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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 13.589
 
Kapitel 50 – Wenn die Pachibäume blühen



Durch die Zweige des Pachibaumes fuhr eine sanfte Brise und ließ Blütenblätter wie weiß-rosa Schneeflocken zur Erde rieseln. Aus dem nahen Wald erklang die allabendliche Symphonie der Vögel. Einen Tag zuvor waren die Knospen der Pachibäume noch kaum zu erkennen gewesen, doch an diesem Morgen hatten sie mit einem Mal in voller Blüte gestanden, ganz so als habe jemand nachgeholfen.

Sonea indes nahm ihre Umgebung kaum wahr. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig dem Mann vor ihr. Akkarin hatte sich gegen den Baumstamm gelehnt. Seine Hände hielten ihre Taille umfasst, seine Küsse waren warm und sanft und bestimmend zugleich. Es fiel Sonea schwer, dem für diesen Abend ein Ende zu setzen.

Wenig zuvor hatten sie Balkans Krieger in der Arena vernichtend geschlagen. Der Hohe Lord hatte widerstrebend zugeben müssen, dass „seine“ beiden schwarzen Magier immer besser wurden. Im Hinblick auf die kommenden Wochen war das ausnahmsweise eine gute Nachricht.

„Ich sollte jetzt gehen“, sagte Sonea und löste sich ein wenig verlegen von ihm. Derart viel Intimität in der Öffentlichkeit zuzulassen, widersprach dem Akkarin, den Sonea kannte, und sie beschlich die leise Ahnung, dass der morgige Tag sein kühles Gemüt mehr bewegte, als er zugab. „Rothen wird sich wundern, wo ich bleibe.“

Akkarin zog sie wieder zu sich. „Er wird verstehen, wenn du dich verspätest.“

„Es ist nur für eine Nacht. Kein Mensch, der halbwegs bei Verstand ist, würde dafür Verständnis haben“, widersprach Sonea. „Wir waren schon länger getrennt.“

Akkarin löste eine Hand von ihrer Taille und strich die feinen Konturen ihrer Gesichtszüge entlang. Seiner Berührung löste ein Kribbeln aus, das sich durch Soneas Wirbelsäule fortsetzte. Dann fuhr seine Hand in ihren Nacken.

„Bleib hier“, murmelte er und küsste sie erneut.

„Aber es ist Tradition …“, protestierte sie schwach.

Nach einem Brauch, der in Kyralia anscheinend überall außer in den Hüttenvierteln praktiziert wurde, musste Sonea die Nacht vor der Hochzeit im Haus ihres Vaters verbringen, bevor dieser sie in die Obhut ihres zukünftigen Mannes übergab. Für Sonea bedeutete das, die Nacht in Rothens Apartment zu verbringen. Er hatte ihr den Vater ersetzt, seit die Gilde sie aufgenommen hatte – und er war ihr Brautvater. Obwohl sie glaubte, keine Nacht ohne Akkarin verbringen zu können, freute sie sich auch über diese Gelegenheit mit Rothen Zeit zu verbringen.

„ … die Tradition interessiert mich nicht“, schnitt Akkarin ihr das Wort ab. „Bis jetzt haben wir uns auch nicht daran gehalten, warum also jetzt?“

Das war ein Argument, auf das Sonea nichts erwidern konnte. In diesem Licht betrachtet war ihre Beziehung bis jetzt sogar höchst skandalös gewesen.

„Vielleicht um den Anstand zu wahren?“, schlug sie vor.

„Tu nicht so, als wärst du anständig. Das ist unglaubwürdig.“

Sonea verkniff sich ein Lächeln und legte einen Finger auf seine Lippen. „Es ist nur eine Nacht und ab morgen gehörte ich für immer dir.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Und damit du das auch zu schätzen weißt, werde ich jetzt gehen. Ich wünsche dir eine angenehme Nacht.“

Sie wandte sich zum Gehen. Bevor sie jedoch wusste, wie ihr geschah, hatte Akkarin ihr Handgelenk gepackt und sie an ihrem Arm herumgewirbelt.

„Du gehst erst, wenn ich es erlaube“, raunte er und schob sie gegen den Baumstamm. Ein paar Blütenblätter rieselten daraus herab und blieben in ihrem Haar und auf ihrer Robe hängen.

Sonea entfuhr ein Laut des Protestes, als er sie erneut küsste. Mit dem Baum im Rücken und Akkarin vor sich blieb ihr nichts anderes übrig, als die Arme um ihn zu legen und seine Küsse zu erwidern. Soneas Puls beschleunigte sich. Ein Teil von ihr fragte sich flüchtig, warum er manchmal so unverschämt war und warum es ihr so sehr gefiel, wenn er sich nahm, was er wollte.

„Hör auf“, flüsterte sie nach einer Weile atemlos.

„Fürchtest du, du könntest nachgeben?“

„So ein Unsinn!“ Sie wollte ihn von sich schieben, doch er war zu stark.

„Lass das“, befahl er mit einer Spur dieser ganz besonderen Autorität in der Stimme, die Sonea jedes Mal ein Schaudern entlockte. Er packte ihre Handgelenke und drückte sie gegen den Baumstamm. Sein Griff war beinahe schmerzhaft und Soneas Widerstand bröckelte. „Ich lasse dich gleich gehen, aber nicht ohne dir einen Vorgeschmack auf das zu geben, was dich erwartet, wenn wir verheiratet sind.“

Vorgeschmack?, dachte Sonea mit einem Anflug von Panik. Was meint er denn damit?

„Gibt es überhaupt etwas, das du noch nicht mit mir gemacht hast?“, fragte sie schwach.

Akkarin lachte leise. „Ah, Sonea. Es geht viel weniger um das was, als um das wie.“

Seine Worte jagten ihr einen weiteren Schauer über den Rücken. Wenn er nicht bald damit aufhört, gehe ich wirklich mit ihm nach Hause, fuhr es ihr durch den Kopf. Und dafür würde sie sogar Rothen versetzen.

„Aber da du offensichtlich auf die kyralische Tradition bestehst, macht es keinen Sinn, dich noch länger festzuhalten“, sagte Akkarin, als habe er ihre Gedanken gelesen. Er ließ von ihr ab. „Richte Rothen meine Grüße aus.“

Sonea war das Funkeln in seinen Augen nicht entgangen. „Das hast du mit Absicht getan!“ rief sie.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Wir sehen uns morgen.“

Er wandte sich um und schritt mit wallenden Roben davon. Sonea starrte ihm hinterher, ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb. Wieso konnte er es einfach nicht lassen, derart mit ihrer Beherrschung zu spielen? Er hatte das doch gar nicht nötig. Sie war ihm doch schon längst bedingungslos ergeben.


***


Als es an der Tür seines Apartments klopfte, hob Rothen den Kopf.

„Herein!“, rief er und streckte seinen Willen nach dem Türgriff aus.

Die Tür schwang auf und Sonea trat ein. Ihre Wangen waren gerötet, als wäre sie gerannt und ihre dunklen Augen strahlten. Rothen legte sein Buch zur Seite und erhob sich.

„Guten Abend, Sonea“, sagte er.

Sie lächelte. Bei dem Anblick ging sein Herz auf. „Guten Abend, Rothen.“

Sie trat ein und stellte die Tasche ab, in der sie ihre Bücher und Notizen aufbewahrte.

Rothen runzelte die Stirn. „Musst du noch lernen?“

„Heute nicht“, antwortete Sonea. „Ich habe nächste Woche zwar noch drei Prüfungen, aber für die kann ich entweder gar nicht lernen oder brauche es nicht.“

„Das ist wundervoll!“, erwiderte Rothen. Wenn Sonea bezüglich ihrer Prüfungen so zuversichtlich war, würde sie nicht viel mehr tun müssen, als sich ihre Notizen vorher noch einmal durchzulesen. Sie würden mehr Zeit haben, sich zu unterhalten. Rothen wollte wissen, wie es ihr am Abend vor ihrem großen Tag ging und was sie von Akkarins Familie hielt. „Wir können gleich zu Abend essen. Ich hoffe, du bist hungrig.“

„Und wie!“

Er betrachtete sie voll Zuneigung. Sie war glücklich und es sah aus, als könne sie ihr Glück trotz des unvermeidlichen Krieges ausnahmsweise einmal zulassen.

„Möchtest du vorab schon ein wenig Pachiwein?“, fragte er.

„Sehr gern“, antwortete sie. „Heißt das, es gibt zum Essen auch welchen?“

„Wenn du möchtest, ja. Eigentlich würde richtiger Wein besser passen, aber es ist nicht wirklich ein formales Dinner.“

Sonea runzelte die Stirn. „Nicht?“

„Wir essen heute Abend zu zweit“, erklärte Rothen augenzwinkernd. „Kein Grund sich mit alberner Etikette zu plagen. Ich denke, wir beide können gut darauf verzichten und es ist auch viel gemütlicher ohne diese albernen Formalitäten.“

Obwohl Rothen nicht wirklich etwas anderes erwartet hatte, hatte ein Teil von ihm gehofft, Dorrien würde ihnen an diesem Abend Gesellschaft leisten. Doch er hatte seit Wochen nichts von seinem Sohn gehört und dessen Schweigen sagte ihm, dass Dorrien nicht zu Soneas Hochzeit kommen würde. Rothen bedauerte das, doch wahrscheinlich war es besser so. Dorriens wildem Charakter zum Trotz konnte Rothen nicht glauben, dass sein Sohn am kommenden Tag im letzten Augenblick durch die Tore der Gilde galoppiert käme, um der Zeremonie noch rechtzeitig beizuwohnen.

Nein, Dorrien würde nicht kommen, und auch wenn Rothen das insgeheim missbilligte, so hatte er auch Verständnis. Jetzt stellt sich nur die Frage ob Osen richtig gelegen hat und Dorrien eine Novizin sucht, um sein „Versagen“ bei Sonea zu kompensieren, dachte er.

„Ach Rothen.“ Sonea ließ sich in einem Sessel nieder und sah zu ihm auf. „Ob Pachiwein oder dieser leckere Wein aus Elyne, den Ihr letztens hattet – das ist mir völlig gleich. Ich freue mich schon, wenn wir den ganzen Abend plaudern können.“ Sie runzelte die Stirn. „Oder meinetwegen auch bis zum Morgengrauen.“

„So wie als Akkarin mit den Kriegern in Sachaka war?“

„Ja. Nur, dass ich dieses Mal nicht um sein Leben fürchten muss.“

Rothen lächelte. Er schritt zu einer Vitrine und holte eine Flasche Pachiwein und zwei Gläser daraus hervor.

„Bis morgen früh kommt gar nicht in Frage“, erklärte er, während er ihnen einschenkte. „Ich verstehe, dass du aufgeregt bist. Aber du musst morgen frisch und ausgeruht sein.“

Sonea nahm ihr Glas entgegen. „Rothen, ich bin nicht aufgeregt. Ich weiß doch schon, wie es ist, mit Akkarin zusammen zu sein.“

Allerdings, dachte Rothen. Sie brauchte ihn nicht daran zu erinnern. Selbst nach einem Dreivierteljahr hatte er sich noch nicht ganz daran gewöhnt, dass dieser Mann, ihm seine Sonea genommen hatte. Anfangs hatte Rothen dieser Beziehung skeptisch gegenübergestanden, doch im Laufe der Zeit hatte sich mehr und mehr herausgestellt, dass Akkarin ihr gut tat. Wenn Rothen nicht näher darüber nachdachte, was er in Soneas Augen las, wenn sie den schwarzen Magier ansah, dann konnte er mit dieser Verbindung leben.

Sie war glücklich, Akkarin behandelte sie gut und vernachlässigte ihre Ausbildung in keinerlei Hinsicht.

Was wollte er mehr?

Die Tür öffnete sich und Tania trat mit einem Tablett voller Speisen ein.

Soneas Augen wanderten zum Esstisch als Rothens Dienerin die kleinen Schälchen darauf anrichtete. „Das sind alles Speisen, die ich besonders gerne mag“, stellte sie erfreut fest, nachdem Tania sich wieder zurückgezogen hatte. Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Hattet Ihr nicht gesagt, es sei nicht formal?“

Rothen lächelte entschuldigend und bot ihr einen Stuhl am Esstisch an. „Ja, das habe ich“, antwortete er. „Das Essen war Tanias Idee. Sie ist seit Tagen völlig außer sich vor Freude, weil du morgen heiratest.“

Sonea strahlte. „Das ist sehr nett von ihr.“ Mit dem Weinglas in der Hand erhob sie sich und setzte sich auf den Stuhl, den er für sie zurückgeschoben hatte.

Sie begannen zu essen. Während des Dinners sprachen sie über alles, was ihnen in den Sinn kam. Sonea erzählte, wie sie Akkarins Bruder mit Veila verkuppelt hatte, dass Akkarins Mutter sie auf Grund ihrer Herkunft hasste, seine Schwester jedoch sehr nett und unkompliziert war. Und dann waren sie schließlich bei erfreulicheren Themen angekommen. Rothen berichtete ihr von zahlreichen kleinen Vergehen, die er als Novize angestellt hatte und die er anderen Novizen gegenüber sonst unerwähnt ließ.

„Ich bin fast nie erwischt worden“, beendete er seinen Bericht schließlich. „Doch einmal hat Lord Margen mich und einen meiner Klassenkameraden dabei erwischt, wie wir in den Alchemieräumen mit einem Klumpen Natrium die Waschschüssel am Lehrertisch in die Luft gesprengt haben.“

„Das Ungeheuer?“, entfuhr es Sonea.

„Heh!“, rief Rothen. „Er war ein sehr guter Mentor.“

„Ich habe mir sagen lassen, seine Lehrmethoden haben ihn nicht besonders beliebt gemacht.“

„Nein, das haben sie wahrhaftig nicht“, gab Rothen zu, sich fragend ob Akkarin ihr davon erzählt hatte. Als Novize hatten er und sein Freund Lorlen nichts als Flausen im Kopf gehabt. Rothen hatte ihre Klasse nie unterrichtet, doch ihre Streiche und ihr ständiges Schwänzen waren unter den Lehrern wohlbekannt gewesen.

„Wie ging es aus?“

Bei der Erinnerung verzog Rothen das Gesicht. „Zur Strafe mussten wir drei Wochen lang drei Mal täglich das Universitätsgelände von Schnee befreien. Ohne Magie.“

„Das ist doch wirklich gar nichts, Rothen!“, rief Sonea und erzählte ihrerseits Anekdoten darüber, wie sie und ihr Jugendfreund Cery über die Dächer von Imardin geklettert waren oder sich auf den Märkten als Taschendiebe versucht hatten und wie sie dabei jedes Mal der Stadtwache entkommen waren, wenn auch manchmal nur knapp.

„Dein Kleid ist gestern angekommen“, sagte er, als Tania den Nachtisch abräumte. „Es ist in deinem alten Zimmer. Willst du es sehen?“

„Sehr gern.“

Sie nahm ihr Weinglas und wollte zu ihrem alten Zimmer eilen.

Rothen räusperte sich. „Das Weinglas lässt du hier“, ermahnte er sie. „Sonst ist dein schönes Kleid morgen voll grüner Flecken.“

Ihre Augen weiteten sich und sie stellte das Glas auf dem Tisch ab. Dann eilte sie zu ihrem alten Zimmer. Rothen erhob sich und folgte ihr.

Sonea war mitten im Raum stehengeblieben, offenkundig in stiller Hingerissenheit erstarrt.

„Rothen, es ist wunderschön“, hauchte sie ehrfürchtig, als er neben sie trat. „Ich habe es auf Skizzen gesehen, die Verrane für mich angefertigt hat, und habe es bei mehreren Anproben getragen, aber …“ Sie brach ab. „Ich hätte nicht gedacht, dass es so schön ist!“

Und die Rechnung war dementsprechend dick, dachte Rothen, das Kleid betrachtend, das über einen Holztorso gezogen war. Trotzdem wäre ihm jede Summe recht gewesen, um Sonea den schönsten Tag ihres Lebens zu bereiten.

„Ich bin sicher, an dir sieht es noch viel schöner aus“, sagte er.

Sie wandte sich zu ihm um. Ihr Gesichtsausdruck war herzzerreißend und in ihren Augen schimmerten Tränen.

„Oh, Rothen!“, rief sie und umarmte ihn. „Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie dankbar ich Euch für alles bin, das Ihr für mich getan habt!“

„Das habe ich gern getan, Sonea.“ Rothen runzelte die Stirn und schob sie auf Armeslänge von sich. Irgendwie war es zwischen ihnen nicht richtig – nicht mehr. „Sonea, ich bin dein Brautvater“, begann er. „Morgen werde ich dich deinem zukünftigen Mann übergeben. Es ist Zeit, diese Förmlichkeiten zwischen uns abzulegen, findest du nicht?“

Sie starrte ihn an. Dann begann sie unvermittelt zu strahlen.

„Natürlich“, erwiderte sie. „Ihr habt recht. Ich meine … du hast recht.“

Rothen lächelte. Für eine Nacht würde er eine Tochter haben, eine Nacht, bevor er sie wieder und endgültig verlor. Nein, nicht endgültig, korrigierte er sich. Sie wird nur erwachsen. Und deswegen musste er jetzt tun, was jeder gute Vater tun würde.

„Du solltest jetzt schlafen“, sagte er.

Sie lächelte schief. „Damit ich morgen schön und ausgeruht bin?“

„Richtig.“ Auf der Türschwelle blieb er noch einmal sehen und betrachtete sie lächelnd. „Gute Nacht, Sonea.“

„Gute Nacht, Rothen.“


***


- Sie verlässt ihr Zimmer.

Durch Inas Blutjuwel beobachtete Savara, wie Malira ihr Quartier verließ und an ihrer „Sklavin“ vorbei schritt, die hinter einer großen Vase Deckung gesucht hatte.

- Folge ihr, wies Savara sie an. Aber unauffällig.

- Darin habe ich inzwischen Übung, erwiderte Ina erheitert.

Als Malira am Ende des Korridors verschwand, verließ Ina ihr Versteck. Ihre nackten Füße machten auf dem gefliesten Boden kein Geräusch, wie Savara voll Stolz feststellte. Sie hatte Akkarins Warnung, kein unnötiges Aufsehen zu erregen und sich nicht zu sehr von ihrer eigentlichen Aufgabe ablenken zu lassen nicht vergessen. Aber was hatte sie schon zu tun, als jeden Tag zu berichten, was auf dem Übungsplatz geschah und Gerüchte weiterzugeben, die sie aufschnappte?

Es schadete nicht, ein wenig zu spionieren. Nicht nur, weil sie Malira nicht traute. Alles, was sie herausfand, konnte später einmal wichtig werden.

Während Ina der Ichani folgte, erhaschte Savara nur hin und wieder einen Blick auf ihre Rivalin, bevor sie um eine Ecke bog oder durch eine Tür ging. Schließlich betrat sie einen prunkvollen Flur, der Savara nur allzu vertraut war.

Sie lächelte humorlos.

- Behalte sie im Auge. Wenn sich jemand wundert, was du ohne mich im Thronsaal tust, erzählst du, was ich dir aufgetragen habe.

- Ja, Meisterin.

Mit einem leisen Schnauben zog Savara sich aus Inas Blutjuwel zurück. Sie hasste es, so angesprochen zu werden, doch sie durften in ihrer Tarnung nicht einmal dann nachlässig werden, wenn niemand sie beobachten konnte. Denn das würde unweigerlich zur Folge haben, dass sie auch in anderen Situationen nachlässig wurden und das konnte ihren ganzen Plan gefährden.

Leise schlüpfte sie aus ihrem Zimmer in den verlassenen Korridor. Die Ichani waren allesamt zur allabendlichen Zusammenkunft im Thronsaal gegangen.

Marika muss ihre Unterstützung wirklich dringend benötigen, wenn er sie Tag für Tag auf diese Weise unterhält und bewirtet, fuhr es ihr durch den Kopf. Wenn nur die Hälfte von ihnen aus irgendeinem Grund plötzlich nicht mehr gegen die Kyralier kämpfen wollen würde, würde das die Moral der Armee brechen und den Gildenmagiern einen Vorteil verschaffen. Aber es darf erst passieren, wenn wir schon unterwegs sind ...

Aber wie sollte sie das anstellen?

Savara entschied, ihre Überlegungen auf später zu verschieben, und konzentrierte sich wieder auf ihr eigentliches Vorhaben.

Maliras Quartier lag auf der anderen Seite des Gästehauses. Um dorthin zu gelangen, musste Savara den Eingangsbereich durchqueren. Als sie Stimmen und Schritte hörte, duckte sie sich hinter eine große Pflanze, die in einer Nische stand.

Eine Gruppe von drei Ichani verließ den Korridor, in dem Maliras Quartier lag, und trat ins Freie. Savara zählte langsam bis zehn und huschte dann in den Flur.

Wie sie erwartet hatte, war Maliras Tür mit einer nicht sonderlich raffinierten Barriere aus Magie belegt. Savara unterdrückte einen Fluch. Sie musste damit rechnen, dass Malira es bemerkte, wenn jemand sich daran zu schaffen machte. Sie projizierte ihre Gedanken auf Inas Blutjuwel.

- Ina! Melde sofort, wenn Malira sich seltsam verhält oder plötzlich den Thronsaal verlässt.

- Ja, Meisterin, kam die prompte Antwort.

Behutsam und mit klopfendem Herzen löste Savara die Barriere. Dann betrat sie das dahinter liegende Zimmer, das sich durch nichts von ihrem eigenen unterschied. An den Wänden brannten Fackeln, die ein unstetes Licht warfen. Sie machte sich nicht die Mühe, die Barriere hinter sich wieder zu errichten. Ina würde sie warnen, wenn die Ichani zurückkehrte.

„Meisterin!“

Savara zuckte zusammen, als ein Sklave aus der Dämmerung einer Ecke trat und sich vor ihr zu Boden warf.

Ein Ichani-Sklave.

Sie betrachtete ihn angewidert. „Steh auf“, befahl sie barsch.

Der Mann blickte zu ihr hoch und ließ sich auf den Knien nieder.

„Wer seid Ihr?“

Savara lächelte dünn. „Eine Freundin deiner Meisterin. Und du bist …?“ Sie betrachtete den Sklaven näher. Er war attraktiv, trotz der Striemen auf seinem Rücken, die davon zeugten, dass Malira gerne von ihrer Peitsche Gebrauch machte. Ihr Blick wanderte zu seinen Handgelenken, die mit Narben von frisch, bis mehrere Jahre alt übersät waren. „Ihre Kraftquelle? Ihr Lustsklave?“

Der Sklave zuckte zusammen.

„Oder vielleicht beides?“

Savara zog ihr Messer und hielt es unter sein Kinn. „Was hältst du davon, wenn wir zwei uns ein wenig amüsieren, bis deine Meisterin zurückkommt?“

„Ich tue alles, was Ihr befiehlt“, sagte er mit bebender Stimme.

„So ist brav.“ Savara setzte sich auf einen Divan. „Komm her“, befahl sie und deutete auf den Boden zu ihren Füßen. „Da, wo du hingehörst.“

Während der Sklave zu ihr schritt, nahm sie seine geschmeidigen Bewegungen wahr. Der Gedanke, ihn zu verführen und zu benutzen, war verlockend. Es war zu lange her, dass sie bei einem Mann gelegen hatte. Aber deswegen war sie nicht hergekommen.

Den Kopf des Sklaven mit Magie fixierend, legte Savara ihre Finger auf seine Schläfen und las seine Gedanken. Zuerst wehrte er sich, doch nachdem sie ihm einige mentale Schmerzen zugefügt hatte, wurde er gefügig. Sie durchsuchte seine Erinnerungen nach allem, was er gehört und gesehen hatte, seit er Malira gehörte. Zu ihrer Enttäuschung fand jedoch nichts, das sich gegen die Ichani verwenden ließ.

Mit einem wütenden Zischen ließ sie von ihm ab. „Nun, da du mir schon auf diese Weise nicht nützlich sein kannst, weiß ich etwas, wozu du nach allem, was ich soeben gesehen habe, recht gut taugst.“

Sie streckte sich auf dem Bett aus und bedeutete ihm, sich zu ihr zu legen.

- Du wirst diesen Mann auf der Stelle in Ruhe lassen. Verschwinde sofort aus diesem Zimmer. Du hast für heute genug Schaden angerichtet.

Savara erstarrte.

Aber …, begann sie und wusste zugleich, dass es nichts gab, das sie zu ihrer Verteidigung hätte vorbringen können.

- Sie kommt zurück, durchbrach Inas Stimme ihre ungewünschte Konversation. Sie ist schon im Gästehaus.

Savara fluchte. Das war wirklich schnell gegangen.

- Savara, wenn ich dich noch einmal dabei erwische, wie du dich an einem Sklaven vergreifst, werde ich mein Versprechen wahr machen, sobald dieser Krieg vorbei ist, sandte Akkarin. Hast du das verstanden?

Savara zuckte zusammen. Für einen Moment hatte sie sich selbst und ihre guten Vorsätze vergessen. So wie sie sich benahm, war sie nicht besser, als der Abschaum, den sie so sehr verachtete.

- Ich habe verstanden, erwiderte sie mit unterdrücktem Zorn.

„Geh zurück in deine Ecke!“, wies sie den Sklaven an. „Und wage es nicht, auch nur einen Laut von dir zu geben.“

„Ja, Meisterin.“

Einen Schild errichtend, stand Savara auf. Malira würde sie sowieso entdecken, wenn sie ihr Zimmer betrat und Savara wollte dieser Angelegenheit lieber heute Nacht ein Ende bereiten.

Die Tür ging auf. Malira betrat gefolgt von einer Sklavin den Raum.

„Was …?“, entfuhr es der Ichani.

„Guten Abend, Malira. Die Narbe steht dir wirklich gut.“

Malira erstarrte. Dann breitete sich Erkenntnis auf ihrem Gesicht aus.

Du.

Ein Kraftschlag erschütterte Savaras Schild. Sie breitete die Hände aus und schritt auf die andere Frau zu.

„Malira, Liebes. Ich bitte dich. Können wir das nicht friedlich regeln?“

„Friedlich?“, fauchte die Ichani. „Immer wieder dringst du in mein Reich ein und behauptest, du wärst friedlich?“

„Bei unserer ersten Begegnung wusste ich nicht, dass dein Territorium durchquere“, erwiderte Savara mit Unschuldsmiene. „Du hast mich einfach angegriffen.“

„Und was tust du dann hier?“, fuhr Malira sie an.

„Herausfinden, was du im Schilde führst.“

„Was ich ...?!“

Ein erneuter Angriff traf Savaras Schild. Die Luft knisterte und Savara begann zu fürchten, die in alle Richtungen streuende Magie könne die Möbel in Brand setzen.

„Malira, sei vernünftig“, sagte sie beschwörend. „Es wäre besser, wenn wir keine Aufmerksamkeit auf uns ziehen.“

„Du bist eine Verräterin“, zischte die andere Frau. „Was sollte mich davon abhalten, dich an den König auszuliefern?“

„Die Verräter haben mich ausgestoßen.“

„Was interessiert mich das?“

„Ich gehöre nicht mehr zu ihnen. Ich bin eine Ichani, so wie du. Alles, was ich will, ist ein kleines Anwesen in Kyralia oder Elyne, als Dank für meine Dienste im Krieg.“

Malira lächelte humorlos. „Das wird nicht passieren.“

„Warum?“ verlangte Savara zu wissen.

„Weil ich dich töten werde.“ Malira lächelte bösartig. „Und weil ich dann mit einem Schlag all meine Probleme los bin. Der König ahnt bereits, dass es einen Spion in seiner Armee gibt. Er wird mich belohnen.“

Das musste Marika nicht, wie Savara wusste. Aber die Worte der Ichani erinnerten sie an ein Gespräch, das sie zu Beginn der Woche mit Arlava geführt hatte.

Glaubst du wirklich, die Frauen der Ichani werden irgendwelche Rechte haben, wenn wir den Krieg gewinnen?, hatte die Ichani gefragt. Marika wird keine Rücksicht auf uns nehmen. Er verfolgt seine eigenen Pläne.

„Ich weiß, was du herausgefunden hast“, sagte sie einer plötzlichen Eingebung folgend. Wenn sie richtig lag, würde das nicht nur die Ichani aufhalten, sondern auch Schlimmeres verhindern. „Wenn dieser Krieg vorbei ist, wird Marika dafür sorgen, dass wir keine Macht in seinem neuen Imperium haben. Er wird uns töten, davon jagen oder mit Ashaki verheiraten, bei denen wir sehr bald all unsere Macht verlieren. Daran wird sich auch für dich nichts ändern, wenn du mich ihm auslieferst.“

Daran, wie sich der Blick der Ichani verfinsterte, erkannte Savara, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. Und dass sie ob dieser Aussicht mehr als besorgt war. Sie verspürte einen grimmigen Triumph, weil sie recht behalten hatte. Malira hatte nicht mit den anderen Ichani-Frauen gesprochen, um herauszufinden, welche davon für die Verräter spionierte, sondern um sie vor Marikas Plänen, die sie wie auch immer herausgefunden hatte, zu warnen.

Malira betrachtete sie mit schmalen Augen. „Woher weißt du das?“

„Ich war eine Verräterin“, antwortete Savara. „Ich weiß, wie man spioniert. Und ich möchte dir meine Hilfe anbieten.“

„Ich vertraue dir nicht, du hast versucht mich zu töten.“

„Dasselbe gilt für mich.“ Savara fixierte den Blick der Ichani. „Möchtest du, das Marika uns benutzt wie bessere Sklaven?“

Die andere Ichani schüttelte grimmig den Kopf.

„Ich verspreche dir, du bekommst deine Chance auf Rache, sobald dieser Krieg vorbei ist.“ Savara ließ ihren Schild sinken, um ihre guten Absichten unter Beweis zu stellen. Sie war sicher, ihn rechtzeitig wiedererrichten zu können, sollte Malira die Gelegenheit für einen Angriff nutzen. Doch in den Augen der anderen Frau konnte Savara sehen, dass diese geneigt war, ihr Angebot in Erwägung zu ziehen. „Aber zuerst lass mich dir helfen.“

Malira schnitt eine hässliche Fratze. „Hast du denn überhaupt einen Plan?“

„Noch nicht. Aber ich schlage vor, wir holen Arlava dazu.“


***


Mit geschickten Fingern steckte Luzille die letzte Blüte in Soneas Haar fest. „Das war’s“, sagte sie. „Du bist fertig, um deinen zukünftigen Mann gegenüberzutreten.“

Soneas Eingeweide zogen sich zusammen. In diesem Augenblick fühlte sie sich alles andere als bereit dafür. Sie war nervöser als sie erwartet hatte. Ihre Hände waren feucht und zitterten. Der Schwarm von Agamotten, der in ihrem Bauch tobte, seit sie zwei Stunden zuvor in ihrem Bett in Rothens Apartment erwacht war, hatte sich auf magische Weise vermehrt. Was war nur los mit ihr? Zu heiraten würde weder an ihrer Beziehung noch an ihren Gefühlen etwas ändern. Was an diesem Tag geschehen würde, würde ihre Beziehung lediglich vor dem Gesetz legalisieren. Sonea hätte es vorgezogen, gegen eine Armee von Sachakanern zu kämpfen, anstatt sich der Tatsache zu stellen, dass Akkarin ihr Ehemann sein würde, noch bevor dieser Tag zu Ende war.

Überhaupt hatte Sonea eine lange Zeit geglaubt, eines Tages zu heiraten, damit sie versorgt war. Aber ganz bestimmt nicht aus Liebe.

Was hatte sie sich überhaupt dabei gedacht, als sie Ja gesagt hatte?

Sie hatte gar nichts gedacht. Und sie hatte mehr als ein halbes Jahr Zeit gehabt, um wieder zur Besinnung zu kommen.

Aber er war nicht irgendein Mann.

Er war Akkarin.

Und sie wusste, sie wäre nicht einmal fähig gewesen, Nein zu sagen.

Es geht viel weniger um das was, als um das wie.

Die Erinnerung an den vergangenen Abend im Park vergrößerte Soneas Panik. Was hatte er mit ihr vor, wenn es für sie erst kein Zurück mehr gab? Und warum musste sie das überhaupt fürchten?

Weil du ihn fürchtest.

Sonea schloss ihre Augen. Ja, sie fürchtete Akkarin. Aber sie hätte es seltsam gefunden, es plötzlich nicht mehr zu tun. Denn seltsamerweise gefiel ihr das.

Ihre Sinne schwanden und sie musste sich zwingen, tief und regelmäßig zu atmen. Vielleicht ist es doch ganz gut, dass ich zwei Brautmädchen habe, dachte sie.

„Du bist wunderschön“, hauchte Trassia. „Sieh dich nur an.“

Ihre Freundin wies auf den großen Spiegel, den Rothen aus seinem Schlafzimmer in ihr Zimmer hatte bringen lassen. Sonea wandte den Kopf und zögerte jedoch mit dem Aufstehen, da ihre Beine sich mit einem Mal wie Tugorbrei anfühlten.

„Oh, ich glaube das euch beiden auch so“, erwiderte sie.

Luzille kicherte. „Sie ist nervös“, hörte Sonea sie lautstark flüstern. „So viel zum Thema furchtlose schwarze Magier.“

„Du bekommst das Goldstück morgen“, flüsterte Trassia zurück.

Sonea verdrehte die Augen. Für ihren Geschmack hatten sich die beiden so unterschiedlichen Frauen während der Anproben zu sehr angefreundet.

„Was seid ihr nur für Freundinnen!“, beschwerte sie sich. „Eure Aufgabe ist es, mir beizustehen. Und nicht, mir in den Rücken zu fallen.“

Trassia und Luzille tauschten einen Blick.

„Süße, wir wollen dich nur ablenken“, sagte Luzille ungewöhnlich sanft. „Damit du nicht in Ohnmacht fällst, bevor du Akkarin deine ewige Liebe geschworen hast.“

„Sondern erst danach?“, gab Sonea unwirsch zurück.

Ezrille schürzte missbilligend die Lippen. Sie lehnte am Fenster, von wo aus sie das Geschehen mit vor der Brust verschränkten Armen beobachtet hatte.

„Jetzt hört auf die Braut zu ärgern“, schalt sie. „Ihr macht sie nur noch nervöser.“

Sie trat vor und streckte eine Hand aus. Sonea ergriff sie dankbar und ließ sich aufhelfen.

„Am besten du ignorierst sie einfach“, murmelte die ältere Frau. „Heute ist dein großer Tag.“ Sie fasste Sonea an den Schultern und drehte sie zum Spiegel. „Du siehst wie eine Prinzessin aus.“

Sonea betrachtete ihr Spiegelbild. Fast hätte sie die Frau, die ihr mit ungläubig geweiteten Augen entgegen starrte nicht erkannt. Das letzte Mal, das sie sich in ihrem Brautkleid gesehen hatte, war es zwar fertig gewesen, doch Verrane hatte anschließend noch einige Veränderungen vornehmen müssen, damit es ihr wie auf den Leib geschneidert saß. Der Unterschied zu damals war deutlich zu sehen.

Sonea war hingerissen. Das lange dunkle Haar, das über und über mit weißen Blüten verziert war, fiel offen über ihre Schultern, bis auf ein paar Strähnen, die Trassia und Luzille geflochten und festgesteckt hatten. Außer ihrem Verlobungsring trug sie keinerlei Schmuck. Doch das hätte das Gesamtkunstwerk zerstört.

Ihre beiden Freundinnen stellten sich in ihren Brautmädchenkleidern neben sie.

„Das habt ihr wirklich gut gemacht“, sagte Sonea. „Danke.“

Luzille lächelte gewinnend. „Das ist unsere Aufgabe.“

Es klopfte. Sonea streckte ihren Willen nach der Tür aus, woraufhin Rothens Dienerin eintrat.

„Lady Sonea, Ihr habt Besuch“, verkündete sie und verneigte sich.

Sonea runzelte die Stirn. „Wer ist es?“

„Eliana von Delvon, Haus Velan.“

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Von allem, was so kurz vor ihrer Hochzeit noch passieren konnte, gehörte diese Begegnung zu denen, die sie sich am wenigsten herbeisehnte. Verglichen mit der Panik, die jetzt in ihr aufstieg, erschien ihre vorherige Nervosität nahezu lächerlich. Diese Frau hatte die Macht diesen ganzen Tag zunichtezumachen oder ihn zumindest in einen Albtraum zu verwandeln. Vielleicht sollte ich mich einfach weigern, sie zu empfangen, überlegte sie. Aber würde es das nicht noch schlimmer machen?

Sie kann es nicht verhindern, rief sie sich ins Gedächtnis. Akkarin ist ein Magier. Er hat das Recht, seine Frau selbst zu wählen.

Aber was, wenn Eliana es ihm irgendwie ausgeredet hatte? Ohne Zweifel war sie mindestens genauso manipulativ, wie ihr zweiter Sohn. Was, wenn ihre Beziehung, nach allen Krisen, die sie überstanden hatte, an Eliana von Delvon scheiterte?

Sie unterdrückte ein resigniertes Seufzen. „Bring sie herein“, wies sie Tania an.

„Ja, Mylady.“ Rothens Dienerin verließ den Raum und kehrte wenig später mit Eliana von Delvon zurück.

Sonea sah zu Ezrille und den Brautmädchen. „Lasst uns bitte allein.“

„Bist du sicher?“, fragte Trassia leise, als sie an ihr vorbei ging.

„Ja“, antwortete Sonea ebenso leise und mit mehr Zuversicht, als sie wirklich verspürte. „Ich werde schon irgendwie mit ihr fertig.“

Die drei Frauen verließen das Zimmer und schlossen die Tür hinter sich. An ihren Blicken erahnte Sonea, dass sie lauschen würden.

Dann war Sonea mit Eliana allein.

Einen langen Augenblick starrten die beiden Frauen einander an. Sonea wusste nicht, was sie sagen sollte. Alles in ihr schrie danach, Eliana so kühl und abweisend zu behandeln, wie sie es ihrer Meinung nach verdient hatte. Es kümmerte sie nicht, ob diese Frau in wenigen Stunden ihre Schwiegermutter sein würde. Selbst wenn sie die Schlacht gegen die Sachakaner nicht verlören, so würde sie Akkarins Mutter nur selten zu Gesicht bekommen.

Aber sie war nicht mehr länger das Hüttenmädchen. In wenigen Stunden würde sie die Frau des ehemaligen Hohen Lords sein. Sie würde in eines der einflussreichsten und ältesten Häuser Kyralias einheiraten. Mit Frauen wie Eliana würde sie von jetzt an zurechtkommen müssen. Sie durfte nicht zulassen, dass die andere Frau sie herablassend behandelte und ihr stattdessen mit einer selbstbewussten Souveränität begegnen.

„Eliana.“ Sie zwang sich zu einem strahlenden Lächeln und machte einen Schritt auf ihre zukünftige Schwiegermutter zu. „Wie schön, Euch zu sehen.“

Der kühle Ausdruck in Elianas Augen verschwand. Dann lächelte sie unvermittelt.

„Sonea“, sagte sie. „Ich weiß, du denkst, ich hasse dich. Doch, das ist nicht wahr. Ich war enttäuscht, weil mein Sohn nach all der Schande, die er bereits über unser Haus gebracht hat, es auch noch wagt, eine Frau ohne jeden gesellschaftlichen Rang zu heiraten, die er nach dem Gesetz der Gilde nicht einmal heiraten darf. Doch vor allem war ich auch wütend.“

Sonea war wie erstarrt. Sie wollte das nicht hören, ganz besonders nicht heute. Trotzdem hatte sie das Gefühl, sie es hören zu müssen.

„Du weißt sicher, dass Akkarin und ich deswegen einen Streit hatten.“

Sonea nickte. Sie erinnerte sich sehr gut an das Ende des formalen Dinners mit Akkarins Familie. Obwohl die Unwissenheit die ganze Zeit an ihr genagt hatte, hatte sie davon Abstand genommen, Akkarin nach den Details zu fragen. Sie hatte gefürchtet, dieses Wissen würde ihre Vorfreude auf die Hochzeit zerstören und sie von den beiden Prüfungen ablenken, die sie am vergangenen Tag abgelegt hatte. Doch sie wusste auch, sie würde nie erfahren, was genau an jenem Abend geschehen war, nachdem sie zu Bett gegangen war.

„Ich habe lange über Akkarins Worte nachgedacht“, fuhr Eliana fort. „Und darüber, warum ich dich als Mitglied der Familie Delvon ablehnte. Jedoch wurde mir bewusst, dass es außer deiner niederen Herkunft nichts gibt, was dagegen spricht. Verglichen mit all den anderen Kandidatinnen, von denen er in der Vergangenheit Heiratsanträge erhalten hat, bist du eine weitaus bessere Wahl. Ich bin bereit, über deine Herkunft hinwegzusehen, wenn du bereit bist, mir zu verzeihen, weil ich mich in dir getäuscht habe. Was Akkarin auch getan haben mag, er ist mein Sohn. Dir habe ich zu verdanken, dass er noch am Leben ist, und es ist mein Wunsch, dass er glücklich ist.“

Überrascht starrte Sonea die andere Frau an. Dieses Eingeständnis war vermutlich mehr als sie jemals von Eliana erwarten konnte. Dass sie sich dazu entschieden hatte, ihren kühlen Stolz zu überwinden, bedeutete Sonea mehr als sie hatte ahnen können. Sie war zutiefst bewegt.

Was auch immer Akkarin an jenem Abend zu ihr gesagt hat, es muss eine nachhaltige Wirkung gehabt haben, fuhr es ihr durch den Kopf.

Trotzdem war sie mit Eliana noch nicht fertig.

„Was bringt Euch zu dieser plötzlichen Einsicht?“, fragte sie betont kühl.

„Unser Land befindet sich am Vorabend eines Krieges, der vielleicht unser aller Ende bedeuten könnte. Verglichen damit sind unsere Differenzen kleinlich und unbedeutend. Ich würde es vorziehen, sie beizulegen.“

Anscheinend hat Dana sich geirrt. Akkarins Vater war nicht der Einzige, der mit ihr fertig wird.

Einen tiefen Atemzug nehmend sah Sonea die andere Frau an. „Ich erwarte, dass Ihr aufhört, Akkarin Dinge nachzutragen, für die er nichts kann oder die er getan hat um Gutes zu bewirken“, sagte sie.

„Das habe ich bereits.“

Sonea widerstand dem Drang, Elianas Oberflächengedanken zu lesen, um sicherzugehen, dass sie die Wahrheit sagte, und musterte sie stattdessen eine Weile finster. Befriedigt stellte sie fest, dass Eliana unter ihrem Blick leichte Anzeichen von Unbehagen zu zeigen begann.

„Ich verzeihe Euch“, sagte sie schließlich. „Ich verstehe, dass es nichts Persönliches ist.“

Der Anflug eines Lächelns huschte über Elianas Gesicht. „Dann sei willkommen in unserer Familie.“ Sie reichte Sonea eine Schatulle, die sie die ganze Zeit in ihren Händen gehalten hatte. „Das hier ist für dich. Es ist ein altes Familienerbstück, das nur zu Hochzeiten getragen wird. Ich möchte, dass du es heute trägst.“

Sonea nahm das Kästchen entgegen und trug es zu ihrer Kommode. Sie öffnete den Deckel und keuchte vor Überraschung auf. Darin befand sich ein feingearbeitetes, silbernes Diadem. Vorsichtig nahm sie es heraus und betrachtete es. In feinen Verästelungen wanden sich winzige Blüten um den eigentlichen Stirnreif. Die Blütenblätter waren aus winzigen roten Rubinen gemacht, zwischen denen ein weißer Diamant glitzerte. Es musste ein Vermögen wert sein.

„Eliana, das kann ich nicht annehmen“, stammelte sie.

„Ich bestehe darauf“, entgegnete die andere Frau. „Setz dich.“

Sonea kannte diesen Ton bereits von Akkarin und entschied, es war besser, sich zu fügen. Während die andere Frau das Diadem an seine vorgesehene Position schob, wagte Sonea kaum zu atmen. Wenn es schief ging, würde Luzille sie erneut frisieren müssen.

„So“, sagte Eliana schließlich. „Sieh dich an.“

Sonea wandte sich zum Spiegel. Ihr stockte der Atem. Jetzt sah sie wirklich wie eine Prinzessin aus.

„Es ist wunderschön“, flüsterte sie. Sie musste blinzeln, weil ihre Augen mit einem Mal feucht waren. „Vielen Dank, Eliana.“

Die andere Frau winkte ab. Abrupt wandte sie sich zur Tür. „Es ist bald Zeit“, sagte sie kurz angebunden. „Wir sollten die anderen nicht warten lassen.“

Sonea verkniff sich ein Lächeln. Jetzt wusste sie auch, woher Akkarin das hatte.

Rothen, Tania, Ezrille und ihre Brautmädchen erwarteten sie bereits in Rothens Empfangsraum. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich unverhohlene Neugier wieder.

Bei ihrem Anblick wurde Sonea unvermittelt warm ums Herz. „Ich bin bereit“, sagte sie um eine feste Stimme bemüht. „Lassen wir Akkarin nicht ungeduldig werden.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragte Rothen.

Sie nickte und sah zu Trassia und Luzille, die sie aus geweiteten Augen anstarrten.

„Ja.“

„Ich werde nun gehen und meinen Platz unter den Gästen einnehmen“, erklärte Eliana. Gemeinsam mit Ezrille verließ sie den Raum.

„Vertragt ihr euch jetzt?“, fragte Trassia, als sich die Tür hinter den beiden Frauen geschlossen hatte. Sie wies auf das Diadem. „Hat sie dir das geschenkt?“

„Es war nur ein Missverständnis“, antwortete Sonea. Sie erklärte, was es mit dem Diadem auf sich hatte. Erst bei den Blicken ihrer Freundinnen begriff sie, welch Ehre Eliana ihr damit hatte zuteilwerden lassen.

„Das war sehr nett von ihr“, sagte Trassia. „Aber ich traue ihr trotzdem noch nicht.“

Sonea hob die Schultern. „Das wird sich zeigen. Ich bin jedoch bereit, ihr eine Chance zu geben.“ Zunächst einmal müssen wir diesen Krieg überleben, bevor ich mir Gedanken um Eliana mache. Sie war jedoch sicher, eine unerwartete Aufrichtigkeit in ihren Augen gelesen zu haben.

Trassia und Luzille griffen nach den Körben mit den Blütenblättern, die sie während der Zeremonie streuen würden, und wandten sich zur Tür. Sonea setzte an, ihnen zu folgen.

„Sonea, warte noch.“

Verwirrt hielt sie inne und wandte sich ihrem um.

Rothen stand mitten in seinem Empfangsraum. Sein Anblick zerriss ihr das Herz.

„Was ist?“, fragte sie verstört. „Findest du, ich sollte es nicht tun?“

Er schüttelte den Kopf. „Ich möchte dir nur sagen, wie froh ich bin, dich meine Ziehtochter nennen zu dürfen“, brachte er hervor. „Du bist zu einer wundervollen und bemerkenswerten Frau geworden. Wenn es jemand gibt, der dich verdient, dann er. Es ist nur …“

Seine Stimme brach. Mit zwei Schritten eilte er auf Sonea zu und schloss sie in seine Arme. „Ich bin so stolz auf dich“, flüsterte er und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

„Oh, Rothen …“, begann sie und hielt dann inne, weil ihre Stimme versagte. Es war nicht richtig, am Tag ihrer Hochzeit zu weinen. Sie durfte erst dann die Nerven verlieren, wenn es vorbei war.

Rothen ließ von ihr ab und bot ihr mit einem schiefen Lächeln seinen Arm.

„Komm“, sagte er.

Sonea legte ihre Hand auf seinen Arm. Sie verließen das Apartment. Ihre Brautmädchen wirkten ein wenig ungehalten ob der Verzögerung. Rasch schritten sie den Flur entlang und die Treppenstufen hinab zum Eingang der Magierquartiere. Niemand begegnete ihnen auf ihrem Weg nach draußen, das Universitätsgelände war beinahe unheimlich still. Hätte Sonea nicht gewusst, dass sämtliche Magier und Novizen sich bereits für die Zeremonie versammelt hatten, hätte sie sich zu ihrer und Akkarins Anhörung im vergangenen Sommer zurückversetzt gefühlt. Doch offenkundig wollte sich niemand die Hochzeit des ehemaligen Hohen Lords und seiner Novizin entgehen lassen, wenn auch nur wenige Gäste bei der anschließenden Feier zugegen sein würden. Doch das war Sonea nur recht. So kurz vor dem Krieg wollte sie diesen Tag ausschließlich mit den Menschen verbringen, die ihr am meisten am Herzen lagen.

Als die Sieben Bögen in Sicht kamen, kehrte ihre Nervosität zurück und sie musste sich zwingen, ruhig zu atmen. Nicht ohnmächtig werden, sagte sie sich wieder und wieder, nicht ohnmächtig werden. Das hier ist nichts Besonderes. Du heiratest nur den Mann, den du mehr liebst und fürchtest als jeden anderen.

Um sich abzulenken, sah sie sich um. Überall blühten die Bäume und Sträucher. Die Vögel zwitscherten und eine sanfte Brise wehte Blütenblätter durch die Luft. Der Tag war perfekt und Sonea versuchte, ihn zu genießen und nicht in völlige Panik zu geraten.

Sie umrundeten die Sieben Bögen und erreichten ein Stück mit Pachibäumen bepflanzten Rasen. Entgegen der Tradition, Gildenmagier in der Gildehalle zu vermählen, würden sie hier draußen unter den Pachibäumen heiraten. Für Sonea hätte es keinen besseren Ort dafür geben können. Sie wusste, all das war Akkarins Werk. Auf gepolsterten Stühlen und Bänken, die allesamt von Dienern am Morgen mit Blütengirlanden geschmückt worden waren, saßen an die dreihundert Gäste, die meisten von ihnen Gildenmagier. Die Übrigen mussten ihrer Kleidung nach zu urteilen aus den Häusern sein. Doch Sonea hatte kaum einen Blick für sie. Ihre Aufmerksamkeit galt einzig einem weißen mit Blumen geschmückten Baldachin, unter dem mehrere Gestalten warteten.

Irgendwo begann leise Musik zu spielen. Trassia und Luzille sahen einander an und schritten dann wie auf ein unausgesprochenes Kommando mit nahezu tänzerischer Anmut den Gang zwischen den Gästen entlang. Sie warfen Blütenblätter, die auf dem ausgerollten Teppich liegenblieben, und stellten sich zu beiden Seiten am anderen Ende des Teppichs.

„Bist du bereit?“, fragte Rothen leise.

Sonea konnte nur nicken, während ihr Herz mit einem Mal stillzustehen schien. Gemeinsam schritten sie den Gang entlang. Ein Raunen ging durch die Menge, als sich dreihundert Männer und Frauen erhoben und ihr zuwandten. Sonea indes nahm das kaum wahr. Ebenso wenig, wie dass einer der beiden Trauzeugen die Uniform einer Stadtwache trug und der andere in eine weiße Robe gehüllt war, oder dass der Mann hinter ihnen der König war.

Ihr Blick war einzig auf den Mann in den schwarzen Roben am anderen Ende des Teppichs gerichtet. Als sie näher kam, verzogen sich seine Lippen zu dem Halblächeln, das sie so sehr an ihm liebte. Obwohl sie ihre Beine kaum noch spürte, zwang Sonea sich, weiterzugehen und dabei eine würdevolle Haltung zu bewahren.

Und dann hatten sie den Baldachin erreicht. Für Soneas Zeitempfinden waren sie viel zu schnell hier angekommen. Mit einem Mal schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie wusste, Rothen würde sie jetzt verlassen und sich auf den freien Platz neben ihrer Tante Jonna, gleich vorne in der ersten Reihe setzen. Fast hätte sie ihn gebeten, es nicht zu tun. Sie wollte nicht, dass er sie alleine ließ.

Als er jedoch ihre Hand nahm und in die Akkarins legte, verspürte sie eine überwältigende Endgültigkeit, die jede Panik auslöschte.


***


Jedes Jahr, wenn der Frühling in den Bergen Einzug hielt, legten die Bewohner von Windbruch ihre Arbeit nieder und trafen sich zum Reberfest. Wie aus der Notwendigkeit, die Reber von ihrer Winterwolle zu befreien, ein Spektakel für das ganze Dorf entstanden war, wusste heute niemand mehr. Manche behaupten, alles hätte vor vielen Jahren damit begonnen, dass ein Reberhirt und seine ganze Familie an fiebrigem Durchfall erkrankt waren und sie die Herde nicht scheren konnten, woraufhin er die Dorfbewohner um Hilfe gebeten und demjenigen, der die meisten Reber scherte, eine Belohnung versprochen hatte.

Inzwischen nahmen alle Reberhirten, aus Windbruch und Umgebung und jeder, der sich mit ihnen messen wollte, an diesem Fest teil. Aus dem Scheren der Reber war ein erbitterter Wettkampf geworden. Alle kräftigen Männer, jedoch auch einige halbwüchsige Jungen und burschikose Bäuerinnen, wetteiferten um die meisten geschorenen Reber, während die übrigen Dorfbewohner dabei zusahen und die Kontrahenten anfeuerten.

Und der Dorfheiler darf natürlich auch nicht fehlen.

Mit einem Messer bewaffnet und mit einem einfachen Hemd und einer Hose bekleidet stand Dorrien auf Kullens Weide, beide Schenkel gegen den Leib eines Rebers gepresst. Er hätte das störrische Tier auch mit Magie fixieren können, aber das wäre nur der halbe Spaß und ein in seinen Augen unfairer Vorteil gegenüber den anderen Teilnehmern. Er sah es zudem als Herausforderung, die Tiere eigenhändig einzufangen.

Als er zum ersten Mal an dieser Tradition teilgenommen hatte, waren die Dorfbewohner nicht sehr begeistert gewesen. Sie hatten es nicht laut ausgesprochen, aber Dorrien hatte an ihren Blicken und dem Getuschel hinter vorgehaltener Hand geahnt, dass sie ihn für verrückt hielten. Nicht wenige hatten geglaubt, er würde seine Magie nutzen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Inzwischen hatten sie sich jedoch an den seltsamen Heiler gewöhnt und festgestellt, dass er bei diesem Wettstreit noch nie den ersten Platz belegt hatte.

Wenige Schritt von ihm entfernt, stieß Yul einen rüden Fluch aus. Der Reber, den er gerade eingefangen hatte, war ihm gerade entwischt. Ein paar Männer lachten.

„So wirst gewinnst du nie den Preis!“, rief Kalin.

„Wir haben noch zwei Farmen vor uns“, entgegnete Yul. „Bis dahin bist du müde.“

„Das werden wir ja sehen.“

„Die mit dem größten Maul, werden am ehesten aufgeben“, murmelte Loken.

Dorrien wandte den Kopf zu dem Mann neben ihm und grinste. „Ich fürchte, da hast du recht.“

„Ich wette mit Euch, am Ende wird es wieder zwischen Euch, Kullen, Kalin und mir entschieden“, prophezeite der Schmied. „Wobei Gadens Ältester auch ganz gut dabei ist.“

Dorrien warf einen Blick zu dem Halbwüchsigen des Mannes, mit dem er einst die Kleidung getauscht hatte, um einen sachakanischen Spion zu jagen. Er war kräftig und beherrschte die Technik, die Reber zwischen den Beinen festzuklemmen, perfekt.

„Er scheint tatsächlich etwas gelernt zu haben“, stimmte er zu. „Aber vielleicht gibt er sich auch nur so viel Mühe, um die Familienehre zu verteidigen.“

Im letzten Jahr hatte Gaden das Reberscheren gewonnen. Dieses Mal erholte er sich indes von einer Blinddarmoperation, die Dorrien vor zwei Tagen bei ihm vorgenommen hatte. Weil Gaden mindestens so stur wie seine Reber war, hatte Dorrien erst von seiner Erkrankung erfahren, als es fast zu spät gewesen war. Somit war der Reberhirt selbst schuld, dass er dieses Mal das Bett hüten musste.

Dorrien hatte Viana die Wunde nähen lassen. Es war eine sehr altmodische Methode, um eine Wunde zu verschließen und die Selbstheilung dauerte sehr viel länger als mit Magie, aber Dorrien wollte, dass sie das beherrschte. Wenn er mit der Gilde in den Krieg zog, würde sie seine Aufgaben für einige Wochen übernehmen müssen, und Dorrien wollte sich während dieser Zeit nicht zu sehr um die Dorfbewohner sorgen. In einem hitzigen Gespräch mit Kullen hatte er zudem veranlasst, dass Viana von Kalin und Loken begleitet wurde, wenn sie zu einem Notfall in einem der Nachbardörfer gerufen wurde.

Viana war noch lange nicht gut genug ausgebildet, um Dorrien vollständig zu vertreten. Er hatte sie so viel gelehrt, wie es in der kurzen Zeit möglich war, und so hatte er nicht das Gefühl, die Dorfbewohner völlig im Stich zu lassen, was den Abschied erleichtern würde. Es waren noch einige Wochen bis dahin, aber das Wissen lastete wie eine dunkle Vorahnung auf ihm. Wer wusste schon, ob er überhaupt zurückkehren würde?

Neben ihm ließ Loken seinen Reber los, der panisch davon galoppierte. „Das war Nummer siebzehn!“, erklärte er und rannte los, um den nächsten zu fangen.

Sich den Schweiß von der Stirn wischend fuhr Dorrien damit fort, seinen Reber zu scheren. Für einen Frühlingstag war es erstaunlich warm und er war irgendwo nach seinem vierten Reber ins Schwitzen gekommen. Dorrien hätte es auf Grund seines Status jedoch als unangemessen empfunden, sich seines Hemdes zu entledigen, so wie es die meisten anderen Teilnehmer bereits getan hatten. Dass er gewöhnliche Kleidung trug, war bereits unangemessen genug, doch seine Robe hätte ihn bei diesem Wettkampf nur gestört. Er seufzte, als er daran dachte, dass dieser der Tag noch lange nicht zu Ende war. Kullens Reberfarm war erst die zweite; bis zum Abend würden noch zwei weitere Farmen folgen, darunter die von Gaden. Anschließend würde auf dem Dorfplatz ein Fest stattfinden, bei dem der Sieger geehrt wurde.

„Mylord, möchtet Ihr eine Erfrischung?“

Dorrien hielt inne und hob den Kopf. Viana stand dort, wo kurz zuvor noch Loken gestanden hatte. Sie hielt einen großen Krug in beiden Händen. Ihre kleine Schwester trug ein Tablett mit mehreren Bechern.

„Gerne“, sagte er. „Lass mich nur eben den Reber zu Ende scheren.“

Er bückte sind und entfernte die Wolle an der Unterseite des Tieres. Dann schor er ein Bein nach dem anderen. Als er fertig war, ließ er den Reber los. Im Fortlaufen traf ihn das Tier am Schienbein.

Er verzog das Gesicht. „Ich glaube, die mögen mich nicht besonders.“

Viana lachte. „Das liegt daran, dass Ihr sie nicht richtig festhaltet.“ Sie nahm einen Becher von Linas Tablett und füllte ihn mit Wasser. „Die Reber mögen es nicht, wenn man ihren Brustkorb zerquetscht. Ihr müsst sie zwischen Rippen und Hüfte festhalten, und zwar ganz fest. Dann werden sie ruhig.“

„Ich werde es mir merken“, erwiderte Dorrien.

Viana reichte ihm den Becher. „Das ist Wasser aus unserem Brunnen“, sagte sie. „Wenn Ihr mehr wollt, sagt Bescheid.“

„Danke.“ Dorrien nahm den Becher und trank einen tiefen Schluck. Es war, als würde seine Speiseröhre einfrieren. „Ah, ist das kalt!“

„Ihr solltet trotzdem mehr trinken, Mylord. Ihr seht erschöpft aus. Vielleicht solltet Ihr langsamer machen.“

„Ich bin harte, körperliche Arbeit nicht gewöhnt“, brummte Dorrien. Er wusste selbst, dass er überhitzt war. Aber das kümmerte ihn nicht. Nicht heute. „Aber das ist genau das, was ich jetzt brauche.“

„Mylord, Ihr braucht diesen Wettkampf nicht gewinnen“, sagte Viana sanft. „Nicht, was mich angeht. Ich bin auch so schon …“ Ihr Kopf fuhr herum und sie hielt inne.

Loken kehrte mit einem Reber, den er an den Hörnern gepackt hielt, zurück. Als er Dorriens Assistentin erblickte, schwoll seine entblößte Brust sichtlich an. Er grinste seltendämlich, wobei ihm fast der bockende Reber entwischt wäre. Der Schmied bekam ihn jedoch noch rechtzeitig wieder zu fassen und klemmte ihn zwischen seinen Schenkeln ein.

„Hallo, Viana“, sagte er.

„Hallo, Loken“, erwiderte Viana. „Ich habe Lord Dorrien gerade etwas Wasser angeboten. Möchtest du auch etwas trinken?“

„Keine Zeit“, schnaufte der Schmied. Er beugte sich über seinen Reber und begann das Tier vom Kopf an über den Rücken zu scheren. „Ich habe mir vorgenommen, dass ich heute gewinne. Damit du von mir beeindruckt bist.“

Viana lachte. Es war dieses Lachen, das sie immer dann lachte, wenn es jemandem gelang, sie zu erheitern. Dorrien verzog das Gesicht. Warum mussten sich nur alle das Hirn aus dem Kopf flirten, sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen das Grün aus den Knospen der Bäume und Sträucher trieben?

„Loken, wie könnte ich nicht von dir beeindruckt sein?“, fragte Viana. „Du hast Lord Dorrien geholfen, meine Schwester und mich zu befreien, als uns dieser Sachakaner entführt hatte.“

Das war zu viel für Dorrien. „Ich gehe mir einen neuen Reber suchen“, murmelte er. Er schob die Ärmel seines Hemdes zurück und schritt auf die Weide. Viana und Loken schienen davon keine Notiz zu nehmen.

Und das gefiel ihm überhaupt nicht.


***


„Du bist die schönste Braut, die ich je gesehen hab.“ Cery griff sich einen kleinen Kuchen von dem Tablett eines vorbeieilenden Dieners und betrachtete Sonea anerkennend. Obwohl seine Gefühle für sie längst zu Freundschaft geworden waren, war er von ihrem Anblick hingerissen. „Du würdest selbst ’ner Prinzessin Konkurrenz machen.“

Sonea lachte. „Du bist auch schon auf so vielen Hochzeiten gewesen!“

Cery lächelte sein Dieb-Lächeln. Besser, sie erfuhr nicht, was er bei seinen heimlichen Streifzügen durch die Häuser im Inneren Ring bereits alles zu Gesicht bekommen hatte.

„Möchtest du tanzen?“, fragte er.

Sonea betrachtete ihn als sei er nicht mehr ganz bei Trost.

„Mit dir?“

„Ich bin dein Trauzeuge. Und ich kann besser tanzen, als du denkst.“

„Seit wann kannst du tanzen?“, fragte sie.

Cery lächelte geheimnisvoll. „Ich bin Dieb, es gibt wohl kaum was, was ich nicht kann.“ Er bot Sonea seinen Arm und führte sie zur Tanzfläche. „Das heißt, solang es nix mit Magie zu tun hat.“

Sie verdrehte die Augen. „Dann zeig mal, was du kannst.“

Er grinste. Inmitten der Tanzfläche blieb er stehen. Er nahm ihre Hand und verneigte sich vor ihr. Sonea machte einen anmutigen Knicks. Cery war so beeindruckt, dass er beinahe vergaß, den Tanz zu beginnen. Rechtzeitig entsann er sich jedoch wieder, was er zu tun hatte.

„Seit wann hast du eine Uniform?“, fragte Sonea. „Ich dachte, das würde noch ein paar Monate dauern.“

„Tatsächlich wären es noch ein paar Wochen gewesen“, antwortete Cery. „Aber ich wollte mich für deinen großen Tag herausputzen. Deswegen bin ich zu Captain Commander Worril gegangen und hab’ ihn so lange bearbeitet, bis er endlich nachgegeben hat und bereit war, mir die Uniform schon früher zu geben.“

Das war indes nur ein Teil der Wahrheit. Zuerst hatte Worril sich geweigert, weil er Cery des Schmuggelns verdächtigte. Dann hatte Cery angedeutet, Lord Mirken davon in Kenntnis zu setzen, dass er trotz seiner hervorragenden Arbeit noch immer keine Uniform tragen durfte, woraufhin Worril widerwillig angeordnet hatte, ihm eine Uniform zurechtzuschneidern. „Die andren Diebe sind deswegen total entflammt. Dabei haben die, die sich jetzt am meisten ärgern, sich damals am stärksten gegen die Uniform gewehrt“, fügte er grinsend hinzu.

Sonea schüttelte den Kopf. „Oh, Cery! Das hättest du nicht tun brauchen!“

„Sonea, du bist meine beste Freundin“, erwiderte er. „Ich würd’ alles für dich tun.“

Sie musterte ihn eingehend. Dann beugte sie sich vor. „Bleibt es bei morgen?“, flüsterte sie.

„Ja“, antwortete er ebenso leise. „Ist alles vorbereitet. Seid ’ne Stunde vor Sonnenaufgang in meinem Versteck.“

„Danke“, sagte sie und zog ihren Kopf wieder zurück. Die Edelsteine auf ihrem Diadem glitzerten im Licht der schrägstehenden Sonne. Das Schmuckstück war Cery schon bei der Zeremonie aufgefallen. Jetzt, wo er das feingearbeitete Silber und die winzigen Diamanten genau in Augenschein nehmen konnte, war er sicher, mit seiner anfänglichen Schätzung völlig daneben gelegen zu haben. Dieses Diadem musste mehrere tausend Goldstücke wert sein!

Woher sie das wohl hat?, fragte er sich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass Akkarin ihr solch teure Geschenke machte. Dafür machte Sonea sich zu wenig aus Schmuck. Vielleicht Lord Rothen?

Eine Weile tanzten sie schweigend. Cery beobachtete, wie Soneas Blick über den Garten wanderte und plötzlich bei einer Sitzbank hängenblieb. „Ist sie das?“

Cery folgte ihrem Blick. „Ja“, sagte er. „Das ist Nenia.“

Irgendetwas in Soneas Gesichtsausdruck veränderte auf eine Weise, die Cery bei ihr noch nie erlebt hatte.

„Cery, sie ist hinreißend“, hauchte sie. „Ist dir das überhaupt schon aufgefallen?“

Er starrte sie an und schüttelte stumm den Kopf.

„Sieh sie dir doch nur an.“

Cery wandte den Kopf und betrachtete seine kleine Gefälligkeit. Sie trug ein dunkelrotes Gewand mit weiten Ärmeln, das unter der Brust abgenäht war, was ihre von der Schwangerschaft angeschwollenen Brüste betonte und den Blick von ihrem Bauch ablenkte. Der sich nach unten anschließende, weite Rock tat sein Übriges. Cery hatte das Kleid extra für diesen Tag anfertigen lassen. Nenias dunkle Haare waren ordentlich gekämmt und geflochten. Als sie seinem Blick begegnete, lächelte sie strahlend.

Er musste zugeben, sie sah weitaus besser aus, als an dem Tag, an dem sie zu ihm gekommen war und ihn um Hilfe gebeten hatte.

„Du solltest sie nicht so lange allein lassen“, sagte Sonea.

Cery runzelte die Stirn. „Aber was ist mit dir?“

Sonea neigte den Kopf zur Seite. „Cery, sie ist nicht mitgekommen, weil es hier guten Wein und gutes Essen gibt oder weil sie ein hübsches Kleid tragen kann. Sie ist nur hier, weil du es bist. Was hält dich davon ab?“

Cery warf einen Blick zu Nenia. Sonea könnte recht haben, überlegte er. Er hatte mit Nenia über seine Gefühle für Savara gesprochen, doch das schien sie nicht davon abzuhalten, in ihn verliebt zu sein.

Aber ist das wirklich so schlimm?, fragte er sich. Als er sich das letzte Mal mit ihr eingelassen hatte, da hatte er das auch in dem Bewusstsein getan, eine andere zu lieben. Er mochte Nenia. Sie war süß und sie himmelte ihn an. Sie würde weder einfach wieder aus seinem Leben verschwinden, so wie Savara es bereits zwei Mal getan hatte, noch gehörte sie nicht in seine Welt.

Und für den Augenblick brauchte er nichts anderes tun, als ihr Gesellschaft zu leisten.

Die Musik endete. Cery zögerte, noch immer ein wenig unschlüssig.

„Cery, wir können uns morgen weiter unterhalten“, sagte Sonea.

Bevor er darauf antworten konnte, erschienen zwei junge Frauen in hellblauen Kleidern. Soneas Brautmädchen.

„Es tut uns leid, aber wir müssen die Braut jetzt entführen“, erklärte die hellhaarige und griff nach Soneas Hand.

„Uhm“, machte Sonea. „Was habt ihr vor?“

„Na, mit dir tanzen!“

Sonea lachte. „Ihr seid verrückt. Und betrunken.“

„Schon, aber wir können trotzdem noch tanzen“, erwiderte die Dunkelhaarige. Sie nahm Soneas andere Hand und zog sie mit sich.

Sonea warf einen entschuldigen Blick zu Cery.

„Ich fürchte, wir müssen das auf später verschieben.“

Lächelnd sah Cery ihr hinterher. Die Hellhaarige rief dem Streichquartett etwas zu, worauf diese ein schnelles Lied anstimmten. Er schüttelte den Kopf, als die drei jungen Frauen zu tanzen begannen.

Ein Diener kam mit einem Tablett, das noch halbvoll mit kleinen Kuchen war, an ihm vorbei.

„Darf ich das haben?“, fragte Cery.

Der Diener stutzte. Sein Blick fiel auf Cerys Uniform. „Selbstverständlich, Captain“, sagte er und überließ ihm das Tablett.

„Danke“, erwiderte Cery. „Du kriegst es später zurück.“

Das Tablett vorsichtig vor sich her balancierend, schritt er zu der Bank unter den Pachibäumen, auf der Nenia saß.

Als er näher kam, leuchteten ihre dunklen Augen auf.

„Wie geht’s dir?“, fragte er.

„Gut“, antwortete sie. „Ich fühl’ mich nur was unförmig.“ Sie sah sich um. „Das ist ’ne sehr schöne Feier. Danke, dass du mich mitgenommen hast.“

Er lächelte. „Keine Ursache. Außer dir kam keine andere in Frage.“

Sie strahlte. „Wirklich?“

Außer Savara, wäre sie hier, fügte er in Gedanken hinzu. Er wollte Nenia nicht verletzen. Nicht, wenn sie so glücklich war wie jetzt und er ihre Gesellschaft so sehr genoss.

„Hast du Hunger auf Kuchen?“

Sie nickte. Als ihr Blick auf das Tablett fiel, weiteten sich ihre Augen. „Oh, sind das nicht diese Kuchen, die man nur in den teuren Geschäften kriegt?“

„Genau die.“

Nenia nahm einen Kuchen und schloss genussvoll die Augen, als sie hineinbiss. „Hm, die sind mit Pachimus gefüllt!“

Cery betrachtete sie versonnen. Wie hatte er diese kindliche Natürlichkeit an ihr nur vergessen können? Sie war so unverstellt und begeisterungsfähig. Mit ihr Zeit zu verbringen, war so viel einfacher als mit Savara, egal welche Gefühle er für jede dieser beiden Frauen hegte.

„Nenia“, begann er. Er fühlte sich so unbeholfen wie ein Mistkopf, aber er musste sie einfach fragen. „Ich versteh’, dass du dich plump fühlst. Aber du siehst alles andere als plump aus.“ Er schüttelte verärgert den Kopf. Aber du siehst alles andere als plump aus – war das wirklich sein Ernst? Er hatte es vorhin bei Sonea doch auch hinbekommen. Was machte ein und dieselbe Sache so viel wilder, bloß weil es sich um eine andere Frau handelte?

Nenia starrte ihn verwirrt an.

„Möchtest du … jetzt gleich oder von mir aus auch später … trotzdem mit mir tanzen?“

„Oh, Cery!“, rief sie. „Ja, natürlich möchte ich!“


***


„Und der Sieger des diesjährigen Reberfestes ist Loken!“, verkündete Kalin lauthals und mit einigen Krügen Bol intus. „Loken, komm her.“

Die Dorfbewohner klatschten. Yul verzog das Gesicht.

„Gut gemacht!“, brüllte Kullen.

Der Schmied schritt durch die sich vor ihm teilende Menge zur Mitte des Dorfplatzes. Kalin überreichte ihm den diesjährigen Preis in Form von zwei Rassook, die aufgeregt in ihrem Käfig flatterten.

„Den zweiten Platz belegt dieses Jahr unser Magier, Lord Dorrien!“

Erneut applaudierten die Dorfbewohner. Während Dorrien auf die Mitte des Dorfplatzes zuhielt, konnte er die auf ihn gerichteten Blicke nahezu spüren. Kalin übergab ihm eine Flasche Weißwasser, eindeutig aus Forren Destille.

„Meinen Glückwunsch“, murmelte Dorrien dem Schmied zu.

„Euch auch, Mylord“, erwiderte Loken. „Ihr habt Euch dieses Mal verdammt gut geschlagen.“

Auch Dorrien war über seine diesjährige Leistung überrascht. An einem Tag hatte er dreiundvierzig Reber geschoren. Loken hatte es sogar auf einundfünfzig gebracht. Im Nachhinein war er froh, dass dieser Tag so schnell vergangen war.

Ob sie die Worte schon gesprochen hat …?, fragte er sich. Aber wahrscheinlich hatte sie das. Es war Abend.

„Da wir unsere Sieger nun geehrt haben, kann das Fest beginnen!“, rief Kalin.

Die Menge jubelte und begab sich zu den langen Tischen, auf denen Bol, Käse, frisches Brot und getrocknete Früchte von der letzten Ernte warteten. Auf dem Dorfplatz waren zudem mehrere Feuer entzündet worden, auf denen Enka am Spieß brieten. Dorrien ließ sich von Loken zu einem Tisch nahe einem Feuer ziehen.

Der Schmied ließ sich auf die Holzbank fallen und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Was meint Ihr, Mylord? Ob Viana jetzt von mir beeindruckt ist?“, fragte er und brach sich ein Stück Brot ab.

„Nun, du hast gewonnen.“ Dorrien bediente sich an dem Bol und nahm einen tiefen Schluck. Augenblicklich legte sich süße Likör wie eine Decke über sein geschundenes Gemüt. „Aber du solltest eines wissen, Loken: Viana ist eine intelligente, junge Frau. Sie sieht vor allem auch die inneren Werte. Mit großen Taten allein wirst du sie auf Dauer nicht beeindrucken können.“

„Verstehe, Mylord.“ Loken biss in sein Brot. „Aber ich habe auch andere Qualitäten“, fuhr er kauend fort. „Ich bin wie eine Tironuss. Außen hart, innen zart.“

Dorrien verschluckte sich fast an seinem Bol. Warum musste dieser Mann immer alles falsch verstehen, sobald es um Viana ging?

Er war erleichtert, als der erste Enka fertig war und Loken den Großteil seiner Aufmerksamkeit dem Fleisch widmete. Auch Dorrien hätte nach diesem Tag hungrig sein müssen, doch ihm war nicht nach Essen. Wozu auch?, fragte er sich. Auch Bol enthält wichtige Nährstoffe. Er leerte seinen Becher und schenkte sich nach. Wenn er am nächsten Tag unter den Folgen litt, würde ihn das ausnahmsweise einmal nicht kümmern.

Nachdem er sich dennoch zu einer kleinen Portion Enka mit Brot durchgerungen hatte, erhob er sich, um die Flasche mit dem Weißwasser nach Hause zu bringen. Mittlerweile hatten einige angetrunkene Dorfbewohner zu tanzen begonnen. Dorrien fand, sein zweiter Preis war zu kostbar, um dabei versehentlich zu Bruch zu gehen. Neben seiner Funktion als Genussmittel konnte Weißwasser in der Heilkunst vielfältig verwendet werden. Wie etwa zur Desinfektion, als Narkosemittel – oder auch als Digestif nach einer üppigen Mahlzeit.

Als er seine Kate verließ, erklang eine liebgewonnene Stimme in der Dunkelheit. Dorrien fuhr zusammen.

„Eine schöne Nacht, nicht wahr?“

„Ja“, stimmte er überrascht zu.

Eine Gestalt trat in den Schein seiner Lichtkugel. Die Enttäuschung, dass es nur Viana war, verursachte ihm einen nahezu körperlichen Schmerz. Aber wer hätte es auch sonst sein sollen? Nur wenn er die Hauptfigur in einem Märchen gewesen wäre, wäre sie an diesem Tag plötzlich vor ihm aufgetaucht. Aber das hier war kein Märchen. In einem Märchen bekam der Gute die Frau.

Ich hätte das Fest nicht verlassen sollen, fuhr es ihm durch den Kopf. Alleine zu sein, war ein großer Fehler, wie er jetzt erkannte. Zu den Feiernden zurückzukehren, deren Gesang und Gelächter vom Dorf hinauf hallten, erschien ihm indes nicht weniger deprimierend.

„Ihr könnt stolz auf Euch sein, Mylord“, sagte Viana. „Obwohl Ihr keine körperliche Arbeit gewohnt seid, habt Ihr dieses Jahr den zweiten Platz im Reberscheren belegt.“

„Ehrlich gesagt hatte ich gar nicht vor, irgendeinen Platz zu belegen“, sagte Dorrien.

Viana blinzelte verwirrt. „Dafür habt Ihr Euch aber ganz schön angestrengt.“

„Es tat gut, zur Abwechslung einmal nicht nachdenken zu müssen“, sagte Dorrien eine Spur schroffer als er beabsichtigt hatte.

Sie zuckte zusammen und Dorrien bereute seine Worte auf der Stelle. Sie war nicht der Grund für seine schlechte Laune. Sie hatte es nicht verdient, dass er sie an ihr ausließ.

„Tut mir leid, kleine Viana“, murmelte er. „Ich bin nur heute nicht ganz ich selbst, fürchte ich.“

Vianas braune Augen musterten ihn besorgt. „Was ist passiert?“

Dorrien seufzte und schloss die Augen. Darüber zu sprechen würde nichts an den Tatsachen ändern. Aber es würde auch niemandem schaden, wenn er es tat. Nachdem er Viana gerade so schroff behandelt hatte, war er ihr eine Erklärung schuldig.

„Eine Freundin von mir heiratet heute“, erklärte er. „Sie ist mir sehr wichtig. Aber ich konnte nicht hin.“

Viana lächelte. Sie streckte ihre Hand aus und berührte seinen Arm. „Mylord, niemand hätte Euch einen Vorwurf gemacht, wenn Ihr deswegen nicht beim Reberfest gewesen wärt“, sagte sie sanft. „Wie ich bereits sagte, Ihr braucht mich nicht zu beeindrucken.“

„Darum geht es nicht“, sagte Dorrien hart.

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. „Worum geht es dann?“

Dorrien betrachtete die junge Frau. Mit einem Mal brach der Zorn, den er über Monate zurückgehalten hatte, über ihn herein. Er wusste, er hatte nie eine echte Chance bei Sonea gehabt und das machte ihn wütend und hilflos. Er hatte nichts falsch gemacht und es gab nichts, was er hätte besser machen können. Es war einfach passiert.

Ich liebe dich. Ich schenke dir meine ganze Liebe. Für immer.

„Darum, dass ich die Hochzeit hätte platzen lassen, wäre ich heute dort gewesen“, sagte er leise.

Vianas Arm fiel herab. Ihr Gesichtsausdruck war mit einem Mal wie versteinert.

„Ich verstehe“, sagte sie. „Tut mir leid, dass ich gefragt habe.“

„Viana …“, begann er. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.“

„Das habt Ihr nicht“, sagte sie hart. „Gute Nacht, Lord Dorrien.“

Sie wandte sich ab und lief zurück in Richtung des Dorfplatzes. Dorrien seufzte. Er warf einen Blick zu seinem Haus. Am besten er legte sich einfach schlafen. Dann lief er wenigstens nicht Gefahr, heute noch mehr Leute vor den Kopf zu stoßen.


***


Sonea ließ ihren Blick durch den Garten schweifen. Die Gäste saßen an kleinen Tischen oder tanzten auf dem freien Platz in der Mitte, der in eine Tanzfläche verwandelt worden war. Die Dämmerung hatte sich über die Arran-Residenz und den Wald herabgesenkt. In den Bäumen und Sträuchern hingen unzählige Lichtkugeln und die ersten Nachtfalter flatterten durch die laue Abendluft.

Es ist so viel schöner, als in den Sieben Bögen, dachte sie. Hätten sie auf Grund des bevorstehenden Krieges die Gästeliste nicht gekürzt, so hätten sie dort gefeiert. Für sie hätte es jedoch keinen schöneren Ort, als den Garten hinter der Arran-Residenz geben können.

Ich weiß gar nicht, wie ich Luzille dafür danken soll. Obwohl Sonea die Tischdekorationen und Menukarten und Blumengestecke vorab gesehen hatte, war sie überwältigt. Für die Elynerin war dies nur eine Freizeitbeschäftigung, für Sonea bedeutete es die Welt. Allerdings war sie noch nicht dazu gekommen, sich ihrer Freundin erkenntlich zu zeigen. Sie hatte rasch festgestellt, dass es unmöglich war, mit jedem ihrer Gäste mehr als nur einige Worte zu wechseln, und als Luzille und Trassia sie auf die Tanzfläche gezogen hatten, war es irgendwie der falsche Moment gewesen.

Die Elyner, zu denen Sonea auch Dannyl und Akkarins Schwester zählte, hatten sich an einem Tisch versammelt und hatten eine Menge Spaß, was nicht nur daran lag, dass sie mehr Wein tranken als alle anderen Gäste. Von all ihren Gästen waren sie die buntesten und das nicht nur im Hinblick auf ihre Kleidung, welche offenkundig der neusten elynischen Mode entsprach. Hin und wieder gingen sie in beliebigen Permutationen auf die Tanzfläche und tanzten in einem Stil, der sehr viel körperbetonter war, als die Standardtänze, die Sonea kannte. Es schien sie dabei nicht zu stören, dass auch Männer mit Männern und Frauen mit Frauen tanzten. Sonea hatte Dana und Luzille auf eine fast anzügliche Weise miteinander tanzen sehen, und was Dannyl und sein Assistent bei einem der schnelleren Lieder veranstaltet hatten, hatte sie zum Lachen gebracht.

Nachdem Danas Sohn sich bei dem Versuch, einen der Pachibäume zu erklettern, ein Hosenbein zerrissen und seine Schwester Blumen aus der Tischdekoration gerupft hatte, um sie sich ins Haar zu stecken, saßen beide Kinder unter eben jenem Baum und stopften sich Kuchen in den Mund. Niemand hatte sich die Mühe gemacht, sie dafür zu schelten, weil jeder sie so entzückend fand. Sonea fragte sich indes, wie viele Kuchen es noch benötigen würde, bis den beiden schlecht war.

Ihre Familie teilte sich einen Tisch mit Harrin, seiner Frau Donia, Cery und seiner Begleiterin, was Sonea überrascht hatte. Jonna hatte nie viel für ihre Freunde übriggehabt. Inzwischen waren diese jedoch keine Herumtreiber mehr und sie nahm an, das hatte ihre Tante besänftigt. Zumindest glaubte Sonea das aus dem kurzen Gespräch, das sie geführt hatten, herausgehört zu haben. „Aber wir sind auch froh, dass du uns nicht zu den Magiern gesetzt hast“, hatte Jonna hinzugefügt.

„Ich finde es großartig, dass du und Ranel gekommen seid“, hatte Sonea erwidert. Sie rechnete es den beiden hoch an, dass sie ihre Furcht vor den Magiern ihr zuliebe überwunden hatten. Jetzt nach mehreren Gläsern Pachiwein, wirkten Jonna und Ranel, als würden ihnen die vielen Menschen in Roben nicht mehr so viel ausmachen, wie noch zu Beginn der Feier.

Rothen, der mehrere Stunden nach der Zeremonie nicht mehr wirkte, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen, war mit Peakin in ein wissenschaftliches Gespräch über Alchemie vertieft. Der König unterhielt sich mit einigen höheren Magiern. Zu Soneas Überraschung hatte er sich nach der Zeremonie sogar eine ganze Stunde lang mit ihrer Familie unterhalten. Dass er geblieben war, und sich für einen König ungewöhnlich entspannt gab, war bemerkenswert, und Sonea mochte ihn dafür ein bisschen lieber.

In einer gedankenverlorenen Geste schwenkte Sonea den Wein in ihrem Glas. Ihre Füße schmerzten, weil ihre Schuhe zu eng waren und sie zu viel getanzt hatte. Sie hatte das Gefühl, an diesem Tag jedem ihrer männlichen Gäste die Ehre gegeben zu haben. Mit Akkarin hatte sie hingegen nur den Eröffnungstanz gehabt. Sie runzelte die Stirn. Sollte das auf ihrer eigenen Hochzeit nicht anders sein als bei einem Ball im Palast?

„Du bist wunderschön.“

Sonea fuhr herum. Vor ihr stand Veila. Ein ungewohntes Lächeln umspielte ihre Lippen.

„D-danke“, stammelte sie überrascht.

„Ich wollte mir bei dir bedanken, weil du mich Viklin vorgestellt hast.“ Das Gesicht ihrer Rivalin nahm einen schwärmerischen Ausdruck an. „Er ist so unglaublich charmant und attraktiv. Wir haben bis jetzt fast ununterbrochen getanzt.“

„Das freut mich“, erwiderte Sonea, unsicher, was sie von Veilas plötzlicher Freundlichkeit halten sollte. Sie hatte sich damit abgefunden, dass ihre Rivalin als Viklins Begleitung gekommen war. Wenn sie daran dachte, dass auf ihrer Gästeliste Personen wie Eliana oder Garrel standen, weil sie und Akkarin gezwungen waren, sich gewissen gesellschaftlichen Konventionen zu beugen, konnte sie damit leben. In nur wenigen Tagen hatte sich zwischen Akkarins Bruder und Veila etwas entwickelt, das Sonea davon überzeugt hatte, Veila würde die Hochzeit nicht stören.

Und wenn sie das wirklich gewollt hätte, hätte sie das auch ohne Einladung gekonnt.

„Ich möchte mich entschuldigen, weil ich dir solange das Leben schwergemacht habe“, fuhr Veila fort. „Ich habe mich wie eine dumme Rassookhenne benommen. Jetzt weiß ich, dass ich einer Illusion nachgelaufen bin.“

Sonea betrachtete Veila. Es waren die ersten ehrlichen Worte, die aus ihrem Mund kamen. Auf eine seltsame Weise war sie bewegt.

„Ich verzeihe dir.“

Veilas Augen weiteten sich und glitzerten. „Danke“, sagte sie leise. Sie runzelte die Stirn. „Das ist mehr, als ich erwartet habe.“

„Schon gut“, winkte Sonea ab. „Jeder hat eine zweite Chance verdient. Sogar jene, die sehr viel Schlimmeres getan haben, als du.“

„Zum Beispiel schwarze Magie praktizieren?“

Sonea nickte. Allmählich nahm das Gespräch einen seltsamen Verlauf.

„Ohne dich und Akkarin hätten wir gegen die Sachakaner gar keine Chance“, sagte Veila. „Es ist gut, dass ihr das tut.“

„Ja.“ Sonea leerte ihr Weinglas und hielt es einem vorbei eilenden Diener hin, der es wieder auffüllte. Veila tat es ihr gleich.

„Hast du Angst?“

Sonea sah auf. „Wovor?“

„Vor der Hochzeitsnacht.“ Veila schnaubte. „Vor dem Krieg, natürlich.“

„Ja, sehr sogar.“

„Ich auch.“

Sonea starrte die andere Novizin überrascht an. „Warum? Du wirst doch in einer großen Gruppe ausgestattet mit Speichersteinen und Schildsenkern kämpfen.“

„Wir werden bei weitem nicht so stark sein, wie du und Akkarin.“

Sonea schüttelte den Kopf. Warum konnte niemand den bevorstehenden Krieg selbst an einem Tag wie heute nicht vergessen?

„Die Sachakaner werden sich auf uns konzentrieren“, sagte sie. „Wir haben mit den höheren Magiern verschiedene Strategien diskutiert, doch würden wir auch in Gruppen kämpfen und unsere Roben tauschen, würden sie herausfinden, wo wir sind. Zu zweit sind wir effektiver.“

„Das macht Sinn.“ Zwischen Veilas vornehm gezupften Augenbrauen bildete sich eine steile Falte. Dann lächelte sie. „Aber lass uns den Abend nicht mit diesen bedrückenden Aussichten verbringen. Es gibt so viel schönere Dinge, über die wir reden können.“

Sonea sah zu Akkarin, der sich mit Jonna und Ranel unterhielt. Ihre Tante sah an diesem Tag aus, als wäre sie permanent kurz davor, in Tränen auszubrechen.

„Da hast du recht.“

„Darf ich die Braut um einen Tanz bitten?“, erklang eine dröhnende Stimme neben ihnen.

Sonea und Veila zuckten zusammen. „Hoher Lord“, sagten sie beinahe gleichzeitig und verneigten sich.

„Obwohl ich der zweite Trauzeuge bin, hatte ich heute noch nicht die Ehre“, erklärte Balkan. „Zuerst hat meine eigene Frau den Anspruch auf meine Gesellschaft erhoben, dann der König und anschließend wieder meine Frau.“

Es ist das erste Mal, dass er wirklich gute Laune hat, fuhr es Sonea durch den Kopf. An ihrem Weinglas nippend versuchte sie, ihre Erheiterung zu überspielen.

„Dann müssen wir das unbedingt nachholen“, erwiderte sie. Sie stellte ihr Glas auf einem nahen Tisch ab und sah zu Veila. „Entschuldige mich. Ich muss meinen Pflichten als Braut nachkommen.“

Dann ergriff sie Balkans Hand und ließ sich auf die Tanzfläche führen. Morgen werde ich nicht mehr laufen können, dachte sie, während sie den Schmerz in ihren Füßen mit ein wenig Magie vertrieb. Sie hätte alles dafür gegeben, ihre bequemen Stiefel tragen zu können.

„Eure Frau scheint sich zu amüsieren“, sagte sie, während der Hohe Lord sie herumwirbelte.

„Der Kontakt zu ihren Landsleuten tut ihr gut“, stimmte er ungewöhnlich gesprächig zu. „Es wurde Zeit, dass sie wieder unter Ihresgleichen kommt. Würden meine Pflichten mich nicht so sehr an die Gilde binden, würde ich mit ihr für ein paar Wochen zu ihrer Familie nach Elyne reisen.“

„Vielleicht könnt Ihr das nach dem Krieg nachholen“, sagte Sonea. Sofern du dann noch lebst, fügte sie in Gedanken hinzu. „Oder kann die Gilde ihren Hohen Lord selbst in Zeiten des Friedens nicht für eine Weile entbehren?“

Balkan lachte. „Wahrscheinlich nicht.“

Eine Weile tanzten sie schweigend. Die Musik wurde langsamer, was Sonea sehr gelegen kam. Balkan war kein besonders guter Tänzer und ihre Füße waren so müde, dass sie fürchtete, darüber zu stolpern, sollte sie sie noch länger zu diesem raschen Tempo bewegen müssen.

„Sonea, ich habe mich nie bei dir für mein anfängliches Misstrauen gegenüber dir und Akkarin entschuldigt“, begann Balkan plötzlich.

Warum glaubt heute jeder, sich für irgendetwas entschuldigen zu müssen?, dachte Sonea. Verlangt es allen so kurz vor dem Krieg nach Harmonie oder neigen die Leute dazu, auf Hochzeiten sentimental zu werden?

„Ihr hattet allen Grund dazu“, erwiderte sie. „Euer Misstrauen war nur allzu verständlich.“

Balkan wirkte erleichtert. „Ich bedaure, dass ich eure Beziehung verurteilt habe“, fuhr er fort. „So skandalös sie zu Beginn auch war, so habe ich schließlich erkannt, dass es deiner Ausbildung nicht geschadet hat. Euer zweiter Trauzeuge zu werden, war das mindeste, um das wiedergutzumachen.“

Sonea fragte sich, ob sie Luzille dieses unerwartete Geständnis zu verdanken hatte. „Hoher Lord, es gibt nichts, das Ihr wiedergutmachen müsst“, sagte sie. „Vergessen wir doch einfach, was geschehen ist.“

Balkan betrachtete sie eine Weile nachdenklich. Dabei wirkte er fast wieder so grimmig, wie Sonea es von ihm gewohnt war. Dann lächelte er unvermittelt.

„Ich glaube zu verstehen, warum Akkarin dich gewählt hat.“

Darauf wusste Sonea nichts zu erwidern. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, was Akkarin an ihr fand. Was auch immer es war, es hatte dazu geführt, dass sie jetzt hier waren. Ein Gefühl von Sehnsucht verspürend suchte sie nach ihm unter den Gästen. Er hatte sein Gespräch mit ihrer Familie beendet und schritt durch die Menge. Sie beobachtete, wie Lord Sarrin auf ihn zu trat. Das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten sagte etwas. Akkarin legte eine Hand auf Sarrins Schulter und nickte. Dann hielt er direkt auf sie und Balkan zu.

„Hoher Lord, ich fürchte, Ihr müsst nun der Gesellschaft meiner Frau entbehren.“

Etwas in Balkans Gesichtsausdruck veränderte sich. Sonea musste blinzeln, weil sie glaubte, nicht richtig hingesehen zu haben.

„Selbstverständlich, Lord Akkarin. Sie gehört Euch.“

Akkarin fing ihren Blick ein und Sonea erschauderte unwillkürlich.

„Ja, das tut sie.“

„Nun, ich denke, es wird Zeit, dass ich mich wieder um meine eigene Frau kümmere.“ Der Hohe Lord verzog das Gesicht. „So wie ich sie kenne, wird sie noch mit mir tanzen wollen.“

„Ich bin sicher, das weiß sie zu schätzen.“

Balkan verschwand in Richtung den elynischen Tisches.

Eine Weile sahen sie einander nur an. Soneas Herz schlug ihr bis in den Hals. Sie beide waren immer noch dieselben, aber etwas hatte sich verändert.

„Komm nicht auf die Idee, gleich wieder zu verschwinden“, sagte sie.

Akkarin schüttelte den Kopf. „Ich werde nicht mehr gehen, Sonea“, sagte er und sie gewann den Eindruck, dass er eigentlich etwas anderes gemeint hatte.

Er nahm Soneas Hand in seine. Seine andere Hand umschlang ihre Taille. Das Streichquartett stimmte ein neues Lied an und sie begannen zu tanzen.

„Amüsierst du dich?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Sonea. „Wenn auch ich ein paar seltsame Begegnungen hatte.“

„Seltsamer als ein nicht mürrischer Balkan?“

„Oh, wenn du wüsstest!“ Sonea wusste gar nicht, was merkwürdiger gewesen war. Ihr Gespräch mit Veila, als Eliana ihr am Vormittag das Diadem geliehen hatte, oder ihr Tanz mit Administrator Osen, der während der ganzen Zeit kein einziges Wort gesprochen hatte.

„Scheint, als wäre dein Tag ähnlich interessant, wie der meine gewesen“, bemerkte Akkarin.

Sonea hob die Schultern. „Vieles war einfach nur merkwürdig. Deine Mutter hat mich dagegen überrascht.“ Sie betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Was hast du mit ihr getan?“

Ihre Wortwahl schien ihn zu erheitern. „Sagen wir, ich habe einige grundlegende Dinge richtiggestellt.“

„Will ich das wissen?“

„Nein.“

Sonea lächelte. Sie hatte nie darüber nachgedacht, ob Akkarin seine Fähigkeit, seinen Willen durchzusetzen, auch bei seiner Familie anwandte. Doch bei einer Frau wie Eliana war dies offenkundig notwendig.

„Du solltest dich jedoch nicht darauf verlassen, von nun an sicher vor ihren Spitzen zu sein“, fuhr Akkarin fort. „Ein Mitglied der Familie von Delvon zu sein, bedeutet, die Sticheleien anderer Familienmitglieder zu ertragen und sich entsprechend zur Wehr zu setzen.“

„Und warum dann diese plötzliche Freundlichkeit?“, fragte Sonea. „Warum das Diadem?“

„Ich nehme an, weil sie das Gefühl hatte, sie müsste etwas wiedergutmachen, was ich ihr auf Grund ihres Verhaltens bei unserem Dinner sehr hoch anrechne. Und weil sie erkannt hat, dass sie dem Urteil ihres Sohnes trauen kann. Der Rest ist vermutlich einem gesteigerten Harmoniebedürfnis zuzuschreiben, jetzt wo der Krieg mit Sachaka so kurz bevorsteht. Doch würdest du sie fragen, würde sie das niemals zugeben.“

So wie du, dachte Sonea und verkniff sich ein Lächeln.

Akkarin lachte leise. Die Hand, die auf ihrer Taille ruhte, fuhr unter die Haare in ihrem Nacken und zog ihren Kopf an seine Brust.

- Deine Begegnung mit Lord Sarrin, begann Sonea. War es das, wofür ich es halte?

- Ja.

Er war also bereit. Sonea verspürte einen seltsamen Kitzel, als ihr die Bedeutung dessen bewusst wurde.

- Wann?

- Wenn alles andere erledigt ist.

Sie nickte nur. Sie wusste, sie würde nicht mehr aus ihm herausbekommen. Für heute war es auch nicht wichtig. Und auch morgen würde es nicht wichtig sein. Denn diesen Tag würde sie ganz allein mit Akkarin verbringen.

- Ich habe eine Überraschung für dich, sandte sie. Es ist sozusagen ein Hochzeitsgeschenk.

- So? Ein Hochzeitgeschenk?

Sonea verkniff sich ein Grinsen. Er schien nicht das Geringste geahnt zu haben. Sie beglückwünschte sich insgeheim, weil es ihr dieses Mal so gut gelungen war, ihre Gedanken vor ihm zu verbergen.

- Es ist leichter, wenn ich es dir zeige.

Sich konzentrierend beschwor sie die Erinnerungen an Cerys Besuch wenige Monate zuvor herauf und sandte ihm, was sie in Cerys Gedanken von der Insel gesehen hatte.

- Wir werden morgen früh dorthin reisen. Es ist bereits alles geplant.

- Deswegen hast du also so vehement darauf bestanden, dass ich am Tag nach unserer Hochzeit keinen Verpflichtungen in der Gilde nachgehe, stellte er fest.

- Ja. Gefällt es dir?

- Ja. Es ist ein sehr schönes Geschenk.

- Du bist nicht verärgert, weil wir die Regeln brechen werden?

- Die Gilde wird uns nicht bestrafen, sollte sie etwas von diesem Ausflug erfahren, antwortete er. Ohne uns können sie den Krieg nicht gewinnen.

Sonea lächelte beruhigt. Aber nach Balkans Entschuldigung konnte sie nicht glauben, dass sie auf großen Protest stoßen würden, sollten die Gilde ihr Verschwinden bemerken.

- Du bist sicher, dass deine Freude über dieses Geschenk nicht mit einem gewissen Kindheitstraum zu tun hat?, fragte sie.

- Was für einen Kindheitstraum?

Sonea kicherte und schwieg. Eine Weile genoss sie das Gefühl, das Akkarins Finger auf ihrer Haut hinterließen, während er über ihren Nacken strich. Es war nicht das erste Mal, dass er das tat. Doch es fühlte sich anders an, intensiver. Plötzlich konnte sie es kaum erwarten, dass die Gäste nach Hause gingen und sie endlich alleine waren.

Wer hätte gedacht, dass es doch einen Unterschied macht, verheiratet zu sein, dachte sie. Sie hatte immer geglaubt, es würde sich nichts ändern und heiraten sei nur eine Formalität, um ihre Beziehung offiziell zu machen. Trotzdem fühlte es sich jetzt anders an, als sei sie nach Hause gekommen. Denn jetzt gehörte sie unwiderruflich ihm.

Die Musik wechselte, doch Akkarin ließ sie nicht los. Sonea hätte alles darum gegeben, sich nie mehr bewegen zu müssen. Stattdessen griff sie erneut nach ihrer Magie. Jetzt, wo sie endlich Zeit füreinander hatten, wollte sie diese Zweisamkeit mit all ihren Sinnen auskosten.

Mittlerweile waren nur noch weniger Paare auf der Tanzfläche, die Frauen allesamt mit einem verträumten Gesichtsausdruck, woran der Wein wohl eine Mitschuld trug. Selbst Trassia wirkte seltsam selbstvergessen, während Regin sie herumwirbelte. Und das, obwohl sie in letzter Zeit andauernd stritten.

Ob sie sich vorstellt, es wäre Lord Larkin?, fragte Sonea sich träge. Oder waren die beiden auch dem überall herrschenden Harmoniebedürfnis angesteckt worden?

Sonea entschied, nicht darüber nachzudenken. Sie wusste, dann würde sie ihre Gedanken nicht davon abhalten können, zu dem zurückzukehren, was ihr in wenigen Wochen bevorstand. Dieser Tag mochte fast zu Ende sein, doch er war der schönste Tag in ihrem Leben gewesen.

Und weil sie fürchtete, es könne ihr letzter schöner Tag sein, wollte sie ihn mit allen Zügen genießen.

***


Zum Abschluss des Kapitels noch ein paar Anmerkungen dazu:

Dieses Kapitel ist bewusst sehr harmonisch. Eigentlich mag ich so etwas nicht. Doch es hat einen Grund, warum ich die beiden heiraten lasse, und außerdem liegt es in der Natur der Menschen, sich vor einer nahenden Katastrophe wieder auf das Wesentliche zu besinnen und nach Harmonie zu streben. Deswegen ist der ganze Fluff in diesem Kapitel auch ein Stilmittel, das ich einsetze, um … naja, ihr werdet es in ein paar Kapiteln erfahren ;)

Dass ich die Zeremonie selbst nicht beschrieben habe, hat unter anderem auch damit zu tun. Warum, kann ich euch an dieser Stelle leider nicht verraten. Der eigentliche Grund ist jedoch, dass es an dieser Stelle keinen Mehrwert für die Story gehabt hätte. Ich werde sie auch nicht ins Bonuskapitel aufnehmen, weil ich diese Szene nie vorgesehen hatte. Ihr werdet es verstehen, wenn es an der Zeit ist.
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