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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 9.449
 
Kapitel 48 – Vorbereitungen für den Ernstfall



Soneas Schild brach zusammen, als ein starker Kraftschlag darauf prallte. Ein Teil der Magie traf ihren inneren Schild und schleuderte sie rückwärts durch die Luft. Der Aufprall gegen die Wand ließ ihre Knochen gefährlich krachen und trieb ihr die Luft aus den Lungen. Bevor sie in sich zusammensinken konnte, wurde sie von einem unsichtbaren Kraftfeld gestützt und aufrechterhalten. Die Welt um sie herum schien sich aufzulösen.

Du musst bei Bewusstsein bleiben!, befahl sie sich. Du darfst jetzt nicht aufgeben!

Sie griff nach ihrer Magie, um sich zu heilen. Entsetzt stellte sie fest, dass nur noch eine besorgniserregende Menge davon übrig war. Der Kampf hatte sie wieder einmal zu viel gekostet.

Während ihr Fokus noch auf die Quelle ihrer Kraft gerichtet war, flammte ein stechender Schmerz in Soneas Arm auf. Nur einen Augenblick später setzte eine Trägheit ein und vermischte ich mit der Benommenheit in ihrem Kopf. Der leuchtende Ball ihrer magischen Quelle begann zu schrumpfen.

Obwohl dieser Prozess hinreichend langsam geschah, verspürte Sonea Panik, als sie das dünne Rinnsal von Magie sah, das ihren Körper durch den Schnitt in ihrem Handgelenk verließ. Diese Panik war nicht immer dort gewesen. Wozu auch, wenn sie darauf vertrauen konnte, nicht zu sterben? Das hatte sich indes geändert, als dem Warten auf den Krieg ein absehbares Ende gesetzt worden war. Immer wieder musste sie daran denken, wie es wäre, würde ein Sachakaner das mit ihr machen.

Er hätte sie zu diesem Zeitpunkt bereits jeglicher Magie entleert.

All ihren Willen heraufbeschwörend visualisierte Sonea die Schatulle, mit der sie ihre Magie zu kontrollieren gelernt hatte. Die Schatulle schwebte in dem leeren Raum, der in ihrer Vorstellung ihrer Quelle beherbergte, unter dem leuchtenden Ball aus Magie. Nach Wochen des Übens fiel ihr dieser Teil leicht. Die wahre Schwierigkeit bestand jedoch darin, die Schatulle zu schließen. Wenn Akkarin ihre Kraft nahm, fühlte es sich noch immer an, als hätte sie jegliche Kontrolle über ihre Magie verloren. Sie musste diese Kontrolle zurückerlangen, um das Abfließen ihrer Magie zu stoppen.

Mit all ihrem Willen zwang Sonea ihre Magie in die Schatulle. Dann griff sie nach dem Deckel zwang sie den Deckel. Doch er entglitt ihrem mentalen Griff. Verbissen versuchte sie es erneut. Als sie den Deckel hinabgezwungen hatte, befand sich die Schatulle jedoch plötzlich neben der stetig schrumpfenden Kugel und sie musste sie erneut visualisieren.

Sonea spürte, wie sie gefährlich nahe an die erste Schwelle geriet. Wenn sie das Bewusstsein verlor, hatte sie auch die Runde verloren. Mit einer letzten Anstrengung ihres Willens drückte sie den Deckel erneut hinab, während sie zugleich die Kugel in die Schatulle schob, in der Hoffnung, sie würde nicht erneut hinausspringen.

Fassungslos beobachtete sie, wie sich der Deckel schloss. Sie hatte das Rinnsal gestoppt.

Erleichterung und Erschöpfung übermannten sie und die Lichtkugel, die das Innere des Domes erhellte, erlosch. Seltsamerweise verstummten auch die Geräusche.

Dann spürte Sonea, wie Magie in sie hinein floss, ihre Prellungen und Schrammen heilte und sie sich wohlig und müde fühlen ließ. Das Bedürfnis zu schlafen wurde übermächtig.

„Sonea, du musst die Magie in dir speichern.“

Sie versuchte zu antworten, doch sie konnte ihre eigene Stimme nicht hören.

Erneut strömte Magie in ihren Körper. Sonea wusste, was zu tun war, doch sie fühlte sich zu schwach. Aber sie musste es versuchen. Was, wenn sie einschlief und nicht mehr aufwachte?

Mit unendlicher Anstrengung griff sie nach der fremden Magie und zog sie in ihre Quelle. Allmählich wurde die leuchtende Kugel in ihren Inneren wieder größer und heller und Soneas Sinne kehrten zurück. Das Rauschen in ihren Ohren verebbte und ließ eine unangenehm kalte Leere zurück. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Haut mit Schweiß bedeckt war, obwohl sie fröstelte. Sie tat einen tiefen Atemzug und öffnete die Augen.

„Geht es?“

Sie sah auf und begegnete Akkarins dunklen Augen.

„Ja.“

Nur, dass ich dachte, ich würde sterben.

„Du wärst nicht gestorben. Aber du warst kurz davor, mehrere Tage lang zu schlafen.“ Akkarin betrachtete sie ernst. „Sonea, ich würde dich nie auch nur in die Nähe dessen bringen.“

„Ich weiß.“ Sonea schnaubte leise. Akkarin war ein harter Lehrer, aber er würde sie im Unterricht niemals einem solchen Risiko aussetzen. Er glaubte doch nicht wirklich, dass sie ihm so wenig vertraute! „Es war nur nicht gerade angenehm.“

„Sonst würde es auch nicht seinen Zweck erfüllen.“

Das Kraftfeld, das sie gehalten hatte, löste sich auf. Vorsichtig machte Sonea einen Schritt nach vorne. Ihre Beine fühlten sich schwach und unsicher an, doch es gelang ihr, sich aufrecht zu halten und ein Mindestmaß an Würde zu bewahren.

Akkarin nahm ihr Handgelenk und heilte den Schnitt. Sonea kam sich reichlich tapfer vor, weil sie nicht das Gesicht verzog, als die sich neu bildende Haut zu jucken begann.

„Herzlichen Glückwunsch“, sagte Akkarin. „Du hast gerade einen bedeutenden Fortschritt gemacht.“

Unter seiner üblichen Strenge glaubte Sonea, Erleichterung zu spüren.

„Vielen Dank, Lord Akkarin“, erwiderte sie und sah lächelnd zu ihm auf.

Er erwiderte ihr Lächeln, dann wurde er wieder ernst. „Wir werden das morgen wiederholen. Dann werde ich dir jedoch weniger Zeit lassen.“

Sie nickte, obwohl es ihr lieber gewesen wäre, es in dem heutigen Tempo zu üben, bis sie besser wurde. Aber dazu blieb ihnen keine Zeit. Wenigstens konnte sie darauf vertrauen, dass er nicht mehr von ihr forderte, als ihre Fähigkeiten zuließen.

„Ich möchte es noch einmal probieren“, sagte sie.

„Nein. Genug für heute. Deine Doppelstunde ist um.“

Sonea unterdrückte ein Seufzen. Alles in ihr schrie danach, es erneut zu versuchen. Aber Akkarin hatte recht. Egal, wie viel Magie sie zur Verfügung hatte – es machte keinen Sinn, solange sie sich nicht von der mentalen Anstrengung erholt hatte. Doch zugleich hatte sie das Gefühl, die verbleibende Zeit würde ihr durch die Finger rinnen.

Sie verließen den Dome und schlugen den Weg zu den Residenzen ein. Im warmen Sonnenschein ließ das Frösteln allmählich nach. Die Luft war erfüllt mit Vogelgezwitscher, als hätte der Frühling bereits seinen Höhepunkt erreicht. Ein paar kleine Wolken, deren Konturen durch die dunstige Luft in der Tarali-Mündung verwischt waren, trieben träge über einen blassblauen Himmel.

Das Fortschreiten des Frühlings erfüllte Sonea mit einer Mischung aus freudiger Erwartung und lähmender Furcht. Ersteres, weil sie ihre Hochzeit während der Zeit der Pachiblüte feiern wollte, Letzteres, weil der Tag, an dem die Gilde sich den Sachakanern stellte, unaufhaltsam näher rückte.

Als Akkarin ihre Hand nahm, verflüchtigten sich ihre Sorgen jedoch und ihr Geist wandte sich näherliegenden Fragen zu, wie der Organisation ihrer zu erledigenden Hausaufgaben und das Lernen für die Prüfungen. Angesichts des bevorstehenden Krieges lag ihr viel daran, die Zeit bis zum Abendessen optimal zu nutzen und später am Abend Zeit für Akkarin zu haben.

„Heute kam eine Nachricht von Luzille“, riss Akkarin sie aus ihren Gedanken. „Sie möchte bis zum Wochenende unsere endgültige Gästeliste.“

Verwirrt wandte Sonea den Kopf. „Hatten wir uns nicht schon darauf geeinigt, wen wir einladen?“

„Das hatten wir. Jedoch nur, was die Magier und deine Freunde und Familie aus der Stadt betrifft.“

Sie runzelte die Stirn. „Wer sollte denn sonst kommen?“

Akkarin blieb stehen und wandte sich ihr zu. Seine dunklen Augen musterten sie durchdringend.

„Sonea, es ist an der Zeit, dich mit meiner Familie zu bekanntzumachen.“


***


Cery beendete seinen Bericht zu der Einbruchserie, die seine Leute gerade aufgeklärt hatten, und legte ihn in eine Mappe. Er erhob sich und schritt zu einem Aktenschrank, wo er eine Schublade mit der Aufschrift „Einbrüche ohne Personenschaden“ öffnete und die Mappe hineinlegte.

Was als Nächstes?, dachte er, während die Boxen auf seinem Schreibtisch betrachtend, in denen Protokolle mit Zeugenaussagen, Steckbriefe und unfertige Berichte nach einem komplizierten System, das er sich ausgedacht hatte, um den Überblick zu behalten, sortiert lagen. Er hatte die Auswahl zwischen einer Schlägerei in einem Bolhaus, die mit zwei Toten geendet hatte, dem Mord an einer jungen Frau und einer weiteren Diebstahlserie.

Gerade als er zu dem Schluss kam, dass die Diebstähle den Vorrang hatten, weil Lebendige dabei in Mitleidenschaft gezogen wurden, klopfte es an der Tür.

„Es ist offen!“, rief er.

Eine hochgewachsene, in einen dunklen Umhang gehüllte Gestalt betrat sein Büro. Für einen Moment dachte Cery, es wäre Akkarin. Dieser wäre indes noch größer gewesen.

„Cery!“ Der Mann schlug die Kapuze zurück und enthüllte die dunkle Haut eines Lonmar mit schwarzem Haar, das an den Schläfen erste Spuren von Grau zeigte.

„Faren! Warum verkleidest du dich am helllichten Tag in meinem Wachhaus?“

„Damit man mich nicht erkennt.“ Atemlos sank der andere Dieb in den Stuhl auf der anderen Seite von Cerys Schreibtisch.

„Was ist passiert?“

„Die Stadtwache. Sie durchsuchen unsere Verstecke. Sie waren gerade bei mir und haben alles auf den Kopf gestellt. Einer meiner Leute hat sie reden hören, dass sie als Nächstes zu Gorin wollten. Und danach zu dir.“

Cerys Herz setzte einen Schlag aus. „Ist das wahr?“

„Seh’ ich aus, als würd’ ich Witze machen?“ Faren richtete sich auf und blickte direkt in Cerys Augen. „Du hast doch hoffentlich nix in deinem Versteck gelagert, was dir Reibereien bereiten kann?“

Abgesehen von dem geschmuggelten Raka, den ich heute erhalten hab’ und dem Myk, das ich vor drei Wochen auf dem Schwarzmarkt besorgt hab’, falls ich mal wen foltern muss, nein, dachte Cery trocken.

„Wie viel Zeit hab’ ich?“, fragte er.

„Eine Stunde, vielleicht zwei. Aber nicht länger.“

Cery fluchte. Gol war irgendwo unterwegs um Zeugen zu vernehmen und Kerran schlief sich von seiner Nachtschicht aus. Einer von ihnen würde hier sein müssen, um ihn abzulösen. Correl und Jorrik hätten die Aufgabe übernehmen können, doch Cery vertraute ihnen nicht. Sie würden sein Verschwinden mit der Durchsuchung in Verbindung bringen und Worril melden. Dann kam ihm jedoch eine Idee.

„Faren, kannst du mir ’nen Gefallen tun?“

Der andere Dieb nickte. „Du hast mir mit meinem Myk geholfen, ich denke, ich bin dir ’ne Gefälligkeit schuldig.“

„Geh zu Kerran und sag ihm, er soll mich vertreten.“ Cery erklärte ihm, wo sein Gehilfe wohnte und beschrieb ihm den Weg zu einigen anderen Helfern, die allesamt in der Nähe wohnten und gerade nicht auf Streife waren. Er nannte ihm das Losungswort für Notfälle. „Schick sie in mein Versteck. Und zwar so schnell wie möglich.“

„Eine Hand wäscht die andere.“ Faren erhob sich und zog die Kapuze wieder über seinen Kopf. „Viel Glück, Ceryni.“

Der andere Dieb eilte aus dem Raum. Cery nahm seinem Mantel und eine Laterne und folgte ihm auf den Flur. Anstatt jedoch das Wachhaus durch die Vordertür zu verlassen, stieg er eine Treppe hinab in den Keller. Er trat in einen der Lagerräume und öffnete einen Aktenschrank. An der Rückwand befand sich ein versteckter Mechanismus. Als er ihn betätigte, schwang ein Teil der Holzwand zur Seite und gab den Blick auf einen Tunnel frei.

Cerys eigener Zugang zur Straße der Diebe.

Seinen Griff um die Laterne verstärkend, eilte er durch die Tunnel. Wenige Minuten hatte er sein Versteck erreicht. In seinem Aufenthaltsraum lümmelte sich Morren auf einer Bank, einen Becher Bol in der Hand.

„Hallo, Chef!“, brummte er träge.

„Morren!“, rief Cery. „Steh auf und hilf mir! Die Stadtwache’s gleich da.“

Morrens Augen weiteten sich. Mit einem Mal war er hellwach. „Hai! ’S das wahr?“

Cery verdrehte die Augen. „Ja.“

Der andere Mann stieß einen rüden Fluch aus. „Und wir ha’m hier alles voll Schmuggelware!“

„Richtig, Morren!“ Cery scheuchte den anderen Mann ins Lager. „Nimm so viele Kisten, wie du tragen kannst, und bring sie zum Hafen. Aber nicht zu meinem Boot, sondern zu dem von Faren.“

„Zu Farens Boot?“

„Tu einfach, was ich dir sage“, sagte Cery scharf.

Das Boot, das Faren vor wenigen Wochen gekauft hatte, war der Stadtwache ebenso wenig bekannt, wie die Pantoffelmädchen. Der andere Dieb hatte Cery angeboten, seine Schmuggelware dort vor Worrils Leuten zu verstecken. Sollten diese inzwischen doch über Farens Boot Bescheid wissen, so würden sie dort bereits gesucht haben.

Zwei Kisten übereinander tragend, verschwand Morren durch eine andere Geheimtür.

Ungeduldig schritt Cery im Lager auf und ab. Ein Teil von ihm wollte Morren helfen, doch er musste auf den Rest seiner Leute warten, um ihnen Anweisungen zu erteilen.

Eine Viertelstunde später waren seine Helfer von der Nachtschicht eingetroffen. Müde und grantig brachten sie alle verdächtigen Dinge aus Cerys Lagerraum zu Farens Boot. Der Letzte von ihnen war kaum in die Tunnel entschwunden, als Worril mit einer Abteilung der Stadtwache bei ihm einfiel.

„Captain Ceryni“, sagte er. „Warum seid Ihr nicht auf Eurer Wache?“

Bevor Cery antworten konnte, ging die Tür zu einem seiner Gästezimmer auf.

„Cery, was …“, begann Nenia verstört. Als sie die Männer in den Uniformen der Stadtwache erblickte, weiteten sich ihre Augen.

„Nenia, geh zurück in dein Zimmer und leg dich wieder hin“, sagte Cery ruhig.

Sie gehorchte, einen letzten ängstlichen Blick auf die fremden Männer werfend.

„Ich bin wegen ihr hier“, erklärte Cery Captain Commander Worril. „Sie’s schwanger und sie macht grad’ ’ne schwierige Zeit durch.“

Der Captain Commander beäugte ihn misstrauisch. „Durchsucht alle Räume“, wies er seine Männer an. „Auch den Raum, in dem die Frau wohnt.“

Die Männer schwärmten aus. Es war nicht die erste Kontrolle, die Cery erlebte, seit er in den Hüttenvierteln das Gesetz vertrat. Aber die erste, bei der die Vorwarnzeit so knapp gewesen war. Mit einem selbstgefälligen Gesichtsausdruck ließ er sich an dem Tisch im Aufenthaltsraum nieder, legte die Füße darauf und sah den Wachen beim Durchsuchen seiner Räumlichkeiten zu. Der Captain Commander tigerte derweil vor ihm auf und ab und bedachte ihn dabei allenthalben mit finsteren Blicken.

Cery grinste in sich hinein. Egal, wie sehr die Stadtwache sich anstrengte, sie würden nie alle seiner Geheimtüren und verborgenen Kammern entdecken. Einige waren so gut versteckt, dass selbst seine eigenen Leute sie nicht fanden, und nur für kleine Gegenstände wie Schmuck und Juwelen gedacht. Andere hingegen konnten mit ein wenig Arbeitsaufwand leicht gefunden und geöffnet werden. Wenn Worrils Leute diese fanden, würde das sie zufriedenzustellen.

Die Stadtwache würde in seinem Versteck jedoch nichts finden. Inzwischen verwahrte Cery den Großteil seiner Schmuggelware auf dem Gehöft vor der Stadt und auf den Inseln vor der Mündung des Tarali auf. Es war einem unglücklichen Zufall zu verdanken, dass das Schiff mit dem Raka ausgerechnet an diesem Tag eingelaufen war. Ebenso wie das Myk …

Als aus dem Nebenzimmer ein Schrei erklang, sprang Cery auf. Gefolgt von Worril eilte er in Nenias Zimmer.

Eine Decke an den Leib gepresst, kauerte die junge Frau in einer Ecke und starrte den Mann, den der Captain Commander zur Durchsuchung ihres Zimmers geschickt hatte, an. Das Bett war zerwühlt und die Kleider in ihrem Kleiderschrank waren von ihren Aufhängungen gerissen.

„Was ist hier los?“, herrschte Cery den Mann an.

„Sie hat sich geweigert das Bett zu verlassen, als ich unter der Matratze nachsehen wollte“, antwortete der Mann.

„Und ich hab’ vorhin gesagt, dass sie schwanger ist und es ihr dreckig geht.“ Cery funkelte die Stadtwache an. „Wo bleibt dein Respekt vor Frauen?“

„Sie’s ’ne Hure“, erwiderte der Mann.

„Ja“, sagte Cery. „Meine Hure. Also halt dich von ihr fern.“ Er streckte eine Hand aus. „Nenia, komm her.“

Sie gehorchte augenblicklich.

„Marrek, Ihr habt gehört, was Captain Ceryni gesagt hat“, fuhr Worril seinen Untergebenen an. „Also lasst sie in Ruhe.“

Marrek verzog das Gesicht und riss die Matratzen vom Bett.

„Wenn nachher irgendwas fehlt oder kaputt ist, müssen Eure Männer dafür bezahlen“, wandte Cery sich an Worril. „Also sagt ihnen, dass sie sich zurückhalten sollen.“

Worril nickte finster und fuhr fort, Marrek zu beobachten. Froh, dass Cery den Captain Commander nicht an seine Freunde in der Gilde erinnern musste, beobachtete er die Stadtwache seinerseits mit vor der Brust verschränkten Armen.

„Nix, Captain Commander“, verkündete Marrek schließlich enttäuscht.

Cery lachte. „Hast du wirklich geglaubt, ich würde was unter dem Bett einer Hure verstecken?“

Er legte einen Arm um Nenias Schultern und führte sie zurück in den Aufenthaltsraum, wo er sie mit sich auf eine Bank zog.

Eine halbe Stunde später hatten Worrils Leute ihre Durchsuchung beendet. Die meisten schienen enttäuscht, nichts gefunden zu haben. Wir sind Diebe, was habt ihr erwartet?, dachte Cery verächtlich. Zwei von ihnen hatten Bücher aus Cerys Büro, in denen er seine Einnahmen und Ausgaben aufschrieb, gebracht.

Worril nahm die Bücher und blätterte darin. „Sechzig Goldstücke für eine Kiste Anurischen Dunkelwein?“ Mit finsterer Miene blickte er zu Cery. „Das erscheint mir ziemlich wenig für ein solches Luxusgut.“

„Der Weinhändler ist ein guter Freund von mir“, log Cery. In Wirklichkeit war der Wein Schmuggelware und er führte ihn in seinen Büchern auf, weil er zu den Dingen des täglichen Gebrauchs gehörte. Sollte Worril ihm erst einmal nachweisen, dass er den Wein nicht auf ehrliche Weise gekauft hatte! „Er hat mir die Kiste zum halben Preis verkauft. Wenn Ihr die Bücher überprüft, werdet Ihr sehen, dass alles seine Richtigkeit hat.“

Der Captain Commander runzelte die Stirn und widmete sich wieder den Büchern.

„Also gut“, sagte er schließlich zu seinen Männern. „Entweder hat Captain Ceryni nichts zu verbergen, oder er verbirgt es so gut, dass wir es nicht finden. Gehen wir.“

Die Männer verschwanden.

Als sie fort waren, stieß Nenia erleichtert die Luft aus. „Danke, dass du mich vor Marrek gerettet hast.“

„Keine Ursache“, sagte Cery. Er hatte sie bei sich aufgenommen hatte, also stand sie unter seinem Schutz. Mit einem Mal erkannte er jedoch, dass da mehr war. Nenia war ihm nicht gleichgültig. „Du kanntest ihn von früher, nicht wahr?“

„Er war einer meiner Freier.“

„Er hätte vorhin doch nicht etwa …?“

„Ich weiß nicht.“ Sie hob die Schultern. „Es war gut, dass du früher von der Arbeit gekommen warst.“

Cery lächelte und strich eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. „Ja, was für’n glücklicher Zufall.“

Er betrachtete sie nachdenklich. Es war die erste Durchsuchung, seit sie bei ihm lebte, und es schien sie ziemlich mitgenommen zu haben. Angesichts dessen, dass sie sich mehrmals am Tag übergeben musste, hatte ihr der Tag einiges abverlangt.

„Wenn du willst, kannst du heute Nacht bei mir schlafen“, bot er an.

Sie betrachtete ihn aus großen Augen. Mit einem Mal wirkte sie sehr verletzlich. „Oh Cery, das wär’ schön.“


***


„Ich kann es einfach nicht fassen!“ Sonea verschränkte die Arme vor der Brust und verlagerte ihr Gewicht. „Seine Familie kommt hier her!“

„Das wird ja auch Zeit, dass du sie endlich kennenlernst.“ Trassia sah von der Auswahl von Seidenbändern, die als Applikationen für Kleider verwendet wurden, auf. „Es sind nur noch zwei Wochen.“

„Er hätte das schon längst machen sollen“, fügte Luzille hinzu. An ihrem Weinglas nippend schritt sie durch Rothens Gästezimmer. „Immerhin seid ihr nicht seit gestern zusammen.“

„Ich wusste bis vorgestern gar nicht, dass er eine Familie hat.“ Sonea fuhr herum, um Luzille anzusehen.

„Jeder aus den Häusern hat eine Familie.“

„Aber er hat nie von ihnen gesprochen“, verteidigte Sonea sich hilflos.

„Wahrscheinlich, weil er weiß, wie sie auf dich reagieren werden.“

„Luzille!“, riefen Sonea und Trassia gleichzeitig.

„Mylady, bitte haltet still.“ Nervös blickte Verrane, der vor Sonea hockte und den Saum ihres Kleides mit Nadeln feststeckte, auf. „Ich kann so nicht arbeiten.“

„Du hast Verrane gehört, Liebes“, flötete Luzille. „Lass ihn seine Arbeit machen. Du musst versuchen, dich zu beruhigen. Ich würde ja sagen, trink etwas Wein, aber wenn du den über dein Kleid schüttest ...“

Einen flüchtigen Augenblick lang dachte Sonea wehmütig daran, wie entspannend es sein würde, die Anprobe mit Verrane allein zu machen. Aber dann würde sie diese heiteren Freitagnachmittage vermissen, bei denen der elynische Wein in Strömen floss und sie sich für ein paar Stunden wie eine glückliche Braut fühlte, die nicht in weniger als zwei Monaten ihr Leben in einer Schlacht lassen würde. Sie würde nie wie Trassia oder Luzille sein und das wollte sie auch gar nicht. Aber es gefiel ihr, hin und wieder so zu tun.

Ein Seufzen unterdrückend zwang Sonea sich, stillzustehen. Seit Akkarin ihr eröffnet hatte, dass er sie seiner Familie vorstellen wollte, war sie aufgewühlter, als sie sich je hätte träumen lassen. Akkarin hatte ihr nicht viel über seine Verwandten erzählt. Zuletzt hatte er sie bei seinem Abschluss oder kurz danach gesehen. Sie wusste nur, dass er einen älteren Bruder hatte, der das Familienerbe antreten würde, und eine jüngere Schwester, die mit fünfzehn mit einem Buchhalter aus Elyne durchgebrannt war. Sein Vater war gestorben, während Akkarin in Sachaka gewesen war, und hatte Akkarins Mutter zurückgelassen. Sonea fragte sich, wie sie wohl sein würden.

Aber wenn es seine Familie ist, dann werden sie doch wohl kaum auf mich herabsehen, oder?

„Vielleicht hat er auch einfach kein besonders gutes Verhältnis zu seiner Familie“, warf Ezrille ein. Sie und ihr Mann waren bei Rothen zu Besuch gewesen, als Sonea und ihre Freundinnen dort eingefallen waren. Als sich die Absicht der jungen Frauen offenbart hatte, hatte Yaldin sich fluchtartig verabschiedet, während seine Frau vor Entzücken und Begeisterung geblieben war.

Armer Rothen, dachte Sonea. So hat er sich den Nachmittag ganz sicher nicht vorgestellt.

Ihr ehemaliger Mentor saß in einem Sessel, einen Stapel Tests auf seinem Schoß, den er mit einem goldenen Füllfederhalter korrigierte. Im Gegensatz zu den Frauen, die allesamt dem Wein zusprachen, trank er Sumi. Hin und wieder sah er von seiner Arbeit auf und beobachtete das Treiben in seinem Wohnzimmer mit gerunzelter Stirn. Sonea bewunderte ihn für seine Ruhe. Es musste anstrengend sein, von so vielen Frauen umgeben zu sein, die mit einem kleinen, nervösen Schneider über ein albernes Kleid diskutierten.

Irgendwann muss ich ihm danken, weil er mein Brautkleid bezahlt, dachte sie. Obwohl er ihr Brautvater war, empfand sie das nicht als Selbstverständlichkeit. Sie fragte sich, ob er sich auch dazu bereit erklärt hätte, hätte er gewusst wie anstrengend Luzille und Trassia waren, wenn man sie zusammen in einen Raum steckte. Doch weil er der Geldgeber war, hatte er darauf bestanden, dass die Anproben bei ihm stattfanden.

„Schließlich möchte ich wissen, wofür ich meine Ersparnisse ausgebe“, hatte er erklärt, als dieses Thema bei ihrem letzten Mittagessen zur Sprache gekommen war. „Nicht, dass Luzille dich zu etwas überredet, das in Kyralia unangemessen ist.“

„Dann darf sie das Resultat selbst tragen“, hatte Sonea daraufhin lachend erwidert. „Es macht mir nichts aus, in meiner Robe zu heiraten. Wirklich, Rothen.“

„Das kommt gar nicht in Frage“, hatte Rothen widersprochen. „Dieser Tag wird einmalig in deinem Leben sein und deswegen sollte es der schönste Tag deines Lebens werden. Dazu gehört auch ein schönes Kleid.“

Weder Rothen noch Sonea war zu jenem Zeitpunkt bewusst gewesen, dass die Braut oder ihr Vater die Kleider der Brautmädchen ebenfalls bezahlen musste. Dies hatte Ezrille ihnen erklärt, als Verrane verkündet hatte, er habe ein paar Vorschläge für Trassias und Luzilles Kleider ausgearbeitet. Rothens erste Reaktion war Entsetzen gewesen, dann hatte er sich jedoch bereit erklärt, die Kleider für ihre Freundinnen ebenfalls zu bezahlen, welche zusammengenommen fast ebenso viel wie Soneas Kleid kosteten.

„Sonea, was meinst du dazu?“

Sie schrak aus ihren Gedanken und wirbelte herum. Verrane entfuhr ein überraschtes „Au!“, als er sich in den Finger stach.

„Wozu?“

„Zu Ezrilles Vermutung, dein Verlobter habe kein gutes Verhältnis zu seiner Familie.“ Luzille hielt inne und blickte sie fragend an.

„Uhm“, machte Sonea. Die wenigen Informationen, die sie besaß, ließen jeden Schluss zu, angefangen von einem schlechten Verhältnis zu seiner Familie, bis dahin, dass Akkarin wollte, dass sie sich ihr eigenes Bild machte. „Sag du es mir. Du erfährst solche Dinge doch sicher viel schneller, wenn du mit deinem Mann bei Hofe bist.“

„Ich soll für dich spionieren?“ Luzilles blaue Augen blitzten vor Aufregung. „Das würde diese langweiligen Veranstaltungen gleich sehr viel interessanter machen. Gleich nächste Woche findet ein Ball statt, da werde ich mal sehen, was ich herausfinden kann.“

Rothen begann zu husten. Er griff nach seiner Tasse und trank einen Schluck Sumi.

„Du könntest Akkarin auch einfach selbst fragen, Sonea“, schlug er vor.

„Ich finde, wir sollten Luzille ihren Spaß lassen“, erwiderte Sonea und schenkte ihrer Freundin ein süffisantes Lächeln. „Es scheint, als würde sie darauf brennen.“ Zudem wusste sie nicht, wie sie diese Sache am besten angehen sollte. Akkarin hatte nur kurz mit ihr über seine Familie gesprochen und er war offenkundig nicht gewillt, mehr darüber zu sagen. Sie fixierte den Blick der jungen Elynerin. „Aber tu es unauffällig.“

Luzille strahlte. „Worauf du dich verlassen kannst.“


***


Als Malira den Thronsaal verließ, machte Savara sich bereit, ihr zu folgen. Sie wollte sich gerade erheben, als sich Arlava von ihrem Hocker erhob.

„Ich gehe schlafen“, erklärte die Ichani. Sie nickte Sarkaro und den anderen aus ihrer Gruppe zu und lächelte kurz zu Savara. „Trinkt nicht mehr zu viel Wein. Ich will nicht, dass Kachiro sich morgen wieder beschwert, weil wir schlecht sind.“

Sarkaro machte eine lässige Bewegung mit der Hand. „Los, Arlava, verschwinde.“

Die Ichani stolzierte davon.

Einen Fluch unterdrückend richtete Savara ihren Willen auf das Blutjuwel, das sie kontrollierte.

- Bist du Malira gefolgt?

- Ja, Meisterin.

Ein Bild des Palastgartens erschien vor Savaras geistigem Auge.

- Versteck dich, ich bin gleich da.

Sie leerte ihren Weinkelch. „Ich denke, ich gehe auch lieber schlafen“, sagte sie zu Sarkaro und seinen Anhängern. „Eine Frau braucht ihren Schönheitsschlaf.“

Sarkaro grinste anzüglich. „Dann sollten wir dich auch nicht länger aufhalten.“

Ihr Verführerlächeln aufsetzend schritt Savara zu den Türen des Thronsaals. Sie dankte sich selbst für ihre Voraussicht, Ina mit einem Blutjuwel ausgestattet zu haben. Auf diese Weise spionierte sie ihrer Rivalin schon seit Tagen hinterher, wenn auch sie noch nichts herausgefunden hatte, was sie gegen die andere Frau verwenden konnte.

Malira pflegte abends eher spät zu Bett zu gehen. Bei den Zusammenkünften im Thronsaal sprach sie nur kurz mit anderen Ichani und blieb den Rest der Zeit für sich, schlich durch den Raum und beäugte Marikas Gäste. Zusammen mit den Informationen, die Savara über jeden ihrer „Mitstreiter“ gesammelt hatte, konnte sie darin kein Muster erkennen.

Savaras Gefühl sagte ihr jedoch, dass die Ichani etwas verbarg. Und ihr Gefühl hatte sie noch nie getrogen. Also spionierte sie Malira hinterher, wenn es ihr schon nicht gelang, an Marika heranzukommen. Wenn der König von Sachaka starb, würden die Ashaki übereinander herfallen und um den Thron kämpfen. Ein neuer Bürgerkrieg würde ausbrechen und Kyralia in Vergessenheit geraten. Marika zu töten war jedoch völlig aussichtslos. Wo immer der König von Sachaka auch hinging, folgten ihm seine Palastwachen auf Schritt und Tritt und auch seine Gemächer wurden streng bewacht. Während ihrer ersten Wochen im Palast hatte Savara sich einen Spaß daraus gemacht, sich verschiedene Wege zu ersinnen, ihn zu vergiften. Diese hatten sie jedoch rasch zu langweilen begonnen, weil sie alle damit geendet hatten, dass ganz Arvice dem Erdboden gleichgemacht wurde. Sie wäre niemals rechtzeitig an ihn herangekommen, um seine Magie zu nehmen, und die vielen unschuldigen Leben waren Marikas Tod nicht wert.

In der Eingangshalle bog Savara in einen kurzen Korridor ein, der sie direkt zum Palastgarten führte. Die Nacht war mondlos, windig und kühl. Was wollte Malira hier?

Savara fokussierte ihre Gedanken auf Inas Blutjuwel. Durch die Augen der anderen Frau sah sie, wie sich die Ichani auf einer Bank in der Nähe eines Springbrunnens lümmelte. Dann erstarrte sie, als von der anderen Seite des Brunnens eine zweite Gestalt zwischen den Sträuchern hervortrat.

Arlava.

Savaras Herz setzten einen Schlag aus. Wieso war sie nicht ins Gästequartier gegangen? Dann fiel ihr wieder ein, wie die beiden Frauen sich einige Tage zuvor auf dem Übungsplatz unterhalten hatten. War das ein heimliches Stelldichein oder führten sie etwas im Schilde?

Ina kauerte in unmittelbarer Nähe der beiden Frauen hinter mehreren Alutasträuchern. Es war eine perfekte Position, aber gefährlich für einen ungeübten Spion.

- Bleib, wo du bist, und sei still, wies Savara sie an. Ich bin gleich da.

In den Schatten der Büsche Deckung suchend, schlich sie zum Springbrunnen. Wenige Augenblicke später hatte sie Alutasträucher erreicht und blickte auf Inas Rücken.

- Nicht erschrecken.

Sie ließ sich neben der anderen Frau nieder. Das Weiße in Inas Augen blitzte in der Dunkelheit, als sie ihr für eine echte Sklavin auf unangemessene Weise den Kopf zuwandte und grinste. Savara legte einen Finger auf ihre Lippen und spähte durch eine Lücke in den Sträuchern zu den beiden Frauen.

Während Malira sich in einer fast anzüglichen Weise auf der Bank räkelte, tigerte Arlava zwischen ihr und dem Brunnen auf und ab. Sie diskutierten leise über etwas, dessen Details zu Savaras Ärger durch das Plätschern des Wassers verlorengingen. Es gab jedoch auch keine Möglichkeit, unbemerkt näher zu den beiden Frauen zu gelangen.

„ … soll das nützen?“, fragte Arlava gerade.

„Wenn wir es nicht tun, werden wir sterben“, war die Antwort der anderen Frau zu hören.

„Das werden wir so oder so“, entgegnete Arlava kühl.

„Nicht … sie daran hindern.“

Savaras Herz setzte einen Schlag aus. War Malira gerade dabei, die andere Ichani auf ihre Seite zu ziehen und sich mit ihr gegen Savara zu verbünden? Versuchte sie Arlava davon überzeugen, dass Savara plante, sie zu töten? Savara runzelte die Stirn. Nun, wenn Arlava die Wahrheit über sie herausfand, dann würde sie Marikas Behauptung wahr werden. Savara durfte nicht davon ausgehen, dass sie Arlava vertrauen konnte, auch wenn sie sich in gewisser Weise angefreundet hatten.

Wenn Savara mit dieser Annahme richtiglag, dann bedeutete das, Malira hatte sie wiedererkannt.

Aber wie?

Sich an ihre bisherigen Begegnungen mit der Ichani erinnernd, fiel es Savara jedoch schwer zu glauben, dass Malira sie erkannt hatte. Es hatte keine entsprechenden Anzeichen gegeben.

Es sei denn, Malira war eine gute Schauspielerin.

Savara schüttelte den Kopf. Was konnte die Ichani sonst im Schilde führen, wenn es nicht darum ging, Savaras wahre Identität dem König zu enthüllen?

„ … mir das durch den Kopf gehenlassen“, sagte Arlava gerade. Sie wandte sich zum Gehen. „Gute Nacht.“

„Gute Nacht“, erwiderte Malira. „Das heißt, wenn ich schlafen kann. Die Alutablüten riechen so betörend.“

Sie erhob sich und trat zu dem Strauch, hinter dem Savara und Ina sich versteckten. Instinktiv drückte Savara den Kopf ihrer Begleiterin nach unten und drängte sich tiefer in die Schatten. Sie hörte die Ichani an den Blüten schnuppern. Malira stieß einen hingebungsvollen Seufzer aus und verließ dann den kleinen Platz.

Minuten später, als sie sich vergewissert hatte, dass die Luft rein war, bedeutete Savara ihrer „Sklavin“ ihr zu folgen. Durch die Dunkelheit eilten sie zum Gästequartier. Savara löste das magische Schloss, mit dem sie ihre Tür belegt hatte, und scheuchte Ina hinein. Rasch versiegelte sie ihre Tür und schritt zu dem Diwan, auf dem sie ihre Kleider ablegte.

„Hilf mir beim Entkleiden.“

„Ja, Meisterin.“

Ina trat hinter sie und löste die Schärpe, die Savaras Wickel zusammenhielt. Sie faltete den Stoff feinsäuberlich und reichte Savara ein Nachtgewand.

„Du warst vorhin sehr gut“, sagte Savara.

Ina lächelte verlegen.

Das war eine der wenigen Momente, die ihre Beziehung von einer echten Beziehung zwischen Meister und Sklave unterschied und der sie an den Grund erinnerte, warum sie hier waren. Savara wusste diese zu schätzen, denn es widerstrebte ihr, vorzugeben etwas zu sein, was sie zutiefst verachtete.

Sie ging zu ihrem Bett und schlüpfte unter die Decken. „Du hast gehört, was Malira und Arlava gesprochen haben.“

Ina nickte.

„Versuche mehr über Malira und Arlava herauszufinden“, wies Savara sie an. „Sie planen irgendetwas. Aber ich kann nichts dagegen unternehmen, solange ich nicht weiß, was.“

Ina nickte erneut. „Ich werde sehen, was ich tun kann, Meisterin.“

Savara lächelte schief. „Lass dich nicht erwischen.“


***


„Warum habe ich nur die ganze Zeit damit gerechnet, dass so etwas kommt?“ Yaldin schürzte die Lippen und schwenkte den Wein in seinem Glas. „Seit Monaten sage ich, dass man ihm nicht trauen kann. Aber niemand war bereit, mir Glauben zu schenken.“

Rothen legte sein Besteck beiseite und lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Habe ich nicht dasselbe in einem sehr ähnlichen Wortlaut vor einiger Zeit von Lord Garrel gehört?“, fragte er seinen Freund. Neben ihm kicherte Dannyl in sein Weinglas.

„Aber es ist wahr“, beharrte Yaldin. „Warum wollt Ihr das nicht sehen? Warum haltet Ihr noch immer zu ihm?“

„Weil es nicht der Wahrheit entspricht.“

„Beunruhigt es Euch kein bisschen, dass Lord Akkarin sich seit unbestimmter Zeit – oder einem Monat, wie er behauptet – im Besitz einer größeren Sammlung schwarzmagischer Bücher befindet, die der Gilde bis jetzt unbekannt waren?“

Ein Seufzen unterdrückend trank Rothen einen Schluck Wein. „Wir befinden uns im Krieg“, antwortete er ruhig. „Hätte Akkarin die Existenz der Bücher nicht für sich behalten, hätten wir jetzt keine Speichersteine, die in wenigen Wochen bereit sind, geerntet zu werden. Ihr wisst doch selbst, wie gern die Gilde Streitthemen über Wochen diskutiert.“

An diesem Tag hatte Akkarin die Gilde über seine schwarzmagische Literatur informiert und damit sowohl einen Sturm der Entrüstung ausgelöst als auch für neue Hoffnung gesorgt. Die höheren Magier waren alles andere als begeistert gewesen, dass er die Existenz der Bücher für sich behalten hatte, um – wie er erklärt hatte – keine falschen Hoffnungen auszulösen. Obwohl Akkarins Handeln seitdem in der gesamten Gilde diskutiert wurde, hießen die meisten Magier das in diesen Büchern enthaltene Wissen willkommen. Rothen ahnte, dass dahinter mehr Verzweiflung denn Vernunft steckte.

Doch Yaldin wollte sich noch nicht geschlagen geben. „Was, wenn diese ganze Sache mit der fehlenden Literatur über Speichersteine nur ein Täuschungsmanöver ist, damit Akkarin mit Hilfe dieser Bücher seine eigenen Ziele verfolgen kann?“

„Akkarins Ziel ist es, die Gilde vor den Sachakanern so gut zu schützen, wie er es vermag.“

„Warum will er dann nicht die Identität der Person, die ihm die Bücher gegeben hat, preisgeben?“

Rothen und Dannyl tauschten einen Blick. Abgesehen von Akkarin und Sonea war Dannyl der einzige Magier, der über die Herkunft der Bücher Bescheid wusste. Früher hätte Rothen seinen Freund für eine solche Aktion zurechtgewiesen. Tagelang in verbotenen Büchern zu stöbern und Abschriften anfertigen zu lassen, war bereits an sich ein Verbrechen, aber dann auch noch die Gilde an der Nase herumführen zu wollen, indem sie nur die Originale erhielt und Akkarin die Abschriften zu geben, hatte Rothen fassungslos gemacht.

Obwohl er angesichts ihrer Lage dankbar für Dannyls Weitsicht war, fand Rothen, der ehemalige Hohe Lord hätte die höheren Magier informieren müssen, sobald er die Bücher erhalten hatte. An jenem Tag, an dem er und Sonea zu ihm gekommen waren, hatte Rothen noch geglaubt, es handele sich nur um ein einziges Buch. Er hatte sie gedeckt, weil er befürchtete, die höheren Magier würden trotz aller Zugeständnisse an den schwarzen Magier erst wochenlang über das Buch diskutieren, bevor sie Akkarin erlaubten, die Speichersteine herzustellen. Aber jetzt war eine Diskussion von dem Ausmaß eines ausgewachsenen Skandals im Gange und sie hatten vermutlich nur dem Verbot der Gedankenrede zu verdanken, dass die Sachakaner nichts von den neuen Waffen erfuhren.

„Ich nehme an, damit die Sachakaner es nicht aus den Gedanken eines Gildenmagiers erfahren“, beantwortete Dannyl Yaldins Frage.

Und um deine Karriere nicht zu gefährden, fügte Rothen in Gedanken hinzu. Würde die Gilde herausfinden, dass Dannyl diese Bücher beschafft hatte, konnte ihn das mehr als nur seinen Posten kosten. Inzwischen war er bereits als Kitos Nachfolger im Gespräch.

Yaldin wirkte nicht überzeugt.

„Stellt Euch doch einmal vor, was die Sachakaner machen würden, wenn diese Bücher in ihre Hände gerieten“, sagte Dannyl zu dem betagten Alchemisten.

„Jetzt ist aber wirklich gut!“, fuhr Ezrille dazwischen. „Lasst Lord Akkarin seine Arbeit machen. Seit Jahren tut er nichts anderes, als die Gilde zu beschützen.“ Sie funkelte ihren Mann an. „Ganz besonders du solltest dich zurückhalten, denn er hat auch deinen verknöcherten Hintern gerettet!“

Yaldin zuckte sichtlich zusammen. Rothen wusste, wie sehr sein Freund unter dem seit Wochen währenden Streit mit seiner Frau litt, weil er sich jeden Freitag sein Leid anhören musste, wenn Yaldin zum Sumi vorbeikam. Yaldin wollte indes keinen Zoll nachgeben und Ezrille liebte es zu sehr, ihm seine engstirnige und konservative Sichtweise unter die Nase zu reiben.

Rothen leerte sein Weinglas und goss sich nach. „Ich finde auch, wir haben genug über dieses Thema geredet.“

„Danke, Rothen. Ihr habt wie immer recht.“ Ezrille lächelte und erhob sich. „Ich gehe jetzt den Nachtisch holen. Wenn ich zurück bin, erwarte ich, dass ihr zu einem weniger streitlastigen Thema gewechselt habt.“

Sie verließ das Gästezimmer.

„Also, Rothen“, begann Dannyl. „Wie kommen du und Farand mit eurem Bewässerungsprojekt vorwärts?“

„Gut“, antwortete Rothen erfreut. Jetzt, wo auch der König seine Zustimmung gegeben hatte, konnte er sich dem Projekt endlich ernsthaft widmen. „Aber es würde schneller gehen, würden die Unterrichtsvorbereitungen für meine Abschlussklasse nicht so viel Zeit in Anspruch nehmen. Farand und ich sind erst einmal in der Stadt gewesen. Es wird Tage, wenn nicht sogar Wochen dauern, den gesamten Äußeren Ring zu vermessen. Und dann sind da noch die Diebe.“

Die Diebe, die jetzt die Stadtwache im Äußeren Ring präsentieren?“, fragte Dannyl.

„Genau.“

Ezrille kehrte mit einem Tablett zurück, auf dem vier Schalen standen. Sie stellte je eine vor ihren Mann und ihre Gäste, bevor sie sich die Letzte nahm. Rothen betrachtete den Inhalt. Es war eine mit Früchten dekorierte Creme.

„Was sollten sie gegen frisches Wasser haben?“, fragte Yaldin. „Es irgendwo ableiten und den Bewohnern gegen Gebühr verkaufen?“ Er schnaubte. „Dann sind sie aber die längste Zeit Stadtwache gewesen.“

„Ich glaube, es geht um die Straße der Diebe“, sagte Dannyl. „Wenn die Gilde Wasserleitungen in den Hüttenvierteln verlegen will, dann braucht sie die Kenntnis der unterirdischen Tunnel, um diese nicht zu kreuzen oder zum Einsturz zu bringen. Und so wie ich die Diebe kenne, werden sie es nicht mögen, wenn die Gilde anfängt, in ihren Tunneln herumzuschnüffeln.“

Rothen war das abenteuerlustige Funkeln in Dannyls Augen nicht entgangen. Als die Gilde vor mehr als drei Jahren nach Sonea gesucht hatte, hatte Dannyl Verhandlungen mit den Dieben aufgenommen, um sie zu finden, und wenn Rothens Erinnerung ihn nicht trog, hatte sein Freund dabei großen Spaß gehabt.

„Der König sollte anordnen, dass die Tunnel versiegelt werden, damit weder die Diebe, noch andere Gauner dort ihr Unwesen treiben können“, sagte Yaldin.

„Das wird er nicht tun.“ Ezrille sah von ihrem Nachtisch auf. „Er selbst hat dort während der Schlacht von Imardin Schutz gefunden. Stell dir doch einmal vor, wie viele sich dort vor den Sachakanern verstecken könnten!“

„Hm, schon“, gab Yaldin zu Rothens Erheiterung nach.

„Wenn Ihr das so seht, warum dann nicht auch die Tunnel unter der Universität versiegeln?“, fragte Dannyl provokativ.

„Das wäre eine hervorragende Idee!“, erklärte Yaldin. „Dann könnten auch dort gewisse Magier nicht mehr ihr Unwesen treiben.“

Rothen leerte sein Weinglas und faltete seine Serviette. „Es ist spät. Ich denke, ich sollte schlafen gehen“, sagte er, bevor die Situation erneut eskalieren konnte.

„Ich werde mich auch verabschieden.“ Dannyl gähnte übertrieben. „Ich wünsche eine geruhsame Nacht.“

„Er weigert sich wirklich vehement, Vernunft anzunehmen, nicht wahr?“, fragte Dannyl, als sie durch den verlassenen Flur schritten. „Vielleicht sollte ich versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass er falsch liegt, um etwas Frieden in der Gilde zu schaffen. Die Sachakaner würden über uns lachen, wenn sie wüssten, wie zerstritten wir wegen eines gewissen Magiers sind.“

Rothen lachte. „Du musst dich wirklich sehr langweilen, wenn du schon deine diplomatischen Fähigkeiten an Yaldin ausprobieren willst!“, rief er.

Sein Freund bedachte ihn mit einem vielsagenden Blick. „Nach meiner Niederlage bei den Sachakanern würden mir ein paar kleine Erfolge gut tun.“

„Dannyl“, sagte Rothen. „Nicht jeder ist empfänglich für Diplomatie. Es wäre für dich gesünder, wenn du das akzeptierst.“

„Ich weiß“, sagte Dannyl mit einem schiefen Lächeln.

Sie erreichten die Treppe, die hinab ins Erdgeschoss führte, wo Dannyls Apartment lag. In seinen Augen glomm etwas, das Rothen nicht einordnen konnte.

„Gute Nacht, Rothen“, wünschte er. „Ich sollte jetzt wirklich schlafen. Wir reden ein anderes Mal weiter.“

Rothen nickte. „Gute Nacht“, erwiderte er. Stirnrunzelnd sah er Dannyl nach, als dieser die Treppe hinab eilte.


***


Sonea blätterte eine Seite in Magische Praktiken im freien Kyralia von Lord Sadakane um. Eine Zeichnung auf der rechten Seite lenkte ihre Aufmerksamkeit von dem Text ab. Sie zeigte einen jungen Mann, der vor einem Magier kniete, die Handflächen emporgestreckt. Der Magier hielt einen Dolch über die ausgestreckten Hände seines Novizen. Als Gegenleistung für das Gelernte gibt ein Schüler seine Kraft, um seinen Meister zu stärken, stand unter dem Bild geschrieben.

Sie erschauderte.

„Hast du gewusst, dass die Novizen, bevor es die Gilde gab, vor ihren Lehrern auf die Knie gegangen sind, wenn sie ihnen ihre Kraft gegeben haben?“, fragte sie.

Akkarin sah von seinem Buch auf.

„Selbstverständlich“, antwortete er. „Durch dieses Ritual haben sie ihren Meistern ihren Respekt erwiesen.“

Sonea runzelte die Stirn. „Ich dachte, nur die Sachakaner würden auf diese Weise die Kraft ihrer Quellen nehmen.“

„Es war kurz, nachdem Kyralia seine Unabhängigkeit erlangt hat. Die lange Besetzung durch die Sachakaner hat die Lebensweise unserer Vorfahren zu einem gewissen Grad geprägt. Wir haben vieles von ihnen übernommen. Darunter jedoch auch einige begrüßenswerte Dinge, wie unser Wasserleitungssystem.“

Sonea warf einen Blick auf das Buch. Es war fünfzig Jahre vor der Unabhängigkeit Kyralias von Sachaka geschrieben. Aber die Gilde hatte sich erst dreihundert Jahre später formiert. Brauchte ein Volk so viel Zeit, um seine Sitten zu verändern? Wenn dem so war, dann würde es noch lange dauern, bis die Sachakaner zivilisiert wurden, sollte die Gilde den Krieg gewinnen. Sie war sicher, sie und Akkarin würden ein solches Sachaka nicht mehr erleben, selbst wenn sie beide sehr alt werden sollten.

Sie sah zurück zu der Zeichnung. Sie ahnte, dass ihr dieses neue Wissen so schnell keine Ruhe lassen würde. Sie fürchtete seine Antwort, aber sie musste es in Erfahrung bringen. Er hatte diesbezüglich nie etwas gesagt, aber das musste nicht heißen, dass …

„Erwartest du von mir, dass ich dir auch auf diese Weise meine Kraft gebe?“, fragte sie, den Blick weiter auf das Buch gerichtet. „Ich meine, als deine Quelle …“

„Sonea“, unterbrach Akkarin sie streng. „Es besteht keine Notwendigkeit, barbarische Traditionen wieder aufleben zu lassen.“

„Takan macht es auch“, wandte sie vorsichtig ein.

Akkarin schloss die Augen und tat einen tiefen Atemzug. „Weil ich es ihm nicht auf zivilisierte Weise ausreden kann. Du tätest besser daran, mir deinen Respekt zu zeigen, indem du meine Wünsche respektierst.“

Sie begegnete seinem Blick mit allem Mut, den sie aufbringen konnte. Eine lange Weile starrten sie einander in die Augen. Die Art und Weise, wie er sie anstarrte, ließ sie unwillkürlich erschaudern, doch es war kein unangenehmes Gefühl, während sie ihn zugleich mehr fürchtete denn je …

„Ja, Lord Akkarin.“

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. Sonea atmete innerlich auf, weil er das Thema damit auf sich beruhen ließ. Er wusste, wie verwirrend die Mischung aus Liebe und Ergebenheit, die sie für ihn empfand, zuweilen war. So gesehen war es gut, wenn er sie auf ihre Grenzen hinwies, wenn sie dabei in die eine oder andere Richtung übertrieb.

Es klopfte.

Akkarins Augen blitzten zu den Türen, woraufhin diese aufschwangen.

Takan trat in die Bibliothek und verneigte sich.

„Lord Sarrin ist hier, Meister“, meldete er.

Sonea klappte ihr Buch zu und legte es auf den Tisch neben ihrem Sessel. Wenn das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten zu Besuch kam, war das kein guter Moment, um Bücher über schwarze Magie offen liegenzulassen. Auch wenn Lord Sarrin damit bereits mehrfach in Berührung gekommen war.

„Bring ihn herein“, wies Akkarin seinen Diener an. „Und dann lass uns allein.“

Takan verschwand und kehrte wenig später mit dem betagten Alchemisten zurück.

„Guten Abend, Lord Akkarin“, grüßte er, „Sonea.“

Sonea glaubte, den Anflug eines Lächelns Sarrins Miene zu entdecken. Sie war überrascht, weil sie stets geglaubt hatte, er wäre ihr und Akkarin nicht wohlgesonnen.

Erfreut stand sie auf und verneigte sich. „Guten Abend, Lord Sarrin“, erwiderte sie.

„Setzt Euch“, forderte Akkarin das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten auf, nachdem die beiden Männer einander begrüßt hatten. „Möchtet Ihr Wein?“

Sarrin nickte. „Sehr gern. Aber bitte nur einen Schluck.“

Akkarin erhob sich und schritt zu einer Vitrine. Er holte ein drittes Weinglas heraus und befüllte es mit Anurischen Dunkelwein, bevor er sein eigenes Glas und das Soneas auffüllte.

Lord Sarrin nahm das Glas dankend entgegen. Er trank einen Schluck Wein und hob anerkennend die Augenbrauen. „Was ist der Grund für Eure Einladung?“, fragte er dann. „Plant Ihr ein neues Projekt, bei dem Ihr alchemistische Unterstützung benötigt?“

„Nicht dieses Mal“, antwortete Akkarin. „Der Grund ist weit ernsterer Natur.“

Lord Sarrin runzelte die Stirn. „Ich verstehe nicht ganz.“

Akkarin lehnte sich zurück und schlug seine langen Beine übereinander. „Sonea und ich haben eine Bitte an Euch, die, auch wenn viele Magier das nicht zugeben würden, im Sinne der Gilde ist“, begann er, sein Weinglas in den Händen drehend. „Doch bevor wir dafür die Erlaubnis der höheren Magier einholen, müssen wir wissen, ob Ihr Euch dazu bereit erklärt.“

Die Augen des betagten Magiers blickten den ehemaligen Hohen Lord nun wachsam an. „Was genau, wollt Ihr von mir, was die Erlaubnis der höheren Magier erfordert?“

Sonea und Akkarin tauschten einen Blick. Akkarin nickte kaum merklich.

„Wir wollen Euch in das Geheimnis schwarzer Magie einweihen“, antwortete Sonea. Mit angehaltenem Atem beobachtete sie wie Lord Sarrin auf diese Offenbarung reagierte. Von allen potentiellen Gründen, wegen derer Akkarin ihn an diesem Abend herbestellt hatte, hatte er ganz sicher nicht das erwartet.

Bei ihrem Worten war Lord Sarrin kaum merklich zusammengezuckt. Er hob sein Glas und leerte es in einem Zug.

„Es besteht die Möglichkeit, dass Sonea und ich den Krieg nicht überleben werden“, erklärte Akkarin. „In diesem Fall wird die Gilde jemanden brauchen, der weiß, wie man schwarze Magie praktiziert. Da Ihr bereits im vergangenen Sommer als eine Art Nachfolger gewählt wurdet, wärt Ihr unsere erste Wahl.“

„Ich verstehe.“ Sarrin nickte langsam. „Doch ich bin ein alter Mann. Ein jüngerer Magier mit reichlich Kampferfahrung wäre gewiss besser geeignet.“

„Es ist nicht mehr genügend Zeit für die sorgfältige Auswahl eines solchen Nachfolgers“, sagte Akkarin. „Ihr hingegen habt Euch bereits mit diesem Gedanken vertraut gemacht und kennt die Risiken. Die einzige Frage lautet: Seid Ihr bereit, diese Verantwortung zu übernehmen?“

„Wir brauchen eine Reserve“, fügte Sonea hinzu. „Wenn Lord Akkarin und ich sterben, dann wird dieses Wissen verlorengehen. Dann wird die Sachakaner nichts mehr davon abhalten, Kyralia zurückzuerobern und die Gilde zu vernichten.“ Sie fixierte Lord Sarrins Blick und bemühte sich um einen harten Ton in ihrer Stimme, als sie fortfuhr. „Wenn Ihr nicht bereit seid, das für uns zu tun, dann tut es für Kyralia.“

Lord Sarrin starrte sie an. Offenkundig hatte er mit so viel Härte nicht von ihr gerechnet. Eine Weile musterte er sie mit seinen intelligenten, blauen Augen. Sonea hielt seinem Blick regungslos stand. Als sie sich zu fragen begann, ob sie es zu weit getrieben hatte, wandte er sich zu Akkarin.

„Lord Akkarin, es wäre ein Verrat an meiner Loyalität, nicht Euren Wünschen nachzukommen.“

Akkarin musterte das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten durchdringend. „Ich begrüße Eure Entscheidung“, sagte er dann. „Damit habt Ihr Kyralia einen großen Dienst erwiesen.“

Nachdem sie Lord Sarrins Fragen beantwortet und ihn auf die Gefahren und Risiken aufmerksam gemacht hatten, begleiteten Sonea und Akkarin das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten zurück in die Empfangshalle. Sonea konnte nicht aufhören, darüber nachzudenken, wie Lord Sarrin zu ihrem Anliegen stand. Indem sie und Akkarin ihn gebeten hatten, ihre Reserve zu sein, verlangten sie viel von ihm. Aber er kam als einziger in Frage, weil die Gilde ihn im Jahr zuvor bereits dazu auserkoren hatte. Sie erinnerte sich noch zu gut an ihre Gedankengänge, als sie erstmals darüber nachgedacht hatte, schwarze Magie zu erlernen. Auch nach ihrer Entscheidung hatte sie gelegentlich an deren Richtigkeit gezweifelt. Das Gefühl, einen anderen Menschen mit schwarzer Magie zu töten, war etwas, das sie niemals vergessen würde. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an ein Gespräch, das sie mit Akkarin kurz nach ihrer Wiederaufnahme geführt hatte.

„Sonea, wenn ich nicht aus deinen Gedanken gelesen hätte, wie gewissenhaft, verantwortungsbewusst und willensstark du bist, hätte ich dich niemals in schwarzer Magie unterwiesen“, hatte Akkarin gesagt. „Ich hätte es abgelehnt, egal wie sehr du mich darum gebeten hättest.“

Fast ein ganzes Jahr war vergangen, seit sie das erste Mal mit dieser Macht in Berührung gekommen war. Soneas Bedenken waren darüber verstummt und sie praktizierte schwarze Magie so selbstverständlich, dass es zu einem Teil von ihr geworden war. Es hatte sie in keiner Weise zum Negativen verändert. Sonea glaubte vielmehr, an ihrer Verantwortung gewachsen zu sein. Sie überlegte, ob sie das Sarrin sagen sollte, verwarf die Idee jedoch wieder.

Er muss das mit sich selbst ausmachen, so wie ich es getan habe, dachte sie.

„Sonea und ich danken Euch für Euren Besuch und wünschen Euch einen schönen Abend“, sprach Akkarin, als sie in der Empfangshalle angekommen waren.

Lord Sarrin neigte den Kopf. „Das wünsche ich Euch auch.“ Er zögerte. „Ich werde über Euer Anliegen nachdenken.“

Akkarin legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter. „Ich bin sicher, Ihr werdet die richtige Entscheidung treffen. Gute Nacht, Lord Sarrin.“

Der betagte Alchemist lächelte und Sonea glaubte, seine blauen Augen für einen kurzen Moment funkeln zu sehen, als er ihrem Blick begegnete.

Nachdem sich die Türen hinter Sarrin geschlossen hatten, drehte Akkarin sie zu sich. Einen langen Augenblick starrte er in Soneas Augen, so durchdringend, dass sie unwillkürlich erschauderte.

„Komm“, sagte er dann. „Gehen wir nach oben.“

Sonea konnte nur nicken. Die Art und Weise, wie Akkarin sie angesehen hatte und diese winzige Veränderung in der Nuance von Autorität in seiner Stimme genügten, um seine Absichten zu erahnen, hätten seine subtilen Gesten ihn nicht bereits verraten. Und mit einem Mal waren alle Gedanken an Sarrin und schwarze Magie wie ausgelöscht.


***


Dannyl lachte, als Lord Garrel von einem konzentrierten Feuerschlag, den drei Magier zugleich auf ihn richteten, getroffen wurde.

„Also irgendwie habe ich mir Garrel in der Arena immer sehr viel plumper vorgestellt“, bemerkte er, während der Krieger mit doppelten Feuerschlägen konterte. „Was er da macht, deutet hingegen auf Spuren von Anmut hin.“

„Nun, er kämpft eigentlich ziemlich geschickt. Allerdings fehlt ihm die nötige Weitsicht.“

„Und jemand wie er ist Oberhaupt der Krieger“, murmelte Dannyl kaum hörbar und handelte sich dafür von Rothen einen Stoß mit dem Ellenbogen ein. „Balkan würde sich für diese Aufgabe weitaus besser eignen.“

Seit einer halben Stunde saßen sie auf der Tribüne der Arena und beobachteten wie die Hälfte der Magier, die in Imardin bleiben würden, gegen eine Gruppe aus Heilern, Alchemisten und Kriegern antrat, die nach Sachaka gehen würde. Die Veranstaltung diente einem doppelten Zweck: Die zurückbleibenden Magier wurden zum organisierten Kampf in der Gruppe trainiert, um vorbereitet zu sein, sollten die Sachakaner bis Imardin kommen, und diejenigen, die an den Kämpfen teilnahmen, lernten ihre Aufgaben besser aufeinander abzustimmen.

Die Krieger kommandierten die Gruppen und führten Angriff aus, während die Alchemisten für Rothens Phiolen und die Heiler für den Schild zuständig waren. Statt Schildsenker wurden in der Arena jedoch kleine Steine verwendet, welche die Magier aus der gegnerischen Gruppe abwehren mussten, so wie es die Sachakaner tun würden, sobald sie den Sinn und Zweck der Phiolen erkannten. Um die Magier nicht zu erschöpfen, wurde zudem nur mit geringem Aufwand von Magie gekämpft.

„Mir gefällt nicht, was ich da sehe“, murmelte Administrator Osen hinter ihnen. „Wenn unsere Gruppe gleich auch so schlecht kämpft, können wir nur noch hoffen, dass es nicht so weit kommt, dass die Sachakaner die Stadt erreichen.“

Dannyl wandte sich um. „Warum so pessimistisch, Administrator? Die meisten von ihnen sind Alchemisten und Heiler und haben nicht viel Kampferfahrung. Doch ich bin sicher, wenn Lord Akkarin mit ihnen fertig ist, werden sie die Sachakaner das Fürchten lehren.“

Zu Dannyls Verwunderung verdüsterte sich Osens Gesicht weiter. Neben ihm murmelte Rothen etwas, das verdächtig nach „alter Übertreiber“ klang.

„Nun, vielleicht waren meine Worte ein wenig übertrieben“, lenkte Dannyl ein. „Aber die Verteidigung der Gilde wird dank Lord Akkarin sehr viel besser dastehen.“

„Dannyl“, mahnte Rothen leise. „Lass Administrator Osen bei der Übung zusehen. Wir sind als Nächstes dran.“

„Du meinst, du bist als Nächstes dran“, feixte Dannyl.

Rothen betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Das muss dir ja richtig gefallen, dass du gleich gegen mich kämpfen wirst, nicht wahr?“

Dannyl grinste. „Ah, ich halte es vor Vorfreude kaum noch aus. Mir ist nämlich eingefallen, dass ich noch nie gegen dich angetreten bin. Wie wäre es, wollen wir uns bald einmal duellieren? Nur wir zwei? Komm schon, Rothen.“

„Du hast wirklich Glück, dass ich Alchemist bin“, gab Rothen zurück. „Wäre ich Krieger, hättest du als Novize bei mir nicht so viel zu lachen gehabt.“

Dannyl warf den Kopf zurück und lachte. Es tat gut, wieder in der Gilde zu sein und Zeit mit Rothen zu verbringen. Er hatte völlig vergessen, wie es war, wenn sie zusammen waren und Spaß hatten. Noch besser war, dass es ihm gelungen war, Tayend jeden Tag zu sehen, ohne Misstrauen zu erregen. Beides zusammengenommen war fast so gut, wie wieder in Capia zu sein. Oder wie wenn Rothen auch in Elyne leben würde.

Allerdings hatte er so eine Ahnung, dass sich sein Freund dort nicht wohl fühlen würde.

Eine Weile beobachteten sie den Kampf schweigend. Als die Gruppe unter der Führung von Lord Daron einen tödlichen Treffer von Garrels Gruppe einsteckte, hob Balkan eine Hand.

„Halt!“

Die Angriffe erstarben wie ein Mann. Schilde wurden gesenkt und die Magier auf dem Boden der Arena wandten sich zum Dach des Eingangsportals. Der Hohe Lord sah zu dem Mann an seiner Seite, der selbst im hellen Sonnenlicht wie ein großer, finsterer Schatten wirkte.

„Das war für den Anfang nicht schlecht. Vieles ist allerdings noch verbesserungswürdig. Der Zeitabstand zwischen dem Wurf einer Phiole und einem magischen Angriff ist in beiden Gruppen zu lang. In dieser Zeit kann sich der gegnerische Schild wieder soweit aufbauen, dass die Wirkung von Lord Rothens Erfindung nur zum Effekt hat, dass der Gegner einen Teil seiner Kraft verloren hat. Vergesst nicht, Hitze breitet sich schneller aus als Kraft. Lasst also Hitze- oder Feuerschläge auf den Schildsenker folgen.“

Akkarin machte eine Pause und musterte die beiden Gruppen. „Die Magier in Lord Darons Gruppe standen zudem zu weit auseinander. Damit fließt Magie in einen unnötig großen Schild. Wenn ich Euch das nächste Mal aufrufe, erwarte ich eine Verbesserung zu sehen.“

Er machte eine Handbewegung, auf welche hin die Magier die Arena verließen.

„Das ist fast, als wenn Akkarin noch immer unser Anführer wäre“, bemerkte Dannyl halblaut. „Seht nur, wie sie ihm folgen!“

Yaldin schnaubte hörbar, worauf Dannyl ein Kichern unterdrückte.

„Dannyl, behalte deine verräterischen Ansichten bitte für dich“, flüsterte Rothen. „Der arme Yaldin leidet schon genug.“

„Armer Yaldin, wahrhaftig“, grinste Dannyl.

Sein ehemaliger Mentor barg sein Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf, während Dannyl ernsthafte Schwierigkeiten hatte, seiner Erheiterung nicht freien Lauf zu lassen. Kaum zu glauben, dass ich vor einem halben Jahr noch jeden zurechtgewiesen hätte, der behauptet hätte, Akkarin wäre noch immer unser Anführer, fuhr es ihm durch den Kopf.

„Die Gruppen von Administrator Osen und Lord Vorel mögen vortreten.“

„Das sind wir“, sagte Dannyl und erhob sich.

Gemeinsam mit Osen und Lord Sarrin verließen sie die Tribüne und begaben sich in die Arena. Der Anblick der Zuschauer erfüllte Dannyl mit einer seltsamen Vorfreude. Er brannte darauf zu kämpfen und zu lernen, es den Sachakanern möglichst effektiv heimzuzahlen, dass sie Kito getötet hatten und das Land seiner Kindheit und seine Wahlheimat bedrohten.

„Also dann, alter Feind“, sagte er zu Rothen. „Viel Spaß.“

„Alter Feind, wahrhaftig!“, erwiderte Rothen. Er klopfte Dannyl auf die Schulter. „Dir auch viel Spaß.“

Werde ich haben, dachte Dannyl, während er zu den Magiern schritt, die sich um Lord Vorel versammelt hatten. Er nickte den anderen zu und lauschte dann den Anweisungen des Kriegers. Als Akkarin das Startsignal gab, errichteten die Heiler einen Schild um die Gruppe und unmittelbar darauf eröffneten Lord Vorel und ein anderer Krieger den Angriff.

Während sie gegen Osens Gruppe kämpften, rief Vorel immer wieder abgesprochene Kommandos, auf die Dannyl oder einer der anderen Alchemisten einen Stein aus einem kleinen Beutel getarnt durch einen Betäubungsschlag gegen den Schild der gegnerischen Gruppe warf. Die Angriffe der Krieger folgten unmittelbar darauf. Alsbald war die Arena mit einem Gewitter aus Lichtblitzen und dem Vibrieren von Magie erfüllt, in dem Steine hin und herflogen, während beide Gruppen sich duellierten.

Bald war jedoch offenkundig, dass Dannyls Gruppe überlegen war, was für ihn nicht überraschend kam, weil die Krieger in seiner Gruppe reichlich Erfahrung im Kampf gegen schwarze Magier in der Arena gesammelt hatten.

„Du hast dich ganz gut geschlagen“, sagte er zu Rothen, als sie zur Tribüne zurückkehrten.

Rothen zuckte die Achseln. „Es wäre besser gelaufen, hätte ich mich nicht an die Regeln meiner Gruppe halten müssen.“

Dannyl betrachtete seinen Freund erheitert. „Seit wann bist du so ungesellig?“

„Seit Sonea mir einmal ein paar Tricks gezeigt hat, wie man gegen einen stärkeren Magier kämpft.“

„Wird uns das im Laufe dieses Kurses nicht auch beigebracht?“

„Das wird es“, sagte Rothen. „Allerdings es werden trotzdem nur die Krieger in jeder Gruppe zum Zug kommen. Der Rest von uns darf seine Fähigkeiten erst zeigen, wenn ein Krieger ausfällt.“

„Mir war gar nicht bewusst, dass du Spaß an Kriegskunst hast“, bemerkte Dannyl amüsiert.

Sein Freund lächelte schief. „Ich kämpfe nicht gerne. Ich will nur nicht, dass die Sachakaner alles zerstören, was uns und unsere Kultur ausmacht.“

„Das will ich auch nicht“, erwiderte Dannyl.

Als Rothen sich eine Runde später verabschiedete, weil er zurück in die Universität musste, um seine Abschlussklasse zu unterrichten, blieb Dannyl mit Yaldin zurück. Er widerstand dem Drang, Yaldin weiterhin zu ärgern. Jedoch weniger um Rothen einen Gefallen zu tun, als weil er sich vom Zuschauen möglichst viel zu lernen erhoffte.

Denn dazu würde bei ihrem nächsten gemeinsamen Dinner noch genügend Zeit sein.
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