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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 11.734
 
Kapitel 49 – Das fürnehme und gar alte Haus Velan



In den vergangenen Tagen und Wochen waren Magier von überall aus den Verbündeten Ländern nach Imardin gekommen, um sich der Gilde im Krieg gegen die Sachakaner anzuschließen. Im Hafen legten noch mehr Schiffe als bei Merins Krönung an und bescherten den Hafenarbeitern gutbezahlte Überstunden. Auch die Diener und Lieferanten der Universität verdienten durch den Zuwachs an Magiern in wenigen Tagen mehr als sonst in einem ganzen Monat, was mehr den von den ausländischen Magiern zugesteckten Trinkgeldern als der von der Gilde festgesetzten Überstundenzulage zu verdanken war. Administrator Osen hatte zudem einige zusätzliche Diener eingestellt, da nur wenige Magier ihre eigenen Bediensteten mitgebracht hatten.

Die Magierquartiere quollen inzwischen über. Einige Neuankömmlinge waren in leerstehende Zimmer in den Novizenquartieren ausgewichen oder hatten in den Residenzen oder bei Verwandten und Freunden in der Stadt Unterschlupf gefunden. Eine Gruppe von Kriegern aus Lan kampierte in Zelten auf dem Rasen zwischen den Magierquartieren und dem Wald.

Rothens Schätzung nach hatte sich die Zahl an Gildenmagiern in der Stadt damit in etwa verdoppelt. Es hatte ihn erstaunt, dass so viele Magier über die Verbündeten Länder verstreut lebten, war er doch stets davon ausgegangen, die meisten würden in Imardin wohnen, wo die Gilde ein Auge auf sie hatte. Doch die Menschen brauchten überall Magier für Dinge, die sie selbst nicht oder nur unzureichend verrichten konnten, wie Kranke zu heilen, Häuser und Wasserleitungen zu bauen oder um ihre Häfen von Schlick freizuhalten.

Jeden Tag, wenn Rothen das Universitätsgelände überquerte und Kutschen mit dem Incal der Gilde vorfahren sah, aus denen Magier aus Lan, Vin oder Lonmar stiegen, verspürte er eine Mischung aus Vorfreude und Furcht. Die Vorbereitungen ließen ihn mehr und mehr wünschen, dass er mit nach Sachaka ziehen konnte, da die überall herrschende Stimmung, es ihren Feinden mit alchemistischen Waffen und Speichersteinen zu zeigen, auch von ihm Besitz ergriffen hatte. Wie schön wäre es, seine Schildsenker einem großflächigen Praxistest direkt an ihren Feinden zu unterziehen!

Das Wissen der Gilde vor den Sachakanern in Sicherheit zu bringen und das Wohl der Menschen in der Stadt sind auch wichtig, rief er sich ins Gedächtnis.

Wie alle Magier, Novizen und jeder andere im Dienst der Gilde, arbeitete Rothen dieser Tage mehr als ihm lieb war. Seine Abschlussklasse angehender Alchemisten stand kurz vor den Prüfungen. Dasselbe galt für seinen Novizen, der seine Erstjahres-Prüfungen jedoch vorerst nur bei jenen Lehrern ablegen brauchte, die in wenigen Wochen nicht mehr verfügbar sein würden. Alchemie und Geschichte würden folgen, wenn die Armee nach Sachaka aufgebrochen war, was Rothen ein wenig Luft verschaffte.

Wenn er nicht mit Unterrichten beschäftigt war, stellte Rothen mit Farand und einigen Helfern die vier verschiedenen Mixturen für die Schildsenker her. Neben Lord Peakin, Lord Sarrin und Yaldin hatte auch Dannyl, offenkundig angetan von der Vorstellung, Sachakaner mit explosiven Mischungen verschiedener Chemikalien zu bewerfen, seine Unterstützung zugesagt.

„Ah, das muss der Nachschub sein.“

Dannyl wippte auf seinen Zehen auf und ab und rieb sich die Hände.

Rothen musterte den Karren, der auf dem Platz vor der Universität hielt. Auf der Ladefläche stapelten sich Kisten, Fässer und Flaschen. Das sah vielversprechender aus, als die Lieferung vom Vortag, die wie sich herausgestellt hatte Nahrungsmittel enthalten hatte.

„Ich bin erst überzeugt, wenn mein Name auf dem Empfängerschein steht.“

Der Fahrer hielt den Karren an und stieg ab. „Ich habe hier eine Lieferung für einen Lord Rothen“, sagte er einen Blick auf seine Mappe werfend.

Rothen stieg die Stufen hinab. „Ich bin Lord Rothen.“

Der Mann verneigte sich und reichte ihm die Mappe und einen Füllfederhalter. „Bitte unterschreibt, dass Ihr die Lieferung erhalten habt, Mylord. Eine Kopie der Rechnung und des Kaufvertrags ist einer der Kisten beigefügt.“

Rothen nahm den Füllfederhalter entgegen und setzte seine Signatur unter das Dokument.

Der Fahrer bedeutete einem Halbwüchsigen, der zwischen den Kisten gesessen hatte, ihm bei Abladen zu helfen, doch Rothen winkte ab.

„Das ist nicht nötig.“

Er nickte zu Dannyl und Farand, die die Stufen hinabstiegen und sich dem Karren näherten.

„Wie Ihr wünscht, Mylord“, sagte der Lieferant, als Rothen und seine Begleiter begannen, die Kisten mit Magie von der Ladefläche zu heben.

„Bringen wir die Sachen direkt ins Labor“, schlug Rothen vor. „Aber lasst nichts fallen.“

„So etwas würde uns nicht einfallen“, entgegnete Dannyl und Farand nickte ernsthaft.

Jeder mehrere Kisten levitierend, betraten sie die Universität und stiegen hinab zu den Unterrichtsräumen im Keller. Der morgendliche Unterricht hatte bereits begonnen und so begegneten sie nur wenigen Magiern und Novizen.

Peakin, sein Vorgänger und Yaldin warteten vor dem Raum, in dem Rothen sein Labor eingerichtet hatte.

„Guten Morgen!“, grüßte Rothen gutgelaunt. „Wie es aussieht, können wir endlich fortfahren.“

Er öffnete die Tür, die er mit einem magischen Schloss belegt hatte, dessen Prinzip nur er allein kannte. Als die Tür aufschwang, traten er und die anderen in das leere Klassenzimmer. Im Schein mehrerer Lichtkugeln wurden vier Versuchstische mit unterschiedlichen Aufbauten von Reagenzgläsern, Kolben und Phiolen sichtbar.

„Das ist fast wie Geburtstag zu haben“, sagte Dannyl erfreut, als er die erste Kiste öffnete. „Schwefel, Phosphor, Magnetit … Ah, Salpeter! Mein ganz besonderer Liebling unter den Chemikalien.“

Rothen unterdrückte ein Kichern, als er eine ähnliche kindliche Freude auf den Gesichtern der anderen Alchemisten sah. Es ist gut, dass wir Verstärkung bekommen haben, dachte er. Allein hätten Farand und ich das alles gar nicht bewältigen können.

Insbesondere Dannyl war mit seinem unermüdlichen Elan eine Bereicherung für das Team. Der Kreativität von Rothens ehemaligem Novizen war es zu verdanken, dass die unterschiedlichen Varianten der Schildsenker klangvolle Namen erhalten hatten. So hatten sie die Mixtur, deren Inhalt statische Entladungen auslöste, „Blitzschlag“ getauft, während der Nebel-Schildsenker nun „Sakans Atem“ hieß inspiriert von dem Geist, der im Stahlgurtgebirge sein Unwesen trieb. Dannyl hatte die Idee von Dorrien, welcher ihm erzählt hatte, wie die Bewohner seines Dorfes die Entführungen im vergangenen Herbst zunächst auf den Sakan König zurückgeführt hatten.

Rothen freute sich, dass Dannyl seinen Enthusiasmus wiedergefunden hatte. Offenkundig erweckte die Arbeit an den Schildsenkern seinen früheren Forscherdrang wieder zum Leben, was sich positiv auf seinen Gemütszustand auswirkte. Das ließ Rothen umso mehr bedauern, dass sie einander in wenigen Wochen vielleicht auf immer Lebewohl sagen würden.

Es klopfte. „Es ist sicher!“, rief Rothen seinen Willen nach der Tür ausstreckend.

Draußen stand Administrator Osen. „Lord Rothen“, sagte er und nickte den anderen zu. „Kann ich Euch kurz in meinem Büro sprechen?“

Rothen fiel auf, dass er ungewöhnlich ernst und bedrückt wirkte. Das war nicht gut.

„Ich komme“, sagte er. „Lord Peakin, wärt Ihr so freundlich die Leitung zu übernehmen, bis ich zurück bin?“

„Natürlich, Lord Rothen.“

Einen tiefen Atemzug nehmend und folgte Rothen dem Administrator hinauf in Erdgeschoss.

„Worum geht es?“, fragte er, nachdem er in einem Stuhl vor Osens Schreibtisch Platz genommen hatte.

Im fahlen Tageslicht, das durch die Papierblenden fiel, wirkte der Administrator blass und kränklich. Obwohl Rothen sich nicht erinnern konnte, wann er ihn das letzte Mal nicht so gesehen hatte, sah er heute noch schlechter aus als sonst.

„Es geht um Euren Sohn, Lord Dorrien.“

Rothens Herz setzte einen Schlag aus. „Ist ihm etwas zugestoßen?“

„Seid unbesorgt, Rothen. Es geht ihm gut. Der Grund, warum ich Euch hergerufen habe, ist anderer Natur. Wegen dieser Sache hatte ich in den vergangenen Wochen bereits einen regen Briefaustausch mit Dorrien. Ich möchte jedoch erst Eure Meinung hören, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe.“

Rothen entspannte sich. „Dann nehme ich an, es geht um sein Vorhaben, eine junge Frau aus seinem Dorf zur Heilerin auszubilden.“

„Er hat Euch also bereits darüber informiert?“

Rothen nickte. „Allerdings weiß ich keine Details. Mein Sohn und ich sind bei diesem Thema nicht einer Meinung.“

„Das überrascht mich nicht.“ Der Administrator öffnete eine Box und holte mehrere Briefe heraus. „Seine Vorschläge, wie das Studium dieser jungen Frau gestaltet werden soll, sind reichlich ... unkonventionell.“

„Oh?“ Das war nicht, was Rothen erwartet hatte. Er hatte damit gerechnet, dass der Administrator fragen würde, ob Dorrien diesem Mädchen gegenüber noch andere Absichten hegte.

„Dorrien hat sie bereits in allem unterrichtet, was wir voraussetzen, wenn ein Novize der Gilde beitritt“, erklärte Osen. „Darüber hinaus gibt er ihr Unterricht in Heilkunst. Er schlägt vor, sie im Wechsel für ein halbes Jahr in die Universität zu schicken, wo sie Alchemie und Kriegskunst lernt, und das andere halbe Jahr sie in Windbruch in Heilkunst zu unterrichten.“

Oh Dorrien, was stellst du jetzt schon wieder an?, dachte Rothen.

„Was Dorrien diese junge Frau lehrt, benötigt keiner Magie“, beruhigte er den Administrator. „Mein Sohn ist verantwortungsbewusst und hält sich an die Gesetze der Gilde. Aber er sieht sich auch den Menschen in den Bergen gegenüber verantwortlich. Als einziger Heiler im Umkreis von Meilen wird es kaum ein Verbrechen sein, dieses Mädchen Dinge zu lehren, die jeder Kurierer in den Hüttenvierteln beherrscht. Ich kann Euch versichern, dass er ihr magisches Potential nicht ohne die Erlaubnis der Gilde entfesseln würde, wenn es das ist, was Ihr fürchtet.“

Osen runzelte die Stirn.

„In seinem letzten Brief hat Dorrien mir ausführlich von dieser jungen Frau berichtet“, fuhr Rothen fort. „Sie ist intelligent, wissbegierig, hilfsbereit und talentiert. Er würde sie niemals ausbilden, wenn er sich nicht sicher wäre, dass sie eine gute Heilerin werden kann und das auch wirklich will.“

„Also bezweifelt Ihr, das könnte etwas mit einem romantischen Interesse zu tun haben, das Euer Sohn an dieser Frau hat?“

Also hat auch er es gemerkt, fuhr es Rothen durch den Kopf. Er war hin und hergerissen dazwischen, Dorriens Vorhaben zu unterstützen und das Richtige zu tun. Auf seinen letzten Brief, den er vor über einem Monat nach Windbruch geschickt hatte, hatte Dorrien nicht mehr geantwortet. Die Bemerkung des Administrators ließ darauf schließen, dass Rothen richtig vermutet hatte: Dorrien hatte sich aus Sturheit an Osen gewandt, anstatt die Hilfe seines Vaters zu suchen.

„Administrator, zu meinem Bedauern kann ich Euch nichts zu den amourösen Interessen meines Sohnes sagen“, sagte er. „Doch ich kann Euch versichern, dass es ihm entgegen den Flausen, die er für gewöhnlich im Kopf hat, ernst ist. Er würde sich nicht die Verantwortung für einen Novizen aufbürden, wäre er nicht dazu bereit.“

Osen sah auf. „Lord Rothen, bei allem Respekt für Eure Liebe zu Eurem Sohn. Unter den Heilern ist es ein offenes Geheimnis, dass Dorrien eine gewisse Vorliebe für eine Novizin hat, die sich einst in Eurer Obhut befand. Es ist ebenso bekannt, wie sehr ihn eine Reihe von Entscheidungen mitgenommen hat, die jene Novizin im vergangenen Jahr getroffen hat.“

Und jetzt glaubte Osen, Dorrien würde mit diesem Mädchen aus Windbruch versuchen, das zu kompensieren, was er sich mit Sonea erhofft hatte? Der Administrator meinte vielleicht, Dorrien nach diesem Briefwechsel zu kennen, doch er war noch immer Rothens Sohn.

Wenn jemand wusste, was in Dorrien vorging, dann er.

„Administrator, Dorrien ist über Sonea hinweg.“

Osen hob fragend die Augenbrauen. „Lord Rothen, wenn Ihr damit recht habt, wird Dorrien spätestens am Freitag in Imardin eintreffen und wir können diese Angelegenheit mit ihm persönlich diskutieren.“


***


Viklin von Delvon war das absolute Gegenteil seines Bruders. So empfand es zumindest Sonea. Wo Akkarin ruhig, beherrscht und ehrfurchtgebietend war, war Viklin laut, aufdringlich und ordinär. Obwohl der ältere der beiden Brüder, war Viklin einen halben Kopf kleiner und von seiner Statur her eher stämmig denn hager. Er trug Haare und Bart kurz und hatte stahlgraue Augen. Während er sich Akkarin gegenüber wie der herablassende ältere Bruder gab, begegnete er Sonea mit einer Freundlichkeit, von der sie kaum glauben konnte, dass sie aufrichtig gemeint war. Selbst nach einem formalen Dinner zu dritt war sie nicht sicher, ob sie ihn mögen sollte oder ob sie froh war, wenn er wieder fort war.

„Du besitzt wirklich ein schönes Anwesen, es ist fast wie zuhause“, bemerkte Viklin und klopfte anerkennend auf die Lehne seines Sessels. Seine kalten, grauen Augen wanderten durch das Speisezimmer zum Kamin, in dem ein kleines Feuer knisterte. „War die Gilde der Meinung, sie wäre dir das schuldig, nach allem was du für sie getan hast?“

„Es ist nur gemietet“, antwortete Akkarin. „Dieses Haus ist eine Residenz für alternde Magier des Hauses Arran.“

Viklin brach in lautes Gelächter aus. „Also haben sie euch hierher gesteckt, damit sie keinen Schaden erleiden, sollte bei euren Experimenten etwas schiefgehen?“

„Ich nehme an, das war einer der Gründe, warum sie einverstanden waren, uns hier wohnen zu lassen.“ Akkarins Finger strichen über Soneas Oberarm, woraufhin sie den Kopf gegen seine Schulter lehnte. „Meine Absicht hinter dem Mieten dieser Residenz war, hier mit Sonea in Frieden leben zu können.“

„Jede Frau würde sich freuen, in solch einem Haus zu wohnen“, erwiderte sein Bruder. Seine Augen blitzten zu Sonea. „In einem solchen Palast muss jede Frau sich wie eine Prinzessin fühlen. Ganz besonders, wenn sie den Luxus der reichen und feinen Gesellschaft nicht gewohnt ist.“

Ich fühle mich alles andere, als wie eine Prinzessin, dachte Sonea trocken. Sie streckte ihren Willen nach ihrem Weinglas aus. Manchmal fühle ich mich eher wie eine Gefangene, auch wenn das weniger an diesem Haus als an der paranoiden Führung der Gilde liegt.

„Ich hoffe, auch eine Frau für mich gefunden zu haben, bevor Mutter eines Tages stirbt“, fuhr Viklin fort.

„Hast du noch keine in Aussicht?“ Akkarin drehte sein Weinglas zwischen seinen langen Fingern. Sonea glaubte, einen Anflug von Erheiterung aus seinen Worten herauszuhören. „Du überraschst mich, Bruder. Du trittst das Familienerbe an. Da müsstest du dich doch vor Heiratsanträgen kaum retten können.“

„Mir ist die Richtige noch nicht über den Weg gelaufen.“ Viklin beugte sich vor und bediente sich an dem Wein auf dem niedrigen Tisch zwischen ihnen. „Aber wenn ich diejenige finde, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will, dann kann ich ihr noch mehr bieten, wie du deiner Frau. Es kann schließlich nicht sein, dass mein kleiner, skandalträchtiger Bruder vor mir zu diesem Ziel gelangt. Nun, am Ende wäre ich trotzdem im Vorteil. Ich hätte dann ein Haus, das tatsächlich mir gehört.“

An Soneas Seite spannte Akkarin sich kaum merklich an. Ancheinend mochte er es nicht, von Viklin als kleiner Bruder bezeichnet zu werden. Der Zusatz skandalträchtig machte es vermutlich nicht besser.

„Du weißt gar nicht, wie oft ich schon kurz davor war, niemals zu diesem Punkt zu gelangen“, sagte er leise.

Sonea fand, es war Zeit diesem unterschwelligen Machtkampf ein Ende zu bereiten. Seit sie erfahren hatte, dass Akkarin einen Bruder hatte, beschäftigte sie vor allem ein Gedanke in Verbindung mit ihm.

„Viklin von Delvon“, sagte sie und trank einen Schluck Wein. „Nachdem ich nun ausreichend Gelegenheit hatte, Euch kennenzulernen und zu studieren, bin ich zu dem Schluss gekommen, dass Ihr der perfekte Kandidat seid, um mir mit einem kleinen Problem behilflich zu sein, das ich mit einer anderen Novizin habe.“

Akkarins älterer Bruder runzelte die Stirn. „Was für ein Problem ist das?“

„Sie ist mir im Weg und ich will sie fort wissen.“

Viklin stutzte. „Lady Sonea, Ihr seid eine schwarze Magierin. Wenn Ihr ein Problem mit wem auch immer habt, bin ich wohl kaum der richtige Ansprechpartner.“

Sonea lächelte süffisant. „Oh, ich denke schon. Schließlich wäre es etwas seltsam, würde ich ihr den Hof machen.“

Viklin betrachtete sie, als habe sie den Verstand verloren.

Akkarin lachte leise. „Veila von Naril ist eine Novizin im fünften Jahr“, erklärte er. „Sie macht gerade ihren Abschluss. Weil sie auch unserem Haus angehört, ist sie von der Idee besessen, ich müsse sie heiraten. Sie schreckt vor nichts zurück, dieses Ziel zu erreichen, so aussichtslos es auch sein mag. Jedoch hat ihr Ehrgeiz sie während der letzten Monate davon abgehalten, meiner Verlobten das Leben schwerzumachen.“

Akkarins Bruder hob anerkennend die Augenbrauen. „Ein interessantes Mädchen“, murmelte er.

„So könnte man es auch ausdrücken“, murmelte Sonea.

„Und ich soll mich ihrer annehmen?“

Über den Rand ihres Weinglases blickte Sonea geradewegs in Viklins graue Augen.

„Das war meine Absicht.“

Viklin lachte erneut. „Wirklich, Akkarin!“, rief er. „Du hast dir eine bemerkenswerte Frau ausgesucht. Bist du sicher, dass in ihren Adern kein elynisches Blut fließt?“

„Elynische Frauen sind weitaus schwieriger zu bändigen“, erwiderte Akkarin trocken.

„Sprichst du aus Erfahrung, kleiner Bruder?“

Akkarin erwiderte nichts darauf.

„Bitte Viklin, Ihr würdet mir und Eurem Bruder einen großen Dienst erweisen“, sagte Sonea mit einem unschuldigen Lächeln.

„Nun, ich kann sie mir ansehen, wenn das Euer Wunsch ist, Lady Sonea“, erbot sich Viklin.

Sonea strahlte. „Ich werde sie Euch gleich morgen früh vorstellen.“

„Und mit früh, meint sie früh“, fügte Akkarin amüsiert hinzu. „Ich schlage vor, du kommst bei Sonnenaufgang wieder, um mit uns zu frühstücken.“

Viklins Augen weiteten sich und er leerte sein Weinglas. „Dann sollte ich jetzt wohl gehen.“ Er erhob sich und verneigte sich leicht spöttisch vor Akkarin und Sonea. „Ich wünsche Euch eine gute Nacht, Mylady.“

„Danke Viklin, Euch ebenfalls eine gute Nacht“, erwiderte Sonea.

„Die werde ich haben, jetzt wo Ihr mich auf diese Veila neugierig gemacht habt.“ Viklin nickte seinem Bruder zu. „Ich finde alleine nach draußen.“

Als sich die Tür hinter ihm schloss, stieß Sonea einen leisen Seufzer aus. Wenn der Rest von Akkarins Familie auch so anstrengend war, würden die kommenden Tage interessant werden.

„Es ist spät“, sagte Akkarin. „Gehen wir schlafen.“

Sonea nickte und ergriff seine ausgestreckte Hand. Lieber hätte sie noch für ihre bevorstehenden Prüfungen gelernt, doch durch das Zusammensitzen nach dem Essen war sie war zu müde, als dass Lernen noch einen ernsthaften Erfolg gehabt hätte. Sie schüttelte den Kopf. Es war nur ein formales Dinner gewesen und doch war sie so erschöpft wie nach einer Doppelstunde Kriegskunst.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Veila sich von deinem Bruder den Hof machen lässt“, sagte sie, als sie zu ihrem Frisiertisch trat. Sie zog die Nadeln aus ihrer Frisur und löste die Flechten, die sie im Nacken festgesteckt hatte, bis ihr ihr Haar in großen Wellen über die Schultern flutete. „Dennoch ist es einen Versuch wert, wenn …“ Sie griff nach ihrer Bürste.

„Nicht.“

Verwirrt wandte sie sich um. Akkarin durchmaß das Schlafzimmer in wenigen Schritten.

„Es gefällt mir so besser“, sagte er und strich über ihre Halsbeuge.

Schauernd sah sie zu ihm auf und lächelte um eine Erwiderung verlegen.

„Warum denkst du, Viklin würde an Veila scheitern?“, fragte er.

„Nun, er ist das völlige Gegenteil von dir. Er ist so …“

Sie brach ab, weil ihr kein diplomatisches Wort dafür einfiel. Sie wollte Akkarin nicht verletzen. Immerhin sprach sie von seinem Bruder.

„Plump?,“ half er nach. „Ordinär?“

Sie nickte zögernd. „So etwas in der Art.“

Akkarin lachte leise. Er nahm ihre Hand und zog sie zu sich. „Du hast ihn noch nie mit einer Frau erlebt, für die er sich interessiert“, sagte er und küsste sie auf die Stirn. „Wenn er erst einmal seinen Charme spielen lässt, dann gibt es für seine Angebetete keine Rettung mehr.“

Dann hoffe ich, dass Veila ihm gefällt, dachte Sonea. Ihre Rivalin schien ihr nicht verzeihen zu wollen, dass sie mit Akkarin zusammen war und ihn heiraten würde. Sonea hatte momentan nur Ruhe vor der anderen Novizin, weil diese mit dem Lernen für ihre Abschlussprüfungen beschäftigt war. Doch danach würde Veila eine fertig ausgebildete Magierin sein und ganz neue Mittel und Wege haben, sie zu schikanieren. Sie verspürte keine besondere Freude bei dem Gedanken, dass diese Rivalität für den Rest ihrer Zeit in der Gilde fortbestand, solange diese auch dauern mochte.


***


Drei Tage.

Dorrien betrachtete die Einladung, die er aus der Box, in der er seine Briefe aufbewahrte, hervorgeholt hatte. Das Papier war teuer und an den Rändern mit Goldblatt verziert. Hielt er es gegen das Licht, konnte er das Incal der Gilde durchschimmern sehen. Die Schrift war elegant und verschnörkelt und ihm unbekannt – vermutlich war ein Kalligraph dafür beauftragt worden. Als Dorrien den Umschlag zum ersten Mal nichtsahnend geöffnet hatte, waren ein paar getrocknete Blütenblätter daraus gerieselt. Er erinnerte sich noch gut an den kalten Schmerz in seinem Magen, als er sie zusammen mit der Einladung zurück in den Umschlag gestopft hatte.

Obwohl dies nun schon eine Weile zurücklag, hatte Dorrien sich nie bemüht, eine Antwort zu verfassen.

Jetzt musste er jedoch eine Entscheidung treffen. Es waren nur noch drei Tage – genug, wenn er Tag und Nacht ritt und häufig das Pferd wechselte. Drei Tage, die ihm blieben, um den Ausgang seines ganz persönlichen Albtraums abzuwenden oder um einfach nur dort zu sein, und ihr mit seiner Anwesenheit eine Freude zu machen.

Wenn er jetzt sofort die nötigsten Halbseligkeiten packte und sein Pferd sattelte, konnte er es noch rechtzeitig schaffen.

Aber war es das wert? Seit Wochen kreisten seine Gedanken immer wieder um diese Frage. Was würde er tun, wenn er tatsächlich am Freitag in Imardin war? Würde er den würdevollen Verlierer spielen können und sie ihm überlassen und so tun, als würde er sich für sie freuen, nur damit sie glücklich war? Oder würde er alles daran setzen, die Zeremonie zu verderben?

Wie auch immer du über mich und ihn denken magst, ich bitte dich als mein Freund: Hilf mir!

Mit einem Schaudern dachte Dorrien an jenen Tag zurück. Sie hatte geglaubt, er wolle ihr seine Hilfe verweigern, weil er hoffte, sie würde sich ihm zuwenden, wenn es ihr nicht gelang, ihren Geliebten wiederzubeleben. Dass sie so dachte, hatte ihn verletzt, doch jetzt musste er sich eingestehen, sie hatte damit gar nicht so falsch gelegen. Wie selbstsüchtig war er doch gewesen!

Er hatte ihr damals geholfen, weil er sie sonst ganz verloren hätte.

Doch was machte das für einen Unterschied? Er hatte sie trotzdem verloren.

Warum muss es so kompliziert sein?, hatte sie ihn wenige Tage später gefragt. Warum können wir nicht einfach Freunde sein?

Dorrien und Sonea würden niemals Freunde sein können. Wenn er jetzt nach Imardin ritt und sie entführte, würde das ihm nicht ihre Liebe bringen. Wenn er offiziell gegen ihre Verbindung protestierte, würde sie das ebenfalls gegen ihn aufbringen. Wenn er mit dem Vorhaben dort erschien, als ihr Freund an ihrer Seite zu sein, dann würde ihn das umbringen. Der bloße Gedanke, sie mit einem anderen glücklich zu sehen, zerriss ihm das Herz.

Es war lächerlich. Er hatte immer gewusst, dass sie nicht ihm gehörte. Lange Zeit hatte er geglaubt, damit leben zu können.

Bis er von ihr und Akkarin erfahren hatte.

Das war etwas, wofür es keine Entschuldigung gab.

Dorrien ballte die Fäuste. Nein, er durfte nicht nach Imardin gehen. Denn dann war er nicht die einzige Person, die leiden würde. Wenn er sie wirklich liebte, musste er bleiben.

Seufzend erhob er sich und schritt mit dem Brief in der Hand zur Feuerstelle. Er warf das Papier mitsamt Umschlag und Blütenblätter in den Kamin und entzündete es mit seinem Willen. Während das Feuer die Einladung verzehrte, erwachte er ein dunkles Feuer in seinem Innern zum Leben. Es fühlte sich an, als hätte er gerade kapituliert. Doch er verschwendete nur seine Kraft, wenn er weiterhin versuchte, einen Kampf zu kämpfen, den er schon längst verloren hatte.

Ich liebe dich. Ich schenke dir all meine Liebe. Für immer.

Als die Einladung zu einem kleinen Haufen Asche zusammengeschrumpft war, hing er sich seine Tasche über die Schulter und sattelte sein Pferd. Doch anstatt die Straße zu nehmen, die aus den Bergen herausführte, ritt er zu Kullens Reberfarm, um Viana für seine allwöchentliche Visite beim Fort abzuholen.


***


Auf dem Rasen vor der Universität lag eine dicke Sicht eiskalter Morgentau, das Konzert der Vögel war nahezu ohrenbetäubend. Goldene Strahlen einer kaum aufgegangenen Sonne fielen durch die Bäume im Wald und tauchten die Westseite der Universitätsgebäude in tiefe Schatten. Aus den Zelten der Krieger aus Lan traten die ersten Magier und streckten sich in der kühlen Luft. Zu Soneas Überraschung begannen sie danach Übungskämpfe mit Holzschwertern oder bloßen Fäusten.

„Wo werden wir diese Veila treffen?“ Viklins graue Augen wanderten suchend über das Zeltlager und die Gärten zum Innenhof, durch den die ersten Novizen zur Universität eilten.

„Normalerweise lauert sie immer irgendwo in der Nähe des Eingangs, um mich mit ihren Blicken zu durchbohren oder mit ihren Freundinnen zu kichern, wenn ich an ihnen vorbeigehe“, antwortete Sonea trocken.

„Charmant.“ Viklin schürzte die Lippen. „Was hat sie noch für Qualitäten?“

„Mutter würde sie mögen“, sagte Akkarin.

„Dann muss sie ein bemerkenswertes Mädchen sein.“

„Und wie sie das ist“, murmelte Sonea.

Sie erreichten die Universität. Von Veila und ihren Freundinnen war noch keine Spur zu sehen. Allerdings war es für ihre Verhältnisse auch noch früh.

„Es ist besser, wenn wir im Eingang warten, wo sie uns nicht schon von weitem sehen kann“, sagte Sonea. „Sie ist nicht dumm, sie würde den Plan sonst durchschauen.“

Sie bezogen im Schatten der Türen ihre Stellung. Von hier aus hatten sie einen hervorragenden Blick auf die Novizen, die die Universität betraten. Einige musterten sie neugierig, als sie an ihnen vorbeikamen, und verneigten sich ehrfürchtig vor Akkarin, bevor sie zu ihren Unterrichtsräumen hasteten. Der Rest eilte zu schnell an ihnen vorbei, um von ihnen Notiz zu nehmen.

Nach einigen Minuten verließ eine Sonea nur allzu vertraute Dreiergruppe das Novizenquartier und überquerte den Innenhof. Sie stieß Viklin an.

„Die Große, die die beiden anderen anführt“, flüsterte sie. „Das ist Veila.“

Viklins Lippen verzogen sich zu dem Halblächeln, das dem seines Bruders so ähnlich war, aber das durch den anzüglichen Blick in seinen kalten Augen und das sich darin widerspiegelnde Verlangen, entartet war.

„Entschuldigt mich“, sagte er zu ihr und Akkarin. „Doch ich habe eine Verabredung einzuhalten, von der dieses bezaubernde Wesen noch nichts ahnt.“

Mit geschwollener Brust schritt er die Stufen hinab geradewegs auf die drei Novizinnen zu. Sonea verdrehte die Augen, als er sich vor ihnen verneigte und Veilas Hand küsste.

„Hoffentlich war das nicht ein riesengroßer Fehler“, murmelte sie.

Akkarin lachte leise. „Du wirst schon sehen.“

Sie wandte sich zu ihm und sah zu ihm hoch. Akkarin streckte eine Hand nach ihr aus und berührte flüchtig ihre Wange.

„Ich muss in die Arena“, sagte er. „Ich wünsche dir einen interessanten Unterricht.“

„Quäl die Magier nicht zu sehr, Lord Akkarin“, erwiderte sie.

Akkarin wirkte erheitert. „Wir sehen uns nach der Mittagspause.“

Bevor Sonea etwas darauf erwidern konnte, schritt er mit wallenden Roben davon. Die Novizen und Magier, die inzwischen die Eingangshalle füllten, wichen ehrfürchtig und respektvoll vor ihm zurück.

Es ist fast, als wäre er …, dachte Sonea und hielt inne, als das Läuten zur ersten Stunde ihre aufrührerischen Gedanken störte. Den Schulterriemen ihrer Tasche zurechtrückend stieg sie die Stufen zu ihrem Klassenzimmer empor.

Der Vormittag zog sich quälend. Sonea versuchte jedes Wort, das ihre Lehrer sagten, aufzuschreiben, denn das alles konnte in den bevorstehenden Prüfungen abgefragt werden. Noch diese Woche würde sie in Theoretischer Kriegskunst und Strategie geprüft werden. Die Prüfungen hatten sie seit eh und je mit Angst und Schrecken erfüllt, egal wie gut ihre Noten gewesen waren. Wenn Sonea daran dachte, waren der Krieg, Akkarins Familie und ihre Hochzeit mit einem Mal Nebensache. Selbst Viklins potentieller Erfolg bei Veila, der sie seit dem vergangenen Abend beschäftigt hatte, fiel angesichts dessen in Bedeutungslosigkeit.

Die verbleibende Zeit zwischen Mittagessen und ihrem Unterricht im Dome verbrachte Sonea mit ihren Freunden in der Novizenbibliothek. Wie so oft in den vergangenen Wochen fingen Regin und Trassia einen Streit an. Sonea verstand nicht, was die beiden so plötzlich aneinander störte und es war ihr bis jetzt nicht gelungen, die beiden friedlich zu stimmen.

Wahrscheinlich ist es die Anspannung vor der Schlacht, überlegte sie und beschloss, sich dieses Mal nicht einzumischen. Sie verspürte keinen Drang, den Zorn ihrer Freunde auf sich zu ziehen, sie hatte genug andere Sorgen.

„Der Stoff der letzten Woche vor den Prüfungen ist noch nie abgefragt worden“, sagte Regin gerade. „Die Lehrer wissen, dass wir zu sehr damit beschäftigt sind, den ganzen Rest zu wiederholen.“

„Aber das Halbjahr ist dieses Mal kürzer“, widersprach Trassia. „Sie werden uns über so viel Stoff wie möglich prüfen, weil sie entscheiden müssen, ob sie und nach Sachaka mitnehmen und kämpfen lassen.“

„Die Lehrer fürchten sich genauso vor dem Krieg wie die Novizen“, widersprach Regin. „Sie werden uns sicher nicht mit zu viel Stoff quälen. Wir haben jetzt schon fast den ganzen Stoff dieses Halbjahres durchgenommen, in Kriegskunst haben wir sogar einige Tricks gelernt, die wir sonst erst im fünften Jahr lernen würden. Ich bin sicher, sie werden uns die letzte Woche ersparen, es ist ja jetzt schon viel zu viel.“

„Fragen wir doch einfach Sonea“, schlug Trassia vor. „Sie weiß das bestimmt.“

Regin verdrehte die Augen. „Nur, weil sie einen höheren Magier heiratet, muss sie noch lange nicht alles wissen.“

„Sonst behauptest du immer das Gegenteil.“

Regin erwiderte nichts darauf.

Sonea sah zum Fenster und verdrehte die Augen. Sie wollte sich wieder ihren Notizen von Strategie zuwenden, als etwas im Park ihre Aufmerksamkeit erregte.

„Sonea, was meinst du?“, fragte Trassia. „Müssen wir auch das, was wir diese Woche gelernt haben, in den Prüfungen können?“

Sonea zuckte die Schultern. „Keine Ahnung. Es kann jedoch nicht schaden, es zu lernen.“ Was sich hinter den Fensterscheiben der Bibliothek abspielte, war sehr viel interessanter, als Regins und Trassias leidige Diskussionen.

„Sie träumt sicher schon von ihrer Hochzeitsnacht“, feixte Regin.

Sonea schnaubte geräuschvoll. „Wenn das so wäre, würde dich das nichts angehen“, murmelte sie ohne den Blick von der Szene im Park abzuwenden.

„Sonea, hast du uns überhaupt zugehört?“ Trassias Stimme klang ungeduldig.

Sonea seufzte. „Das, habe ich. Und ich habe eure Frage beantwortet.“ Sie wies hinaus in den Park. „Seht doch nur!“

Neugierig geworden gesellten ihre beiden Freunde sich zu ihr ans Fenster.

„Seit wann interessierst du dich für Lady Hochnäsig?“, fragte Trassia verächtlich.

Sonea lächelte süffisant. „Seit ich einen Weg gefunden habe, sie für alle Zeiten loszuwerden.“

„So wie sie diesen Kerl anschmachtet, scheint dir das wahrhaftig gelungen zu sein“, bemerkte Regin. „Was hast du diesem Mann bezahlt, damit er mit ihr anbandelt?“

„Oh, Viklin von Delvon macht das ganz freiwillig.“ Sonea unterdrückte ein Kichern. „Er mag junge, eingebildete Frauen und braucht unbedingt einen Erben.“

Von Delvon?“, wiederholte Trassia. „Ist er irgendwie mit Akkarin verwandt?“

„Er ist sein älterer Bruder.“

„Oh“, machte Trassia. „Du hast also endlich seine Familie kennengelernt?“

„Bis jetzt nur ihn. Der Rest seiner Familie wird morgen eintreffen.“ Sonea war gespannt, wie die anderen sein würden. Hoffentlich nicht so arrogant wie Viklin, dachte sie. Luzille war ihr jedoch beim Ausgraben weiterer Informationen auch keine große Hilfe gewesen.

„Es scheint, als würden die von Delvons ihre Privatsphäre sehr pflegen“, hatte ihre Freundin nach dem letzten Fest im Palast berichtet. „Der Rest sind Gerüchte, die hauptsächlich Akkarins Schwester betreffen. Und glaub mir, das ist nichts als leeres Geschwätz, denn ich weiß, wann an einem Gerücht etwas Wahres dran ist.“

Stattdessen hatte Luzille ihr das wenige erzählt, was sie über Akkarins Schwester aus Elyne wusste. Das hatte Sonea Hoffnung gemacht, dass zumindest sie aufgeschlossen und umgänglich war, aber sogar eine zweite Luzille wäre ihr lieber, als ein zweiter Viklin.

„Ich habe Veila noch nie so glücklich gesehen“, bemerkte Trassia.

Sonea beobachtete, wie ihr zukünftiger Schwager und ihre größte Rivalin zu einer Bank schritten. Viklin bückte sich, brach eine Frühlingsblume aus einem nahegelegenen Beet und überreichte sie Veila mit einer galanten Verneigung.

„Ich hoffe, daraus wird nichts Ernstes“, murmelte Sonea. „Das heißt, nicht in der nächsten Zeit.“ Ihr gefiel nicht, wie sich Viklins Gesichtsausdruck verändert hatte, seit er Veila an diesem Morgen das erste Mal erblickt hatte.

„Warum?“, wollte Trassia wissen. „Ich kann verstehen, wenn du ihr das nicht gönnst. Aber du wirst sie nur los, wenn sie einen Mann findet, der sie über Akkarin hinwegtröstet.“

„Wenn Veila und Viklin sich ineinander verlieben, werden sie und ich zur selben Familie gehören“, grollte Sonea. So versessen, wie ihre Rivalin darauf war, einen Mann der Familie Delvon zu heiraten und so wie Viklin auf sie reagiert hatte, war sie sicher, die beiden würden dahin gelangen. „Es würde mich nicht wundern, wenn Viklin darum bittet, dass sie ihn auf die Hochzeit begleiten darf.“

Ihre Freundin sog scharf die Luft ein.

„Wenn du das nicht willst, dann kannst du es verbieten“, wandte Regin ein.

„Niemand, der verliebt ist, soll allein auf eine Hochzeit gehen“, sagte Trassia leise. „Deswegen werden Einzelpersonen in Einladungen aufgefordert, eine Begleitung mitzubringen. Selbst wenn die Begleitung nur der beste Freund ist. Es gehört sich nicht, von jemandem zu verlangen, alleine auf eine Hochzeit zu gehen.“

„Viklin hat eine solche Einladung bekommen“, sagte Sonea. „Er ist Akkarins Bruder. Ihm das zu verbieten, käme einem Skandal gleich.“

„Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“, sagte Regin. „Wenn Viklin sie am Freitag wirklich mitbringt, dann wird Veila die Hochzeit doch nicht platzen lassen, weil sie noch immer in Akkarin verliebt ist. Seht sie euch doch nur an. Sie hat bereits einen gefunden, der ihr mindestens genauso gut gefällt.“

„Du verstehst auch wirklich gar nichts!“, zischte Trassia. „Veila hat Sonea seit ihrer Rückkehr das Leben schwergemacht. Sie hat kein Recht, bei ihrer Hochzeit zu sein. Sie verdient es einfach nicht.“

Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Die Hochzeit, die Prüfungen und der Krieg schienen alle reizbar und aggressiv zu machen. Zu viele wichtige Dinge passierten in zu kurzer Zeit und ihre beiden Freunde waren im Augenblick so unglaublich anstrengend.

„Wenn es darum geht, dann dürftet ihr beide auch nicht dabei sein“, sagte sie.


***


„In einer Viertelstunde machen wir weiter!“, rief Kriegsmeister Kachiro. „Geht etwas trinken oder bezieht neue Kraft bei Euren Sklaven, falls nötig. Und danach erwarte ich, dass Ihr Euch mehr anstrengt!“

Die Gruppen von Ichani lösten sich auf und strömten zu dem Baldachin, unter dem Sklaven einen Imbiss und Getränke bereithielten. Auch Arlava schritt in Begleitung von Sarkaro und seinen Mitstreitern zu den Erfrischungen.

Dieses Mal entkommst du mir nicht, dachte Savara und schloss zu ihr auf.

In den vergangenen Tagen hatte sich nie ein Gespräch zwischen ihr und der Ichani ergeben, ohne dass andere dabei gewesen wären. Einige Male wäre es ihr fast gelungen, Arlava allein zu erwischen, doch dann war ihr Malira zuvorgekommen. Für Savaras Geschmack verstanden sich die beiden Frauen viel zu gut.

Wie konnte es sein, dass Malira, die durch und durch eine schwierige Einzelgängerin war, schneller Freundschaft mit der manchmal leicht zynisch anmutenden Ichani geschlossen hatte, als Savara, die wusste, wie man die Menschen um den Finger wickelte?

Doch es stand mehr als Savaras Stolz auf dem Spiel. Seit sie das Gespräch im Palastgarten belauscht hatte, rätselte sie darüber, was zwischen den beiden Frauen lief. Doch selbst mit Inas Hilfe hatte Savara keine Informationen erhalten, die sich gegen Malira verwenden ließen oder ihr einen Hinweis auf die Absichten der Ichani lieferten. An einigen Abenden hatte Malira sich mit Yirako mit Thronsaal unterhalten, doch es war Ina nicht möglich gewesen, sich ihnen unauffällig zu nähern.

Bei den wenigen Gesprächen mit Arlava im Beisein anderer hatte Savara nach Anzeichen gesucht, dass sich die beiden Ichani-Frauen gegen sie verschworen hatten. Zu ihrer Frustration hatte sie jedoch nichts dergleichen gefunden. Das machte sie unruhig wie einen hungrigen Limek, da sie so sicher war, dass die beiden Frauen irgendetwas planten. Doch sie ahnte, sie würde aus Arlava nicht viel herausbekommen. Als Teil eines losen Bündnisses mit drei männlichen Ichani war sie vermutlich bestens darin geübt, ihre Absichten vor anderen zu verbergen.

Aber Savara musste es wissen.

Als sie den Baldachin erreichten, nahm Savara einen Becher mit frischem Pachisaft entgegen und folgte den anderen in den Schatten eines Baumes. Sarkaro und die anderen Männer lachten gerade über einen obszönen Witz.

Arlava verdrehte die Augen. „Sie hören einfach nicht auf, das lustig zu finden“, brummte sie. „Wenn sie nicht bald damit aufhören, muss ich sie töten.“

Savara lachte. „Es sind Männer“, raunte sie der anderen Frau zu. „Sie werden nie ganz aufhören, sich wie Kinder zu benehmen.“

„Da hast du wohl recht.“ Arlava verzog das Gesicht. „Trotzdem macht es mich manchmal rasend.“

„Dann lass uns woanders hingehen“, schlug Savara vor. „Wir wollen ja nicht, dass du nach der Pause sie anstatt unsere Gegner angreifst.“

Die Ichani lächelte finster und wies dann zu einer Gruppe Sträucher auf der anderen Seite des Übungsplatzes. „Das sollte weit genug fort sein.“

„Das denke ich auch“, stimmte Savara zu.

Gemeinsam überquerten sie den Platz. Savara sah sich unauffällig nach Malira um, konnte die Ichani jedoch nirgends entdecken.

„Es ist sicher anstrengend, sich ständig gegen eine Horde Männer zu behaupten, mit denen man mehr oder weniger verbündet ist“, sagte Savara, als sie im Schatten der Sträucher niedergelassen hatte.

„Am Anfang war es nicht leicht“, stimmte Arlava zu. „Aber nachdem ich mir ihren Respekt verschafft hatte, haben sie mich als eine von ihnen akzeptiert.“ Sie biss in eine Marin. „Unter Ichani ist das jedoch etwas anderes, als wenn man zur Gesellschaft gehört“, fuhr sie mit Verachtung in der Stimme fort.

An ihrem Pachisaft nippend, horchte Savara auf. „Wie meinst du das?“, fragte sie unschuldig.

Arlava musterte sie mit unverhohlener Erheiterung. „Man merkt wirklich, dass du dich jahrelang völlig allein in den Bergen durchgeschlagen hast“, bemerkte sie.

Danke, dachte Savara sich ein triumphierendes Lächeln verkneifend. Du hast mir gerade nicht nur bestätigt, dass meine Tarnung gut ist, sondern auch, dass du wirklich nicht weißt, wer ich bin.

So gut konnte Arlava unmöglich schauspielern. Was Savara in ihren Augen gesehen hatte, war echt gewesen.

„Also?“, hakte sie mit einem leicht drohenden Unterton nach, als fühle sie sich von Arlavas Worten beleidigt.

„Du weißt doch sicher, dass Frauen in der sachakanischen Gesellschaft nichts zu sagen haben“, begann Arlava.

Savara schnaubte verächtlich. „Nein, das ist mir neu.“

Arlava legte ihre Marin zur Seite und beugte sich mit einem anzüglichen Lächeln vor. „Glaubst du wirklich, wir Ichani-Frauen werden irgendwelche Rechte haben, wenn wir den Krieg gewinnen?“, raunte sie. Sie rückte noch ein wenig näher und ihre Lippen streiften Savaras Ohr und jagte Savara damit einen Schauer über den Rücken. „Marika wird keine Rücksicht auf uns nehmen. Er verfolgt seine eigenen Pläne.“

Bevor Savara etwas darauf erwidern konnte, dröhnte die Stimme von Marikas Kriegsmeister über den Übungsplatz.

„Die Pause ist vorbei, Ihr habt Euch genug ausgeruht! Stellt Euch auf und macht Euch auf einen anstrengenden Nachmittag gefasst!“


***


Sonea zupfte an ihrer Robe und verlagerte ihre Position im Sessel. Es war mehr als zwei Jahre her, dass sie zuletzt so nervös vor einem formalen Dinner gewesen war. Und das hier kam ihr fast noch schlimmer vor als jenes damals in der Residenz des Hohen Lords. Akkarins Gegenwart spendete ihr nur geringfügigen Trost. Es war seine Familie und damit außerhalb ihres Machtbereichs. Sie war nur das Hüttenmädchen.

Während der beiden vergangenen Tage hatte sie sich nur mit Viklin auseinandersetzen müssen. Doch Akkarins Mutter war, bis sie starb und ihr ältester Sohn ihren Platz einnahm, das Familienoberhaupt. Davon wie sie Sonea aufnehmen würde, konnte alles abhängen.

„Sonea.“

Sie wandte den Kopf und begegnete Akkarins Blick.

„Was auch geschieht, ich werde dich in zwei Tagen heiraten.“

Sonea konnte nur nicken.

Seine Augen wanderten zur Tür und er richtete sich kaum merklich auf. Dann schwang die Tür auf.

Eine schlanke Frau mit blasser, kyralischer Haut und Haaren, die golden im Schein der Lichtkugel schimmerten, betrat die Empfangshalle. Ihr folgte ein rothaariger Mann, der zwei schlafende Kinder auf dem Arm trug.

Akkarin erhob sich und Sonea tat es ihm nach.

„Dana und Balend von Narreni“, sagte er. „Seid willkommen.“

„Akkarin!“

Zu Soneas Überraschung stieß die Frau einen Schrei aus und eilte auf Akkarin zu.

„Oh, du glaubst gar nicht, wie wahnsinnig du mir gefehlt hast!“

Sie fiel ihrem Bruder um den Hals und küsste ihn auf beide Wangen.

„Ich denke, ich bekomme gerade eine sehr gute Vorstellung davon“, bemerkte Akkarin.

Die Frau ließ von ihm ab und wandte sich Sonea zu. „Und du musst Sonea sein“, sagte sie strahlend. Sie griff Soneas Hände und küsste sie ebenfalls auf beide Wangen. „Es freut mich, dich kennenzulernen. Ich habe schon so viel von dir gehört!“

Hoffentlich nur Gutes, dachte Sonea, während ihr die Hitze ins Gesicht schoss. Obwohl sie derartige Gefühlsausbrüche bereits von Luzille gewohnt war, fühlte sie sich von der fremden Frau überfallen.

„Die Freude ist ganz meinerseits, Dana von Narreni“, sagte Sonea, sich auf ihre Manieren besinnend und erwiderte Danas Geste ein wenig verlegen.

„Lord Akkarin, Lady Sonea. Dana und ich danken Euch für die Einladung zu Eurer Hochzeit“, sagte Balend, eine Verneigung andeutend. „Ich bitte um Verzeihung, dass ich Euch nicht angemessener begrüßen kann, doch ich möchte die Kinder nicht aufwecken. Die Reise war anstrengend und wir sind erst bei Sonnenuntergang eingelaufen.“

Sonea lächelte. „Das ist schon in Ordnung, Balend.“

Der Elyner neigte dankend den Kopf.

„Wer interessiert sich denn für Etikette?“ Danas dunkle Augen strahlten Sonea an. „Nach allem, was mein Bruder mir über dich erzählt hat, gehörst du doch schon zur Familie.“

Die Freundlichkeit und Wärme, die Dana ausstrahlte, ließen Soneas Herz höher schlagen. Augenblicklich entspannte sich. Sie hatte eine steife Begrüßung und die Formalitäten der Häuser erwartet. Aber nicht das.

„Wo ist Mutter?“ Akkarin sah stirnrunzelnd zu den offenen Türen. „Ist sie nicht mit euch gekommen?“

„Sie ist zu unserem Stadthaus gefahren, um die Diener auf unsere Ankunft vorzubereiten“, antwortete Dana. „Sie kommt nach.“

Dafür, dass es sich um seine Mutter handelt, ist er ziemlich kühl, fuhr es Sonea durch den Kopf. Sollte er sich nicht freuen, sie wiederzusehen? War das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in den Häusern weniger herzlich als in den Hüttenvierteln?

Bevor Sonea jedoch weiter darüber nachdenken konnte, schwangen die Türen erneut auf und sie erstarrte.

Eine hochgewachsene Frau im fortgeschrittenen Alter schritt durch die Empfangshalle auf sie zu. In ihren schwarzen Haaren zeichneten sich bereits die ersten grauen Strähnen ab. Sie trug ein teures dunkelrotes Gewand, dessen Saum mit Perlen bestickt und mit Goldfäden durchwirkt war. Über ihren Schultern hing ein Mantel aus feingesponnener Reberwolle mit einer Kapuze aus Zillpelz.

„Guten Abend, Mutter“, sagte Akkarin reserviert.

Dana und ihr Mann wandten sich der Frau zu.

„Mutter“, sagte Dana und ihr Mann ebenso tonlos: „Eliana von Delvon.“

„Guten Abend“, grüßte Eliana knapp. Sie blieb vor Akkarin stehen. Eine Weile betrachteten beide einander kühl. „Du bist blass“, sagte sie. „Und dünn.“

Akkarins Mund verzog sich zu einem humorlosen Lächeln. „Nicht mehr als sonst auch.“

Er legte eine Hand auf Soneas Taille. „Mutter, darf ich dir meine Verlobte Sonea vorstellen?“

Eliana hob eine ihrer feingeschwungenen Augenbrauen, als ihr Blick auf Sonea fiel. „Ich muss zugeben, das ist nicht, was ich erwartet habe.“

Nach Danas Freundlichkeit war die Herablassung, mit der Eliana ihr begegnete, wie ein Schlag ins Gesicht. Was hast du erwartet?, wollte Sonea erwidern. Jemand, der aus den Hüttenvierteln stammt, wird wohl kaum beeindruckend sein.

„In Sonea steckt mehr, als der erste Eindruck glauben lässt“, erwiderte Akkarin glatt.

Eliana überging seine Bemerkung. „Ist Viklin schon da?“

„Bis zum Essen wird er hier sein.“

Und ich dachte immer, nur Akkarin wäre dazu fähig, die gefühlte Temperatur in einem Raum augenblicklich auf den Gefrierpunkt zu senken, dachte Sonea. Nun, jetzt wusste sie, wo er dieses zweifelhafte Talent geerbt hatte.

„Gibt es ein Zimmer, in dem wir die Kinder schlafen lassen können?“, durchbrach Danas Stimme die plötzliche Stille.

„Sonea, zeig ihnen dein Studierzimmer“, sagte Akkarin ohne den Blick von seiner Mutter zu wenden.

Mit einem erleichterten Nicken bedeutete Sonea, Dana und ihrem Mann ihr die Treppe hinauf zu folgen. Im Hinaufsteigen warf sie einen letzten Blick zu Akkarin und seiner Mutter. Sie fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, ihn mit ihr allein zu lassen, aber sie musste seinen Anweisungen Folge leisten und darauf vertrauen, dass diese Frau ihn nicht auf ihre Seite zog.

„In meinem Studierzimmer gibt es ein Bett, in dem eure Kinder schlafen können“, teilte sie Dana und Balend mit.

„Wir nehmen sie später mit in Mutters Stadthaus“, sagte Dana. „Aber es wäre besser, sie nicht aufzuwecken. Der Tag war lang und anstrengend für sie. Normalerweise liegen sie um diese Zeit schon längst im Bett.“

Sonea betrachtete die beiden Kinder. Der Junge hatte leuchtend rote Locken, das Mädchen war kleiner und schwarzhaarig und erinnerte sie ein wenig an Akkarin. „Wie alt sind sie?“

„Drei und fünf“, antwortete Balend. „Es ist das erste Mal, dass wir mit ihnen eine Seereise über die Grenzen Elynes hinaus machen. Im Sommer fahren wir sonst immer zu einem kleinen Landhaus an der Küste, zwei Tagesritte von Capia entfernt.“

Sonea lächelte. „Hört sich gut an.“

„Wenn der Krieg vorbei ist, kommt uns doch einmal besuchen“, bot Dana an. „Dann können wir ein paar Wochen dort verbringen. Im Sommer, wenn die Marin reifen und das Wasser so warm ist wie in einem Badehaus, ist die beste Zeit.“

„Das wäre schön“, sagte Sonea. „Die Frage ist nur, ob die Gilde uns lässt.“

„Sie kann euch nicht ewig hier einsperren.“ Dana lachte. „Nach allem, was ich von meinem Bruder weiß, müssen sie Zugeständnisse an euch machen. Spätestens, wenn ihr sie ein zweites Mal vor den Sachakanern gerettet habt, werden sie euch dankbar genug sein.“

Sonea konnte sich gerade noch rechtzeitig auf die Zunge beißen. Fast wäre ihr herausgerutscht, dass Elyne auch ein Ziel der Sachakaner war. Sie wollte Dana und ihren Mann jedoch nicht ängstigen. Oder wussten sie bereits davon?

Sie führte ihre Gäste den Flur entlang, der zu den privaten Räumen führte. Vor der letzten Tür auf der rechten Seite blieb sie stehen. „Das hier ist mein Studierzimmer“, sagte sie und stieß die Tür auf.

Ihre Lichtkugel vorausschickend, bedeutete sie Dana und Balend einzutreten.

„Ich hatte kyralische Häuser irgendwie düsterer in Erinnerung“, sagte Dana. „Aber hier drin ist es richtig gemütlich.“

„Nun, ich verbringe viel Zeit hier drin, wenn ich keinen Unterricht habe.“ Sonea wies zum Nebenraum. „Dort ist ein Bett, auf dem eure Kinder schlafen können.“

Dana lachte. „Also nimmt mein Bruder dich tatsächlich so hart ran, wie er behauptet?“

Sonea verzog das Gesicht. „Ihr scheint wirklich guten Kontakt zueinander zu haben“, stellte sie fest.

Akkarins Schwester nahm ihrem Mann ihre kleine Tochter ab und bettete sie auf die Kissen. „Oh, wir haben sehr regen Kontakt“, antwortete sie wie beiläufig. „Das ist einer der Vorteile, die es hat, wenn der eigene Bruder Magier ist.“

Sonea blinzelte überrascht. „Wie meinst du das?“

„Nun, ihr Magier habt doch eure Mittel und Wege, zu kommunizieren.“

Also hatte Dana magisches Potential. Manche Menschen mit latentem magischen Potential besaßen die Fähigkeit, der Gedankenrede der Magier zu lauschen. Auch Rothens neuer Novize hatte dies jahrelang getan, bevor er seine Magie entfesselt hatte.

„Ich wusste gar nicht, dass Nichtmagier, die die Gedankenrede der Magier hören können, auch auf diese antworten können“, sagte sie, während Akkarins Schwester ihren Sohn zu Bett brachte.

„Nein, so läuft das bei uns nicht.“ Dana breitete eine Decke über ihren beiden Kindern aus und gab jedem einen Kuss. „Vor ein paar Jahren hat Akkarin mir ein magisches Artefakt geschickt, das es uns ermöglicht, ganz ungestört zu plaudern. Es ist sogar sehr viel bequemer, als Briefe schreiben, weil man seine Gedanken und Gefühle mitschicken kann.“

Sonea starrte sie an, als die Erkenntnis in ihr zu dämmern begann. „Du hast das dritte Blutjuwel?“, entfuhr es ihr.

„Wenn es so heißt, dann ja.“ Dana lächelte. „Tatsächlich habe ich für ihn auch ein wenig spioniert und ihm den neusten Klatsch und Tratsch aus Elyne, sowie die kleinen Intrigen der Dems und Bels berichtet, wenn auch wir vorrangig über uns gesprochen hatten.“

Ein Freund an einem nützlichen Ort. Sonea verkniff sich ein Lächeln. Nun, so konnte man es auch ausdrücken. „Ich habe mich immer gewundert, wer das dritte Blutjuwel hat“, sagte sie. „Aber ich wäre nie darauf gekommen, dass er es seiner Schwester gegeben hat.“

Dana zuckte die Achseln. „Ausgestoßene müssen zusammenhalten.“

Sonea runzelte verwirrt die Stirn.

„Sie war gerade fünfzehn, als mein damaliger Arbeitgeber mich auf eine Geschäftsreise nach Imardin mitnahm“, erklärte Balend. „Damals war ich nur ein unbedeutender Buchhalter.“ Er sah lächelnd zu seiner Frau. „Wir sind uns auf einem Ball in einem der Häuser begegnet und es war Liebe auf den ersten Blick. Sie hat alle Drohungen ihrer Familie in den Wind geschlagen und ist mit mir gekommen, als ich nach Elyne zurückging.“

Das erklärte, warum Eliana die beiden so kühl begrüßt hatte. Wahrscheinlich war zu jener Zeit bereits ein anderer Mann aus einem angesehenen kyralischen Haus für Dana vorgesehen gewesen. Natürlich missbilligte Eliana, dass ihre halbwüchsige Tochter mit einem Elyner durchgebrannt war.

Sonea betrachtete die junge Frau näher. In mancher Hinsicht schien sie Luzille zu ähneln. Sie war eigensinnig, fröhlich und warmherzig. Sie versuchte, sich die andere Frau als Ehefrau eines kyralischen Adligen vorstellen und scheiterte.

Aber wenn Eliana ihre Beziehung nicht toleriert, was wird sie dann erst über mich denken?

Und Akkarin war mit ihr allein.

„Bitte entschuldigt mich, doch ich sollte nach unten gehen und nachfragen, wann das Essen fertig ist“, sagte sie. Sie erklärte Dana und Balend, wo das Bad war, damit sie sich frisch machen konnten. Dann verließ sie das Studierzimmer und eilte nach unten.

Mitten auf der Treppe hielt Sonea inne. Sie hörte Elianas kultivierte Stimme, die jedoch von Wut verzerrt war.

„ … eine Frau aus der Unterschicht, die obendrein noch deine Novizin ist! Wie viel Schande willst du noch über unsere Familie und unser Haus bringen?“

Mit klopfendem Herzen schlich Sonea die letzten Stufen hinab und drückte sich in den Schatten unter der Treppe. Sie wusste, sie sollte dieses Gespräch nicht mit anhören. Aber irgendetwas trieb sie dazu, es dennoch zu tun.

„Lass mich überlegen, Mutter. Ich war nicht da, als Vater starb. Ich habe auf undenkbarste Weise gegen die Gesetze der Gilde verstoßen. Ich praktiziere schwarze Magie und töte damit und ich heirate eine Frau, die keinem Haus angehört.“ Akkarins Stimme war eisig und voll Sarkasmus. „Allmählich gehen mir die Möglichkeiten aus, fürchte ich. Ich denke, damit habe ich sogar meine Schwester übertroffen.“

„Du wirst diese Frau nicht heiraten. Du hättest eine Vielzahl besserer Kandidatinnen haben können, zumindest früher, bevor du dich in einen Skandal nach dem nächsten gestürzt hast. Warum sie?“

„Weil ich sie liebe, Mutter.“

Eliana stieß wütend die Luft aus. Ihre Erwiderung war für Sonea nicht zu verstehen.

„Es wäre besser, du würdest sie akzeptieren, so wie ihre Familie mich akzeptiert hat“, sagte Akkarin kühl.

„Ihre Familie hat dich nur akzeptiert, weil du Geld hast“, konterte seine Mutter.

„Ihre Familie hat mich als Mensch akzeptiert, nicht auf Grund meines gesellschaftlichen Status. Sonea ist nicht auf mich angewiesen, um versorgt zu sein. Sie ist eine Magierin. Das Gehalt, das die Gilde ihr nach ihrem Abschluss zahlen wird, ist mehr, als sie in ihrem Leben ausgeben kann, weil die Gilde ihr bereits alles bietet, was sie braucht.“

„Du kannst sie nicht heiraten“, beharrte Eliana.

„Doch das kann ich“, sagte Akkarin. „Und das werde ich am Freitag. Du hast nicht die Befugnis, es mir zu verbieten. Niemand hat das.“ Sogar in ihrem Versteck unter der Treppe erschauderte Sonea ob der Autorität in seiner Stimme.

Die Tür zu den Wirtschaftsräumen ging auf und Takan eilte durch die Empfangshalle. Als er Sonea erblickte, runzelte er die Stirn. Sonea legte einen Finger auf ihre Lippen. Takan lächelte wissend und trat dann ins Speisezimmer.

„Das Abendessen kann serviert werden, Meister“, hörte Sonea ihn sagen.

„Danke Takan“, antwortete Akkarin. „Ich werde nach Sonea sehen.“

Schritte näherten sich und Akkarin betrat die Empfangshalle. Anstatt die Stufen hinaufzusteigen, hielt er jedoch direkt auf die Nische zu, in der Sonea kauerte.

„Ich bedaure, dass du das mit anhören musstest“, sagte er und zog sie in seine Arme.

„Ich hatte mit Feindseligkeiten gerechnet“, erwiderte sie leise. „Nur nicht mit solchem Hass.“

Mit einem Mal verstand sie, warum Akkarin die Begegnung mit seiner Familie aufgeschoben hatte, bis es sich nicht mehr vermeiden ließ. Sonea fragte sich, ob er die Reaktion seiner Mutter vorausgeahnt hatte und sie davor beschützen wollte. Womöglich schämte er sich sogar für seine Familie. Dennoch wünschte sie, Eliana schon früher begegnet zu sein und nicht zwei Tage vor ihrer Hochzeit. Denn dann hätte sie genug Zeit gehabt, sich mit dieser Realität abzufinden.

„Sonea, es ist nichts Persönliches. Eliana kennt dich nicht. Sich auf Grund weniger Informationen ein Urteil zu bilden, ist mehr als anmaßend. Sie ist enttäuscht, weil ich nicht zu dem Sohn geworden bin, den sie sich gewünscht hat.“

Sonea sah zweifelnd zu ihm auf. Aber sie ahnte, dass die Argumente, die ihr auf der Zunge lagen, bei Eliana nicht viel helfen würden.

Akkarin musterte sie. „Wir werden jetzt zu Abend essen“, sagte er leise. „Ich erwarte, dass du die perfekte Gastgeberin spielst. Gib ihr keine Angriffsfläche, dann wird sie dich bald respektieren.“

Er reichte ihr seinen Arm. Mit einem resignierten Seufzen legte Sonea ihre Hand darauf und fügte sich ihrem Schicksal.


***


Die Straßen waren nur mäßig voll, als Cery nach Dienstschluss den Inneren Ring betrat. Obwohl in offizieller Natur unterwegs, ging Gol an seiner Seite. Die Wachen an den Toren zögerten kurz, doch als sie das Incal auf seinem Ärmel sahen, ließen sie Cery und seinen Begleiter wortlos passieren.

Das gehört zu den Dingen, die sich bald verbessern werden, dachte Cery. Während er den Männern an den Nordtoren bekannt war und diese ihn inzwischen respektvoll grüßten, waren seine Besuche im Inneren Ring seltener. Zudem war seine Kleidung, wenn auch sie nicht gerade billig gewesen war, zu einfach, um für einen Angehörigen der Häuser gehalten zu werden.

Über dem Hafen im Westen war ein schmaler Streifen Orangerot übriggeblieben, den Cery im Blick hatte, während er durch die Straßen zum Hauptgebäude der Stadtwache ging. Worril wusste noch nichts von seinem Glück, was Cerys Vorhaben umso reizvoller machte. Nach der letzten Durchsuchung seiner Räumlichkeiten war es an der Zeit, ein paar Dinge zu klären. Und es war Zeit, dem Captain Commander klarzumachen, dass er sich nicht herumschubsen ließ.

Cerys ursprünglicher Grund für seinen Besuch bei Worril war ganz anderer Natur gewesen. Doch auf dem langen Weg durch die Stadt war sein Zorn auf den Lord Commander erneut entbrannt und nun fühlte er sich in bester Stimmung, Worril die Meinung zu sagen.

Nach einer Viertelstunde zeichnete sich die Silhouette des Hauptquartiers der Stadtwache von dem dunkler werdenden Himmel ab. Ein paar Männer und Frauen in eleganter Kleidung saßen in der Eingangshalle auf Stühlen und Bänken darauf wartend, dass sich jemand um ihre Anliegen kümmerte. Als sie Cery und Gol erblickten, runzelten einige von ihnen die Stirn.

Ihre Blicke ignorierend, schritt Cery an ihnen vorbei zu einem Tisch, hinter dem eine Stadtwache saß. „Ich will Captain Commander Worril sprechen“, verlangte er um eine gute Aussprache bemüht.

Der Mann sah auf und musterte erst ihn, dann Gol abschätzend. „Dann setzt Euch und wartet, bis er Euch empfängt.“

„Ich hab’ mich wohl nicht ganz deutlich ausgedrückt.“ Cery lehnte sich über den Schreibtisch, wobei er das Incal auf seinem Arm so drehte, dass der andere Mann es sehen konnte. „Ich bin Captain Ceryni von der Stadtwache im Äußeren Ring und ich wünsche, den Captain Commander jetzt zu sprechen.“

Die Augen des Mannes weiteten sich. „Captain Ceryni“, stammelte er. „Ich wusste nicht, dass Ihr …“ Unter Cerys finsterem Blick zuckte er zusammen. „Kommt mit.“

Er erhob sich und bedeutete ihm und Gol eine Treppe hinauf in das Obergeschoss zu folgen. Gol warf Cery einen amüsierten Blick zu.

„Wusste gar nicht, dass die uns hier so fürchten“, murmelte er.

Naja, wir sind die Diebe, dachte Cery. Seit es uns gibt, ist es uns mehrmals erfolgreich gelungen, die Stadtwache zu infiltrieren, damit sie uns mit Informationen versorgen. Sie sind machtlos gegen uns, selbst jetzt, wo wir in gewisser Weise dazugehören.

Inzwischen brauchten sie keine Spione mehr. Worril und der König lebten in der Illusion, so etwas wie Kontrolle über die Diebe zu haben. Aber abgesehen davon, dass die Diebe nun das Verbrechen in den Hüttenvierteln ganz offiziell und mit – mehr oder weniger – legalen Mitteln bekämpften und die Kriminalitätsrate deutlich zurückgegangen war, hatte sich nicht viel geändert.

Die Wache blieb vor einer Tür am Ende des Flures stehen und klopfte.

„Herein!“, ertönte Worrils barsche Stimme durch die Tür.

„Captain Ceryni und sein Adjutant“, meldete die Wache.

Worril sah von seinem Schreibtisch, auf dem sich Papier in mehreren, ordentlichen Stapeln türmte, auf. Er schien alles andere als begeistert.

„Sie mögen eintreten.“

Cery und Gol betraten das geräumige Büro der ranghöchsten Stadtwache. Es war das erste Mal, dass Cery es von innen sah. Es war spärlich, aber dennoch luxuriös eingerichtet und so groß, dass drei Büros von der Größe seines eigenen darin Platz gefunden hätten.

Worril machte eine unwirsche Geste zu zwei Stühlen aus Nachtholz vor seinem Schreibtisch.

„Setzt Euch.“

Mit einem genussvollen Seufzen kam Gol dieser Aufforderung nach und setzte sich.

„Captain Ceryni.“ Die Stimme des Captain Commanders klang leicht gereizt, als er auf den freien Stuhl wies.

Cery verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich bevorzuge es, zu stehen.“ Er begann durch Worrils Büro zu wandern und sah sich anerkennend um. „Ein schönes Büro habt Ihr, Captain Commander.“

Worril betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Warum seid Ihr hier?“

„Um ein paar Dinge klarzustellen.“

Der Anführer der Stadtwache lehnte sich zurück und verschränkte nun seinerseits die Arme vor seiner Brust.

„Ich höre.“

„Als Erstes verlange ich, dass Ihr diese lächerlichen Durchsuchungen stoppt“, begann Cery. „Eure Männer hinterlassen jedes Mal ein Chaos in meinem Räumen. Nicht zu vergessen, dass sie nicht davor zurückschrecken, handgreiflich gegenüber Frauen zu werden.“

„Marrek hat einen Tadel erhalten.“

Cery hob eine Augenbraue, als sei er überrascht. „Hai!“, entfuhr es ihm. „Einen Tadel! Wirklich? Dann kann ich also davon ausgehen, dass sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt?“

„Spart Euch Euren Sarkasmus“, knurrte Worril. „Bei solchen Entscheidungen spielen Politik und der Einfluss der Familien der betroffenen Stadtwachen eine große Rolle.“

Cery hielt an einem der großen Fenster inne und sah hinaus auf die Straße. Unter ihm gingen Menschen unter dem Schein der Laternen über das Pflaster. „Ich frage mich, was Marreks reiche, einflussreiche Familie sagen würde, wenn sie wüsste, dass er Hurenhäuser im Äußeren Ring besucht“, sagte er.

„Captain Ceryni, wie ich meine Leute bestrafe, ist allein meine Sache“, grollte Worril.

Cery verkniff sich eine Bemerkung darüber, dass sich seine eigenen Leute sehr viel besser benahmen, als so manche Stadtwache, die innerhalb Stadtmauern patrouillierte. Doch er wollte Worril nicht noch mehr erzürnen. Der Captain Commander schien bereits wütend genug.

Und er würde noch sehr viel wütender sein, wenn Cery mit ihm fertig war.

„Seit fast einem halben Jahr spielen die Diebe jetzt Stadtwache für den König“, fuhr Cery fort. „Wir haben seitdem viele Erfolge feiern können. Die Zahl der Verbrechen im Äußeren Ring ist stark zurückgegangen. Die Bewohner kommen zu uns und bitten uns um Hilfe, wenn ihnen Leid angetan wurde. Und trotzdem zweifelt Ihr immer noch an unserer Vertrauenswürdigkeit und hindert uns daran unsere Arbeit ordentlich zu verrichten, indem Ihr uns das Leben schwermacht.“

„Die Kontrollen sind wichtig.“ Worrils Miene verfinsterte sich. „Ihr seid Diebe. Zugegebenermaßen erfüllt Ihre Eure Aufgabe mit überraschender Gewissenhaftigkeit, doch das heißt noch lange nicht, dass ich Euch traue, auch wenn der König und seine Berater das tun. Die Kontrollen bleiben wie vereinbart bis zum Ablauf Eures ersten Jahres bestehen.“

Cery schnaubte lautstark. „Erstaunlich nur, dass Ihr bis jetzt bei keinem von uns je etwas gefunden habt.“

Worrils Augen verengten sich. „Dass wir bis jetzt nichts gefunden haben, bedeutet nicht, dass dort nichts ist. Das organisierte Verbrechen wird nicht innerhalb weniger Wochen hochanständig. Seid gewiss, Captain Ceryni. Eines Tages werden wir etwas finden. Und das wird den König dazu veranlassen, die Stadtwache der Hüttenviertel mit ehrenhaften Leuten zu besetzen.“

„Niemand ist schuldig, solange seine Schuld nicht bewiesen ist“, erwiderte Cery sein Dieb-Lächeln lächelnd. Er konnte nicht für die anderen Diebe sprechen, doch was ihn und seine Familie betraf, so würden Worrils Leute nichts finden, egal welche Anstrengungen sie dafür unternahmen.

Er stieß sich vom Fenster ab und schritt zu Worrils Schreibtisch.

„Captain Commander Worril“, sagte er und beugte sich über die Tischplatte. Seine Stimme war leise, doch mit einem drohenden Unterton, der sonst nur bei schwierigen Klienten zum Einsatz kam. Das Oberhaupt der Stadtwache erwiderte seinen Blick reglos, doch Cery konnte an der Vergrößerung seiner Pupillen sehen, dass ihm nicht ganz wohl dabei war.

„Bis jetzt haben meine Leute und ich hervorragende Arbeit geleistet. Ich habe außerdem dafür gesorgt, dass die Diebe sich regelmäßig treffen, um ungelöste Fälle zu besprechen, wodurch wir einige Verbrecher sehr schnell schnappen konnten. Ich verlange vollständige Uniformen für mich und meine Leute. Und zwar noch vor dem Wochenende.“


***


In den vergangenen Monaten hatte Sonea mehrere formale Dinner als Gastgeberin erfolgreich überstanden. Dieses Dinner war jedoch zu einer Herausforderung geworden, der sie sich nicht gewachsen fühlte.

Luzille würde sicher mühelos mit ihr fertig, dachte sie.

Wenn Eliana nicht gerade damit beschäftigt war, eine subtile Spitze gegen Sonea oder Dana zu auszuteilen, störte sie die Konversation der Männer, um mit ihrem offenkundigem Lieblingssohn über seine neuste Eroberung zu plaudern.

Es war als wolle die Frau, die in wenigen Tagen Soneas Schwiegermutter sein würde, alles daran setzen, den Abend zu verderben und Soneas Autorität als Gastgeberin zu untergraben. Sonea wusste es jedoch besser, als mit scharfen Worten zurückzuschlagen. Auf diese Weise würde sie sich Elianas Respekt niemals verschaffen.

Wenn es ihr überhaupt jemals gelang.

„Wie ich vorhin sagte: Willkommen in der Familie Delvon“, murmelte Dana, als Eliana einmal nicht hinhörte.

Sonea runzelte die Stirn. „Wie meinst du das?“

„Sie macht das mit jedem.“ Dana spießte ein paar Crots mit ihrer Gabel auf. „Das heißt mit jedem, der nicht in ihr Bild von der perfekten Familie passt. Zum Glück kommen Balend und ich nicht oft nach Kyralia.“

„Was hat sie gegen deinen Mann? Als Finanzberater von König Marend muss er doch ziemlich angesehen sein.“

„Als wir geheiratet haben, war er noch der einfache Buchhalter eines Tuchhändlers. Aber am meisten hasst sie an ihm, dass er nicht der Mann ist, den sie und Vater für mich ausgesucht hatten.“

Das erklärte so einiges. So wie warum Eliana so angetan davon war, dass Viklin eine angehende Magierin der Familie Naril kennengelernt hatte. Sie wollte sich nicht ausmalen, wie dieser Abend verlaufen wäre, hätte Viklin Veila mitgebracht.

„Es ist seltsam.“ Bedächtig trank Sonea einen Schluck Wein. „Früher habe ich die Leute aus den Häusern immer beneidet. Aber je mehr ich über sie erfahre, desto glücklicher bin ich, dass ich nicht als eine von ihnen geboren wurde.“

Sie wollte die Freiheit, die sie besaß, für nichts in der Welt mehr eintauschen. Die Angehörigen der Häuser waren politischen und gesellschaftlichen Zwängen unterworfen und riskierten Skandale und gesellschaftliche Ächtung, wenn sie sich dem nicht fügten. Trotzdem schmerzte sie Elianas Herablassung mehr als sie sich hätte vorstellen können. Auf so viel Hass und Ablehnung war sie seit ihrem ersten Jahr an der Universität nicht mehr gestoßen. Dieses Mal war es sogar noch schlimmer, weil es nicht um sie allein ging.

„In Elyne ist es ganz anders. Skandale sind etwas Alltägliches und dienen eher der Unterhaltung“, erzählte Dana. „Die Menschen dort sind so viel offener und freizügiger in ihrer Lebensweise. Ich bin wirklich froh, dort zu leben.“

„Davon habe ich bereits gehört. Eine Freundin von mir ist Elynerin. Sie ist eines meiner Brautmädchen. Ich bin sicher, du wirst sie mögen.“

Das Lächeln, das Dana ihr daraufhin schenkte, war so strahlend, dass Soneas Herz einen Sprung machte. Akkarins Schwester schien die einzige normale Person in seiner Familie zu sein und sie war froh, dass Dana und ihr Mann nicht wie Eliana und Viklin waren.

„Sonea, was ist eigentlich mit deiner Familie?“, fragte Eliana, als Takan einen Nachtisch servierte, bei dem er sich wieder einmal selbst übertroffen hatte. „Wird sie auch zur Hochzeit kommen?“

Sonea ahnte, worauf das hinauslaufen würde. Sie schenkte sich Wein nach und versuchte gelassen zu wirken, während sie sich innerlich auf weitere Schikanen vorbereitete.

„Selbstverständlich“, antwortete sie. „Schließlich sind sie meine Familie.“

Ein Muskel zwischen Nase und Oberlippe zuckte in Elianas Gesicht. „Dann sollte ich am Freitag besser auf meinen Schmuck achtgeben“, bemerkte sie säuerlich.

„Jonna und Ranel sind keine Diebe“, stellte Sonea richtig. „Sie gehen einer anständigen Arbeit nach.“

Eliana betrachtete sie missbilligend. „Du nennst deine Eltern beim Vornamen?“

„Sie sind meine Tante und mein Onkel.“

„Und deine Eltern? Kommen die auch?“

„Nein.“

Akkarins Mutter hüstelte etwas, das verräterisch nach „ehrlosem Pack“ klang.

„Sonea hat keine Eltern mehr, Mutter“, sagte Dana vorsichtig. „Ihre Mutter ist tot und ihr Vater verschwand kurz darauf.“

Eliana begann ihre flambierte Pachi zu sezieren. „Nun, in manchen Fällen ist das sicher das Beste“, sagte sie, während sie sich ein Stück Pachi in den Mund schob.

Spürend, wie die Wut in ihr hochkochte, ballte Sonea die Fäuste unter dem Tisch. Lass dir nicht anmerken, wie sehr sie dich damit trifft, ermahnte sie sich. Denn genau darauf ist sie aus. Sie schloss die Augen und zwang sich ruhig zu atmen.

Doch Eliana war noch lange nicht fertig. „Aber einer euer Trauzeugen ist ein Dieb, richtig?“

„Wir haben zwei Trauzeugen“, antwortete Sonea. „Einer von ihnen ist der Hohe Lord, der andere ist Captain der Stadtwache im Äußeren Ring.“

„ … und damit ein Dieb.“

Sonea legte ihre Gabel beiseite und zwang sich zu einem Lächeln.

„Eliana, Ceryni ist mein bester Freund und ich kann Euch versichern, dass er ein Mann von Ehre ist. Es ist richtig, er hat gestohlen, als er noch arm war und hungern musste. Doch das ist das Schicksal eines jeden, der in den Hüttenvierteln geboren wurde. Wenn Ihr darüber nachdenkt, werdet Ihr sicher einsehen, dass diese Umstände einem finanziellen Gefälle zwischen den Häusern und der Unterschicht zu verdanken sind, bei dem Erstere mehr Geld besitzen, als sie je in einem Leben ausgeben könnten, und Letztere in erbärmlichen Umständen leben, weil sie nie genug Geld besitzen werden, um ihr Leben lebenswert zu machen und jeden Tag aufs Neue ums Überleben kämpfen müssen.“

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Akkarins Augen zu ihr blitzten und seine Schwester um eine ernste Fassung bemüht war, doch Soneas Blick war auf Eliana gerichtet, deren blasses Gesicht eine bedenklich dunkle Färbung angenommen hatte.

„Das mag in Teilen richtig sein, doch ich bezweifle, dass die Häuser schuld an der Situation der Hüttenviertel sind“, sagte Eliana schließlich. „Immerhin ist jeder für sein Schicksal selbst verantwortlich.“

Diskussionen über den Unterschied zwischen Arm und Reich hatte Sonea zur Genüge mit Rothen geführt. Das war ein Thema, bei dem sie Eliana ihre Überlegenheit demonstrieren konnte. Und sie war erleichtert, dass sie das Gespräch auf ein höheres Niveau gebracht hatte.

„Das ist richtig. Aber man kann nur so viel an der eigenen Situation ändern, wie die äußeren Umstände zulassen.“

Sie glaubte, das Schlimmste damit abgewendet zu haben. Doch zu ihrem Entsetzen musste sie feststellen, dass der Krieg gerade erst angefangen hatte. Eliana hatte nur eine Pause eingelegt, um sich zu sammeln und dann mit konzentrierter Kraft zurückzuschlagen.

„… und es einem gelingt, die eigene Umgebung zu manipulieren“, fügte Eliana hinzu.

Sonea wollte nicken und erstarrte mitten in der Bewegung. Sie ahnte, diese Bemerkung ging auf ihre Kosten. Wenn sie nicht aufpasste, würde sie anfangen, sich respektlos zu verhalten. Doch das durfte sie nicht, denn Eliana war Akkarins Mutter. Andererseits war diese ihrem Sohn bisher auch nicht mit viel Respekt begegnet. Sonea entschied, es war besser, sich dumm zu stellen, als ihrem Ärger nachzugeben.

„Das ist sicher auch hilfreich.“

„Ganz besonders, wenn man versucht, zu gesellschaftlichem Ansehen zu gelangen, das man nicht verdient hat …“

„… oder um genau dagegen zu intervenieren …“

„… oder moralisch verwerfliche Mittel einzusetzen, um zu das bekommen, was einem nicht zusteht …“

„… oder um zu vertuschen, dass man selbst nicht besser ist, als jene, die man so sehr verachtet …“

Die beiden Frauen starrten sich an. Der Hass in Elianas Augen war unverhohlen. Sonea zwang sich, ihrem Blick standzuhalten. Sie musste klarstellen, dass Eliana sie mit ihren Spitzen nicht treffen konnte.

„Es ist spät geworden“, sagte Akkarin in die plötzliche Stille. Sonea und alle anderen am Tisch, bis auf Eliana, zuckten zusammen. „Es war ein interessantes Dinner, doch ich fürchte, wir müssen das ein anderes Mal fortsetzen.“

Das meint er doch nicht ernst!, dachte Sonea. Ein formales Dinner mit Eliana reichte für ein ganzes Leben.

„Ich komme morgen gerne wieder vorbei“, erklärte Viklin. „Dein Koch ist wirklich hervorragend, kleiner Bruder.“

„Dana und ich sollten nun gehen und die Kinder ins Stadthaus bringen“, sagte Balend. „Der Tag war sehr anstrengend.“

„Eine Fortsetzung ist nicht erforderlich.“ Eliana leerte ihr Weinglas und erhob sich. „So wie ich das sehe, habe ich diesem Abend nichts mehr hinzuzufügen.“

Sie schritt zur Empfangshalle.

„Ich gehe die Kinder holen“, sagte Balend und hastete hinaus.

Sonea sah ihm beklommen nach.

„Du hast dich wirklich gut geschlagen“, raunte Dana ihr zu und drückte ihren Arm. „Glaub mir, keiner kann gegen sie bestehen. Vater war der Einzige, der mit ihr fertig geworden ist.“

Sehr beruhigend, dachte Sonea und fragte sich ob Akkarins Vater Elianas Schikanen Einhalt geboten hätte. Sie hatte nicht das Gefühl, diesen Abend besonders glorreich bestritten zu haben. Vielmehr war sie als Gastgeberin komplett gescheitert. Indem sie versucht hatte, sich gegen ihre zukünftige Schwiegermutter zu behaupten, hatte sie genau das Gegenteil bewirkt.

Dana hakte sich bei ihr unter und sie folgten Akkarin und seinem Bruder in die Empfangshalle. Sonea verabschiedete sich von Viklin, Dana und ihrem Mann, der mit ihren beiden Kindern auf dem Arm die Treppe hinabgestiegen war.

Zuletzt fand sie sich Eliana gegenüber.

Lass uns den Abend wenigstens zu einem würdigen Abschluss bringen, dachte Sonea. Sie machte einen Schritt auf Eliana zu und lächelte.

„Es war mir eine Ehre, Euch kennenzulernen, Eliana von Delvon“, sagte sie. „Ich wünsche Euch eine angenehme Nacht.“

Eliana betrachtete sie kühl. „Ich kann nicht behaupten, dass das auf Gegenseitigkeit beruht.“

„Eliana, ich weiß, unsere erste Begegnung ist nicht besonders gut verlaufen, doch ich bin sicher, wir werden einander mit der Zeit akzeptieren“, sagte Sonea in einem letzten verzweifelten Versuch, die Wogen zu glätten.

„Das wird nicht passieren“, erwiderte Eliana.

„Sonea“, sagte Akkarin. „Geh schon einmal nach oben.“

Fassungslos starrte sie ihn an. Hatte sie sich so sehr daneben benommen?

„Sonea.“ Akkarins Stimme war leise, aber bestimmt. „Geh nach oben. Ich werde das regeln.“

„Aber …“, begann sie.

„Geh“, erwiderte er mit einem Anflug von Verärgerung.

- Ja, Lord Akkarin.

Widerwillig gehorchend stieg sie die Treppe hinauf.

„Ich denke, es reicht Mutter“, hörte sie Akkarin sagen. Der unterdrückte Zorn in seiner Stimme war nicht zu überhören. „Für heute Abend hast du genug Schaden angerichtet. Ich hoffe, du bist glücklich.“

Sonea beschleunigte ihre Schritte.

„Wenn du sie heiratest, werde ich dich aus unserer Familie verstoßen“, zischte Eliana.

„Es ist mir lieber, keine Familie zu haben, als mit Menschen fragwürdigen Charakters verwandt zu sein“, gab Akkarin kalt zurück.

Elianas Antwort wurde durch die Akustik im Obergeschoss verzerrt. Sonea kämpfte gegen den Drang, den Streit zu belauschen, doch sie ahnte, Akkarin würde nicht sehr erfreut sein, wenn er das herausfand. Was auch immer er Eliana zu sagen hatte, war nicht für ihre Ohren bestimmt.

Als sie den Flur zu ihrem Schlafzimmer erreichte, hörte sie, wie die Stimmen von unten lauter wurden.

Mit einem Seufzen öffnete sie die Schlafzimmertür und schloss sie hinter sich. Die Stimmen verstummten und Sonea verspürte sie eine vage Dankbarkeit, dass die magische Verstärkung der Wände und der Tür nicht nur keine Geräusche nach außen durchließ, sondern auch keine von außen hinein.

Ihrem Zeitempfinden nach zu urteilen vergingen Stunden, in denen sie wach lag und auf das leiseste Geräusch von der Tür lauschte. Dann, als die Müdigkeit sie endlich in eine wunderbare Benommenheit hüllte, spürte sie, wie Akkarin sie fest in seine Arme zog.
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