Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
118
Alle Kapitel
418 Reviews
Dieses Kapitel
8 Reviews
 
27.06.2013 11.121
 
Kapitel 3 – Eine zweite Chance



Eine graue Abenddämmerung senkte sich über das Gelände der Gilde. Unauffällig trat Sonea unter ihrer langen Robe von einem Fuß auf den anderen. Die Blicke der höheren Magier waren jedoch zum Heilerquartier gerichtet, von dem eine grüngewandete Gestalt sich mit einer hochgewachsenen schwarzgewandeten Gestalt näherte. Soneas Herz machte einen Sprung. Es war soweit.

Seit Sonea an diesem Morgen aufgewacht war, hatte sie dem Abend mit Furcht entgegengeblickt. Rothen hatte ihr wiederholt versichert, dass die Gilde sie und Akkarin weder hinrichten, noch nach Sachaka zurückschicken würde, doch sie war skeptisch geblieben. Die Ereignisse seit Lord Jolens Tod hatten Soneas Vertrauen in die Gilde zerstört. Die Gildenversammlung, bei der über ihre und Akkarins Wiederaufnahme abgestimmt worden war, hatte für ihren Geschmack viel zu lange gedauert. Bei seiner Rückkehr am späten Nachmittag war Rothen nicht befugt gewesen, ihr das Ergebnis mitzuteilen. Er hatte nur angedeutet, dass es nicht so schlimm werden würde, wie sie befürchtete, was reichlich Interpretationsspielraum übrigließ. Gewiss waren an diesem Tag auch einige unschöne Dinge über sie und Akkarin gesagt worden.

Akkarin und das Oberhaupt der Heiler erreichten die Sieben Bögen.

„Hoher Lord, Administrator“, sagte Akkarin und grüßte dann die übrigen höheren Magier. Für einen Moment ruhten seine dunklen Augen auf Sonea.

„Sonea.“

„Lord Akkarin“, sagte Sonea, das Grinsen aus ihrem Gesicht wischend, und verneigte sich.

Akkarin runzelte kurz die Stirn und wandte sich ab.

„Der König lässt ausrichten, dass er bedauert, nicht dabei sein zu können. Er empfängt heute eine Delegation aus Lan“, teilte Lord Rolden ihm mit.

Sonea stieß leise die Luft aus. Auch ohne Merins Anwesenheit war dieses Treffen nervenaufreibend genug.

„Ich verstehe“, erwiderte Akkarin. „Ich nehme an, dass seine Entscheidung steht?“

„Das tut sie.“

„Ich schlage vor, wir gehen nach drinnen und bringen die Sache hinter uns“, dröhnte Balkan über die kleine Gruppe und stieg die Stufen empor.

Akkarin schenkte seinen Nachfolger ein dünnes Lächeln. „Mit Vergnügen. Wie mir scheint, ist das hier zumindest eine Verbesserung gegenüber dem letzten Mal, an dem über unser Schicksal entschieden wurde.“ Er winkte Sonea zu sich.

Sonea eilte an seine Seite. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, folgte Akkarin den höheren Magiern in die Sieben Bögen.

Er macht das sehr gut, dachte Sonea. Wenn es ihr doch auch nur so leicht fiele, ihre Gefühle zu verbergen!

Im Tagessaal waren elf Stühle um einen ovalen Tisch angeordnet. Die beiden Stühle an einem schmalen Ende standen etwas abseits von den anderen. Administrator Osen schuf eine Lichtkugel und ließ sie zur Decke schweben. Dann sah er zu Balkan.

„Bei der heutigen Versammlung hat die Gilde mit eindeutiger Mehrheit entschieden, Euch, Akkarin und Sonea, eine zweite Chance zu geben“, teilte der Hohe Lord ihr und Akkarin mit. „Wir sind bereit, Euch wieder in die Gilde aufzunehmen. Akkarin erhält den Rang eines Lords und bekommt das entsprechende Gehalt gezahlt. Sonea wird die Möglichkeit angeboten, ihr Studium zu beenden und darf nach erfolgreichem Abschluss den Titel ’Lady’ tragen. Dieses Angebot gilt jedoch nur unter der Bedingung, dass ihr Euch den folgenden Auflagen beugt.“

Er nickte zu Osen, der eine lederne Mappe öffnete.

„Punkt eins: Es ist Euch verboten, das Gelände der Gilde zu verlassen“, las der Administrator vor. „Punkt zwei: Es ist Lord Akkarin verboten zu unterrichten. Dasselbe gilt für Sonea, sobald sie ihre Ausbildung beendet hat. Punkt drei: Es ist Euch verboten, schwarze Magie zu praktizieren, sofern es nicht der Verteidigung der Gilde oder der Verbündeten Länder gilt. Die Gilde hat entschieden, dass Ihr bei einer Sonderversammlung am nächsten Vierttag einen entsprechenden Eid leisten werdet.

„Punkt vier: Sonea wird ausschließlich Privatunterricht erteilt. Den versäumten Stoff und die Sommerprüfungen muss sie binnen einer Frist, die noch festgelegt wird, nachholen. Sollte sie die Prüfungen bestehen, so kann sie innerhalb der nächsten zwei Jahre ihre Ausbildung beenden. Bis zum Ende des bereits laufenden Halbjahres muss Sonea sich darüber hinaus für eine der drei Disziplinen entschieden haben, um rechtzeitig die nötigen Vertiefungskurse zu belegen. Punkt fünf: Es ist Euch verboten, ein Amt innerhalb der Gilde auszuüben.“ Er musterte Sonea und Akkarin abschätzend. „Punkt sechs: Ihr werdet schwarze Roben tragen.“

Sonea war nicht sonderlich überrascht. Rothen hatte sie bereits darauf vorbereitet, dass derartige Bedingungen gestellt wurden, sollte die Gilde zu ihren Gunsten entschieden. Im Grunde war es ihr egal, ob sie das Universitätsgelände verlassen durfte. Bis jetzt hatte sie von dieser Möglichkeit nur selten Gebrauch gemacht, weil ihr Studium ihr wenig Freizeit gelassen hatte. Während sie Akkarins Novizin gewesen war, hatte sie sich einmal davongeschlichen und Jonna und Ranel besucht. Akkarin hatte ihr anschließend deutlich gemacht, dass sie ihn bei zukünftigen Ausflügen um Erlaubnis zu fragen hatte. In dem darauffolgenden Jahr hatte Sonea sich nur zweimal dazu durchringen können, als das Bedürfnis ihre Familie zu sehen, übermächtig geworden war.

Sie bedauerte, dass ihr die Möglichkeit, ihre Familie zu besuchen, nun gänzlich verwehrt war. Jonna und Ranel fürchteten die Magier zu sehr, um sie in der Gilde zu besuchen. Sie waren nicht einmal zu ihrer Aufnahmezeremonie gekommen.

„Akzeptiert Ihr diese Bedingungen?“, fragte Balkan und musterte sie und Akkarin wachsam.

Sonea warf einen Blick zu Akkarin. Sie saßen zu weit auseinander, um sich ungestört zu beraten. Sie selbst hätte auf der Stelle alles akzeptiert, solange man nicht von ihr verlangte, sich von Akkarin zu trennen.

„Ich erhebe Einspruch gegen Punkt zwei und vier.“ Akkarins Stimme war ruhig und gab nichts von seinen Emotionen preis. Er hatte sich in seinem Sessel zurückgelehnt und die Fingerspitzen aneinandergelegt. Seine ganze Haltung strahlte Autorität aus.

Die höheren Magier starrten ihn mit offenkundiger Verunsicherung an.

„Warum nicht gegen Punkt eins oder Punkt drei?“, fragte Lord Garrel angriffslustig.

„Das versteht sich hoffentlich von selbst. Was Punkt eins angeht, so wäre es zu diesem Zeitpunkt nicht ratsam, würden Sonea und ich uns überall frei bewegen. Bezüglich Punkt drei möchte ich die höheren Magier noch einmal daran erinnern, dass weder Sonea noch ich schwarze Magie jemals zu einem anderen Zweck als für Kyralias Sicherheit eingesetzt haben. Der Punkt ist damit redundant, doch offenkundig nötig, um Euch eine Illusion von Sicherheit und Kontrolle zu geben.“

Seine Worte missfielen den höheren Magiern. Sonea verkniff sich ein Grinsen. Es geschah ihnen recht, dass Akkarin ihnen so frei heraus zu verstehen gab, was er von ihnen hielt.

„Dennoch seid Ihr nicht in der Position, Forderungen zu stellen“, sagte Osen scharf.

Sie hatte es bereits auf dem Weg zur Grenze vermutet, doch so offen hatte der neue Administrator seine Abneigung gegenüber Akkarin noch nie gezeigt. Es war bedauerlich, aber vielleicht auch besser so. Osen war nicht wie Lorlen. Er würde niemals den Platz von Akkarins bestem Freund einnehmen können.

„Bin ich das nicht?“, erwiderte Akkarin glatt und Sonea kam nicht umhin, ihn für seine Unverfrorenheit zu bewundern. „Die Gilde ist auf uns angewiesen. Die Alternative wäre, nach Sachaka zurückzukehren. Sonea sieht mich als Vorbild, ihre Loyalität gehört mir. Sie würde mir auch dieses Mal folgen. Doch ich kann nicht garantieren, dass wir in der Nähe sind, sollte die Gilde erneut unsere Hilfe benötigen. Es wäre also angemessen, uns nicht wie Gefangene zu behandeln.“

Die höheren Magier tauschten empörte Blicke.

„Das ist unerhört!“, rief Garrel. „Er versucht, uns zu erpressen!“

Der Hohe Lord hob eine Hand. „Lord Garrel, bitte“, sagte er mit einer Spur von Verärgerung. „Lasst ihn ausreden.“

Lord Rolden räusperte sich. „Lord Akkarin, es ist der Wille des Königs, dass Ihr bleibt. Seine Majestät wünscht Euren Schutz.“

Das fällt ihm aber früh ein, dachte Sonea. Sie scheiterte noch immer daran zu begreifen, dass es die drohende Auslöschung der Gilde benötigte, um die Magier und den König zur Vernunft zu bringen.

„Ich werde mich dem Willen Seiner Majestät beugen. Doch wenn er und die Gilde unsere Hilfe wollen, solltet Ihr uns in einigen Punkten entgegen kommen“, fuhr Akkarin fort, als wäre er nicht unterbrochen worden.

Balkan schien alles andere als erfreut, so auch die anderen Magier. „Lord Akkarin, welcher Art soll dieses Entgegenkommen sein?“

Ja, das würde mich auch interessieren, dachte Sonea. Akkarin hatte sie nicht in seine Pläne eingeweiht und ihr zu verstehen gegeben, dass er diese Angelegenheit allein regeln wollte. Sonea hatte nicht protestiert. Im Gegensatz zu ihr wusste er, wie man mit den höheren Magiern umging.

In seinem Sessel richtete Akkarin sich auf. „Ich fordere die Erlaubnis, meine Novizin zu unterrichten. Sonea braucht einen Mentor. Gewiss brauche ich nicht zu erklären, warum niemand anderes für diese Aufgabe in Frage kommt.“

Sonea runzelte die Stirn. Sie war Akkarins Novizin geworden, weil er sicherstellen musste, dass sie sein Geheimnis für sich behielt. War das jetzt wirklich noch notwendig? Sie versuchte, Akkarins Blick einzufangen, doch es schien, als habe er ihre Gegenwart vergessen.

Lady Vinaras graue Augen musterten Akkarin derweil misstrauisch. „Und in was wollt Ihr sie unterrichten?“

„In allem, das notwendig ist, um die Gilde und Kyralia im Fall eines erneuten Angriffs der Sachakaner zu verteidigen. Schwarze Magie ist in Sachaka nicht verboten. Es wäre töricht, sich nicht entsprechend vorzubereiten.“ Akkarins dunkle Augen blitzten zu Auslandsadministrator Kito, der bestätigend nickte.

„Die Sachakaner haben nicht vergessen, dass wir sie im letzten Krieg besiegt und ihr Land verwüstet haben“, sprach der Vindo. „Sie treiben Handel mit uns, aber die diplomatischen Missionen der letzten Jahre zeigen, dass sie uns nur bedingt wohlgesonnen sind. Sie wissen jetzt, wie verwundbar wir sind. Das mindeste, das wir dagegen unternehmen können, ist möglichst abschreckend auf sie zu wirken.“

Balkan starrte finster auf die Tischplatte. „Also wollt Ihr Sonea weiter in schwarzer Magie unterrichten? Hat sie denn nicht schon alles darüber gelernt?“

„Sonea weiß, wie man mit schwarzer Magie tötet. Doch es gibt noch weitere Anwendungen. Die frühe Gilde wusste darüber Bescheid. Ein Teil des Wissens steht in den Büchern, die sich in meinem Besitz befanden. Ich gedenke meine Nachforschungen, ob und wie dieses zur Verteidigung gegen schwarze Magier angewendet werden kann, fortzuführen. Ich denke dabei an schwarzmagische Artefakte, die ohne Kenntnis des Geheimnisses schwarzer Magie eingesetzt werden könnten, was in jeder Hinsicht besser als die Alternative wäre.“

„Die da wäre?“, fragte Lord Vorel.

„Weitere schwarze Magier auszubilden“, antwortete Akkarin wie selbstverständlich, woraufhin einige scharf die Luft einsogen.

„Seid Ihr des Wahnsinns?“, rief Lady Vinara. „Findet Ihr nicht, dass Ihr Sonea schon tief genug in diese Sache hineingezogen habt?“

Akkarin betrachtete das Oberhaupt der Heiler kühl. „Es war Soneas Entscheidung, schwarze Magie zu erlernen und sich mir anzuschließen. Ich habe sie weder dazu ermuntert noch gezwungen.“

„Wenn Ihr das tut, verstoßt Ihr damit gegen Punkt zwei und drei“, sagte Administrator Osen.

„Wenn Ihr Euch Punkt drei noch einmal aufmerksam zu Gemüte führt, werdet Ihr feststellen, dass dies nicht der Fall ist“, entgegnete Akkarin glatt. „Punkt zwei bezieht sich offenkundig darauf, andere Novizen nicht in Kontakt mit schwarzer Magie zu bringen.“ Sein Mundwinkel verzog sich zu einem ironischen Halblächeln. „Wenn ich Sonea unterrichte, besteht diese Gefahr wohl kaum. “

Der Hohe Lord richtete sich in seinem Sessel auf und sah in die Runde. „Wir werden über mögliche Anwendungen schwarzer Magie später beraten“, erklärte er. „Nennt uns nun bitte Eure Einwände zu Punkt vier.“

„Meine Novizin soll wieder in ihre alte Klasse gehen. Es hat lange gedauert, bis sie von den anderen Novizen akzeptiert wurde. Besonders jetzt sollte sie nicht von ihnen isoliert werden.“

„Sonea würde einen schlechten Einfluss auf die anderen Novizen haben“, wandte Rektor Jerrik mit sichtbarem Unbehagen ein. Er runzelte die Stirn „Andererseits könnten die Novizen einen Aufstand veranstalten, wenn wir sie nicht in ihre frühere Klasse gehenlassen. In den letzten Tagen haben mich wiederholt Novizen aufgesucht und gefragt, wann Sonea wieder zum Unterricht kommt. Darunter einige ihrer ehemaligen Klassenkameraden.“

Sonea verspürte ein unwillkürliches Gefühl von Wärme. Sie hätte nie gedacht, dass die anderen Novizen sie vermissen würden, wenn sie nicht mehr zum Unterricht kam. Sicher waren sie nicht freiwillig zu dem mürrischen Rektor gegangen um sich nach ihr zu erkundigen, wenn sie vorhatten, sie erneut zu schikanieren.

Aber sie sind auch zu Rothen gekommen und haben nach mir gefragt.

Vielleicht hatte die Tatsache, dass sie schwarze Magie erlernt hatte, ihrem Ruf gar nicht so sehr geschadet, wie sie befürchtet hatte. Mit einem Mal fühlte sie sich schuldig, weil sie sich nicht bereit gefühlt hatte, ihren ehemaligen Klassenkameraden gegenüberzutreten.

„Sofern ich mich erinnere, stand die Frage, ob Sonea einen schlechten Einfluss auf unsere Novizen haben könnte, vor ein paar Jahren schon einmal zur Debatte“, sagte Rothen. Er schenkte Sonea ein aufmunterndes Lächeln, das sie ein wenig schief erwiderte. „Damals sind jegliche Zweifel zerstreut worden.“

„Damals wusste Sonea aber auch noch nicht, wie man schwarze Magie praktiziert und wie man damit tötet“, gab Lord Garrel zurück.

„Sonea, was ist mit dir?“, fragte Rothen, den Krieger ignorierend. „Möchtest du wieder in deine alte Klasse zurück?“

Sonea zögerte. Sie hatte nicht damit gerechnet, überhaupt jemals wieder zum Unterricht gehen zu können, sollte die Gilde sie wieder aufnehmen. Natürlich würde es nicht mehr wie früher sein, aber das konnte auch eine Verbesserung bedeuten. Doch wann war das Leben in der Gilde für sie jemals normal gewesen? Hatte sie nicht seit ihrer Aufnahme immer wieder unfreiwillig im Mittelpunkt gestanden?

Es ist einen Versuch wert, entschied sie. Ich will nicht den Rest meines Lebens in Isolation verbringen.

Als sie aufsah, stellte sie fest, dass die höheren Magier sie erwartungsvoll ansahen.

„Ich würde gerne wieder in meine alte Klasse gehen“, sagte sie. „Ich habe nicht vor, jemandem Schaden zuzufügen oder für schwarze Magie zu begeistern.“ Sie holte tief Luft. Als sie fortfuhr, hatte ihre Stimme an Härte gewonnen. „Wir sind zurückgekommen, um Euren Hals zu retten. Obwohl Ihr uns verstoßen habt. Solltet Ihr noch immer an meinen Absichten oder an denen von … Lord Akkarin zweifeln, dann könnt Ihr uns gleich wieder zurück nach Sachaka schicken.“

Auf ihre Worte folgte Schweigen. Zum ersten Mal in dieser Besprechung sah Akkarin sie an. Es war nur ein kurzer Moment und doch konnte sie die Berechnung in seinen Augen sehen. Sie wollte ihm zulächeln, doch irgendetwas verstörte sie.

Die höheren Magier rückten zusammen. Die Luft vibrierte und Sonea erkannte, sie hatten sie und Akkarin in eine schalldichte Blase eingeschlossen. Akkarin würde ihre Gedanken wahrscheinlich trotzdem lesen können. Während sich die höheren Magier berieten, wagte Sonea es nicht, Akkarin anzusehen. Sie wusste nicht, wie sie sein Verhalten interpretieren sollte. Doch anscheinend gehörte es zu seinem Plan. Besser, sie spielte mit.

Schließlich räusperte sich der Hohe Lord. „Wir, die höheren Magier, haben entschieden dir diese Chance zu geben, Sonea. Sollte sich deine Anwesenheit im Unterricht negativ auf die anderen Novizen auswirken, wirst du jedoch ausschließlich Privatunterricht erhalten. Aber du wirst keine Novizenroben tragen. Du bist jetzt eine schwarze Magierin.“

„Ich verstehe, Hoher Lord“, sagte sie unbehaglich. So wie Balkan es ausgedrückt hatte, klang es als machten ihre neuen Roben sie zu einer Geächteten. „Danke.“

Balkan nickte knapp. „Rektor Jerrik, arbeitet noch heute einen Stundenplan aus. Sonea möge ab morgen wieder in ihre alte Klasse gehen.“

Der Rektor der Universität nickte mürrisch und machte sich eine Notiz.

„Lord Akkarin, habt Ihr weitere Einwände gegen die soeben genannten Bedingungen?“, fragte Administrator Osen.

„Nein. Da wären jedoch noch einige andere Dinge zu klären.“

„Sprecht“, forderte der Administrator ihn unwillig auf.

„Ich verlange, dass uns sämtliche unserer Besitztümer zurückgegeben werden. Außerdem wünsche ich, meinen Diener Takan zurückzubeordern. Ich würde nur ungern auf ihn verzichten …“

Lord Garrel beugte sich zu Balkan und flüsterte ihm etwas zu.

„Das weiß ich auch“, knurrte Balkan. „Aber was sollen wir machen? Sonea ist ebenfalls seine Quelle.“

Sonea bedeckte ihren Mund mit dem Ärmel, um ihr Grinsen zu verbergen. Von Rothen wusste sie, dass viele Magier fürchteten, Akkarin würde versuchen, die Gilde zu übernehmen, jetzt wo er Akkarin nicht mehr Hoher Lord war.

Garrel wisperte Balkan erneut etwas zu.

„... schwarzer Magier“, hörte sie Balkan sagen, „… kann überall seine Magie beziehen. Strenggenommen hätten wir in nicht einmal in der Arena einsperren dürfen.“

„Aber …“

„Kein aber“, zischte Balkan. „Wenn wir ihm nicht entgegenkommen, wird er sich holen, was er begehrt und uns Schwierigkeiten machen. Wir sollten dafür sorgen, dass er kooperiert.“ Er bedachte Akkarin mit einem finsteren Blick. „Ihr werdet alles zurückbekommen, was Euch gehört“, sagte er. „Lord Akkarin, wäre das alles?“

„Nein. Wo hat die Gilde entschieden, uns unterzubringen?“

Die höheren Magier tauschten unbehagliche Blicke. „Für Euch wurde ein Apartment im Magierquartier hergerichtet, Sonea erhält ein Zimmer im Novizenquartier.“

Akkarin hob eine Augenbraue. „Ich bin überrascht, dass die Gilde zu diesem Schluss gelangt ist. Sicher haben nicht wenige Magier gegen eine solche Lösung protestiert. Im Übrigen sprechen auch eine Reihe praktischer Gründe dafür, meine Novizin und mich am selben Ort zu wissen.“

Der Administrator runzelte die Stirn. „Und wo wollt Ihr wohnen? Doch sicher nicht in der Stadt.“

„Ah, ich dachte da an die Residenzen. Soweit ich weiß, steht eine seit einem halben Jahr leer. Sie ist unbewohnt und in ausgezeichnetem Zustand. Das Haus verfügt über ein eigenes Bad und hat überdies eine Bibliothek sowie zwei Schlafzimmer.“

„Die Arran-Residenz“, sagte Rothen. „Sie wäre ein guter Kompromiss. In den nächsten Jahren sollte kein Mitglied dieses Hauses Anspruch darauf erheben. Bis dahin wird sich gewiss eine andere Lösung gefunden haben.“

Das Haus, das Rothen mir gezeigt hat, nachdem ich Akkarin im Heilerquartier besucht habe! Hatte Rothen das geplant? Sonea sah zu ihrem ehemaligen Mentor. Dieser zwinkerte ihr verstohlen zu.

Der Hohe Lord betrachtete Akkarin mit schmalen Augen. „Hat Eure letzte Forderung etwas mit den Gerüchten zu tun, die mir über Euch und Sonea zu Ohren gekommen sind?“

„Ich weiß von keinen Gerüchten“, gab Akkarin kühl zurück. „Bis vor einer Stunde habe ich mich noch unter Bewachung im Heilerquartier befunden. Es sind nicht viele Neuigkeiten zu mir durchgedrungen.“

„Die Gerüchte betreffen eine intime Beziehung zwischen Euch und Eurer Novizin, die sich während Eures Exils oder auch schon früher entwickelt hat“, klärte Osen ihn auf, seine Miene voll Missbilligung. „Ich muss Euch hoffentlich nicht darauf hinweisen, dass intime Beziehungen zwischen Mentor und Novize nicht von der Gilde gebilligt werden. In diesem Fall würdet Ihr die Aufsicht über Soneas Ausbildung verlieren.“

Akkarin bedachte den Administrator mit einem kühlen Blick. „Was Eure Sorge um Soneas Wohl betrifft, so kann ich Euch beruhigen. Ich habe mich meiner Novizin niemals unsittlich genähert oder auf eine andere Weise versucht, sie zu kompromittieren. Es ist richtig, unser Verhältnis hat sich während unseres Aufenthalts in Sachaka verbessert. Angesichts der Umstände sollte das jedoch keine Überraschung sein. Alles darüber hinaus ist Spekulation.“

Die Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. Mit nur einigen wenigen Worten hatte Akkarin alles geleugnet, was zwischen ihnen geschehen war. Er hatte sich nicht einmal auf seine übliche manipulative Art geschickt um die Wahrheit herumgeredet. Sonea konnte nicht glauben, dass das zu seinem Plan gehörte.

Solange wir nicht wissen, welche Pläne die Gilde mit uns hat, sollten wir unsere Beziehung geheim halten, hatte Akkarin gesagt.

Jetzt kannten sie die Pläne der Gilde jedoch und Akkarin hatte all seine übrigen Wünsche durchgesetzt. Hatte er sich das mit ihr anders überlegt?

„Ich glaube ihm“, hörte sie Lady Vinara wie aus weiter Ferne sagen. „Vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch mit Sonea über dieses Thema. Akkarin sagt die Wahrheit. Im Übrigen glaube ich, dass Sonea Akkarin bedingungslos gehorcht, weswegen ich mich dafür ausspreche, sie erneut in seine Obhut zu geben. So haben wir es im Zweifelsfall mit nur einem Gegner zu tun.“

Und ich habe Lady Vinara angelogen! Sonea wollte aufbegehren, wollte den höheren Magiern unter die Nase reiben, dass sie und Akkarin einander liebten. Sie wollte ihnen sagen, wie töricht sie sich verhielten. Doch sie blieb still. Was auch immer sie sagen würde, es würde ihre Situation nur verschlimmern. Wütend ballte sie die Fäuste unter dem Tisch und fühlte sich so hilflos und verraten wie an jenem Tag, an dem Akkarin sie von Rothen getrennt hatte.

„Das kann auch ein Risiko sein“, warnte Balkan. „Wenn die beiden beschließen, sich gegen die Gilde zu wenden …“

„ … dann wärt Ihr dagegen in jedem Fall machtlos“, beendete Akkarin seinen Satz. „Ihr habt zwei Möglichkeiten: Entweder Ihr bringt uns das nötige Vertrauen entgegen, dass wir uns an die Abmachungen halten oder Ihr riskiert, dem nächsten Angriff der Sachakaner schutzlos ausgeliefert zu sein. Alles hängt davon ab, ob Ihr es akzeptieren könnt, zwei schwarze Magier unter Euch zu wissen oder ob Ihr auf immer ohne Schutz bleiben wollt.“


***


Die höheren Magier berieten sich erneut. Obwohl sie Sonea und Akkarin wieder in einer schalldichten Blase eingeschlossen hatten, bezweifelte Rothen keinen Augenblick, dass die beiden sich den Inhalt der Diskussion denken konnten.

„Bedenkt, dass Akkarins Absichten der Gilde gegenüber stets ehrenhaft waren“, sagte Lady Vinara. „Er mag uns hintergangen haben, doch er hat es getan, um uns zu beschützen. Er hat seine Macht niemals missbraucht. Er wird dafür sorgen, dass Sonea mit ihrer Macht ebenfalls vernünftig umgeht. Er soll ihr Mentor bleiben. Für mich spricht nichts dagegen, sie beide in der Arran-Residenz unterzubringen. Sie ist daran gewöhnt, mit ihm im selben Haus zu wohnen. Während ihrer Verbannung waren sie ganze Zeit zusammen. Ich habe größere Bedenken dabei, sie von ihm zu isolieren. Für den Fall, dass Akkarin sich ihr auf unsittliche Weise nähert, habe ich ihr gezeigt, wie sie sich schützen kann.“

„Sonea würde niemals eine unvernünftige Entscheidung treffen“, fügte Rothen hinzu. „Wir sollten den beiden entgegenkommen, wir brauchen sie. Auch wenn manche das anders sehen mögen.“ Er warf Lord Garrel einen finsteren Blick zu.

Der Krieger hob die Augenbrauen. „Akkarin hat indirekt zugegeben, dass er das Gelände der Gilde jederzeit verlassen kann“, entgegnete er.

„Er ist zu stark, als dass wir ihn ernsthaft daran hindern könnten“, sagte Balkan. „Das wussten wir die ganze Zeit. Wir können ihn und Sonea nicht bis ans Ende ihrer Tage von all unseren Kriegern bewachen lassen. Seine Loyalität gegenüber dem König und Kyralia wird dafür sorgen, dass er sich uns fügt. Und Soneas Loyalität ihm gegenüber muss uns als Garantie genügen, dass sie sich an die Regeln hält.“

„Wenn die Sachakaner erfahren, dass wir Akkarin und Sonea wie Gefangene behandeln, könnte sie das dazu ermuntern, uns erneut anzugreifen“, warnte Kito. „Zwei schwarze Magier, die wie Limeks an der Leine gehalten werden, werden sie kaum als Gefahr betrachten.“

„Trotzdem dürfen wir nicht zulassen, dass er die gleiche Macht über uns hat, wie als Hoher Lord“, wandte Garrel ein.

Und damit hatte er nicht unrecht. Selbst jetzt hatte Akkarin noch Macht über die höheren Magier. Doch das ließ sich nicht ändern. Er hatte etwas, das die Gilde dringend brauchte. Die Gilde musste ihm entgegenkommen.

„Ob es uns gefällt oder nicht. Unser Schicksal liegt in Akkarins und Soneas Händen“, sagte Vinara. „Sie sind alles, was zwischen uns und Sachaka steht. Das würde ich nicht als ’Macht’ bezeichnen.“

Das Oberhaupt der Heiler war mit Abstand die vernünftigste der höheren Magier. Vinara war mitfühlend und besonnen und hatte die Gabe, eine Sache von allen Seiten zu betrachten. Sie wählte ihre Worte stets mit Bedacht und scheute sich nicht davor, ihren Kollegen die Meinung zu sagen. Die Krieger, wenn sie auch intelligent waren, handelten oft impulsiv und dachten nur an den strategischen Vorteil, während die Alchemisten immer alles zu sehr vom Standpunkt der Wissenschaft aus betrachteten. Selbst Rothen ertappte sich hin und wieder dabei, wenn seine Ansichten nicht gerade von Soneas Wohlergehen beeinflusst waren.

„Akkarin und Sonea sind zurückgekommen um uns vor den Sachakanern zu retten, obwohl wir sie verstoßen haben“, sagte Lord Peakin. „Wie stehen wir da, wenn wir zwei Mal denselben Fehler begehen, weil wir zu stolz sind, ihnen zu verzeihen? Mir gefällt es auch nicht, aber uns bleibt nichts anderes übrig, als ihnen zu vertrauen.“

„Ich möchte hinzufügen, Seine Majestät schenkt Akkarin noch immer großes Vertrauen“, fügte Lord Rolden hinzu.

Rothen warf einen Blick zu Akkarin und Sonea. Akkarin musterte die höheren Magier gelassen. Sonea hingegen wirkte blass und unsicher. Bei ihrem Anblick verspürte Rothen ein unwillkürliches Mitleid. Er unterdrückte ein Seufzen.

„Ich bezweifle, dass Akkarin an Macht interessiert ist“, sagte er. „Das hat ihn nie sonderlich gekümmert.“

„Wie auch, wenn er acht Jahre lang unser Hoher Lord war?“, warf Garrel ein.

„Akkarin ist dem König und Kyralia gegenüber loyal“, entgegnete Rothen irritiert. Garrel besaß ein beeindruckendes Redetalent, das ihm half, seine Gesprächspartner für seine zuweilen verqueren Ansichten zu gewinnen. „Doch jede Loyalität hat Grenzen, wenn man ihr zu viel abverlangt. Wir sollten sie nicht überstrapazieren.“

„Lord Rothen hat recht“, brummte Balkan. „Akkarin könnte uns Schwierigkeiten bereiten, wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. Der Gilde zuliebe sollten wir es nicht dazu kommen lassen.“

„Die Mehrheit der Gilde hat dafür gestimmt, die beiden wieder aufzunehmen“, erinnerte Administrator Osen die anderen mit unverhohlenem Unwillen. „Wenn wir sie wieder fortschicken, weil Akkarin ein paar Forderungen gestellt hat, die in Anbetracht unserer Situation mit den Sachakanern unwesentlich sind, bringen wir den Rest der Gilde gegen uns auf. Bedenkt, dass er sich weder gegen das Ausgehverbot gestellt hat noch auf irgendeine Weise wieder zu Einfluss gelangen will. Alles, was er wollte, betraf Soneas Wohl.“

„Womit wir wieder bei der Frage wären, ob an den Gerüchten über die beiden etwas dran ist“, murmelte Lord Peakin.

Der Hohe Lord seufzte. „Darüber möchte ich mir heute wirklich nicht mehr den Kopf zerbrechen. Wir werden sehen, ob die Gerüchte sich halten. Falls Akkarin wirklich eine Affäre mit seiner Novizin hat, werden wir das sehr bald an ihren Noten erkennen.“

Rothen zuckte zusammen. Er hoffte, Sonea würde sich durch ihre Gefühle nicht vom Unterricht ablenken lassen. Und er hoffte, Akkarin war anständig genug, das nicht zuzulassen. Rothen fragte sich, was geschehen würde, wenn die höheren Magier herausfanden, dass er von dieser Beziehung wusste. Was, wenn es ihn sein neues Amt kostete? Er hatte entschieden, dieses Risiko für Sonea einzugehen, weil er dank seiner neuen Position er endlich die Macht hatte, ihr das Leben in der Gilde zu erleichtern.

„Das denke ich auch“, sagte Lady Vinara.

Rothen nickte. „Ich auch.“

Der Hohe Lord blickte in die Gesichter der anderen. Er nickte und löste die Schallbarriere. „Wenn es keine weiteren Einwände gibt, sind Lord Akkarin und Sonea hiermit wieder in die Gilde aufgenommen. Sie bekommen bis auf weiteres die Arran-Residenz als Quartier zugeteilt. Lord Rothen, bitte sorgt dafür, dass das Gebäude heute Abend noch bezugsfertig gemacht wird und begleitet Sonea nach draußen. Wenn Ihr damit fertig seid, kommt zurück. Die übrigen höheren Magier und Lord Akkarin mögen bitte noch hier bleiben.“

„Wie Ihr wünscht, Hoher Lord.“ Rothen schob seinen Stuhl zurück und erhob sich. „Komm, Sonea“, sagte er und legte ihr eine Hand auf die Schulter.

Sie nickte schwach und folgte ihm nach draußen. Rothen hatte Mühe, seine Erheiterung zu unterdrücken. Als die Türen des Tagessaals hinter ihnen ins Schloss fielen, hielt Sonea inne und wandte sich ihm zu.

„Was?“, fragte sie ungehalten.

Rothen gluckste. Es dauerte eine Weile, bis er sich soweit beruhigt hatte, dass er leise sprechen konnte.

„Das war wahrhaftig genial!“, erklärte er schließlich. „Dein Freund sollte über eine Karriere in der Politik nachdenken.“

„Er ist nicht mein Freund!“, grollte Sonea.

Rothen runzelte die Stirn. Eine das Badehaus verlassende Gruppe Magier musterte sie neugierig. „Sei etwas leiser“, raunte er.

Sonea schnitt eine Grimasse.

„Nun“, sagte Rothen. „Wie würdest du ihn denn dann nennen?“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, ihre Miene finster. Hinter ihrer grimmigen Fassade glaubte Rothen jedoch, Schmerz in ihren Augen zu sehen.

„Er ist mein Mentor. Das habt Ihr doch eben gehört.“

Rothen blinzelte verwirrt. Irgendetwas schien sie zu ärgern, aber er verstand nicht, was der Auslöser dafür war. „Sonea, was ist los? An seiner Stelle hätte ich dasselbe getan. Auch wenn ich bei weitem nicht sein Geschick habe, andere von meiner Meinung zu überzeugen.“

Sonea starrte ihn an. „Das kann nicht Euer Ernst sein!“

Mit diesen Worten ließ sie Rothen stehen und stapfte an den Magiern vorbei, die ihr verstört hinterher starrten.

„Warte!“, rief Rothen ihr nach.

Doch Sonea war bereits auf dem Weg zu den Universitätsgebäuden. Rothen fuhr sich über die Stirn und seufzte. Hoffentlich würde sie in ihrem Zorn nichts Unüberlegtes tun. Er war hin und hergerissen dazwischen, ihr hinterher zu eilen und sie zu beruhigen und die Aufgaben zu erledigen, mit denen Balkan ihn betraut hatte. Dann kam ihm plötzlich eine Idee.


***


Sonea stürmte aus den Sieben Bögen.

Akkarin hatte gewollt, dass sie ihre Beziehung vorerst geheim hielten. Sie verstand, warum er das wollte. Aber sie konnte nicht glauben, dass seine vorhin gezeigte Gefühlskälte zu seinem Plan gehörte. Und Rothen hatte sich auf seine Seite gestellt! Wenigstens er hätte zu ihr halten müssen!

Ob er denkt, es wäre besser, wenn wir nicht zusammen sind? Aber warum hat er dann dafür gesorgt, dass wir in der Arran-Residenz wohnen dürfen? Damit ich niemanden erzähle, was zwischen uns in Sachaka war?

Ratlos blieb Sonea im Innenhof stehen und sah sich um. Bis auf die Lichter in den Quartieren der Magier und Novizen war das Gelände der Gilde in Dunkelheit gehüllt. Der Regen hatte aufgehört, doch der Wind an Stärke gewonnen und ließ sie frösteln. Trotz der Kälte machte sie sich nicht die Mühe, einen Wärmeschild zu errichten.

Es verlangte ihr danach, zur Quelle zu gehen. Aber was, wenn sie damit die Gilde in Aufruhr versetzte, weil sie nicht zu finden war?

Seufzend ließ sie sich auf eine Bank fallen und vergrub das Gesicht in den Händen.

Warum hat er das getan?, konnte sie nicht aufhören zu denken. War ihm in den letzten Tagen klargeworden, dass ihre Beziehung ein Fehler gewesen war? Hatte er sie deswegen nicht vorgewarnt? Wusste er denn nicht, dass er sie damit verletzte?

Wenn ihm wirklich so viel an mir liegen würde, dann hätte er den höheren Magiern die Wahrheit gesagt, dachte Sonea. Oder er hätte sie auf geschickte Weise verdreht. Er hätte einen Weg gefunden, damit die Gilde uns nicht trennt.

Wenn die Gilde uns wieder aufnimmt, muss sie uns als das akzeptieren, was wir sind, hatte Akkarin am Abend vor der Schlacht gesagt. Für Sonea hatte das neben der Tatsache, dass sie beide schwarze Magier waren, ihre Beziehung mit eingeschlossen. Sie hatte geglaubt, er würde sie in seine Entscheidungen einbeziehen. Nun fragte sie sich, ob er das jemals wirklich getan hatte, oder ob er sie nur in diesem Glauben gelassen hatte, um in aller Ruhe seine eigenen Ziele zu verfolgen.

Ich hätte auf Jonna hören sollen. Ich hätte schon viel früher mit ihm über uns reden sollen. Aber der Abend vor der Schlacht war ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt gewesen. Und auch danach hatte Sonea keine Gelegenheit gehabt, das Thema zu forcieren. Alles, was sie beschlossen hatten, war ihr Verhältnis der Gilde zu verschweigen. Und das war Akkarins Idee gewesen.

Ich finde es nicht gut, wenn wir einander verleugnen, hatte sie gesagt.

Mir gefällt es auch nicht, aber wir haben keine Wahl. Lass ihnen Zeit, sich an uns zu gewöhnen, hatte er erwidert.

Hatte Akkarin erkannt, dass seine Loyalität zur Gilde Vorrang hatte und eine Beziehung ihn diesbezüglich nur in einen Konflikt nach dem anderen stürzen würde? Oder hatte er nun, da sie wieder zurück waren, erkannt, dass seine Gefühle für sie doch nicht so intensiv waren, wie er geglaubt hatte? Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Was, wenn es ihm mit ihr niemals ernst gewesen war, weil er nicht geglaubt hatte, sie würden die Schlacht überleben? Was, wenn er nur seinem Verlangen nachgegeben hatte? Aber sie war so sicher gewesen, dass da mehr gewesen war! Sie hatte es gespürt!

Weder bei ihrem Besuch im Heilerquartier noch während der Trauerfeier am vergangenen Tag hatte es Anzeichen gegeben, dass Akkarin ihre Beziehung zu beenden beabsichtigte. Aber warum hatte er ihr dann vorhin nicht zumindest ein kleines Zeichen gegeben? Das alles passte nicht zusammen.

Schritte näherten sich. Sonea unterdrückte ein Stöhnen.

„Rothen hat mir erzählt, was passiert ist.“

Unwillig hob sie den Kopf. Vor ihr stand ein Magier in grünen Roben und vom Wind zerzausten Locken. Dorrien.

„Hat er dich geschickt, damit du mich überzeugst, dass die Anhörung nicht besser hätte laufen können?“, fragte sie unwirsch.

„Das war seine Absicht.“ Dorriens Roben raschelten, als er sich neben sie setzte. „Aber ich teile seine Meinung nicht.“

Sonea betrachtete ihn mit schmalen Augen. „Warum bist du dann hier?“

„Ich dachte, du könntest einen Freund zum Reden brauchen.“

Sonea versuchte ein Lächeln zustande zu bringen, das Dankbarkeit ausdrückte. Sie wollte nicht reden. Dennoch fühlte sie sich ein Stück weniger allein.

„Frierst du nicht?“ Dorrien nahm ihre Hände zwischen seine, die sich rau und ein wenig schwielig anfühlten. Tatsächlich waren seine Hände wärmer als die ihren.

„Das interessiert mich im Augenblick nun wirklich nicht“, gab sie zurück.

„Nur weil du wütend bist, sollte dir deine Gesundheit nicht egal sein“, widersprach er sanft.

„Vielleicht fällt ihm ja dann wieder ein, dass ihm etwas an mir liegt!“

„So ein Blödsinn!“, rief Dorrien. Er errichtete einen Wärmeschild um sie beide. Als seine Hand über ihren Rücken strich, schloss Sonea die Augen.

„Ich habe mich nie bei dir bedankt, weil du mir geholfen hast, Akkarin zu retten“, sagte sie nach einer Weile leise und sah zu ihm hoch.

„Gern geschehen“, erwiderte Dorrien und lächelte.

Doch Sonea erwiderte sein Lächeln nicht. „Es ist nur …“, begann sie und brach dann ab.

„Jetzt wünschst du, du hättest ihn sterben lassen?“

Sonea drehte den Kopf weg. Was trieb sie dazu, solch finstere Gedanken zu haben? Reichte es nicht, dass sie Dorrien an jenem Tag verletzt hatte?

„Tut mir leid, dass ich dich genötigt habe, mir zu helfen“, sagte sie, um nicht antworten zu müssen.

„Du warst nicht du selbst“, widersprach er sanft. „Mir wäre es nicht anders ergangen, hättest du statt seiner dort gelegen.“

Überrascht wandte sie den Kopf. Dorriens blaue Augen funkelten wie an jenem Tag an der Quelle. Verstört senkte sie den Blick auf ihre Stiefel.

„Wenn er das Treffen mit den höheren Magiern genutzt hat, um sich von dir zu trennen, dann ist er feiger als ich dachte“, sagte Dorrien hart.

Trotz ihres Ärgers über Akkarin versetzten seine Worte Sonea einen Stich. „Er ist nicht feige“, widersprach sie heftig. „Er weiß, ich würde es nicht akzeptieren. Deswegen macht er so, dass ich mich ihm nicht widersetzen kann. Und weil wir ab sofort im selben Haus wohnen werden und er wieder mein Mentor ist, kann er dafür sorgen, dass ich niemandem erzähle, was zwischen uns war.“

Dorrien schnaubte. „Wenn er dir das Herz bricht, bekommt er es mit mir zu tun.“

„Das würde ich nicht tun, Dorrien. Selbst jetzt ist er noch viel stärker als du.“

Und sie wusste, sie würde Dorrien trotz allem nicht unterstützen, sollte er sich gegen Akkarin stellen.

„Dann kann ich immer noch meinen anderen Plan in die Tat umsetzen.“

Sie blinzelte verwirrt. „Welchen Plan?“

„Dich aus der Gilde zu entführen.“

Wider Willen musste Sonea lachen. „Du gibst wohl niemals auf, nicht wahr?“

„Nein.“ Seine blauen Augen begegneten ihren. „Nicht solange ich davon überzeugt bin, dass du noch ein bisschen für mich übrig hast.“

Seine Direktheit brachte sie in Verlegenheit. Sonea begriff, dass sie vermeiden musste, ihm erneut Hoffnungen machen. Dorrien war für sie nie mehr als ein guter Freund gewesen. Damals nach dem Kuss an der Quelle hatte sie geglaubt, in ihn verliebt zu sein. Aber wenn da mehr gewesen wäre, hätte sie dann in den darauffolgenden Monaten nicht öfter an ihn gedacht? Hätte sie sich dann nicht schuldig gefühlt, als sie sich in Akkarin verliebt hatte?

Nein, als sie ihre Gefühle für Akkarin entdeckt hatte, hatte sie bereits längst vergessen gehabt, jemals etwas für Dorrien empfunden zu haben.

„Dorrien, so einfach ist das nicht“, sagte sie vorsichtig. Selbst, wenn es ihr noch erlaubt wäre, das Gelände der Gilde zu verlassen, hätte sie nicht gewusst, ob sie wirklich mit ihm gehen wollte. Sie wusste, was das für sie bedeuten würde.

„Aber du bist unglücklich.“

Sonea schnaubte und sah dem unermüdlich plätschernden Springbrunnen in der Mitte des Hofes. „Als ob ich das inzwischen nicht gewohnt wäre!“

„Ich möchte nicht, dass du unglücklich bist“, sagte Dorrien und berührte ihre Wange.

Nicht wissend, wie sie darauf reagieren sollte, schwieg Sonea.

„Sonea, darf ich dich etwas fragen?“

Sie nickte.

„Liebst du ihn wirklich?“

Was für eine Frage!

Sie nickte erneut, obwohl es sie schmerzte, Dorrien zu enttäuschen.

Dorrien schloss für einen Moment die Augen. „Und dennoch lässt du zu, dass er dir weh tut?“, fragte er dann leise.

„Was soll ich denn tun? Wenn ich meine Gefühle so einfach abstellen könnte, hätte ich das schon längst getan.“

Doch das war gewesen, bevor sie erfahren hatte, dass Akkarin dasselbe empfand wie sie. Sollte sich nun das Gegenteil herausstellen, wusste sie nicht, wie sie es ertragen sollte, wieder nur Akkarins Novizin zu sein. Was sich zwischen ihnen in Sachaka entwickelt hatte, konnte nicht rückgängig gemacht werden.

Dorrien hatte sie schweigend gemustert. „Liebst du ihn mehr als du mich geliebt hast?“, fragte er überraschend gefasst.

Sonea seufzte. Dieser Abend schien sich zu einem einzigen Albtraum zu entwickeln. Musste er das ausgerechnet jetzt wissen wollen? Sie fragte sich, ob sie auch Dorrien gerettet hätte, wäre er bei der Invasion gestorben. Sie hätte es versucht. Aber wäre es ihr auch gelungen? Entschlossen schob sie diesen Gedanken beiseite.

„Dorrien, das mit dir war etwas völlig anderes“, sagte sie. „Wir waren nie zusammen. Es tut mir leid. Bitte stell mir nicht solche Fragen. Nicht jetzt.“

„Verzeih mir“, sagte er leise und strich über ihre Wange.

„Sonea. Es ist Zeit zu gehen. Ich wünsche, dass du morgen ausgeruht bist.“

Sonea zuckte zusammen, als sie die kühle Stimme erkannte.

Akkarin.

Wie lange hatte er bereits dort gestanden und sie beobachtet? Sein Blick ließ sie erschaudern. Mit einem Mal fürchtete sie ihn wieder so sehr wie eh und je.

„Ja, Lord Akkarin“, sagte sie steif und erhob sich.

Dorrien erhob sich ebenfalls und fing sich einen kalten und vernichtenden Blick von Akkarin ein. „Gute Nacht, kleine Sonea“, sagte er, den anderen Mann ignorierend.

„Dir auch, Dorrien.“ Sonea stellte sich auf die Zehenspitzen und umarmte ihn, hauptsächlich aus echter Zuneigung, aber auch um Akkarin zu ärgern. „Werde ich dich noch sehen, bevor du abreist?“

Dorrien nahm ihre Hände zwischen seine und drückte sie sanft. „Ich werde nicht gehen, ohne mich zu verabschieden“, versprach er. „Ein paar Tage werde ich noch im Heilerquartier aushelfen.“

„Sofort, Sonea.“

Akkarins Stimme klang ungehalten. Er wandte sich zum Gehen.

Sonea warf Dorrien einen entschuldigenden Blick zu und eilte Akkarin nach.

Ein nervöser Diener erwartete sie am Rand des Innenhofs. Sonea und Akkarin folgten ihm vorbei an den Magierquartieren zu dem Weg, der zu den Residenzen führte.

Während sie durch den Wald gingen, sprachen sie kein Wort. Sonea hatte die Hände in den Ärmeln ihrer Robe zu Fäusten geballt und starrte finster zu Boden. Ohne Dorriens Wärmeschild drang ihr der Wind bis auf die Knochen. Neben sich konnte sie Akkarins Schild wahrnehmen. Darunter würde es warm und behaglich sein. Doch sie war zu wütend, um das überhaupt in Erwägung zu ziehen oder einen eigenen Schild zu errichten.

Außerdem wäre es wahrscheinlich ohnehin unangemessen, dachte sie mit einem leisen Schnauben.

Nachdem sie eine Viertelstunde durch den Wald gegangen waren, tauchten vor ihnen die ersten Residenzen auf. Hinter den Fenstern eines Hauses brannten heimelige Lichter, während sich daneben eine Ruine wie die Silhouette eines Gerippes von der Dunkelheit abhob.

Am Ende des Weges bog der Diener auf einen schmalen Pfad zu seiner Rechten ab. Nach einem weiteren kurzen Marsch kam ein zweistöckiges Haus in Sicht. In der Dunkelheit waren nur die Umrisse zu erkennen, doch Sonea wusste bereits von ihrem Ausflug mit Rothen, wie es aussah. Vor der Tür erklärte der Diener ihnen, wo sich welche Zimmer befanden. Dann verneigte er sich hastig und floh in die Nacht.

Akkarin ließ die Tür aufschwingen und sie traten in die Eingangshalle. Ihre Lichtkugeln erhellten einen großen Raum mit steinernen Säulen. Eine fragile Marmortreppe wand sich auf jeder Seite in das obere Stockwerk empor. Die linke führte zu den Schlafzimmern und die rechte zu einem Arbeitszimmer und einer Bibliothek. Auf dem Boden lag ein Teppich aus einem kostbar aussehenden Garn. Unter anderen Umständen wäre Sonea hingerissen gewesen. Doch die Emotionen, die sich den Tag über in ihr angestaut hatten, waren kurz davor, sich zu entladen.

„Werde ich heute Abend noch erfahren, was ich getan habe, um deinen Zorn auf mich zu ziehen?“

Sonea starrte Akkarin an. Er wirkte völlig ruhig. Hatte er wirklich keine Ahnung, was er angerichtet hatte?

In einer rebellischen Geste schob sie ihr Kinn vor. „Nein“, sagte sie hart. „Das kann warten, bis ich mit meiner Ausbildung fertig bin. So, wie ich das sehe, wird es vorher auch nicht wichtig sein.“

Akkarin öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch sie hob einen Finger. Wenn sie noch sehr viel länger in seiner Nähe blieb, würde sie zusammenbrechen.

„Ich werde jetzt mein Schlafzimmer suchen“, sagte sie mit bebender Stimme. „Schließlich soll ich morgen ausgeschlafen sein.“

„Sonea …“

„Gute Nacht, Lord Akkarin“, sagte sie und ließ ihn in der Halle stehen.

Während sie die Stufen zu ihrer Linken hinaufstapfte, verspürte sie eine leise Überraschung, weil es ihr so leicht gefallen war, unnachgiebig zu bleiben. Sie hatte sich nicht gerade fair verhalten. Doch sie war zu wütend, um sich über Fairness Gedanken zu machen. Was er getan hatte, war auch nicht fair gewesen. Sie würde ihm die Meinung sagen. Aber erst, wenn sie sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

Von der Treppe aus gelangte Sonea in einen Flur mit mehreren Türen. Ihr Zimmer war das letzte auf der rechten Seite. Daneben lag ihr Studierzimmer. Immerhin war das eine Verbesserung, wenn auch nur eine geringfügige. Als sie die Tür hinter sich schloss, stieß sie einmal tief die Luft aus, die sie angehalten hatte. Nur vage nahm sie die erlesene Möblierung aus Nachtholz und die großen Fenster wahr.

Auf dem Bett fand Sonea ein zusammengefaltetes Nachthemd. Als sie es überstreifte, bemerkte sie, wie sie zitterte. Der Zorn und die Enttäuschung hatten ihren Höhepunkt erreicht und verlangten nach Katharsis. Mit einer letzten Anstrengung stieg Sonea ins Bett und zog die Decke über den Kopf. Dann begann sie zu weinen und hoffte, dass es niemand hörte.


***


Ein langer Tag lag hinter Rothen, als er endlich in sein Apartment zurückkehrte. Die Besprechung im Tagessaal hatte länger gedauert als erwartet. Akkarins Forderungen und seine Ansichten zur Reaktion der Sachakaner auf die Schwäche der Gilde hatten nach seiner Rückkehr für reichlich Diskussionsstoff gesorgt. Die Worte des schwarzen Magiers hatten die höheren Magier beunruhigt. Rothen musste sich eingestehen, es erging ihm nicht anders. Viel zu lange hatten sie nicht gewusst, welche Bedrohung Sachaka für sie darstellte und dies bis zuletzt ignoriert. Balkan, Garrel, Osen und Jerrik zogen es indes vor, Akkarin zu misstrauen und ihre Augen vor der Wahrheit zu verschließen.

Im Augenblick machte Rothen sich jedoch mehr Sorgen um Sonea als um die Sachakaner. Hatte sie erwartet, dass alles wieder so würde wie vor ihrer Verbannung?

Damit sie keine Dummheiten anstellte, hatte er Dorrien gebeten, sich um sie zu kümmern. Nach der ungewöhnlich langen Gildenversammlung war sein Sohn in der Gilde geblieben, um ein paar Stunden zu schlafen. Rothen hatte ihn auf einer Liege im Heilerquartier gefunden. Zuerst hatte Dorrien sich geweigert, nach Sonea zu sehen, doch als Rothen ihn über den Verlauf der Besprechung informiert hatte, hatte er plötzlich bereitwillig nachgegeben.

Jetzt waren sie und Akkarin vermutlich schon auf dem Weg in ihr neues Zuhause. Rothen hoffte, der schwarze Magier würde Sonea wieder zur Vernunft bringen.

Als ihm wieder einfiel, dass er noch den Unterricht für den nächsten Tag vorbereiten musste, unterdrückte er ein Stöhnen. Während Sonea bei ihm gewohnt hatte, hatte er sich von einem Kollegen vertreten lassen. Ab dem kommenden Tag würde er die beiden Klassen, die ihm dieses Halbjahr zugeteilt worden waren, jedoch wieder selbst unterrichten. Zudem hatte er seinen neuen Novizen sträflich vernachlässigt. Doch auch das würde sich nun ändern.

Rothen fühlte sich zu erschöpft für Alchemie und Lehrpläne. Zu viele Dinge schwirrten durch seinen Kopf, die er für einige Stunden beiseiteschieben musste, wenn er sich auf seine Arbeit als Lehrer konzentrieren wollte.

Als er die Tür zu seinem Apartment öffnete, fiel sein Blick auf die dunkle Silhouette in einem der Sessel.

„Wer ist da?“, fragte er.

„Ich bin’s, Vater.“

„Dorrien!“, rief Rothen, erleichtert, weil es nicht der Mann war, den er befürchtet hatte. „Welch seltener Gast! Musst du mich so erschrecken?“

„Entschuldige, Vater. Ich werde auch nicht lange bleiben.“

Rothen schuf eine Lichtkugel und ließ sie hinter einen Wandschirm schweben. „Dein altes Zimmer ist wieder frei“, sagte er. „Du kannst es wiederhaben.“

Sein Sohn schüttelte den Kopf. „Ich weiß, aber ich werde wieder ins Heilerquartier gehen.“

Rothen unterdrückte ein Seufzen. Dorrien verstand es in letzter Zeit wahrhaftig, ihm aus dem Weg zu gehen. Er trat zu einer Anrichte. Aus einer Dose nahm er mehrere getrocknete Sumiblätter, gab diese in eine Tasse und goss sie mit Wasser aus einer Karaffe auf. Während er das Getränk mit Magie erhitzte, kehrte er zu den Sesseln zurück und setzte sich Dorrien gegenüber.

„Du weißt, du bist hier immer willkommen, Dorrien.“

Dorrien antwortete nicht darauf. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet.

„Sie ist mit ihm gegangen“, sagte er leise. Er hob den Kopf und blickte Rothen anklagend an. „Warum hast du das zugelassen?“

Rothen seufzte. Würde Dorrien jemals aufhören, Sonea nachzutrauern, weil sie seine Gefühle nicht erwiderte?

„Dorrien, Sonea liebt Akkarin nun einmal“, sagte er behutsam. „Du weißt, wie sie ist, wenn sie sich erst einmal etwas in den Kopf gesetzt hat. Bis vor einigen Monaten hat sie ihn noch gehasst. Schon allein deswegen wird sie einen guten Grund haben, dass sie jetzt mit ihm zusammen ist. Sie wird ihn nicht verlassen. Du tätest besser daran, das endlich zu akzeptieren.“

„Sie ist unglücklich und du lässt zu, dass er sie verletzt. Du bist jetzt ein höherer Magier. Wenigstens du solltest den Anstand haben, diese Beziehung aufzudecken. Es wäre besser für Sonea. Wenn du es nicht tust, dann werde ich es tun.“

„Das wirst du bleibenlassen“, sagte Rothen scharf. Die höheren Magier würden fragen, ob er davon gewusst hatte. Doch was noch viel schlimmer war: Die Enthüllung ihrer Beziehung konnte dazu führen, dass Akkarin und Sonea sich gegen die Gilde stellten. „Ich möchte Sonea genauso wenig wie du unglücklich wissen. Deswegen habe ich Akkarin heute unterstützt. Er hat alles getan, um ihr das Leben in der Gilde so angenehm wie möglich zu machen.“

Dorrien schnaubte.

„Du würdest es erkennen, wenn dein Hass auf ihn nicht deinen Verstand trüben würde“, fügte Rothen hinzu.

„Mein Verstand funktioniert bestens, Vater.“ Dorriens blaue Augen funkelten gefährlich. „Und dieser sagt mir, Akkarin ist nicht der Richtige für Sonea.“

Rothen unterdrückte das Verlangen, seinen Sohn zurechtzuweisen. Er wusste, es war sinnlos. Dorrien war so störrisch wie die Reber in den Bergen.

Wäre er davon überzeugt, Sonea und Dorrien gehörten zusammen, dann hätte Rothen alles getan, um sie von Akkarin zu trennen. Dorrien war sanft, gutmütig und stand leidenschaftlich für seine Ideale ein. In Rothens Augen machte ihn das zu einer guten Partie. Eine Beziehung der beiden würde jedoch nicht lange gutgehen. Sonea war stark und temperamentvoll. Sie brauchte jemanden, der ihr die Stirn bieten konnte und dem sie bereitwillig gehorchte. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen aus den Hüttenvierteln, sie war jetzt eine schwarze Magierin. Trotz aller Bedenken, die er anfangs gegen Akkarin gehabt hatte, musste Rothen zugeben, dass dieser Mann besser zu ihr zu passen schien, als sein Sohn.

Kopfschüttelnd trank er einen Schluck Sumi. „Dorrien, ich weiß, du willst das nicht hören. Aber es wird Zeit, dass du eine Frau findest, die zu dir passt.“

„Welche Frau zu mir passt, kann ich noch immer am besten selbst entscheiden“, gab Dorrien störrisch zurück.

Rothen seufzte erneut. Allmählich wurde es zur Tradition, dass Dorrien jedes Mal, wenn er zu Besuch kam, alles auf den Kopf stellte. Plötzlich wünschte er sich nichts sehnlicher als, dass sein Sohn bald wieder in die Berge zurückkehrte.

„Ich gehe nun wieder ins Heilerquartier.“ Dorrien stand auf. „Gute Nacht, Vater.“

„Dorrien, warte.“

Dorrien hielt inne und wandte sich ihm zu. Er wirkte ungehalten.

„Versprich mir, Soneas Geheimnis weiterhin für dich zu behalten“, verlangte Rothen. „Wenn du sie verrätst, wirst du sie erst recht verlieren.“

Dorrien nickte zögernd. „Warum kommt es mir nur so vor, als wenn alles, was ich für sie tue, sie noch mehr in seine Arme treibt?“, hörte Rothen ihn murmeln.

„Das weiß ich nicht.“ Rothen verspürte ein jähes Mitgefühl mit seinem Sohn. Unerwiderte Liebe war etwas sehr Schmerzhaftes. „Es tut mir leid, aber sie hat ihre Entscheidung getroffen.“


***


Von der Tür erklang ein Klopfen, das eher nach einem Befehl denn einer höflichen Anfrage um Einlass klang. Sonea stöhnte auf und vergrub ihr Gesicht in ihrem Kopfkissen. Mehrere Augenblicke vergingen, dann klopfte es erneut, und bevor sie etwas dagegen unternehmen konnte, stand Akkarin im Raum. Er zog die Bettdecke von ihrem Kopf.

„Verschwinde“, grollte sie, die Hände zu Fäusten geballt. „Ich will dich nicht sehen.“

„Ich werde nicht gehen, bevor du mir nicht gesagt hast, was los ist.“

„Als ob du das nicht wüsstest!“

„Nein“, sagte er. „Und ich würde begrüßen, wenn du mir sagst, was ich falsch gemacht habe.“

„Dein ganzes Verhalten vor den höheren Magiern. Als ob ich dir vollkommen egal wäre! So wie damals, als ich dir nur lästig war! Ich bin nicht mehr deine Novizin und das weißt du sehr genau!“

Ein leises Seufzen erklang. Dann griffen Hände unter ihre Schultern und zogen Sonea hoch. Sonea wehrte sich, als er sie in seine Arme ziehen wollte, doch er bekam ihre Handgelenke zu fassen und hielt sie fest.

Er lachte leise. „Hör auf dich mir zu widersetzen.“

Sie funkelte ihn an. „Dann lass mich los!“

Er verstärkte seinen Griff. „Nur, wenn du versprichst, nicht auf mich loszugehen.“

Sonea nickte stumm. Wie machte er das nur? Was hatte er an sich, dass man sich ihm so bereitwillig fügte?

Akkarin nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und küsste ihre Tränen fort. Wärme durchströmte sie und es kostete sie all ihre Kraft, ihn zurückzuweisen.

„Nicht“, flüsterte sie.

Akkarins Lippen berührten ihre.

Sonea senkte den Kopf.

„Wir dürfen nicht …“

„Das ist mir egal.“

„Aber wir brechen die Regeln“, widersprach sie. „Wir sind gerade erst zurück …“

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Ah, unsinnige Regeln haben mich noch nie sonderlich interessiert. Acht Jahre lang habe ich vor ihnen geheim gehalten, dass ich schwarze Magie praktiziere, also kann ich auch unsere Beziehung bis zu deinem Abschluss geheim halten.“

„Ich dachte, du wolltest …“

„Mir einen Weg überlegen, wie wir zusammen sein können und du dein Studium beenden kannst, ja. Nur so konnte ich rechtfertigen, dass sie uns gemeinsam wohnen lassen. Zudem wünsche ich, dich weiter auszubilden. Es sind nur zwei Jahre, Sonea. Unsere Beziehung solange im Verborgenen zu führen, scheint mir ein akzeptabler Preis, um den Rest meines Lebens mit dir verbringen zu können.“

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln und küsste sie behutsam. Dieses Mal ließ sie es geschehen.

„Geht es wieder?“

Sonea nickte, jedoch nicht ohne ihn anzufunkeln. „Warum hast du mir nicht gesagt, was du vorhast?“, verlangte sie zu wissen.

„Weil die höheren Magier es aus unseren Reaktionen abgelesen hätten. Es ist einfacher, mit ihnen zu verhandeln, je weniger wir ihr Misstrauen erregen. Ich wusste, du würdest mit meinem Plan einverstanden sein.“

„Du hättest mich vorwarnen sollen.“ Sonea zuckte zusammen, als sie den Vorwurf in ihrer Stimme hörte. Das alles mochte zu seinem Plan gehört haben, doch es wäre besser gewesen, hätte sie es vor dem Treffen mit den höheren Magiern erfahren. Sonea verstand seine Gründe, doch sie musste ihm ihren Standpunkt klarmachen. „Du kannst mich bei Entscheidungen, die uns beide betreffen, nicht einfach übergehen.“

„Dazu war keine Zeit.“

„Hast du überhaupt eine Ahnung, wie ich mich dabei gefühlt habe?“

„Ich denke, ich habe davon heute Abend einen einprägsamen Eindruck erhalten.“

Doch Sonea war noch lange nicht mit ihm fertig. „Du hast getan, als wenn niemals etwas zwischen uns gewesen wäre.“

„Das ist so nicht richtig“, widersprach Akkarin. „Ich habe gesagt, dass niemals etwas zwischen mir und meiner Novizin vorgefallen ist. Als wir in Sachaka waren, war ich nicht mehr dein Mentor. Das hast du mir damals ziemlich deutlich gemacht.“

Sie verkniff sich ein Lächeln, als sie sich daran erinnerte. Es hatte einiges gebraucht, um ihn davon zu überzeugen, es mit ihr zu versuchen. Anscheinend hatte es bewirkt, dass er nun nicht mehr gewillt war, sie gehenzulassen. Im Nachhinein fand Sonea, sie hätte darauf kommen müssen, dass er sich aus den Fragen der höheren Magier herauswand. Anscheinend hatte er das dieses Mal so geschickt angestellt, dass nicht einmal sie es durchschaut hatte. Mit einem Mal kam sie sich unendlich albern vor. Nichtsdestotrotz ärgerte sie sich noch immer über ihn.

„Trotzdem hast du vorhin behauptet, ich wäre die ganze Zeit nichts anderes gewesen“, erinnerte sie.

„Nun, ich habe dich auch in Sachaka einiges gelehrt, was du vorher nicht wusstest.“

So kann man es auch ausdrücken, dachte Sonea mit einem Schnauben und war sicher, dass er nicht nur von Magie sprach.

„Ich hatte von dir ein wenig mehr Vertrauen in meine Entscheidungen erwartet“, fuhr Akkarin fort.

Sonea zuckte zusammen. „Und ich habe weniger Geheimnistuerei von dir erwartet“, gab sie zurück. „Als wir in Sachaka waren, hattest du auch keine Geheimnisse vor mir. Warum jetzt?“

„Wir sind zurück in der Gilde. Das macht die Konsequenzen, wenn ich etwas preisgebe, weniger überschaubar.“ Akkarin musterte sie ernst. „Es war ein Fehler, dich nicht in meine Pläne einzuweihen. Du hast mein Wort, dass ich es in Zukunft tun werde. Die Gilde hat uns heute eine zweite Chance gegeben, die wir nicht wegwerfen dürfen. Zudem führen wir jetzt ein gemeinsames Leben. Wir werden nicht immer einer Meinung sein. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir ansprechen, was uns aneinander stört. Meinst du, du kannst damit leben, für die nächsten zwei Jahre meine Novizin zu sein?“

Sonea seufzte und schlang die Arme um seinen Nacken. Selbst im Sitzen überragte er sie, so dass sie zu ihm aufsehen musste.

„Was, wenn wir vorher auffliegen?“

Akkarin strich über ihre Wange. „Geben wir ihnen Zeit, sich an uns zu gewöhnen. Dann können wir sie vielleicht schon früher mit der Wahrheit konfrontieren.“

Wie konnte er nur selbst in den widrigsten Situationen so ruhig und gelassen bleiben? Sonea sah zu ihm auf. Als ihre Blicke einander begegneten, beugte er sich vor und küsste sie. Spürend, wie er ihre Lippen dazu brachte sich zu teilen, erwiderte sie den Kuss.

„Und jetzt komm“, sagte er. „Ich wünsche, dass du in unserem Bett schläfst.“

Er hat unser Bett gesagt, stellte Sonea erfreut fest. „Das muss ich mir noch überlegen, fürchte ich.“

„Da gibt es nichts zu überlegen.“ In seiner Stimme lag eine Spur von Autorität, aber auch Erheiterung. „Es wird dir gefallen. Es ist viel größer.“

„Das Schlafzimmer oder das Bett?“

„Beides. Es gibt sogar einen Balkon.“

Sie grinste unwillkürlich. Dachte er wirklich, das würde sie interessieren? „Also, wenn mich das nicht überzeugt!“, rief sie.

Akkarin schritt zum Kleiderschrank. Er holte einen Morgenmantel heraus und reichte ihn ihr. Sonea zog ihn über ihr Nachthemd. Dann ließ sie sich von ihm in das Schlafzimmer auf der anderen Seite des Flurs führen.

Akkarin hatte nicht zu viel versprochen. Das Schlafzimmer war tatsächlich größer als ihr eigenes. Ebenso wie das mit zahlreichen Kissen dekorierte Bett. Die Möbel waren wie in ihrem Zimmer aus edlem Nachtholz. Die Fenster reichten bis zum Boden und ließen sich wie Türen öffnen. Sonea öffnete das ihr nächste und trat auf den Balkon. Ein eisiger Windstoß traf sie und ließ ihre Haare flattern. Zitternd schlang sie die Arme um ihren Körper und trat zur Brüstung.

Vor und unter ihr erstreckte sich der Wald wie ein schwarzes, wogendes Meer aus Baumwipfeln. Dahinter konnte sie die Gebäude der Universität erkennen. Der Sturm hatte die Wolken auseinander getrieben und der Mond schlüpfte allenthalben zwischen ihnen hindurch. In den Wolkenlücken glitzerten Sterne.

Akkarin trat hinter sie und legte seine Arme um sie. Die Luft vibrierte, als er einen Wärmeschild um sie beide errichtete, wofür Sonea dieses Mal dankbar war.

„Gefällt es dir?“, murmelte er.

Sie konnte nur nicken. Mit einem Mal war sie sich seiner Nähe zu sehr bewusst und sie spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte. Der Gedanke, auch nur einen Tag ohne ihn zu ein, schien unerträglich und sie schämte sich für ihren Gefühlsausbruch. Aber sie begriff auch, dass dieser nur die unschöne Kröning der vergangenen Wochen gewesen war. Die Schlacht, Akkarins zwischenzeitlicher Tod, die Wochen in Rothens Apartment, in denen sie einer ungewissen Zukunft entgegengeblickt hatte. Sie hatte sich darauf verlassen, dass Akkarin alles auf die eine oder andere Art zum Guten wenden würde. Und dann waren ihre Erwartungen wegen eines dummen Missverständnisses enttäuscht worden.

„Tut mir leid, dass ich mich vorhin wie ein kleines Kind aufgeführt habe“, sagte sie.

„Das hast du nicht“, sagte er und küsste ihr Haar.

„Trotzdem war es nicht richtig“, widersprach Sonea. „Du hast nur dieses Talent, mich jedes Mal in Angst und Schrecken zu versetzen, wenn du mich zu deiner Novizin machst.“

Akkarin lachte leise. „Es wird nie wieder vorkommen. Darauf hast du mein Wort.“

Sie lehnte den Kopf an seine Brust.

„Das glaube ich dir sogar!“

Eine Weile standen sie schweigend da und sahen zur Universität. Eigentlich ist es gut, dass Akkarin wieder mein Mentor ist, überlegte Sonea. Sie musste fast über sich selbst lachen, weil sie nie gedacht hätte, dass ein Tag kommen würde, an dem sie freiwillig Akkarins Novizin sein wollte.

Aber es war die einzig logische Konsequenz: Sie waren schwarze Magier. Außer Akkarin durfte sie niemals einen anderen Magier in ihre Gedanken lassen. Zudem konnte Akkarin ihr besser als jeder andere eine gute Ausbildung ermöglichen. Sofern ihre Lehrer sie nicht fürchteten, konnten sie Sonea ignorieren oder mit Herablassung behandeln, wenn nicht jemand mit genügend Einfluss das unterband. Sie zweifelte keinen Augenblick daran, dass Akkarin wenn nötig Furcht verbreiten würde, um damit ihrer Lehrer ihre Ausbildung nicht vernachlässigten. Das brachte sie jedoch in die Situation, es ihm nicht allzu schwer zu machen.

Sonea holte tief Luft und straffte sich. „Ich verspreche, dir eine bessere Novizin zu sein, als ich es früher war“, gelobte sie. Und weil sie wusste, wie wenig er es schätze, wenn sie sich gegen ihn auflehnte, fügte sie hinzu: „Ich werde dir gehorchen. Es sei denn, du lässt mir keine andere Wahl.“

Sie wandte sich um und sah zu ihm auf. „Wie zum Beispiel, wenn ich einen Plan befolgen soll, der zu deinem Tod führt.“

„Ich denke, das habe ich verstanden“, bemerkte er trocken.

Sie lächelte befriedigt.

Akkarin schüttelte missbilligend den Kopf. „Sonea, ich erwartete von dir, dass du mich außerhalb dieses Hauses und vor anderen Magiern wie deinen Mentor behandelst“, sagte er streng. „Wir müssen der Gilde zeigen, dass ich dich unter Kontrolle habe. Das ist wichtig, damit sie lernt, uns wieder zu vertrauen.“

„Ja, Mylord“, sagte sie ernst. Sie begriff, dass ihre Beziehung das Vertrauen der Gilde in sie nicht gerade stärken würde. Denn es suggerierte, dass Akkarin sich nicht unter Kontrolle hatte. Und wahrscheinlich würde es die Frage aufwerfen, wie kontrollierbar sie beide noch waren, wenn es zu Streit oder einer Trennung kam. Akkarin hatte seine Macht bereits genug ausgereizt, indem er den höheren Magiern einige Eingeständnisse abgerungen hatte.

Akkarin nahm ihre Worte mit einem kaum merklichen Stirnrunzeln zur Kenntnis,

„Was, wenn du mich hier unterrichtest?“, fragte Sonea. Zumindest ihr Unterricht in schwarzer Magie würde hier stattfinden, wie sie annahm.

„Das kannst du dir aussuchen.“

Sonea runzelte die Stirn. Sollte sie ihm gegenüber förmlich sein, damit ihr kein Fehler unterlief, wenn sie in der Universität waren und um strikt zwischen dem Geliebten und dem Mentor zu trennen? Oder sollte sie sich normal verhalten? Sie würden wenig Zeit füreinander haben, wenn sie erst wieder zum Unterricht ging. Doch sie entschied, diese Frage konnte warten, bis es so weit war.

„Von jetzt an solltest du auch wieder jeden Abend meine Kraft nehmen“, sagte sie.

Akkarin betrachtete sie nachdenklich. „Sonea, ich denke nicht, dass die Gilde das wünscht.“

„Aber wie sollen wir jemals auf den Ernstfall vorbereitet sein, wenn sich nicht einer von uns stärkt? Es ist nur richtig, dass du derjenige bist. Lass mich deine Quelle sein. So, wie es in der alten Gilde war.“

„Du weißt, wie die alte Gilde geendet hat“, erinnerte er sie streng.

„Wir sind die einzigen beiden schwarzen Magier. Was soll dabei passieren?“

„Sonea, mir ist nicht wohl dabei, die Gilde auf diese Weise zu hintergehen“, sagte Akkarin leise. „Sie fürchten uns auch so bereits genug.“

„Wir können sie nicht verteidigen, wenn nicht wenigstens du dich stärkst“, beharrte sie. „Punkt drei der Bedingungen der höheren Magier war in dieser Hinsicht nicht sonderlich genau“, beharrte sie.

All die Jahre hatte er nichts anderes getan und sie gab ihm ihre Kraft aus freiem Willen. Sonea fand, es war wahrscheinlicher, dass die Gilde ihre Beziehung entdeckte. Und wie überhaupt sollte die Gilde herausfinden, ob Akkarins Kräfte wuchsen? Niemand würde es wagen, ihn zu testen. Die Gilde musste glauben, was immer Akkarin über seine Stärke behauptete.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Also schön“, sagte er. „Auch wenn es uns Ärger bereiten kann, sollte die Gilde es herausfinden. Und jetzt komm ins Bett, du hast morgen Unterricht.“

Sonea lächelte, sich geschmeichelt fühlend, weil sie so viel Einfluss über ihn hatte.

„Wirst du mir erzählen, was die höheren Magier von dir wollten, nachdem Rothen mich nach draußen gebracht hat?“, fragte sie dann.

„Ja. Aber nicht mehr heute. Es war ein langer Tag. Lass uns reingehen.“ Er warf einen kritischen Blick zum Himmel. „Ich bin außerdem nicht sicher, ob man uns sehen kann. Der Mond ist sehr hell.“

„Wer sollte denn so spät am Abend noch hier herkommen?“

„Jemand, der uns ausspionieren will? Aber es ist auch möglich, dass man uns von den Universitätsgebäuden aus sehen kann.“

„Oh.“

Er nahm ihre Hand und führte sie zurück ins Schlafzimmer.

„Glaubst du wirklich, man kann uns von dort sehen?“, fragte sie verstört. „Es ist ziemlich weit.“

Akkarin wandte sich zu ihr. Der Mond brach erneut zwischen den Wolken hervor und tauchte das Schlafzimmer in silbriges Licht. „Ich weiß es nicht, aber wir sollten kein unnötiges Risiko eingehen. Gleich morgen werde ich …“

Er erstarrte und musterte sie durchdringend. Sonea blinzelte verwirrt, da er ungewöhnlich ernst wirkte. Akkarin machte einen Schritt auf sie zu und schlang einen Arm um ihre Taille.

Ein Bild blitzte vor ihren Augen auf. Im Mondlicht schimmerte ihre Haut weiß wie Porzellan, ihre Augen waren ungewöhnlich groß und dunkel. Unwillkürlich fragte Sonea sich, wie viel davon echt und wie viel seinen Gefühlen verschuldet war.

Mit seiner freien Hand strich Akkarin eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Dann vergrub er seine Hand irgendwo im Haar an ihrem Hinterkopf und löste damit ein Kribbeln aus, das sich langsam in ihrem Körper ausbreitete. In dieser einfachen Geste lag so viel Autorität, dass Sonea augenblicklich verstand: sie gehörte ihm. Bei ihm konnte sie sich sicher und geborgen fühlen.

- Sieh mich an, erklang seine Stimme in ihren Gedanken.

Sofort wusste sie, dass er nicht das visuelle Sehen meinte. Sie verstand, dass sie hinter seine Augen sehen sollte. Jenseits seiner Oberflächengedanken, die ihr dieses Bild von ihr gezeigt hatten. Eine seltsame Furcht vor dem, was sie dort finden würde, befiel sie.

- Was hast du vor?

- Das wirst du dann sehen.

Sonea schluckte. Wenn er wirklich das vorhatte, was sie glaubte, dann war er dabei, ihr etwas zu zeigen, was er für sich zu behalten pflegte. Etwas Ähnliches hatte er am Abend vor der Schlacht in Cerys Versteck getan, doch sie ahnte, das hier würde sehr viel intimer. All ihren Mut zusammennehmend streckte sie ihren Geist nach ihm aus.

Sonea stieß überrascht die Luft aus, als eine Flut von Gefühlen über sie hereinbrach. Dahinter spürte sie eine Präsenz von überwältigender Stärke. Seine Präsenz. War er schon immer so mächtig gewesen?

- Konzentriere dich auf ein einzelnes Detail, wies er sie an. Fang mit etwas an, das dir wenig kompliziert erscheint. Und dann gehst du langsam tiefer. Sieh zu, wie ich es mache.

Er führte sie zu etwas, das sie vor Verlegenheit beinahe zum Lachen gebracht hätte. Sonea fragte sich, ob er das mit Absicht getan hatte. Es gelang ihr gerade noch, ihre Erheiterung zu unterdrücken. Nach wochenlanger Trennung erging es ihr nicht anders. Sie musste sich indes davon abhalten, ihm das zu zeigen. Das musste bis später warten.

- Jetzt du, sandte er.

Sonea konzentrierte sich und ging tiefer. Zuerst spürte sie nur eine heftige Eifersucht. Dann sah sie sich und Dorrien auf der Bank am Springbrunnen sitzen. Dorrien berührte gerade ihre Wange. Sonea war sich jedoch sicher, sie hatte Dorrien dabei nicht so angesehen. Überhaupt wirkte es in Akkarins Erinnerung sehr viel intimer, als es in Wirklichkeit gewesen war. Sonea war überrascht. Sie hatte bei ihm weder mit Eifersucht noch mit der Furcht, sie an einen anderen Mann zu verlieren, gerechnet. Er musste doch wissen, dass ihr Herz ihm gehörte! Doch anscheinend gehörte dies zu den Dingen, die er für gewöhnlich vor ihr verbarg. Und sie hatte ihn auch noch mit Dorrien eifersüchtig gemacht!

- Ich glaube, ich muss da etwas richtig stellen.

Sie sandte ihm Bilder und Gefühle aus ihrer eigenen Erinnerung.

- Anscheinend bin ich manchmal fast so unvernünftig wie du, bemerkte er amüsiert.

- Sehr beruhigend.

Sie empfing einen Anflug von Missbilligung ob ihres Sarkasmus. Damit würde er leben müssen.

Als sie weiter suchte, stieß sie auf weniger irrationale Gefühle, die auch ihre letzen Zweifel auflösten. Sie entdeckte, dass auch er sich darüber Gedanken gemacht hatte, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Er war fest entschlossen, alles zu tun, um ihre Beziehung geheim zu halten und zu verhindern, dass die Gilde sie trennte. Lieber führte er ihre Beziehung in Verborgenen, als ohne sie zu sein. Er wollte sie glücklich und in Sicherheit wissen und sie vor allen Gefahren beschützen, obwohl er wusste, dass ihre Sturheit ihm dabei im Weg stehen würde. Sonea verkniff sich ein Lächeln und löste sie sich von diesem Gefühl. Als sie nichts fand, was ihr von Bedeutung erschien, verspürte sie eine vage Enttäuschung.

- Du musst tiefer gehen. Viel tiefer.

Sie ließ los. Es war, als würde sie fallen. Es fühlte sich seltsam berauschend an. Unter sich entdeckte sie etwas, das wie ein riesiges dunkles Meer aussah. Sie tauchte hinein und sog scharf die Luft ein, als sie erkannte, was es war. Das Gefühl war so überwältigend, dass es auch ihre letzten Zweifel hinwegwischte.

Als sie in sich hineinhorchte, erkannte sie, dass ihre Gefühle die seinen ergänzten. Und sie wollte, dass er das wusste. Als sich sein Griff verstärkte, wusste sie, es war ihr gelungen. Sonea lächelte. Ihre Gefühle schienen sich zu vermischen, bis sie sie nicht mehr voneinander unterscheiden konnte und sie glaubte, in Glückseligkeit zu ertrinken.

- Du solltest zurückkehren, erklang Akkarins Stimme in ihrem Geist. Ich will nicht, dass du den Verstand verlierst. Das wäre unerfreulich.

Sie spürte, wie er sie von irgendwoher auffing und sie zurückbrachte. Sie blinzelte, sich wieder ihrer Umgebung bewusst werdend.

Akkarin stand vor ihr, ein kaum merkliches Lächeln umspielte seine Lippen. „Vertraust du mir jetzt?“

Sonea war zu überwältigt, um zu sprechen. Was sie empfand, ging weit über Vertrauen und Liebe hinaus. Es war schon vorher da gewesen, wenn auch nicht mit dieser definierten Klarheit. Mit einem Mal begriff sie, dass sie alles tun würde, was er von ihr verlangte. Sie wusste, er würde sie nicht verletzen, hintergehen oder manipulieren. Sie wusste, es war richtig.

Statt einer Antwort stellte sie sich auf die Zehenspitzen und legte all ihre Hingabe in einen einzigen Kuss.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast