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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 14.099
 
Kapitel 53 – Unterwegs zum Nordpass



Das Gelände der Universität war in blaues Dämmerlicht gehüllt, als Sonea ihre Hand auf den kühlen Stein des Domes legte. Sie schloss die Augen und sandte ihren Geist in die Konstruktion. Für einen langen Augenblick drohte die darin gespeicherte Magie sie zu überwältigen. So viel war durch das gemeinsame Wirken von Magiern und Novizen in den vergangenen Monaten zusammengekommen. Zusammen mit der Magie, die sie und Akkarin aus den Speichersteinen der Verräter bezogen hatten, weil ihnen dies nach einigen Überlegungen als die sicherste Form der Aufbewahrung erschienen war, war das mehr als sie sich vorstellen konnte. Sie konnte kaum glauben, dass es vielleicht nicht ausreichen würde.

Aber die Sachakaner würden ebenfalls nicht unvorbereitet sein. Auch sie würden sich über Monate hinweg gestärkt haben.

Und sie waren ihnen zahlenmäßig ebenbürtig.

Wir hätten die Magie der Stadtbevölkerung nehmen sollen, dachte Sonea. Die Gilde hatte jedoch dagegen entschieden, dass Akkarin und Sonea schwarze Magie an Nichtmagiern praktizierten. Nur, wenn sie scheiterten, würde Lord Sarrin sich an der Stadtbevölkerung stärken. Und das war eine Entscheidung, die Akkarin ohne das Wissen der höheren Magier getroffen hatte.

Ob der König davon weiß?, fragte Sonea sich. Aber wahrscheinlich würde er das. Nur mit Akkarins Wort würden die anderen Magier Sarrins Entscheidungen kaum akzeptieren.

„Lord Akkarin, Sonea, Ihr solltet jetzt aufhören.“ Zwischen Lord Larkins Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet, als er sich auf die Statik des Domes konzentrierte. „Die Konstruktion wird sonst instabil.“

„Nun, dann sollten die Zurückbleiber den Unterricht in Kriegskunst ausschließlich in der Arena stattfinden lassen.“ Akkarin löste seine Hand von der Außenwand und trat einen Schritt zurück. „Ich denke, wir haben genug.“

Wenn ich das nur glauben könnte, dachte Sonea. Sie seufzte leise und atmete die kühle Morgenluft ein. Ihr Schädel dröhnte von zu viel Wein und zu wenig Schlaf. Sie griff nach ihrer Magie und linderte ihre Beschwerden. Angesichts der bevorstehenden Reise hätte sie besser daran getan, früh zu Bett zu gehen. Stattdessen hatten sie und Akkarin eine unvergessliche Nacht miteinander verbracht, die möglicherweise ihre letzte in der Arran-Residenz gewesen war.

Und ich habe beim Kyrima verloren, dachte sie mit einem leisen Schaudern. Sie hatte nicht absichtlich verloren, doch sie hatte es auch nicht darauf angelegt, zu gewinnen. Bei dem Gedanken, dass auch dies vielleicht das letzte Mal gewesen war, zog sich etwas in ihrer Brust schmerzhaft zusammen.

„Es wird Zeit.“ Akkarin sah zu ihr. „Sonea, kommst du?“

Sie nickte und folgte ihm zur Universität. Lord Larkin nahm seinen Platz an Akkarins anderer Seite ein. Der Duft unzähliger Blüten hing schwer in der Luft, und als Sonea ihren Blick über die Gebäude der Universität schweifen ließ, wurde ihr Herz schwer.

Werde ich das alles hier jemals wieder sehen?

Auf dem Platz vor der Universität warteten mehr fertig gesattelte Pferde als Sonea auf Anhieb zählen konnte, sowie Karren mit Verpflegung und Zelten und sämtliche Magier und Novizen, die mit ihnen nach Sachaka gehen würden. Die übrigen hatten sich auf den Stufen der Universität versammelt.

Als sie näher kamen, schritt Balkan auf sie zu. „Habt Ihr alles, was Ihr benötigt?“

„Die Magie, die Sonea und ich genommen haben, sollte genügen“, antwortete Akkarin.

„Was ist mit dem Dome?“, wandte sich der Hohe Lord an Lord Larkin.

„Er ist unversehrt. Allerdings sollte er magisch verstärkt werden, bevor wieder darin Unterricht stattfindet“, antwortete der Architekturlehrer.

Balkan nickte. „In zehn Minuten brechen wir auf“, teilte er Sonea und Akkarin mit. „Doch nun entschuldigt mich.“ Er nickte ihnen zu und verschwand in der Menge.

„Viel Glück Euch beiden“, wünschte Larkin, nachdem der Hohe Lord fort war. „Lasst Euch nicht von den Sachakanern töten oder gefangen nehmen.“

Akkarin lächelte dünn. „Wir werden es versuchen.“

Lord Larkin nickte nur. Er zwinkerte Sonea zu und schritt dann zur Treppe.

„Dann sollten wir jetzt …“ Sonea brach ab, als plötzlich Rothen vor ihr stand. Hinter ihm erblickte sie seinen Novizen Farand, seine Dienerin Tania und das betagte Ehepaar Yaldin und Ezrille. Bei dem Anblick begannen ihre Augen zu brennen.

Was sie jedoch verstörte, war dieser Ausdruck in den Augen ihres Ziehvaters, für den sie keine Worte fand.

„Sonea, Akkarin“, brachte er hervor. Dann machte er einen Schritt auf Sonea zu und drückte sie fest an sich. „Versprich mir, zurückzukommen und das zu tun, was Akkarin dir sagt. Versprich mir, keine Dummheiten zu machen oder dich unnötig in Gefahr zu begeben.“

„Das verspreche ich“, flüsterte sie.

„Bitte kommt zurück. Alle beide.“

„Das werden wir, Rothen.“ Es auszusprechen, kam Sonea wie eine Lüge vor. Aber sie wollte ihm und sich den Abschied nicht noch schwerer machen.

Rothen küsste sie auf die Wange und drückte sie ein letztes Mal an sich. Dann löste er sich von ihr und trat zu Akkarin.

Eine lange Weile starrten die beiden Männer einander in die Augen. Schließlich streckte Akkarin eine Hand aus und berührte Rothens Arm. Doch bevor Sonea mitbekommen konnte, was er sagte, traten nacheinander die anderen vor, um sich zu verabschieden.

„Wir werden Rothen ablenken und ihn daran hindern, zu viel Trübsal zu blasen, während ihr fort seid“, versprach Ezrille.

Yaldin klopfte ihr kurz auf die Schulter, wohingegen Tania in Tränen ausbrach. Sonea war froh, als es vorbei war. Ihre Stimmung war gefährlich kurz davor umzukippen. Noch mehr von diesen emotionalen Abschieden und sie würde es nicht fertigbringen, die Gilde zu verlassen.

„Komm, Sonea“, sagte Akkarin sanft. „Suchen wir unsere Pferde.“

Eine Hand zwischen ihre Schulterblätter gelegt, führte er sie durch die Menge, die sich trotz des auf dem Platz herrschenden Gedränges respektvoll vor ihnen teilte.

Die höheren Magier hatten sich in der Nähe der Tore versammelt. Lady Vinara lächelte, als sie Sonea erblickte, dann wandte sie sich wieder Lord Telano zu, um ihm letzte Anweisungen für die Dauer ihrer Abwesenheit zu geben. Der Hohe Lord unterhielt sich mit Administrator Osen, der bleich und verstört wirkte.

Sich umblickend entdeckte Sonea die beiden Pferde, an denen bereits ihr Gepäck festgeschnürt war.

Wie gut, dass ich Reiten gelernt habe, fuhr es ihr durch den Kopf. Der Gedanke, vor so vielen Zeugen ein Pferd zu besteigen und das mit nur unzureichendem Geschick, war beschämend. Sie steuerte auf das kleinere der beiden Pferde zu. Als sie sicher war, dass die meisten Umstehenden anderweitig beschäftigt waren, saß sie auf.

Akkarin hob kaum merklich die Augenbrauen und stieg dann auf das andere Pferd.

Wenige Minuten später dröhnte Balkans magisch verstärkte Stimme über den Platz.

„Es ist soweit! Besteigt Eure Pferde und nehmt Eure Plätze ein. Die höheren Magier folgen mir, dahinter kommen nacheinander Krieger, Alchemisten und Heiler. Den Schluss bilden die Novizen gefolgt von den Dienern mit den Versorgungskarren.“

Jetzt geht es also los, dachte Sonea in einem Anflug von Panik. Ihre Hände krampften sich um die Zügel, bis das Weiße an ihren Knochen hervortrat.

Balkan küsste seine Frau zum Abschied, dann schwang er sich auf sein Pferd und ritt zu den Toren. Die Oberhäupter der Disziplinen schlossen zu ihm auf, ihnen folgten Lord Vorel, Dannyl und Akkarin. Sonea hielt sich dicht an der Seite ihres Mentors, so wie es von ihr erwartet wurde. Die übrigen Novizen ritten hinter den Magiern und die Diener mit den Vorratskarren bildeten den Schluss.

Es dauerte eine Weile, bis jeder seinen Platz eingenommen hatte, woraufhin Balkan ungeduldig erklärte, das müsse in Zukunft schneller gehen. Dann, endlich, setzte sich der Zug in Bewegung. Sonea warf einen letzten Blick zurück. Rothen, Farand und Tania winkten ihr von den Stufen der Universität. Luzille hatte sich zu ihnen gesellt.

„Pass auf dich auf, Süße!“, rief sie Sonea zu.

Bevor Sonea jedoch etwas darauf erwidern konnte, versperrten die ihr folgenden Reiter die Sicht.

Sie passierten die Gildentore und ritten in den Inneren Ring. Für einen Wochentag waren die Straßen ungewöhnlich leer. Während sie in Richtung des Palastes ritten, ging die Sonne auf und tauchte die Dächer und Türme der Herrenhäuser in flüssiges Gold.

An den Palasttoren warteten mehrere Gestalten auf Pferden mit einem großen Karren. Sonea erkannte König Merin und Lord Rolden. Der König war in eine altmodische Rüstung gekleidet, die wohl weniger zum Schutz dienen sollte, denn als Symbol, dass er die Gilde in diesen Krieg führen würde. Der andere Mann in Rüstung musste sein militärischer Ratgeber Captain Arin sein.

Der König nickte den höheren Magiern zu, die respektvoll die Köpfe neigten. Dann nahm er seinen Platz an der Spitze des Zuges ein.

Als sie die Nordstraße erreichten und ihr in Richtung Hüttenviertel folgten, hielt Sonea vor Überraschung den Atem an.

Überall waren die Straßenränder von Menschen gesäumt, die Blumen warfen und einen langsamen, traurigen Gesang anstimmten, als sie sie passierten. Das Gefühl von Abschied verstärkte sich und Sonea hatte alle Mühe, die Tränen zurückzuhalten.

Hinter den Nordtoren wurden die Blumen weniger edel und die Gesänge zotiger, doch es kam ihr vor, als seien die gesamten Hüttenviertel zusammengekommen, um sie zu verabschieden. Zwischen den Zuschauern erblickte Sonea mehrere vertraute Gestalten. Sie blinzelte, als sie glaubte, nicht richtig gesehen zu haben. Doch da standen eindeutig Cery, seine schwangere Freundin sowie Harrin und Donia und ihre Familie. Tief bewegt hob sie die Hand und winkte. Jonna rief ihr etwas zu, das wie „pass auf dich auf“ klang, doch ihre Worte gingen in dem allgemeinen Lärm, den die Hüttenleute machten, unter.

Sonea drehte sich in ihrem Sattel und blickte ihnen hinterher, bis sie von den nachfolgenden Magiern verdeckt wurden.

Eine kühle Hand schlang sich um ihre. Sonea wandte sich um und begegnete Akkarins Blick. Sie lächelte dankbar, weil er ihre Reaktion ob der vielen Menschen unkommentiert ließ.

Dann erreichten sie den Rand der Hüttenviertel und die Menschenkette wurde dünner, bis sie schließlich ganz aufhörte.

Sonea stieß langsam die Luft aus. Ein Teil von ihr verspürte den Impuls sich umzudrehen und einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen, doch sie entschied, dass es auch ohne das bereits schwer genug war.

Den Griff um ihre Zügel verstärkend richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf die vor ihr liegende Straße.


***


„Also, Bordas.“ Dorrien hockte sich vor das Gehege neben seinem Herd und kraulte seinen Enka hinter den Hörnern. „Sei immer schön artig zu Viana, während ich fort bin. Wenn ich erfahre, dass du sie gebissen hast, dann bekommen wir zwei großen Ärger.“

Der Enka brummte und schloss genussvoll die Augen. Dorrien schüttelte lächelnd den Kopf. Bordas würde nie verstehen, was er mit ihm sprach, doch es machte Spaß so zu tun, als würden sie eine tatsächliche Konversation führen.

Den Rücken des Enka ein letztes Mal tätschelnd, erhob Dorrien sich. Er hing sich seinen Gepäcksack über die Schulter und verließ sein Haus, wo sein Pferd fertig gesattelt warte.

Ich werde nur ein paar Wochen fort sein, rief er sich ins Gedächtnis, während er das Gepäck hinter dem Sattel festschnürte. Nur, dass ich dieses Mal nicht nach Imardin reise. Sich das einzureden, war beruhigend. Es war besser, als sich die Alternative auszumalen.

Dorrien saß auf und ritt die Straße entlang, die ihn nach Windbruch führte. Als er den Dorfplatz erreichte, blinzelte er überrascht.

Ganz Windbruch hatte sich versammelt und sah ihm erwartungsvoll entgegen. Auf den Gesichtern der Dorfbewohner las Dorrien Besorgnis und Furcht, aber auch Hoffnung. Weil er das Gefühl hatte, zu ihnen sprechen zu müssen, zügelte er sein Pferd und stieg ab.

„Da ziehe ich doch gleich viel lieber in den Krieg, wenn das ganze Dorf gekommen ist, um mir Lebewohl zu sagen“, sagte er mit einer Erheiterung, die nur zum Teil gespielt war.

Einige Dorfbewohner lachten nervös.

„Ich hoffe doch, dass ihr nicht hier steht, um euch mir anzuschließen“, fuhr er fort. „Denn dann müsste ich euch befehlen, zurückzubleiben.“

„Ein Krieg zwischen Magiern ist nichts für uns“, sagte Kalin. „Aber wenn Ihr es befehlen würdet, würden wir Euch folgen, Mylord.“

„Das bedeutet mir sehr viel“, erwiderte Dorrien tief bewegt. „Aber Kalin, du weißt, was du und Loken zu tun habt, während ich fort bin.“

Kalin nickte. „Wir werden Windbruch und Viana verteidigen, Mylord. Wenn nötig mit unserem Leben verteidigen.“

Einer nach dem anderen verabschiedeten sich die Dorfbewohner. Dorrien war gerührt. Für gewöhnlich ließen sie es unkommentiert, wenn er für eine Weile fortritt. Allerdings hatte er Windbruch noch nie verlassen, um in eine richtige Schlacht zu ziehen.

Als er in die Gesichter seiner Leute sah, wusste er, dass er diesen Krieg vor allem für sie kämpfte. Damit sie weiterhin in Frieden und Freiheit leben konnten. Diese Bauern, Reberhirten und Jäger führten ein hartes Leben, aber es war ein Leben, das sie selbst bestimmen konnten. Dorrien würde wenn nötig sterben, um ihnen das zu garantieren.

Zuletzt kam er zu Loken. Der Schmied hatte einen Arm um Vianas Schultern gelegt, doch die Aufmerksamkeit der jungen Frau galt einzig Dorrien. Sie war blass und in ihren Augen schimmerten Tränen. Als Dorrien ihr ein zuversichtliches Lächeln schenkte, machte sie einen Schritt auf ihn zu und umarmte ihn unbeholfen. Ein schwacher Duft nach etwas vertraut Blumigem erfüllte seine Nase.

„Bitte kommt zurück, Dorrien“, flüsterte sie und ließ wieder von ihm ab.

„Ich versuche es“, antwortete er mit plötzlich belegter Stimme.

Dann wandte er sich zu Loken. „Ich verlasse mich auf dich und Kalin“, sagte er und berührte den Arm des Schmiedes.

Loken nickte ernst. „Das könnt Ihr, Mylord.“

„Und kümmere dich um Viana“, fügte Dorrien hinzu, ohne die Tochter des Reberhirten anzusehen.

„Darauf habt Ihr mein Wort, Mylord.“

Zu Dorriens Erleichterung blieb der anzügliche Ausdruck Lokens Augen dieses Mal fern.

Er nickte dem Schmied zu. Dann stieg er wieder auf sein Pferd, hob ein letztes Mal die Hand zum Gruß und verließ Windbruch.

Die Sonnenstrahlen fielen warm auf das grüner werdende Gras auf den Reberweiden. Ein paar Hirtenjungen liefen zur Straße und riefen seinen Namen. Dorrien lächelte und winkte. Die Jungen winkten zurück und rannten neben seinem Pferd her, bis er einen Wald erreichte.

Im Wald folgte Dorrien der Straße, die durch die Berge zum Nordpass führte. Strenggenommen hatte sie die Bezeichnung „Straße“ nicht einmal verdient, weil sie nur ein etwas breiterer Weg war, doch sie war Dorriens bevorzugte Option. Lord Arkel hatte ihm beschrieben, welche Route er und seine Krieger nehmen würden, falls er sich ihnen anschließen wollte. Doch wenn Dorrien vor der Wahl stand, durch die Anwesenheit anderer ständig an das, was ihm bevorstand, erinnert zu werden, oder in seinen eigenen düsteren Gedanken zu versinken, zog er Letzteres vor.


***


„Kann jemand von euch sehen, was da vorne los ist?“ Sich in ihrem Sattel reckend, versuchte Savara über die Köpfe der anderen Reiter zu blicken. Der Zug aus Reitern und Karren war nicht zum ersten Mal zum Stehen gekommen, wofür sie jedoch im Gegenzug die Nächte durchreisten. Obwohl Savara diese Unterbrechungen begrüßte, weil sie ihr und ihren Auftraggebern mehr Zeit verschafften, konnte sie sich Angenehmeres vorstellen, als in der Glut der Mittagssonne am Rand der Ödländer zu stehen.

Arlava schüttelte den Kopf.

„Bestimmt ist ein Gorin mitten auf der Straße zusammengebrochen oder so etwas.“ Maliras Gesicht verzog sich zu einer hässlichen Fratze. „Wenn sie die Sklaven das wegmachen lassen, wird es Stunden dauern, bevor es weitergeht.“

„Weckt mich, wenn es weiter geht“, murmelte Arlava und schloss die Augen.

Savara schüttelte den Kopf. Ihre „Verbündeten“ neigten zuweilen zu ausgesprochenem Desinteresse an dem Geschehen in ihrer Umgebung. Wie sie auf diese Weise überleben konnten, war ihr unbegreiflich. Sie warf einen Blick zu Malira, die offenkundig ebenfalls beschlossen hatte, die Gelegenheit für ein Nickerchen zu nutzen.

Ihr Aufbruch von Arvice war rasch und ohne Vorwarnung geschehen. Erst nach und nach hatte Savara das Gerede im Palast zu einem zusammenhängenden Bild hin analysiert und begriffen, was tatsächlich geschehen war, als Marika die Ashaki der entfernten Landgüter fortgeschickt hatte, damit sie „ihre Angelegenheiten regeln“ konnten. Es war auch tatsächlich darum gegangen, jedoch nur zu einem geringen Teil. Denn sie hatten noch einmal an die fünfzig Ashaki aufgetrieben, die erklärt hatten, sie würden sich dem König erst dann anschließen, wenn es diesem gelang, eine Streitmacht aufzustellen.

Was die Ichani überflüssig machte.

Oder zumindest die Mehrheit von ihnen.

Marika war über jeden Ichani in seiner Armee bestens informiert und kannte seine Geschichte. Savara war sicher, einige Ichani würden niemals wieder in die Gesellschaft aufgenommen, weil sie bei ihm zu sehr in Ungnade gefallen waren, oder weil es in der sachakanischen Gesellschaft keinen Platz für sie gab.

Während der letzten Tage hatte sie diese Überlegungen wieder und wieder mit Malira und Arlava diskutiert. Sie hatten zusammengetragen, was sie über die anderen Ichani wussten, und darüber spekuliert, welchen Marika sich in der Schlacht auf elegante Weise entledigen würde und welche überhaupt die Chance auf den Rang eines Ashaki hatten.

Bei allen bis auf Yirako waren sie sich rasch einig gewesen. Was Marika jedoch mit dem Ichani aus dem Norden und seiner Anhängerschaft plante, war schwierig abzuschätzen. Er konnte ein mächtiger Verbündeter sein, um den wilden Teil des Nordens zu befrieden, doch er konnte auch zu einem ernstzunehmenden Gegner werden. Als Ichani geboren, war Yirako nicht selbst für seinen Status verantwortlich, der Verrat seines Vaters hatte ihn dazu gemacht. Marika schien indes geneigt, darüber hinwegzusehen, sollte ein Ichani ihm in seinem Feldzug gegen die Gildenmagier außerordentlich gute Dienste leisten.

Ein durch die Menge gehendes Raunen störte Savaras weitere Überlegungen. Irgendwo an der Spitze des Zuges löste sich ein Reiter und ritt nach links auf das spärliche Grasland, das sich zu beiden Seiten der Straße bis zum Horizont ausbreitete. Wenige Augenblicke später machte sie weitere Reiter aus, die an den Reihen entlang ritten und Namen riefen. Diejenigen, die genannt wurden, lösten sich aus dem Zug und schlossen sich dem einzelnen Reiter an.

Schließlich erreichte er Savara und ihre Begleiterinnen. „Ichani Arlava, Ichani Dakira und … Ichani Malira“, las er von einer Liste ab. Er betrachtete die drei Frauen und runzelte die Stirn. Dann hakte er ihre Namen ab. „Ihr wurdet ausgewählt, um unter Kriegsmeister Harkos Führung an einer Geheimmission teilzunehmen.“

„Eine Geheimmission, soso“, sagte Malira schneidend. „Na, da bin ich doch sofort dabei.“

Sie gab ihrem Pferd die Sporen und scherte aus der Reihe aus. Savara und Arlava folgten ihr. Und damit habe ich drei geheime Aufträge, die ich zugleich ausführen soll, fuhr es Savara durch den Kopf. Das ist wirklich ein zweifelhafter Rekord.

Als sie die Gruppe, die sich um Harko geschart hatte, erreichten, hatte sich das Heer bereits wieder in Bewegung gesetzt. Savara und ihren „Verbündeten“ folgten noch ein paar Nachzügler, die Harko ungehalten betrachtete, sowie ihre Sklaven mit Proviant und Zelten.

Arlava sah sich nervös um. „Ich kann meine Leute nicht finden.“

Savara begann sich ihrerseits nach Sarkaro und den anderen umzusehen, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Dafür entdeckte sie jedoch einige Ashaki, von denen sie wusste, dass sie Marika ihre Loyalität frühzeitig geschworen hatten. Das war seltsam und beunruhigend. Trotz der hin und wieder aufkeimenden Sympathie für Arlava wusste Savara nicht, was sie der anderen Frau sagen konnte, um sie zu beruhigen.

„Ich grüße Euch, Ashaki und Ichani“, begann Harko umständlich. „Ihr wurdet ausgewählt, um einen speziellen Auftrag für den König auszuführen. Die Wahl wurde unter anderem nach Euren Fähigkeiten als Einzelkämpfer getroffen …“

„Ha!“, raunte Malira ihr zu. „Wer’s glaubt. Ich sehe hier einige, die eine Bereicherung für die Gruppen wären.“

„Dann denkst du also auch, was ich denke“, murmelte Savara.

Maliras dunkle Augen blitzten, dann wandte sie sich ab. Während Harko weitersprach, ließ Savara ihren Blick über die „Auserwählten“ wandern. Sie entdeckte mehrere Ashaki, doch noch mehr Ichani, die meisten davon Frauen.

„Uns wurde die Aufgabe zuteil, über den unbefestigten Pass nach Kyralia einzudringen“, fuhr Harko fort. „Dort werden wir vermutlich auf keinen großen Widerstand stoßen. Sobald wir die Berge überquert haben, werden wir das Land für den König vorbereiten. Ist er mit Eurer Leistung zufrieden, so könnt Ihr damit Ruhm und Ehre erlangen.“

Die Ichani johlten. Savara widerstand der Versuchung, ihren Begleiterinnen einen bedeutungsvollen Blick zuzuwerfen.

„Es lebe das Imperium!“ Harko stieß seine Faust in den Himmel. „Holen wir uns zurück, was rechtmäßig uns gehört!“

Er wendete sein Pferd und ritt gen Westen. Die Ichani folgten ihm noch immer jubelnd. Savara erhaschte jedoch ein paar zweifelnde Blicke von Frauen, die sie während ihrer Reise rekrutiert hatten. Sie hob die Schultern und machte unauffällig das Zeichen, das sie für „wir reden später“ vereinbart hatten. Das war, wie einige andere Zeichen, Savaras Idee gewesen und gehörte zu jenen Dingen, die sie bei den Dieben von Imardin aufgeschnappt hatte.

Savara sah zu den anderen beiden Frauen und machte das Zeichen für „warte“ und ließ sich zurückfallen, bis sie das Ende des Zuges bildeten.

„Ist euch etwas aufgefallen?“, fragte sie, als sie sicher war, dass niemand sie belauschte. „Harkos ‘Auserwählte’ gehören zum Großteil zu jenen, von denen wir glauben, dass Marika sie loswerden will. Dass es Einzelkämpfer sind, deutet zudem darauf hin, dass er unter ihnen den Spion vermutet.“

„Womit er auch recht hat“, sagte Malira mit einem gehässigen Lächeln.

Savara überging die Stichelei. „Yirako ist bei den anderen geblieben“, fuhr sie unbeirrt fort. „Damit können wir annehmen, dass Marika ihn für etwas anderes braucht. Aber das braucht uns nicht zu kümmern. Wie wir wissen, hält Harko nicht viel von den Ichani. Es heißt, von Marikas Beratern habe er am stärksten gegen ein Bündnis mit den Ausgestoßenen protestiert und dass er dem König deswegen beinahe seine Unterstützung versagt hätte. Er wäre geeignet, um uns irgendwo in den Ödländern loszuwerden. Vielleicht ist er nur deswegen noch hier und es war die ganze Zeit, Marikas Plan, sich uns zu entledigen. Wenn Harko und die paar Ashaki sich beeilen, können sie Marika noch einholen, bevor er nach Kyralia oder Elyne eindringt.“

„Aber die Ashaki sind nicht so viel mehr als wir“, wandte Arlava ein. „Sie müssten uns an Kraft sehr überlegen sein, damit sie uns vernichten und es überhaupt noch Sinn macht, gegen die Gildenmagier zu kämpfen. Was mich zu der Frage bringt: Warum sollen wir, die Marika offensichtlich loswerden will, für ihn Kyralia erobern?“

„Weil die Gildenmagier ihn am unbefestigten Pass erwarten“, antwortete Malira wie selbstverständlich. „Und während wir in den Tod gehen, spaziert er fröhlich über den nördlichen Pass nach Kyralia. Er hat auch ohne uns genug Leute, um sich stark zu fühlen. Er braucht uns nicht mehr.“

Konnte das sein?, fragte Savara sich. Aber warum hatte Marika die Ichani dann im Gruppenkampf ausgebildet? Das alles ergab keinen Sinn. Sie wusste nur eines sicher: Sie musste die Gildenmagier warnen. Eine Gruppe von fünfzig Magiern konnte ganz Kyralia verwüsten. Die Ichani hatten kein Ehrgefühl. Sie würden plündern, vergewaltigen, vernichten und versklaven, was ihren Weg kreuzte. Würden die Kyralier stark genug sein, um sich aufzuteilen? Savara bezweifelte es.

Und was war die Rolle der Ashaki, die Harko zugeteilt worden waren?

Akkarin hatte ihr nichts über die Pläne der Gildenmagier mitgeteilt. Trotzdem wusste Savara, sie würde die nächsten Nächte ruhiger verbringen, wenn sie nicht fürchten musste, dass hinter dem Südpass eine Armee wütender Gildenmagier auf sie wartete.

„Oder Marika lässt uns Kyralia erobern, nur um uns anschließend zu vernichten, weil wir es nicht so getan haben, wie er es gerne hätte“, überlegte Arlava. „Jeder aus dieser Gruppe träumt wahrscheinlich davon, ihre Hauptstadt einzunehmen, doch Marika wird sie keinem von uns überlassen. Vielleicht erhofft er sich davon sogar, dass wir uns in unserer Habgier gegenseitig töten. Aber dann verstehe ich nicht, was die Ashaki in dieser Gruppe machen und warum ein paar von denen, die eigentlich hier sein müssten, mit Marika weitergezogen sind.“

„Um den Schein zu wahren“, sagte Malira.

„Sind deswegen auch ein paar von unserer Liste bei ihm geblieben?“

„Nicht zwingend. Er kann sie vorausschicken, damit die Kyralier sie für ihn exekutieren.“ Malira lächelte gefährlich. „Und wenn die Gildenmagier sich erschöpft haben, geben die Ashaki ihnen den Rest.“

Die beiden Ichani-Frauen hatten Savaras geheimste Befürchtungen ausgesprochen. Sie konnten es also auch spüren.

„Was auch immer Marika mit dieser Aktion beabsichtigt“, sagte sie. „Wir sollten mit unserem Plan fortfahren. Denn jetzt wissen wir sicher, was unsere Bestimmung ist. Den anderen Frauen wird das nicht gefallen, doch vielleicht sollten wir die männlichen Ichani von unserer Liste ebenfalls einweihen.“ Eine Idee begann in ihr zu keimen, doch sie war noch unentschlossen, wie die genaue Durchführung aussehen sollte. Eines wusste sie jedoch mit absoluter Sicherheit.

Es war Zeit, Bericht zu erstatten.


***


Auf ihrem Weg zum Nordpass wurde es zusehends Frühling. In den Obstgärten entlang der Straße standen die Bäume in voller Blüte. Die Weiden, auf denen Reber und Gorin grasten, waren grün und saftig und auf den Feldern brach die Saat aus dem Boden.

Am Vormittag hatten sie Kaltbrücken passiert und waren nun kurz vor Calia. Hin und wieder erhaschte Sonea durch die Bäume einen Blick auf den Tarali, der mehr oder weniger parallel zur Straße floss und dessen Wasser hier sehr viel klarer war, als sie es aus der Stadt kannte. Inzwischen war die Landschaft in flache Hügel übergegangen. Sonea kannte den Weg noch vom vergangenen Sommer. Jetzt, im Frühling, sah indes alles völlig anders aus und sie hatte das Gefühl, sehr viel mehr von ihrer Umgebung wahrzunehmen, als beim letzten Mal, wo sie sich in einer Art Schockstarre befunden hatte.

„Weißt du, eigentlich ist es gar nicht Lord Larkin, den ich will“, sagte Trassia, als sie durch ein kleines Wäldchen ritten. „Ich meine, ich bin wirklich sehr in ihn verliebt, aber das ist wie als wüsste ich, dass ich ihn niemals haben kann.“

Sonea runzelte die Stirn. Dass der junge Architekturlehrer Trassias unsterbliche Liebe war, war nichts Neues. Neu war jedoch, dass es jemand gab, für den sie noch mehr schwärmte.

„Also willst du eigentlich jemand anderen“, folgerte sie.

Ihre Freundin errötete. „Oh“, machte sie. „Ja.“

„Wer ist es?“

Trassias Wangen färbten sich noch dunkler. „Es ist … nun eigentlich wollte ich dir das noch nicht sagen, weil es etwas seltsam wirken könnte.“ Sie machte eine bedeutungsvolle Pause und Sonea begann das Schlimmste zu ahnen. „Aber jetzt, wo wir vielleicht bald alle in der Schlacht sterben, habe ich mir gedacht, dass es dann auch egal sein wird, wenn du es jetzt erfährst.“

Sonea kämpfte gegen einen irrationalen Anflug von Eifersucht an. Selbst wenn es hier wirklich um Akkarin geht, braucht mich das nicht stören, sagte sie sich. Er liebt mich. Wie alle anderen jagt sie etwas nach, das er nicht ist.

Zudem hatte sie so eine Ahnung, dass Trassia mit einem Mann wie Akkarin nicht glücklich werden würde.

„Jetzt spann mich nicht noch länger auf die Folter“, sagte sie.

Trassia kicherte. „Aber du musst schwören, es für dich zu behalten.“

Sonea legte eine Hand auf die Brust. „Ich schwöre, den Namen des Mannes, in den meine beste Freundin Trassia von der Familie Haron, Haus Dillan, verliebt ist, niemandem preiszugeben“, gelobte sie. „Sollte ich, aus welchem Grund auch immer, einer Wahrheitslesung unterzogen werden, so werde ich versuchen, seine Identität selbst unter größten Schmerzen für mich zu behalten.“ Sie warf ihrer Freundin einen bedeutungsvollen Blick zu. „Mehr kann ich dir leider nicht versprechen“, fügte sie trocken hinzu.

„Oh, ich denke das genügt“, erwiderte Trassia erfreut. Sie schloss kurz die Augen und holte tief Luft. „Also es ist …“

„Haben die höheren Magier endlich gemerkt, dass du bei ihnen nichts zu suchen hast?“, erklang eine feixende Stimme hinter ihnen.

Trassia zuckte zusammen und Sonea verdrehte die Augen. Wieso schlich er sich immer von hinten an?

Betont langsam wandte sie den Kopf. „Regin, du störst“, sagte sie. „Wir führen hier Frauengespräche.“

„Ah, aber ich wollte schon immer wissen, was ihr dabei so besprecht.“

Sonea seufzte. „Geh zurück zu deinen Freunden. Oder bist du hier, weil sie genug von dir haben?“

„Vielleicht hat Trassia ja weniger gegen meine Anwesenheit bei den Ladies“, erwiderte Regin liebenswürdig.

Sonea warf ihrer Freundin einen vielsagenden Blick zu. Nach zwei Tagen des Reisens ging Regin ihr auf die Nerven. Akkarin hatte ihr erlaubt, mit ihren Freunden zu reiten, wovon sie reichlich Gebrauch machte, weil sie annahm, dass er sie aus dem Weg haben wollte, um mit den höheren Magiern etwas zu besprechen, dass sie nichts oder noch nichts anging. Sonea war das gleich, solange sie die Reise einigermaßen genießen konnte und nicht so oft an das erinnert wurde, was ihnen bevorstand. Zuviel Zeit mit ihren Freunden zu verbringen bedeutete indes auch, wie sie rasch festgestellt hatte, dass Regin sehr anstrengend war.

„Ich …“, begann Trassia und die Röte auf ihren Wangen vertiefte sich, „ … also.“

„Ich verstehe“, brummte Sonea. Sie entschied, es war besser nachzugeben, anstatt mit ihren Freunden zu streiten. „Regin, du kannst bleiben. Aber benimm dich so, wie es von einem angehenden Krieger erwartet wird: höflich und zuvorkommend.“

Ihre Freundin kicherte.

„Bin ich das nicht immer?“, fragte Regin und dirigierte sein Pferd zwischen sie.

„Dazu sage ich jetzt besser nichts“, murmelte Sonea.

„Also, worüber habt ihr gerade gesprochen?“

„Frauenthemen“, antwortete sie knapp.

„Ah, ich möchte wirklich gerne wissen, worüber Frauen sich so unterhalten.“

„Und du wirst nie eine Antwort auf diese Frage bekommen“, gab Sonea zurück.

„Aber, verehrteste Sonea, ich bin doch euer bester Freund!“

Sonea schnaubte. „Und manchmal bist du ein richtiger Schwätzer.“

„Und ein Mann“, fügte Trassia halblaut hinzu.

Regin hob die Augenbrauen und wandte sich ihr zu. „Wenigstens eine, die das erkennt. Also, worüber habt ihr gesprochen?“

„Oh, nichts Besonderes“, antwortete ihre Freundin, den Blick angestrengt auf ihre Zügel gerichtet. „Nur über … über …“

Wirklich toll, Regin!, dachte Sonea. Das hast du wieder richtig gut hinbekommen. Wenn er sich Mühe gab, konnte Regin wirklich nett sein, doch sobald sie zu mehr als zu zweit waren, verhielt er sich überaus ätzend. Sonea ahnte, es ging dabei um eine Art Beweis seiner Männlichkeit oder vielleicht auch den Versuch, Frauen zu beeindrucken. Bei ihr hinterließ sein Verhalten, jedoch nicht den geringsten Eindruck.

„ … über Gerüchte, die einige Novizen betreffen, die mitgekommen sind“, half sie daher nach. „Aber das geht dich nichts an.“

Ihr Freund ließ das unkommentiert und eine Weile ritten sie in Frieden weiter. „Wir kommen bald durch Calia“, sagte er plötzlich. „Ist jemand von euch schon einmal dort gewesen?“

Trassia schüttelte den Kopf. „Das Landhaus meiner Familie liegt in die andere Richtung, südlich von Imardin in den Hügeln.“

„Ich bin letzten Sommer zweimal durchgeritten“, sagte Sonea.

„Ach richtig!“ Regin pfiff durch die Zähne, als habe er das völlig vergessen. „Die Gilde hatte dich und deinen Gemahl ja letztes Jahr nach Sachaka verbannt!“ Er musterte sie abschätzend. „Wie ist es eigentlich, mit seinem Mentor verheiratet zu sein?“

„So wie vorher auch“, knurrte Sonea.

Er lachte. „Heißt das, er hat dich noch nicht angerührt?“

Sonea schwieg. Die Alternative hätte darin bestanden, ihm ihre Faust ins Gesicht zu schleudern.

„Oh, oder heißt das, ihr zwei tut es schon die ganze Zeit?“

Sonea tat einen tiefen Atemzug. „Regin“, zischte sie. „Wenn du nur gekommen bist, um dich zu streiten, dann geh zurück zu Kano und Alend und lass Trassia und mich unser Frauengespräch weiterführen.“

„Ich …“, begann Regin und wurde von Trassia unterbrochen.

„Seht doch mal, wer da kommt“, murmelte sie tonlos.

Sonea folgte ihrem Blick und entdeckte Veila, die ihr Pferd am Straßenrand angehalten hatte. Als ihre ehemalige Rivalin sie erblickte, hob sie die Hand und lächelte.

„Ich glaube, sie will zu uns.“ Sonea bedachte ihre beiden Freunde mit einem strengen Blick. „Seid nett zu ihr und tut wenigstens so, als würdet ihr sie mögen.“

Bevor ihre Freunde etwas darauf erwidern konnten, hatten sie zu Veila aufgeschlossen.

„Hallo“, sagte die junge Frau. „Wie geht es euch?“

„Lady Veila“, erwiderten Trassia und Regin und senkten die Köpfe.

Veila winkte ab. „Spart euch das. Ich kann noch gar nicht wirklich glauben, dass ich endlich Magierroben trage. Ich fühle mich noch immer so als wäre ich noch Novizin.“

„Trotzdem steht dir die Robe.“ Sonea musterte das Purpur. Nicht viele Novizinnen wählten die Alchemie als Disziplin. Veila hatte eigentlich Heilerin werden wollen, doch auf Grund ihrer Persönlichkeit war ihr davon abgeraten worden. Als Kriegerin könnte ich mir sie auch gut vorstellen, fuhr es Sonea durch den Kopf. Vielleicht würde ihr das helfen, ihre Aggressionen loszuwerden.

„Danke“, erwiderte Veila lächelnd. „Dein Schwager hat das auch gesagt.“

Soneas blinzelte überrascht. „Du hast Viklin nach der Hochzeit noch einmal gesehen?“

„Er kam zu meiner Abschlussfeier.“

Die Abschlussfeier … Die Zeremonie, bei der die Novizen des fünften Jahres ihre Roben erhielten, hatte am vergangenen Ersttag stattgefunden, als Sonea und Akkarin sich für einen Tag aus der Gilde geschlichen hatten. Sonea verdrängte die sich ihr plötzlich aufdrängende Frage, ob sie ihre eigene Abschlussfeier jemals erleben würde.

„Das war wirklich sehr aufmerksam von ihm“, sagte sie.

„Oh, ja.“ Veila strahlte. „Er hat gesagt, wenn der Krieg vorbei ist, will er mich auf das Anwesen seiner … also eurer Familie … am Meer einladen.“

Landhaus am Meer? Damit besaßen die Delvons mindestens drei Häuser. Sonea traute sich kaum zu fragen, aus Furcht sich zu blamieren. Dann fiel ihr wieder ein, wo sie schon einmal davon gehört hatte.

- Sonea!

Sie zuckte zusammen.

- Ja?, projizierte sie auf den Blutring an ihrer rechten Hand.

- Deine Anwesenheit wird bei den höheren Magiern verlangt.

Sie verkniff sich ein Lächeln.

- Du meinst wohl, du verlangst nach meiner Anwesenheit.

- Das auch. Lass dir nicht zu viel Zeit

- Ja, Lord Akkarin. Ich bin unterwegs.

„Ich muss wieder zurück“, teilte sie ihren Freunden mit.

„Dann solltest du deinen Mann wohl besser gehorchen“, feixte Regin.

Sonea betrachtete ihn kühl. „Ein bisschen mehr Respekt gegenüber Autoritäten würde dir auch nicht schaden.“

Trassia machte ein enttäuschtes Gesicht. „Jetzt konnten wir gar nicht unser Gespräch zu Ende führen.“

„Wir holen das heute Abend nach“, versprach Sonea. Sie trieb die Fersen in die Seiten ihres Pferdes und beschleunigte ihr Reisetempo.

Veila folgte ihr.

„Ist irgendetwas passiert?“

Sonea zuckte die Achseln. „Wir sind bald in Calia. Wahrscheinlich ist es deswegen.“

Bei dem schnelleren Tempo war es schwierig, die Unterhaltung aufrechtzuerhalten. Zudem mussten sie hintereinander reiten, um den Zug von Novizen und Magiern zu passieren.

„Ich wollte das vorhin vor deinen Freunden nicht erwähnen, aber Viklin hat gesagt, er will mir einen Antrag machen, sobald der Krieg vorbei ist.“

Sonea war so überrascht, dass sie an den Zügeln ihres Pferdes riss. „Das hat er gesagt?“

Veila nickte strahlend. „Bis wir zurück sind, werde ich zu einer Heilerin gegangen sein. Lady Indria ist nett, vielleicht sollte ich sie fragen.“

Sie muss es ihm wirklich angetan haben, fuhr es Sonea durch den Kopf. Aber das scheint auf Gegenseitigkeit zu beruhen.

„Ich finde, ihr zwei passt wirklich gut zusammen“, sagte sie und meinte das so. Wenn Veila nicht gerade mit jemandem um einen Mann buhlte, war sie abgesehen von ihrer Arroganz gar nicht so übel.

Sie erreichten eine Reihe von vier jungen Alchemisten. Sonea traute ihren Augen kaum, als sie Genel und Jarend in angeregte Gespräche mit Veilas beiden Freundinnen vertieft sah. Amüsiert beugte sie sich zu ihrer ehemaligen Rivalin.

„Seit wann läuft etwas zwischen denen?“

„Seit wir für die Abschlussprüfungen gelernt haben.“ Veila lächelte wissend. „Dabei kommt man sich manchmal näher als man denkt.“

Womit ich meine Schatten wohl endgültig los wäre, dachte Sonea erleichtert.

Sich wieder daran erinnernd, warum sie ihren Platz bei Trassia verlassen hatte, verabschiedete sie sich von Veila. Sie hatte noch immer gut die Hälfte der Alchemisten und sämtliche Krieger zwischen sich und Akkarin und sie wollte ihn nicht länger als nötig warten lassen. Sie gab ihrem Pferd die Sporen und eilte los.

Als Sonea die höheren Magier erreichte, hatte die Armee den Wald verlassen. Zu beiden Seiten erstreckten sich Weiden und Felder und in etwa einer Meile Entfernung konnte sie die ersten Häuser von Calia ausmachen.

Auf der Straße vor ihr entdeckte sie hochbeladene Karren, die rasch näher kamen, offenkundig die ersten Flüchtlinge, die dem Aufruf des vorausreitenden Kriegers gefolgt sein mussten.

Sie fand Akkarin in Gesellschaft von Balkan und König Merin.

„Euer Majestät, Hoher Lord“, grüßte sie. Dann wandte sie sich zu Akkarin und lächelte. „Lord Akkarin.“

Er erwiderte ihr Lächeln, doch es erreichte nicht seine Augen. Daran konnte Sonea erkennen, dass etwas nicht stimmte.

„Was ist passiert?“, fragte sie.

„Wir sind gleich in Calia. Ich erwarte, dass du an meiner Seite reitest. Wenn wir die Stadt passiert haben, werden wir einen geeigneten Platz zum Lagern suchen.“

Als sie die Karren passierten, konnten sie nur noch zu zweit nebeneinander reiten. Die Menschen, die die Karren begleiteten, betrachteten sie mit einer Mischung aus Angst und Ehrfurcht. Dieser Eindruck verstärkte sich, als sie durch die Stadt ritten. Nur wenige, denen sie begegneten, hielten inne, um sie anzustarren, die meisten waren zu sehr damit beschäftigt, ihr Hab und Gut nach Imardin zu bringen.

Ein wenig wehmütig dachte Sonea an die Magie, die ihr und Akkarin entging, indem sie diese Menschen ziehen ließen. Doch selbst ohne die moralischen Bedenken der Gilde hätte es zu lange gedauert, jeden dem die begegneten auf magisches Potential zu testen und seine Magie zu nehmen, sofern er oder sie dazu bereit war. Ihr Zeitplan bot nur wenig Raum für Unterbrechungen ihrer Reise. In der Stadt würden die Flüchtlinge Lord Sarrin stärken, sollte die Gilde scheitern. Bis die Sachakaner den Weg von der Ettkriti-Ebene bis Imardin zurückgelegt hatten, konnte er ihre Magie über mehrere Tage hinweg nehmen, bevor sie die Küste hinauf nach Elyne oder aufs Meer evakuiert würden.

- Du verschweigst mir doch etwas, sandte Sonea.

- Ja. Doch das hat Zeit, bis wir das Lager aufgeschlagen haben.

Das war gar nicht gut.

- Muss ich mir Sorgen machen?

- Das solltest du, doch es würde nichts helfen.

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Das konnte nur bedeuten, dass es noch mehr Sachakaner geworden waren, oder dass sie etwas an ihren Plänen geändert hatten.


***


Das Universitätsgelände war so ausgestorben wie an einem Tag in den Ferien. Weiß-rosa Blütenblätter wirbelten wie Schneeflocken durch die Luft. Die Wärme der vergangenen Tage hatte die Pachibäume, so schnell sich ihre Knospen geöffnet hatten, in bemerkenswert kurzer Zeit zum Ende ihrer Blüte gebracht. Ein paar Novizen saßen auf Parkbänken und genossen die Frühlingssonne. Ihr Anblick hatte etwas Bedrückendes, fand Rothen.

Es hatte einen ganzen Tag gedauert, bis die Erkenntnis in ihm gedämmert war, dass sie alle fort waren. Nein, nicht alle, korrigierte er sich selbst. Aber viele, die ihm nahestanden.

Er seufzte und nippte an seinem Sumi. Nachdem er zwei Monate lang kein freies Wochenende mehr gehabt hatte, hatte er geglaubt, es würde ihm guttun, den Freitag auszuschlafen und in Muße zu verbringen, während sein Novize die Zeit zum Lernen in der Bibliothek nutzte.

Doch offenkundig war das genau das Falsche gewesen.

Rothen verspürte eine vage Nervosität und eine Sorge, die er nicht abschütteln konnte. Sich damit zu beruhigen, dass die Gilde jetzt erst irgendwo bei Calia war und Dorrien wahrscheinlich noch in Windbruch, half indes nicht.

Die wenigen Magier, die zurückgeblieben waren, befanden sich in Aufruhr. Am Tag zuvor hatte Administrator Osen verkündet, dass ab der nächsten Woche alles, das vor einer Invasion der Sachakaner in Sicherheit gebracht werden sollte, in Kisten verpackt werden sollte. Diese brauchten dann nur noch zu einem Schiff gebracht werden, das der König für die Evakuierung der Gilde zur Verfügung gestellt hatte. Zu Rothens Überraschung hatte der Administrator bereits einen genauen Plan gehabt, was gerettet und was zurückgelassen werden sollte.

Bei dem Gedanken, was das für jene Dinge bedeutete, die nicht gerettet werden konnten, wurde Rothens Herz schwer. Die Gebäude der Universität waren von historischem Wert. Angefangen von der siebenhundert Jahre alten Gildehalle, bis hin zu den eindrucksvollen Konstruktionen von Lord Loren, die verglichen damit verhältnismäßig jung waren. Wenn die Sachakaner bis Imardin kamen, würden sie all das vernichten.

Nicht nur, weil sie es nicht zu schätzen wussten, sondern weil sie die Gilde hassten.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.

„Ich gehe schon!“, rief Tania.

„Danke“, antwortete Rothen. „Du kannst dich dann zurückziehen. Ich werde nach dir rufen, sollte dich brauchen.“

„Sehr wohl, Mylord.“ Sie verneigte sich und öffnete dann die Tür.

Draußen standen Yaldin und Ezrille.

„Kommt herein“, forderte Rothen seine Freunde auf. „Was führt Euch hierher?“

„Es ist Wochenende“, antwortete Yaldin. „Das habt Ihr doch hoffentlich nicht vergessen?“

Rothen lächelte schief. „Wahrhaftig, wie könnte ich?“, erwiderte er. „Es ist mein erster freier Tag seit Ewigkeiten.“ Er erhob sich. „Sumi?“

Yaldin und seine Frau nickten.

Rothen holte zwei Tassen aus einem Schrank und befüllte sie mit frischem Sumi.

„Tatsächlich sind wir gekommen, um Euch davon abzuhalten, zu viel Trübsal zu blasen.“

Fast wäre Rothen der Krug aus der Hand gerutscht. Das war wieder einmal typisch Ezrille. Damit er sich helfen ließ, rieb sie erst einmal noch kräftig Salz in die Wunde.

„Ezrille, ich blase kein Trübsal“, widersprach er scharf.

„Lügner“, schalt sie ihn. „Ihr macht dann immer dieses ganz bestimmte Gesicht.“

Rothen verspürte einen Anflug von Ärger, den er jedoch rasch wieder verdrängte. Yaldin und Ezrille meinten es nur gut mit ihm, so wie sie es getan hatten, als Sonea und Akkarin nach Sachaka verbannt worden waren und als dieser sie mehr als ein Jahr davor Rothen genommen hatte.

Verglichen mit heute kamen jene Begebenheiten Rothen nun lächerlich vor. So gut die Gilde sich vorbereitet hatte, er hatte wahrhaftig kein gutes Gefühl, wenn er an die kommenden Tage und Wochen dachte. Als er die dampfenden Tassen zu dem betagten Ehepaar brachte, das inzwischen in Sesseln Platz genommen hatte, verspürte er eine vage Dankbarkeit, dass sie da waren.


***


Dannyl betrat das Zelt des Königs. Im Gegensatz zu den anderen Zelten, in denen bis zu sechs Magier schliefen, war es geräumig und hoch genug, dass er aufrecht darin stehen konnte. Die übrigen höheren Magier saßen um einen Tisch, zwei Diener servierten gerade Schalen mit Eintopf, Brot und Wein. Die höheren Magier und der König waren die Einzigen, die den Wein, den sie mitgenommen hatten, unverdünnt serviert bekamen.

„Guten Abend, Botschafter“, grüßte der König, als Dannyl auf ein Knie sank. Er machte eine knappe Handbewegung zum Tisch. „Kommt, setzt Euch zu uns.“

„Ich danke Euch, Euer Majestät.“ Dannyl neigte leicht den Kopf und setzte sich auf den einzigen Platz, der noch frei war. Ihm gegenüber saß Sonea. Als ihre Blicke einander begegneten, schenkte sie ihm ein schiefes Lächeln.

Sie wirkt angespannt, bemerkte Dannyl. Er warf einen Blick zu Akkarin, der neben ihr saß. Während er seit Dannyls Rückkehr nach Imardin für seine Verhältnisse fast ein angenehmer Zeitgenosse gewesen war, wirkte er an diesem Abend wieder so finster und furchteinflößend, wie Dannyl ihn kannte.

Auch am vergangenen Abend hatten die höheren Magier mit dem König gespeist. Dannyl war überrascht, wie wenig Wert Merin auf Förmlichkeiten legte, jetzt wo sie fernab der Stadt und der Häuser waren. Der Respekt vor dem König, der den Oberbefehl über die Gilde übernommen hatte, war hingegen ungebrochen.

Sie begannen zu essen. Der Eintopf war einfach, aber erstaunlich gut und Dannyl fand, er hatte schon schlechter gelebt. Bevor sie das Fort am Nordpass erreichten, würden sie ihre Vorräte noch einmal auffüllen müssen. Niemand wusste genau, wie lange sie in Sachaka bleiben würden und wenn sie erst einmal in den Ödländern waren, würde es schwierig werden, Nahrung für so viele Menschen aufzutreiben.

Während des Essens tauschten sie nur belangloses Geplauder aus. Erst nachdem die Diener alles bis auf den Wein abgeräumt hatten, räusperte sich der König.

„Jetzt, wo wir alle gespeist haben, kann es niemandem den Appetit verderben, wenn wir die neuste Wendung unserer Situation besprechen.“ Er wandte sich dem schwarzen Magier zu seiner Rechten zu. „Lord Akkarin, ich erteile Euch das Wort.“

Augenblicklich kehrte Stille ein. Alle Gesichter wandten sich dem ehemaligen Hohen Lord zu.

„Kurz bevor wir heute Calia erreichten, erhielt ich eine Nachricht von Savara“, berichtete Akkarin. „Marika hat seine Armee aufgeteilt. Fünfzig Magier ziehen unter der Führung eines seiner Kriegsmeister zum Südpass, während Marika mit den übrigen einhundert auf der Straße weiterzieht, die sich am Rande der Ettkriti-Ebene teilt. Ob sie zum Nordpass oder nach Elyne gehen, kann Savara uns jedoch nicht sagen, weil sie dem Teil zugeteilt wurde, der zum Südpass marschiert.“

Lady Vinara sog scharf die Luft ein. „Dann ist es also, wie wir befürchtet haben“, sagte sie. „Ob wir uns aufteilen oder uns einer der beiden Armeen stellen – wir haben bereits verloren.“

„Es besteht kein Grund zur Sorge, Vinara“, sagte Balkan. „Vor einigen Wochen habe ich mit Akkarin, Garrel und Vorel … und Sonea dieses Szenario diskutiert. Unser Plan sieht vor, die Straße auf der sachakanischen Seite des Passes zu blockieren. Es gibt eine Stelle, an der die Felsen steil sind und mehrere hundert Fuß in die Höhe ragen. Wenn die Sachakaner dort durchkommen, lassen wir die Felswände durch die Zerstörung eines Speichersteins einstürzen. Auch wenn nur einige Sachakaner sofort sterben, wird ihr unerwarteter Tod die anderen mitreißen. Die Überlebenden werden gezwungen sein, Kyralia über den Nordpass zu betreten.“

König Merin nickte anerkennend. „Eine sehr gute Idee. Lord Garrel, geht im Lager nach einem Freiwilligen für diese Mission suchen. Wir sind nicht unweit der Stelle, wo die Straße zum Südpass abzweigt. Ich wünsche, dass er so schnell wie möglich dorthin aufbricht. Aber behandelt diese Angelegenheit unauffällig.“

„Sehr wohl, Euer Majestät“, sagte Garrel. Es klang zähneknirschend, als ärgere es ihn, auf diese Weise von dieser Runde ausgeschlossen zu werden. Er schob seinen Stuhl zurück und verließ das Zelt.

„Für mich klingt das trotzdem nach einer Selbstmordmission“, sagte Lady Vinara, nachdem der Krieger fort war. „Würden wir damit nicht die Ödländer ein zweites Mal erschaffen?“

„Die Möglichkeit besteht“, stimmte Akkarin zu. „Doch die Alternative wäre weitaus entsetzlicher.“

„Wie dass wir uns aufteilen und sterben?“, fragte Dannyl.

Akkarins dunkle Augen bohrten sich in seine und Dannyl erschauderte unwillkürlich.

„Ja.“

„Akkarin, wisst Ihr, wie viel Magie Ihr dazu in einen Speicherstein laden müsst?“, fragte Lady Vinara. „Zu wenig und die Sachakaner dringen nach Kyralia ein. Zu viel und das Gebiet auf der kyralischen Seite des Passes könnte mitsamt seinen Dörfern mit zerstört werden.“

„Da zu wenig Zeit blieb, konnten Sonea und ich nur einen Test durchzuführen, doch zusammen mit unseren übrigen Erkenntnissen über Speichersteine, habe ich eine recht gute Vorstellung, wie viel Magie erforderlich ist.“

„Die Verwüstung wäre nur begrenzt, wenn der Speicherstein innerhalb der Schlucht zerstört wird“, fügte Sonea hinzu. „Lord Akkarin und ich haben für solche Zwecke verunreinigte Kristalle gezüchtet, die wir nur mit einer sehr geringen Menge an Magie laden wollen. Die Zerstörung würde sich auf die Schlucht und die nähere Umgebung beschränken. Die Sachakaner wird dies jedoch unvorbereitet treffen.“

„Was genau heißt, nähere Umgebung?“, wollte Peakin wissen. „Wird das Fort in Mitleidenschaft gezogen werden?“

„Das ist schwer zu sagen“, antwortete Akkarin. „Würde ich eine Schätzung wagen, würde ich sagen, dass der Zerstörungsradius nicht weiter als ein paar Meilen reichen wird. Und das ist bereits sehr pessimistisch geschätzt.“

„Eigentlich kommt es uns sogar sehr gelegen, dass die Sachakaner sich aufgeteilt haben“, sagte Sonea. „Denn nun sind unsere Zahl und unsere Stärke näher an der ihren, was uns in den direkten Kämpfen einen Vorteil verschaffen wird.“

„Nur, dass wir damit nur noch erahnen können, was Marika mit der Mehrheit seiner Armee plant“, brummte Balkan grimmig. „Was, wenn es ein Trick ist, um uns nach Sachaka zu locken, und Marika bereits dabei ist, den Südpass freizuräumen und nach Kyralia einzudringen, während wir in den Ödländern auf ihn warten?“

„Das sollten wir nicht ausschließen“, stimmte Akkarin zu. „Demnach zu urteilen, was Savara mir berichtet hat, plant er die Ichani, die ihm unbequem sind, auf irgendeine Weise loszuwerden. Interessanterweise befinden sich diese bis auf einige wenige Ausnahmen in Savaras Gruppe.“

König Merin runzelte die Stirn. „Was hätte er davon, wenn sie erfolgreich den Südpass überqueren, während er dem Rest der Gilde am Nordpass begegnet?“

„Er könnte sie liquidieren oder erneut in Ungnade fallenlassen, weil sie sich ohne seine Erlaubnis Land angeeignet haben“, antwortete Dannyl. „Ich habe diesen Mann persönlich kennengelernt, Euer Majestät. Eine solche Handlung wäre ihm zuzutrauen.“

„Oder er lässt sie von seinen eigenen Leuten exekutieren, kurz bevor sie den Südpass erreichen“, murmelte Akkarin. „Dann müsste er jedoch sicher sein, uns mit den übrigen besiegen zu können, was ich mir jedoch nicht vorstellen kann, da er fürchtet, die Gilde hätte inzwischen all ihre Magier in schwarzer Magier unterwiesen. Das alles erscheint mir zu einfach.“

„Das ist wahr“, brummte Balkan und auch die übrigen Krieger verfielen in brütendes Schweigen.

„Wir können nur auf das reagieren, was wir wissen“, sagte Lady Vinara schließlich. „Jetzt, wo unsere einzige Spionin nicht mehr mit Marika reist, ist das alles, was wir tun können. Alles andere wäre Spekulation.“

Der Zelteingang öffnete sich und Garrel kehrte mit einem jungen Krieger zurück. Als er den König erblickte, beugte er das Knie. Dannyl hörte, wie Sonea scharf die Luft einsog.

„Erhebt Euch“, sprach der König. „Ihr seid?“

„Lord Kayan.“ Der Mann erhob sich und begegnete Merins Blick offen. „Ich habe gehört, Ihr sucht einen Mann für eine Mission, die man besser allein erledigen sollte.“

„So ist es.“ Merin musterte den jungen Mann aufmerksam. „Was hat Euch bewogen, diese Mission auszuführen?“

„Gerechtigkeit.“ Für einen kurzen Moment blitzten Kayans Augen zu Akkarin. „Und Loyalität gegenüber der Gilde und meinem König.“

Der König schwieg eine Weile. „Nun gut“, sagte er dann. „Lord Akkarin, Sonea, weist Lord Kayan in die Details seines Auftrags ein und gebt ihm die nötige Ausrüstung. Zu unserer aller Sicherheit behaltet die Details für Euch.“

„Ja, Euer Majestät.“

Akkarin und Sonea erhoben sich. Gemeinsam mit Lord Kayan verließen sie den Raum.


***


Sonea beobachtete, wie Akkarin die Kiste mit den wilden Speichersteinen öffnete. Er nahm drei verschieden große Kristalle heraus und musterte sie schweigend. Die Entscheidung der höheren Magier, den Zugang zum Südpass zu zerstören, gefiel ihr nicht. Erst jetzt wurde ihr die ganze Bedeutung dessen bewusst. Sie dachte an das kleine Tal mit dem Wasserfall, das sie während ihrer Verbannung durchwandert hatten. Eine Vielzahl schöner Erinnerungen war damit verbunden. Es war nur einen halben Tagesmarsch vom Pass entfernt. Wenn diese Mission erfolgreich war, würde dieser für sie so bedeutungsvolle Ort vielleicht nicht mehr existieren.

Ich werde dich nicht verlassen, hatte sie Akkarin damals dort geschworen. Sie hatte sich geweigert, ihn alleine gegen die Ichani antreten zu lassen. Denn spätestens an jenem Tag war ihr endgültig klar gewesen, dass sie keinen Augenblick ihres Lebens mehr ohne ihn sein wollte.

Würde das Tal zerstört, dann wäre das, als hätte sie diesen Schwur niemals gesprochen. Es fühlte sich an wie der Anfang vom Ende ihrer gemeinsamen Zeit.

Sonea unterdrückte ein Seufzen, wohl wissend, dass es nichts gab, das die gegen diese Entscheidung ausrichten konnte.

„Dieser sollte genügen“, murmelte Akkarin und legte die beiden größeren Steine zurück in die Schachtel. „Schließlich wollen wir nicht sämtliche Berge in der Umgebung dem Erdboden gleichmachen.“

Er erhob sich und wandte sich zu Sonea. „Möchtest den Kristall aufladen?“

Sie schüttelte den Kopf. Sie wollte weder, dass ihre Magie für die Zerstörung eines Ortes, der mit schönen Erinnerungen verbunden war, genutzt wurde, noch dass Kayan dadurch den Tod fand.

Akkarin runzelte die Stirn. „Wie du willst. Dann werde ich es tun.“

Seine Augen verengten sich und der Kristall in seiner Hand begann zu glühen. Nachdem Akkarins Blick seinen Fokus zurückerlangt hatte, ließ das Leuchten allmählich nach, bis der Stein nur noch schwach im Dämmerlicht ihres Zeltes schimmerte.

„Sonea“, sagte Akkarin sanft. „Im Krieg muss man Opfer bringen. Wäre es dir lieber, es würden Tausende sterben, weil die Sachakaner über den Südpass kommen?“

Sonea schüttelte den Kopf.

„Dann wirst du es akzeptieren.“

„Ja, Lord Akkarin“, sagte sie leise, eingeschüchtert ob der Härte in seiner Stimme.

Akkarins Blick glitt zum Eingang. „Komm“, sagte er ein wenig sanfter. „Kayan ist da.“

Sonea folgte ihm nach draußen, wo der junge Krieger wartete. Seine Miene drückte Gefasstheit und Entschlossenheit aus. In einer Hand hielt er die Zügel eines fertig gesattelten Pferdes. Hinter dem Sattel war ein Sack mit Gepäck und Proviant befestigt.

„Seid Ihr bereit?“, fragte Akkarin.

Kayan nickte nur.

„Kayan, Ihr müsst das nicht machen“, sagte Sonea. „Es gibt sicher noch andere Freiwillige …“

„Sonea.“ Der junge Krieger lächelte schwach. „Ich muss das tun. Für Darren.“

„Ich verstehe“, flüsterte sie. Das war etwas, das sie ihm nicht ausreden konnte. Sie würde dasselbe tun, würde sie Akkarin verlieren. Aber Sonea ahnte, das war nicht der einzige Grund. Vorhin in Merins Zelt hatte Kayan von Loyalität gesprochen und sie war sicher, er hatte damit vor allem sie und Akkarin gemeint.

Sie erschauderte. Darren und Kayan waren von Anfang an bereit gewesen, für sie und Akkarin zu sterben. Aber sie wollte nicht, dass auch nur irgendjemand für sie starb.

„Lord Kayan, verwendet dieses Blutjuwel nur, um mit mir Kontakt aufzunehmen, sobald die Sachakaner sich dem Südpass nähern.“ Akkarin reichte dem Krieger einen kleinen roten Stein. „Oder falls Ihr etwas anderes wichtiges zu berichten habt.“

Kayan nahm das Blutjuwel entgegen und betrachtete es. „Ich bin mit dem Prinzip vertraut. Während meiner Patrouillen entlang der Grenze hatte ich eines. Ich habe es jedoch nie benutzt.“

„Alles, was Ihr tun müsst, ist Eure Gedanken auf das Juwel zu projizieren, um per Gedankenrede mit Lord Akkarin zu kommunizieren“, erklärte Sonea.

Der Krieger nickte erneut. Dann erklärte Akkarin ihm, wie er den Speicherstein einsetzen musste, um die Schlucht zu sprengen. „Die Wirkung ist effektiver, wenn er zerstört wird. Seine spezielle Zusammensetzung wird die Zerstörungskraft verstärken. Die Magie kontrolliert abzugeben ist unmöglich. Solltet Ihr es dennoch versuchen, so wird der Stein in Eurer Hand explodieren und Ihr mit ihm.“

Kayan erschauderte. „Dann sollte ich diese Option vermeiden.“

„Das wäre zu empfehlen.“

„Am besten, Ihr werft den Stein in die Schlucht, sobald die Sachakaner darin sind, und zerstört ihn“, riet Sonea. „Danach solltet Ihr Euch so schnell wie möglich zurückziehen.“

„Ich verstehe.“

„Das ist jedoch keine Garantie, dass Ihr die Explosion unbeschadet übersteht“, fügte Akkarin hinzu. „Wir hatten keine Gelegenheit, die Speichersteine ausreichenden Tests zu unterziehen. Ihre Zerstörungskraft einzuschätzen, beruht fast ausschließlich auf Spekulation.“

Der junge Krieger nickte gefasst. „Ich verstehe“, wiederholte er.

- Wir sollten ihm zeigen, wie er die Magie in sich speichern kann, sandte Sonea.

- Nein.

- Aber es wäre doch nicht wirklich schwarze Magie.

- Das Wissen, wie man Magie in sich speichert, zu teilen, ist bereits gefährlich genug.

- Wir sprechen hier von Kayan. Du hast selbst gesagt, dass er uns gegenüber loyal ist. Wir könnten ihn zumindest fragen, bevor wir ihn in den Tod schicken.

Akkarin seufzte. „Lord Kayan, ich fürchte Sonea wird keine Ruhe geben, bevor ich Euch nicht gefragt habe, ob Ihr lernen wollt, die Magie des Kristalls in Euch selbst zu speichern, sollte etwas nicht nach Plan verlaufen.“ Mit einem vielsagenden Blick zu Sonea fügte er hinzu: „Meine Frau ist sehr um Eure Sicherheit besorgt.“

- Und ungehorsam.

- Das hast du gesagt.

- Aber du hast es gedacht.

Bevor Akkarin etwas darauf erwidern konnte, sprach Kayan: „Ich weiß dieses Angebot zu schätzen, Sonea. Doch das ist kein Wissen, mit dem ich mich belasten möchte.“

Sonea öffnete protestierend den Mund, doch Akkarin legte eine Hand auf ihren Arm.

„Nicht“, murmelte er.

„Sonea, ich weiß, was ich tue“, versicherte Kayan. Sein Lächeln wirkte indes gezwungen.

„Bleibt wenigstens noch heute Nacht hier“, sagte Sonea. „Die Sachakaner werden den Südpass erst ein paar Tage nach Euch erreichen.“

Er schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht. Außerdem, was macht es jetzt noch für einen Unterschied, ob ich schlafe oder nicht?“ Er streckte eine Hand aus und klopfte Sonea auf die Schulter. „Lebt wohl und viel Glück.“

Dann stieg er auf sein Pferd und ritt davon.

Sonea starrte ihm nach, unfähig zu begreifen, dass sie den jungen, fröhlichen Krieger niemals wiedersehen würde. Sie spürte kaum, wie Akkarin sie in seine Arme zog, da die Tränen nicht mehr aufzuhalten waren.


***


„Werden sie mir auch ganz bestimmt nix tun?“, fragte Nenia und blickte Cery furchterfüllt an.

Cery schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln. „Sie sind Magier, aber es sind Heiler“, antwortete er. „Sie haben ’nen Eid geschworen, anderen zu helfen. Das Schlimmste, was passieren könnte, ist dass sie dir nicht helfen können.“

Nenia rang sich ein schiefes Lächeln ab. „Dann kann’s ja nicht schlimmer werden.“

„Nein, das kann’s nicht.“

Cery betrachtete seine kleine Gefälligkeit. Sie war blass und unter ihren Augen lagen dunkle Schatten. Die letzten Nächte hatte sie sich andauernd übergeben. Er verstand nicht viel von schwangeren Frauen, doch genug um zu erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war. Etwas dergleichen hatte Sonea auch gesagt, als sie Nenia eine Woche zuvor untersucht hatte. Sie hatte sich jedoch geweigert, die junge Frau zu behandeln, weil sie das dazu nötige Wissen noch nicht gelernt hatte. Stattdessen hatte sie Cery eingeschärft, mit Nenia ins Krankenhaus im Äußeren Ring zu gehen. An diesem Morgen hatte Nenia endlich eingewilligt, jedoch wollte sie sich nur von den Heilern untersuchen lassen, sollte es ihr zu schlecht gehen.

Cery nahm ihre Hand und führte sie zum Eingang des zweistöckigen Gebäudes. An diesem Tag war er zum ersten Mal hier. Er hatte nicht die geringste Ahnung, wie er am schnellsten an einen Heiler kommen sollte.

Drinnen fand er sich in einer Empfangshalle, ähnlich der in seinem Wachhaus wieder. Ein paar erbärmlich aussehende Leute saßen auf Stühlen und warteten darauf, dass sie behandelt wurden. Ein älterer Mann hatte eitrige Blasen im Gesicht; eine Frau, die von ihrem Mann begleitet wurde, stöhnte im Fieberdelirium und eine andere Frau versuchte drei kleine Kinder zu bändigen, die allesamt einen ungesund klingenden Husten hatten.

Wenn man noch nicht krank ist, dann wird man es hier, dachte Cery und nahm sich vor, sich mit Nenia möglichst weit fort von den anderen zu setzen.

Hinter einem Schreibtisch saß ein Magier in grünen Roben. Seine Uniform glattstreichend steuerte Cery auf ihn zu.

„Guten Tag, Mylord“, grüßte er höflich und verneigte sich. „Mein Name ist Captain Ceryni. Das hier ist meine Frau Nenia. Sie ist schwanger und glaubt, etwas sei nicht mit ihr oder dem Baby in Ordnung.“

Der Heiler betrachtete Nenia. „Welche Symptome habt Ihr?“

Nenia runzelte die Stirn. „Was?“

„Warum glaubt Ihr, dass etwas nicht stimmt?“

„Ich muss dauernd kotzen“, antwortete Nenia. „Ich weiß, das gehört dazu. Ich kotz’ schon seit Monaten, aber seit zwei Tagen mach’ ich nix anderes.“

Der Heiler hob eine Augenbraue. „Als sich zu übergeben?“

Sie nickte.

„Könnt Ihr das Baby noch spüren?“

„Ja, Mylord.“

„Wie fühlt Ihr Euch sonst?“

Sie hob die Schultern. „Ich bin dauernd müde.“

„Habt Ihr Appetit?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Habt Ihr Blutungen?“

„Manchmal.“

Cery warf ihr einen überraschten Seitenblick zu. Das war ihm neu.

„In welchem Monat seid Ihr?“

Nenia runzelte die Stirn und ihre Lippen bewegten sich lautlos. „Im sechsten, glaub’ ich.“

„Hm.“ Der Heiler schürzte die Lippen. „Ich sehe nach, ob einer meiner Kollegen Zeit hat. Wir arbeiten hier momentan mit Unterbesetzung.“

Er erhob sich und verschwand in einem Flur. Cery begann sich unbehaglich zu fühlen. Er bezweifelte, diese Sonderbehandlung geschah nur auf Grund seiner Uniform. Als Dieb war er geübt darin, die Gefühle und Stimmungen anderer zu erkennen, und er glaubte, so etwas wie Besorgnis in der Miene des Heilers gesehen zu haben.

Wenig später kehrte der Magier zurück. „Bitte folgt mir.“

Cery und Nenia folgten ihm den Flur entlang. Der Heiler stieß eine Tür auf und bedeutete ihnen, einzutreten.

„Lady Besla hat gleich Zeit“, sagte er. Er wies auf eine Liege. „Legt Euch dort hin, Nenia.“

„Danke, Mylord“, erwiderte sie, seiner Aufforderung nachkommend.

Der Heiler nickte kurz und verließ den Raum.

Cery trat neben seine kleine Gefälligkeit und nahm ihre Hand. Nenia schloss die Augen und atmete tief durch.

„Gleich wird’s dir bessergehen“, sagte er und strich über ihre Stirn.

Mit einem gequälten Lächeln drückte sie seine Hand.

Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür. Eine Heilerin mittleren Alters, die ihre Haare zu einem strengen Knoten im Nacken trug, trat ein.

„Lady Besla, nehme ich an?“, fragte Cery und verneigte sich.

„Die bin ich.“ Die Stimme der Heilerin klang schroff und geschäftsmäßig. „Captain …?“

„Ceryni“, erwiderte Cery. „Und das ist meine Frau Nenia.“

Die Heilerin warf einen Blick zu Nenia und trat neben die Liege. „Damit ich Euch untersuchen kann, müsst Ihr Euren Bauch freimachen“, erklärte sie.

Mit zittrigen Fingern begann Nenia, ihr Kleid aufzuknöpfen, Cery kam ihr dabei zur Hilfe.

„Das genügt“, erklärte Lady Besla, nachdem die Wölbung von Nenias Bauch entblößt war. Sie legte eine Hand auf die freie Haut und schloss die Augen, wobei ihre harschen Züge erstaunlich sanft wurden.

Als sie die Augen wieder öffnete, war ihre Miene sehr ernst. „Captain Ceryni, es steht nicht gut um das Baby Eurer Frau“, teilte sie ihm mit. „Weil sie keine Nahrung drin behalten kann, wird das Baby nicht ausreichend versorgt. Ich kann die Übelkeit heilen, doch sie wird in ein paar Stunden zurückkehren. Eure Frau braucht sehr viel Ruhe und eine spezielle Kost.“

„Aber, wenn sie in ein paar Stunden wieder kotzt, wird sie wieder nicht essen können“, wandte Cery ein. „Soll ich sie dann zurückbringen?“

„Meine Empfehlung wäre es, Nenia hierzubehalten“, antwortete Lady Besla. „Noch besser wäre es, sie in die Gilde zu bringen. Wir sind hier pro Schicht nur zu zweit. In der Gilde sind mehr Heiler, die ihr helfen können, sollte eine Verschlechterung ihrer Situation eintreten.“

„Was?“, entfuhr es Nenia. Sie stützte sich auf die Unterarme und starrte die Heilerin entsetzt an. „Ich will nicht in die Gilde.“ Ihr Gesichtsausdruck veränderte sich und sie presste eine Hand vor den Mund.

Lady Besla griff nach einer Schüssel und hielt sie ihr hin. „Junge Frau“, sagte sie streng, während Nenia sich in die Schüssel erbrach. „Wenn Ihr Euer Kind behalten wollt, dann solltet Ihr das wollen.“

Nenia machte ein Gesicht, als wäre sie gescholten worden. Für einen langen Moment schloss sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah Cery Tränen darin schimmern.

„Cery, wirst du mit mir kommen?“

„Ich werde dich dort hinbringen und jeden Tag besuchen“, versprach Cery. „Aber ich glaube nicht, dass die Magier mich dort wohnen lassen.“ Außerdem hatte er eine Arbeit, der er nachkommen musste.

„Das werden sie auf keinen Fall“, stimmte Lady Besla zu.

„Dann bring mich in die Gilde“, sagte Nenia leise. „Ich will unser Baby nicht verlieren.“

Ihr Anblick zerriss Cery das Herz. „Dann komm“, sagte er. Er wollte eine Hand nach ihr ausstrecken und ihr aufhelfen, doch Lady Besla bekam seinen Ärmel zu fassen.

„Eure Frau wird nirgendwo mehr hingehen. Wenn meine Schicht zu Ende ist, kommt eine Kutsche, in der ich sie mitnehmen werde. Ihr tätet besser daran, nach Hause zu gehen und ihr ein paar Nachthemden einzupacken und was immer Ihr denkt, was sie dort benötigen könnte. Ein paar persönliche Gegenstände, meinetwegen auch. Sie soll sich wohl fühlen.“

Cery konnte nur nicken. Er hatte gehofft, ein Besuch im Krankenhaus würde genügen, damit es Nenia und ihrem Baby besserging. Doch er musste erkennen, dass auch die Heiler nicht gegen alles ein Mittel hatten. Sie in die Gilde zu bringen, war vermutlich das Beste, das sie jetzt tun konnten.

Er versuchte, möglichst unbesorgt zu wirken, als er sich zu Nenia wandte.

„Ich bin gleich wieder zurück“, sagte er und küsste sie sanft auf die Stirn. „Tu solange, was Lady Besla dir sagt und bleib ruhig liegen.“

Als sie ihn ansah, wurde sein Herz schwer. „Beeil dich“, flüsterte sie.


***


Während des gesamten Morgens war die Straße beständig angestiegen und hatte sich höher und höher in die Berge gewunden. Die Luft wurde mit jeder Anhöhe, die sie erklommen, kühler, doch in windgeschützten Ecken wärmten die Strahlen der Sonne noch immer.

Zum zweiten Mal in ihrem Leben betrachtete Sonea die Berge mit einer Mischung aus Staunen und Ehrfurcht. Im Unterricht hatte sie gelernt, dass manche von ihnen mehrere tausend Fuß in den Himmel ragten. Die höchsten Berge ragten bis zu drei Meilen in den Himmel.

Eine Meile unterhalb des Nordpasses waren sie von der Straße in ein kleines Tal abgebogen, durch das ein eisiger Wildbach toste. Auf einer Lichtung, die sich am Bach entlangzog, hatte die Gilde ihr Lager aufgeschlagen. Weil der Platz knapp war, wurden Pferde und Karren unter den Bäumen untergebracht. Doch auch einige Diener und Novizen zogen es vor, ihre Zelte in dem Wäldchen aufzustellen.

Das Absatteln der Pferde und das Aufbauen ihres Zeltes waren für Sonea Routine geworden. Es machte ihr nichts aus, eine Arbeit zu verrichten, die normalerweise von Dienern erledigt wurde. Sie hatten Takan jedoch in Imardin zurückgelassen, weil Akkarin nicht wollte, dass er jemals wieder einen Fuß nach Sachaka setzte. Tatsächlich hatte er seinen Diener nur unter Androhung von Strafe davon abhalten können, sie zu begleiten.

Sich zu zweit ein Zelt zu teilen, war ein Luxus. Nur wenige Magier kamen in diesen Genuss, darunter hauptsächlich Ehepaare und höhere Magier. Lord Garrel und Lord Vorel teilten sich ein Zelt, während Balkan seines mit Dannyl teilte. Lady Vinara hatte ein Zelt für sich, da sie unter den höheren Magiern die einzige Frau und unverheiratet war – und selbstverständlich der König.

Nachdem das Zelt nicht unweit des Bachs aufgebaut war, breitete Sonea die Decken auf dem Boden aus, um so etwas wie ein Bett herzurichten. Zwei Kissen, die sie mitgenommen hatten, ordnete sie zum darauf Sitzen in der Mitte des Zeltes an.

Als der Stoff, der den Eingang verdeckte, raschelte, hob sie den Kopf. Akkarin bückte sich durch die Öffnung und ging neben ihr in die Hocke. Sie lächelte unwillkürlich. Während sie in der Mitte des Zeltes aufrecht stehen konnte, konnte er sich nur gebückt darin bewegen.

Sonea warf einen Blick auf die Säcke mit ihrem Gepäck, die er von ihren Pferden mitgebracht hatte.

„Du weißt, was wir jetzt tun werden?“, fragte er.

Sie nickte. Sie hatten das Aufladen der Speichersteine bewusst bis jetzt hinausgezögert. Sollten die Kristalle unterwegs beschädigt werden, so sollte es nicht auf kyralischem Gebiet geschehen. Am nächsten Tag würden sie den Pass überqueren. Und das wollten sie nur mit aufgeladenen Speichersteinen riskieren.

Sonea öffnete den ersten Sack. Sie ertastete mehrere kleine, stabile Holzkisten und öffnete die erste. Darin befanden sich zwanzig weißliche Kristalle in zwei Lagen, eingewickelt in Stoff, um eventuelle Stöße zu dämpfen. Die Speichersteine für die Gruppen. Auch sie und Akkarin würden Speichersteine bei sich tragen, um die ihnen zur Verfügung stehende Magie nicht komplett in sich selbst zu speichern.

„Wir werden erst diese mit gleich großen Mengen an Magie aufladen“, sagte Akkarin. „Danach laden wir einige von den wilden Speichersteinen, jedoch nur mit geringen Mengen, damit wir nicht versehentlich die Gilde auslöschen. Du kannst deine ganze Kraft aufbrauchen, was die Gilde uns in den nächsten Tagen noch geben wird, sollte ausreichen, um durchzuhalten, wenn unsere eigenen Speichersteine leer sind.“

Sie begannen die Steine aufzuladen. Sonea verspürte eine ungeahnte Erleichterung, als sie sich ihrer Magie wieder entledigen konnte. Für eine Woche war sie stärker gewesen, als sie je für möglich gehalten hatte. Jedoch hatte sie sich damit nicht besonders wohl gefühlt.

Nachdem die Speichersteine aufgeladen waren, widmeten sie sich den verunreinigten Kristallen. Sonea hoffte, dass sie von diesen keinen Gebrauch machen mussten. Alle höheren Magier würden einen für den Notfall erhalten.

Als sie die Kristalle wieder sicher in ihren Kisten verstaut und diese mit einem magischen Schloss belegt hatten, öffnete Akkarin eine andere Kiste, die voll mit Glassplitter war. Eine zweite enthielt einen Klumpen Silber.

„Ich mache die Juwelen, du die Ringe“, sagte er.

Akkarin bereitete ein Tuch vor sich aus. Dann nahm er seinen Dolch und zog ihn über seine Handfläche. Obwohl Sonea ihn dabei schon oft beobachtet hatte, war sie immer wieder beeindruckt, weil er dabei keine Miene verzog. Während er das Glas schmolz und mit seinem Blut imprägnierte, formte sie Ringe aus Silber für die Anführer der Gruppen und den König und fügte die fertigen Steine ein.

Nachdem sie fertig war, betrachtete Akkarin ihre Arbeit. „Ein Juwelier könnte dich als ernstzunehmende Konkurrenz betrachten“, bemerkte er.

„Ist das gut oder schlecht?“

Akkarin zog einen kleinen Lederbeutel aus seiner Robe und verstaute die Blutringe darin. „Ich denke, es schadet nicht, wenn sie wie echte Schmuckstücke aussehen.“

Sonea lächelte und streckte sich auf den Decken aus. „Dann ist die Arbeit für heute erledigt.“

Akkarin musterte sie missbilligend. „Ich kann mich nicht erinnern, dir erlaubt zu haben, zu faulenzen.“

„Und was soll ich stattdessen tun? Draußen ist kein Platz für einen Übungskampf.“

„Ah, aber hier drin ist genug Platz, um die Theorie zu üben.“ Akkarin griff in den anderen Sack und zog ein flaches, großes Kästchen heraus, das Sonea nur allzu bekannt war. „Gewinnst du die erste Runde, gebe ich dir für den Rest des Tages frei. Verlierst du, lasse ich dich gehen, wann ich es für angemessen halte.“

Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Das bedeutete soviel, wie für die nächsten Stunden hier drin gefangen zu sein.

Sie funkelte ihn an. „Dir ist wohl entgangen, dass wir nicht mehr in der Universität sind.“

„Sonea“, sagte er streng. „Auch außerhalb der Universität bist du meine Novizin und das wirst du bleiben, bis du deinen Abschluss machst. Wenn ich entscheide, dir Unterricht zu erteilen, erwarte ich, dass du dich dem fügst.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte Sonea und setzte sich widerwillig auf. Er brauchte sie nicht daran zu erinnern. Es ärgerte sie nur, weil sie wahrscheinlich die einzige Novizin war, die auf dieser Reise so etwas wie Unterricht erhielt.

Akkarin hatte bereits begonnen, das Spielfeld aufzubauen. Von oben betrachtet, erinnerte es Sonea irgendwie an ein vieldiskutiertes Stück Land auf der Karte von Sachaka.

„Und was genau spielen wir?“

Akkarins dunkle Augen blitzten, als er vom Spielfeld aufsah. „Sachakaner gegen Gildenmagier.“

Sonea grinste. „Also wenn das nicht eine gute Alternative zum Faulenzen ist!“


***


Als das Lager zwischen den Bäumen in Sicht kam, zügelte Dorrien sein Pferd. Selbst von der Straße aus war die dichtgedrängte Ansammlung von Zelten in dem kleinen Tal unterhalb des Forts nicht zu übersehen. Bei seinem Anblick verspürte er Erleichterung, aber auch dunkle Vorahnung. Ersteres, weil er tagelang, nur von kurzen Pausen unterbrochen, durch die Berge geritten war, und Letzteres, weil es nun kein Zurück mehr gab.

Er bog von der Straße ab und ritt unter einem Dach kahler Baumkronen hindurch. Kurz bevor er auf die ersten Karren stieß, saß er ab und ging sein Pferd am Halfter nehmend, zu Fuß weiter. Die Strahlen der Abendsonne zeichneten ein friedliches Bild von der Zeltstadt, doch Dorrien konnte spüren, dass dies nur die Ruhe vor dem Sturm war. Auf einem kleinen Übungsplatz vertrieben sich einige Krieger die Zeit mit Fechten. Ein paar Novizen lümmelten sich in der Nähe und sahen ehrfürchtig zu.

Als ihm ein junger Heiler entgegen kam, hielt Dorrien ihn an.

„Könnt Ihr mir sagen, wo ich Lady Vinara finde?“

„Sie kampiert am anderen Ende des Lagers bei den höheren Magiern“, antwortete der Heiler und wies einen rauschenden Bach entlang, der von irgendwo weiter oben im Gebirge durch das Tal schoss. „Es ist das mit dem grünen Incal.“

Dorrien bedankte sich und führte sein Pferd durch das Labyrinth von Zelten. Als er sich umblickte, fiel ihm auf, dass alle Zelte das Incal der Gilde in der Farbe einer der drei Disziplinen trugen. Vor einer Gruppe von sechs Zelten, die ein Stück abseits standen, blieb er stehen. Die beiden Zelte in der Mitte waren mit dem Mullook, dem Incal des Königs bemalt.

Er kommt also auch mit, fuhr es Dorrien durch den Kopf. Er verspürte eine unwillkürliche Bewunderung für seinen König, weil er die Gilde so verwegen in diesen Krieg führte, obwohl er kein Magier war und sich nicht schützen konnte.

Dorrien betrachtete die benachbarten Zelte. Die beiden rechts von Merins trugen ein rotes Incal, während das Dach des zweiten von links mit einem grünen Incal versehen war.

Er wollte darauf zugehen, doch dann stockte ihm der Atem, als aus dem Zelt daneben zwei Magier in schwarzen Roben traten, der eine groß und hager, die andere unverhältnismäßig klein.

Akkarin und Sonea.

Und dann sah er das schwarze Incal auf der Zeltwand. Dorrien hatte nicht daran gedacht, sie bei den höheren Magiern zu finden, doch Akkarin war nach der Ergreifung des sachakanischen Spions zum Leiter der schwarzmagischen Studien ernannt worden. Zu seinem Entsetzen trugen beide Magier einen dieser sachakanischen Dolche an ihrer Hüfte. Die Juwelen auf dem Schaft glitzerten in der Abendsonne.

Sonea lachte über etwas, das Akkarin offenkundig zu ihr gesagt hatte. Dann wandte sie sich ab, um ihre Haare zu ordnen, die sie inzwischen so trug, wie verheiratete Frauen aus den Häusern sie zu tragen pflegten, was ihr überraschend gut stand. Akkarin bekam jedoch ihre Hand zu fassen und zog sie zu sich, um sie zu küssen. Sie schlang die Arme um ihn und gab sich ganz seinem Kuss hin.

Bei diesem Anblick zog sich etwas in Dorriens Brust schmerzvoll zusammen. Plötzlich erkannte er, dass er gar nicht darüber nachgedacht hatte, wie er sich verhalten sollte, wenn er ihnen begegnete, obwohl er die ganze Zeit über gewusst hatte, dass er sie hier antreffen würde.

Ich liebe dich. Ich schenke dir all meine Liebe. Für immer.

Dorrien schüttelte den Kopf. Nein, die beiden teilten mit Sicherheit schon viel länger das Bett. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Akkarin bis zur Hochzeitsnacht gewartet hatte, er selbst hätte nicht so lange gewartet. Diese Erkenntnis sorgte dafür, dass seine Stimmung sich weiter verdüsterte.

Sonea so glücklich zu sehen, tat weh. Auch nach all der Zeit verstand Dorrien nicht, warum sie Akkarin vorzog, und er fragte sich, ob er das je akzeptieren würde.

Oh, warum muss ich ausgerechnet jetzt auf die beiden treffen?

Einen tiefen Atemzug nehmend schritt Dorrien auf die schwarzen Magier zu. Früher oder später wäre es sowieso zu einer Konfrontation gekommen – warum es noch länger hinauszögern?

Sonea, die gerade dabei war, sich von ihrem Mann zu lösen, erstarrte. Dann breitete sich ein Strahlen auf ihrem Gesicht aus.

„Dorrien!“, rief sie. „Was machst du denn hier?“

Sie eilte auf ihn zu und umarmte ihn. Es fühlte sich an, wie wenn man von einem alten Freund umarmt wird. Es war schmerzhaft, aber Dorrien versuchte ihre Nähe mit all seinen Sinnen auszukosten. Er wusste, dass dies alles war, was er von ihr bekommen würde. Ihr Duft und ihr weicher, warmer Körper an seinem zu spüren, überwältigte ihn. Es war so viel besser, als er es in Erinnerung gehabt hatte, und erweckte nicht zum ersten Mal Phantasien zum Leben, denen er sich manchmal hingab.

„Ich bin dem Ruf der Gilde gefolgt und erfülle meine Pflicht“, antwortete er, seine unanständigen Gedanken beiseiteschiebend, bevor Akkarin sie lesen konnte. „Ich bin gerade erst angekommen und wollte mich bei Lady Vinara melden. Und dann hoffe ich, dass mir anschließend ein Platz in der Armee und einer zum Schlafen zugewiesen werden.“

Sonea lächelte. „Es ist schön, dass du hier bist.“

Das Strahlen in ihren Augen ließ Dorriens Herz höher schlagen, wenn auch er wusste, dass es nicht ihm galt.

„Ist Lord Arkel mit seinen Leuten schon vom Südpass gekommen?“, fragte er.

„Sie waren bereits hier, als wir kamen.“

„Wann geht es weiter?“

„Wir brechen morgen früh auf“, antwortete Sonea. „Im Morgengrauen. Wir erwarten heute Abend noch eine Gruppe aus Elyne.“

Inzwischen war auch Akkarin näher gekommen. Es bedurfte keiner demonstrativer Gesten, alles an seiner Ausstrahlung machte Dorrien auf der Stelle bewusst, dass er keinen Anspruch auf Sonea hatte.

„Guten Abend, Lord Dorrien“, grüßte er und Dorrien erwiderte seinen Gruß mit einem Nicken. „Wie war Eure Reise?“

„Unbeschwerlich und ohne Zwischenfälle.“ Dorrien nickte zu dem Zelt mit dem grünen Incal. „Ist Lady Vinara da?“

„Sie ist vor etwa einer Stunde zu den Zelten der Heiler gegangen. Ihr solltet sie dort suchen oder zu Balkan gehen.“ Akkarin wies auf das Zelt rechts neben dem des Königs.

„Dann sollte ich das hinter mich bringen, denn umso eher kann ich mich von meiner Reise erholen“, sagte Dorrien. „Wenn Ihr mich nun entschuldigt.“ Er wollte gehen, doch dann fiel ihm noch etwas ein. „Übrigens: meine besten Glückwünsche zur Hochzeit. Ich war an jenem Tag leider verhindert.“

Eine peinliche Stille entstand, in der niemand etwas zu sagen wusste. Dorrien ahnte, beide kannten den wahren Grund, warum er nicht gekommen war.

„Danke“, sagten Sonea und Akkarin gleichzeitig. Während Sonea lächelte, bedachte Akkarin ihn mit einem Blick, unter dem Dorrien sich zutiefst unbehaglich zu fühlen begann.

„Lord Dorrien, da ist etwas, das Ihr vielleicht wissen wollt“, sagte der schwarze Magier plötzlich ernst.

Dorrien runzelte die Stirn. „Was?“

„Als wir bei Calia waren, erfuhren wir, dass ein Teil der sachakanischen Armee auf dem Weg zum Südpass ist. Lord Kayan ist bereits dorthin unterwegs, um eine Schlucht unterhalb des Passes auf der sachakanischen Seite zu zerstören. Es tut mir leid, ich weiß, er ist Euer Freund.“

Dorrien war sprachlos. Sachakaner auf dem Weg zum Südpass und Kayan wollte sie aufhalten? Das konnte nur ein schlechter Scherz sein.

„Wie konntet Ihr das zulassen?“, verlangte er zu wissen.

„Lord Kayan hat sich freiwillig für diese Mission gemeldet“, antwortete Akkarin ruhig.

Dorrien starrte ihn an.

„Dorrien, er muss das tun.“ Sonea legte eine Hand auf seinen Arm. „Für Darren.“

„Wenn die Sachakaner ihn erwischen, wird er sterben“, brachte Dorrien hervor.

„Wenn sie ihn nicht erwischen, wird er ebenfalls sterben“, sagte sie sanft. „Ein gewöhnlicher Magier kann die Zerstörung eines Speichersteins nicht überleben.“

Allmählich dämmerte Dorrien, was das zu bedeuten hatte. Innerhalb eines halben Jahres würde er damit gleich zwei seiner engsten und ältesten Freunde verloren haben. Und von keinem hatte er sich verabschieden können.

Plötzlich setzte sein Herz einen Schlag aus.

„Die Dörfer in der Nähe des Südpasses müssen gewarnt werden“, sagte er. „Wenn die Sachakaner über den Südpass kommen …“

„Es ist unwahrscheinlich, weil sie die Explosion unvorbereitet treffen wird“, beruhigte Akkarin ihn. „Doch Kayan wird unterwegs an Eurem Dorf vorbeikommen. Er wird die Bewohner warnen.“

Dann würden immerhin seine Leute sicher sein. Wir befinden uns im Krieg, rief Dorrien sich ins Gedächtnis. Kayan hätte auch auf dem Schlachtfeld sterben können. Das Opfer seines Freundes machte ihn wütend, doch an seiner Stelle hätte er dasselbe getan.

Mit einem Seufzen schob er seine düsteren Gedanken beiseite. Er würde später noch genug Zeit zum Trauern haben. „Lady Vinara erwartet mich“, sagte er. Er lächelte Sonea zu. „Wir sehen uns sicher später, kleine Sonea.“

„Bestimmt“, erwiderte sie.

Dorrien zwinkerte ihr zu, dann wandte er sich ab und schritt zu den Zelten der Heiler.


***


Dannyl verließ das Zelt und streckte sich gähnend in der kalten Morgenluft. Das kleine Tal lag noch in tiefen Schatten, irgendwo auf der anderen Seite der Berge würde bald die Sonne aufgehen. Trotz der frühen Stunde herrschte im Lager bereits reger Betrieb. Überall bauten Magier, Novizen und Diener Zelte ab und sattelten Pferde.

Noch eine Stunde, oder höchstens zwei und ich werde wieder in Sachaka sein, dachte er.

„Guten Morgen, Dannyl!“, rief eine helle Stimme vom Bach. „Habt Ihr gut geschlafen?“

Er wandte den Kopf und erblickte Sonea, die gerade mit zwei Trinkschläuchen zurückkehrte. Sie legte sie zu ihrem Gepäck, das bereits aus dem Zelt geräumt war, und half dann ihrem Mann die Konstruktion abzubauen. Die beiden schwarzen Magier bei so gewöhnlicher Arbeit zu beobachten, war seltsam. Allerdings verrichtete jeder Magier bei diesem Unternehmen viel Arbeit dieser Art. Die Gilde konnte sich den Luxus, ihre komplette Dienerschaft mitzunehmen, nicht leisten, da sie einen Zeitplan einzuhalten hatte und bereits ihre Magier durchfüttern musste.

„Guten Morgen“, erwiderte er lächelnd und trat zu ihnen. „Allmählich gewöhne ich mich wieder daran, kein Bett zu haben.“

Sonea lachte. „Dafür ist es dann umso schöner, wenn man wieder in einem schlafen kann.“

„Botschafter Dannyl!“

Dannyl fuhr herum. Hinter den Zelten der höheren Magier befand sich ein weiteres Zelt, das noch nicht dort gewesen war, als er am vergangenen Abend zu Bett gegangen war. Es trug das Incal der Gilde und das Symbol des Königs von Elyne, den über eine Weinrebe springenden Fisch.

Eine massige Gestalt, die Dannyl zuletzt vor einer gefühlten Ewigkeit gesehen hatte, trat aus dem Zelt und winkte.

„Botschafter Errend!“ Dannyl entschuldigte sich bei Akkarin und Sonea und schritt zu Errend. „Wie war Eure Reise? Wann seid Ihr angekommen?“

„Ereignislos, wie erwartet, bis auf einen Schneesturm in den Grauen Bergen, weswegen wir uns verspätet haben“, antwortete der massige Mann. „Wir erreichten die Straße zum Nordpass nach Mitternacht. Die meisten von Euch schliefen bereits und so haben wir selbst nach einem Platz gesucht, um unsere Zelte aufzubauen.“

„Wie viele sind mit Euch gekommen?“, fragte Dannyl.

„Dreißig“, antwortete Errend. „Und noch einmal fast so viele Lonmar unter der Führung von Botschafter Vaulen.“ Er senkte seine Stimme und beugte sich zu Dannyl. „Zwei von Marends Magiern sind mit mir gekommen. Seine Majestät lässt ausrichten, dass ein Betreten elynischen Bodens durch die Sachakaner um jeden Preis zu vermeiden ist. Und er wünscht, dass seine Berater als seine Stellvertreter bei allen Entscheidungen gleichberechtigt werden.“

„Da wird König Merin sich gewiss freuen“, bemerkte Dannyl trocken. „Tut Euch den Gefallen und bringt es ihm schonend bei. Nicht unbedingt, wenn er gerade aufgestanden ist.“

Der König von Kyralia würde es nicht dulden, dass sein elynischer Nachbar ihm ins Werk pfuschte. Merin hatte das Recht, im Kriegsfall jede Maßnahme zu ergreifen, die er für nötig erachtete, um die Bedrohung abzuwenden, was das Oberkommando über die Gilde mit einschloss. Marend hingegen war weit fort und würde von den Ereignissen in Sachaka erst in mehreren Wochen erfahren. Merin würde sich seinen Wünschen jedoch beugen müssen, wenn er die Unterstützung der Elyner nicht verlieren wollte.

„Keine Sorge“, erwiderte Errend. „Das hat Zeit, bis wir auf die Sachakaner treffen. Und wenn ich richtig informiert bin, kennen wir diesen Zeitpunkt ziemlich genau.“

Die Elyner wissen von unsrem Spion, stellte Dannyl fest. Das war interessant und lieferte ihm auf Anhieb zwei Implikationen: Entweder sie hatten selbst Spione in Kyralia oder manche Gerüchte breiteten sich auf eine geheimnisvolle Art und Weise schneller aus, als es selbst mit Gedankenrede möglich war.

„Es hat sich leider etwas ergeben, dass wir das nicht mehr so genau in Erfahrung bringen können“, informierte er Errend.

Der Erste Botschafter von Elyne runzelte die Stirn. „Was ist passiert?“

„Die Sachakaner haben ihre Armee aufgeteilt. Eine kleine Gruppe wird versuchen, über den Südpass nach Kyralia einzudringen, doch wir werden ihn zerstören.“

Errends Augen weiteten sich. „Sprengen?“, brachte er hervor. „Wie das?“

„Ihr werdet schon sehen.“ Dannyl lächelte durchtrieben. „Und jetzt entschuldigt mich. Wir brechen bald auf und ich sollte mich beeilen.“

Er eilte zurück in sein Zelt, wo er den Hohen Lord gerade damit beschäftigt fand, sich zu rasieren. Das ist definitiv kein Mann, den ich fürchten muss, fuhr es Dannyl durch den Kopf. Er lachte leise in sich hinein.

„Guten Morgen, Hoher Lord“, sagte er dann und neigte respektvoll den Kopf.

Balkan sah auf. „Botschafter Dannyl“, brummte er. „Ihr seid früh aufgestanden.“

„Die Verstärkung aus Elyne ist eingetroffen“, teilte Dannyl ihm mit, während er seine Hälfte des Zeltes aufräumte. „Von Botschafter Errend habe ich einige interessante Informationen erhalten.“

„Was soll das heißen?“

„Anscheinend plant König Marend, sich in unsere Entscheidungen einzumischen.“

Balkan wusch sich das Gesicht in einer Schüssel und griff dann nach einem Handtuch. „Das werden wir noch sehen“, murmelte er, während er sich abtrocknete. „Habt Ihr den König schon informiert?“

„Botschafter Errend wollte das persönlich tun.“

„Dann möge er das tun.“

Eine halbe Stunde später hatten sie die Zelte abgebaut und folgten der Straße zum Fort. Botschafter Errend ritt zusammen mit Dannyl bei den höheren Magiern. Hin und wieder sah Dannyl sich beeindruckt um. Je höher sie stiegen, desto mehr Täler und flachere Berge breiteten sich unter ihnen aus und desto großartiger wurde die Aussicht. Dann tauchten sie in eine Wolke und es wurde so kalt, dass Dannyl einen Wärmeschild errichten musste, weil sein Reisemantel nicht mehr ausreichte, um die Kälte abzuhalten.

Zu beiden Seiten des Weges tauchten nun immer öfter weiße Flecken zwischen der spärlicher werdenden Vegetation auf. Am Straßenrand lag der Schnee zu kleinen Bergen aufgetürmt, als habe jemand sich die Mühe gemacht, ihn zur Seite zu schieben. Die Reparaturen am Fort waren im vergangenen Herbst beendet worden, weswegen die Straße geräumt worden war, um Arbeiter und Baumaterialien den Berg hinauf zu schaffen. Diese Maßnahme war für die patrouillierenden Krieger den Winter über beibehalten worden.

Als er glaubte, der Nebel könne nicht mehr dichter werden, kam der Zug vor einer Felswand zum Halten. Im Fels konnte Dannyl riesige, metallbeschlagene Tore ausmachen, die sich auf ein Zeichen des Hohen Lords hin öffneten und sie hineinließen. Für mehrere Minuten ritten sie durch einen Tunnel, der von weiteren Metalltoren unterbrochen war.

Als sie einen Seitentunnel passierten, schloss sich ihnen die Belegschaft des Forts, eine Gruppe aus etwa zehn Kriegern, an. Sie ritten durch einen weiteren Tunnel und waren plötzlich in grellem Sonnenlicht auf der anderen Seite. Mit einer Hand die Augen abschirmend erblickte Dannyl eine Wüste von zerklüfteten Bergen, zwischen denen die Straße allmählich abfiel.

Vor ihm zügelten Balkan und der König ihre Pferde. Es kam zu einem kleineren Chaos, als Novizen an die Seiten ihrer Mentoren vorrückten, wo sie von nun an bleiben würden.

„Das weckt Erinnerungen.“

Dannyl wandte sich in seinem Sattel um. Sonea sah sich mit einem Ausdruck des Entsetzens um. Sie und Akkarin mussten diesen Weg genommen haben, als die Gilde sie ein Jahr zuvor nach Sachaka verbannt hatte. Wie musste es für sie sein, wieder hier zu sein?

„Dieses Mal seid Ihr nicht allein“, sagte er zu ihr und Akkarin.

Garrels Neffe drängte sich mit wichtigtuerischer Miene an ihnen vorbei, um seinen Platz an der Seite des Oberhauptes der Krieger einzunehmen. Er nickte Dannyl und Akkarin zu und schenkte Sonea ein feixendes Grinsen, bevor er weiter ritt. Dannyl schüttelte den Kopf und fragte sich wiederholt, wie es den beiden gelungen war, Freunde zu werden.

„Lord Akkarin, Sonea!“, rief König Merin. „Zu mir.“

„Entschuldigt uns, Botschafter“, sagte Akkarin und verließ mit Sonea seinen Platz um sich zu Balkan und dem König zu gesellen.

Neben ihm kicherte Errend unvermittelt. „Dann stimmt also, was man sich in Elyne erzählt.“

Dannyl runzelte die Stirn. „Ich war eine Weile nicht mehr dort“, erinnerte er den anderen Mann. „Was erzählt man sich so?“

„Dies und das“, antwortete Errend. „Wie zum Beispiel, wer die Gilde in Wirklichkeit anführt.“
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