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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
118
Alle Kapitel
395 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
27.06.2013 13.832
 
Hallo ihr Lieben,

ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für euch und ich werde mit der guten beginnen:

„Der Spion“ wurde für den Fanfiktion Award 2014 nominiert. Wer auch immer das von euch gewesen ist (und ich will es auch gar nicht wissen^^), dir gilt mein tiefster Dank! Ich freue mich darüber so unglaublich, dass ich es kaum in Worte zu fassen vermag. Und noch mehr würde ich mich freuen, wenn ihr bis Ende September alle ganz kräftig für meine Story abstimmen würdet. Mehr dazu könnt ihr auch hier erfahren: http://forum.fanfiktion.de/t/24386/4/#jump2955441


Und jetzt die schlechte Nachricht:

Auch dieses Kapitel wird noch einmal fluffig werden, doch davon solltet ihr euch davon nicht täuschen lassen ;) Ich kann euch nur ans Herz legen, dieses Kapitel zu genießen. Denn es wird für lange Zeit das letzte seiner Art sein, da es jetzt mit großen Schritten auf Teil 2 zugeht und dieser alles, nur nicht fluffig wird.

Ich hoffe, ihr mögt auch Drama ;)


So, und jetzt geht’s los! Viel Spaß beim Lesen!








***





Kapitel 51 – Ein Tag am Meer



„Sonea, wach auf.“ Sonea fuhr aus einem traumlosen, wenig erholsamen Schlaf hoch. Sie war fest überzeugt, erst vor wenigen Augenblicken eingeschlafen zu sein. Die Schwärze hinter den Fenstern war absolut. Das war beunruhigend.

„Was … ?“, murmelte sie.

„Es ist Zeit, aufzustehen.“

Akkarin saß auf ihrer Seite des Bettes und betrachtete sie mit gerunzelter Stirn. Zu Soneas Verwirrung war er bereits vollständig angekleidet. Sie entschied, das konnte nichts Gutes bedeuten.

„Sind die Sachakaner hier?“, fragte sie.

Er schüttelte den Kopf. „Wir müssen zum Hafen. Cery erwartet uns.“

Sonea unterdrückte ein Stöhnen, als ihr wieder einfiel, dass an diesem Tag ihr heimlicher Ausflug stattfinden sollte. Am vergangenen Abend hatten sie zu lange und zu viel gefeiert, es war noch mitten in der Nacht. Und sie wollte nichts als schlafen.

Aber das war unmöglich. Das hier war vielleicht ihre letzte Gelegenheit auf einen unvergesslichen Tag, bevor alles ein Ende fand. Sie durfte diese Chance nicht verschwenden.

„Musst du mich so erschrecken?“, fragte sie unwillig. Sie fand, er hätte sie etwas sanfter wecken können. Schließlich stand nicht der Weltuntergang bevor.

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Ich hatte versucht, das zu vermeiden. Doch du hast zu fest geschlafen.“ Er reichte ihr eine Hand und half ihr auf. „Steh auf und zieh dich an. Wir haben nicht viel Zeit.“

Sonea begnügte sich damit ihn anzufunkeln und kleidete sich an, während sie ihre Müdigkeit mit ein wenig Magie vertrieb. Als die Benommenheit wich, erinnerte sie sich wieder, dass der Abend noch lange nicht zu Ende gewesen war, nachdem die letzten Gäste gegangen waren. Und daran war sie genauso schuld wie Akkarin. Sie hatte gewusst, dass sie am nächsten Tag müde sein würde, doch das hatte sie nicht gekümmert. Sie runzelte die Stirn. Hatte sie überhaupt geschlafen?

Während sie durch den Wald eilten, glaubte Sonea im Osten einen Silberstreifen auszumachen. Die Gebäude der Universität lagen noch im Dunkeln. Sich in den Schatten haltend, schlichen sie zur Treppe, eilten die Stufen hinauf und betraten die Eingangshalle, wo Akkarin sie in einen dunklen Flur zog.

- Wäre Osens Büro nicht die einfachere Variante?, fragte Sonea.

- Zu gefährlich. Er könnte bemerken, dass jemand dort war. Wir nehmen die Inneren Passagen.

An einer Kreuzung bogen sie in einen anderen Flur ein. Sonea wusste, es gab hier mehrere Zugänge zu den inneren Passagen.

Plötzlich fuhr Akkarin herum. Er legte eine Hand auf ihren Mund und zog sie in eine Nische.

- Was soll das? fuhr sie ihn an. Ich dachte wir müssen uns beeilen.

- Rebellisch wie eh und je, bemerkte er trocken und packte sie fester. Doch es ist bemerkenswert, woran du zuerst gedacht hast.

Sonea brummte unwillig und verkniff sich eine Bemerkung darüber, dass er nicht auf die Idee kommen sollte, unverschämt zu werden, nur weil sie jetzt seine Frau war. Sie beschlich eine dunkle Ahnung, dass er sich gerade über sie amüsierte.

- Was soll ich denn sonst denken, wenn du mich plötzlich in eine finstere Ecke zerrst? gab sie zurück.

Akkarin lachte leise, ließ sie jedoch nicht los.

- Hör doch.

Und dann hörte Sonea es auch. Ein Schlurfen, das allmählich näherkam und dazu ein raues Gemurmel. Instinktiv drängte sie sich an Akkarin, der mit ihr tiefer in die Schatten wich.

Ein sehr betagter Magier mit schütterem Haar schlurfte an ihnen durch den dunklen Korridor. Während er unverständliche Wörter oder Formeln murmelte, fuchtelte er mit seinen Händen. Sonea wagte kaum zu atmen. Was, wenn er sie bemerkte?

Zu ihrer Erleichterung setzte der Magier setzte seinen Weg fort, ohne sich umzublicken. Er erreichte eine Kreuzung, dann war er außer Sicht. Erst als seine Schritte verhallt waren, ließ Akkarin sie los.

- Was war denn das?

- Das war Lord Groden. Ein schon lange pensionierter Alchemist. Er neigt zum Schlafwandeln. Unglücklicherweise weigert er sich vehement, aus seinem Quartier in eine der Residenzen zu ziehen.

- Bist du ihm schon öfter nachts begegnet?

- Was glaubst du?

Sonea schüttelte amüsiert den Kopf. Etwas anderes hätte sie von ihm eigentlich nicht erwarten brauchen.

Sie atmete auf, als sie endlich die Geheimgänge erreichten. Sie schlugen ein schnelles Tempo an, da Cery noch vor Sonnenaufgang auslaufen wollte und Sonea hatte Mühe, mit Akkarin Schritt zu halten.

Ihr Freund erwartete sie dort, wo der Tunnel in die Straße der Diebe überging. „Hai!“, rief er. „Da seid Ihr ja endlich!“

„Uns ist etwas dazwischen gekommen“, sagte Akkarin.

Cery hob vielsagend die Augenbrauen und Sonea unterdrückte ein entnervtes Stöhnen.

„Kommt“, sagte ihr Freund. „Wir gehen eben in mein Gästequartier. Ich hab’ dort ’n paar Sachen für euch.“

Unterwegs sprachen sie nur wenig. Sonea war noch immer müde und verspürte sie nicht den geringsten Drang, weiter zu Akkarins Erheiterung beizutragen. Sie hoffte, ihre Stimmung würde sich heben, sobald sie auf dem Meer waren.

Nach einem schnellen Marsch erreichten sie Cerys Versteck. Er brachte sie in den Raum, in dem sie in den beiden Nächten vor der Schlacht im vergangenen Sommer geschlafen hatten.

Auf dem Bett lagen zwei unterschiedlich große Bündel.

„Ich warte draußen“, sagte Cery und schloss die Tür hinter sich.

Sonea ging zu dem kleineren Bündel und öffnete es. Ihr stockte vor Überraschung der Atem. Es enthielt ein Kleid und einen Umhang, beides aus kostbaren Stoffen geschneidert.

„Oh, Akkarin, sieh dir das an!“, rief sie das Kleid emporhaltend. Der dunkelblaue Stoff glänzte samtig und der Saum der weiten Ärmel und der Ausschnitt waren mit Silberfäden bestickt.

Akkarin musterte das Kleid. „Dein Freund hat einen guten Geschmack“, bemerkte er.

Sie lächelte. „Ich ziehe mich jetzt um. Sieh erst hin, wenn ich es dir sage.“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Sonea, sei nicht albern“, ermahnte er sie. „Ich weiß, wie du nackt aussiehst.“

„Das weiß ich, aber ich will trotzdem, dass du wegsiehst.“ Er sollte das Kleid erst an ihr sehen, wenn sie es fertig angezogen hatte. „Also würdest du dich bitte wegdrehen?“

Ohne einen weiteren Kommentar drehte Akkarin ihr den Rücken zu und begann seinen Beutel zu untersuchen.

Sonea streifte ihre Robe ab und zog das Kleid über. Nach diversen Anproben ihres Hochzeitskleides waren die vielen Schnürungen und Ösen kein Hindernis mehr. Als sie fertig war, betrachtete sie sich im Spiegel. Das Kleid saß, als wäre es ihr auf den Leib geschneidert. Die Kette, die Akkarin ihr am Abend zuvor geschenkt hatte, betonte das ausladende Dekolleté. Ihre glatten, dunklen Haare fielen wie ein fließender Vorhang über ihre Schultern und ließen sie wie eine junge Frau aus den Häusern aussehen.

Sonea war hingerissen. Heute werde ich mein Haar noch offen tragen, entschied sie. Es genügt, wenn ich ab morgen die gehorsame, kyralische Ehefrau bin. Zudem war sie überzeugt, Akkarin damit besser zu gefallen, auch wenn er das nicht zugab.

„Du darfst dich jetzt umdrehen“, sagte sie und löste ihren Blick vom Spiegel.

Akkarin wandte sich ihr zu. Er trug dunkle Hosen, ein Hemd, das vorne leicht offen stand und eine Jacke mit goldenen Knöpfen und einer breiten Schärpe. Bei seinem Anblick brach Sonea in lautes Gelächter aus.

Er runzelte die Stirn. „Was ist so komisch?“

„Du siehst aus wie ein Pirat!“ Sonea rang nach Luft. „Allerdings wie ein rasierter. Ich werde Cery fragen, ob er ein Schwert für dich hat.“

„Ich hätte es wissen müssen“, murmelte Akkarin. Ein Anflug von Missbilligung flog über seine Züge. Dennoch kam er näher und schlang einen Arm um ihre Taille. „Werde ich dir das jemals abgewöhnen können?“

Sie sah herausfordernd zu ihm auf. „Du kannst es ja versuchen.“

„Dessen kannst du gewiss sein“, erwiderte er und küsste sie verlangend.

Soneas Puls beschleunigte sich und der Wunsch, dass er sie auf das Bett warf und ihr das Kleid wieder auszog, wurde übermächtig. „Nicht“, flüsterte sie, als er von ihr abließ.

Akkarin lachte leise. „Dazu haben wir noch den ganzen Tag Zeit.“ Er warf sich seinen Umhang über die Schultern und schritt zur Tür. „Wir sollten die Dunkelheit nutzen, um unerkannt zum Hafen zu kommen.“

Auf dem Flur schritt Cery unruhig auf und ab. „Was habt ihr so lang da drin getrieben?“, fragte er. Als er Sonea erblickte, weiteten sich seine Augen. „Hai! Das steht dir wirklich gut!“

Sonea lächelte. „Danke. Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat.“ Sie unterdrückte ein Kichern. „Hast du zufällig ein Schwert?“

„Was willst du mit ’nem Schwert?“

„Sonea hat sich in den Kopf gesetzt, sich heute auf meine Kosten zu amüsieren“, erklärte Akkarin trocken, bevor sie die Frage beantworten konnte. „Gib ihr was sie will und sie wird sich schneller langweilen.“

Sonea schnaubte. Als würde er sich nicht den ganzen Morgen auf ihre Kosten amüsieren! Ihr Freund war derweil in lautes Gelächter ausgebrochen.

„Lord Akkarin, ich würde Euch ja helfen, aber ich hab’ kein Schwert.“

„Aber du könntest ihm eins besorgen“, wandte Sonea ein. „Schließlich bist du ein Dieb.“

„Schon“, gab Cery zu. „Aber dazu ist keine Zeit.“ Er schritt zu der Tür, durch die sie gekommen waren, und betätigte den Mechanismus. „Denkt dran, ihr seid jetzt feine Leute aus den Häusern, die ’nen Ausflug aufs Meer machen. Also keine Magie. Wir werden die Straße der Diebe in der Nähe des Hafens verlassen. Zu auffällig, euch durch die Hüttenviertel dorthin zu bringen.“

Er entzündete eine Laterne und stieg in die Dunkelheit des Tunnels. Sonea und Akkarin zogen die Kapuzen ihrer Umhänge über und folgten ihm. Akkarins kühle Hand schloss sich um ihre.

- Du kannst es nicht lassen, nicht wahr?

- Das weißt du doch, erwiderte sie. Ich will dir nur die Chance geben, deinen Kindheitstraum zu verwirklichen. Außerdem muss ich dir eine Herausforderung bleiben. Ich bin oft genug dein kleiner, gehorsamer Yeel.

- Kleiner, gehorsamer Yeel?wiederholte er.

Sonea zuckte die Schultern.

- Es ist das, was die Sachakaner von mir sagen. Ich mag es nicht, aber irgendwie haben sie damit recht.

Akkarin erwiderte darauf nichts. Mehrere Minuten vergingen, in denen sie Cery schweigend durch den Tunnel folgten.

- Du kannst so rebellisch sein, wie du willst, solange du es tust, wenn wir alleine sind und du dabei nicht respektlos wirst, sandte er schließlich.

- Ja, Lord Akkarin, erwiderte sie ernsthaft.

Sie wäre nie auf die Idee gekommen, ihn vor der Gilde oder den Häusern bloßzustellen und den Eindruck erwecken, er habe sie, die schwarze Magierin aus den Hüttenvierteln, nicht unter Kontrolle. Zudem war er noch immer ihr Mentor. Und sollte es ein Danach geben, so hatte Sonea entschieden, ihr Verhalten ihm gegenüber selbst dann nicht zu ändern. Es stimmte, sie war hin und wieder rebellisch und ungehorsam, doch dafür hatte sie immer einen guten Grund gehabt. Sie liebte und respektierte Akkarin zu sehr, um zu einer zweiten Luzille zu werden.

- War ich je respektlos?, fragte sie.

- Nein.

- Stört es dich, wenn ich rebellisch bin?

- Auf eine gewisse Weise finde ich es charmant.

Sonea lächelte und kam nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen. Sie drückte seine Hand, während sie ihren Weg durch die Tunnel fortsetzen.


***


Allmählich verflüchtigte sich der Morgennebel in der Flussmündung und enthüllte einen blassblauen Himmel. Obwohl die Sonne wenig zuvor hinter der Stadt aufgegangen war, war sie durch den Dunst nur schemenhaft zu erkennen. Je weiter die Küste hinter ihnen zurückfiel, desto diffuser und heller wurde die hartumrandete orange Scheibe jedoch.

Cery verließ die kleine Brücke der Pantoffelmädchen, auf der Kerran das Steuer übernommen hatte und trat zum Bug. Nachdem sie die Stadt hinter sich gelassen hatten, hatte er Akkarin und Sonea erlaubt, den Raum unter Deck zu verlassen, in dem er für gewöhnlich Schmuggelware beförderte. Jetzt standen sie an der Reling. Akkarin hatte einen Arm um Soneas Taille gelegt und deutete mit dem anderen auf irgendetwas auf dem Meer.

„In ’ner Stunde sind wir da“, teilte Cery den beiden mit. Seine Arme auf die Reling stützend, stellte er sich neben sie. „Was haltet ihr von Frühstück?“

„Eine gute Idee“, sagte Akkarin und Sonea fügte hinzu: „Oh, Cery, das wäre doch nicht nötig gewesen.“

Cery winkte ab. „Das mach’ ich gerne.“ Er wies hinter sich. „Im Heck gibt’s ’nen windgeschützten Platz. Wir können dort frühstücken.“

Sonea strahlte. „Das klingt gut.“

Cery schritt zur Kajüte, in der sich eine kleine Ansammlung von Essgeschirr und Besteck befand. Den Vorratsschrank hatte er eigens für diesen Tag mit Delikatessen aufgestockt, von denen er wusste, dass die Magier sie morgens zu verzehren pflegten.

Ein Tablett zur Hand nehmend, stapelte Cery alles darauf, was es für ein gutes Frühstück brauchte und trug es hinaus. An der Tür wäre er fast mit Akkarin zusammengestoßen.

Cery zuckte zusammen.

„Ceryni, kann ich dich einen Augenblick sprechen?“

„J-ja“, stammelte Cery und zwang sich, ruhig zu atmen. „Natürlich, Lord Akkarin.“

Er trat zurück in die Kajüte und bedeutete Akkarin, einzutreten.

Der schwarze Magier duckte sich unter der niedrigen Tür hindurch und senkte seine Stimme. „Sollten Sonea und ich nicht aus Sachaka zurückkehren, wird ein anderer an meine Stelle treten. Sein Name ist Sarrin. Er war viele Jahre das Oberhaupt der Alchemisten, befindet sich inzwischen jedoch im Ruhestand. Sollte er die Hilfe der Diebe benötigen, unterstütze ihn mit allen Mitteln. Ich erwarte, dass du dies vertraulich behandelst.“

„Ihr könnt Euch auf mich verlassen“, versicherte Cery. Als er jedoch erkannte, was das bedeutete, wurde ihm kalt. „Die Chancen stehen schlecht, nicht wahr?“

„Ja. Die Gilde ist so gut vorbereitet, wie sie nur kann. Doch im Gegensatz zu den Sachakanern hat sie nur zwei schwarze Magier.“

Cery sah zu Sonea, die sich an die Reling gelehnt hatte. Eine sanfte Brise wehte durch ihr Haar, das länger war, als er es je bei ihr gesehen hatte. „Weiß sie davon?“

„Ja. Es besteht jedoch keine Notwendigkeit, sie heute mit diesem Thema zu konfrontieren, solange es nicht unvermeidbar ist. Ich will, dass sie diesen Tag genießt.“

Cery nickte. Er hatte so eine Ahnung, dass Sonea bereits genug von dem bevorstehenden Krieg verfolgt wurde. Wenn er genau hinsah, konnte er es in ihren Augen sehen. Vielleicht ist das der letzte schöne Tag, den sie erleben wird, fuhr es ihm durch den Kopf. „Ich werd’ ihr gegenüber die Klappe halten.“

„Danke.“ Akkarin wandte sich um und kehrte zurück zu Sonea.

Ein Lächeln aufsetzend folgte Cery ihm zurück aufs Deck.

„Frühstück’s fertig!“

Während er zu dem Baldachin am Heck schritt, hörte er die Schritte von zwei Paar Stiefeln hinter sich.

„Cery, du brauchst uns wirklich nicht bedienen!“, sagte Sonea, als er das Tablett auf einem kleinen Tisch abstellte und alles darauf arrangierte.

„Keine Widerrede“, entgegnete er. „Ihr seid heute meine Ehrengäste. Das Wasser für den Raka’s aber kalt. Es zu kochen, würde ’ne Weile dauern.“

„Das ist kein Problem.“ Sonea setzte sich und griff nach dem Krug. „Dafür haben wir Magie.“ Sie öffnete eine kleine Dose und verzog das Gesicht. „Ich glaube, das ist für dich“, sagte sie und reichte die Dose an Akkarin weiter.

„Wenn du Raka willst, dann ist das die Richtige.“ Cery reichte ihr eine zweite Dose, die genauso aussah wie die mit den Sumiblättern, die er frisch aus Lan geschmuggelt hatte. „Ist ausgezeichnete Qualität.“

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Akkarin fragend eine Augenbraue hob. Cery fühlte sich ertappt. Gewiss wusste der schwarze Magier, war er hinter dem Rücken der Stadtwache trieb.

„Es ist wahr“, sagte Sonea zu ihrem Mann gewandt, während sie Raka in die Tasse löffelte. Die Flüssigkeit darin begann zu dampfen. „Du würdest die Qualität erkennen, wenn du es einmal versuchst.“

„Ich bin sicher, Cerynis Raka ist von ausgezeichneter Qualität. Der Geruch bleibt ungeachtet dessen unerfreulich“, sagte Akkarin trocken.

Sonea lachte. „Als Pirat solltest du das aber!“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Piraten bevorzugen Getränke, die mindestens so stark sind wie Bol. Ich bezweifle, dass es auf diesem Schiff etwas dergleichen gibt.“

„Also dass du das weißt, sagt ja schon alles“, murmelte Sonea. Sie hob ihre Tasse und trank einen Schluck, wobei sie ein Gesicht machte, als müsse sie sich sehr auf diese Tätigkeit konzentrieren, um nicht erneut in Gelächter auszubrechen.

„Als Kind habe ich viele Abenteuergeschichten gelesen.“

„Ich hab’ Siyo“, sagte Cery grinsend. „Das ist’n starker Schnaps, den die Vindo trinken.“ Er hatte nicht die geringste Ahnung, was für ein privater Scherz das zwischen den beiden war, doch er entschied mitzuspielen, solange es Sonea glücklich machte. „Soll ich ihn holen?“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Heute Abend.“

„Ich werd’s nicht vergessen“, versprach Cery mit einem Blick zu Sonea. Als sie aufsah, zwinkerte er ihr zu. Man könnte meinen, die beiden wären schon seit Jahren verheiratet, fuhr es ihm durch den Kopf.

Sie begannen zu frühstücken. Cery bereitete sich seinen eigenen Raka zu und ließ Sonea das Getränk erwärmen. Während Akkarin die kleinen Brötchen zu bevorzugen schien, war Sonea von den Kegelkuchen, die er bei einem Bäcker im Inneren Ring gekauft hatte, überaus angetan. Unter dem Baldachin waren sie vor dem Wind, der so weit von der Küste aufgefrischt war, geschützt und so wurde es im Schein der Sonne rasch behaglich warm.

„Danke für das Kleid, Cery“, sagte Sonea, als sie fertig war. Sie leerte ihre Tasse und wandte sich ihm zu. „Es ist wunderschön und es passt, als wäre es mir auf den Leib geschneidert.“

Cery grinste. „Tatsächlich ist es dir auf den Leib geschneidert.“

Ihre Augen weiteten sich. „Wie hast du das geschafft?“

„Ah, ich hab’ meine Beziehungen spielen lassen und einen gewissen elynischen Schneider aufgestöbert.“

Sie starrte ihn an. „Du hast Verrane meine Maße abgekauft?“

„Das war gar nicht nötig. Er hat das Kleid geschneidert.“

„Cery, das geht doch nicht. Das ist doch viel zu teuer. Außerdem werde ich es nach heute nie mehr tragen können.“

„Sonea, ich will, dass du’s behältst“, erwiderte Cery. „Ihr beide könnt die Sachen behalten. Falls ihr euch irgendwann mal verkleiden müsst.“

„Das ist ein Argument“, murmelte Akkarin.

Sonea öffnete protestierend den Mund und schloss ihn wieder. „Danke, Cery“, sagte sie dann.

Eine Weile genossen sie die Wärme unter dem Baldachin, während der Wind leise in den Segeln knatterte. Ein Blick nach vorne teilte Cery mit, dass es keine halbe Stunde mehr sein würde, bis sie die Insel erreichten.

„Wo ist eigentlich deine Freundin?“, erkundigte sich Sonea. „Warum hast du sie nicht mitgebracht?“

„Nenia geht’s heute nicht gut“, antwortete Cery. „Und sie hat Angst, das Meer könnte ihr nicht bekommen.“

„Seekrankheit kann man heilen“, wandte Sonea ein.

„Darum geht’s nicht. Sie hat Angst, dass es dem Baby schadet.“

„Es wäre sicher besser als den ganzen Tag die Luft in den Hüttenvierteln zu atmen“, bemerkte Sonea.

„Die Schwangerschaft bekommt ihr nicht gut. Der Tag gestern war für sie sehr anstrengend.“ Auch Donia hatte eine Phase durchgemacht, in der es ihr schlecht ergangen war, doch Cery hatte den Eindruck, dass es bei Nenia irgendwie länger dauerte. Sie hatte die letzten zwei Tage vor Soneas Hochzeit nahezu die ganze Zeit im Bett gelegen, um ihn begleiten zu können. Trotzdem war sie an diesem Morgen ein Häuflein Elend gewesen.

„In wievielten Monat ist sie?“, fragte Sonea.

Cery hob die Schultern. Woher sollte er das wissen? Er war kein Heiler.

„Du musst doch wissen, wann ihr das erste Mal ...“ Sie brach ab. „Irgendwann ab da muss es ja passiert sein.“

„Ich bin nicht der einzige Mann, der sie in dieser Zeit hatte.“

Soneas Augenbrauen zogen sich zusammen, was sie so finster wirken ließ, wie zuweilen ihren Mann. „Cery, du solltest mindestens alle zwei Wochen mit ihr in das Krankenhaus im Äußeren Ring gehen. Zur Sicherheit.“

„Nenia hat Angst vor den Magiern“, sagte Cery. „Das gestern war für sie in Ordnung, weil ich dabei war und ich ihr gesagt hab’, dass es Freunde von dir und Akkarin sind. Aber sie mag nicht von ihnen untersucht werden.“

„Und wenn ich sie untersuche?“ Sonea sah ihn nahezu flehend an. „Lass es mich versuchen, Cery. Wenn etwas mit ihrem Baby nicht stimmt, sollte man das so früh wie möglich herausfinden.“

Cery erstarrte. Konnte das sein? Die Vorstellung beunruhigte ihn. „Von mir aus“, gab er nach. „Du kannst sie heute Abend untersuchen. Wenn sie das will.“


***


An diesem Morgen hatten keine Übungskämpfe stattgefunden. Das war ungewöhnlich, kam Savara jedoch sehr gelegen. Nachdem sie mit Malira einen vorübergehenden Waffenstillstand geschlossen hatte, hatten sie Arlava davon überzeugt, sich ihnen anzuschließen und Marikas Plan, sich der Ichani-Frauen zu entledigen, zu vereiteln. Sie wussten nicht, ob sie überhaupt Erfolg haben oder bei dem Versuch eines heldenhaften Todes sterben würden, doch sie hatten beschlossen, sich zumindest einen Plan zu überlegen, um die anderen Frauen zu warnen.

Genaugenommen interessierte Savara nicht, was mit den weiblichen Mitgliedern der Armee geschah, wenn sie den Krieg gewannen, solange sie selbst dabei gut wegkam. Sie waren Ichani und damit entweder abtrünnige Verräter oder Frauen, deren Männer dumm genug gewesen waren, sie Magie zu lehren. Doch neben dem Auftrag, den sie für Akkarin zu erledigen hatte, erschien ihr eine Rebellion der weiblichen Ichani wie ein amüsanter Bonus. Und dieser hatte nicht nur das Potential, den Gildenmagiern einen Gefallen zu erweisen. Wenn ihr Plan Erfolg hatte, würde sie zugleich eine beträchtliche Menge Ichani-Abschaum vom Erdboden getilgt haben.

Dieser Gedanke ließ sie lächeln, als sie die Stadttore passierten und einen Pfad am Ufer des Haraki entlang ritten, der bei Arvice in den Ozean mündete. Ihre beiden Begleiterinnen ritten schweigend neben ihr her, ihre Sklaven folgten in einigem Abstand. Savara hatte Ina mitgenommen, weil sie ihr inzwischen am nützlichsten war. Es behagte ihr nicht, die junge Frau zurückzulassen, wenn das Gästehaus voll Ichani war, die unerwartet einen freien Tag hatten. Savara hätte es vorgezogen, ihre Begleiter bis auf Kal und Ina nach Kyralia zurückzuschicken, doch sie hatte dringendere Sorgen, als für die anderen beiden eine sichere Passage in ihre Heimat zu organisieren.

Nach etwa einer halben Stunde erreichten sie einen kleinen Flecken Gras inmitten von Parrabäumen, direkt am Wasser. Sie stiegen ab und übergaben die Pferde ihren Sklaven.

„Also“, begann Malira, während sie zwischen den Bäumen auf und ab stiefelte. „Wir brauchen einen Plan, um die anderen zu informieren, ohne dass die Männer etwas mitbekommen. Denn wenn Yirako das herausfindet, wird das nicht gut für uns ausgehen.“ Sie sah zu Savara und lächelte höhnisch. „Du bist doch sicher sehr gut darin, geheime Aktionen zu planen, Dakira. Wie würdest du das machen?“

Savara unterdrückte ein Seufzen. Anscheinend hatte der vorübergehende Frieden nur bewogen, dass Malira sie jetzt verbal angriff. Das musste sie sich nicht bietenlassen.

„Meiner Erfahrung nach funktioniert Mundpropaganda am besten“, antwortete sie. „Jede von uns erzählt es bei Gelegenheit einer anderen Ichani, die ihrer Meinung nach vertrauenswürdig ist. Diese tun dann dasselbe. Da wir nur acht sind, sollte das schnell gehen. Keine sollte dabei jedoch preisgeben, woher sie Marikas Pläne kennt, um sich selbst und uns zu schützen.“

Malira runzelte die Stirn. „Das dauert mir zu lange. Du weißt doch sicher, wie man ein geheimes Treffen aller Ichani-Frauen organisieren kann, nicht wahr?“

„In Arvice oder Umgebung?“, fragte Savara die Anspielung ignorierend. „Unmöglich. Es wäre sehr auffällig, wenn plötzlich alle von uns den Palast verlassen. Um so etwas unauffällig zu organisieren, müssten wir Leute einweihen, die wir nicht einweihen wollen. Und je mehr davon wissen, desto größer ist die Gefahr, dass wir auffliegen.“

„Was, wenn nur wir drei einen Plan aufstellen und erst kurz vor der Durchführung die anderen informieren?“

„Dann könnte es passieren, dass wir nicht alle rechtzeitig informiert bekommen.“

„Haben wir überhaupt eine Chance?“, fragte Arlava.

„Keine, wenn wir nicht geschlossen auftreten“, antwortete Savara. Und selbst dann standen ihre Chancen nicht gut, weil sie zu wenige waren.

„Und wenn wir geschlossen auftreten?“

„Werden wir kämpfend sterben.“

„Ich weiß nicht, ob ich dabei mitmachen will.“ Arlavas Augenbrauen zogen sich zusammen. „Schließlich bin ich nicht allein.“

„Deine Leute werden dich nicht unterstützen“, sagte Savara. „Denn wenn sie das tun, wird Marika ihnen nicht geben, wonach es ihnen verlangt. Vielleicht würde er sie dann sogar ebenfalls töten, weil er sich von ihnen verraten wähnt.“ Sie fixierte Arlavas Blick. „Sie werden dich an Marika ausliefern.“

Malira verschränkte die Arme vor der Brust. „Wenn ich Marika von diesem Komplott erzähle und behaupte, es wäre eure Idee gewesen, wird er mich belohnen.“

Savara schnaubte verächtlich. „Hatten wir das nicht schon? Seine Belohnung wird darin bestehen, dass er dich kurz und schmerzlos tötet.“

Ihre Rivalin zischte und schwieg.

Davon abgesehen, dass ich dich und Arlava ebenfalls verraten würde, dachte Savara. Für Arlava galt vermutlich dasselbe.

„Warum überhaupt zusammenarbeiten, wenn Marika uns nach diesem Krieg entsorgt, wie alte Sklaven?“, fragte Arlava. „Wir werden so oder so sterben.“

„Weil wir ihm damit zeigen, dass wir so etwas nicht mit uns machen lassen. Es ist allemal besser, als einfach zuzulassen, dass er uns vernichtet.“

Arlava nickte, mäßig überzeugt.

Während der nächsten beiden Stunden diskutierten sie verschiedene Wege, die Ichani-Frauen über Marikas Pläne zu informieren, und erstellten Listen, mit Ichani-Männern, von denen sie glaubten, dass sie dem König unbequem waren, nachdem Arlava darauf hingewiesen hatte, dass Marika die Gelegenheit nutzen könnte, um auch sie aus dem Weg zu haben. Sie überlegten, wer von den in Frage kommenden Ichani an einer Verschwörung nicht interessiert war und ob er oder sie sie an Marika verraten würden. Schließlich einigten sie sich darauf, sich zunächst auf die Frauen zu konzentrieren, weil diese wahrscheinlich eher bereit waren, sich ihnen anzuschließen.

Während ihres Rückweges dachte Savara darüber nach, wie sie die anderen Ichani von ihrer Idee überzeugen konnte, ohne dabei ihre wahre Absicht preiszugeben. Ichani waren es gewohnt, für eine aussichtslose Sache zu kämpfen, und Savara war sicher, sie würden genau das tun – und sollte es nur sein, um Marika heimzuzahlen, dass er sein Wort nicht gehalten hatte.

Da Malira hungrig war, was sie ungehalten und aggressiv machte, schlugen sie ein schnelleres Tempo an. Sie waren noch nicht weit gekommen, als hinter ihnen das Donnern von Hufen lauter wurde. Mehrere Männer in bunten Gewändern überholten sie. Ihnen folgten Sklaven auf Pferden, die mit schwerem Gepäck beladen waren. Savara erkannte Harko, den mürrischen Ashaki, der ein Bündnis mit den Ichani aus tiefsten Herzen ablehnte und nur aus Loyalität zu seinem König der Armee angehörte. Wo ihn das anfangs sympathisch gemacht hatte, machte ihn das nun zu ihrem Feind.

Kurz, nachdem sie die Stadttore passiert hatten, wurden sie von weiteren Reitern überholt. Bis sie die Prachtstraße erreichten, waren es drei weitere Reitergruppen. Bei ihrem Anblick befiel Savara ein ungutes Gefühl.

„Das sind fast alles Ashaki aus den entlegenen Gegenden“, murmelte Arlava. „Sollten sie nicht erst in zwei bis drei Wochen zurückkommen?“

„Kommt es euch auch so vor, als hättet ihr einige davon noch nie zuvor gesehen?“, fragte Savara.

Die beiden Frauen nickten.

„Anscheinend hat Marika nicht nur in einer Sache gelogen“, sagte Malira säuerlich. Sie stieß einen obszönen Fluch aus. „Dieser verdammte Yirako hatte recht!“

Savaras Herz setzte einen Schlag aus, als ihr die Bedeutung dessen bewusst wurde. Sie schlug ihrem Pferd die Fersen in die Flanken. „Beeilen wir uns lieber.“


***


Ein Ruck ging durch das Schiff, als es leicht gegen die Anlegestelle stieß. Cery und sein Steuermann sprangen auf den Steg und befestigten starke Seile an den Pollern.

Auf Cerys Zeichen überquerten sie die Landebrücke. Neugierig sah Sonea sich um. Sie befanden sich in einer flachen Bucht. Der Steg führte geradewegs auf ein Stück Strand, Planken aus massivem Holz führten von dort zu einer Wiese, auf der Reber grasten. Auf halbem Weg zu der Wiese hatte sich eine Gruppe von Menschen versammelt.

Sonea befiel Unbehagen. Cery hatte erwähnt, dass Leute hier lebten, aber nicht, dass sie kommen würden, um sie zu begrüßen.

„Hai, Ceryni!“, erklang eine Männerstimme. „Du kommst früh dieses Jahr.“

„Paril“, sagte Cery. „Ich bring’n paar Freunde aus der Stadt mit.“ Er wies zu Sonea und Akkarin, die langsam näher kamen. „Das sind Akkarin und Sonea von Delvon. Sie haben gestern geheiratet und wollen ’nen Tag aus der Stadt raus. Sie werden dich und deine Familie nicht stören.“

So könnte man es auch ausdrücken, dachte Sonea trocken. Sie hatte sich an Akkarins Arm gehangen und schritt mit ihm auf die kleine Gruppe zu. Es war nur eine Bauernfamilie mit einer Horde von Kindern angefangen von einem Baby, das noch an der Brust seiner Mutter hing, bis zu einem Halbwüchsigen.

Paril grinste. „Dann seid willkommen auf meiner Insel“, sagte er. „Und meinen Glückwunsch zur Hochzeit. Feine Leute aus der Stadt kommen normalerweise nicht her. Eigentlich nie.“

„Weswegen es uns als ein geeigneter Ort erscheint, um ein wenig auszuspannen“, erwiderte Akkarin.

Paril warf ihm einen nervösen Blick zu. Er wies zu der Frau an meiner Seite. „Das ist Lya, meine Frau“, stellte er vor. Dann nannte er nacheinander die Namen seiner Kinder, zu viele für Sonea um sie alle zu behalten. „Wir leben hier allein. Nur zur Erntezeit kommen Arbeiter aus der Stadt her.“

„Was baust du auf dieser Insel an, Paril?“, fragte Sonea.

Der Bauer strahlte. „Hauptsächlich Tenn. Aber wir haben auch eine große Wiese mit Pachibäumen und einen großen Garten mit verschiedenen Gemüsen, die wir aber nicht verkaufen. Und wir züchten Enka, die verkaufen wir in der Stadt. Die ganzen anderen Tiere sind für uns selbst.“

„Das hört sich nach viel Arbeit an“, sagte sie.

Paril nickte. „Aber wir kommen klar. Die Kinder helfen mit. Nur wenn’s ans Ernten geht, brauchen wir Helfer.“ Er machte eine einladende Geste. „Kommt und seht Euch unsren Hof an, bevor Ihr die Insel erkundet.“

Sonea, Akkarin und Cery folgten der Bauernfamilie. Der Weg führte einen flachen, grasbewachsenen Hügel hinauf. Auf der Kuppe angelangt, sah Sonea sich staunend um, als sie sich ihr offenbarte, was von Cerys Boot aus nicht zu sehen gewesen war. Sanft geschwungene Hügel erstreckten sich über die gesamte Insel. Gorin und Reber grasten einvernehmlich auf saftigen Weiden. Zu ihrer anderen Seite war ein bestelltes Feld, auf dem Paril und seine Familie vermutlich den Tenn anpflanzte. Unter ihnen lag in einem flachen Tal ein Bauernhof mit einem Wohnhaus und mehreren Nutzgebäuden.

Paril gab ihnen eine kurze Führung durch seinen Hof. Er zeigte ihnen die Ställe, die Lagerräume für seine Erzeugnisse und erklärte, wie man aus Rebermilch Käse herstellte.

„Bevor Ihr die Insel verlasst, wäre es mir eine Ehre, Euch zum Abendessen einzuladen“, sagte er, als sie im Hof standen. „Ich weiß, Ihr seid andres Essen gewohnt, aber das ist das mindeste, was wir Euch bieten können. Lya kocht richtig gut.“

„Paril, das ist sehr großzügig von dir“, sagte Akkarin. Er sah zu Sonea. „Was meinst du?“

„Warum nicht?“, erwiderte sie, erfreut, weil die Bauernfamilie sie nicht fürchtete. Ihre anfängliche Befangenheit hatten sie während der Führung rasch abgelegt. Offenkundig waren sie für Paril und seine Frau nur zwei reiche Freunde von Cery. „Ich halte es für eine großartige Idee.“

Der Bauer und seine Frau strahlten. Sonea beschlich die leise Ahnung, Lya würde bis zum Abend ihre Küche nicht mehr verlassen, um den Ansprüchen, die sie und Akkarin in ihren Augen wahrscheinlich hatten, gerecht zu werden.

„Wann wäre es Euch recht?“

„Wir legen bei Sonnenuntergang ab“, antwortete Cery.

„Dann ist das Essen spätestens eine Stunde vorher fertig“, erklärte Lya.

Sie verabschiedeten sich von den Bauern und von Cery, der den Tag auf dem Hof verbringen würde, und schlugen den Weg zu den Feldern ein. Außer dem Zirpen von Insekten und dem leisen Rascheln als der Wind über das Gras strich herrschte Stille. Nicht einmal das ewige Rauschen des Meeres war zwischen den Hügeln zu hören.

„Worüber denkst du nach?“

Sonea schrak aus ihren Gedanken. „Darüber, wie es wäre hier zu leben.“ Sie sah zu Akkarin. „Die Bauern hier kommen fast ohne Hilfe zurecht, sie haben alles, was sie zum Leben brauchen und sie haben keine Verpflichtungen so wie wir. Ihr Leben ist sehr viel härter als unseres. Aber sie sind freier.“ Sie runzelte die Stirn. „Ich meine, wenn die Sachakaner nicht wären – wir könnten einfach aus der Gilde verschwinden und ein neues Leben anfangen.“

„Die Vorstellung ist durchaus verlockend“, stimmte Akkarin zu. „Aber findest du wirklich, wir sollten die Gilde sich selbst überlassen?“

Sonea kicherte. „Sie haben auch vor uns überlebt, oder?“

„Ah, ich meinte eher, dass sie vor Langeweile eingehen würden, wenn ihre beiden schwarzen Magier sie nicht hin und wieder in Aufregung versetzen.“

Sie lachte.

„Wärst du überhaupt glücklich, wenn wir ein Leben als Bauern führen würden?“, fragte Akkarin.

Sonea brauchte nicht lange, um darauf eine Antwort zu finden. „Ja. Es wäre sogar besser als das Leben, das ich vor der Gilde geführt habe. Für uns wäre es sogar noch leichter, weil wir Magie haben.“ Im Gehen lehnte sie den Kopf gegen seinen Oberarm. „Außerdem bin ich glücklich, solange ich bei dir sein kann.“

„Wir müssten unsere Magie aufgeben, wenn wir die Gilde verlassen“, erinnerte er sie.

„Nicht, wenn wir heimlich verschwinden. So wie Senfel.“ Doch das waren nur dumme Tagträumereien. Sie würden die Gilde nicht verlassen, solange man es ihnen nicht befahl oder Akkarins Loyalität gegenüber den Magiern aus einem guten Grund geendet hatte. Und weil ihre Loyalität ihm gehörte, würde auch sie nicht gehen. Trotzdem machte es Sonea Spaß zu überlegen, wie es sein könnte.

Sie erreichten die Nordseite der Insel. Der komplette Hang war mit Pachibäumen übersät, aus deren Knospen die ersten zartrosa Blüten sprossen. Unwillkürlich fragte Sonea sich, wie es hier im Sommer aussehen würde oder erst im Herbst, wenn die Pachi reif wurden.

Wenn wir den Krieg überleben, will ich wieder herkommen, dachte sie in einem Anflug von Schwermut. Rasch schob sie ihre Gefühle jedoch beiseite. Sie würde früh genug in die Realität zurückkehren.

Sie hatte kaum bemerkt, dass der Weg wieder angestiegen war, als er plötzlich endete und sie sich an der Kante eines Kliffs wiederfanden. Etwa dreißig Schritt unter ihnen brach sich das Meer an den Felsen. Sonea schauderte ob der schwindelerregenden Tiefe, die sich vor ihren Füßen auftat.

Akkarin wandte sich nach links. Sonea folgte ihm in einigem Abstand von der Kante. Hin und wieder blickte er hinab in die Tiefe, runzelte die Stirn und schritt weiter. Nach etwa einer halben Meile blieb er schließlich stehen.

„Hier sollten wir ungestört sein.“

Sonea trat neben ihn. Unter ihnen erstreckte sich eine kleine Bucht mit hellem, weißen Sand. Sie runzelte die Stirn. „Und wie kommen wir da runter?“

„Wir schweben.“

Sie starrte ihn an. „Was, wenn uns jemand sieht? Die Bauern wissen nicht, dass wir Magier sind.“

„Sie sind viel zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt, um uns nachzustellen.“ Er nahm ihre Hand und zog sie zu sich. „Ich dachte, du wolltest schwimmen lernen.“

„Ja, schon“, gab sie nach. „Aber wenn …“

„Sollten die Bauern herausfinden, wer wir sind, werden sie uns eher ihren Respekt erweisen, als dass sie uns an die Gilde verraten.“

„Sofern sie überhaupt jemals von uns gehört haben“, bemerkte Sonea. Paril und Lya schienen nicht oft in die Stadt zu kommen, weil sie Cery hatten, um ihre Erzeugnisse zum Markt zu bringen. Und Sonea bezweifelte, ihre und Akkarins sogenannten Heldentaten waren auch bis zu den vorgelagerten Inseln gedrungen.

Akkarins Arm schlang sich um ihre Taille. Nur gehalten durch eine unsichtbare Scheibe aus Magie schwebten sie hinab in die Bucht.

Der Sand unter Soneas Füßen war so weich, dass sie das Gefühl hatte, mit ihren Stiefeln darin zu versinken. Sie zog die Stiefel aus und tauchte ihre Füße in den Sand. Ein seltsames Gefühl, das jeden Nerv an der Unterseite ihrer Füße anregte, breitete sich in ihr aus. Sie verzog das Gesicht. Vorsichtig tat sie zwei Schritte. Die obere Schicht des Sandes war angenehm warm, während die tieferen kühl waren.

Überwältigt sah sie sich um. Vor ihr brandete das Meer unaufhörlich gegen den Strand. Die sich zurückziehenden Wellen wurden wieder und wieder von neuen heranrollenden Wellen verschlungen und die Luft roch so salzig, wie auf Cerys kleiner Yacht. In einiger Entfernung ragte ein Felsen aus dem Wasser empor. Wasser spritzte hoch, als Wellen sich unermüdlich daran brachen.

Obwohl sie in der Nähe des Meeres aufgewachsen war, hatte Sonea es bis zu diesem Tag noch nie gesehen, geschweige denn darin gebadet. Der Anblick dieser großen blauen Weite unendlicher Ausdehnung war für sie erfüllt mit einer ungezähmten Schönheit, die sie all ihre Sorgen vergessen ließ.

Wie schön es wäre, für immer hierzubleiben …

Akkarin war hinter sie getreten und hatte die Arme um sie gelegt. „Nun Sonea, möchtest du schwimmen lernen?“

Überrascht wandte sie sich um und sah zu ihm auf. „Sehr gern, Lord Akkarin“, erwiderte sie lächelnd.

Akkarin ließ den Beutel, den Cery ihnen mitgegeben hatte, zu Boden gleiten und holte eine Decke aus Reberwolle daraus hervor, die er auf dem Sand ausbreitete. Dann entkleidete er sich und legte seine Sachen ordentlich auf einem Stapel zusammen. Sonea starrte ihn an. Es wäre ihr lieber, würde er seine Kleider beim Baden tragen. Wie sollte sie sich sonst darauf konzentrieren, schwimmen zu lernen?

„Worauf wartest du?“, fragte er. „Zieh dein Kleid aus. Es wird dich nach unten ziehen, hat es sich erst einmal mit Wasser vollgesogen.“

Sonea gehorchte und folgte ihm fröstelnd den Strand hinab. Akkarin war bereits ins Wasser gewatet, die Wellen umspülten seinen Oberkörper. Sonea tauchte einen Zeh ins Wasser und zuckte zurück. Es war eiskalt.

„Komm her“, rief er. „Es hört auf kalt zu sein, sobald man drin ist.“

Das Wasser um sich mit Magie anwärmend folgte Sonea ihm. Durch die Strömung wurde das warme Wasser beständig fortgetrieben und sie musste das Wasser erhitzen, bevor es sie erreichte. Auf diese Weise werde ich meine Magie bald aufgebraucht haben, dachte sie. In der Hoffnung, dass Akkarin nicht zu viel versprochen hatte, entschied sie, ihre Magie nur dann zu benutzen, wenn sie sich wirklich aufwärmen musste.

Als sie Akkarin erreicht hatte, reichte ihr das Wasser bis zu den Schultern. „Für den Anfang sollte das tief genug sein“, sagte er. Seine dunklen Augen blitzten zu ihr. „Fangen wir an.“

Während der nächsten halben Stunde zeigte er Sonea die Grundbewegungen. Die Armbewegung fiel Sonea leicht, doch als sie bäuchlings ins Wasser legen musste, um die Beinbewegung auszuführen, spritzte ihr das salzige Wasser allenthalben in Mund und Nase. Noch komplizierter wurde es, als Akkarin ihr zeigte, wie sie Arm und Beine koordinieren musste, und alsbald vergaß Sonea darüber, dass sie beide keine Kleidung trugen.

„Ich denke, du hast das Prinzip verstanden“, sagte er endlich. „Lass uns ein Stück schwimmen. Wir werden dazu vorerst in der Bucht bleiben. Draußen ist die Strömung stärker, dort zu schwimmen wäre anstrengender und zudem gefährlicher, solltest du alleine dort hinausschwimmen.“

Gut, dass ich das nicht vorhabe, dachte Sonea. Sie hätte sich in dem dunklen und undurchsichtigen Wasser unwohl gefühlt, würde er sie nicht mit einer Scheibe aus Magie stützten, damit sie nicht versehentlich ertrank.

„Also gut“, sagte sie und schenkte ihm ein Lächeln, von dem sie hoffte, dass es Zuversicht aus drückte.

Akkarin musterte sie nachdenklich. „Dir wird nichts passieren“, versicherte er.

Sie begannen zu schwimmen. Nach einer Weile gewöhnte Sonea sich an die ungewohnten Bewegungen und hörte auf, andauernd darüber nachzudenken. Dennoch wusste sie, dass sie noch viel Übung brauchte, um so gut wie Akkarin zu werden. Oft schwamm er ein Stück voraus und kam dann zu ihr zurück, umkreiste sie und schwamm weiter.

Nachdem sie die kleine Bucht einige Male durchquert hatten, kehrten sie zum Ufer zurück. Erschöpft und durchgefroren ließ Sonea sich auf die Decke fallen. Rasch errichtete sie einen Wärmeschild und beeilte sich mit dem Abtrocknen.

„Hast du Hunger?“

Sie nickte. „Aber bis zum Abendessen sind es noch ein paar Stunden.“

Akkarin öffnete den Beutel. „Ich bin sicher, ich habe vorhin etwas Essbares darin entdeckt.“

Er zog zwei Schachteln hervor und reichte sie Sonea. In der größeren befanden sich kleine Kuchen, in der zweiten entdeckte Sonea Konfekt.

„Dein Freund scheint sich mit den Bedürfnissen eines frisch verheirateten Paares auszukennen“, bemerkte Akkarin anerkennend. Er holte eine Flasche Anurischen Dunkelwein und zwei Becher aus dem Beutel.

Sonea runzelte die Stirn. „Wein und Konfekt?“

Seine Augen funkelten. „Ah, du wirst schon sehen.“

Kopfschüttelnd ordnete sie die Kuchen in der Mitte der Decke an, während Akkarin die Flasche entkorkte und die beiden Becher mit Wein befüllte. Er reichte ihr einen Becher und sie stießen an. Nach der Anstrengung der vergangenen Stunde breitete sich die berauschende Wirkung des Weins rasch in Soneas Körper aus und ließ ihre Glieder ermatten. In der Hoffnung, sich dadurch wieder etwas kräftiger zu fühlen, aß sie ein paar Kuchen.

„Du solltest einmal das hier probieren.“

Sonea sah auf. Akkarin hielt ihr ein Stück Konfekt so hin, als wolle er, dass sie es direkt von seinen Fingern aß. Das war ungewohnt. Dennoch beugte sie sich vor und ließ zu, dass er ihr die Süßigkeit in den Mund steckte. Als er sie losließ, streiften seine Finger flüchtig ihre Lippen. Sie erschauderte unwillkürlich.

„Und?“, fragte er.

„Es ist gut“, brachte sie hervor. Das Konfekt war sehr süß. Sonea konnte den Geschmack nicht zuordnen, doch er ließ sie nach mehr verlangen.

Akkarin füllte ihren Becher nach, dann reichte er ihr ein zweites Stück Konfekt. Dieses Mal strich sein Daumen ihre komplette Unterlippe entlang. Sonea ahnte, was er vorhatte und ihr Puls beschleunigte sich.

„Ich will mehr“, flüsterte sie sich zu ihm vorbeugend.

Akkarin lachte leise. Er griff nach einem dritten Stück Konfekt, steckte es behutsam zwischen ihre Lippen und küsste sie. Dann ließ er sich mit ihr auf die Decke sinken.

Mit einem Mal hatten Hunger und Erschöpfung ihre Bedeutung verloren. Alles, was Sonea interessierte, waren seine verlangenden Küsse, das Kribbeln, das seine Hände hinterließen, als sie besitzergreifend über ihren Körper strichen und das Gefühl von seiner Haut auf ihrer.


***


Das lange Gras wogte sanft in einer lauen Brise, am Himmel kreisten weiße Seevögel und stießen hin und wieder in die See hinab, um Fisch zu jagen. Es war angenehm warm und duftete nach Sand und Salz.

Cery sog die würzige Luft in tiefen Zügen ein. Sie roch so viel frischer und gesünder als in den Hüttenvierteln und selbst als in den besseren Teilen der Stadt. Seine Sorgen schienen sich mit dem Wind zu verflüchtigen und mit einem Mal glaubte er, seine Welt so viel klarer zu sehen.

Vielleicht hätte es Nenia doch gut getan, hätte ich sie mit hierher genommen, überlegte er. Ihre Schwangerschaft schien ihr nicht gut zu bekommen und Cery wusste nicht, ob ein Tag am Meer die Strapazen der Reise aufwiegen würde.

Tatsächlich hatte er jedoch nicht beabsichtigt, sie mitzunehmen. Nach dem vergangenen Tag hatte er das Gefühl gehabt, Abstand zu brauchen. Er hatte es genossen, mit auf Soneas Hochzeit zu sein, und später in seinem Versteck war sie in seinen Armen eingeschlafen. Seit der letzten Durchsuchung ließ Cery sie in seinem Bett schlafen, doch bis zur vergangenen Nacht hatte er davon Abstand gehalten, ihr dabei nahe zu kommen.

Er schüttelte den Kopf. Noch gestern hatte er nicht genug von ihr bekommen können und jetzt erschien ihm das alles zu viel. Aber das lag nicht an ihr.

Cery stieß einen leisen Seufzer aus. Wollte er wirklich zulassen, dass die schöne Sachakanerin ihm diese Beziehung vergällte, obwohl sie aus seinem Leben wieder verschwunden war? War seine verlorene Liebe es wert, zu zerstören, was er mit Nenia hatte?

Nenia hatte seine widersprüchlichen Gefühle akzeptiert. Sie hatte nicht wieder versucht, ihn zu verführen, zeigte ihm ihre Zuneigung jedoch bei jeder Gelegenheit, ohne eine Gegenleistung zu erwarten.

Cery hatte das unkommentiert gelassen. Solange sie keine Intimitäten einforderte, die er nicht zu geben bereit war, war ihm das recht. Er begrüßte es sogar, eine Frau in seinem Versteck zu haben. Seine Männer hatten keine Sinn für Ordnung. Doch durch Nenia war sein Zuhause sichtlich wohnlicher geworden. In ihrer Nähe benahmen seine Männer sich weniger rüpelhaft und waren sogar netter zu den Frauen, mit denen sie als Stadtwachen zu tun hatten.

Wenn Nenia ihr Kind empfangen hat, könnte ich sie bitten, für Geld und Unterkunft mein Versteck ordentlich zu halten, überlegte Cery.

Diese Vorstellung ließ ihn lächeln. Es war ein Arrangement, von dem sie beide profitieren würden. Neben einem ordentlichen Zuhause würde er nicht mehr auf Nenias Gesellschaft verzichten müssen und sie musste nicht zurück auf die Straße – oder noch schlimmer: zu Corbin. Aber Cery wusste auch, er würde ihr nicht mehr geben können, solange er noch Gefühle für Savara hatte.

Gedankenverloren zog er das Amulett, das Savara ihm einst geschenkt hatte, aus der Brusttasche seines Hemdes. Die Edelsteine glitzerten im Sonnenlicht, während er damit spielte und darüber nachdachte, warum er Savara nicht vergessen konnte.

Seit sie Imardin verlassen hatte, um für Akkarin die Pläne der Sachakaner auszuspionieren, trug Cery das Schmuckstück immer bei sich, wenn auch nicht auf der Haut. Einmal hatte er dadurch mit Savara gesprochen, weil er wissen wollte, wie es ihr in Sachaka erging. Er hatte weitere Gespräche jedoch vermieden, um seinen Schmerz, sie erneut verloren zu haben, nicht zu vergrößern und stattdessen Sonea nach Neuigkeiten gefragt. Es verlangte Cery danach, Amulett ins Meer zu werfen oder im Tarali zu versenken, aber ein Teil von ihm weigerte sich noch immer, Savara gehenzulassen.

Er seufzte und drückte das Amulett an seine Brust. Warum fiel es ihm so schwer, sie zu vergessen? Über Sonea hinwegzukommen war so viel einfacher gewesen. Aber er hatte auch nie erfahren, wie es gewesen wäre, hätte sie seine Gefühle erwidert. Lag darin vielleicht der Unterschied?

Er wollte nicht mehr leiden. Er wollte …

- Ceryni!

Cery zuckte zusammen. Wieso sprach Savara durch das Amulett zu ihm? Hatte sie ihn bei seinen Gedanken ertappt? Und warum musste sie immer ausgerechnet dann ein Lebenszeichen von sich geben, wenn er es am wenigsten gebrauchen konnte?

- Savara. Wie geht’s dir?

- Ich habe jetzt keine Zeit für Geplauder. Du musst Akkarin eine Nachricht von mir überbringen.

Er runzelte die Stirn.

- Warum machst du das nicht selbst?

- Das habe ich versucht, antwortete sie. Aber er reagiert nicht. Er blockiert den Kontakt durch das Blutjuwel.

Cery verkniff sich ein Lächeln. Es ging Savara nicht an, was Akkarin gerade tat. Sie war weit fort und er würde den schwarzen Magier an diesem Tag nicht wegen ihr behelligen.

- Wenn er nicht antwortet, dann will er wohl nicht gestört werden, sandte er.

- Aber es ist wichtig.

- Savara, was willst du, was ich ihm sagen soll?, fragte er ungehalten.

- Dass er sich dringend mit mir in Verbindung setzen soll.

Cery verdrehte die Augen.

- Das zeigt doch wieder nur, dass du mir nicht genug vertraust, warf er ihr vor. Lord Akkarin will heute nicht gestört werden. Sag mir, was du ihm sagen willst und dann entscheide ich, ob’s das wert ist.

Sie schwieg. Einige lange Augenblicke vergingen, in denen Cery sich zu fragen begann, ob sie das Gespräch beendet hatte und schmollte.

Soll sie doch schmollen, dachte er. Sie erwartet doch nicht wirklich, dass ich sofort in Begeisterung ausbreche, wenn sie plötzlich wieder in mein Leben platzt. Dieses Gespräch hatte ihm wieder vor Augen geführt, wie wenig es ihm guttat, wenn sie immer wieder den Kontakt zu ihm suchte. So würde er ganz sicher nicht über sie hinwegkommen.

- Also schön, sandte sie schließlich. Ich werde es dir sagen.


***


Etwas Kühles und Feuchtes auf Soneas Rücken schreckte sie aus dem Halbschlaf, in den sie irgendwann gefallen war. Sie fuhr hoch. Im selben Moment verspürte sie eine entsetzliche Benommenheit.

„Uhm“, entfuhr es ihr. Mit einer Hand tastete sie nach ihrem Rücken und bekam etwas Glitschiges zu fassen.

„Was ist das?“, fragte sie und starrte angewidert auf das fünfbeinige, rötliche Ding in ihrer Hand. Auf seinem Rücken hatte es viele winzige Stacheln und es roch nach Meer und nach Fisch.

Neben ihr erklang ein leises Lachen.

„Das ist ein Viyvi*.“

Sie wandte sich um. Akkarin hockte neben ihr und betrachtete sie mit offenkundiger Erheiterung.

„Ein Viyvi?“, wiederholte sie und setzte sich auf.

„Es ist ein Tier, das auf dem Meeresgrund lebt. Es ernährt sich von Muscheln.“

Sonea runzelte die Stirn. „Wäre es dann nicht besser im Wasser aufgehoben?“

„Ah, es kann eine kurze Zeit außerhalb überleben.“

„Und warum hast du es herausgeholt?“

„Ich war tauchen, während du geschlafen hast. Ich habe eine Stelle gefunden, wo es sehr viele von ihnen gibt.“

Sonea blinzelte ungläubig. Tauchen? Sie ahnte bereits seit einer Weile, dass Magier zu Exzentrizität neigten. Selbst Akkarin schien nicht davor gefeit, wenn auch er es für gewöhnlich besser zu verbergen wusste. Doch sie waren nicht in der Gilde, hier kümmerte es niemand, was sie taten oder wie sie sich benahmen. Hier waren sie nur Akkarin und Sonea.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Wenn du willst, zeige ich es dir.“ Er streckte eine Hand nach ihr aus. „Es wird Zeit, dass du dich ein wenig abkühlst. Du bist völlig überhitzt.“

Sonea ergriff seine Hand und ließ sich von ihm auf die Füße ziehen. Der Schwindel war so überwältigend, dass sie für einen Moment die Augen schloss. Akkarin fasste sie sanft an den Schultern und hielt sie fest.

„Besser?“, fragte er.

Sie nickte. Den Viyvi in einer Hand haltend schritt sie mit ihm den Strand hinab. Inzwischen hatte die Sonne den Sand aufgeheizt und Sonea glaubte, ihre Fußsohlen würden verbrennen. Als die Ausläufer der Wellen ihre Knöchel umspülten, hielt sie schaudernd inne. Nach den wärmenden Sonnenstrahlen erschien ihr das Wasser noch eisiger als am Vormittag. In die Hocke gehend, tauchte sie ihre Hände hinein. Der Viyvi glitt von ihrer Hand und trieb über den sandigen Boden davon.

Wasser spritzte auf sie, als Akkarin an ihr vorbei rannte und kopfüber in eine sich brechende Welle sprang. Sonea zuckte ob der Kälte zusammen, konnte sich eines Lächelns jedoch nicht verwehren. Ein besseres Geschenk hätte ich ihm kaum machen können, dachte sie. Dann holte sie tief Luft und warf sich gegen die Kälte wappnend ebenfalls in die Wellen.

„Wo ist es?“, fragte sie, als sie neben Akkarin war.

„Dort drüben.“ Er wies zu einem Felsen, mindestens fünfhundert Fuß vom Ufer entfernt.

„Das ist weit“, wandte Sonea ein. Das Wasser würde dort sehr tief sein. Trotz der Scheibe aus Magie, die sie vor dem Ertrinken schützte, war ihr bei der Vorstellung alles andere als wohl.

„Es ist nicht weit. Wenn du dich erschöpft hast, kannst du dich an mir festhalten.“

Sonea nickte zögernd. Allmählich kehrten ihre Sinne zurück und sie glaubte, es vielleicht doch bis zu dem Felsen zu schaffen.

Sie begannen zu schwimmen. Je weiter sie hinaus kamen, desto flacher wurden die Wellen. Sonea hatte indes den Eindruck, dass die Strömung stärker wurde und es kostete sie einiges an Kraft, dagegen anzukämpfen.

Als sie den Felsen erreicht hatten, hielt Akkarin an. „Wir müssen jetzt tauchen.“

Sie starrte ihn an. „Das kann ich nicht.“

„Es ist wie schwimmen, nur unter Wasser“, antwortete Akkarin, während er vor ihr auf der Stelle schwamm. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um eine Weile unter Wasser zu bleiben: Du kannst entweder die Luft anhalten, oder einen Schild um deinen Kopf errichten, damit du für ein paar Minuten genug Luft hast. Bei Letzterem ist der Auftrieb jedoch stärker.“

Sie runzelte die Stirn. „Wie machst du es?“

„Ich halte die Luft an und senke meine Körperfunktionen herab. Damit kann ich für etwa zehn Minuten unter Wasser bleiben. Aber bei dieser Methode brauchst du eine kleine Luftblase vor deinen Augen, damit du klar sehen kannst.“

Sonea war sicher, auf zusätzliche Erschwernisse verzichten zu können und entschied, es wie er zu machen. Die Wellen und die Strömung waren für ihren Geschmack auch ohne etwas, das ihr Auftrieb verschaffte, stark genug und sie fühlte sich noch immer ausgelaugt von ihrer ersten Runde. Sie formte einen kleinen Schild um ihre Augen.

„Ich bin bereit“, sagte sie.

„Atme dreimal tief ein und aus. Beim vierten Mal atmest du so tief ein, wie du nur kannst. Dann tust du das hier.“ Er berührte ihre Schläfe und Sonea hielt einen Eindruck davon, welche Funktionen ihres Körpers sie für den Tauchgang herabsenken musste, um länger mit ihrer Luft auszukommen.

„Hast du Fragen?“

Sie schüttelte den Kopf. Akkarin tat drei tiefe Atemzüge und sie tat es ihm gleich. Bei ihrem vierten Atemzug sog sie so viel Luft in ihre Lungen, dass sie glaubte, platzen zu müssen. Dann tauchten sie in die Tiefe.

Die Welt, die sich ihr am Meeresgrund bot, war atemberaubend. Vor ihr stieg der Fels in die Höhe. Auf ihm wuchs etwas, das wie kleine, weiße Verästelungen aussah. Als Sonea es berührte, war es jedoch so hart wie Stein.

Weiter unten auf dem sandigen Meeresboden, wogte breitblättriges Gras. Viyvis krabbelten über den Boden, manche so winzig, wie das oberste Glied von Soneas Daumen, andere größer als ihre Hand. Ein Schwarm bunter Fische schwamm an ihnen vorbei.

Akkarin berührte ihre Hand.

- Gefällt es dir?

- Es ist wundervoll.

Er drückte ihre Hand kurz. Gemeinsam schwammen sie um den Felsen herum. Sonea entdeckte weitere Viyvis und Wesen die wie Faren aussahen, aber große, kräftige Zangen an ihren Köpfen hatten. Halb verborgen im Sand waren seltsame Gebilde, die wie kleine Steine aussahen. Als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es Muscheln waren.

Viel zu schnell wurde ihr die Luft zu knapp.

- Ich muss hoch, sandte sie.

Sie ließ Akkarins Hand los und schwamm zur Oberfläche. Der Weg war entsetzlich weit und erste jetzt wurde ihr bewusst, wie tief sie getaucht waren. Als sie schon glaubte, ihre Lungen würden kollabieren, durchstieß Sonea die Wellen. Die Erschöpfung drohte sie zu übermannen und sie beeilte sich, zu dem Felsen zu paddeln. Sich an einen Vorsprung klammernd, atmete sie tief durch.

Neben ihr zog Akkarin sich aus dem Wasser. Er kletterte auf den Felsen und half ihr hinauf. Schwer schnaufend drehte Sonea sich auf den Rücken und schloss die Augen.

„Du frierst“, stellte er fest.

„Das Wasser ist eiskalt.“ Der Stein unter ihr war von der Sonne aufgewärmt, doch der kühle Wind ließ sie frösteln und erinnerte sie daran, dass der Sommer noch fern war.

„Dem kann ich abhelfen.“

Von einem Augenblick auf den anderen verebbte der Wind und die Luft um Sonea wurde behaglich warm. Etwas Weiches berührte ihre Lippen und ein paar Tropfen Wasser fielen auf ihre Brust. Sonea erschauderte.

Akkarins Lippen schmeckten salzig. Es war ungewohnt und erregend zugleich ob der Andersartigkeit. Sonea zog seinen Kopf herab und fuhr mit ihrer Zunge über seine Lippen, um das Salz abzulecken. Mit einem Mal war der harte Fels unter ihr vergessen.

Akkarin lachte leise und küsste sie erneut. Mit seiner freien Hand strich er ihren Körper entlang und fuhr zwischen ihre Schenkel. Sonea war nur mäßig überrascht, dass sie ihn ein weiteres Mal so kurz hintereinander wollte, und ihr entfuhr ein ungewolltes Stöhnen.

„Sei leise“, murmelte er und erstickte ihre Laute mit einem weiteren Kuss.

Sonea konnte nur nicken, überwältigt, weil er selbst jetzt so ehrfurchtgebietend war, und presste die Lippen zusammen, als Akkarin zwei Finger in sie schob. Einen Augenblick später war er über ihr, dann war er in ihr.

Während sie sich liebten, verweilte seine Präsenz in ihrem Geist. Völlig berauscht, weil sich das mit einem Mal so viel intimer anfühlte, bedeckte Sonea seine salzige Haut mit Küssen wünschend, dieser Tag würde nie zu Ende gehen.

Anschließend lagen sie eng umschlungen auf dem Felsen. Erschöpft und die Wärme genießend, döste Sonea allmählich wieder ein.

„Wir sollten zurück“, sagte er irgendwann.

Sonea sah sich um. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen war es bereits später Nachmittag.

„Schon?“, fragte sie ein leises Bedauern verspürend. Der Tag war viel zu schnell vergangen und sie wollte nicht auf eine Wiederholung hoffen.

Akkarin betrachtete sie eine Weile nachdenklich. „Man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist.“ Er erhob sich und sprang kopfüber ins Wasser.

Sonea schauderte, als sich der Schild um sie auflöste und der kalte Wind über ihre Haut strich. In dem Wissen, dass die Bewegung sie ein aufwärmen würde, ließ sie sich ins Wasser gleiten.

Sie schwammen zurück zum Strand. Müde und fröstelnd stolperte Sonea durch den Sand. Sie wickelte sich in die Decke, auf der sie gelegen hatten, und wärmte das Innere mit Magie. Inzwischen war die Sonne weiter gewandert und hatte die kleine Bucht in tiefe Schatten getaucht.

Akkarin trocknete sich mit seiner Magie und legte seine Piratenkluft wieder an. Als er fertig war, hüpfte sie noch immer in der Decke auf und ab, um sich aufzuwärmen.

„Es wird besser, wenn du etwas Trockenes anziehst“, bemerkte er amüsiert.

Sonea betrachtete ihn zweifelnd. Sie war sicher, kein noch so starker Wärmeschild würde sie aufwärmen können, sobald sie den Schutz der Decke verließ. Doch sie hatte auch keine Zeit zu warten, bis ihr warm genug war. In weniger als zwei Stunden war Sonnenuntergang und dann würden sie zurück segeln und dieser wundervolle Tag würde zu einem Ende finden.

Einen Wärmeschild um sich errichtend, ließ sie die Decke fallen und streifte ihr Kleid über. Dann stieg sie in ihre Stiefel und trocknete ihre Haare mit Magie. Als sie mit ihren Fingern hindurchfahren wollte, entfuhr ihr ein leiser Schrei. Ihre Haare waren völlig verfilzt und fühlten sich klebrig an. Sie versuchte die Knoten zu lösen und scheiterte.

„Oh, nein“, hauchte sie.

„Sonea, was ist los?“

„Meine Haare, ich fürchte, ich muss sie abschneiden.“ Es hatte so lange gedauert, bis sie ihre jetzige Länge erreicht hatten. Sie wollte nicht wieder wie ein Junge aussehen. Sie hatte an ihren langen Haaren Gefallen gefunden und auch Akkarin, der nur wenig Wert auf Äußerlichkeiten legte, schien das zu gefallen. Als Sonea ihn betrachtete, musste sie indes erkennen, dass seine Haare nicht viel besser aussahen.

Akkarin schüttelte amüsiert den Kopf. „Das ist nur das Salz.“ Er durchsuchte den Beutel, den Cery ihnen mitgegeben hatte, und zog einen groben Kamm hervor. „Dein Freund denkt wirklich an alles“, murmelte er und reichte ihr den Kamm.

Sonea nahm den Kamm entgegen. Mehrere Minuten vergingen, in denen sie die Knoten behutsam zu lösen versuchte. Es gelang ihr jedoch nicht ganz ohne Schmerzen und den Verlust von Haaren. Als sie fertig war, starrte sie entsetzt auf das dunkle Knäuel, das sich zwischen den Zinken gesammelt hatte. Eine Hand ausstreckend berührte sie die Haare an ihrem Hinterkopf. Sie waren wieder glatt, fühlten sich jedoch noch immer klebrig an. Sie würde sie zuhause auswaschen müssen. Aber wenigstens brauchte sie sie nicht abschneiden.

Nachdem sie wieder gesellschaftsfähig waren, packten sie ihre Sachen und räumten den Strand auf. Akkarin schlang einen Arm um ihre Taille und sie schwebten das Kliff empor.

So sehr Sonea es auch bedauerte, die kleine Bucht wieder zu verlassen, so war sie auch froh, dass es zurück zu Parils Hof ging. Denn inzwischen hatte ihr Magen bedenklich zu knurren begonnen.


***


„Heute keine Geschäfte, Ceryni?“

Cery sah von seinem Becher auf. Das Wasser darin schöpften die Bauern auf dieser Insel aus einem Brunnen mitten im Hof. Es war sehr viel klarer und köstlicher als er sich das früher hätte vorstellen können, als er noch ein kleiner Gauner gewesen war.

„Heut’ nicht, Paril“, antwortete er. „Ich bin nur wegen meiner Freunde hier. Aber wenn ich was für dich auf’m Markt verkaufen soll …“

Der Handel, den Cery mit den Bauern hatte, war ein einfacher Austausch von Gefälligkeiten. Dafür, dass er in schwerzugänglichen Höhlen an der Steilküste der Insel Schmuggelware lagern durfte, verkaufte er ihre Erzeugnisse in der Stadt, wofür er ihnen den vollen Erlös gab. Andere Diebe würden etwas davon zurückbehalten, doch Cery war der Ansicht, dass das nicht unbedingt zu einem guten Verhältnis zwischen Dieb und Klient beitrug. Schon gar nicht, wenn er dabei als einziger Vertragspartner gegen das Gesetz verstieß und damit erpressbar war.

Am Vormittag hatten er und Kerran die Schmuggelwaren, die er bei der letzten Durchsuchung in Sicherheit hatte bringen müssen, ins Boot geräumt. In Imardin warteten bereits Kunden, die ob der verzögerten Lieferung ungeduldig wurden. Nachdem diese Arbeit beendet war, hatte Cery sich auf den Weiden um Parils Hof gelümmelt, während sein Helfer zum Boot zurückgekehrt war.

„Dafür ist es noch zu früh im Jahr“, sagte der Bauer. „Die Saaten sind gerade in der Erde und es dauert noch’n paar Wochen, bis die Enka werfen.“

Zwei kleine Jungen von ungefähr sechs und acht Jahren kamen schreiend in den Hof gelaufen. „Da, Da!“, riefen sie. „Die Magier kommen!“

Paril zuckte zusammen. „Die Magier?“, wiederholte er. „Wieso sollten sie hierher kommen?“

„Sie sind schon hier!“ Der ältere der beiden Jungen wandte sich um und zeigte auf eine Hügelkuppe zwischen den Feldern, wo zwei Gestalten langsam näher kamen. Akkarin und Sonea. „Wir haben gesehen, wie sie das Kliff runter geflogen sind. Und vorhin sind sie wieder dort rauf geflogen.“

Aufgeregt liefen sie ins Haus. Cery konnte hören, wie sie ihre Erkenntnis dort weiter verbreiteten, und unterdrückte ein Seufzen.

Die Augen des Bauern weiteten sich. „Du hast zwei Magier hergebracht?“

„Sie sind meine Freunde.“ Cery lächelte entwaffnend und breitete seine Hände aus. „Ich wär’ dir dankbar, wenn du und Lya das für euch behaltet. Die Gilde hat’n besonderes Auge auf die beiden und sie wollten sich noch ’nen schönen Tag machen, bevor sie gegen die Sachakaner kämpfen.“

Und das sehr viel früher, als sie glauben, fügte er in Gedanken hinzu. Zu wissen, es würde Krieg geben, bedrückte Paril und seine Familie nicht allzu sehr. Die Nachrichten waren auch hier auf den vorgelagerten Inseln angekommen, doch die Bewohner konnten sich hier einigermaßen sicher wähnen, solange die Sachakaner nicht von den Inseln erfuhren. Da die Bauern durch ihre Landwirtschaft unabhängig waren, konnten sie überleben, sollten die Sachakaner tatsächlich bis Imardin kommen.

Die beiden?“, Paril starrte ihn ungläubig an.

Cery nickte.

„Ich wusste doch, dass was mit denen ist“, brummte der Bauer. „Ihre Namen kamen mir so bekannt vor.“

Die beiden schwarzen Magier betraten den Hof. Akkarin sagte etwas mit seiner tiefen Stimme, woraufhin Sonea lachte. Als sie näherkamen, ließ er ihre Hand los. Bei ihrem Anblick verspürte Cery heftige Schuldgefühle. Seit seinem Gespräch mit Savara war er hin und hergerissen zwischen dem Respekt vor der Privatsphäre seiner Freunde und seinem Pflichtgefühl. Er wusste, er hätte sie sofort aufsuchen müssen. Aber kam es jetzt wirklich noch auf einige wenige Stunden an?

Als er dem durchdringenden Blick des ehemaligen Oberhauptes der Magiergilde begegnete, richtete er seine Gedanken rasch auf etwas Belangloses.

„Lord Akkarin, Lady Sonea.“ Paril trat auf die beiden zu und verneigte sich unbeholfen. „Verzeiht, dass ich Euch nicht früher die Ehre erwiesen hab’. Ich hatte ja keine Ahnung ...“

Cery warf Akkarin und Sonea einen entschuldigenden Blick zu.

„Schon gut“, winkte Akkarin ab. „Es war zu erwarten, dass unsere Anwesenheit auf dieser Insel nicht unbemerkt bleibt.“

Parils Frau trat aus der Tür. Sie trug mehrere Schüsseln mit Essen. Als sie Akkarin und Sonea erblickte, weiteten sich ihre Augen. Ihre drei Töchter folgten mit Tellern und Besteck. Der Bauer warf einen zögernden Blick über die Schulter.

„Wir haben nur einfaches Essen“, entschuldigte er sich bei den beiden Magiern. „Wenn Ihr nicht mit uns essen wollt, ist das in Ordnung.“

Sonea lächelte. „Paril, wir haben deine Einladung bereits angenommen. Wieso sollten wir unsere Meinung ändern, jetzt wo deine Familie weiß, wer wir sind?“

„Also, wenn Ihr das so sagt, Mylady“, begann der Bauer. Er machte eine einladende Geste hinüber zum Tisch. „Bitte setzt Euch.“

Akkarin und Sonea setzten sich nebeneinander auf eine der Bänke. Parils Frau und ihre Töchter deckten den Tisch. Der Bauer öffnete ein Fass mit selbstgekeltertem Pachiwein. Nachdem die ersten Gläser geleert waren, wurde aus der seltsam anmutenden Situation ein heiteres Abendessen. Die Speisen waren allesamt frisch und wohlschmeckend und die Bauernfamilie verlor alsbald ihre Scheu vor den beiden Magiern, was mehr an Soneas Warmherzigkeit als an Akkarins nachdenklicher Düsternis lag. Die Kinder verlangten danach, allerhand Tricks zu sehen, was die beiden Magier zu Cerys Erheiterung mit bemerkenswerter Gelassenheit über sich ergehen ließen.

„Wie hat dir der Strand gefallen?“, wandte Cery sich an seine Freundin, nachdem sie ihren Teller mit einem unterdrückten Stöhnen von sich geschoben hatte. Akkarin war gerade dabei, Parils Söhne mit kleinen Feuerwirbeln zu beeindrucken, die die Jungen quer über den Hof jagten.

„Es war wundervoll, Cery“, antwortete Sonea. „Danke, dass du uns diesen Ausflug ermöglicht hast.“

Cery winkte ab. „Das mach’ ich doch gern.“

Sonea lächelte. „Akkarin hat mir schwimmen beigebracht.“

„Hai!“, rief Cery. „Und war’s schwer?“

„Eigentlich nicht. Ich weiß nur nicht, ob es ohne die Scheibe aus Magie unter mir immer noch so einfach wäre.“

„Sonea, da ist nie eine Scheibe aus Magie unter dir gewesen“, sagte Akkarin ohne den Blick von den beiden Jungen zu wenden.

Ihre Augen weiteten sich. „Aber du hast gesagt …“, begann sie vorwurfsvoll.

Akkarin lachte leise und wandte sich ihr zu. „Ah, das war die einzige Möglichkeit, dich aus dem seichten Wasser zu locken.“

Sonea funkelte ihn an.

Cery lachte. „Schön, dass ihr beide euren Spaß hattet!“ Als er die Worte aussprach, kehrten seine Schuldgefühle zurück. Er warf einen Blick gen Westen. Die Sonne stand bereits sehr tief. Nicht mehr lange und sie würden auslaufen.

Es wurde Zeit.


***


Das Weiß der die Straßen säumenden Mauern schimmerte schwach in der Dunkelheit. Nur noch wenige Menschen waren unterwegs, die meisten davon Sklaven.

Mit herabhängenden Schultern wickelte Savara die Tunika, den sie sich von Ina geliehen hatte, fester um den Leib. Um einen unauffälligen, teilnahmslos wirkenden Gang bemüht, huschte sie durch die Straßen zu dem etwas weniger wohlhabenden Teil von Arvice. In dieser Tarnung würde niemand sie aufhalten. Sklaven erledigten zu jeder Tages- und Nachtzeit Botengänge für ihre Besitzer.

Vor einem hölzernen Tor blieb sie stehen und klopfte. Einige Sekunden vergingen, dann wurde eine Luke zurückgeschoben.

„Wer ist da?“, fragte eine Stimme.

„Ich habe eine Nachricht für Meisterin Asara“, antwortete Savara. „Mein Meister hat mich angewiesen, sie ihr persönlich zu überbringen.“

Es wäre ihr lieber gewesen, hätte sie dem Sklaven befehlen können, das Tor zu öffnen, doch damit hätte sie Misstrauen erregt. Asaras Ehemann kümmerte es nicht, womit seine Frau sich ihre Zeit vertrieb, solange sie seine sexuellen Vorlieben nicht öffentlich kundtat. Als Gegenleistung für das Wahren seiner schmutzigen Geheimnisse deckte er seine Frau, obwohl er nicht die geringste Ahnung hatte, dass sie einer geheimen Organisation angehörte. Savara wollte dieses fragile Gleichgewicht nicht stören. Sie wusste, wie wichtig es war, dass es erhalten blieb.

Die Luke schloss sich. Savara hörte, wie ein Mechanismus betätigt wurde und die Tür schwang auf.

„Die Meisterin ist in ihren Gemächern“, sagte der Sklave. „Du kennst den Weg?“

Savara nickte und eilte durch den kleinen Hof zum Haupthaus. Auf dem Weg zu den Räumen der Hausherrin begegnete sie mehreren Sklaven. Den Blick auf ihre nackten Füße senkend lief sie zu dem Raum, der als Empfangsraum gedacht war und vom dem sie wusste, dass Asara ihn scherzhaft als „Raum der Meisterin“ bezeichnete.

Da sie nicht wusste, ob ihre Schwester allein war, klopfte sie zögernd an.

„Es ist offen!“, erklang eine vertraute Stimme von innen.

Savara stieß die Tür auf und trat in den dahinterliegenden Raum.

Asara lag auf einem Divan und las in einem Buch. Als Savara eintrat, sah sie auf. Ihr Gesicht drückte offenkundige Verwirrung aus. Offenkundig hatte sie damit gerechnet, dass Savara sich vor ihr zu Boden warf. Dann weiteten sich ihre Augen und ihr Gesichtsausdruck wechselte für einen kurzen Augenblick zu Erleichterung und dann zu Zorn – und Verachtung.

„Savara!“, entfuhr es ihr. Sie legte das Buch zur Seite und sprang auf. Die Luft flirrte vor Magie, als sie einen Schild errichtete. „Wie kannst du es wagen, hierher zu kommen, nach allem was du angerichtet hast?“

Das war nicht die Art von Begrüßung, die Savara sich erhofft hatte, wenn auch sie damit hatte rechnen müssen. Asara war liebevoll und warmherzig, doch sie ging hart mit jenen ins Gericht, die einen Fehler begangen hatten.

„Ich freue mich auch dich zu sehen, liebe Schwester“, erwiderte Savara mit einem entwaffnenden Lächeln. „Und ja, ich bin noch am Leben.“

Schwester!“, zischte Asara. „Du gehörst nicht mehr zu uns. Du hast gegen unseren Eid verstoßen.“

„Du bist genauso eine Söldnerin, wie ich es bin. Gerade du müsstest es verstehen.“

„Ich war eine Söldnerin“, stellte Asara richtig. „Bevor ich in die Stadt versetzt wurde. Ich verstehe vieles. Ich verstehe, wieso einige von uns überhaupt Söldner sein müssen und was wir tun, ist entschuldbar.“ Asaras Blick wurde hart. „Aber nicht das!“

„Ich habe mich geändert“, beharrte Savara. „Es ist wahr, ich habe hilflose Sklaven niedergemetzelt, aber ich bereue was ich getan habe. Ich habe anderen Menschen dadurch sehr viel Leid zugefügt. Und ich wurde dafür bestraft.“

Asara verschränkte die Arme vor der Brust. „Das ist auch das Mindeste“, grollte sie. „Und jetzt nenn’ mir einen Grund, warum ich dich nicht auf der Stelle töten soll!“

Sie meint es ernst, erkannte Savara mit Entsetzen. Die Ablehnung ihrer Schwester schmerzte sie, wohl wissend, dass sie es nicht anders verdient hatte.

„Ich brauche deine Hilfe.“

„Wobei?“, fragte Asara kühl. „Heckst du eine neue Schandtat aus?“

Savara lächelte schief. „Könnte man so sagen.“ Bevor die andere Frau etwas darauf erwidern konnte, fügte sie hinzu: „Aber es ist nicht so, wie du denkst. Ich brauche die Verräter um ein schreckliches Unheil zu verhindern.“

„Die Verräter werden sich nicht in Marikas Krieg einmischen, wenn es das ist, worauf du hinaus willst“, sagte Asara schroff.

„Bitte Asara“, flehte Savara. „Du und Nachiri seid die Einzigen, denen ich vertrauen kann. Aber Nachiri ist zu weit fort und ich stehe nicht in direktem Kontakt mit ihr. Ich werde weder die Zeit noch die Gelegenheit haben, um mich an sie zu wenden.“

Mit einem Seufzen ließ Asara ihren Schild sinken und setzte sich. „Savara, in was für Schwierigkeiten steckst du? Hat das etwas damit zu tun, dass du deinen Tod vorgetäuscht hast?“

Savara zögerte. „Ich weiß nicht, ob es so eine gute Idee ist, dir von den Umständen, meines vermeintlichen Todes zu erzählen. Ich führe einen Geheimauftrag aus. Außer dir und Nachiri weiß niemand, dass ich noch am Leben bin. Unsere anderen Schwestern dürfen es nicht erfahren und schon gar nicht die Große Mutter. Zumindest noch nicht. Aber ich bin auf der Seite der Guten.“

Asaras Augen verengten sich. „Hat dein Geheimauftrag etwas damit zu tun, dass du in Arvice bist? Du setzt doch sonst nie einen Fuß in die Stadt.“

Savara nickte. „Asara, bitte. Ich brauche deine Hilfe.“

Ihre Schwester musterte sie eine Weile. Sie machte eine Bewegung mit der Hand und ein Weinkelch schwebte von einem Schrank auf den Tisch zwischen ihnen.

„Bedien dich.“ Sie wies auf die Weinflasche. „Ich verbiete den Sklaven in diesem Haushalt, mich hier zu bedienen, du musst es also selbst tun.“

Savara beugte sich vor und goss sich etwas Wein ein. Vorsichtig trank sie einen Schluck.

„Der ist wirklich gut“, sagte sie.

„Mein Mann hat ihn vor einigen Monaten auf dem Markt gekauft“, sagte Asara. „Er ist aus Elyne.“

„Ist Varako zuhause?“

Asara schüttelte den Kopf und lächelte süffisant. „Er ist nach dem Essen zu Ashaki Saraki gefahren.“ Ihr Lächeln vertiefte sich. „Vor Mitternacht wird er kaum zurück sein. Und selbst wenn, dann geht er in sein eigenes Schlafzimmer.“

Savara atmete leise aus. Auch wenn Ashaki Varako das Tun seiner Frau billigte, so war es besser, Zusammenkünfte zu vermeiden. Die Verräter, die über das Land stationiert waren, waren mit Ashaki verheiratet, die in der Gesellschaft nur wenig Anerkennung fanden. Entweder, weil sie aus Familien mit geringem gesellschaftlichen Ansehen kamen, oder weil sie insgeheim Männer begehrten. Letztere wurden von den Verrätern bevorzugt, weil sie ihre Männer damit im Zweifelsfall erpressen konnten und damit alle Mittel und Bewegungsfreiheit hatten, die sie für ihre Aufträge brauchten. Manche Verräter pflegten sogar ein freundschaftliches Verhältnis zu ihren Ehemännern, da sie den Haushalt mit ihnen teilen mussten. Über die Jahrhunderte waren diese Verbindungen zu einer seltsamen Tradition geworden, die von nahezu allen Magierinnen gelebt wurde, die ihr Zuhause außerhalb der Zuflucht hatten.

„Was ist eigentlich aus diesem Gildenmagier geworden, den du gerettet hast?“, fragte Savara. „Hast du ihn zurück zu seinen Leuten gebracht?“

Die Augen ihrer Freundin weiteten sich. „Du warst das, die Nachiri gebeten hat, mich über seine Situation zu informieren!“, rief sie. „Tatsächlich habe ich nie ganz geglaubt, dass es die Gildenmagier von diesem Fort waren.“

„Ja, das war ich“, sagte Savara. „Ich habe doch gesagt, dass ich zu den Guten gehöre.“

Asara schenkte sich Wein nach und lächelte versonnen. „Ja, der schöne Gildenmagier“, sagte sie. „Ich habe ihn sicher zum unbefestigten Pass gebracht. Er war so ganz anders als die sachakanischen Männer. So charmant und zuvorkommend.“

„Hast du ihn verführt?“

„Nein.“

Savara runzelte die Stirn. „Warum?“

„Weil er nicht mein Typ ist.“

„Wieso? Ist er so wie Varako?“

„Er ist bereits vergeben. Da war rein gar nichts zu machen.“

Also doch. Savara lächelte wissend. Das kurze Zögern ihrer Freundin war ihr nicht entgangen. Dass Asara dieses Thema mied, zeigte ihr indes, dass sie besser daran tat, dieses Wissen für sich zu behalten.

„Asara, ich bin hier, weil ich dich um ein Blutjuwel bitten muss, durch das ich mit Savedra in Kontakt treten kann“, sagte sie.

„Savara, das kann ich nicht machen.“ Asara schüttelte den Kopf. „Die Große Mutter hat dich trotz deines angeblichen Todes zur Ichani erklärt. Wenn sie wüsste, dass du noch lebst, würde das nichts an ihrer Entscheidung ändern.“

Der erwartete Stich blieb aus. An diesem Tag hatte Savara genug beunruhigende Dinge erfahren, dass Savedras Erklärung sie nicht mehr treffen konnte. Sie würde die Hilfe der Verräter brauchen, wenn ihr Plan gelingen sollte. Es würde nicht helfen, die Ichani-Frauen zu vereinen, nicht bei den Kapazitäten, über die Marika jetzt verfügte. Sie würden untergehen, aber für nichts. Ebenso wie die Gildenmagier.

„Asara, das hier ist sehr wichtig“, sagte sie. „Ich habe mich in Marikas Armee eingeschlichen und ein wenig spioniert. Du bist sicher über seine Pläne informiert.“

Asara nickte ernst. „Die Verräter in Arvice beobachten seine Schritte genau. Wir wissen, dass die Ashaki, die für ihn kämpfen, heute mit weiteren Ashaki zum Palast zurückgekehrt sind. Wir vermuten, dass es nicht mehr lange dauert, bis Marika nach Kyralia marschiert.“

Allerdings, dachte Savara. Aber im Gegensatz zu den Verrätern in Arvice kannte sie den exakten Zeitpunkt, an dem Marika mit seiner Armee die Stadt verlassen würde.

„Dann verstehst du auch, wie wichtig das hier ist.“ Savara stellte ihren Weinkelch ab und sah ihrer Schwester in die Augen. „Die Zeit drängt. Marika ahnt, dass es einen Spion in seiner Armee gibt. Er weiß nicht, ob dieser auf der Seite der Verräter oder auf der Seite der Gildenmagier ist. Aber ich habe die Befürchtung, dass er etwas Unvorhersehbares plant, das die Gildenmagier in eine noch schlechtere Position bringt.“

Asaras mandelförmige Augen wurden rund. „Wieso glaubst du das?“

„Er verfolgt einen Plan, von dem nur seine engsten Vertrauten wissen. Bis ich herausgefunden habe, was er vorhat, ist es vielleicht schon zu spät. Die Gildenmagier zu warnen, könnte dann nicht mehr genügen. Wenn die Gilde fällt, wird es nicht lange dauern, bis die anderen freien Länder ebenfalls fallen.“ Einen tiefen Atemzug nehmend wappnete sie sich für ihre nächsten Worte. Und dann erzählte sie ihrer ehemaligen Schwester alles, was sie in den vergangenen Wochen in Erfahrung gebracht hatte. Einschließlich der Ereignisse dieses Tages.

Als Savara geendet hatte, war alle Farbe aus Asaras Gesicht gewichen.


***


Kaum, dass die Sonne hinter dem Horizont versunken war, legte sich ein feiner Dunst über die Küste und die vorgelagerten Inseln wie die liebevolle Umarmung einer Mutter oder Geliebten. Die Luft wurde spürbar kühler und der Wind frischte auf.

Sonea lehnte über der Reling auf der Backbord-Seite des Schiffs und blickte aufs Meer. Die laue Abendbrise ließ ihr Haar flattern. Bei ihrem Anblick schnürte sich Cerys Herz zusammen. Er konnte es nicht länger aufschieben. In einer halben Stunde würden in Imardin anlegen. Er wollte sich nicht einreden, dass Savara inzwischen selbst erfolgreich Akkarin kontaktiert hatte. Jetzt, wo er es wusste, konnte er nicht mehr so tun als sei er unwissend.

„Wir sollten uns unterhalten.“

Cery zuckte zusammen. „Ihr wisst’s also schon“, sagte er ohne sich umzudrehen.

„Ich weiß nur, dass du versuchst, etwas vor mir und Sonea zu verheimlichen.“ Der ehemalige Hohe Lord nahm einen Stuhl und setzte sich zu Cery.

„Das ist richtig.“ Cery griff nach dem Siyo und goss einen zweiten Becher ein, den er Akkarin zuschob. „Ich wollt’s Euch heute Abend sagen. Sonea zuliebe.“

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. Für einen kurzen Augenblick verlor sein Blick seinen Fokus.

„Wir können jetzt ungestört reden“, sagte er dann.

„Sie kann uns nicht hören?“, fragte Cery mit einem Nicken zu Sonea.

„Nein.“ Akkarin runzelte die Stirn, dann nippte er an seinem Siyo. Seine Augenbrauen hoben sich anerkennend. „Gar nicht übel“, bemerkte er.

„Gut genug für ’nen Piraten?“

„Ich kann nicht behaupten, in meinem Leben vielen Piraten begegnet zu sein“, erwiderte Akkarin. „Doch dein Siyo genügt meinen Ansprüchen.“

Cery lächelte. „Ich hab’ Verbindungen zu’n paar Vindo. Sie brauen den besten Siyo.“

„Selbstverständlich hast du das.“ Der schwarze Magier lehnte sich zurück und legte die Spitzen seiner langen Finger aneinander. „Was wolltest du mir sagen, Ceryni?“

„Savara hat mich heute kontaktiert.“ Cery zog das Amulett mit der Inava aus seinem Hemd hervor. „Sie hat das noch nie von sich aus getan, seid sie Imardin verlassen hat. Sie hat behauptet, dass sie Euch dringend sprechen muss, doch dass Ihr den Kontakt durch ihren Blutstein irgendwie abblockt.“

„Richtig“, bestätigte Akkarin. „Der Macher des Blutjuwels kann kontrollieren, wie viele Informationen er von seinem Träger erhalten will. Das heißt bis zu einer bestimmten Grenze.“

„Es geht nicht tiefer als zu den Oberflächengedanken des Trägers“, sagte Cery. Aber Akkarin konnte auch hören, was Savara hörte und sehen, was sie sah, wenn er das wollte. „Und heute habt Ihr dafür gesorgt, dass sie Euch nicht erreichen kann.“

„Richtig.“

Cery konnte dem anderen Mann keinen Vorwurf machen. Tatsächlich beruhigten Akkarins Worte seine Schuldgefühle ein wenig. An seiner Stelle hätte er genauso gehandelt. Er stürzte seinen Siyo hinunter und goss sich nach.

„Lord Akkarin, was Savara mir erzählt hat, wird Euch nicht gefallen.“


***


Als der Tunnel vor ihnen anstieg, wusste Sonea, dass sie irgendwo unter der Universität waren. Den Rückweg von Cerys Versteck hatten sie nahezu schweigend zurückgelegt. Sie war müde und erschöpft von dem langen Tag. Sie glaubte, noch immer das Wogen der Wellen und die Sonne und den Wind auf ihrer Haut zu spüren. Ihr Kleid trug sie unter ihrer Robe verborgen. In der Kälte der unterirdischen Gänge waren ihr die zusätzlichen Lagen Stoff jedoch willkommen.

Je näher sie der Gilde gekommen und je größer die Entfernung zu Insel geworden war, desto mehr waren ihre Gedanken wieder zu den wesentlichen Dingen des Lebens zurückgekehrt. Bereits auf der Rückfahrt nach Imardin hatte sie die Formeln für ihre morgige Alchemieprüfung aus ihrem Gedächtnis abgerufen. Sie hatte ihren Lernplan so eingeteilt, dass sie an diesem Abend nur noch einen Blick auf ihre Notizen werfen musste. Sie hatte hart gearbeitet, um sich diese zwei freien Tage gönnen zu können. Sie hoffte, es würde reichen, um bei ihren verbleibenden Prüfungen gut abzuschneiden.

An einer Wegbiegung wandte Akkarin sich nach links. Dann stiegen sie einige Stufen zu einem Ausgang zu den Inneren Passagen empor. Das ungute Gefühl, das seit der letzten halben Stunde von Sonea Besitz ergriffen hatte, wurde stärker und sie konnte nicht aufhören zu denken, dass sie für ihren heimlichen Ausflug bezahlen mussten.

Schließlich blieb Akkarin stehen. Er löschte die Lichtkugel und spähte durch ein Guckloch, durch das schwaches Licht in den Tunnel trat.

„Der Korridor ist verlassen“, murmelte er. Seine Hand wanderte zu einem Mechanismus, der die Geheimtür öffnete.

„Warte.“ Sonea legte ihre Hand auf seine. „Lass mich zuerst deinen Sonnenbrand heilen.“ Die Haut in seinem Gesicht war gerötet. Sonea hatte so etwas bisher nur bei Marktarbeitern gesehen, die den ganzen Tag draußen waren. Von dem Spannungsgefühl auf ihrer eigenen Haut, wenn sie sich bewegte oder das Gesicht verzog, ahnte sie, sie sah selbst nicht viel besser aus. Was, wenn jemand sie beide so sah?

Sie berührte Akkarins Stirn und sandte ihre Magie in seinen Körper. Als sie fertig war, schuf sie eine winzige Lichtkugel, um ihr Werk zu betrachten. Akkarins Gesicht hatte seine gewohnte, blasse Farbe zurückerhalten. Sonea lächelte befriedigt, bevor sie dasselbe bei sich tat.

Sie stiegen durch die Geheimtür und traten in die Inneren Passagen. Zu ihrer Erleichterung waren auch die Hauptflure verlassen, der Abendunterricht musste bereits vorbei sein. In der Eingangshalle begegneten sie einigen Novizen, die respektvoll vor ihnen zurückwichen und sich verneigten, als Sonea und Akkarin an ihnen vorbei schritten.

Oder erwarten sie uns zuhause? überlegte Sonea. Haben sie gemerkt, dass wir nicht in der Gilde sind, und lauern uns dort auf?

Der Gedanke war entsetzlich und albern zugleich. Die Magier brauchten sie und Akkarin für den Kampf gegen die Sachakaner. Sie konnten sie nicht bestrafen bloß, weil sie sich für einen Tag aus der Gilde geschlichen hatten. Selbst wenn sie in der Arran-Residenz auf sie warteten, hätte Takan dann nicht längst Akkarin Bescheid gesagt? Hätte Akkarin sie nicht vorgewarnt?

Sonea warf ihm einen Seitenblick zu. In seinen Gesichtszügen lag eine Härte und Entschlossenheit, die sie erschaudern ließ. Mit einem Mal wusste sie mit absoluter Gewissheit, dass etwas nicht stimmte. Und ihr wurde kalt.

Zu spät bemerkte sie, dass sie nicht den Weg zu den Residenzen eingeschlagen hatten, sondern auf die Residenz des Hohen Lords zuhielten.

„Was machen wir hier?“, wollte sie wissen.

„Wir gehen zu Balkan“, antwortete Akkarin. „Ich muss ihn sprechen.“

„Warum?“ Sonea versuchte, die Panik in ihrer Stimme zu kontrollieren. „Weiß er, dass wir …?“

„Darum geht es nicht.“ Akkarin stieg die Stufen zur Tür empor und klopfte. „Du wirst es gleich erfahren.“

Sonea unterdrückte ein frustriertes Seufzen und folgte ihm in die mit Frühlingsblumen dekorierte Empfangshalle. Seit Luzille mit ihrem Mann dieses Gebäude bewohnte, wirkte die Residenz so viel heller und freundlicher, was weniger daran lag, dass Balkan bei weitem nicht so ehrfurchtgebietend wie Akkarin war, sondern an Luzilles natürlichem Bedürfnis, alles in einem elynischen Stil zu gestalten. Der Anblick war für Sonea befremdlich und verstärkte ihr Gefühl, dass etwas nicht in Ordnung war.

Sie mussten nicht lange warten, bis ein Diener erschien.

„Ich muss den Hohen Lord sprechen“, sagte Akkarin. „Es ist dringend.“

„Der Hohe Lord speist gerade zu Abend“, wandte der Diener vorsichtig ein.

„Dann frag ihn, ob ihm eine Störung recht ist. Falls nicht, warten wir.“

„Ja, Lord Akkarin.“ Der Diener verneigte sich furchterfüllt und eilte die Treppe empor.

Sonea wandte sich zu Akkarin. „Ist es sehr schlimm?“

Statt einer Antwort strich er über ihre Wange. Dann schloss er sie in seine Arme.

Also jadachte sie.

Nach wenigen Augenblicken erklangen schwere Schritte aus dem oberen Stockwerk und kamen näher. Akkarin ließ von ihr ab.

„Lord Akkarin. Sonea.“ Balkans Miene war wachsam und sichtlich verstimmt.

„Ich bitte um Verzeihung für die späte Störung, Hoher Lord“, sagte Akkarin. „Doch ich habe eine wichtige Mitteilung zu machen.“

Balkans Gesicht verfinsterte sich. „Was ist passiert?“

Sonea hielt die Luft an, als die Stimmung im Raum mit einem Mal ernst wurde.

„Soeben hat Savara mich durch ihr Blutjuwel kontaktiert. Sie hat mir berichtet, König Marika habe sie und einige andere Ichani mit falschen Informationen versorgt, weil er einen Spion in den Reihen seiner Armee fürchtet.“ Akkarin machte eine Pause. Dann sah er Balkan direkt an.

„Marikas Armee wird morgen früh bei Sonnenaufgang Arvice verlassen und gen Kyralia marschieren.“

***


* Viyvi – sternförmige Wesen mit fünf Armen, stacheligem Rücken und winzigen Saugnäpfen auf der Unterseite, die auf dem Meeresgrund leben.
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