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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 13.119
 
Kapitel 52 – Die Reserve



König Merin stand am Fenster seines Konferenzzimmers und blickte hinaus in den Park. Während die Sträucher bereits in voller Blüte standen, zeigten die Bäume gerade ihr erstes, zaghaftes Grün. Auf dem ordentlich gestutzten Rasen blühten Frühlingsblumen in Gelb, Rot, Orange und Rosa in kleinen Beeten. Nicht weit entfernt plätscherte ein Springbrunnen munter vor sich hin.

An jedem anderen Tag hätte der König diesen Ausblick genossen. Vor Besprechungen half ihm das, seine Gedanken zu ordnen. Dieses Mal blieb die beruhigende Wirkung indes aus. Die friedliche Schönheit des Palastgartens erschien ihm mit einem Mal so unwirklich wie in einem Traum. Er konnte nur daran denken, dass das alles hier bald vielleicht nicht mehr existieren würde.

Wer hätte vor einem halben Jahr noch gedacht, dass unsere schlimmsten Befürchtungen tatsächlich eintreffen?, dachte er.

Nachdem spät am vergangenen Abend ein Bote der Gilde gemeldet hatte, dass die Armee der Sachakaner am nächsten Tag Arvice verlassen würde, hatten Merins Spione in der Hauptstadt der Sachakaner dies vor wenigen Stunden bestätigt.

Es war tatsächlich gesehen und so viel früher als erwartet.

Ein Palastdiener trat ein. „Der Hohe Lord und der ehemalige Hohe Lord sind eingetroffen“, verkündete er.

Merin runzelte die Stirn ob dieser Notation. „Sie mögen eintreten.“

Die Schritte von zwei Paar Stiefeln kamen näher. Erst als sie verstummt waren, wandte der König sich um.

„Erhebt Euch“, sagte er zu den beiden Männern, die vor ihm auf ein Knie gegangen waren.

Balkan und Akkarin erhoben sich. Der Hohe Lord wirkte grimmiger, als Merin es je bei ihm gesehen hatte. Selbst Akkarins Züge schienen noch härter und entschlossener als sonst, sofern das überhaupt möglich war.

„Nehmt Platz“, forderte Merin die beiden Männer auf. Er wies zu dem Tisch, an dem bereits seine Berater warteten. Die polierte Tischplatte war mit einer Karte Sachakas und den angrenzenden Ländern bedeckt. Darauf waren Arvice und die beiden Pässe nach Kyralia eingezeichnet, sowie der Weg, den die Sachakaner voraussichtlich nehmen würden.

Eine Stunde zuvor hatte Lord Rolden sich laut gewundert, warum Marika so viel Aufsehen erregte und mit seiner kompletten Armee von Arvice loszog, wenn er doch einen Spion unter seinen eigenen Leuten befürchtete, und hatte damit auf etwas hingewiesen, was Merin sich unbewusst selbst gefragt hatte.

„Er demonstriert seine Überlegenheit“, hatte sein militärischer Berater Captain Arin darauf geantwortet. Seine Hand hatte auf ein Gebiet in der Nähe von Arvice gedeutet, welches sich die Küste hinauf nach Norden zog. „Die meisten Sachakaner leben in dieser Region, der Rest ist weitgehend Wüste. Arvice stellt einen guten Sammelpunkt dar, wenn man zu einem der Pässe marschieren will.“

Und wenn ich anordnen würde, dass jeder Gildenmagier schwarze Magie zu erlernen hat, würde das am Ergebnis nicht viel ändern, dachte Merin jetzt. Denn die Menge an Magie, die die Gilde zur Verfügung hatte, würde sich dadurch nicht mehr ändern.

Ein Seufzen unterdrückend richtete er seine Aufmerksamkeit auf die beiden Männer, deren Roben so unterschiedlich waren wie Tag und Nacht. „Ich habe Euch in dieser finsteren Stunde gerufen, weil ich Euren Rat brauche“, begann er, während er längs zum Kopfende des Tisches ab und ab schritt. „Eigentlich hätte all das noch Zeit gehabt. Jetzt brauche ich jedoch eine Entscheidung, bevor die Gilde zum Nordpass aufbricht. Da ich entschieden habe, an diesem Feldzug teilzunehmen, müssen diese Angelegenheiten möglichst heute geregelt werden. Während meiner Abwesenheit wird mein Vetter Ilorin die Regierungsgeschäfte mit der Unterstützung von Lord Mirken leiten.“

Lord Rolden schnappte entsetzt nach Luft. „Euer Majestät, bei allem Respekt. Wenn Ihr in den Krieg zieht, dann wird das Euer Tod sein! Im Gegensatz zu König Marika seid Ihr kein Magier!“

Das weiß ich auch, dachte Merin unwirsch. Er unterdrückte das Verlangen, seinen Berater für seine Respektlosigkeit zurechtzuweisen. Immerhin war Rolden nur um seine Sicherheit besorgt.

„Ich bin kein Feigling“, sagte er hart. „Kyralia ist mein Land. Ich werde nicht tatenlos zusehen, wie die Sachakaner es dem Erdboden gleichmachen, die Bewohner abschlachten und versklaven und unsere Kultur zerstören. Wie stehen wir denn dann vor ihnen da? Zudem werde ich von meinem Recht Gebrauch machen, in Zeiten des Krieges den Oberbefehl über die Gilde zu übernehmen und jede erforderliche Maßnahme zu ergreifen, um die Bedrohung aus Sachaka abzuwenden. Ich bin weder ein Krieger, noch ein Stratege, weswegen ich mich bei meinen Entscheidungen an Eure Ansichten halten werde“, er sah zu Akkarin und Balkan. „Ich bedaure, diesen Schritt tun zu müssen. Doch wir werden rasche Entscheidungen brauchen.“

„Das verstehe ich, Euer Majestät“, sagte Balkan. Entgegen seinen Worten war er offenkundig nicht begeistert von dieser Vorstellung. Merin konnte das nur allzu gut nachvollziehen. Balkan war eine gute Führungspersönlichkeit. Doch auf Grund seiner unfreiwilligen Konkurrenz fiel es ihm schwer, sich durchzusetzen.

Merins Blick fiel auf den schwarzen Magier. Akkarin hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt und dem Gespräch mit regloser Miene gelauscht.

„Lord Akkarin, wie denkt Ihr darüber?“

„Ich begrüße Eure Entscheidung“, antwortete der schwarze Magier. „In den nächsten Wochen werden wir uns keine langwierigen Diskussionen leisten können.“

Merin verkniff sich ein Lächeln. Tatsächlich hatte er mit keiner anderen Antwort gerechnet. Er zog den Stuhl am Kopfende des Tisches zu sich und setzte sich.

„Kommen wir nun zu den Maßnahmen, die ergriffen werden müssen, sollte unser Versuch, die Sachakaner aufzuhalten, scheitern.“ Er blickte in die Gesichter der vier Magier. „Ich möchte ein Abschlachten von Zivilisten dieses Mal nach Möglichkeit vermeiden. Das heißt, ich wünsche eine Evakuierung der Dörfer, Städte und Bauernhöfe entlang der Straßen, die von den Pässen nach Imardin führen. Kuriere werden die Bevölkerung informieren. Diese Menschen mögen mit der Stadtbevölkerung auf Schiffen nach Lan und Vin gebracht werden. Ich habe die Herrscher beider Völker bereits vor einigen Wochen gebeten, uns Asyl zu gewähren und weitere Schiffe zur Verfügung zu stellen. Ihre Antwort steht noch aus, doch nachdem ihre Magier uns unterstützen, rechne ich mit einer positiven Antwort.“

Der Hohe Lord beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Tischplatte. „Ein guter Plan, Euer Majestät“, sprach er. „Wenn auch auf diese Weise nur ein Teil Bevölkerung evakuiert werden kann.“

Merin nickte. Er wusste, dass sie auf diese Weise nicht ganz Kyralia evakuieren konnten. Dafür hatten sie zu wenig Vorbereitungszeit gehabt. „Tatsächlich habe ich nach einigen Überlegungen selbst Schiffe in Auftrag gegeben. Allerdings befinden sich diese noch im Bau, da es in der kurzen Zeit, die seit Marikas Kriegserklärung verstrichen ist, nahezu unmöglich war, hochseetaugliche Schiffe zu bauen. Mit etwas Glück werden sie rechtzeitig fertig. Doch selbst diese werden nur einen geringen Teil weiterer Kyralier transportieren können.“

Er machte eine Pause. Dies vor seinen engsten Vertrauten auszusprechen, fiel ihm alles andere als leicht. Es fühlte sich an als, als würde er gerade seinen Letzten Willen formulieren.

„Ich wünsche, dass die Magier, die zurückbleiben, sich um den reibungslosen Ablauf der Evakuierung kümmern“, fuhr er fort. Er reichte Balkan eine lederne Mappe. „Übergebt diese Mappe Administrator Osen. Darin befinden sich alle notwendigen Informationen. Sollten die zurückbleibenden Magier ebenfalls gezwungen sein, die Stadt zu verlassen, so stelle ich ihnen zu diesem Zweck mein Privatschiff zu Verfügung. Es liegt in einer kleinen Bucht nahe der Mündung des Tarali. Dorthin mögen sie zudem jegliches geistige Eigentum der Gilde bringen. Die Sachakaner sollen sich nicht unsere Kenntnisse über Magie aneignen. Ganz besonders nicht das Prinzip des Heilens mittels Magie. Ich weiß, das Risiko besteht dennoch, weil sie dieses Wissen nur aus den Gedanken eines unserer Magier lesen brauchen, aber nichtsdestotrotz müssen all unsere Literatur vor ihnen in Sicherheit gebracht werden. Es ist mein Wunsch – nein, mein Wille – dass die Überreste der Gilde sich im Falle einer Niederlage nach Vin oder Lan retten und sich dort neu gründen.“

„Das würde nur solange Sinn machen, wie die Sachakaner nicht nach den Inselstaaten trachten“, brummte Balkan.

„Bis jetzt gilt sein Hauptinteresse Kyralia“, sagte Akkarin. „Den neusten Berichten unserer Spionin zufolge zieht er die Eroberung Elynes nur in Erwägung, wenn er seine Anhänger anders nicht zufriedenstellen kann.“

„Können wir diesen Informationen trauen?“, fragte Merin.

„Sie hat es aus sicherer Quelle erfahren. Wie auch immer, eine Eroberung weiterer Verbündeter Länder ist unwahrscheinlich. An einer Handvoll überlebender Gildenmagier jenseits seines neuen Territoriums wird Marika sich kaum stören. Wir sollten jedoch damit rechnen, dass einige seiner Anhänger darauf drängen werden, jegliche Überreste der Gilde aufzuspüren und zu vernichten.“

„Dann muss die Flucht der zurückbleibenden Magier so unauffällig wie möglich geschehen“, sagte Balkan. „Nicht, dass uns das eine Garantie geben würde …“

„Im Augenblick ist das die beste Lösung“, entschied Merin. „Meine Spione werden den Magiern helfen, unentdeckt zu bleiben.“

„Ich empfehle zudem Captain Ceryni um Unterstützung zu bitten“, fügte Akkarin hinzu.

Merin nickte. Von allen Dieben machte Ceryni den vertrauenswürdigsten Eindruck auf ihn. Und das nicht, weil Akkarin große Stücke auf ihn hält.

Während der nächsten beiden Stunden diskutierten sie darüber, was bis zum Aufbruch ihrer eigenen Armee zu regeln war. Merin war zusehends erleichtert, dass er nicht weitere höhere Magier zu diesem Gespräch geladen hatte. Er kannte ihr endloses Diskutieren nur zu gut von den Gildenversammlungen, an denen er gelegentlich teilnahm, was einer der Gründe war, warum er meist seine Berater schickte.

Als es Mittag wurde, war die Besprechung zu Ende.

„Hoher Lord, Lord Akkarin, möchtet Ihr mit mir zu Mittag speisen?“, fragte Merin. „Die Einladung ist rein informell.“

„Ich bedaure, Euer Majestät“, lehnte Balkan ab. „Doch ich fürchte, ich muss Administrator Osen über den Stand der Dinge informieren und die entsprechenden Vorkehrungen treffen.“

„Das verstehe ich“, erwiderte Merin. „Lord Akkarin, was ist mit Euch?“

„Ich fürchte, ich muss ebenfalls ablehnen“, antwortete der schwarze Magier. „In einer halben Stunde unterrichte ich meine Novizin. Sie hat morgen ihre Prüfung in Kriegskunst. Zudem steht ein Test der Speichersteine noch aus.“

Warum frage ich überhaupt?, dachte Merin. Es hätte ihn gewundert, hätten die beiden wichtigsten Männer der Gilde so kurz vor der Schlacht Zeit für derartige Zerstreuung. Dennoch hätte er sich über die seltene Gesellschaft gefreut.

„Lord Akkarin, trotz Eurer knapp bemessenen Zeit bitte ich um ein Wort unter vier Augen.“ Er sah zu Balkan und seinen Beratern. „Lasst uns allein.“

Die drei Männer verließen stirnrunzelnd den Raum.

„Worüber wolltet Ihr mit mir sprechen?“, fragte der schwarze Magier, nachdem sie ungestört waren.

Die Hände hinter dem Rücken verschränkt schritt Merin zum Fenster und sah hinaus in den Park. Von allen unkonventionellen Entscheidungen, die er im vergangenen Jahr getroffen hatte, würde das hier die mit Abstand außergewöhnlichste werden.

„Das Kommando über die Gilde zu haben, bietet mir die Möglichkeit, Entscheidungen zu treffen, die andernfalls für einen Aufschrei unter den Magiern und den Häusern sorgen würden“, begann er, ohne den Blick von dem plätschernden Springbrunnen zu nehmen. „Das beinhaltet unter anderem einen Notfallplan, solltet Ihr und Sonea scheitern. Ich erwarte von Euch, diese Sache vertraulich zu behandeln. Nicht nur, um etwaigen Skandalen vorzubeugen, sondern auch zum Schutz eines jeden, der in die Hände der Sachakaner geraten könnte. Es ist Euch erlaubt, Sonea einzuweihen, weil auch sie davon betroffen sein wird und selbstverständlich eine weitere Person, die Ihr nach Eurem Gutdünken dazu auserwählt.“

Er wandte sich um und begegnete dem Blick des anderen Mannes. „Habt Ihr Fragen?“

„Nein, Euer Majestät.“

Merin musterte seinen alten Freund. Etwas in seinen Augen sagte ihm, dass Akkarin wusste, was er von ihm verlangte. Ob das daher kam, dass sie Freunde waren oder weil der andere Mann in diesem Augenblick seine Gedanken las, kümmerte ihn nicht. Es war ihm lieber, nicht zu viele Worte über dieses Thema zu verlieren. Es überhaupt auszusprechen, war etwas, das er sich nie hatte träumen lassen.

„Akkarin, ich vertraue darauf, dass Ihr die richtige Wahl für diese Aufgabe trefft.“

Über Akkarins Gesicht huschte der Anflug eines Lächelns. Sein Blick war hingegen ernst.

„Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Merin.“


***


Der Wind strich sanft über das Gras. Ein paar Blütenblätter rieselten von einem nahen Baum. Sonea sah zu, wie ihre Freundin die Augen schloss und das Gesicht in den Wind drehte. Ihre langen, dunklen Locken bewegten sich träge in der Brise. Für einen kurzen Augenblick verspürte Sonea einen heftigen Neid. Sie berührte die Flechten, die in ihrem Nacken zusammengesteckt waren. Sie war sicher, es würde lange dauern, bis sie sich daran gewöhnt hatte, ihr Haar nicht mehr offen tragen zu können.

Regin ließ sich ins Gras fallen und streckte sich aus. „Keine Prüfungen mehr!“

„Du vergisst, dass Sonea noch zwei Prüfungen hat“, erinnerte Trassia.

„Das ist nur praktische Kriegskunst“, sagte Sonea. „Dafür kann ich noch nicht einmal lernen. Und für Heilkunst weiß bereits ich alles.“

Sie wünschte, es gäbe etwas, das sie noch für ihre Prüfungen lernen könnte. So wäre sie wenigstens abgelenkt gewesen. Aber bei einem rein praktischen Kurs war eine solche Vorbereitung nahezu unmöglich und ihre Notizen von Lady Vinaras Unterricht zum hundertsten Mal durchzugehen, würde an dem Resultat nicht viel ändern.

Doch zum ersten Mal in ihrem Leben kümmerten ihre Prüfungen sie herzlich wenig.

Seit dem vergangenen Abend hatte eine entsetzliche Unruhe von Sonea Besitz ergriffen. Savaras Nachricht hatte sie nach den letzten beiden Tagen, die die schönsten ihres Lebens gewesen waren, schlagartig zurück in die Realität geholt.

„Ich wünschte nur, sie hätten uns auch schon zu Magiern gemacht“, murmelte Regin. „Dann hätten wir mehr Freiheiten und man würde uns mehr Gehör schenken.“

„Aber dann müssten wir kämpfen“, sagte Trassia. „So haben wir wenigstens die Wahl.“

An diesem Morgen hatte Lady Indria sie zu ihrer Novizin erwählt. Trassia war deswegen unendlich stolz und zugleich erleichtert, weil damit zur Reserve gehören würde. Im Krieg gegen die Sachakaner würde sie eher ihre Fähigkeiten als angehende Heilerin, als ihr Talent in Kriegskunst zum Einsatz bringen.

„Kämpfen ist besser, als Reserve zu sein und auf den Tod zu warten.“ Regin erhob sich und schleuderte kleine Steine auf den See. „So bleibt vielleicht ein Sachakaner weniger übrig, um Kyralia zu verwüsten.“

Sonea beobachtete, wie die Steine über die Wasseroberfläche sprangen. „Ist das nicht völlig egal, wenn wir tot sind?“, fragte sie unwirsch. „Es hilft doch nichts, wenn wir jetzt darüber nachdenken, was uns in einer oder zwei Wochen widerfahren könnte.“

Regin schwieg. Augenblicklich bereute Sonea ihre scharfen Worte. Ihre Freunde verspürten vermutlich noch mehr Furcht als sie. Während Trassia oft kurz davor schien, in Tränen auszubrechen, war Regin ungewöhnlich streitsüchtig.

„Ich kann nur nicht glauben, dass es keine zwei Tage mehr dauert, bevor wir die Gilde vielleicht für immer verlassen“, flüsterte Trassia. „Ich meine, ich bin noch keine neunzehn. Das kann es doch nicht gewesen sein!“

„Trassia“, sagte Sonea sanft. Sie streckte eine Hand aus und berührte den Arm ihrer Freundin. Sie gab sich alle Mühe, zuversichtlich zu klingen, obwohl ihr selbst nach Verzweifeln zumute war. „Mach dir nicht so viele Sorgen. Wir sind bestens vorbereitet. Seit dem Herbst haben die Magier ihre Magie für Akkarin und mich gesammelt. Wir haben Speichersteine, Rothens Schildsenker und eine bessere Strategie als die Sachakaner. Und“, fügte sie hinzu, „wir haben etwas, das sie nicht haben: etwas, wofür es sich zu sterben lohnt.“

Trassia wandte sich ihr zu. Ihre Augen waren verdächtig gerötet. „Meinst du wirklich?“

Sonea nickte, obwohl sie nicht davon überzeugt war, dass sie den Krieg gewannen. „Ihr zwei habt noch heute Abend und den ganzen morgigen Tag“, sagte sie. „Tut euch den Gefallen und nutzt die Zeit. Tut etwas, das ihr schon immer tun wolltet, oder worauf ihr am meisten Lust habt. Genießt das Leben!“

So wie ich es gestern getan habe, fügte sie für sich hinzu. Insgeheim brannte sie darauf, ihren Freunden von ihrem Ausflug ans Meer zu erzählen. Doch selbst jetzt, wo es wahrscheinlich niemanden mehr kümmern würde, ob sie und Akkarin das Ausgehverbot brachen, zog sie vor, dies für sich zu behalten. Sie brauchten das Vertrauen der Gilde mehr denn je, ebenso wie die Magier darauf angewiesen waren, ihnen zu vertrauen.

Doch vor allem fürchtete sie, jener Tag würde seine ganz besondere Magie verlieren, sobald sie darüber sprach.

Regin lachte. „Da hätte ich schon ein paar Ideen“, erklärte er und pfiff durch die Zähne.

Trassia drehte den Kopf weg. „Ich finde, wir sollten uns einen Eid schwören“, sagte sie. „Wenn einer von uns während der Schlacht in Schwierigkeiten gerät, dann eilen die anderem ihm zur Hilfe. Wir sollten aufeinander aufpassen und verhindern, dass uns etwas zustößt.“

„Eine gute Idee!“, stimmte Regin zu. Er richtete sich auf und legte seine Hand auf die Trassias. „Ich bin dabei!“

Trassia blickte zu Sonea. „Was ist mit dir?“

„Uhm“, machte Sonea. Ihr gefiel die Idee, doch sie ahnte, ihre Freunde würden eine verhängnisvolle Dummheit anstellen, weil sie ihren Eid mehr achten würden, als die Befehle der Magier, die die Armee anführten.

Sie bedachte ihre beiden Freunde mit einem strengen Blick. „Ich bin dabei. Aber unter einer Bedingung: Ihr müsst schwören, dass ihr mir nicht zur Hilfe eilt, wenn ich in Schwierigkeiten stecke. Denn das wird nichts sein, wo ihr etwas ausrichten könnt.“

„Aber …“, begann Trassia.

„Ich würde jederzeit mein Leben für euch riskieren“, fuhr Sonea unbeirrt fort. Als sie ihre nächsten Worte wählte, hatte ihre Stimme an Härte gewonnen. „Aber ihr dürft nicht euer Leben auf Grund eines dummen Eides wegwerfen.“

Trassia sah aus, als wäre sie kurz davor, erneut in Tränen auszubrechen.

„Sonea hat recht“, sagte Regin sanft. „Wenn sie in Schwierigkeiten steckt, kann höchstens Lord Akkarin ihr noch helfen.“

Ihre Freundin schloss die Augen und schwieg. „Also schön“, sagte sie schließlich. „Auch wenn mich jetzt für den Rest meines Lebens Schuldgefühle plagen werden, sollte es schiefgehen.“

Sie legte eine Hand auf ihre Brust und hielt die andere hoch. „Ich schwöre, meinen Freunden zu helfen, sollten sie während der Schlacht in Schwierigkeiten geraten, es sei denn, Sonea befindet sich in großer Gefahr“, gelobte sie.

Sonea nickte und sah zu Regin, der den Eid daraufhin ebenfalls leistete. Dann war sie an der Reihe.

„Ich schwöre, meinen Freunden zu helfen, sollten sie während der Schlacht in Schwierigkeiten geraten. Und ich schwöre, meinen Freunden Schwierigkeiten zu bereiten, sollten sie währenddessen etwas Törichtes wagen.“

Regin und Trassia starrten sie an.

„Ist das dein Ernst?“, fragte Regin.

„Ich werde nicht die ganze Zeit auf Euch aufpassen können“, sagte Sonea trocken. Sie streckte ihre rechte Hand aus. „Abgemacht?“

Regin schlug ein.

„Abgemacht.“

Trassia sah aus, als habe sie sich den Eid so nicht vorgestellt. Aber Sonea war die Sicherheit ihrer Freunde wichtiger als sie mit etwas zufriedenzustellen, das sie als unverantwortlich erachtete.

Etwas raschelte in den Büschen. Sonea wandte den Kopf und erblickte Akkarin.

„Ich dachte mir schon, euch hier zu finden“, sagte er und kam näher.

Soneas Freunde erstarrten. Rasch sprangen sie auf und verneigten sich. Auch Sonea erhob sich und deutete eine leichte Verneigung an.

„Guten Tag, Lord Akkarin“, sagten sie.

Akkarin musterte ihre beiden Freunde. „Regin von Winar, Trassia von Haron.“ Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel, als sein Blick zu Sonea wanderte. „Sonea von Delvon.“

Sonea errötete unwillkürlich und senkte den Kopf. Es war ungewohnt, einen Familiennamen zu tragen und sie hoffte, sie würde sich irgendwann daran gewöhnen. Denn es war ein Name, der sie mit Stolz erfüllte. Eine kühle Hand strich über ihre Wange und hob ihr Kinn, bis sie ihm in die Augen sah.

„Die Besprechung im Palast hat länger gedauert“, sagte er. „Es macht dir doch nichts aus, wenn wir den Unterricht deswegen später beginnen.“

„Nein, Lord Akkarin.“

Irgendwo neben ihr begannen ihre Freunde zu kichern. Aus den Augenwinkeln warf Sonea ihnen einen finsteren Blick zu.

„Lord Akkarin, dürfen wir zusehen?“, fragte Regin.

Akkarin musterte ihn und Trassia durchdringend. Wenigstens macht er das auch bei anderen, fuhr es Sonea durch den Kopf. Sie hatte inzwischen herausgefunden, dass es feine Nuancen darin gab, wie Akkarin jemanden mit seinem Blick durchbohrte. Eine ganz bestimmte Variante galt jedoch einzig ihr.

„Meinetwegen“, sagte er. „Aber ihr bleibt beim Eingang und umgebt euch mit einem Schild.“


***


„Wenn wir heute Nacht durcharbeiten, können wir die Schildsenker bis morgen soweit fertig haben, dass sie verpackt werden können“, sagte Rothen.

Dannyl sah stirnrunzelnd auf. „Uns fehlt noch eine Lieferung von zweihundert Phiolen.“

Die vier Mixturen würden bis dahin fertiggestellt sein, doch ohne die Phiolen würden sie ihrer Armee nichts nützen. Außerdem fehlten noch weitere dreihundert, die für die Magier, die in Imardin bleiben würden.

Da sich ihre Lage über Nacht so überraschend zugespitzt hatte, hatten sie umdisponieren müssen und alle bisher fertiggestellten Phiolen für die Armee eingeplant. Rothen hatte daher entschieden, die restlichen dreihundert Schildsenker gemeinsam mit Sarrin, Yaldin und Farand herzustellen, wenn die Armee die Gilde verlassen hatte.

„Der Glasbläser hat mir zugesagt, die restlichen Phiolen bis heute Abend zu liefern“, sagte Rothen.

„Dann bleibt bis dahin nicht mehr viel zu tun“, stellte Lord Peakin fest.

„Nein“, stimmte Rothen zu. „Und das ist mir wegen der Besprechung, die der Administrator für später angesetzt hat, auch ganz recht. Nutzt die Zeit, damit Ihr ausgeruht seid, wenn die Phiolen eintreffen.“

Es klopfte. Dannyls ehemaliger Mentor schritt zur Tür, trat auf den Flur und zog die Tür hinter sich zu.

„Ob das schon die Phiolen sind?“, murmelte Yaldin.

„Schön wär’s“, brummte Peakin. „Ich möchte meine letzten beiden Nächte in der Gilde lieber in meinem Bett verbringen.“

„Das möchten wir alle“, sagte Dannyl. Die Vorstellung, nach Sachaka aufzubrechen und dabei auf den Komfort eines bequemen Bettes zu verzichten, missfiel ihm. Noch mehr missfiel ihm, überhaupt so schnell wieder nach Sachaka zu müssen. Und dieses Mal vielleicht wirklich nicht zurückzukehren.

Die Tür ging auf und Rothen trat ein.

„Dannyl, da war gerade ein Diener, der dir ausrichten lässt, dass in deinem Quartier Besuch auf dich wartet“

„Besuch?“, wiederholte Dannyl. „Für mich?“

„Dein Assistent“, sagte Rothen. „Wenn ich den Diener richtig verstanden habe, ist er ziemlich aufgelöst.“

Alarmiert sprang Dannyl auf. „Ich sollte besser nach ihm sehen.“ Er zögerte hin und hergerissen zwischen seinem Pflichtgefühl und seiner Sorge um Tayend. „Wäre es in Ordnung, wenn ich gehe?“

Seine ehemaliger Mentor lächelte. „Mach, dass du verschwindest!“

Dannyl verabschiedete sich von den anderen und verließ das Labor. Seine Haut prickelte ob des magischen Schildes, als er die Türschwelle passierte. Er beeilte sich, die Universität zu verlassen und sein Apartment im Erdgeschoss der Magierquartiere zu erreichen.

Er fand Tayend zusammengesunken in einem Sessel seines Empfangsraums, seine Miene bleich und furchterfüllt. Als Dannyl eintrat, sah er auf.

„Ist es wahr?“, brachte er hervor.

Dannyl streckte seinen Willen nach der Tür aus und belegte sie mit einem magischen Schloss. So oft, wie Tayend ihn in den vergangenen Wochen hier besucht hatte, war das zur Gewohnheit geworden.

„Ja“, antwortete Dannyl. „Woher weißt du davon?“

„Einer von Zerrends Dienern kennt einen Diener aus der Gilde. Er hat es uns heute Mittag gesagt.“

Dann würde bald die ganze Stadt davon wissen und in Panik verfallen, wie als die Ichani gekommen waren.

Tayend erhob sich und schritt auf ihn zu. Wortlos zog Dannyl ihn in seine Arme.

„Werden sie auch nach Elyne kommen?“, fragte Tayend, das Gesicht in den Stoff von Dannyls Robe gepresst.

„Das wissen wir nicht genau“, antwortete Dannyl. „Unsere Spionin konnte uns nichts Genaues über Marikas Pläne sagen. Wir wissen nur, dass Marika einen Spion unter den Ichani vermutet und sie deswegen mit falschen Informationen versorgt hat.“

„Dann werde ich mit dir nach Sachaka kommen“, erklärte Tayend. „Bei dir und den anderen Magiern werde ich am sichersten sein.“

„Nein“, sagte Dannyl. „Es ist zu gefährlich. Willst du als Sklave enden?“

„Wenn die Gilde verliert, ist das auch egal. Aber dann habe ich wenigstens so viel Zeit mit dir verbracht, wie es mir möglich war.“

Ein Seufzen unterdrückend schob Dannyl seinen Gefährten auf Armeslänge von sich. Es fiel ihm nicht leicht, das hier zu tun, wo sie einander gerade erst wieder hatten. Doch Tayends Sicherheit war ihm wichtiger als alles andere.

„Tayend“, sagte er und nahm Tayends Gesicht zwischen beide Hände. „Ich will … nein, ich befehle dir, nach Elyne zurückzukehren. Du wirst das nächste Schiff nehmen, das dorthin ausläuft. Geh zu Bel Fiore und frag sie, ob du einige Wochen auf ihrem Landgut bleiben kannst. Nimm Irand und deine Schwester mit. Arvina ist weit genug von Capia entfernt, sollten wir scheitern und die Sachakaner dorthin kommen. Von dort aus könnt ihr weiter nach Lonmar oder Vin fliehen.“

Der Gelehrte machte ein unglückliches Gesicht. „Ich will das nicht, Dannyl. Aber ich muss dir wohl gehorchen.“

Dannyl lächelte schief. „Nur dieses eine Mal, Tayend. Ich bin sicher, mit Rothen Schildsenkern und Akkarins Speichersteinen werden wir es den Sachakanern zeigen.“

„Ich habe nur solche Angst, dass du dieses Mal nicht zurückkommst“, flüsterte Tayend. „Beim letzten Mal ist es schon fast schiefgegangen.“

„Beim letzten Mal war ich nicht in Begleitung von mehreren hundert Magiern.“ Dannyl versuchte, amüsiert zu klingen, und scheiterte. Zweihundert Gildenmagier waren nichts gegen die Armee, die Marika aufgestellt hatte. Wenn Dannyl ehrlich zu sich war, dann glaubte er nicht an einen Sieg der Gilde.

Aber das durfte er Tayend gegenüber auf keinen Fall zeigen.

Der Gelehrte betrachtete ihn zweifelnd. „Ich werde erst wieder beruhigt sein, wenn du wohlbehalten zu mir zurückgekehrt bist“, erklärte er.

„Ich verspreche, ich werde zurückkommen.“

Sie sahen einander an. Tayend wirkte so verletzlich, dass Dannyls Herz schwer wurde. Ich bin ein schlechter Freund, dachte er. Obwohl es mir das Herz zerreißt, ihm das schon wieder anzutun, gibt es nichts, was ich tun kann, um seinen Kummer zu erleichtern.

Einem plötzlichen Impuls folgend, streckte er seine Hand nach Tayend aus und zog ihn zu sich. Dann küsste er ihn lange und zärtlich. Der Gelehrte schlang seine Arme um ihn und schmiegte sich gegen ihn.

„Wolltest du mich nicht fortschicken?“, fragte Tayend, als Dannyl eine Atempause einlegte.

„Das wollte ich.“ Tayend konnte die Stadt immer noch rechtzeitig verlassen, wenn Dannyl mit der Armee aufbrach. „Aber das hier ist jetzt wichtiger.“

Und das war es wahrhaftig. Tayend vielleicht zum letzten Mal nahe zu sein, war wichtiger, als die Besprechung, zu der Dannyl in weniger als einer Stunde gehen musste. Die höheren Magier würden auch ohne ihn auskommen. Hinterher konnte er immer noch behaupten, er hätte sich ein wenig hingelegt, weil er Rothen versprochen hatte, mit ihm über Nacht die restlichen Schildsenker abzufüllen.

Tatsächlich war das noch nicht einmal gelogen.


***


Der letzte Kraftschlag hatte den Schild des Novizen durchbrochen. Sonea indes war noch lange nicht mit ihm fertig. Ein weiterer, schwächerer Kraftschlag warf Regin gegen die steinerne Wand des Domes. Ein dumpfes Krachen erklang und er sank zu Boden.

Trassia entfuhr ein leiser Aufschrei. Aus den Augenwinkeln sah Sonea, wie ihre Freundin entsetzt die Hände auf den Mund gepresst hatte. Sonea ignorierte es. Für ihren Geschmack war sie in der vergangenen halben Stunde viel zu nett zu Regin gewesen.

Sie fesselte ihren Freund mit Magie und schritt langsam auf ihn zu.

„Und Regin willst du jetzt immer noch gegen die Sachakaner kämpfen?“ Sie zog ihren Dolch und setzte sich auf seine Brust. „Wie fühlt es sich an, so hilflos zu sein?“

„Geh runter von mir“, keuchte er. „Ich kann nicht atmen.“

„Oh, das werde ich. Wenn ich mit dir fertig bin.“

Er hatte es herausgefordert. Nachdem er und Trassia eine Weile ihrem Privatunterricht zugesehen hatten, hatte Regin nahezu darum gebettelt, gegen Sonea antreten zu dürfen. Da Akkarin entschieden hatte, dass sie für die morgige Prüfung gut genug vorbereitet war, hatte er dem Duell unter der Bedingung zugestimmt, dass Sonea Regin nicht zu sehr zusetzte. Bemessen daran, wie sehr Akkarin sie in Kriegskunst forderte, war das für Sonea eine Unterforderung, während Regin wahrscheinlich gerade seinen ersten richtigen Kampf erlebte.

„Ich ergebe mich“, presste er hervor. Seine hübschen Gesichtszüge waren vor Anstrengung rot und verzerrt.

„Wie reizend“, gab sie zurück. „Wenn ich ein böser Sachakaner wäre, würde mich das nicht kümmern. Stattdessen würde ich überlegen, ob ich dich töte oder ob ich dich zu meinem Sklaven mache, damit du mir als magische Quelle dienst. Aber“, sie drückte den Dolch leicht gegen Regins Hals, „wie ich mich auch entscheide, ich würde deine Kraft nehmen. Willst du wissen, wie es sich anfühlt, wenn das passiert? Wie es ist, wenn du dich nicht dagegen wehren kannst?“

„Wenn du mir auch nur einen Kratzer zufügst …“,

„ … dann werden alle denken, du hättest dich beim Rasieren geschnitten“, vollendete Sonea seinen Satz. Sie beobachtete, wie sich ein winziger Blutstropfen an der Spitze ihrer Klinge bildete. „Ich bin sicher …“

„Sonea, das genügt.“

Sonea fuhr herum. Augenblicklich ließ sie den Dolch sinken. Sie löste Regins Fesseln und erhob sich. Trassia eilte zu Regin und half ihm auf.

„Regin hat eine eindrucksvolle Vorstellung erhalten, wie der Kampf gegen einen schwarzen Magier ist“, sagte Akkarin und kam näher. „Es besteht kein Grund, ihm Todesangst einzujagen.“

Erleichtert klopfte Regin sich den Staub aus seiner Robe. „Lord Akkarin, da stimme ich Euch zu“, brachte er hervor.

Sonea verdrehte die Augen. Sie fand, Regin hätte durchaus noch ein wenig länger leiden dürfen. Allein für das, was er ihr angetan hatte, bevor sie Freunde geworden waren, geschah ihm das mehr als recht. Zudem fürchtete sie, er würde während der Schlacht auf törichte Gedanken kommen, weil er sich zu viel darauf einbildete, dass er mit den Magiern kämpfen durfte. Doch dafür war sie wohl kaum abschreckend genug.

„Sonea, ich muss zurück in die Universität“, wandte Akkarin sich an sie. „Nutze die Zeit, um dich auf deine letzten Prüfungen vorzubereiten oder studiere weiter die neuen Bücher, wenn du der Meinung bist, genug gelernt zu haben. Wenn ich zurück bin, werden wir uns den Speichersteinen widmen.“

Sonea nickte. „Ja, Lord Akkarin.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn. „Bis später.“

Als er fort war, kicherten Regin und Trassia.

Sonea verdrehte die Augen. „Ihr seid doch nur neidisch“, sagte sie, während sie sich ihre Tasche über die Schulter warf. Sie verstand nicht, was daran so komisch war, dass Akkarin zugleich ihr Mann und ihr Mentor war.

„Darauf, dass du deinen Mann Lord Akkarin nennst?“, fragte Regin.

Sonea betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Regin, hat dir das vorhin nicht gereicht?“, fragte sie leise. „Willst du, dass ich dir noch eine Lektion erteile?“

„Wenn du damit leben kannst, dass dein Mann dir eine Strafarbeit gibt“, feixte er.

„Was soll er denn tun? Mich zurücklassen und alleine gegen die Sachakaner kämpfen?“

Regin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Sonea kam ihm zuvor. „Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für solche Kindereien, Regin. Wenn du jemandem auf die Nerven gehen willst, dann geh zu Kano und Alend oder wem auch immer.“ Sie lächelte Trassia kurz zu. „Wir sehen uns morgen“, sagte sie ein wenig weicher.

Dann machte sie sich auf den Heimweg, um sich auf ihre letzten Prüfungen und die Sachakaner vorzubereiten.


***


Auch zwei Tage nach dem Reberfest hatte sich Dorriens Stimmung nicht gebessert. Ständig ertappte er sich bei törichten Tagträumereien der Sorte was-hätte-sein-können. Es war frustrierend und er war wütend ob seiner Hilflosigkeit. Selbst in Windbruch ließen ihn die Dinge, wegen derer er im vergangenen Sommer so fluchtartig die Stadt verlassen hatte, keine Ruhe.

Ich liebe dich. Ich schenke dir all meine Liebe. Für immer.

„Mylord, braucht Ihr mich heute noch?“

Dorrien zuckte zusammen und wandte sich zu Viana. Ihr Blick huschte flüchtig zur Schmiede.

Dorrien unterdrückte ein Stöhnen. Das war also der Grund, warum sie seit neustem unkonzentriert und leicht ablenkbar war. Aus welchen Grund auch immer hatte sie offenkundig beschlossen, es doch mit Loken zu versuchen. Es war, wie er befürchtet hatte. Ihre Gefühle begannen, sie vom Lernen abzulenken.

„Nein, Viana. Du kannst für heute gehen.“

Sie strahlte. „Danke, Mylord. Bis morgen.“

„Bis morgen“, erwiderte er.

Ohne zurückzublicken, überquerte Dorrien den Dorfplatz und bog in die Straße ein, an deren Ende seine Kate lag. Wenn das mit Viana so weitergeht, werde ich ein ernstes Wort, mit ihr reden müssen, dachte er. Die Heilkunst war eine Disziplin, der man sein ganzes Leben widmete. Er musste wissen, wie viel ihr wirklich daran lag, Heilerin zu werden oder ob es ihr wichtiger war, einen Mann zu haben, besonders nachdem Dorrien an diesem Morgen einen Brief von Administrator Osen erhalten hatte, der ihn zu einem persönlichen Gespräch nach Imardin gebeten hatte.

Dorrien schnaubte leise. Ich will nicht wissen, was Rothen ihm alles erzählt hat …

Er registrierte kaum, dass die Tür seines Nachbarhauses aufsprang und Ela herausrannte. Erst als sie „Mylord, Mylord!“ rief, wurde ihm bewusst, dass etwas nicht stimmte.

„Ela! Was ist passiert?“

„Ein Magier vom Fort ist hier. Er sagt, es sei dringend und dass ich Euch suchen soll.“

Dorrien seufzte unterdrückt. Er hatte auf einen ruhigen Abend gehofft. Doch wenn an der Baustelle am Südpass ein Heiler gebraucht wurde, würde er so schnell keinen Schlaf finden. Er überlegte herzubestellen, entschied sich jedoch dagegen. Der Gedanke, sie beim Turteln mit Loken zu stören, bereitete ihm Unbehagen. Das Letzte, was er im Augenblick sehen wollte, waren glückliche Pärchen. Zudem würde ihre Konzentration durch den Schmied gestört sein. Nein, es war besser, wenn er alleine ging.

„Wo ist er?“

„In meiner Stube.“

„Sag ihm, er soll sich bereitmachen. Ich gehe nur eben mein Pferd satteln.“

„Das ist nicht nötig.“

Dorrien erstarrte. Lord Arkel, der Captain des neuen Forts, war aus Elas Haus getreten. „Die Männer im Fort sind alle wohlauf. Vielleicht sollten wir zu Euch gehen.“

Das klang ernst und Dorrien beschlich ein ungutes Gefühl. „Bitte folgt mir.“

Gemeinsam stiegen die den Hang hinauf, bis seine Kate in Sicht kam. Dorrien stieß seine Haustür auf und bat Lord Arkel herein.

„Lord Arkel, setzt Euch“, forderte er den Krieger auf, nachdem er das Dämmerlicht mit einer Lichtkugel erhellt hatte.

Arkel ließ seinen Blick über das Chaos, das stets in Dorriens Zuhause herrschte, schweifen. Er runzelte die Stirn, als sein Blick auf Bordas Winterstall fiel, dann setzte er sich an Dorriens Tisch.

Dorrien stellte seine Tasche mit Heiltränken, Tinkturen, Verbandszeug und chirurgischen Instrumenten ab, dann wandte er sich dem Krieger zu.

„Möchtet Ihr etwas trinken?“

„Nein, danke. Ich will gleich zur Sache kommen.“ Arkel stützte die Unterarme auf den Tisch und blickte Dorrien ernst an. „Ich bin in Eile.“

Typisch Krieger, dachte Dorrien. Doch auch ihm war es lieber, wenn sie das hier schnell hinter sich brachten. Umso eher würde er Feierabend haben.

„Warum seid Ihr hier, wenn es keinen Notfall am Fort gibt?“

„Die Gilde hat den Befehl erteilt, dass sämtliche Magier, die außerhalb Imardins leben, sich von heute an in einer Woche am Nordpass einfinden, wo sie sich mit unserer Armee treffen, um nach Sachaka zu ziehen.“

Dorriens Herz setzte einen Schlag aus. Mit einem Mal waren die Dinge, wegen denen er sich in den vergangenen Tagen gegrämt hatte, unbedeutend und nichtig. Der ruhige Abend und seine Reise nach Imardin waren vergessen.

„Schon?“, fragte er. „War das nicht für in einigen Wochen geplant?“

„Unsere Spione haben berichtet, dass die Armee der Sachakaner heute Morgen Arvice verlassen hat.“ Arkel zuckte die Schultern. „Anscheinend wurde der Spion, den die Gilde in Marikas Armee eingeschleust hat, mit falschen Informationen versorgt.“

„Oder er war nicht zuverlässig“, murmelte Dorrien. Auf die Sachakaner konnte man sich nur in einer Hinsicht verlassen. Sie waren bösartig, feindselig und barbarisch.

„Wie auch immer.“ Arkels Miene war grimmig. „Wir wussten, es würde Krieg geben. Vielleicht ist es besser so, denn so ist es auch schneller vorbei.“ Er erhob sich und trat zur Tür. „Regelt Eure Angelegenheiten und macht Euch auf den Weg zum Nordpass. Unterhalb des Forts befindet sich ein Tal, in dem die Gilde lagern wird.“

Regelt Eure Angelegenheiten …

Dorrien erschauderte. Anscheinend glaubte Arkel nicht, dass die Gilde diesen Krieg überleben würde.


***


„Gut. Und jetzt gibst du ganz vorsichtig ein wenig deiner Magie in den Kristall.“

Mit einem tiefen Atemzug schob Sonea ihre Nervosität beiseite. Dann griff sie nach einer kleinen Menge Magie, formte sie und sandte sie durch die Bindungen in das Innere des Speichersteins. Fasziniert beobachtete sie, wie die Brücken zwischen den Elementen des Kristalls durch ihre Magie gestärkt wurden.

„Das genügt.“

Abrupt unterbrach sie den Kraftfluss und sah zu Akkarin.

„Aber das ist nicht viel“, wandte sie ein.

„Das ist richtig“, antwortete er. „Doch kennen die Prozesse nicht, die in Gang kommen, wenn der Speicherstein zerstört wird. Wir sollten nicht das Risiko eingehen, uns bei dem Test selbst zu vernichten.“

Dann können wir uns auch den Sachakanern direkt ergeben, weil es für die Gilde keine Chance mehr gibt, den Krieg zu gewinnen, dachte Sonea trocken.

Sie hatten das Testen ihrer Speichersteine bis zuletzt hinausgezögert, damit die Kristalle so lange wie möglich in ihrer Nährlösung wachsen konnten. Nachdem weitere Untersuchungen der von Dannyl aus Sachaka mitgebrachten Speichersteine ergeben hatten, dass ihre Kristalle weniger groß als zunächst angenommen sein mussten, war Sonea zuversichtlich, dass sie das Geschenk der Verräter nur im Notfall einzusetzen brauchten. Das beruhigte sie, da sowohl Akkarin als auch Lord Sarrin die Kristalle auf Grund ihres Alters als zu instabil eingestuft hatten.

Neben Kristallen, die dem reinen Speichern von Magie dienten, hatten sie und Akkarin mehrere gezüchtet, deren Strukturen mit alchemistischen Substanzen verunreinigt waren. Lord Sadakane hatte sie in seinen Büchern als „wilde Speichersteine“ bezeichnet – ein Name, der durchaus seine Berechtigung hatte. Sie waren nicht zur kontrollierten Abgabe von Magie gedacht. Der Effekt ihrer Zerstörung war im Gegensatz zu den gewöhnlichen Speichersteinen verheerend. Sonea und Akkarin würden sie nur mit wenig Magie aufladen, um nicht ihre eigenen Leute zu gefährden oder die Ödländer ein zweites Mal zu erschaffen.

„Dann wollen wir hoffen, dass du stark genug bist“, murmelte Sonea.

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Es ist nur ein Speicherstein mit einer geringen Menge an Magie. Verglichen mit einer Armee von Sachakanern ist das harmlos.“

„Oh, erinnere mich nicht daran“, grollte sie. Das Austesten der Speichersteine und ihre letzten Prüfungen schienen Sonea im Augenblick die realeren Sorgen. Sie fragte sich, wie das am nächsten Tag um diese Zeit sein würde.

„Sonea, kommst du?“

Sie verdrängte ihre düsteren Gedanken und folgte Akkarin mit ihrem Speicherstein hinauf in die Empfangshalle. Die laue Nacht verhieß einen Vorgeschmack auf den Sommer und durch den halbvollen Mond war es angenehm hell, als sie hinaustraten und den Waldweg zur Universität nahmen.

Sonea griff nach Akkarins Hand und er hielt sie fest, bis die Bäume sich vor ihnen teilten und den Blick auf die Gebäude der Universität freigaben.

Trotz der vorgerückten Stunde herrschte noch reger Betrieb auf Universitätsgelände. Vor der Universität standen mehrere hochbeladene Karren, die gleichsam von Dienern und Magiern ausgeladen wurden. Der Anblick löste in Sonea ein Gefühl von Aufbruch aus und ließ ihr Herz schwer werden. Noch einen Tag und zwei Nächte und sie würde die Gilde vielleicht auf immer verlassen.

Zu ihrer Erleichterung war die Arena verlassen. Akkarin war bereits durch das unterirdische Portal geschritten. Sonea beeilte sich, ihm zu folgen.

In der Mitte des sandigen Areals blieb er stehen. „Leg deinen Speicherstein auf den Boden“, wies er sie an.

Sonea nickte und zog den Kristall aus ihrer Robe. „Und jetzt?“, fragte sie, nachdem sie den Stein im Sand deponiert hatte.

„Wir gehen zum Rand und zerstören ihn mit einem Kraftschlag.“

Sie runzelte die Stirn. „Warum gehen wir nicht zum Portal und laufen hindurch, sobald einer von uns den Kraftschlag ausgeführt hat?“

„Weil wir dann die Reaktion nicht gut genug beobachten können.“

Dann hoffe ich wirklich, dass du genug Kraft hast, dachte Sonea. Es wäre ihr lieber, würden sie bei der Zerstörung des Speichersteins außerhalb der Arena sein, denn anders als bei Rothens Schildsenkern hatte es keine Vorversuche gegeben. Doch auch sie brannte darauf, die Auswirkungen direkt zu beobachten.

Das hier war der Vorversuch.

Akkarin führte sie an den Rand der runden Sandfläche. Die Luft vibrierte, als er einen starken Schild um sie beide errichtete.

„Komm näher“, murmelte er und legte beide Arme um sie.

Sonea spürte, wie er sie dicht an sich heranzog. Es war angenehm und hätte an diesem herrlichen Frühlingsabend romantisch sein können, würde sie nicht wissen, dass er das tat, um die Schildfläche zu optimieren.

Ah, aber ich bin sicher, etwas weniger dicht würde den Zweck auch erfüllen, fuhr es ihr durch den Kopf.

„Bist du bereit?“

Sie nickte.

„Dann los.“

Sonea zögerte. Sie hatte erwartet, er würde den Speicherstein zerstören. Was, wenn sie nicht richtig traf oder etwas falsch machte und das zu ihrem vorzeitigen Ende führte?

„Es ist dein Speicherstein.“ Akkarin beugte sich zu ihr hinab, bis sein Mund irgendwo neben ihrem Ohr war. „Alles, was du tun musst, ist mit einer ausreichenden Menge Magie, die ihn zerstört, zu treffen.“

Er würde ihr diese Aufgabe nicht geben, wäre es zu gefährlich oder zu schwierig, erkannte Sonea. Irgendwo hinter seinen Worten konnte sie eine Vorfreude spüren, ähnlich jener als Rothen seine Schildsenker an ihnen getestet hatte. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass ein Teil des unbekümmerten, abenteuerlustigen Akkarin, der er gewesen war, lange bevor sie ihn kennengelernt hatte, in den vergangen Monaten zurückgekehrt war. Es geschah selten und Sonea bemerkte es nur, wenn sie darauf achtete.

Aber es war da.

Und sie wusste, es war zum Teil auch ihr eigener Verdienst.

„Wie Ihr befiehlt, Lord Akkarin“, erwiderte sie mit einem Anflug von Erheiterung.

Sie griff nach ihrer Magie und formte sie zu einem Kraftschlag. Gespannt beobachtete sie, wie ihr Angriff auf den Kristall traf.

Dann zerriss ein blendend heller Blitz die Schatten in der Arena.

Instinktiv schloss Sonea die Augen und presste sich dichter an Akkarin. Magie sengte über ihren Schild, bis sich die feinen Härchen auf Soneas Armen aufstellten. Die Luft summte vor interferierender Magie, als Akkarin den Schild verstärkte.

So schnell, wie es begonnen hatte, war es auch wieder vorbei.

Sonea heilte ihr Sehvermögen und blickte sich in der Arena um. Der Kristall war fort, der Arenaschild glühte in einem sanften Rot, das nur widerwillig verblasste. Aber was sie wirklich entsetzte, war der Boden.

Bis auf die Stelle, die durch ihren Schild geschützt gewesen war, war der Sand geschmolzen.

„Interessant“, murmelte Akkarin hinter ihr.

„Was war das?“, fragte Sonea verstört. Bemessen an der geringen Menge Magie, die der Speicherstein enthalten hatte, war der Effekt viel zu heftig gewesen.

„Was glaubst du, was das verursacht hat?“

Sonea zog die Augenbrauen zusammen und starrte auf den geschmolzenen Sand. So wie er fragte, konnte es nicht die unkontrolliert freigesetzte Magie allein gewesen sein. Sie wusste selbst zu gut, was unkontrollierte Magie anrichten konnte, aber für das hier hätte es sehr viel mehr bedurft. Und das war nur ein normaler Speicherstein. Was hätte ein wilder erst angerichtet?

Als sie darüber nachdachte, wie die Magie in dem Stein gespeichert war, erschien ihr die Antwort auf Akkarins Frage mit einem Mal sehr einfach.

„Es waren die Bindungen zwischen den Teilchen“, antwortete sie. „Sie haben sich aufgelöst.“

„Ja“, sagte Akkarin. „Aber ich bezweifle, dass das alles gewesen ist. Sieh dir an, was mit dem Stein geschehen ist.“

„Es ist nichts mehr davon übrig.“

„Richtig.“

Das konnte nur eins bedeuten. Soneas Herz setzte einen Schlag aus.

„Der Stein hat sich vollkommen in Energie aufgelöst?“

„Richtig“, wiederholte Akkarin. „Es muss durch die Magie geschehen sein, die unkontrolliert frei wurde. Doch das lässt sich leicht überprüfen.“

Er zog einen leeren Kristall aus seiner Robe und warf ihn in die Mitte der Arena. Dann sandte er einen Kraftschlag darauf. Sonea wollte protestieren, da es immerhin einer ihrer so sorgfältig gezüchteten Speichersteine war. Doch sie würden auch so genug haben.

Der Stein barst, doch weitere spektakuläre Effekte blieben aus.

„Wie ich mir dachte“, bemerkte er. „Die Alchemisten werden das sehr interessant finden.“

„Was ist hier los?“

Sonea zuckte zusammen, als sie die vertraute barsche Stimme erkannte. Der Hohe Lord trat zusammen mit Administrator Osen und einigen höheren Magiern in die Arena. Auf ihren Gesichtern spiegelten sich Verwirrung und Entsetzen, als die Glasschicht unter ihren Stiefeln knirschte.

„Wo ist der Sand hin?“

Akkarin löste sich von Sonea und ließ den Schild sinken. Er legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter und führte sie zu den höheren Magiern.

„Er ist zu Glas geschmolzen.“

„Das sehe ich auch“, brummte Balkan unwirsch. „Aber was um alles in der Welt habt Ihr damit gemacht?“

„Ah, wir haben einen Speicherstein getestet.“

Sonea hatte alle Mühe, sich ihr Grinsen zu verkneifen, als die höheren Magier Akkarins Worte in sich aufnahmen. Sie wusste, es ärgerte sie, dass sie machtlos gegen Akkarins eigenmächtiges Handeln waren.

„Seid Ihr des Wahnsinns?“, brachte Lady Vinara hervor.

„Der Test war notwendig, um die Wirkung abzuschätzen, die sich entfaltet, wenn die in dem Stein enthaltene Magie unkontrolliert freigesetzt wird“, antwortete Akkarin ruhig. „Die Arena schien mir als der geeignetste Ort um das herauszufinden.“

„Hätte dafür nicht weniger Magie ausgereicht?“

„Der Speicherstein enthielt nur eine sehr geringe Menge Magie.“ Akkarin machte eine vage Bewegung, die die Arena umfasste. „Was Ihr hier seht, ist das Resultat einer völligen Umwandlung des Kristalls in Energie.“

Einige Magier sogen entsetzt die Luft ein.

„Aber wie ist das möglich?“, fragte Lord Peakin.

„Darüber muss ich mir selbst erst noch klarwerden, doch wir können das bei Gelegenheit gerne diskutieren.“

„Nur eine kleine Menge an Magie hat ausgereicht, um die Arena derart zu verwüsten?“ Balkans Miene war nachdenklich. „Dann bedeutet das, dass ...“

„ … wir besser täten, die Speichersteine nur dann zu zerstören, wenn uns keine andere Wahl mehr bleibt.“


***


„Das heißt, es kommen noch mehr Magier wie dieser Mann, der mich und meine Schwester entführt hat?“ Viana sank in ihren Stuhl zusammen und starrte Dorrien aus schreckgeweiteten Augen an.

„Ja.“ Dorrien setzte sich ihr gegenüber bemüht, die Ruhe zu bewahren. „Aber es ist unwahrscheinlich, dass sie über den Südpass kommen. Nach allem, was wir wissen, kommen sie entweder über den Nordpass oder über Elyne.“

„Aber …“, begann sie verwirrt. „Wie wollt Ihr Euch den Sachakanern entgegen stellen, wenn Ihr nicht wisst, von wo sie kommen?“

Dorrien wusste nur, was Lord Arkel ihm am vergangenen Abend gesagt hatte. Er besaß keine Karte von Sachaka, mit der er sich die Geographie des Landes verbildlichen konnte.

„Es gibt eine Straße, die von ihrer Hauptstadt durch die Ödländer führt. An einer Stelle teilt sie sich und geht zum Nordpass und nach Elyne weiter. Dort werden wir auf sie warten.“

Vianas Nase kräuselte sich, als sie diese Worte in sich aufnahm. „Und wenn sie stattdessen über den Südpass kommen? Was macht die Gilde dann?“

„Das wird nicht passieren“, versicherte Dorrien ihr. „Aber ich bin sicher, die Gilde hat dafür einen Alternativplan.“

Dorrien hatte Gaden und Forren beauftragt, in der Nähe des Südpasses zu patrouillieren, damit sie die Dorfbewohner warnen konnten, sollten die Sachakaner unerwartet ihren Plan ändern. Windbruch lag weit genug von der Straße entfernt, dass die Sachakaner es auf ihrem Weg nach Imardin ignorieren würden. Wahrscheinlich würden sie eher die Siedlungen entlang der Straße überfallen und plündern. Trotzdem hatte Dorrien seine Männer angewiesen, die Bevölkerung nach Hohenklüfte zu evakuieren, sollten sie auch nur den geringsten Hinweis auf Sachakaner in der Gegend erhalten. Wenn die Sachakaner tatsächlich nach Kyralia kamen, waren sie im Hochgebirge am längsten in Sicherheit.

Dorrien blickte seine Schülerin ernst an. „Viana“, sagte er. „Ich werde dir jetzt erklären, was du als meine Vertretung zu tun hast, während ich fort bin.“

Sie nickte stumm, alle Farbe war aus ihrem Gesicht gewichen.

„Alles, was ich dich im vergangenen halben Jahr gelehrt habe, darfst du anwenden, wenn jemand in Windbruch oder der Umgebung krank ist. Bei Visiten außerhalb des Dorfes lass dich von Loken, Kalin, deinem Vater oder anderen Männern aus dem Dorf begleiten.“ Er lächelte schief. „Dein Vater wird dich sowieso nicht ohne Begleitung aus Windbruch fortlassen.“

Sie erwiderte sein Lächeln schwach. „Wahrscheinlich nicht.“

„Viana, du weißt inzwischen, wie du die meisten gängigen Krankheiten und Verletzungen ohne Magie behandeln kannst“, fuhr er fort. „Ich weiß nicht, wie lange ich fort sein werde. Doch es kann sein, dass du in dieser Zeit auf Erkrankungen stößt, die du nicht kennst. In diesem Fall musst du meine Bücher zu Rate ziehen.“

Ihre braunen Augen weiteten sich. „Ich darf ein Leiden behandeln, über das ich noch nichts weiß?“

„Ja.“ Dorrien lächelte unvermittelt. Dann blickte er in ihre Augen. „Ein Heiler widmet sich völlig der Genesung eines Patienten. Natürlich ist es wichtig, dafür die richtige Diagnose zu stellen. Doch es ist wichtiger, es überhaupt zu versuchen, als zu fürchten, das eigene Wissen reiche nicht aus. Ich vertraue darauf, dass du alles in deiner Macht stehende tun wirst, um dem gerecht zu werden.“

Vianas Wangen färbten sich rosa. „Vielen Dank, Mylord“, flüsterte sie auf ihre Hände blickend.

„Ich habe dir eine kleine Tasche mit meinen Ersatzinstrumenten und Verbandszeug zusammengestellt. Du wirst diese Dinge während meiner Abwesenheit brauchen.“

„Danke“, sagte sie erneut.

„Da ist jedoch eine Sache, die du niemals versuchen darfst.“

Sie sah auf, alarmiert von der plötzlichen Strenge in seiner Stimme.

„Versuche niemals, dein magisches Potential zu entfesseln, weil du glaubst, es wäre die einzige Möglichkeit, jemanden zu heilen oder aus welchem Grund auch immer. Magie ist gefährlich, wenn man nicht weiß, wie man sie kontrolliert. Ein untrainierter Magier, der keine Kontrolle über seine Magie hat, ist beinahe so gefährlich wie ein schwarzer Magier. Du würdest deiner Umgebung Schaden zufügen, ohne dass du es willst. Wenn ich fort bin und sich dein magisches Potential entwickelt – sei es durch die Anstrengungen deines Willens oder von selbst – dann wird niemand da sein, um dir zu helfen, es zu kontrollieren. Das muss dir bewusst sein, Viana.“

„Ich verstehe das, Mylord.“

„Sollte es doch passieren, geh zum Fort und bitte die Krieger dort um Hilfe.“

Sie nickte, ihre Augen furchterfüllt.

Dorrien schenkte er ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Wahrscheinlich wirst du nicht in Situationen geraten, wo du etwas tun musst, womit du noch keine Erfahrung hast“, sagte er. „Ich werde wahrscheinlich kaum länger als drei Wochen fort sein. Die Zeit wird schneller vergehen, als du denkst.“

Ihre tironussbraunen Augen begegneten seinen.

„Das hoffe ich.“

„Ich auch“, erwiderte Dorrien. „Und jetzt komm mit in den Garten. Ich werde dir erklären, wie du dich um meine Heilpflanzen kümmern musst.“

Sie gingen verließen das Haus. Die warmen Strahlen der Sonne, das liebliche Gezwitscher der Vögel und der Duft der ersten blühenden Sträucher vermittelte das Gefühl einer unwirklichen Idylle.

Wir haben Krieg, musste Dorrien wieder und wieder denken.

Während der nächsten Stunde erklärte Dorrien seiner Schülerin, wie sie seine Pflanzen bewässern und schneiden musste. Er zeigte ihr, welche bereit waren, geerntet zu werden und woran sie bei den Übrigen erkennen würde, wann diese entsprechend gereift waren.

„Die Beete sind mit einem magischen Schild geschützt, damit Bordas nicht darin wühlt“, sagte er. „Ich werde den Schild aufheben, damit du besser daran arbeiten kannst.“

„Und Bordas?“, fragte sie. „Was mache ich, wenn er an die Beete geht?“

„Bordas wird so lange in seinen Stall am Herd hausen. Das wird es dir erleichtern, ihn zu füttern und mit ihm zu spielen, falls du das möchtest. Einmal pro Woche solltest du seinen Stall ausmisten und frisches Heu einfüllen, aber das kennst du sicher bereits von den Rebern.“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Ihr wollt, dass ich Bordas versorge?“

„Ich kann auch Ela fragen. Aber ich denke, es genügt, wenn einer in meinem Haus nach dem Rechten sieht. Solltest du einmal keine Zeit haben oder krank sein, so sag Ela Bescheid, damit sie sich um alles kümmern kann.“

Viana nickte stumm.

Dorrien lachte. „Du fürchtest dich doch nicht vor einem Enka?“

Sie schüttelte den Kopf. „Es ist nur, als würde ich damit eine Rolle übernehmen, die mir nicht zusteht“, erwiderte sie leise.

Dorrien runzelte die Stirn. Er verstand nicht, was sie damit meinte, und ein Teil von ihm wollte es auch gar nicht wissen.

„Hast du noch Fragen zu den Kräuterbeeten?“

„Nein, Mylord.“

„Gut. Dann schreib dir gleich alles auf, dann kannst du es nicht vergessen.“

Viana schloss die Augen. „Warum werde ich die ganze Zeit das Gefühl nicht los, dass ich Euch niemals wiedersehen werde, Mylord?“, fragte sie leise.

„Viana …“ Dorriens Stimme versagte. Er wollte ihr nicht zeigen, wie sehr fürchtete, was ihre Worte implizierten. Stattdessen machte er einen Schritt auf sie zu und berührte ihre Schultern. „Das hier ist kein Abschied für immer. Wir werden den Sachakanern zeigen, so dass sie es nicht noch einmal wagen werden, sich mit uns anzulegen. In ein paar Wochen bin ich wieder zurück und dann reisen wir nach Imardin, wo ich die höheren Magier davon überzeuge, dich noch zum Beginn des Sommerhalbjahres aufzunehmen.“

„Ich habe solche Angst“, flüsterte sie.

Einem plötzlichen Impuls folgend zog Dorrien sie in seine Arme und drückte ihren Kopf gegen seine Brust. Er wusste, er sollte das nicht tun, aber er konnte den Gedanken nicht ertragen, sie mit ihren Ängsten zurückzulassen. Niemand in Windbruch, auch nicht Loken oder ihr Vater, würden ihr diese Furcht nehmen können.

Dabei war er selbst nicht in der Lage, ihr diese Furcht zu nehmen.


***


Obwohl das Büro des Administrators etwas zugig zu sein pflegte, war die Luft darin zur Mittagsstunde heiß und stickig. Zehn höhere Magier drängten sich darin. Es sollte nur ein kurzes Treffen werden und einen Tag vor dem Aufbruch nach Sachaka waren sie alle zu beschäftigt, um zu den geräumigeren Sieben Bögen zu gehen.

Diejenigen unter ihnen, die in der vergangenen Nacht an den Schildsenkern gearbeitet hatten, gähnten herzhaft. Rothen konnte sich nur an wenige Gelegenheiten erinnern, zu denen er an einem Tag so viel Sumi getrunken hatte. Lord Peakin, der erst später zu ihnen gestoßen war, sah aus, als wäre er allenthalben kurz davor einzunicken. Auch Dannyl gähnte ausgiebig.

„Du hast wirklich keinen Grund, müde zu sein“, murmelte Rothen. „Hattest du dich nicht gestern für ein paar Stunden vor unserer Nachtschicht hingelegt?“

„Schon, aber das hat, ah, meinen Tagesrhythmus durcheinandergebracht.“

Rothen nickte bedeutungsvoll. Er wusste, wie Dannyl war, wenn er ihm auswich. Das hier war eine solche Situation. Wahrscheinlich hatte sein Freund etwas anderes getrieben, auch wenn Rothen sich nicht vorstellen konnte, was das sein sollte. Aber eigentlich gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder es hatte mit seiner Tätigkeit als Botschafter zu tun oder mit der bevorstehenden Schlacht. In beiden Fällen war es für Rothen wahrscheinlich gesünder, es nicht zu wissen.

„Wir sollten die Spione zurückbeordern“, sagte Osen gerade. „Jetzt, wo Marikas Armee Arvice verlassen hat, sollte eine Rückkehr sicher sein.“

Die Spione waren die letzten Kyralier, die noch in Sachaka verweilten. Im Winter hatte die Gilde sie mit einigen anderen Händlern nach Arvice geschickt. Diese hatten ihre Ware inzwischen jedoch verkauft und waren zurückgekehrt, während Merins Spione und die von der Gilde ausgebildeten Händler geblieben waren.

„Ich denke auch, das wäre das beste“, stimmte Lady Vinara zu. „Doch wir sollten sie nicht über die Pässe schicken. Sie könnten den Sachakanern direkt in die Arme laufen.“

„Die Berge sind nur an den Pässen überquerbar, sofern man nicht im Klettern geübt ist“, wandte Balkan ein.

„Liegt Arvice nicht am Meer?“, fragte Garrel. „Sie könnten ein Schiff mieten oder darauf anheuern.“

„Die Sachakaner sind keine Seefahrer“, antwortete der Hohe Lord.

„Aber vielleicht legen Schiffe aus anderen Ländern dort an.“

„Hm“, brummte Balkan und wandte sich an Dannyl. „Botschafter, habt Ihr einen Hafen gesehen, als Ihr in Arvice wart?“

Dannyl schreckte auf, woraufhin Rothen ein Kichern unterdrückte. Jetzt bist du wach, alter Freund, dachte er.

„Nein, Hoher Lord“, antwortete sein ehemaliger Novize. „Die Stadt liegt an einer Flussmündung, aber der Fluss ist nicht besonders tief. Es sind nur wenige Meilen bis zum Meer, aber auch dort ist kein Hafen.“

„Und wie bekommen wir unsere Spione dann nach Hause?“, fragte Peakin.

„Sie nehmen den Weg an der Küste entlang“, sagte Akkarin. „Sie müssten ihre Karren unterwegs zurücklassen, doch jene Region ist kaum besiedelt und frei von Ichani. Die Gilde wird sie für den Verlust selbstverständlich entschädigen.“

Osen runzelte die Stirn. „Also schlagt Ihr vor, dass sie diesen Weg nehmen?“

„Von allen Möglichkeiten ist es die sicherste.“

„Dann teilt ihnen das mit.“ Der Administrator machte sich eine Notiz. „Gibt es irgendwelche Neuigkeiten von unserer Spionin?“, fragte er dann.

„Savara schätzt, dass sie die Ettkriti-Ebene bei ihrem Reisetempo in neun bis zehn Tagen erreichen, das heißt, wir werden kurz vor ihnen dort eintreffen.“

Osen blickte in die Runde. „Gibt es noch etwas zu diskutieren? Oder hat jemand Fragen? Wenn nicht, würde ich dieses Treffen gerne für beendet erklären, da ich annehme, dass jeder von uns bis morgen noch genügend anderes zu erledigen hat.“

„Ich habe noch ein Anliegen“, meldete Peakin sich zu Wort.

„Ja, Lord Peakin?“

„Ich wünsche eine Erklärung von Lord Akkarin zu seinem gestrigen Experiment in der Arena.“

Das Experiment … Als Peakin am vergangenen Abend endlich das Labor betreten und erzählt hatte, was geschehen war, hatten sie ihre Arbeit an den Schildsenkern erneut unterbrochen, um es mit eigenen Augen zu sehen. Auch Rothen brannte darauf zu erfahren, was dabei geschehen war. Die Tatsache, dass der Sand durch die Explosion geschmolzen war, ließ auf eine heftige alchemistische Reaktion schließen. Was auch immer es war, inzwischen hatte sich der Vorfall in der gesamten Universität herumgesprochen und sämtliche Alchemisten in helle Aufregung versetzt.

„Lord Peakin, so sehr ich es bedaure, Euch zu enttäuschen, doch ich habe zurzeit noch keine zufriedenstellende Erklärung“, sprach Akkarin. „Alles was ich habe, sind vage Theorien. Ich werde, meine Vermutungen in einen Bericht schreiben und Kopien für Lord Rothen und den Administrator hierlassen. Ihr seid jedoch eingeladen, das Thema mit mir in den nächsten Tagen zu diskutieren. Auf dem Weg zum Nordpass wird dafür genügend Zeit sein.“ Er erhob sich und nickte den anderen zu. „Doch jetzt entschuldigt mich. Meine Novizin hat gleich ihre Prüfung in Kriegskunst.“

„Wir kommen mit“, sagte Balkan.

Er, Garrel und Vorel folgten ihm nach draußen.

Osen machte ein Gesicht als fühle er sich in seiner Autorität untergraben und Rothen kam nicht umhin, ihn insgeheim zu bedauern.

„Dann erkläre ich die Sitzung hiermit für beendet“, erklärte der Administrator.

Die übrigen Magier verabschiedeten sich und verließen das Büro.

Draußen streckte sich Dannyl. „Sonea hat jetzt also Prüfung“, sagte er. „Kriegskunst für schwarze Magier. Das muss ich mir ansehen.“

„Du hast bereits bei ihrem Unterricht am Vierttag zugesehen.“

„Da hat sie mit Akkarin aber nur gegen andere Magier gekämpft.“ Dannyl grinste. „Ich will sehen, wie sie gegeneinander kämpfen.“

„Ich glaube nicht, dass Zuschauer bei Prüfungen zugelassen sind“, sagte Rothen. „Balkan und die anderen sind nur dabei, weil sie später noch als Gegner gebraucht werden.“

In Dannyls Augen glomm ein Leuchten auf, das Rothen nur allzu gut kannte.

„Ah, aber vielleicht lassen sie mich mitmachen.“

Rothen schüttelte missbilligend den Kopf. „Du bist unverbesserlich. Und du hast als Botschafter definitiv zu viel freie Zeit.“

„Und du bist deswegen neidisch.“

Rothen schnaubte. „Geh und tu, was du nicht lassen kannst. Ich werde jetzt wieder an meine Arbeit gehen.“

Dannyl lachte. „Wir sehen uns später, alter Freund.“

Er winkte und verließ die Universität durch die offenen Türen der Eingangshalle.

Rothen seufzte. Seit Dannyl Botschafter geworden war, war er reifer und erwachsener geworden. Trotzdem hatte er noch immer Flausen im Kopf. Vielleicht sollte ich nicht so hart mit ihm ins Gericht gehen, dachte er. Er hat sich gerade von seiner Mission in Sachaka erholt und morgen wird er erneut dorthin aufbrechen.

Und nicht nur er würde gehen …

Energisch schon Rothen alle Gedanken daran beiseite. Der nächste Tag würde noch früh genug kommen.


***


Wenn er den Gedanken an die nächsten Tage verdrängte, dann war dieses informelle Dinner bei Rothen fast wie ein gemütliches Treffen alter Freunde, fand Dannyl. Dabei waren nicht einmal alle in dieser Runde immer Freunde gewesen. Selbst nach mehreren Gläsern Wein fiel es ihm schwer zu begreifen, wie sehr sich die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Rothen und seinen Gästen im vergangenen Jahr verändert hatten. Oder was sich für ihn in dieser Zeit alles verändert hatte.

Im Nachhinein erschien es Dannyl, als wäre die Ereignisse, seit die Gilde herausgefunden hatte, dass ihr Anführer ein schwarzer Magier war, auf einen einzigen Fluchtpunkt zugelaufen: dem Krieg mit Sachaka. Alles wäre völlig anders gekommen, hätte die Gilde Akkarin nicht für seine Taten bestraft und damit die Aufmerksamkeit ihrer Feinde erregt. Doch dafür war es jetzt zu spät.

Dannyl wusste nicht, ob es ihn erleichtern sollte, dass er morgen inmitten einer Streitmacht von Magiern, bewaffnet mit Speichersteinen, hochexplosiven alchemistischen Mixturen und zwei schwarzen Magiern, die das Hundertfache ihrer natürlichen Kräfte besaßen, erneut nach Sachaka reisen würde. Er machte sich zu viele Sorgen um das, was sein würde, wenn sie scheiterten. In den letzten beiden Tagen hatte er genug beunruhigende Dinge erfahren, um ernste Zweifel an dem Erfolg ihres Unternehmens zu haben.

Zudem war er unendlich müde. Bis in die frühen Morgenstunden hatte er mit Rothen und den anderen die Phiolen fertig abgefüllt und in Kisten verpackt. Anschließend hatte er Tayend, der in seinem Apartment auf ihn gewartet hatte, zum Hafen gebracht. Doch anstatt zu Bett zu gehen, hatte Dannyl anschließend in einer Besprechung der höheren Magier gesessen. Erst am Nachmittag war es ihm gelungen, sich für eine Stunde hinzulegen.

Die ganze Zeit, so schien es ihm jetzt, hatte er an kaum etwas anderes denken können, als daran wie sehr er seinen Gefährten bereits jetzt wieder vermisste.

„Dannyl, alter Freund, was ist mit dir?“

Er zuckte zusammen. Über den Tisch hinweg musterten Rothens blaue Augen ihn besorgt.

„Ich war nur ein wenig geistesabwesend“, antwortete er.

„Dannyl, es macht keinen Sinn, sich wegen des Krieges zu grämen“, sagte Ezrille. „Was geschehen wird, wird geschehen. Ihr solltet lieber den Augenblick genießen.“

Dannyl musste wider Willen lachen. „Darauf trinke ich!“, rief er.

Sie stießen an. An diesem Abend hatten sie bereits auf vieles angestoßen. Die Sachakaner zu besiegen und lebend zurückzukehren waren darunter noch die am wenigsten ausgefallensten Trinksprüche gewesen. Sie hatten auch auf Akkarins Speichersteine und Rothens Schildsenker angestoßen. Und sogar auf Sonea und Akkarin. Zu Dannyls Überraschung hatte sogar Yaldin sich daran beteiligt. Es schien, als war der betagte Magier jetzt, wo es ernst wurde, endlich zur Besinnung gekommen.

Tania servierte das Dessert. Als sie die mit einer Creme und Fruchtmus gefüllten Schalen vor ihnen abstellte, beobachtete Dannyl, wie sie Sonea ein herzliches Lächeln schenkte.

„Sonea, ich habe gemeinsam mit Farand einige Pläne zum Bewässerungsprojekt gemacht“, begann Rothen, als sie das Dessert beendeten. „Möchtest du sie nachher sehen?“

„Sehr gern“, erwiderte sie erfreut.

„Du hast uns allen so viel davon erzählt, dass wir alle das sehen wollen“, sagte Dannyl.

„Also schön.“ Rothen erhob sich und schritt zu einem Regal, an dem eine lange Röhre lehnte. Er zog eine große Karte daraus hervor und rollte sie auf dem Tisch zwischen den Gläsern aus.

„Das ist der Teil der Hüttenviertel, den Farand und ich neulich vermessen haben“, erklärte er. „Ursprünglich hatten wir geplant, die Wasserleitungen unterirdisch zu verlegen, aber wegen des Tunnelsystems der Diebe wird das nicht möglich sein. Deswegen werden wir die Leitungen oberirdisch verlegen und mit Steinen ummauern, damit das Wasser nicht verunreinigt wird.“

Sonea beugte sich über den Plan. „Rothen, das klingt großartig“, sagte sie. „Aber wo wollt ihr das Wasser herbekommen? Doch nicht etwa aus dem Tarali?“

„Wir dachten daran, ein paar Brunnen zu graben, aber wir wissen nicht, wie die Diebe darauf reagieren werden, da wir versehentlich ihre Tunnel anbohren könnten“, sagte Farand.

„Dann geht zu Cery und erklärt ihm euer Problem. Er wird euch sicher erlauben, in seinem Territorium Brunnen zu graben, wenn ihr ihm sagt, dass ich euch zu ihm geschickt habe.“ Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Ihr seid beim Vermessen aber nicht in Cerys Bezirk gewesen, richtig?“

Rothen und Farand zuckten die Schultern.

„Der Äußere Ring ist ein wahres Labyrinth.“

„Das hier sieht mir eher nach Farens oder Limeks Bezirk aus“, murmelte Sonea. Sie sah auf und begegnete Rothens Blick. „Aber ihr solltet trotzdem zu Cery gehen und das mit den Brunnen mit ihm klären. Er kann die anderen Diebe davon überzeugen, dass ihr auf ihren Territorien ebenfalls Brunnen graben dürft, wobei …“ Sie kicherte und berührte den Plan mit einem Finger. „Wenn das hier wirklich Farens Revier ist, dann sollte er euch keine Schwierigkeiten bereiten, wenn ihr ihm meinen Namen nennt.“

Rothen blinzelte verwirrt. „Wieso sollte er das?“

„Weil er sich vor mir fürchtet, seit er mich an die Gilde ausgeliefert hat“, antwortete sie erheitert.

Dannyl und die anderen lachten. Verglichen mit dem, was jenseits der Berge auf sie wartete, erschien ihm die Aufregung, in die Sonea die Gilde vor mehr als drei Jahren versetzt hatte, nun unbedeutend.

„Aber wann wollt ihr das bauen?“, fragte Sonea.

„Da der König sein Einverständnis gegeben hat, jederzeit“, antwortete Rothen. „Bevor der Krieg zu Ende ist, wird es jedoch wenig Sinn machen. Farand und ich hatten überlegt, mit der Kartierung der Hüttenviertel fortzufahren, sollte uns in der Gilde zu langweilig werden.“ Er lächelte schief. „Und so wären wir wenigstens beschäftigt.“

„Jetzt ist es aber genug mit dem Gerede über Arbeit, Projekte und dergleichen“, unterbrach Ezrille sie. „Dieses Essen war eigentlich dazu gedacht, dass wir noch einmal alle beisammen sind und uns ein wenig amüsieren.“

„Da gebe ich Euch völlig recht, Ezrille“, erwiderte Rothen. Er rollte den Plan zusammen und verstaute er wieder in der Holzröhre. „Ich wollte Sonea nur eben die Pläne zeigen. Bevor wir nicht die Phiolen für die Zurückbleiber fertiggestellt haben und sicher ist, dass die Sachakaner geschlagen sind, werden Farand und ich mit dem Projekt nicht fortfahren.“

Ezrille lächelte besänftigt.

Akkarin leerte sein Weinglas. Dann schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. „Sonea und ich werden uns jetzt zurückziehen“, sprach er. „Wir müssen vor unserer Abreise noch ein paar Angelegenheiten regeln. Lord Rothen, ich danke Euch für die Einladung.“

„Das ist doch selbstverständlich.“ Dannyls ehemaliger Mentor lächelte. „Ich wünsche euch beiden noch einen schönen Abend und eine geruhsame Nacht.“ Er warf einen zögernden Blick zu Sonea. „Wir sehen uns doch morgen früh noch, hoffe ich?“

„Auf jeden Fall, Rothen.“ Sonea strahlte, doch ihre dunklen Augen blickten ernst. „Wir werden nicht aufbrechen, ohne dir Lebewohl zu sagen.“

„Ich bringe euch noch zur Tür.“ Rothen stand auf und verschwand mit den beiden schwarzen Magiern.

Plötzlich kicherte Ezrille. Ihr Mann, Dannyl und Farand betrachteten sie verstört.

„Was ist?“, fragte Dannyl.

„Ich musste nur an dieses Dinner bei uns im Spätsommer denken, kurz bevor Ihr zurück nach Elyne gereist seid.“ Ezrille trank einen Schluck Wein und verschluckte sich fast daran. „Wie Recht ich damals doch hatte!“

Dannyl erinnerte sich noch allzu lebhaft an dieses Essen. Damals hatte die gesamte Gilde darüber spekuliert, ob Akkarin eine Affäre mit seiner Novizin hatte. Ezrille hatte Rothen ziemlich in Bedrängnis gebracht, als sie wissen wollte, wie viel an den Gerüchten dran war. Jetzt waren Akkarin und Sonea verheiratet und kaum ein Magier störte sich noch an ihrer Beziehung. Zu Dannyls Erstaunen wurden die beiden schwarzen Magier sogar mehr respektiert denn je.

Doch das konnte auch daran liegen, dass sie die einzige Hoffnung der Gilde waren, die Sachakaner zu besiegen.

Wenige Augenblicke später kehrte Rothen zurück. Er wirkte um Jahre gealtert.

„Wenn ich könnte, würde ich dafür sorgen, dass sie nicht geht“, sagte er leise. „Ich habe kein gutes Gefühl bei dieser Sache, egal ob er auf sie aufpasst oder nicht.“

Keiner seiner Gäste wusste etwas darauf zu erwidern.


***


Sonea schritt unruhig in der Bibliothek auf und ab. An diesem Tag war ihr letzter Unterrichtstag gewesen. Sie hatte ihre Prüfungen hinter sich und es gab keine Hausaufgaben mehr, die sie machen musste. Sie versuchte, den Gedanken daran zu verdrängen, dass sie vielleicht nie wieder Hausaufgaben machen brauchte oder Prüfungen haben würde. In jeder anderen Situation wäre das ein Anlass zur Freude gewesen.

In jeder anderen Situation hätte „nie wieder“ auch nicht bedeutet, dass sie in wenigen Tagen vielleicht nicht mehr leben würde.

Sonea hätte alles für ein wenig Ablenkung gegeben. Das Abendessen bei Rothen hatte nur vorübergehend geholfen. Ihre Speichersteine waren in mehreren Kisten sicher verstaut. Takan war bereits den ganzen Tag mit den Aufgaben beschäftigt, die Akkarin ihm vor ihrer Abreise aufgetragen hatte. Sogar ihr Gepäck hatte er vorbereitet.

Alles, was es zu erledigen galt, war erledigt. Es gab nichts mehr, das zwischen ihr und ihren finsteren Gedanken stand.

Sie ballte ihre Fäuste und stieß frustriert die Luft aus. Ah, wie ich diese Untätigkeit hasse!

Akkarin sah von seinem Buch auf. „Sonea, es besteht kein Grund, nervös zu werden.“

Sonea schnaubte geräuschvoll. „Die Sachakaner sind auf dem Weg zur Grenze. Ihre Streitmacht besteht aus einhundertfünfzig schwarzen Magiern. Wenn das kein Grund ist …“

„Sie werden in frühestens zwei Wochen dort sein“, erwiderte er sanft.

Sie starrte ihn an. Wie konnte er dabei nur so ruhig bleiben?

Akkarin stand auf und fasste sie an den Schultern.

„Sonea, sieh mich an.“

Sie gehorchte widerwillig.

„Es ist einfacher, wenn du nicht darüber nachdenkst“, sagte er. „Es wäre mir lieber, könnte ich dir etwas anderes sagen. Aber ich kann dir keine Gewissheit geben. Nicht dieses Mal.“

„Ich weiß“, flüsterte sie.

Er zog sie in seine Arme und drückte sie an sich.

Ich werde dich nicht verlassen, dachte sie. Wenn wir sterben, dann sterben wir gemeinsam.

Die Tür ging auf.

„Ich bitte um Verzeihung“, murmelte eine fremde Stimme. Sonea wandte den Kopf. Lord Sarrin stand auf der Türschwelle. „Euer Diener hat mich hierher geschickt.“

„Guten Abend, Lord Sarrin“, sagte Akkarin. „Bitte nehmt Platz.“

Er ließ Sonea los und wies auf die Sitzgruppe. Das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten dankte ihm und setzte sich. Akkarin legte Sonea eine Hand zwischen die Schulterblätter und führte sie zu den Sesseln.

„Lord Sarrin, habt Ihr Fragen?“

Der betagte Magier starrte auf den Dolch und die sauberen Tücher, die auf dem kleinen Tisch lagen, und schüttelte den Kopf. Er wirkt nervös, stellte Sonea fest.

„Vielleicht später“, antwortete er.

Akkarin nickte. „Dann bringen wir es hinter uns. Sonea, würdest du dich zur Verfügung stellen, damit ich Lord Sarrin das Prinzip demonstrieren kann? Ich fürchte Takan ist noch mit den Vorbereitungen für die Reise beschäftigt.“

Und wahrscheinlich war das auch besser so, überlegte Sonea. Seit zwei Tagen war der Sachakaner völlig aufgelöst. Am frühen Abend hatte Sonea mitbekommen, wie er und Akkarin ein hitziges Gespräch geführt hatten, weil Takan darauf bestand, sie nach Sachaka zu begleiten. Es war Akkarin nur mit einigen sehr unschönen und nicht besonders fairen Argumenten gelungen, seinen treuen Diener davon abzuhalten. Und obwohl Sonea wusste, es war besser so, tat Takan ihr leid. Er konnte es nur schwer ertragen, von seinem Meister getrennt zu sein. Doch Akkarin brauchte ihn, um direkt mit der Gilde zu kommunizieren.

„Natürlich, Lord Akkarin.“

Sie schlug den rechten Ärmel ihrer Robe zurück und legte ihren Unterarm auf die Armlehne ihres Sessels. Akkarin griff nach einem der Tücher und legte es unter ihren Arm. Dann bedeutete er Lord Sarrin, neben ihn zu treten.

„Wie Ihr wahrscheinlich bereits wisst, muss die äußere Barriere durchbrochen werden“, sagte er. „Ein leichtes Anritzen der Haut genügt dazu völlig.“

Lord Sarrin nickte.

Akkarin reichte ihm seinen Dolch. „Er ist sehr scharf“, warnte er. „Es genügt, wenn Ihr nur ganz leichten Druck damit ausübt.“

Sonea warf ihm einen finsteren Blick zu. Er versuchte doch nicht etwa, sie davor zu beschützen?

„Ich werde vorsichtig sein“, sagte Sarrin mehr zu ihr, als zu Akkarin.

Sonea nickte nur und beobachtete, wie Sarrin sich zu ihr hinab beugte. Seine Hände zitterten sichtlich. Sonea schloss die Augen und bereitete sich darauf vor, dass der Schmerz dieses Mal etwas heftiger sein würde, wenn auch wahrscheinlich nicht so heftig, wie in den zahlreichen Stunden im Dome.

Sie hörte, wie Sarrin einen tiefen Atemzug nahm. Dann berührte der kalte Stahl der Klinge kurz ihre Haut. Der darauffolgende Schmerz war überraschend leicht.

„Legt Eure Hand auf die Wunde“, wies Akkarin den betagten Magier an. „Ich werde Euch nun das Prinzip erläutern und zeigen, wie Ihr den Zuwachs Eurer Kräfte verschleiern könnt.“

Lord Sarrins runzlige Hand schloss sich um ihr Handgelenk.

Sonea lehnte sich zurück und wartete auf die Trägheit. Nach einer Weile spürte sie, wie Lord Sarrin behutsam ein wenig von ihrer Kraft nahm. Dann hörte es abrupt wieder auf. Wenige Augenblicke später begann es erneut. Dieses Mal hielt die Trägheit jedoch länger an.

Nach mehreren Versuchen ließ Lord Sarrin schließlich von ihr ab.

Sonea schlug die Augen auf und heilte den winzigen Schnitt an ihrem Handgelenk. Sie sah hoch zu den beiden Männern. Lord Sarrin wirkte bleich, aber gefasst. Akkarins Miene war so distanziert wie eh und je. Als der betagte Magier ihren Blick auffing, lächelte sie ihm aufmunternd zu, woraufhin er sich ein wenig entspannte.

„Meinen Glückwunsch, Lord Sarrin“, sagte Akkarin. „Damit seid Ihr der dritte schwarze Magier der Gilde.“

„Danke“, stammelte das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten. Er wirkte alles andere als begeistert.

Akkarin wischte das Blut von seinem Dolch. „Die Regeln der Gilde sehen vor, dass Ihr einen Eid leisten müsst, wie Sonea und ich es getan haben. Da diese Sache jedoch vertraulich behandelt werden muss, sollte es vorerst genügen, wenn Ihr diesen Eid vor mir leistet.“

Lord Sarrin nickte ernst.

„Ich, Lord Sarrin von Eril, Haus Korin, ehemals das Oberhaupt der Alchemisten, gelobe schwarze Magie einzig zur Verteidigung Kyralias einzusetzen und nur damit zu töten, sollte es keine andere Möglichkeit geben, diese Verteidigung zu gewährleisten“, sprach er, eine Hand auf die Brust gelegt. „Ich gelobe, mein darüber erlangtes Wissen nur weiterzugeben, wenn mein Tod absehbar ist, und ich gelobe, meinen Nachfolger sorgfältig auszuwählen. Ich erkenne an, dass ein Bruch dieses Eids mit dem Tode bestraft wird.“

Als er fertig war, schwieg Akkarin eine lange Weile. Sonea betrachtete ihn gespannt, während er Sarrin mit seinen dunklen Augen durchbohrte. Dann endlich lehnte er sich mit einem kaum merklichen Nicken zurück.

„Lord Sarrin, habt Ihr jetzt Fragen?“

„Allerdings.“

„Setzt Euch.“

Sarrin gehorchte schwach.

Akkarin legte seinen Dolch zur Seite. Dann holte er drei Weingläser aus einer Vitrine und befüllte sie mit Wein.

„Ist das wirklich alles, was ich über schwarze Magie wissen muss?“, fragte das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten, nachdem er einen Schluck Wein getrunken hatte. „Ich dachte, das Wissen, das Ihr und Sonea hütet, wäre weitaus größer.“

„Was ich Euch gezeigt habe, genügt um zu töten“, antwortete Akkarin. „Dazu braucht Ihr Eure Quelle nur vollständig zu erschöpfen. Liegt Euer Opfer bereits im Sterben, so müsst Ihr die Magie nehmen, bevor er oder sie die Kontrolle darüber verliert.“

„In dieser Bibliothek befindet sich unser gesammeltes Wissen“, fügte Sonea hinzu. „Die Bücher sind allesamt in der obersten Reihe in dem Gang am Fenster. Dort findet Ihr das Buch mit der Anleitung für die Speichersteine und weiteren Anwendungen, zu denen uns leider die Zeit gefehlt hat, sie auszuprobieren. Für den Fall, dass die Sachakaner bis Imardin kommen, müssen diese Bücher unbedingt vor ihnen in Sicherheit gebracht werden.“

Lord Sarrin nickte langsam.

„Die von uns durchgeführten Versuche sind ausführlich dokumentiert“, sagte Akkarin. „Doch auch die anderen Versuche sollten für jemanden mit umfangreichem Wissen über Alchemie durchführbar sein, sofern man in das Geheimnis schwarzer Magie eingeweiht ist.“

„Das wird mir die Sache erleichtern, sollte ich gezwungen sein, auf dieses Wissen zurückzugreifen“, erwiderte Lord Sarrin.

Akkarin musterte ihn nachdenklich. „Lord Sarrin, da wäre etwas, worum ich Euch bitten muss“, sagte er. Er trank einen Schluck Wein und drehte sein Glas dann zwischen seinen langen Fingern. „Sollten Sonea und ich in Sachaka scheitern, so wird Euch die Aufgabe zuteilwerden, die Überreste der Gilde zu retten. Wenn die Sachakaner nach Kyralia kommen, so bildet von den Überlebenden so viele zu schwarzen Magiern aus, wie nötig ist, um die Sachakaner zu schlagen.“

Seine dunklen Augen bohrten sich in die Sarrins. „Da Euch nur eine Woche bleiben wird, bis sie Imardin erreichen, werdet Ihr die Unterstützung der Stadtbevölkerung in Anspruch nehmen müssen, so wie es unsere Vorfahren während des Sachakanischen Krieges getan haben. Captain Ceryni wird Euch helfen, Quellen zu rekrutieren. Er ist zudem der beste Ansprechpartner, um Sachakaner aufzuspüren.“

Bei seinen Worten erschauderte Sonea. Akkarins Worte waren nur die logische Konsequenz aus einem möglichen Scheitern. Aber Akkarin sprach sie mit einer Gewissheit, die ihre Furcht vor der bevorstehenden Schlacht noch vergrößerte.

Lord Sarrin stellte sein Weinglas zur Seite. „Hoher … Lord Akkarin, ich werde alles in meiner Macht stehende tun, um Kyralia zu beschützen, sollte das Euch und Sonea nicht mehr möglich sein“, gelobte er.

Sonea betrachtete Lord Sarrin überrascht. Ihre Vermutungen von jenem Abend, an dem sie ihn gebeten hatten, ihre Aufgabe zu übernehmen, schienen nun bestätigt. Sie warf einen Blick zu Akkarin. Seine Miene zeigte nicht die geringste Regung.

„Ich habe nichts anderes von Euch erwartet, Lord Sarrin“, erwiderte Akkarin. „Ich bin sicher, Ihr werdet Eurer Aufgabe verantwortungsvoll nachkommen.“

„Ich hoffe, das wird nicht nötig sein.“ Lord Sarrin leerte sein Weinglas und erhob sich. „Ich werde nun gehen. Gewiss habt Ihr und Sonea noch Vorbereitungen für morgen zu treffen.“

Akkarin nickte. „Wir bringen Euch zur Tür.“

Er erhob sich und trat zu Sonea. Sie ergriff seine ausgestreckte Hand und ließ sich von ihm hinunter in die Empfangshalle führen.

„Lord Sarrin, ich möchte Euch für Eure Bereitschaft, unsere Aufgabe zu übernehmen, danken“, sprach Akkarin, als sie am Fuße der Treppe angekommen waren. „Sonea und ich stehen tief in Eurer Schuld.“

Lord Sarrin lächelte. Das Blau seiner Augen wirkte mit einem Mal zu wässrig. „Das ist das mindeste, das ich tun kann.“ Er neigte leicht den Kopf und lächelte Sonea zu. „Viel Glück Euch beiden.“

Akkarin legte einen Arm um Soneas Schulter. „Ich wünsche Euch eine geruhsame Nacht.“

Der betagte Alchemist nickte, dann wandte er sich ab und schritt zur Tür.

„Liege ich richtig mit der Annahme, dass Balkan nichts von deinem Plan mit Lord Sarrin weiß?“, fragte Sonea, nachdem sich die Tür hinter dem ehemaligen Oberhaupt der Alchemisten geschlossen hatte.

„Es besteht keine Notwendigkeit, Balkan damit zu behelligen, solange nicht absehbar ist, dass die Gilde Sarrin braucht“, antwortete Akkarin. „Er hat bereits genug Sorgen. Zudem wäre es mir lieber, unsere Notfallpläne vor der Gilde geheim zu halten, damit die Sachakaner es nicht aus den Gedanken eines unserer Magier erfahren.“

Sonea betrachtete ihn zweifelnd. Sie fragte sich, ob er sich damit nicht nur die Diskussion mit den höheren Magiern ersparen wollte, die unweigerlich folgen würde, wenn diese von Sarrin erfuhren.

„Doch um deinen weiteren Fragen vorzubeugen“, fuhr Akkarin fort, „Lord Sarrins Ausbildung zum schwarzen Magier wird uns keine Schwierigkeiten bereiten.“

Das ließ nicht viel Platz für Spekulationen. Sonea hatte eine vage Ahnung, was Akkarin damit gemeint hatte und wem er diese Vollmacht zu verdanken hatte.

Wer hätte gedacht, dass ich nach allem, was er getan hat, Sympathie für ihn empfinden würde?

„Nun, Sonea, das ist unser letzter Abend hier“, riss Akkarin sie aus ihren Gedanken. „Was möchtest du gerne machen?“

Überrascht wandte sie sich ihm zu.

„Ich weiß nicht“, antwortete sie. Sie konnte sich nichts vorstellen, das sie so weit von den nächsten Wochen ablenken würde, dass sie sich entspannen konnte. Aber sie würden vielleicht nie wieder einen gemeinsamen Abend in der Arran-Residenz verbringen. Der Gedanke ließ ihr Herz schwer werden. Am besten, sie tat etwas, bei dem sie genug nachdenken musste, um von der unmittelbaren Zukunft abgelenkt zu sein.

„Eine Runde Kyrima“, sagte sie dann. „Und jede Menge Wein.“

Akkarin hob die Augenbrauen. „So, Kyrima also.“

Anscheinend hatte er nicht mit einer solchen Antwort gerechnet. Doch immerhin erhob er keine Einsprüche gegen den Wein. Nach dem feuchtfröhlichen Dinner bei Rothen hätte Sonea besser daran getan, auf weiteren Wein zu verzichten. Doch wen kümmerte das, wenn sie am nächsten Tag keinen Unterricht hatte?

Sonea grinste und sah herausfordernd zu ihm auf. Plötzlich wusste sie, was sie wollte.

„Wenn ich gewinne, dann darf ich für den Rest des Abends mit dir machen, was ich will.“

„Sonea, du hast erst drei Mal gegen mich gewonnen“, erinnerte er.

„Ich weiß, aber so habe ich eine Herausforderung. Ich will wissen, wie es ist.“

„Gegen mich zu gewinnen?“

„Mit dir zu machen, was ich will.“

„Du würdest dich sehr bald langweilen.“

Sie reckte ihr Kinn vor. „Hast du Angst?“

Akkarin schüttelte den Kopf. Er zog Sonea zu sich. „Wenn ich gewinne, dann gehörst du mir“, sagte er leise.

Sonea erschauderte. „Das tue ich doch schon“, flüsterte sie und legte ihre Arme um ihn.

„Ich weiß nicht, ob ich sanft sein werde“, warnte er sie.

„Hör auf“, sagte sie. „Sonst bin ich gezwungen, freiwillig gegen dich zu verlieren.“
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