Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
118
Alle Kapitel
395 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
27.06.2013 7.812
 
Kapitel 54 – Die Ettkriti-Ebene



Während der letzten drei Tage war die Spannung in der Armee der Gilde spürbar angestiegen. Was sich auf ihrem Weg durch Kyralia zuweilen noch wie ein fröhlicher Ausritt angefühlt hatte, war nun zu einem fortwährenden Albtraum geworden. Die Novizen hielten sich jetzt dicht an der Seite ihrer Mentoren. Immer wieder wurden Späher vorausgeschickt, die mit Blutjuwelen ausgestattet, die Umgebung erkundeten und es wurden Wachen eingeteilt, um das Lager während der kurzen Nächte, die sie rasteten, zu bewachen.

Die überwiegende Mehrheit der Magier und Novizen wirkte permanent unausgeschlafen, als fiele es ihnen schwer, überhaupt ein Auge zuzutun. Sonea argwöhnte, einige Magier hatten ihr aus diesem Grund an den vergangenen Abenden mit Absicht zu viel Kraft gegeben. Dass sie nach diesem Ritual gähnend zu ihren Zelten taumelten, hatte sie in Kyralia zumindest nicht beobachtet.

So weit vom Pass entfernt waren die Berge waren flacher und das Land karger. Hin und wieder erblickte Sonea einzelne Gestalten, die den Zug von Magiern aus der Ferne beobachteten. Ob sie Marikas Spione, einzelne Ichani oder Beobachter der Verräter waren, konnte nicht einmal Akkarin sagen.

Bis jetzt waren sie noch nicht auf Marikas Armee gestoßen. Doch wenn diese den erwarteten Weg genommen hatte, würden sie spätestens am übernächsten Tag mit ihnen zusammentreffen.

Mit jeder Meile, die sie tiefer in das Land ihrer Feinde vordrangen, fühlte Sonea sich ein Stück verlorener. Sachaka war eine endlose Ödnis, von einer wilden Schönheit, deren Anblick sie jedoch rasch überdrüssig geworden war. Dem Land fehlten das Leben und die Menschen, die es besiedelten. Das bewohnbare Gebiet lag indes viele Tagesreisen nach Süden und Osten. Obwohl Sonea zu gern gewusst hätte, wie es dort aussah, hoffte sie, niemals einen Fuß dorthin zu setzen. Denn es war das Land ihrer Feinde.

Kayans letztem Bericht zufolge waren in der Nähe des Südpasses noch keine Sachakaner gesichtet worden. Und seit Savara ihnen nur noch Informationen über ihren Weg eben dorthin lieferte, verspürte Sonea eine nagende Ungewissheit. Marikas Armee konnte überall sein, nur nicht dort, wo sie sie erwarteten. Während der eintönigen Stunden auf dem Pferderücken malte sie sich düstere Szenarien aus, wie dass die Sachakaner einen anderen Weg genommen hatten und gerade über den Nordpass nach Kyralia marschierten. Oder dass es ihnen irgendwie gelang, den Südpass zu überqueren und Kyralia zu verwüsten, während die Gilde in den Ödländern wartete.

Akkarin hatte mehrfach versucht, sie zu beruhigen. „Die Ödländer sind abseits der wenigen Straßen bereits für einen einzelnen Karren unwegsam“, hatte er ihr gesagt. „Eine ganze Armee mit Karren würde kaum vorwärtskommen. Ihnen würden eher die Vorräte ausgehen, als dass sie es hierher schaffen.“

„Warum würden sie länger brauchen?“, hatte Sonea verwirrt gefragt. Sie konnte sich nicht vorstellen, wieso viele Karren langsamer reisen sollten, als ein einzelner, wenn sie doch alle gleichsam von Pferden oder Gorin gezogen wurden.

„Weil allenthalben ein Rad brechen oder ein Karren in einer Spalte im Boden feststecken würde. Der Zug müsste jedes Mal anhalten, bis der Schaden behoben ist“, hatte Akkarin geantwortet.

Seine Worte hatten ihre beruhigende Wirkung jedoch nach kurzer Zeit wieder verloren. Sachaka war zu groß und zu weit und hinter jedem Hügel rechnete Sonea damit, Marikas Armee am Horizont zu erblicken.

Am Nachmittag des vierten Tages erreichten sie eine flache Hügelkette.

„Hinter diesen Hügeln liegt die Ettkriti-Ebene“, teilte Akkarin Balkan und dem König mit. „Von dort hat man einen ausgezeichneten Blick über die Ebene und die Straße von Arvice nach Elyne. Ich schlage vor, wir schlagen unser Lager auf dieser Seite der Hügel auf und lassen die Ebene von Spähern beobachten.“

Der König nickte, Balkan wirkte indes nicht ganz überzeugt. „Die Sachakaner könnten voraussehen, dass wir dort auf sie lauern und die Ebene umrunden, um uns in den Rücken zu fallen“, wandte er ein.

„Das ist möglich, aber unwahrscheinlich, weil es ein beschwerlicher Umweg wäre. Zudem wird Marika nicht damit rechnen, dass wir ihn hier erwarten, weil er uns nicht zutraut, dass wir uns so weit nach Sachaka wagen.“

Der Hohe Lord nickte. „Dann werden wir dort lagern.“

Sonea hörte seine Worte kaum. Mit einem Mal war ihr kalt geworden. Sie hatten die Ettkriti-Ebene erreicht. Für viele von ihnen würde das der letzte Ort sein, den sie in ihrem Leben je aufsuchen würden und sie konnte nicht aufhören, daran zu denken, dass es für sie und Akkarin vielleicht auch so sein würde.

Sie hatten die Schlacht von Imardin nur knapp überlebt. Aber das hier war von einer ganz anderen Dimension.

Sie zwang sich ruhig zu atmen und folgte Akkarin und den höheren Magiern zu der Hügelkette.

Noch waren die Sachakaner nicht da. Noch hatten sie Zeit.


***


Cery trat durch die weit geöffneten Türen des Heilerquartiers, einen Strauß bunter Blumen auf den Arm, den er auf dem Markt am Nordplatz gekauft hatte. Zu gern hätte er noch eine Schachtel Konfekt dazu gekauft, doch er war nicht sicher, ob die Heiler das erlaubten.

Mit den meisten Magiern in Sachaka herrschte eine beinahe gespenstische Stille auf dem Gelände der Gilde. Auf seinem Weg durch den Park hatte Cery vereinzelt Diener und Novizen gesehen und auch das Heilerquartier hätte nicht weniger bevölkert sein können. Wie bei seinen vorherigen Besuchen begegnete er nur wenigen grüngewandeten Magiern. Als er sie grüßte, nickten sie ihm zu, als wäre er eine willkommene Abwechslung in ihrem Alltag. Angesichts dessen, dass er ein ehemaliger Dieb war, hätte Cery diese Tatsache amüsiert, hätte er nicht den wahren Grund für ihre Reaktion gekannt.

Sind sie nervös, weil der Rest der Gilde in Sachaka ist?, überlegte Cery. Oder werden sie regelmäßig informiert?

Man brauchte eine Woche zum Nordpass, wusste Cery. Inzwischen mussten Akkarin und Sonea die Grenze überquert haben. Wie’s ihnen wohl geht?, fragte er sich. Ob sie schon auf die Sachakaner getroffen sind?

„Captain Ceryni!“

Cery fuhr herum. Ein Vindo in grünen Roben eilte auf ihn zu. „Lord Telano“, grüßte er und verneigte sich.

„Seid Ihr hier, um Eure Frau zu besuchen?“, fragte der Heiler mit einem Blick auf die Blumen.

Cery nickte. „Sie hat sonst keinen, der sie besucht. Ich hoffe, das muntert sie etwas auf.“

„Das ist gut.“ Telano lächelte. „Je wohler sie sich fühlt, desto größer sind ihre Genesungschancen.“

„Wie geht’s ihr?“

„Besser. Jedoch können wir ihre Übelkeit nur für einige Stunden lindern. Inzwischen spricht sie auf unsere Kost an, doch es wird noch einige Wochen dauern, bis sie keine Mangelerscheinungen mehr durch das ständige Erbrechen hat.“

„Also hat das Erbrechen nix damit zu tun, dass sie keine gesunde Ernährung hatte“, folgerte Cery.

„Das ist möglich“, sagte Lord Telano. „Es geschieht hin und wieder, dass eine Schwangere darunter leidet. Dieses Problem tritt jedoch bei allen Bevölkerungsschichten auf. Wir konnten bis jetzt noch keine Ursache finden. In jedem Fall wird es ihr und dem Baby mit der richtigen Ernährung bessergehen.“

„Ich verstehe“, sagte Cery. Er hoffte, die Heiler konnten Nenia helfen. Wenn sie es nicht konnten, dann konnte es niemand. „Wie geht’s dem Baby?“

„Es ist für das Stadium der Schwangerschaft zu klein, da es wie seine Mutter nicht mit ausreichend Nahrung versorgt wurde. Doch seine Bewegungen sind bereits wieder kräftiger.“

Erleichtert stieß Cery die Luft aus, die er angehalten hatte. Wenn das kein Grund zur Freude war!

„Captain Ceryni, ich muss Euch warnen.“ Lord Telanos Stimme war ernst. „Das Risiko einer Fehlgeburt wird noch einige Wochen bestehen. Erst wenn sich das Wachstum des Kindes wieder stabilisiert hat, können wir diese Möglichkeit ausschließen. Und erst dann dürft Ihr Eure Frau wieder mit nach Hause nehmen.“

Cery nickte ernst. „Kann ich Nenia sehen?“

Der Heiler lächelte. „Selbstverständlich. Geht nur, Ihr kennt den Weg.“

Cery dankte ihm und eilte weiter den Flur entlang. Vor einer Tür auf der Rückseite des Heilerquartiers blieb er stehen. Er klopfte kurz und trat ein.

Nenias Krankenzimmer war weitaus komfortabler als der Behandlungsraum im Krankenhaus in der Stadt, wenn auch es nur mit dem Nötigsten ausgestattet war. Ein großes Fenster bot Blick auf eine Blumenwiese und den dahinterliegenden Wald.

Wie an den vergangenen Tagen lag Cerys kleine Gefälligkeit im Bett. Ihr Gesicht war nahezu so blass wie das Weiß des Bezugs. Als sie Cery erblickte, flog indes ein Hauch von Rosa auf ihre Wangen. Cerys Herz einen Sprung.

„Hallo, Ceryni.“

Lord Telanos Warnung verdrängend lächelte Cery. „Hallo, Nenia“, sagte er. „Ich hab’ dir Blumen mitgebracht.“

„Oh“, machte sie erfreut. „Wie schön!“ Sie setzte sich auf und nahm die Blumen entgegen. Cery beobachtete, wie sie verzückt daran roch. „Danke“, sagte sie und sah zu ihm auf.

Sie gab ihm die Blumen zurück, damit er sie in eine Vase stellen konnte.

„Ich wollt’ dir eigentlich Konfekt oder Kegelkuchen mitbringen, aber ich wusste nicht, ob die Heiler das erlauben“, sagte er und setzte sich auf die Bettkante.

„Aber sie sind wunderschön“, sagte Nenia.

Aber nicht so schön, wie wenn du lächelst. Er schüttelte den Kopf und schob den Gedanken beiseite.

„Wie geht’s dir?“

„Gut.“ Sie lächelte, als versuche sie, zuversichtlich zu wirken. „Aber ich muss immer ’nen Heiler rufen, wenn mir wieder schlecht wird.“

„Und dem Baby?“

„Auch. Ich hab’ mir die Zeit damit vertrieben, mir’n paar Namen auszudenken.“

Cery hob die Augenbrauen. Das war etwas, über das er sich erst Gedanken machen wollte, wenn die Geburt kurz bevorstand.

„Dann lass mal hören.“

„Wenn’s ’n Mädchen wird, möcht’ ich sie Alania oder Tessia nennen, wobei mir Tessia eigentlich besser gefällt.“

„Und wenn’s ’n Junge wird?“

„Oh, mir gefällt Ceryni ganz gut.“

Cery lachte. „Hai! Damit hast du ihm den Dieb dann aber mit in die Wiege gelegt!“

„Wie der Vater, so der Sohn“, erwiderte Nenia.

Wenn’s denn nun wirklich mein Kind ist, dachte Cery. Vielleicht war es auch Marreks. Oder das eines ganz anderen Mannes. Aber er hatte bereits entschieden, sich um Nenias Kind zu kümmern, selbst wenn es nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm haben sollte. Es sollte nicht ohne Vater aufwachsen müssen.

„Du siehst müde aus“, sagte Nenia. „Geht’s dir gut?“

Betont lässig hob Cery die Schultern. „Viel Arbeit“, antwortete er. „In den letzten Nächten gab’s ein paar Morde, die anscheinend alle vom selben Kerl verübt wurden, aber wir konnten ihn noch nicht schnappen.“ Das war indes nur die halbe Wahrheit. Wenn er sich nicht in seine Arbeit stürzte, verbrachte er seine Zeit damit, sich um Nenia zu sorgen. Es war beinahe noch schlimmer, als damals als Sonea von den Magiern gefangen worden war. Oder glaubte er das nur, weil jene Zeit so lange zurücklag? „Außerdem macht’s gerade keinen Spaß, zu Hause zu sein.“

Ihre Augen wurden groß. „Oh, warum?“

„Seit du hier bist, schleichen meine Leute durch die Gegend, als wär’ jemand gestorben. Du glaubst nicht, was für’n guten Einfluss du auf sie hast.“

„Bis die Heiler mich hier raus lassen, werden sie sich bestimmt wieder wie Rüpel benehmen.“

Wahrscheinlich hat sie damit gar nicht so unrecht, dachte Cery. Nenias Anwesenheit in seinem Versteck hatte diesem auf ungeahnte Weise Leben eingehaucht. Während Cerys Leute Savara bei ihren Besuchen buchstäblich hinterhergesabbert hatten, hatten sie angefangen, Nenia auf Grund der Veränderungen, die durch ihren Einzug eingetroffen waren, zu schätzen. Nenia war häuslich und ordentlich und als Dank dafür, dass Cery sie bei sich aufgenommen hatte, hielt sie seine Räumlichkeiten in Ordnung. Cery hatte jedoch darauf geachtet, dass sie sich dabei nicht überanstrengte.

Sich zu einem Lächeln zwingend, griff er nach ihrer Hand und hielt sie fest. „Das befürchte ich auch. Doch bis dahin lass uns noch ’n paar Namen für das Baby überlegen.“


***


Nachdem König Merin einen Späher ausgeschickt hatte, hatten Sonea und Akkarin sich wieder auf ihre Pferde gesetzt, um die Gegend zu erkunden. Schon bald hatten sie indes feststellen müssen, dass es kaum Gelegenheiten für einen guten Hinterhalt gab. Zwei Meilen hinter den Hügeln vereinten sich die vom Nordpass und von Elyne kommenden Straßen und folgten einem wenig Wasser führenden Fluss nach Arvice. Jenseits davon erstreckte sich eine nur von spärlichem Gras bewachsene Einöde, die jener, durch die sie gekommen waren, in nichts nachstand. Sonea hätte sich ein schlechter einzusehendes Gelände gewünscht. Aber so würden sie die Sachakaner wenigstens von weitem bemerken.

Obwohl weit und breit keine Spur einer feindlichen Armee zu sehen war, hätte das Unbehagen nicht größer sein können. Was, wenn Akkarin sich irrte und die Sachakaner einen anderen Weg nahmen? Sie hatten keinen Spion mehr, der mit Marika ritt, und es erschien Sonea, als wären sie nur auf gut Glück hergekommen.

Kayan wird den Südpass zerstören, rief sie sich ins Gedächtnis. Die Ödländer sind zu unwegsam für eine Armee, die Sachakaner müssen hier entlang kommen.

„Dort drüben ist der Fluss.“

Sonea schrak aus ihren düsteren Gedanken hoch. Akkarin wies auf etwas jenseits der Straße, das in der Sonne glitzerte. Dann gab er seinem Pferd die Sporen und hielt darauf zu.

Sonea beeilte sich, ihm zu folgen. Obwohl sie wusste, ihre Furcht war albern, weil ihre Feinde noch weit entfernt waren und sie in den letzten Tagen große Mengen an Magie von der Gilde bezogen hatte, zog sie es vor, in Akkarins Nähe zu bleiben.

„Ist das der Fluss von unserer Karte?“, fragte sie. „Der, an dem die Straße entlang läuft?“

Akkarin wandte sich ihr zu. „Ja. Das ist der Haraki.“

Als sie näherkamen, erkannte Sonea, dass außer einigen Pfützen nicht viel von dem Fluss übriggeblieben war.

„Wo ist das Wasser hin?“, fragte sie verwirrt.

„Ich nehme an, es ist versickert“, antwortete Akkarin. „Die meisten Flüsse, die in den Bergen entspringen und die Ödländer durchqueren, führen nur im Winter und Frühjahr genügend Wasser, dass es nicht sofort wieder vom Erdboden absorbiert wird. Die Flüsse, die weiter im Süden entspringen, führen mehr Wasser. Wenn dieser Fluss bei Arvice ins Meer mündet, wird er bis dahin seinen Namen verdient haben.“

Er wendete sein Pferd und ritt in die Richtung, die Sonea für die Fließrichtung hielt. Nach ungefähr einer Meile stießen sie auf ein weiteres ausgetrocknetes Flussbett, das aus den Hügeln kommend sich mit dem anderen Fluss in der Ebene vereinte.

Sonea runzelte die Stirn. „Ist das nicht der Fluss, den wir hin und wieder auf dem Weg vom Pass gesehen haben?“

„Richtig. Und das müsste dann bedeuten, dass ...“

Akkarin brach ab und trieb sein Pferd in einem Galopp zurück zu den Hügeln. Einen Fluch unterdrückend folgte Sonea ihm. Warum hatte er sie überhaupt mitgenommen?

Endlich kam sie neben ihm zum Stehen.

„Genau, wie ich vermutet habe“, murmelte er.

Sonea verdrehte die Augen. Konnte er sich nicht präziser ausdrücken? „Lass mich an deiner Weisheit teilhaben“, verlangte sie.

Akkarin runzelte kurz die Stirn und wies dann auf das vor ihnen liegende Gelände. „Das ist eine Furt“, erklärte er. „Selbst, wenn der Fluss mehr Wasser führen würde, wäre es flach genug, um hindurch zu reiten. Die Sachakaner werden hier durchkommen und diese Stelle ist aus der Ferne gut zu erkennen.“

Sonea verstand nicht, worauf er hinaus wollte.

„Sieh dir den Schlamm und die Pfützen genauer an“, fuhr er fort. „Darin kann man so einiges verstecken.“

„Wie zum Beispiel Speichersteine?“ Mit einem Mal verspürte Sonea einen ungeahnten Kitzel von Vorfreude. „Oder Rothens Phiolen?“

„Phiolen, ja. Speichersteine, nein.“

„Warum nicht?“

„Weil wir uns auf einem offenen Gelände befinden. Wenn wir nicht gerade hinter den Hügeln sind, würde das nicht gut für uns ausgehen. Die Sachakaner werden die Furt ungeschützt durchqueren, weil sie nicht damit rechnen, dass wir hier auf sie warten. Das heißt, die Phiolen werden einige von ihnen töten und andere, die nicht schnell genug reagieren oder ihnen zu nahe sind, mit in den Tod reißen. Wir wären töricht, würden wir dem noch mehr Zerstörungsgewalt hinzuzufügen. “

Sonea nickte.

„Wir kommen zurück, wenn es dunkel ist und vergraben die Phiolen“, entschied Akkarin.

Er ließ sein Pferd in einen leichten Trab fallen, überquerte die Straße und schlug den Rückweg zum Lager ein.

„Was macht der Späher?“, fragte Sonea.

„Er ist die Hügelkette entlang parallel zur Straße nach Arvice geritten. Ich habe ihn angewiesen, sich hinter den Hügeln zu halten. Wenn die Sachakaner ihn entdecken, werden sie kurzen Prozess mit ihm machen.“

Sonea erschauderte und war froh, dass es nicht ihr Blutjuwel war, das der Späher trug.

Als sie die Hügel erreichten, lenkte Akkarin sein Pferd in das Flussbett. Sonea fragte sich, was er vorhatte, bis sie die Felswände erblickte, die zwischen den Hügeln zu beiden Seiten des Flusses aufragten. Somit blieb ihnen nur die Möglichkeit, durch die Schlucht hindurchzureiten oder zur Straße zurückzukehren.

„Wenn du Speichersteine zerstören willst, würde ich vorschlagen, es hier zu tun. Und zwar einen von unseren wilden.“ Akkarins dunkle Augen wanderten über den Fels und blieben hin und wieder an Vorsprüngen hängen. „Nur ein Bruchteil der Magie wird nach außen dringen. Jemand, der die Kristalle von, sagen wir, oberhalb der Schlucht zerstört, könnte leicht in Deckung gehen und sich mit einem einfachen Schild vor der nach außen streuenden Magie schützen. Vorausgesetzt, er verfügt über genügend Magie.“

„Also sollte der oder diejenige einen zweiten Speicherstein zum Schutz dabei haben“, folgerte Sonea.

„Ja.“

Sie unterdrückte ein Seufzen und wünschte, sie hätten Kayan ebenfalls einen zweiten Speicherstein mitgeben können. Aber diese Magie hätte ihnen dann im Kampf gefehlt und sie möglicherweise mehr Magier gekostet, als Kayans Opfer sie kosten würde.

Entschlossen schob sie ihre düsteren Gedanken beiseite. Sich wegen Kayan zu grämen hatte Zeit, bis nach der Schlacht. Sofern es ein Danach geben würde.

„Und wie locken wir die Sachakaner in die Schlucht?“, fragte sie.

„Mit einer unserer Kampfgruppen. Oder mit der Reserve.“

„Dann sollten diese das tun, solange ihr Speicherstein noch voll ist“, sagte Sonea. „Sie werden sich nicht schnell genug in Sicherheit bringen können, wenn der wilde Speicherstein zerstört wird.“ Der Test in der Arena hatte ihr bereits eine gute Vorstellung geliefert, wozu diese Kristalle fähig waren, wenn ihre Magie unkontrolliert frei wurde. Es war nur ein reiner Speicherstein mit nur wenig Magie gewesen. Sie wollte sich nicht ausmalen, was erst ein aufgeladener Speicherstein anrichtete. Oder ein aufgeladener wilder Speicherstein. Sie und Akkarin würden darauf achten müssen, die wilden Speichersteine mit nicht zu viel Magie aufzuladen, wenn sie nicht die ganze Hügelkette dem Erdboden gleichmachen wollten.

Akkarin wandte sich ihr zu, ein gefährliches Funkeln in seinen Augen. „Ich bin sicher, das lässt sich einrichten.“

Sie verließen die Schlucht und kehrten zum Lager zurück, das geschützt von der Straße zwischen zwei Hügeln lag. Ihr Gepäck lag noch unberührt auf der Stelle, die für ihr Zelt vorgesehen war. Sonea saß ab und erlöste ihr Pferd von seinem Sattel.

Luzille wäre stolz auf mich, wenn sie sehen könnte, wie gut ich reite, fuhr es ihr durch den Kopf. Und Rothen auch. Bei dem Gedanken an ihre Freunde in Imardin wurde ihr Herz für einen Augenblick schwer. Hier, wo sie so weit fort von zuhause war, fiel es ihr jedoch leicht, das Gefühl von sich zu schieben.

Sie seufzte und begann die Bestandteile ihres Zeltes auszupacken.

„Sonea, du brauchst mir nicht helfen.“

Sie sah auf. Akkarin stand vor ihr, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Geh zu deinen Freunden. Du hast eine Stunde, bis wir uns in Merins Zelt treffen.“

„Aber das Zelt …“, begann sie.

„ … kann ich auch ohne deine Hilfe aufbauen.“

Sonea zögerte. Hatte er etwas vor, von dem sie nichts wissen durfte?

„Sonea, es ist vielleicht die letzte Gelegenheit, Zeit mit deinen Freunden zu verbringen“, sagte er sanft. „Du solltest sie nutzen.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie resigniert, obwohl es ihr nicht gefiel, ohne ihn zu sein. Nicht jetzt, wo die Begegnung mit den Sachakanern so kurz bevorstand. „Aber wenn ich zurück bin, werde ich nicht mehr von deiner Seite weichen. Bis zum bitteren Ende.“

Akkarins dunkle Augen bohrten sich in ihre. „Ich werde dich beim Wort nehmen.“

Ein unwillkürlicher Schauer lief Soneas ihre Wirbelsäule hinab. Sie küsste Akkarin kurz und machte sich dann auf den Weg zu den Zelten der Heiler.

„Sonea! Wohin gehst du?“

Sie hielt inne und drehte sich um. Ein paar Zelte weiter verließ Regin gerade das Zelt seines Onkels, in dem er schlief, seit sie den Nordpass überquert hatten.

„Zu Trassia“, antwortete sie.

„Warte, ich komme mit.“ Regin rief etwas in das Zelt und eilte dann zu ihr.

Sie liefen einen flachen Hang hinab zu den Zelten der Heiler. Hier und da kochten Diener bereits an Feuerstellen das Abendessen. Der Duft erinnerte Sonea daran, wie hungrig sie war. Das Essen war stets streng rationiert, ganz besonders, seit sie in Sachaka waren und es keinen Nachschub mehr gab. Obwohl sie schon mit weniger hatte auskommen müssen, war der ständige Hunger nur schwer zu ignorieren. Sie wagte es jedoch nicht, ihn mit ihrer Magie zu heilen, weil sie nichts davon für etwas so Unwichtiges vergeuden wollte.

„Wo seid ihr zwei vorhin gewesen?“, wollte Regin wissen.

„Das erzähle ich gleich, wenn Trassia dabei ist.“ Ihr Augenmerk auf etwas vor ihr richtend blieb sie stehen. Regin fluchte, als er mit ihr zusammenstieß, doch Sonea achtete nicht auf ihn.

„Oh, nein“, flüsterte sie. „Nicht das auch noch.“


***


„Noch ein Stück mehr nach rechts … nein, das ist zu viel. Wieder zurück.“

Dorrien seufzte und ließ den Holzpfahl wieder zurück schweben. In diesem Tempo werden wir das Lazarettzelt noch aufbauen, wenn die Sachakaner kommen, dachte er.

„Das sieht gut aus“, erklärte Lord Kiano schließlich. „Und jetzt versenkt den Pfeiler zwei Fuß tief im Boden.“

Ein erleichtertes Stöhnen ging durch die Heiler, die das Lazarettzelt aufbauten, und sie trieben die Stützpfeiler in den Boden.

„Seht nach, ob sie auch senkrecht sind und damit meine ich nicht senkrecht zur Neigung dieses Hügels.“

„So dumm sind wir auch nicht“, murmelte Dorrien, während er um seinen Pfeiler herum schritt. „Auch, wenn wir keine Architekten sind.“

Ein junger Heiler neben ihm gluckste unterdrückt. „Sagt bloß, Ihr hattet nie Unterricht bei Kiano.“

„Oh doch, das hatte ich“, sagte Dorrien. „Aber glücklicherweise brauche ich ihn seit meinem Abschluss nur noch ein oder zwei Mal im Jahr zu sehen.“

Er erinnerte sich lebhaft an seinen Unterricht bei dem kritischen Vindo. Es gab Novizen, die mit seiner strengen und anspruchsvollen Art zurechtkamen. Diese waren jedoch meist Streber oder neigten selbst zu Kontrollzwang. Dorrien indes hatte seine Probleme mit Lord Kiano gehabt. Nicht selten hatte dieser ihm Strafarbeiten aufgegeben, weil Dorrien den Unterricht gestört oder seine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Wenn Dorrien daran dachte, dass Kiano ein sehr talentierter Chirurg war, wunderte ihn seine Penibilität nicht.

„Ihr seid Lord Dorrien, richtig?“, fragte der Heiler.

„Der bin ich.“ Dorrien musterte den jungen Mann genauer. Sein Gesicht war ihm unbekannt, doch das galt für die meisten Heiler. „Und Ihr seid?“

„Lord Galend“, stellte sich der andere Heiler vor. „Mein Fachgebiet sind seltene Krankheiten. Ich bin mit den Elynern unter der Führung von Botschafter Errend gekommen. So gesehen bekomme ich Kiano auch nicht oft zu Gesicht. Aber mein Abschluss ist erst zwei Jahre her, da sind die Erinnerungen noch frisch.“

Dorrien nickte. „Ich bin übrigens Dorfheiler.“

Sie lachten.

Lord Kiano trat zu ihnen. „Sind die Pfeiler auch wirklich senkrecht?“, fragte er, das Werk seiner Helfer mit kritischem Blick betrachtend.

„Senkrecht zum Himmel, wie es Euer Wunsch war, Mylord“, antwortete Dorrien übertrieben unterwürfig.

Kiano hob vielsagend die Augenbrauen. Dann musterte er die beiden Holzpfähle, die Dorrien und Galend in den Boden getrieben hatten. „Akzeptabel“, sagte er. „Macht weiter mit den Dachbalken.“

Dorrien und Galend kehrten zurück zu dem Karren, auf dem die Einzelteile für das Lazarettzelt transportiert wurden. Auf dem Weg dorthin entdeckte er Lady Indria, die gerade zusammen mit einer Novizin ein Zelt verließ. Als sie Dorrien erblickte, lächelte sie und kam auf ihn zu.

„Lord Dorrien, wie schön Euch zu sehen. Wie geht es Euch?“

„Danke, gut“, antwortete Dorrien. „Und wie geht es Euch?“

„Auch gut“, sagte sie. „Tatsächlich habe ich mir Sachaka weitaus fürchterlicher vorgestellt. Bis jetzt ist es jedoch eher öde.“

Dorrien grinste. „Die Ödländer eben.“

„Oh, kennt Ihr eigentlich schon meine Novizin Trassia?“ Indria wies auf das Mädchen neben ihr.„Trassia, das ist Lord Dorrien, der Sohn von Lord Rothen.“

„Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen“, sagte Trassia und verneigte sich. Sie hatte reizende dunkle Locken und musste etwa in Vianas Alter sein. „Ich habe schon viel von Euch gehört.“

„Dann nehme ich an, du kennst meinen Vater?“

„Ein wenig, Mylord. Aber Sonea spricht sehr oft von Euch.“

„So, tut sie das?“, fragte Dorrien stirnrunzelnd.

Trassia hob die Schultern. „Sie ist meine beste Freundin, Mylord.“

„Ich verstehe.“ Dorrien unterdrückte ein frustriertes Seufzen. Wieso sprach Sonea so viel von ihm, wenn sie doch so verliebt in Akkarin war? Wahrscheinlich, weil sie mich noch immer als Freund sieht, überlegte er. Besser, er machte sich ihretwegen keine Hoffnungen.

Und dann sah er sie den Hang hinab eilen. Während der letzten Tage hatte er Sonea außer bei dem abendlichen Ritual des Magiegebens nicht zu Gesicht bekommen, weil sie an Akkarins Seite mit den höheren Magiern geritten war. Jetzt war sie mit Garrels Neffen unterwegs, mit dem sie aus unerfindlichen Gründen Freundschaft geschlossen hatte. Als sie Dorrien entdeckte, blieb sie stehen, woraufhin Regin in sie hinein rannte. Dorrien beobachtete, wie eine hitzige Diskussion zwischen ihr und dem Bengel entstand, dann kamen sie näher.

Dorrien wusste, er sollte eigentlich mit dem Aufbau der Lazarettzelt fortfahren, doch er war unfähig, sich zu bewegen. Sein Herzschlag hatte sich wie aus dem Nichts beschleunigt und ein Schwarm Agamotten tobte in seinen Eingeweiden.

„Hallo, Sonea“, grüßte Indria, als Sonea und Regin näher kamen.

„Lady Indria“, erwiderte Sonea und verneigte sich. „Darf ich Euch Eure Novizin für eine Weile entführen?“

Die Heilerin zögerte einen Augenblick, dann nickte sie. „Ich brauche Trassia heute nicht mehr. Und falls doch weiß ich ja, wo ich sie finde.“

„Ich danke Euch, Mylady.“

Sie schenkte Dorrien ein hinreißendes Lächeln und wollte gehen, als ein Aufruhr im Lager entstand.

„Wir werden angegriffen!“, rief jemand.

Die Magier gerieten in Panik, als alle versuchten, ihre Kampfgruppen zu finden. Lady Indria und ihre Novizin sahen einander entsetzt an.

Dorrien blickte zu Sonea, deren Blick auf etwas in der Ebene gerichtet war. Mehrere Reiter, die sich rasch von Norden näherten.

„Eine Gruppe Reiter sind kein Grund zur Sorge.“

Dorrien zuckte zusammen, als er die tiefe Stimme erkannte. Akkarin war neben ihm wie aus dem Nichts erschienen.

Er blinzelte verwirrt. „Kein Grund zur Sorge?“, wiederholte er. „Habt Ihr bereits die Ichani vergessen, die Imardin im letzten Sommer angegriffen haben?“

„Nein.“ Akkarin lächelte humorlos. „Doch dieses Mal sind wir ihnen überlegen.“

Sonea war an Akkarins Seite geeilt. Ihre beiden Freunde waren ihr mit bleichen Gesichtern gefolgt.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte sie leise.

„Ich weiß es nicht“, antwortete der schwarze Magier ebenso leise.

„Bewahrt Ruhe!“, dröhnte Balkans Stimme über das Lager, während er mit Lord Garrel, Dannyl und König Merin zu den beiden schwarzen Magiern trat. „Jeder geht jetzt ruhig zum Leiter seiner Kampfgruppe.“

Es entstand ein erneuter Tumult, als die Magier seiner Anordnung Folge leisteten. Dorrien war jedoch noch immer unfähig, sich von der Stelle zu rühren. Wenn auch jetzt eher aus Furcht.

„Lord Akkarin, habt Ihr die Speichersteine?“, wandte sich der Hohe Lord an Akkarin.

Akkarin nickte und deutete auf einen kleinen Beutel, den er neben seinem Dolch befestigt hatte.

Inzwischen hatten die Reiter den Fuß des Hügels erreicht. Jetzt konnte Dorrien sehen, dass es allesamt Frauen waren. Er zählte insgesamt vierzehn.

„Ich denke, wir können uns entspannen“, sagte Akkarin.

Dorrien starrte ihn an. Wie konnte er es wagen, in dieser Situation einen derart abfälligen Scherz zu machen?

Die Frauen zügelten ihre Pferde und saßen ab, dann kamen sie den Hügel hinauf.

„Tut uns nichts!“, rief die Vorderste von ihnen. „Wir kommen in Frieden.“

„Sind das die Verräter?“, hörte Dorrien Lady Indria aufgeregt fragen.

Die Frauen durchschritten das Lager. Mit einer beängstigen Zielstrebigkeit hielten sie auf die kleine Gruppe um Dorrien zu. Er ertappte sich dabei, wie er die Frauen anstarrte. Jede von ihnen war von atemberaubender Schönheit.

Ihre Anführerin überblickte kurz die Gruppe, musterte Balkan und den König, und richtete ihre mandelförmigen Augen schließlich auf Dannyl. „Botschafter Dannyl. Savedra entsendet Euch ihre Grüße.“

„Ich danke Euch“, erwiderte Dannyl erfreut.

Dann wandte sie sich dem schwarzen Magier zu. „Lord Akkarin“, sagte sie. „Mein Name ist Zalava von den Verrätern. Wir sind gekommen, um Euch in Eurem Krieg zu unterstützen.“


***


Als sie das Lager abseits der Straße in einem kleinen Tal, das vom Krikara durchflossen wurde, aufschlugen, wusste Savara, dass es nicht mehr weit bis zum Südpass war. Den ganzen Tag über waren sie höher und höher in die Berge gestiegen. Von hier aus waren es nur noch wenige Meilen, bis sie das Fort erreichten.

Savara blickte in Richtung der Passhöhe. Die Sonne war hinter den Bergen versunken und hatte die Welt in tiefe Schatten getaucht. Nur die höchsten Bergspitzen glühten noch, wenn Savara zurück nach Osten sah.

„Ich kann mich an diese Gegend erinnern“, flüsterte Ina, als sie vor ihr niederkniete.

Savara nahm ihr emporgestrecktes Handgelenk und zog die Klinge ihres Messers darüber. Ihre „Sklavin“ zuckte kurz zusammen und entspannte sich, als Savara ihre Kraft nahm. Kal und die anderen beiden Männer hatten diese Prozedur bereits hinter sich und schnarchten lautstark auf ihrem Karren. Wenn Savara mit Ina fertig war, würde sie ebenso erschöpft sein, denn Savara wollte für den nächsten Tag möglichst gut vorbereitet sein.

- In diesem Tal habe ich Euch versteckt, als wir aus Kyralia kamen, sandte sie durch das Blutjuwel, als sie fertig war.

- Ja, nur damals lag überall Schnee. Werdet Ihr uns nach Hause schicken, wenn Euer Plan erfolgreich war, Meisterin?

Savara zögerte. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, ob ihr Auftrag erfolgreich sein würde, oder ob sie und ihre Begleiter am nächsten Abend bereits tot sein würden. Vielleicht würden sie fliehen müssen. Arlava und Malira waren gerade dabei, die letzten Ichani von ihrer Rebellion zu überzeugen. Doch sie würden erst herausfinden, ob diese sich ihnen tatsächlich angeschlossen hatten, wenn es bereits zu spät war.

Sie betrachtete Ina, die aus großen Augen hoffnungsvoll zu ihr aufsah. Wie musste es für sie sein, nach so vielen Wochen in einem fremden Land mit verwirrenden Sitten und Bräuchen die eigene Heimat wieder in greifbarer Nähe zu wissen?

- Wenn das dein Wunsch ist und wir überleben, dann steht es dir frei nach Hause zu gehen, antwortete Savara. Aber du könntest eine gute Verräterin werden.

Wenn sie Ina zur Zuflucht brachte, konnte sie vielleicht die Große Mutter um Verzeihung bitten. Nach allem, was Savara in den letzten Wochen erreicht hatte, musste Savedra ihre Meinung über sie zumindest noch einmal überdenken.

- Aber ich bin weder Sachakanerin, noch gebiete ich über Magie, wandte Ina ein.

- Du hast magisches Potential, das man entwickeln kann, antwortete Savara. Und ich bin sicher, sie nehmen dich auf, wenn sie sehen, wie talentiert du bist.

Ina errötete und blickte zu Boden.

- Ich habe zwei Kinder zuhause, sagte sie. Ich kann sie nicht zurücklassen.

- Sie könnten bei meinem Volk aufwachsen und höhere Magie erlernen, sofern sie das Potential haben. Sie müssten nicht mehr in Armut leben.

- Das wäre wundervoll, sandte Ina.

Savara lächelte. Die Gildenmagier waren dumm, weil sie das einfache Volk ignorierten. Ina war talentiert, sie könnte eine großartige Magierin und noch eine bessere Verräterin sein. Die Verräter machten bei ihren Magierinnen keinen Unterschied zwischen hoher und niedriger Geburt. Unter ihnen lebten ehemalige Ehefrauen und Töchter der Ashaki, die überwiegende Mehrheit bestand jedoch aus Sklavinnen. Sie würden nicht auf Ina herabsehen, sondern sie als eine von ihnen begrüßen.

„Du kannst für heute gehen“, sagte Savara. „Schlaf dich aus, damit ich morgen früh noch einmal deine Kraft nehmen kann.“

„Ja, Meisterin“, sagte Ina betont unterwürfig. Sie erhob sich und ging zu ihrem Karren.

Savara zog ein Tuch aus ihrer Hosentasche und begann ihren Dolch sauber zu wischen, bis er im Schein ihrer Lichtkugel glitzerte und glänzte. Sie war so in ihre Arbeit vertieft, dass sie zusammenzuckte, als die harsche Stimme in ihrem Kopf erklang.

- Savara!

„Au!“, entfuhr es ihr, als sie sich an der Spitze ihres Messers schnitt. Ein paar Ichani, die in der Nähe lagerten, hoben die Köpfe und sahen in ihre Richtung. Savara schnitt eine Grimasse.

- Was wollt Ihr?, fragte sie unwirsch.

- Wie weit seid ihr vom Südpass entfernt?

- Wir werden morgen dort ankommen.

- Gut, sandte Akkarin. Wie läuft deine kleine Revolte?

Savara hätte überrascht sein müssen, weil er davon wusste, doch sie war seine schlechten Manieren inzwischen gewohnt. Aber wie sollte er es nicht bemerkt haben, wenn sie seit Tagen mit nichts anderem beschäftigt war?

- Die meisten scheinen den Köder geschluckt zu haben. Bevor wir das Fort am Südpass stürmen, werden sie sich gegen die Ashaki wenden und dann wird sich zeigen, wie viele überleben.

- Wirst du ein Startzeichen geben?

- Ja.

- Gut. Warte damit, bis du mein Zeichen erhältst.

Savara runzelte die Stirn. Das klang nicht so, als beabsichtigte er, ihr den Befehl durch das Blutjuwel zu geben.

- Was für ein Zeichen soll das sein?

- Das wirst du dann sehen. Wenn ihr morgen aufbrecht, bleib am Ende des Zuges und halte dich bereit, einen Schild zu errichten.

- Warum?, wollte sie fragen, doch er hatte sich bereits zurückgezogen. Savara fluchte lautlos. Das war wieder einmal typisch.

Seine Anweisung ließ ihr jedoch keine Ruhe. Hatte die Gilde einen Plan, wie sie mit Harkos Stoßtrupp verfahren wollte? Hatten sie sich vielleicht aufgeteilt, um sich beiden Armeen zu stellen?

Wenn dem so war, dann war die Gilde dümmer als sie gedacht hatte.

Dann setzte ihr Herz einen Schlag aus.

Was, wenn sie Marika bereits besiegt hatten und jetzt hierher kamen, um dem Rest seiner Streitmacht den Garaus zu machen?

Nein, das konnte nicht sein. Wenn dem so wäre, dann hätten sie es bereits von Harko erfahren.

Was auch immer es war, es beunruhigte Savara, es nicht zu wissen. Sie verfluchte Akkarin. Warum musste er ihr immer die wichtigsten Informationen vorenthalten?

Seufzend erhob sie sich, um Arlava und Malira zu suchen. Sie sollten zumindest erfahren, dass die Gilde etwas mit ihrer Truppe plante, das das Potential hatte, ihre eigene Planung umzuwerfen.


***


An diesem Abend drängten sich mehr Menschen im Zelt von König Merin als an den Abenden zuvor. Außer den höheren Magiern, Botschafter Errend und den Begleitern des Königs, Lord Rolden und Captain Arin, waren Zalava und zwei ihrer „Schwestern“ mit von der Partie. Der Tisch war in ein riesiges Kyrima-Spielfeld verwandelt worden, die Spielsteine dienten als Landmarken und Hindernisse. Straßen waren durch Erde, Flüsse durch Sand gekennzeichnet.

„Unsere Beobachter haben heute Morgen berichtet, dass die Sachakaner noch ungefähr einen Tag von hier entfernt sind“, berichtete Zalava mit ihrem schweren sachakanischen Akzent. „Da wir davon ausgehen, dass sie unterwegs rasten, damit ihre Sklaven sich regenerieren können, werden sie frühestens im Morgengrauen eintreffen.“

Der König nickte. „Lord Akkarin, kann der Kundschafter das bestätigen?“

„Lord Gerin versteckt sich am südlichen Ausläufer der Hügel.“ Akkarin markierte die entsprechende Stelle mit einer Spielfigur. „Er berichtet von Lichtern am Horizont, die nicht näher kommen. Die Nacht ist hell, weswegen die Sachakaner, selbst wenn sie ohne Licht reisen würden, nicht unbemerkt an ihm vorbei kämen.“

„Lady Zalava, was haben Eure Späher über Marikas Streitmacht in Erfahrung bringen können, seit Kriegsmeister Harko mit einem Stoßtrupp zum Südpass aufgebrochen ist?“, fragte Balkan.

Die Sachakanerin hob eine Augenbraue. „Inzwischen sind ungefähr zweihundertfünfzig auf dem Weg hierher“, antwortete sie ohne zu zögern.

„Zweihundertfünfzig?“, entfuhr es Sonea. „Aber das sind mehr, als Arvice verlassen haben. Sind diejenigen, die zum Südpass gegangen sind, wieder umgekehrt? Und woher kommt der Rest?“

„Wenn die andere Armee umgekehrt wäre, dann hätten wir das erfahren“, sagte Akkarin sanft. Er sah zu Zalava. „Ich nehme an, dass sich Marika weitere Magier angeschlossen waren, nachdem er jene, unter denen er einen Spion befürchtet, zum Südpass geschickt hat.“

Zalava nickte. „So ist es. Wir beobachten beide Armeen und haben in den letzten Tagen einen Zuwachs der hierher ziehenden Truppe festgestellt, der hauptsächlich von Ashaki rührt, an deren Land die Armee vorbeigezogen ist. Die, die zum Südpass gesandt wurden, werden morgen dort eintreffen.“

Dannyl wurde kalt, als er begriff, was das bedeutete. Es musste sehr schlecht um sie stehen, wenn die Verräter ihnen zur Hilfe eilten. Allerdings waren auch nicht alle von ihnen gekommen.

„Sind die übrigen Verräter am Südpass?“, fragte er.

„Nur in etwa so viele, wie mit mir gekommen sind“, antwortete Zalava. „Sie werden sich nur einmischen, wenn Euer Plan scheitert.“

Er runzelte die Stirn. „Wo sind dann die anderen?“

Zalavas mandelförmige Augen begegneten seinen. „Savedra hat uns freigestellt, gegen Marikas Leute zu kämpfen, da nicht wenige bei der Abstimmung über Euer Hilfegesuch dafür waren, Eure Gilde zu unterstützen.“

Ob Asara am Südpass ist?, überlegte Dannyl. Oder ist sie in Arvice geblieben? Es war ihm nie gelungen, seine Retterin völlig zu durchschauen, doch er glaubte, sie mit seinen Argumenten überzeugt zu haben. Hoffentlich ist sie vorsichtig und lässt sich nicht umbringen, dachte er sich an ihre Begegnung mit den beiden Ichani erinnernd.

„Nun gut.“ Merin fuhr sich übers Kinn und wandte sich wieder der Nachbildung der Ettkriti-Ebene zu. „Lord Akkarin, was hat Eure Erkundung des Geländes ergeben?“

„Die Furt ist bis auf einige Pfützen ausgetrocknet und eignet sich um einen Teil von Lord Rothens Schildsenker-Phiolen dort zu vergraben, wodurch wir den Überraschungseffekt auf unserer Seite haben.“ Akkarin legte mehrere kleine Hindernisse dorthin, wo die Straße einen zweiten Fluss kreuzte, der aus den Bergen kam. „Dieser Fluss führt zudem durch eine Schlucht in diesen Hügeln. Er wäre bestens für einen Hinterhalt geeignet.“

Zalava lächelte zähnebleckend. „Klingt nach einer netten Aufgabe für meine Schwestern und mich.“

„Dann hoffe ich, Ihr wisst, wie man Speichersteine zerstört.“

„Das Prinzip ist mir bekannt, doch wir waren seit Generationen nicht mehr in einer Situation, in der das nötig gewesen wäre.“

„Ich werde Euch später eine Einweisung geben“, sagte Akkarin.

„Augenblick bitte“, unterbrach Garrel, der sich offenbar übergangen fühlte. „Ich hatte das so verstanden, dass die Verräter mit uns kämpfen würden.“

„Oh, das werden wir auch“, erwiderte Zalava. „Jedoch werden wir nicht an Euren Gruppenkämpfen teilnehmen. Wir sind einzeln effektiver. Die Schlucht wird kein Problem für uns darstellen.“

Der König betrachtete die Sachakanerin anerkennend. „Wir sind Euch zu großem Dank verpflichtet, Zalava von den Verrätern“, sprach er. „Durch Eure Unterstützung haben sich unsere Chancen erheblich verbessert.“

Ein Teil von Dannyl fragte sich flüchtig, ob das nicht eine Übertreibung war, doch er fand, es war besser, sich darüber keine Gedanken zu machen. Er spürte, wie eine seltsame Ruhe ihn überkam. Vielleicht würde er morgen sterben. Aber wenn dies geschah, dann hatte er alles in seiner Macht stehende getan, um den Sieg der Sachakaner abzuwenden.

„Vielen Dank, König Merin der Kyralier“, erwiderte Zalava und neigte leicht den Kopf. „Wir helfen gerne, denn es ist auch die Zukunft unseres Volkes, die auf dem Spiel steht.“

Merin nickte. „Vielleicht können wir einen Konsens zwischen unseren Völkern beginnen, wenn das hier ausgestanden ist.“

„Das wäre begrüßenswert.“

Amüsiert schüttelte Dannyl den Kopf. Es ist kaum ein Jahr her, dass er zwei schwarze Magier in dieses Land verbannt hat, und jetzt denkt er über ein Bündnis mit einem ganzen Volk dieser Sorte nach! Doch wenn meine Verhandlungen mit den Verrätern dazu beigetragen haben, dann war mein Ausflug nach Sachaka wenigstens zu etwas nutze.

Der König wandte sich an Akkarin. „Lord Akkarin, ich übertrage Euch das Kommando über unsere Streitmacht“, sprach er. „Ich erwarte, dass Ihr die Gruppen am morgigen Tag koordiniert und anführt.“

„Es ist mir eine Ehre, Euer Majestät“, erwiderte der schwarze Magier.

Mit einem Mal war Stille im Zelt eingekehrt. Während Balkan nicht überrascht schien, starrten die anderen entweder den König oder Akkarin ungläubig und entsetzt an. Zalava und ihre Begleiterin wirkten derweil als seien sie überrascht, dass die anderen überhaupt überrascht waren.

Dann brach der Sturm über sie herein.

„Bei allem Respekt, Euer Majestät“, begann Lord Garrel. „Doch sollte diese Aufgabe nicht dem Hohen Lord oder dem Oberhaupt der Krieger vorbehalten sein?“

„Unter anderen Umständen würde ich Euch zustimmen“, antwortete Merin ruhig. „Doch das hier ist keine Schlacht zwischen gewöhnlichen Magiern. Die Gilde besitzt so gut wie keine Erfahrung im Kampf gegen schwarze Magier und sie braucht jemanden, der darin bewandert ist.“

„Er hat Recht, Garrel“, stimmte Balkan zu Dannyls Überraschung zu.

Der Krieger gab sich geschlagen, Botschafter Errend hingegen richtete sich neben Dannyl zu seiner vollen Größe auf.

„Als Vertreter Seiner Majestät Marend von Elyne habe ich das Recht, an allen Entscheidungen teilzuhaben“, erklärte er. „Das betrifft auch das Oberkommando.“

Merin betrachtete ihn kühl. „Botschafter Errend, die Ansichten Eures Königs zu diesem Thema interessieren mich nicht. Er hatte lange genug Zeit, sich bei den Vorbereitungen zu engagieren. Ich werde nicht zulassen, dass er unsere sorgfältig geplanten Schritte durchkreuzt und dadurch nicht nur unserem, sondern auch seinem eigenen Land den Untergang bringt.“

Errends Gesicht färbte sich dunkelrot.

„Ich protestiere!“

„Dann protestiert.“ Merins Augen funkelten gefährlich. „Auf Grund der Vereinbarung zwischen den Verbündeten Ländern ist es mein Recht, in Krisenzeiten das Oberkommando über die Gilde zu innezuhaben und jede Maßnahme zu ergreifen, die nötig ist, um Bedrohungen feindlich gesonnener Magier abzuwenden, so wie es mein Recht ist, diese Macht an jemanden weiterzugeben, den ich für diese Aufgabe geeignet halte. Ihr mögt mir keinen Eid geschworen haben, doch als Mitglied der Gilde gilt diese Regel auch für Euch. Ihr habt zwei Möglichkeiten, Botschafter: Entweder Ihr beugt Euch meinen Befehlen oder Ihr nehmt Eure Leute und kehrt zurück nach Elyne, und zwar nur geschützt durch Eure eigene Magie.“

Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Gesicht des Botschafters alle Farbe. Dannyls Mitleid hielt sich jedoch in Grenzen. Sie befanden sich nur wenige Stunden entfernt von einer Schlacht, die alles verändern konnte. Da war kein Platz für Machtspiele.

„Ich werde mich Euch beugen, Euer Majestät“, brachte Errend hervor. „Und damit auch Lord Akkarin.“

Merin nickte befriedigt. „Da das nun geklärt wäre, sollten wir den genauen Schlachtplan besprechen.“


***


Der Mond schien in dieser Nacht so hell, dass Sonea keine Lichtkugel brauchte, um sich zu orientieren. Vor ihr führte die Straße über das Flussbett, das an dieser Stelle etwa vierzig Schritt durchmaß. Das war sehr viel Platz, um die einhundert Phiolen zu vergraben, die sie mitgenommen hatte.

Doch bei einer Armee von zweihundertfünfzig Mann waren die Chancen groß, dass zumindest einige Sachakaner darauf traten und durch ihren plötzlichen Tod die Magier in ihrer unmittelbaren Umgebung mitrissen.

Akkarin war von seinem Pferd gestiegen und untersuchte den Boden. „Wir müssen die Phiolen so vergraben, dass sie zerbrechen, wenn jemand darauf tritt“, sagte er. „Außerdem müssen wir eine Vermischung ihres Inhalts mit Wasser vermeiden, weil sie dann einen Teil ihrer Wirkung verlieren.“

„Also kommen Pfützen nicht in Frage“, folgerte Sonea.

„Richtig.“

Akkarin bedeutete ihr, ihm tiefer in die Furt zu folgen. Als sie das Flussbett zu drei Vierteln überquert hatten, blieb er stehen. „Von hier aus werden wir die Phiolen in zehn Reihen zu je zehn Stück vergraben, wobei jede Reihe versetzt zu ihrer vorherigen ist, um die Chance auf einen Treffer zu erhöhen.“

Er bückte sich und schob die oberste Schicht des feuchten Sandes beiseite, bis er eine kleine Kuhle freigelegt hatte. Dann nahm er einen flachen Stein, legte eine Phiole darauf und schob so viel Erde darüber, dass sie gerade davon verdeckt war.

„Auf diese Weise sollte es zerbrechen, wenn genügend Druck darauf ausgeübt wird.“ Er reichte Sonea einen Beutel. „Machen wir uns an die Arbeit.“

Während der nächsten Stunde waren sie damit beschäftigt, Löcher zu graben, sie mit einem geeigneten Steinbett zu versehen und die Phiolen darin zu verstecken. Manchmal mussten sie passende Steine erst suchen oder den Boden mit Magie austrocknen, was ihren Fortschritt verzögerte.

Als sie fertig waren, war der Mond ein ganzes Stück weiter nach Westen gewandert.

„Was ist mit der Schlucht?“, fragte Sonea.

„Zu gefährlich“, antwortete Akkarin. „Jemand von unseren eigenen Leuten, der die Sachakaner hineinlockt, könnte darauf treten.“ Er warf einen Blick zum Himmel. „Wir sollten zurückkehren. Es ist spät geworden.“

Sonea nickte nur und schwang sich wieder auf den Rücken ihres Pferdes. Während sie zu den Hügeln zurückritten, schlug die Aufregung, die sie den Tag über verspürte hatte, in Furcht um und sie konnte nicht aufhören daran zu denken, dass diese Nacht ihre Letzte sein konnte.

Das war kein Haufen schlecht organisierter Ichani, gegen den sie dieses Mal kämpfen würden.

Das war eine Armee schwarzer Magier, die darin unterwiesen worden war, in Gruppen zu kämpfen. Oh hoffentlich treten möglichst viele auf die Phiolen, dachte sie. Die Gilde würde sich dagegen schützen müssen, aber sie würden weniger Magie verbrauchen, als wenn sie gegen diese Magier kämpfen mussten.

Ihre Spannung löste sich ein wenig, als sie das Lager erreichten und ihre Pferde neben ihrem Zelt festbanden. Akkarin nahm Soneas Hand und führte sie zum Zelt des Königs.

Der König saß allein an seinem nun wieder freigeräumten Tisch, vor sich eine halbvolle Flasche Wein und einen goldenen Trinkbecher. Als sie eintraten, sah er auf.

„Die Furt ist präpariert, Euer Majestät“, sagte Akkarin und ging auf ein Knie. Sonea zögerte kurz und schloss sich ihm an.

„Ich danke Euch“, sagte Merin. „Erhebt Euch.“

Ihre Roben raschelten leise, als sie aufstanden.

„Euer Majestät, geht es Euch gut?“, fragte Akkarin, eine Spur Besorgnis in der Stimme.

„Ja, danke der Nachfrage“, antwortete der König. „Ich versuche nur, dem Schlaf ein wenig auf die Sprünge zu helfen.“

Akkarins Mund verzog sich zu einem Halblächeln. „Das ist verständlich.“

„Ihr beide solltet auch zusehen, dass Ihr noch ein wenig Schlaf bekommt.“ Merin leerte seinen Becher und schenkte sich nach. „Lasst mich sofort wissen, wenn der Späher eine Bewegung unserer Feinde meldet.“

„Das werde ich. Gute Nacht, Euer Majestät.“

„Gute Nacht, Lord Akkarin und Sonea.“

Sie verließen das königliche Zelt und kehrten zu ihrem eigenen zurück. Außer den Kriegern, die zur Nachtwache eingeteilt worden waren, waren alle Magier in ihren Zelten. In den meisten war jedoch noch Licht. Sonea fragte sich, wie viele von ihnen in dieser Nacht keinen Schlaf finden würden. An diesem Abend hatten die anderen Magier ihnen nur einen Teil ihrer Kraft gegeben, um am nächsten Tag vollständig regeneriert zu sein, weswegen sie einen anderen Weg finden mussten, um müde zu werden.

Aber wie soll ich Schlaf finden, wenn ich mehrere hundert Mal meine eigene Kraft in mir trage?, dachte Sonea.

Ihre Lichtkugel vorausschickend, schob sie die Stoffbahnen zurück und trat in das Innere ihres Zeltes. In der Mitte angekommen hielt sie inne. Ein merkwürdiges Gefühl stahl sich in ihr Herz, das sie nicht zu benennen wusste. Sie beobachtete, wie Akkarin sich durch den Eingang duckte und sich seine langen Beine unter sich faltend auf ein Kissen setzte. Als er zu ihr sah, war ein Ausdruck in seinen Augen, der Sonea fragen ließ, ob er in diesem Augenblick dasselbe empfand wie sie.

„Wenn du nur noch eine Nacht zu leben hättest, was würdest du tun?“

„Ich würde sie mit dir verbringen.“

Sie starrten einander an, darauf wartend, dass der andere etwas sagte. Doch es war bereits alles gesagt.

Akkarin streckte eine Hand aus. Sonea ergriff sie und ließ zu, dass er sie zu sich hinab zog, bis sie sich vor ihm auf den Knien niedergelassen hatte. Er beugte sich vor und legte eine Hand in ihren Nacken und drückte seine Lippen auf ihre. Sonea schlang ihre Arme um ihn und erwiderte seinen Kuss, während sie sich an ihn klammerte, als fürchtete sie, sonst zu ertrinken.

Akkarin dämpfte die Lichtkugel und drückte sie hinab in die Kissen. Sonea japste nach Luft, als er über ihr war und ihre Robe auszog, während er sie voll Verlangen küsste.

Und dann liebten sie sich, als wenn es kein Morgen gäbe.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast