ob sie es wirklich tun sollte.

Er schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Tania, was bedrückt dich?“, fragte er.

Sie zuckte kaum merklich zusammen. Dann sah sie ihn direkt an.

„Sie fehlt Euch, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Rothen. „Aber ich wusste, sie würde wieder gehen, wenn Akkarin aus dem Heilerquartier entlassen wird.“

„Glaubt Ihr, er wird Ihr dieses Mal erlauben, Euch zu besuchen?“

Er zuckte die Schultern. Seit der Anhörung hatte er Sonea nicht mehr gesehen. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es ihr seitdem ergangen war. Sicher hatte sie ihn noch nicht besucht, weil sie sich erst wieder an den Alltag an der Universität und an ihr neues Leben gewöhnen musste. Inzwischen dämmerte ihm, dass ihre Wut nach der Anhörung Akkarin gegolten hatte. Fing er wieder an, sie zu kontrollieren? Würde sie sich das überhaupt noch von ihm gefallen lassen?

„Ich weiß es nicht“, sagte er. „Doch ich hoffe es.“

Tania nickte. Sie schien nicht glücklich über seine Antwort und das bestärkte Rothens Vorhaben, nach Sonea zu sehen, sollte sie nach ihrer ersten Woche noch nicht von selbst zu ihm gekommen sein. Dieses Mal würde er sich von Akkarin den Kontakt nicht verbieten lassen.

„Habt Ihr noch einen Wunsch, Mylord?“, fragte Tania und räumte das schmutzige Geschirr auf ein Tablett.

„Nein. Du kannst für heute gehen.“

„Dann gute Nacht, Lord Rothen.“

„Gute Nacht, Tania.“

Sie war schon fast an der Tür, als es klopfte.

Rothen runzelte die Stirn. Wer konnte das jetzt noch sein? Hoffentlich nicht schon wieder Lord Krelin, dachte er flehentlich. Für heute hatte er wahrhaftig genug von diesem Mann. Doch als Tania die Tür öffnete, erblickte er seinen neuen Novizen.

„Guten Abend, Mylord“, sagte Farand und verneigte sich. „Bitte verzeiht die Störung.“

Rothen lächelte. „Komm herein, Farand.“

„Soll ich … ?“, begann Tania.

„Nicht nötig“, winkte Rothen ab.

Sie lächelte dem jungen Elyner scheu zu und schloss dann leise die Tür hinter sich.

„Setz dich“, forderte Rothen seinen Novizen auf. „Möchtest du etwas trinken? Sumi vielleicht?“

Der junge Mann setzte sich in einen Sessel. „Danke Lord Rothen, ein Glas Wasser reicht völlig.“

Rothen erhob sich und schritt zur Anrichte. Er befüllte ein Glas mit Wasser von der Quelle und brachte es Farand.

„Was führt dich so spät noch zu mir?“, fragte er, als er Farand gegenüber Platz nahm.

„Oh, eigentlich wollte ich Euch nur das hier zurückbringen.“

Farand zog ein kleines Buch aus seiner Robe. Rothen erkannte den Einband auf der Stelle wieder. Es war das Buch, das er seinem Novizen am Tag zuvor geliehen hatte.

Er runzelte die Stirn. „Hat es dir nicht gefallen? Oder war es zu kompliziert?“

„Im Gegenteil.“ Farand lächelte, ein fiebriger Glanz in seinen Augen. „Es war unglaublich interessant. Ich habe es letzte Nacht ausgelesen. Eigentlich bin ich gekommen, um Euch zu fragen, ob Ihr noch mehr davon habt.“

Beeindruckt hob Rothen die Augenbrauen. Diese Aspekte der Alchemie verstanden Novizen normalerweise erst gegen Ende ihres Studiums. Doch Farand war mit Mitte zwanzig älter als die Novizen der Abschlussklasse. Sein Denken war viel weiter entwickelt und zudem schien er intelligenter und wissbegieriger als der durchschnittliche Novize.

„Was ich dir gestern gegeben habe, war für Novizen im fünften Jahr“, sagte Rothen. „Das entbindet dich aber nicht davon, weiterhin die Grundlagen der Alchemie zu lernen.“

Der junge Elyner nickte. „Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss, bevor ich es anwenden kann, Mylord.“ Seine Stirn legte sich in nachdenkliche Falten. „Oder ist mir noch nicht erlaubt, solch fortgeschrittene Alchemie zu erlernen?“

„Doch“, antwortete Rothen. „Niemand kann dir verbieten, die Theorie zu lernen. Aber es besteht die Gefahr, dass du das meiste davon wieder vergessen hast, bis du bereit bist, es anzuwenden.“

„Oh, das macht nichts“, erwiderte Farand. „Wenn ich es einmal gelernt habe, brauche ich das Wissen nur aufzufrischen. Und so kann ich mich jetzt schon auf das freuen, was mich in ein paar Jahren erwartet.“

Rothen lächelte. Er hatte selten solch einen lernbegierigen Novizen unterrichtet, der so viel Interesse an Alchemie zeigte. Selbst Dannyl oder Sonea, die beide auf ihre Weise klug, interessiert und wissbegierig waren, wären nie auf die Idee gekommen, etwas zu lernen, was sie erst viel später brauchen würden. Allerdings hatten beide neben ihrem Studium auch andere Sorgen gehabt.

„In diesem Fall habe ich tatsächlich noch etwas, was dir gefallen würde.“ Er erhob sich aus seinem Sessel und ging zu seinem Bücherregal. Die Rücken der Einbände betrachtend zog er schließlich ein Buch heraus und reichte es Farand.

„Das hier wird dir noch tiefere Einblicke in die Welt der alchemistischen Substanzen geben.“

Ehrfürchtig nahm Farand das Buch entgegen. „Einführung in die Theorie über die Theilbarkeit der untheilbaren Materie“, las er begeistert. Er sah auf. „Vielen Dank, Lord Rothen.“

Rothen lächelte. „Wenn du es ausgelesen hast, können wir darüber diskutieren, wenn du magst.“


***


Sonea vollendete den Abschnitt „Beobachtungen“ des Protokolls, das sie zu dem Experiment ihres heutigen Alchemieunterrichts schreiben musste, und gähnte. Für diese Disziplin hatte sie noch nie sehr viel Begeisterung aufbringen können – wenn auch anfangs mehr als für die Kriegskunst. Vielen Experimenten mangelte es an praktischem Nutzen. Sie dienten vor allem dazu, das Verständnis für die theoretischen Grundlagen zu schaffen. Nützliche und interessante Anwendungen der Alchemie wurden erst zu einem Zeitpunkt im Studium unterrichtet, zu dem sich die meisten Novizen bereits einer der anderen beiden Disziplinen zugewandt hatten. Sonea fand das unlogisch. Wie sollte man sich für eine Disziplin entscheiden, bevor sie anfangen konnte, zu begeistern?

Sich die Augen reibend lehnte sie sich zurück. Es war spät geworden. Nach dem Abendessen hatte sie zunächst für ihre bevorstehenden Prüfungen gelernt, bevor sie zu ihren Hausaufgaben übergegangen war, die ihr im Augenblick weniger wichtig erschienen. Der gesamte Stoff des letzten Halbjahres würde Bestandteil der Nachprüfungen sein und sie hatte das meiste vergessen. Sie befand jedoch, für heute genug gelernt zu haben. Sie brauchte nur noch das Resultat ihres Experiments zu interpretieren, dann konnte sie endlich schlafen gehen.

Es klopfte.

„Herein“, rief sie ein wenig unwirsch über die Störung und öffnete die Tür mit ihrem Willen.

Es war Akkarin. „Ich habe deinen Bericht gelesen“, sagte er und glitt wie ein großer schwarzer Schatten in den Raum.

Soneas erstarrte. „Ist es sehr schlimm?“

„Nein.“ Er nahm einen Stuhl und setzte sich neben sie. „Du hast deine Sache sehr gut gemacht. Nur in einem Detail solltest du nicht so viel erklären.“ Akkarin legte den Bericht auf ihren Schreibtisch und wies auf eine Stelle im Text. „Hier hast du Folgendes geschrieben: … um Lord Akkarins magische Quelle zu finden, habe ich meine eigenen Erinnerungen an Situationen, in denen unsere Gedanken miteinander verbunden waren, zur Hilfe genommen …“ Sein Blick begegnete ihrem. „Jeder Magier, der das liest, weiß auf der Stelle, worauf du anspielst.“

Hitze stieg in Soneas Wangen. „Aber darauf bin ich doch gar nicht näher eingegangen!“, protestierte sie.

„Das ist auch nicht nötig. Die Gedanken und Gefühle zweier Magier verbinden sich während des Liebesaktes von selbst, sofern es erwünscht ist und man das nicht unterdrückt. Das eine Folge des dabei auftretenden Herabsenkens der natürlichen Barriere.“

„Oh“, machte sie und war mit einem Mal seltsam enttäuscht. „Ich dachte nur …“, sie zögerte und sah ihn an, „ … das mit uns wäre etwas Besonderes.“

„Das ist es auch“, sagte er sanft. „Würden wir nicht so stark füreinander empfinden, hättest du mich vielleicht nicht retten können.“

„Du hättest nicht sterben müssen“, sagte Sonea heftig. „Warum überhaupt musste es soweit kommen?“

„Weil das der einzige Weg war.“

Ein vertrauter Zorn braute sich wie ein dunkler Sturm in ihr zusammen. „Das ist nicht wahr! Ich hätte dich heilen können. Meine Magie hätte dafür noch ausgereicht. Ich …“ Sie brach ab und begann hilflos mit ihren Händen zu gestikulieren.

„Sonea, es geht nicht darum, wie viel Magie du noch übrig hattest“, sagte er behutsam. „Karikos Dolch hatte mich zu stark verletzt, um den Kampf zu überleben. Hätte ich dir nicht meine ganz Kraft übertragen, hätte meine Magie uns beide getötet, noch bevor die Ichani besiegt gewesen waren. Ich hätte nicht mit dem Gedanken versagt zu haben sterben können, weil ich die Sicherheit der Gilde riskiert hätte, damit wir beide überleben. Ich würde eher sterben, als dich in Gefahr zu bringen.“

„Nein!“, widersprach Sonea heftig. Sie sollte diese Wahrheit nicht hören. „Ich will nicht, dass du für mich stirbst. Und auch nicht für irgendjemand anderen.“

„Das ist mir lieber, als wenn du auch gestorben wärst und wir versagt hätten.“

Sie schnaubte lautstark. „Denkst du, ich würde ohne dich weiterleben wollen? Hast du überhaupt eine Ahnung, wie es sich anfühlt, zurückgelassen zu werden?“

„Ja, die habe ich“, sagte er leise. Als er sie ansah, waren seine Augen jedoch wieder hart. „Doch das ändert nichts an meiner Einstellung.“

„Dann wirst du damit leben müssen, dass ich immer wieder mein eigenes Leben aufs Spiel setzen werde, um dich zu retten“, gab sie zurück. Sie spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen, doch sie kämpfte sie zurück. „Denn ich bin lieber tot, als ohne dich.“

Akkarins dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Was willst du damit sagen?“

Sonea seufzte frustriert. Dieser Streit würde nicht so schnell beigelegt sein. „Nachdem ich die drei Ichani erledigt hatte, hatte ich fast all meine Kraft aufgebraucht. Dorrien musste mir helfen, dich zu retten. Ohne seine Magie hätte ich es nicht geschafft.“ Sie betrachtete Akkarin unwirsch. „Denn deine Rettung hat sehr viel mehr Magie erfordert, als ich benötigt hätte, um deine Verletzung sofort zu heilen“, fügte sie säuerlich hinzu. „Mit Rothen, Balkan und Dorrien auf dem Dach hätte es gereicht.“

Hoffentlich wird er nicht wütend, weil es Dorrien war, dachte Sonea. Ihr war nicht entgangen, wie sich sein Gesicht bei ihrem Worten zusehends verfinstert hatte. Aber er wusste doch bereits aus dem Bericht, dass es Dorrien gewesen war! Sie verstand nicht, warum er sich noch daran störte, jetzt wo er wusste, dass sie nichts mit Dorrien verband.

Eine Weile musterte Akkarin sie schweigend. Dann erhob er sich und begann den Raum zu durchtigern.

„Sonea“, sagte er schließlich. „Ich muss dir hoffentlich nicht sagen, wie verantwortungslos das war. Du hättest dein Leben nicht für die unwahrscheinliche Möglichkeit mich wiederzubeleben riskieren dürfen. Nicht, wenn du nur noch so wenig Kraft übrig hattest.“

Sonea starrte ihn an. Sie konnte kaum glauben, was er da sagte. Wie konnte er nur so undankbar sein?

„Es ist mein Leben“, widersprach sie trotzig. „Ich riskiere es, wofür es mir wert ist.“

„Wenn du bei dem Versuch, mich zu retten, gestorben wärst, dann wäre alles, wofür wir gekämpft haben, umsonst gewesen. Einer von uns muss übrigbleiben und das Wissen über schwarze Magie weitergeben. Sonea, wir haben eine Verpflichtung der Gilde gegenüber.“

„Das weiß ich. Aber wir hätten beide in der Schlacht sterben können, ohne dass wir es hätten verhindern können“, widersprach sie mit bebender Stimme. „Das kann uns immer passieren. Dann würde unser Wissen auch verlorengehen und die Gilde wäre auf sich gestellt.“

Akkarin hielt inne. „Selbstverständlich besteht diese Möglichkeit“, räumte er ein. „Aber …“

Sonea ahnte, was er sagen wollte und schnitt ihm das Wort ab. Sie wollte es nicht hören.„Wenn ich es nicht versucht hätte, dann hätte ich mir das den Rest meines Lebens vorgeworfen“, sagte sie. „Und wenn du nicht so leichtsinnig gewesen wärst, auf die Magie aus der Arena zu verzichten, wäre es gar nicht erst so weit gekommen!“

Es war absurd, deswegen mit ihm zu streiten. In gewisser Weise hatte Akkarin recht. Doch ungeachtet seiner Sicht der Dinge fand Sonea, an jenem Tag, das einzig Richtige getan zu haben.

Ohne Akkarin wäre sie vielleicht nicht gewillt gewesen, der Gilde weiterhin zu helfen. Sie hätte niemals wieder schwarze Magie benutzt. Vielleicht, so überlegte sie, hätte sie ihre Kräfte blockieren lassen und wäre fortgegangen. Irgendwohin, wo es nichts gab, das sie immerzu an ihn erinnerte. Aber sie hätte ihn niemals vergessen. Und sie hätte niemals aufgehört, ihn zu lieben.

Und das hätte sie nicht ertragen.

„Hätte ich dich verloren, so hätte ich nicht mehr leben wollen. Dich zu retten, war ich uns schuldig.“

Akkarin seufzte. „Sonea, seit wann bist du so selbstsüchtig?“

Die Tränen ließen sich nicht mehr zurückhalten.

Seit ich erkannt habe, dass ich dich mehr liebe, als ich es je für möglich hielt.

Wortlos zog er sie in seine Arme.

„Wenn ich statt deiner gestorben wäre, hättest du dann nicht versucht, mich zu retten?“, fragte sie ihr Gesicht an seiner Schulter vergraben.

„Doch“, flüsterte er. „Aber hätte ich erkannt, dass es aussichtslos ist, hätte ich dich gehenlassen. Dasselbe erwarte ich von dir.“

Sonea begann zu weinen und er hielt sie fest. Es war nicht aussichtslos gewesen. Nicht für sie. Sie hatte ihn nicht aufgeben wollen. Er liebte sie doch genauso wie sie ihn. Konnte er das denn nicht verstehen?

„Sonea, es gibt nichts, das aufwiegen könnte, was du für mich getan hast“, sagte Akkarin leise. „Denk nicht, ich würde die Alternative vorziehen, denn ich will dich nicht unglücklich wissen. Aber wir müssen unsere Verantwortung über unsere Beziehung stellen.“

Seine Worte beruhigten und bewegten sie. Natürlich war Akkarin dankbar, dass sie ihn gerettet hatte. Aber er verlangte auch, dass sie ihre Wünsche und Bedürfnisse dem Schutz der Gilde unterordnete. Einst wäre es Sonea nie in den Sinn gekommen, persönliche Dinge einem höheren Wohl vorzuziehen. Doch das war vor Akkarin gewesen. Jetzt waren da zwei Loyalitäten, die sich nur bedingt miteinander vereinbaren ließen. Und Sonea verstand besser denn je, wieso Akkarin sich ihretwegen in einem Loyalitätskonflikt wähnte, der ihn einst davon abgehalten hatte, sich auf sie einzulassen.

„Ich weiß“, murmelte sie.

„Wir dürfen nicht ausschließen, dass einer von uns beiden in einem Kampf gegen einen schwarzen Magier stirbt. Aber ich werde mein Möglichstes tun, um das zu verhindern“, versprach Akkarin. Er hob ihr Kinn und sah sie an. „Auch wenn du mich von nun an hasst, weil du mich in Kriegskunst ertragen musst“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu.

„Dann werde ich freiwillig durch diese Hölle gehen“, erwiderte Sonea. Der Gedanke, gegen ihn zu kämpfen und dabei jedes Mal an jenen verhängnisvollen Tag erinnert zu werden, missfiel noch immer.

Aber selbst das war besser, als ihn erneut zu verlieren.

Wenn es jedoch am Ende dazu führte, dass sie in einem echten Kampf weniger Fehler machte, würde sie eine Wiederholung des Kampfs gegen Kariko weniger fürchten brauchen.

Akkarin bedachte sie mit einem Halblächeln. Behutsam wischte er ihre Tränen fort. „Es wird mit der Zeit leichter werden. Ich werde dich nicht mehr fordern, als du ertragen kannst. Aber wir sind mehr als ein Liebespaar oder als Mentor und Novize. Wir tragen eine große Verantwortung. Wir müssen unsere Beziehung zurückstellen, wann immer es die Situation erfordert.“

Sonea nickte. „Das verstehe ich.“

Es wäre einfacher, hätte sie sich nicht in ihn verliebt. Aber das war etwas, das sich jetzt nicht mehr rückgängig machen ließ. Geschweige denn, dass sie das gewollt hätte.

Akkarin betrachtete sie nachdenklich und strich kurz über ihre Wange. Dann wandte er sich wieder dem Bericht zu.

„Trotz allem wirst du diese Passage umschreiben müssen.“

Sonea schnitt eine Grimasse. Über ihren Streit hatte sie das völlig vergessen.

„Und wie? Soll ich etwas erfinden?“

Akkarin runzelte die Stirn. Eine Weile starrte er nachdenklich auf den Bericht. „Wie wäre es hiermit?“, sagte er dann. „Auf Grund meiner Ausbildung zur schwarzen Magierin und einiger Ereignisse auf Flucht vor den Sachakanern, welche eine Verbindung unserer Gedanken erforderten, hatte ich die Gelegenheit, einen einzigartigen Blick in Lord Akkarins Geist zu erhalten. Dies lieferte den ausschlaggebenden Beitrag, den Ort seiner magischen Quelle zu lokalisieren. Das formuliert die Textstelle ohne von der Wahrheit abzuweichen so um, dass jeder Leser denkt, was wir getan haben, hätte mit schwarzer Magie zu tun gehabt.“

Sonea lachte. „Das klingt viel zu sehr nach dir. Sicher wird sie es sofort merken.“

„Nun, es steht dir frei, es in deinen Worten auszudrücken. Achte nur darauf, den Anlass für die Verbindung unserer Gedanken möglichst neutral zu halten.“

Sonea seufzte. Jetzt würde sie den Bericht tatsächlich noch einmal schreiben müssen. Doch wenn sie es geschickt anstellte, war es nur die Seite, auf der diese Passage stand.

„Wenn es dein Wunsch ist, bleibe ich solange hier“, bot Akkarin an.

Sonea schnaubte verächtlich. „Danke, aber ich bin kein Baby mehr!“

Akkarins Mundwinkel zuckten. Seine Roben raschelten leise, als er sich erhob. „Falls dich aus welchen Gründen auch immer, die Sehnsucht nach mir ergreift, findest du mich in der Bibliothek.“


***


Von außen betrachtet war das Bolhaus nicht das Beste, doch Dannyl hatte in den Hüttenvierteln von Imardin schon weitaus üblere Spelunken besucht. Er stieg aus der Kutsche und streckte seine verspannten Glieder. Das ständige Geschaukel und das lange Sitzen hatten seine Muskeln steif gemacht.

„Allzu vertrauenerweckend sieht es ja nicht aus.“

Dannyl wandte sich um. Hinter ihm verließ Tayend gerade ihr Reisegefährt. Der Gelehrte sah genauso aus, wie Dannyl sich nach dem langen Tag fühlte. „Beim nächsten Mal reisen wir wieder mit dem Schiff“, versprach er.

Tayend verzog das Gesicht. „Das meinst du nicht ernst, Botschafter“, sagte er mit leisem Vorwurf in der Stimme.

Dannyl grinste. „Doch. Und jetzt lass uns reingehen. Ich habe Hunger.“

Das Bolhaus befand sich in einem kleinen Dorf auf halben Weg zu der Stadt Davlin, die sie auf dem Weg zu den Grauen Bergen, der Grenze zu Elyne, passieren würden. Am Morgen hatten sie den Tarali mit einer Fähre überquert. Gegen Nachmittag hatten sie den Fluss hinter sich gelassen und waren der Straße einen Nebenfluss hinauf gefolgt. Ihr Weg hatte sie entlang lieblicher Auen, Viehweiden und Felder, auf denen goldgelber Tenn geerntet wurde, geführt.

Dannyl gab ihrem Fahrer ein paar Münzen, damit er sich davon etwas zu essen besorgen konnte. Dann betraten er und sein Gefährte das Bolhaus.

Ein überwältigender Geruch von Bol, Essen und Schweiß schlug ihnen entgegen. Bemüht, sich davon nicht irritieren zu lassen schritt Dannyl auf die Theke zu, hinter der der Wirt gerade ein paar Krüge spülte. Als er Dannyl erblickte, weiteten sich seine Augen.

„Guten Abend, Mylord“, sagte er und verneigte übertrieben. „Ich bin Burin, der Wirt. Was kann ich für Euch tun?“

Anscheinend kommen nicht oft Magier hierher, dachte Dannyl amüsiert. „Mein Assistent und ich möchten hier übernachten. Habt Ihr noch zwei Zimmer frei?“

Burin nickte. „Ja, Mylord. Ein Gold pro Zimmer.“

Dannyl runzelte die Stirn. Das war eine ordentliche Summe für eine Nacht in einem Bolhaus. Für einen Magier war alles mindestens dreimal so teuer wie für gewöhnliche Leute. Und der Wirt wusste, dass Dannyl genug Geld besaß, um sich seine horrenden Preise leisten zu können. Er hegte ein gewisses Verständnis für den Mann. Die Landbevölkerung war nicht sonderlich wohlhabend. Dennoch musste er richtigstellen, dass er sich nicht ausnehmen ließ.

„Da waren die Zimmer im letzten Bolhaus, wo wir gefragt haben, billiger und das Bolhaus sah besser aus“, sagte er. „Fünfzig Silberstücke für beide.“

„Es sind gute Zimmer“, wandte Burin ein. „Achtzig Silber für beide. Und das ist ein verdammt guter Preis.“

„Fünfzig Silberstücke für zwei Zimmer“, beharrte Dannyl. Er fand, das war noch immer sehr großzügig von ihm. „Und Ihr bekommt noch zehn obendrauf, wenn Ihr uns dafür ein ordentliches Abendessen und Frühstück serviert. Es sei denn, es macht Euch nichts aus, wenn ich meinen Kollegen erzähle, sie sollten auf ihren Reisen besser dort nächtigen, wo keine Wucherpreise verlangt werden.“

Der Wirt war blass geworden. „Fünfzig Silber ist ein guter Preis“, sagte er unterwürfig. „Essen gibt’s umsonst dazu.“

Dannyl lächelte. „Dann verstehen wir uns.“

„Ich sag eben meiner Magd, sie soll die Zimmer fertigmachen. In der Zwischenzeit lass ich Euch etwas zu Essen bringen.“

„Danke“, erwiderte Dannyl.

Er steuerte auf einen noch freien Tisch zu und setzte sich. Tayend ließ sich auf den Stuhl ihm gegenüber fallen.

„Endlich sitzen, ohne herumgeschaukelt zu werden“, seufzte er.

„Es war deine Idee, per Kutsche zu reisen“, erinnerte Dannyl seinen Freund.

„Ich will mich ja auch gar nicht beklagen. Es ist immer noch besser, als sich die ganze Zeit übergeben zu müssen.“

Dannyl sparte sich die Mühe, seinen Freund darauf hinzuweisen, dass er ihn jederzeit heilen konnte. Auch wenn Tayend sich inzwischen von ihm heilen ließ, zog er es vor, darauf zu verzichten, bis er es nicht mehr aushielt. Dannyl ahnte, dass es dabei auch um Stolz und Abenteuer ging.

Burin erschien mit zwei Krügen. Ihm folgte eine junge Magd. Auf dem einen Arm balancierte sie zwei dampfende Schalen, auf dem anderen ein Tablett mit gebratenem Rassook.

„Das ist das Beste, was unsere bescheidene Küche zu bieten hat“, erklärte Burin ein wenig verlegen.

„Ich bin sicher, es schmeckt hervorragend“, erwiderte Dannyl.

„Falls Ihr trotzdem noch was wollt, ruft mich“, sagte Burin. Er und die Magd entfernten sich.

Tayend blickte mit gerunzelter Stirn auf seinen Teller.

„Was ist?“, fragte Dannyl.

„Es ist nur … ich dachte, kyralische Hausmannskost wäre so ähnlich wie in Elyne“, erklärte Tayend ein wenig hilflos. „Aber das kyralische Essen ist so … schwer.“

„Du kannst es essen“, sagte Dannyl. „Es dauert noch ein paar Tage, bis wir wieder in Elyne sind. Willst du die ganze Zeit hungern?“ Er tauchte seinen Löffel in die Suppe und schob ihn in den Mund. Gar nicht so übel, dachte er. „Siehst du? Es ist wirklich gut. Auch wenn es vielleicht nicht das ist, was wir gewohnt sind.“

Nachdem sie gegessen hatten, führte der Wirt sie zu ihren Zimmern, die sich im Obergeschoss des Bolhaus befanden. Sie wünschten einander gute Nacht, dann betrat Dannyl sein Zimmer.

Es war nicht besonders groß. Die Möbel waren abgenutzt, doch das Zimmer war tadellos sauber. An der linken Wand stand ein Bett, unter dem Fenster mit blauen Papierblenden befand sich ein Tisch mit einer Schüssel und Tüchern zum Waschen.

Dannyl zog seine Stiefel aus und streckte sich auf dem Bett aus. Die Matratze aus Stroh war bei weitem nicht so bequem, wie die Betten, in denen er sonst schlief. Aber es war allemal besser als die Holzbank in der Kutsche.

Seine Augen schließend entspannte er sich von dem langen Sitzen. Er war schon fast eingeschlafen, als es klopfte. Er schrak hoch und streckte seinen Willen nach der Tür aus.

Draußen stand Tayend. Er wirkte aufgelöst.

„Tayend!“ Dannyl sprang auf. Er sah sich rasch um. Der Flur war jedoch verlassen. Rasch bedeutete er dem Gelehrten, einzutreten und schloss die Tür hinter ihnen.

„Was ist passiert?“

„Ich weiß nicht, wie ich schlafen soll, wenn ich weiß, dass du im Zimmer nebenan bist“, antwortete sein Gefährte hilflos. „Seit du die Rebellen nach Imardin überführt hast, haben wir zwei nicht mehr …“

Also darum geht es. In Imardin hatte Dannyl es vermieden, seinen Gefährten häufig zusehen, damit sie kein Misstrauen erregten. Wenn sie sich getroffen hatten, hatte er Abstand gewahrt. Er hatte kein gutes Gefühl dabei, Tayend in Kyralia so nahe zu kommen. Doch auch er sehnte sich nach Nähe.

Mit einem leisen Seufzen nahm er seinen Gefährten die Arme. „Ich weiß“, sagte er. „Aber wir sind immer noch in Kyralia.“

„Hier kennt uns niemand. Wer soll denn schon bemerken, wenn ich heute Nacht bei dir bleibe?“

„Vielleicht die Magd, die unsere Zimmer aufräumt?“

Tayend grinste mit einer ungewohnten Hinterhältigkeit. „Ah, ich habe mein Bett zerwühlt. Sie wird es nicht merken.“

Dannyl runzelte die Stirn. Ihm war noch immer nicht wohl dabei. Während er in Imardin gewesen war, hatte er sein Verlangen unterdrückt, so wie er es all die Jahre getan hatte, bevor er Tayend begegnet war. Aber jetzt waren sie beide allein in diesem Zimmer. Niemand würde sie stören.

Als Dannyl die Hand nach seinem Freund ausstreckte und seine Wange berührte, kehrten seine Gefühle mit aller Macht zurück.

Er streckte seinen Willen aus und belegte die Tür mit einem magischen Schloss. Dann küsste er Tayend verlangend und zog ihn mich sich aufs Bett.


***


Sonea rannte durch die Straßen irgendwo im Inneren Ring. Akkarin glitt wie ein großer, dunkler Schatten neben ihr her. Angesichts der zunehmenden Verwüstung rings um sie herum konnten die Sachakaner nicht mehr weit sein. Wohin sie auch blickte, bot sich ihr ein Bild des Grauens. Überall lagen Leichen und die Trümmer eingestürzter Villen. Die Sachakaner hatten ganze Arbeit geleistet und sich jeder Magiequelle bemächtigt, auf die sie unterwegs gestoßen waren. Tief an dem rauch- und staubverhangenen Himmel, hing eine Sonne, deren Strahlen die Welt in Blut badeten.

Sie bogen um eine Ecke und fanden sich plötzlich einer Gruppe von acht Sachakanern gegenüber, die von Kariko angeführt wurde.

Die plötzliche Panik war überwältigend. „Das schaffen wir nicht“, sagte Sonea atemlos. „Wir müssen zur Arena.“

„Nein“, widersprach Akkarin. „Wir sind stark genug.“

Sonea öffnete protestierend den Mund, doch Akkarin hatte bereits begonnen, die Sachakaner anzugreifen. Die Sachakaner konterten mit einer Stärke, die sie erschaudern ließ und die Luft zwischen ihnen und ihren Gegnern mit gleißendem Licht erfüllte. Ihr gemeinsamer Schild bebte bedrohlich.

„Sie sind uns überlegen!“, rief Sonea. Das Entsetzen legte sich derweil mit einer bleiernen Lähmung über sie. „Wir müssen uns zurückziehen und uns stärken!“

„Sonea“, sagte Akkarin, Ärger blitzte in seinen dunklen Augen auf. „Wenn wir anfangen, Magie aus Gebäuden zu beziehen, sind wir nicht besser als sie.“

„Besser Häuser als Menschen“, gab sie zurück.

Akkarin erwiderte darauf nichts und fuhr fort, die Sachakaner zu attackieren. Fieberhaft suchte Sonea nach einer Möglichkeit, ihre Kraft zu sparen, wenn er schon nicht gewillt war, ihren Vorschlag zu befolgen. Währenddessen gewannen die Angriffe ihrer Gegner an Intensität.

Wenn ich die Magie im hinteren Teil des Schildes nach vorne leite, brauche ich keine zusätzliche Magie um den Schild zu verstärken, überlegte Sonea. So würden sie länger durchhalten und hatten vielleicht eine Chance, die Sachakaner zu besiegen. Sie war sicher, niemand würde sie von hinten angreifen und entschied, es zu riskieren.

Für eine Weile schien ihr Plan vielversprechend. Ein Sachakaner brach zusammen, als Akkarin ihn mit Kraftschlag attackierte. Soneas Herz machte einen Sprung. Mit etwas Glück würden sie diese Schlacht vielleicht doch noch gewinnen können.

Plötzlich wurde sie zu Boden gerissen. Sie wollte sich befreien, doch dann bemerkte sie, dass Akkarin sie festhielt. Karikos Dolch steckte tief in seiner Brust. Als er sie ansah, las sie die Enttäuschung in seinen Augen, dann wurde sein Blick leer.

Und da wurde Sonea klar, dass sie ihn getötet hatte. Ihr wurde kalt. Sie blickte an sich hinab, ihre Hände waren voller Blut.

Seinem Blut.

„Nein!“ Ihre Hände berührten seine Wange und sie begann zu weinen. „Das habe ich nicht gewollt. Es tut mir so leid. Bitte komm zurück!“

Sie versuchte, ihn zu heilen, hoffend, dass es noch nicht zu spät war. Aber die Wunde schloss sich nicht. Verzweifelt versuchte sie es wieder und wieder, während Tränen heiß und unaufhörlich über ihr Gesicht rannen. Ihre Kräfte schwanden, es fiel ihr immer schwerer zu denken oder sich zu bewegen, aber sie wollte nicht aufgeben.

Sie durfte nicht aufgeben!

„Sonea“, sagte jemand und fasste sie sanft an den Schultern.

Sie schlug um sich.

„Lass mich los! Ich muss ihn retten!“

Der Griff an ihren Schultern verstärkte sich und sie machte sich bereit, sich mit Kraftschlag zu befreien …

„Sonea, wach auf“, sagte die Stimme erneut. „Es ist nur ein Traum.“

Ein Traum?

Sie schlug die Augen auf und erblickte Akkarins Gesicht dicht über ihrem. Seine Stirn war sorgenvoll gerunzelt.

Der Mond tauchte ihr Schlafzimmer in silbriges Licht. Die Welt um sie war friedlich und still und strafte ihre tränenfeuchten Wangen Lügen. Es war nur ein Traum gewesen. Aber er hatte sich viel zu real angefühlt.

Sonea setzte sich auf und vergrub das Gesicht zwischen ihren angewinkelten Knien. Sie wollte nicht, dass er sie schon wieder weinen sah. Nicht wegen eines dummen Traumes. Doch das Entsetzen, das sie in ihrem Traum verspürt hatte, weigerte sich zu weichen. So auch der damit verbundene Schmerz.

Sonea wollte, dass es endlich aufhörte. Sie hasste es, nicht darüber hinwegzukommen, ihn für eine kurze Weile verloren gehabt zu haben. Sie war kein Baby mehr. Doch seit der Schlacht suchten sie Träume, in denen er starb, immer wieder heim. Während Akkarin noch im Heilerquartier gelegen hatte, war es so schlimm gewesen, dass sie sich in manchen Nächten vor dem Einschlafen gefürchtet hatte.

In ihren ersten beiden Nächten in der Arran-Residenz, waren die Albträume jedoch fern geblieben. Sonea hatte geglaubt, es wäre endlich vorbei.

Es muss an dem liegen, was heute passiert ist, überlegte sie. Ihr Unterricht in Kriegskunst und ihr Gespräch über den Bericht für Lady Vinara mussten ihre Ängste wieder an die Oberfläche gebracht haben.

„Sonea, rede mit mir“, sagte Akkarin sanft, aber fordernd. Seine Hand strich über ihren Rücken. In diesem Moment half es jedoch nicht.

„Ich habe dich getötet“, schluchzte sie.

„Es war nur ein Traum“, wiederholte er geduldig.

Sie schüttelte heftig den Kopf. „Es ist meine Schuld, dass du sterben musstest, weil ich unseren Schild vernachlässigt habe. Dabei hätte ich es wissen müssen, nachdem ich dieselbe Strategie bei der Ichani verwendet hatte.“

„Sonea, sieh mich an.“

„Nein.“

Er fasste sanft ihr Kinn und drehte ihren Kopf. Sie presste ihre Lider zusammen, als würde er sie dann nicht sehen können. „Sieh mich an“, wiederholte er. Seine Stimme war noch immer sanft, doch mit dieser Autorität erfüllt, die es ihr unmöglich machte, sich ihm zu widersetzen. Sie erkannte, er würde nicht nachgeben, nur weil sie sich ihrer Tränen schämte. Widerwillig öffnete sie die Augen.

„Ja, du hast den Schild vernachlässigt“, sagte Akkarin. „Aber das wird dir jetzt nicht mehr passieren.“

Behutsam küsste er ihre Tränen fort und zog sie in seine Arme. Sonea ließ zu, dass er sie tröstete, obwohl sie nicht wollte, dass er sie in einem solchen Moment der Schwäche erlebte. Sie wusste, sie war härter als das.

„Warum hört es nicht auf?“, fragte sie. „Warum kann ich es nicht einfach vergessen?“

„Sonea, so funktioniert das nicht. Wenn du etwas verdrängst, nimmst du deinem Geist damit die Möglichkeit, es zu verarbeiten. Hat man dich das in Heilkunst nicht gelehrt?“

„Doch“, gab sie widerstrebend zu.

„Es ist nicht einfach, ich weiß. Ich fürchte, ich habe dir heute zu viel zugemutet.“

Sonea spürte Ärger in sich aufwallen, weil er sie schon wieder beschützen wollte, und kam sich im selben Augenblick undankbar vor.

Sie richtete sich auf, so dass sie ihn ansehen konnte. „Es musste sein“, widersprach sie. „Das hast du selbst gesagt.“

„Ja. Aber vielleicht war es noch zu früh.“

Das sah Sonea anders. Ja, es tat weh. Aber wenn die Konfrontation mit ihren Ängsten und Erinnerungen der einzige Weg war, um über seinen kurzzeitigen Tod hinwegzukommen, dann war ihr das lieber, als davon wieder und wieder eingeholt zu werden. Sie hatte es satt, wegen einer Geschichte leiden zu müssen, die am Ende gut ausgegangen war.

„Ich werde es schaffen“, versicherte sie ihm. „Und wenn es dauert, solange es eben dauert.“

Akkarin schenkte ihr ein schiefes Lächeln und strich über ihre Wange. „Das habe ich auch nicht angezweifelt.“

Sonea schüttelte den Kopf. Wie konnte er nach allem, was passiert war nur so gelassen mit diesem Thema umgehen? Sie begriff einfach nicht, wie er das machte. An seiner Stelle wäre sie zutiefst verstört, würde sie wissen, dass sie für eine kurze Zeit tot gewesen war.

„Sonea, ich habe mich jahrelang darauf vorbereitet, Kariko gegenüberzutreten. Ich wusste, ich würde bei dem Versuch, ihn zu töten wahrscheinlich selbst sterben. Nachdem ich fünf Jahre lang Dakovas Sklave gewesen war, war mir mein Leben nicht mehr viel wert. Ich hatte keine Angst zu sterben. Und ich habe es aus Loyalität zu Kyralia und allem, was mir lieb und teuer ist getan.“

Sie starrte ihn an. Nicht, weil er schon wieder ihre Gedanken gelesen hatte, sondern wegen dem, was er gesagt hatte. Es war wahrscheinlich nicht schwer, sich für das Wohl einer Sache zu opfern, hatte man nichts mehr zu verlieren.

Plötzlich setzte ihr Herz einen Schlag aus. Was, wenn er es eines Tages wieder tat?

„Und jetzt?“, fragte sie die Antwort fürchtend. Aber sie musste es wissen. Wie sollte sie sonst mit ihm zusammen sein können? „Ist dir dein Leben jetzt wieder etwas wert?“

Akkarin küsste sie und ließ sich mit ihr zurück in die Kissen sinken.

- Ja.

Erleichtert schmiegte sie sich an ihn. Sie wusste nicht, was sie getan hätte, wäre seine Antwort anders ausgefallen. Es hätte ihre Angst, ihn erneut zu verlieren nicht gerade gemindert. Doch Sonea verstand, warum sein Leben für ihn bedeutungslos geworden war. An seiner Stelle wäre es ihr nicht anders ergangen, aber auch noch nach so langer Zeit?

Sie war schon fast wieder eingeschlafen, als sie erkannte, dass diese Frage ihr keine Ruhe ließ.

„Akkarin?“

Er murmelte etwas Unverständliches und Sonea fürchtete schon fast, ihn geweckt zu haben.

„Darf ich dich etwas fragen?“ Sie zögerte. „Es ist etwas Persönliches.“

Er seufzte leise.

„Sonea, du sollst schlafen.“

„Das ist wohl kaum möglich, wenn ich die ganze Zeit nachdenke“, gab sie zurück.

„Dann frag.“

Sonea holte tief Luft, hoffend, sie würde ihn mit ihrer Frage nicht verärgern.

„Bist du jemals über die Zeit als … bei Dakova hinweggekommen?“

Schweigen.

Sonea sah ihre Befürchtungen bestätigt. Anscheinend hatte sie ein Thema angeschnitten, über das er nicht reden wollte. Nach einer Weile begann sie sich jedoch zu fragen, ob er inzwischen nicht doch eingeschlafen war. Sie ärgerte sich über sich selbst. Wieso hatte sie damit nicht bis zum Morgen warten können? Sicher hätte sie einen Weg gefunden, sich abzulenken, bis ihre Müdigkeit irgendwann zurückgekehrt wäre.

„Nein“, antwortete er schließlich und sie zuckte unwillkürlich zusammen. „Das heißt nicht bis zu dir.“

Sonea kam nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen.

„Du hast mir zugehört, ohne dir ein Urteil anzumaßen. Du hast dich mir angeschlossen, obwohl ich strikt dagegen war. Du hast dich mir widersetzt, wenn ich dabei war, einen Fehler zu begehen. Tatsächlich hast du mehr für mich getan, als ich jemals erwartet oder verlangt hätte.“

„Und ich habe angefangen, dich zu lieben.“

„Ja.“

Das war alles, was er dazu sagte. Aber er sagte es so, dass es sehr viel mehr implizierte, als in Worten auszudrücken war. Sonea lächelte und wurde dann wieder ernst.

„Und trotzdem verlangst du von mir, dass ich dir dasselbe antue, was Dakova dir all die Jahre angetan hat?“, fragte sie und strich behutsam über die Narben auf seinem Unterarm.

„Ja“, sagte er. „Oder vielleicht gerade auch deswegen.“

Sie runzelte verwirrt die Stirn. „Wie willst du das ertragen?“

„Ich habe eine Theorie, wie man das Abfließen von Magie verhindern kann. Wenn ich recht habe und es funktioniert, dann täten wir beide gut daran, es lernen. Als wir gegen die Ichani gekämpft haben, gab es genügend Situationen, in denen einer von uns fast auf diese Weise gestorben wäre. Das macht es wichtig genug, um die … Unannehmlichkeiten in Kauf zu nehmen.“

Sonea schauderte. Das hatte er also vorhin in der Arena gemeint. „Ich dachte immer, man kann sich nicht dagegen nicht wehren“, sagte sie. Sie hatte die Trägheit und den Verlust der Kontrolle über ihre Magie selbst erlebt. Sie konnte sich nichts vorstellen, was dagegen helfen sollte.

„Wenn man ein großes magisches Potential und einen starken Willen besitzt, könnte es möglich sein.“ Akkarin machte eine Pause und fügte dann trocken hinzu: „Bis jetzt hatte ich nie die Mittel, es auszuprobieren. Aber Dakova hat mir genügend Gelegenheiten gegeben, eine Theorie aufzustellen. Tatsächlich ist mir das jedoch erst kürzlich bewusst geworden.“

Und er brauchte sie, um es zu versuchen.

„Aber wie?“

„Das erkläre ich dir, wenn wir damit anfangen. Nach deinen Prüfungen.“

Sonea verdrehte die Augen. Immerzu musste sie Geduld haben. Wenigstens war sie sicher, Akkarin würde sein Wort halten und sie rechtzeitig einweihen. Der Gedanke an das, was er von ihr verlangte, behagte ihr indes ganz und gar nicht. Es würde ihr nichts ausmachen, wenn er ihre Kraft nahm, damit sie lernte, sich dagegen zu wehren. Bevor sie gewusst hatte, dass sie ihm ihre Kraft auch freiwillig geben konnte, hatte sie gedacht, es gäbe nur diesen einen Weg.

„Ich weiß nicht, ob ich deine Kraft nehmen kann“, sagte sie leise.

„Wenn ich es dir befehle, wirst du mir gehorchen“, erwiderte Akkarin ungerührt. „Es ist zu wichtig, als dass ich dabei auf deine Gefühle Rücksicht nehmen darf. Und das solltest du auch tun.“

„Ich verstehe“, sagte sie. Doch das machte es nicht leichter. Sie konnte ihm das nicht antun. Wenigstens blieben ihr noch ein paar Wochen, um sich darauf vorzubereiten.

„Mit der Zeit wirst du dich daran gewöhnen“, fuhr er ein wenig sanfter fort. „Du tust es schließlich nicht, um mich gefügig zu machen. So wie Dakova.“ Er unterdrückte ein leises Lachen. „So würdest du mich gar nicht mögen.“

Da hat er recht, musste Sonea zugeben.

Sie schnaubte. „Nein, das wäre irgendwie seltsam“, stimmte sie zu. Besonders angesichts dessen, was sie für ihn empfand und was er für sie war. Sie runzelte die Stirn. „Es wäre irgendwie … verdreht.“

Bevor Sonea wusste, wie ihr geschah, war Akkarin über ihr.

„Weil du es vorziehst, dass ich dich gefügig mache.“

Soneas Puls beschleunigte sich, als sie erkannte, dass er die Gelegenheit genutzt hatte, den Ernst ihrer Unterhaltung in etwas sehr viel Angenehmeres zu verwandeln.

„Das ist nicht wahr!“, protestierte sie schwach.

Akkarin lachte leise. „Gedanken lügen nicht“, murmelte er und küsste sie.

Sonea versuchte, ihn von sich zu schieben, doch er war zu schwer.

„Du liest schon wieder meine Gedanken?“, fragte sie um einen Vorwurf in ihrer Stimme bemüht.

„Das war nicht nötig. Du schreist es mir entgegen. Bei Gelegenheit sollte ich dir zeigen, wie du das verhindern kannst.“ Akkarin hielt inne und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Vielleicht sollte ich es dich auch nicht lehren. Es ist so viel amüsanter.“

„Wie kannst du es wagen!“, rief Sonea und schlug nach ihm.

Akkarin lachte und fasste ihre Handgelenke. Sonea versuchte sich zu befreien, doch er packte sie so fest, dass es unmöglich war, sich seinem Griff zu entwinden.

„Au!“, entfuhr es ihr.

„Du tust dir selbst weh.“

Die Erheiterung in seinen Augen bemerkend begnügte Sonea sich damit, ihn anzufunkeln. Sie wusste selbst, dass es nicht weh tun würde, würde sie einfach stillhalten. Doch sie war nicht gewillt, ihm diesen Gefallen zu tun.

Akkarin schüttelte den Kopf. „Anscheinend willst du es nicht anders“, bemerkte er und drückte ihre Arme zurück in die Kissen. Soneas Haut prickelte, als eine magische Barriere ihre Arme dort fixierte.

„Lass mich sofort los!“, verlangte sie gegen seine Magie ankämpfend.

Akkarin küsste sie verlangend.

„Nein.“

Seine Hand fuhr unter ihr Nachthemd und strich über ihren Bauch. Obwohl seine Berührung einen angenehmen Schauer in ihr auslöste und sie nach mehr verlangen ließ, zog Sonea es vor, weiterhin Widerstand zu leisten. Er sollte nicht denken, dass sie sich so leicht geschlagen gab.

Akkarin fixierte ihre Beine mit weiteren Barrieren. „Hör auf dich mir zu widersetzen“, raunte er in ihr Ohr. „Du verschwendest deine Kraft. Warum versuchst du es immer wieder?“

„Vielleicht weil ich dir nicht den Gefallen tun will, mich dir so einfach zu ergeben“, brachte sie hervor.

Seine Hand wanderte zwischen ihren Schenkel. Sonea hielt den Atem an und unterdrückte ein Stöhnen.

„Du bist mir doch bereits völlig ergeben.“

Es machte keinen Sinn, sich gegen ihn zu wehren, erkannte Sonea mit einem neuerlichen Schaudern. Nicht, wenn sie das gar nicht wollte.

„Aber nur, weil ich dich so sehr liebe“, brachte sie hervor.

Akkarin lächelte und beugte sich zu ihr herab. Seine Lippen streiften ihre. Dann gab er ihre Arme frei, damit sie ihn berühren konnte. Der Rest ihres Körpers blieb indes von seiner Magie gefesselt. Vorsichtig zog er ihr Nachthemd aus, wobei er die magische Barriere gerade so weit wie nötig löste.

Während seine Lippen über ihre Haut wanderten, fragte Sonea sich flüchtig, ob sie je erfahren hätte, was ihr fehlen würde, hätte sie Akkarin niemals so kennengelernt, wie sie ihn jetzt kannte. Dann schob sie alle Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt.
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