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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 12.621
 
Kapitel 47 – Rückkehr nach Imardin



Das letzte Licht des Tages war lange verblasst, als Rothen durch die Tore der Universität schritt. Unter dem dunkelgrauen, fast schwarzen Himmel hieß ihn das warme Licht hinter den Fenstern der Universitätsgebäude und der Laternen entlang der Wege willkommen. Es war ein langer Tag gewesen und er sehnte sich nach seinem Sessel und einer Tasse Sumi.

Rothen hatte sich den Tag freigenommen, um mit Farand ein „Studientag Architektur“, wie er es vor Administrator Osen gerechtfertigt hatte, in der Stadt durchzuführen. Obwohl Lord Sarrin ihn in seiner Abschlussklasse vertreten hatte, hatte Rothen sich nicht ganz wohl dabei gefühlt, so kurz vor den Prüfungen seine Schüler nicht persönlich zu unterrichten. Würden am Freitag nicht die ersten Magier aus Lan erwartet, die Osen auf Grund der Kriegserklärung Sachakas nach Imardin beordert hatte, hätte Rothen das Wochenende für diesen Ausflug vorgezogen. Rothen hatte dem Administrator seine Unterstützung bei der Unterbringung der Lans als Gegenleistung, dass er mit Farand in die Stadt durfte, zugesichert.

„Was hältst du von Abendessen?“, fragte er.

„Sehr viel“, antwortete Farand. „Ich glaube, ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen.“

Rothen lächelte. „Dann geht es dir wie mir. Ah, ich hoffe Tania hat etwas Ordentliches vorbereitet!“

„Glaubt Ihr, unsere Vermessungen lassen sich überhaupt in die Tat umsetzen, wenn wir nicht wissen, wo die unterirdischen Tunnel der Diebe entlanglaufen?“, fragte Farand.

Rothen hob die Schultern. „Die Diebe werden uns kaum helfen, weil sie fürchten, die Gilde würde anfangen, die Straße der Diebe zu kartieren. Andererseits könnte es passieren, dass wir bei den Grabungen versehentlich einen Tunnel zum Einsturz bringen.“ Er seufzte. „Ich wünschte Dannyl, wäre hier. Er weiß, wie man mit den Dieben verhandelt.“

„Oder wir bauen die Wasserleitungen einfach oberirdisch. Wir könnten sie mit Stein verkleiden, damit das Wasser nicht verschmutzt.“

Rothen hielt inne und wandte sich seinem Novizen zu. „Wahrhaftig!“, rief er. „Du bist unglaublich! Wir sollten das beim Abendessen unbedingt weiter diskutieren! Es sei denn, du hast für heute genug von einem alten Mann wie mir.“

Farand lächelte. „Ich habe keine weiteren Pläne für heute Abend, Mylord. Von daher: sehr gern.“

Sie passierten die Ställe. Aus den Toren trat gerade ein hochgewachsener Mann in Dienstbotenuniform. Nicht weiter Notiz von ihm nehmend dirigierte Rothen seinen Novizen in Richtung der Magierquartiere.

Plötzlich lachte Farand leise. „Lord Rothen, ich glaube Euer Wunsch ist gerade in Erfüllung gegangen.“

Rothen blinzelte verwirrt. „Welcher Wunsch?“

„Botschafter Dannyl ist zurück.“ Farand wies auf den Mann bei den Ställen. „Seht doch nur.“

Rothen betrachtete den Mann genauer. Jetzt, wo Farand es sagte, kam er ihm nur allzu vertraut vor.

„Dannyl!“, rief er und eilte auf den Fremden zu, sein Novize folgte ihm dicht auf den Fersen.

„Rothen!“ Der Mann erstarrte kurz und kam ihnen entgegen. „Alter Freund, es tut so gut, dich wiederzusehen!“

Rothen und Dannyl fielen sich in die Arme und klopften einander auf die Schultern.

„Alter Freund, wahrhaftig!“, erwiderte Rothen.

„Dann eben alter Feind.“

Sie lachten.

„Schön, dass zu zurück bist.“ Rothen musterte seinen Freund. Dannyl war unrasiert und dunkle Schatten lagen unter seinen Augen. Sein Mantel war abgetragen und die darunter zum Vorschein kommende Kleidung sah auch nicht besser aus. Aber er war zurück. Erst jetzt wurde Rothen bewusst, welch große Sorgen er sich um seinen Freund gemacht hatte.

Dannyls Blick glitt zu seinem Novizen. „Hallo Farand“, sagte er. „Wie geht es dir?“

Farand verneigte sich. „Es geht mir sehr gut, Botschafter Dannyl.“

„Ist Rothen auch nicht zu streng zu dir?“

Rothen schnaubte geräuschvoll.

„Er ist ein sehr guter und engagierter Lehrer“, antwortete sein Novize.

„So, das lässt er dich glauben, eh?“ Dannyls Augen blitzten feixend zu Rothen. „Warte ab, bis du dein erstes Jahr hinter dir hast.“

Farands Augen weiteten sich.

„Hör nicht auf ihn, Farand“, murmelte Rothen. „Er selbst war nämlich nicht immer der gehorsamste Novize, musst du wissen.“

„Ha!“, machte Dannyl. „Seltsamerweise ist trotzdem etwas aus mir geworden.“

Was dich aber nicht davon abhält, noch immer in Schwierigkeiten zu geraten, dachte Rothen. Dannyls Auftrag in Sachaka hätte ohne die Hilfe der Verräter ein fatales Ende gefunden. Selbst wenn Dannyl keine Schuld daran trug, so schien er Ärger zuweilen anzuziehen. Rothen brauchte nur einen Blick in Dannyls Augen zu werfen, um zu sehen, was er in Sachaka durchgemacht hatte. Er ahnte indes, sein Freund würde mitfühlende Worte nicht hören wollen. Herumzualbern, so wie sie es getan hatten, als Dannyl noch in der Gilde gelebt hatte, würde ihm im Augenblick vermutlich besser helfen.

„Manchmal frage ich mich, wie das passieren konnte“, gab Rothen daher zurück. Neben ihm gluckste Farand unterdrückt. „Farand und ich wollten gerade zu Abend essen. Willst du uns Gesellschaft leisten? Wir können einander erzählen, was wir seit unserer letzten Begegnung erlebt haben. Auch wenn mir schwant, dass deine Geschichte weitaus aufregender ist, als Unterrichtspläne und Diskussionen der höheren Magier.“

„Das kann man wohl sagen!“ Dannyl grinste und wurde dann ernst. „Ich würde gern mit euch beiden essen und plaudern, aber nicht heute. Ich bin gerade erst angekommen und ich denke, ich brauche, ah, noch ein wenig Ruhe. Zudem muss ich dringend ein Bad nehmen und meine Kleidung wechseln.“

„Das verstehe ich.“ Rothen lächelte verständnisvoll. Wäre er gerade von einer solchen Reise zurückgekehrt, würde er auch erst einmal seine Ruhe wollen.

„Danke“, erwiderte Dannyl. „Und ich wäre dir und Farand dankbar, wenn ihr niemandem von meiner Rückkehr erzählt. Ich werde mich morgen früh bei Administrator Osen zurückmelden.“

„Du hast mein Wort“, sagte Rothen und Farand nickte ernsthaft. „Komm erst einmal zuhause an. Wir sehen uns morgen.“

Dannyl lächelte dankbar und hielt dann inne. „Da fällt mir ein, Dorrien lässt dich grüßen.“

„Dorrien?“ Rothens Herz machte einen Sprung. „Hast du ihn gesehen? Wie geht es ihm?“

„Ich bin ihm an Südpass begegnet. Es schien ihm gutzugehen. Allerdings hat er nicht direkt gesagt, ich solle dich von ihm grüßen.“

Rothen betrachtete Dannyl mit schmalen Augen. „Was hat er gesagt?“

„Er sagte, dass er dich liebt, aber du dich aus seinem Privatleben heraushalten sollst.“

„Typisch Dorrien“, murmelte Rothen. Trotzdem verspürte er eine vage Erleichterung. Sein Sohn hatte auf seinen letzten Brief noch nicht geantwortet. Was er ihm durch Dannyl ausgerichtet hatte, stimmte dennoch mit Rothens Erwartungen überein. „Trotzdem danke für’s Ausrichten.“

Dannyl nickte. „Gute Nacht euch beiden“, wünschte er und schritt durch die Dunkelheit davon.

„Wo geht er hin?“, fragte Farand verwirrt.

Rothen sah seinem Freund nach, der ohne Lichtkugel in Richtung des Parks schritt, und zuckte die Achseln. „Spazieren, nehme ich an. Lass ihn. Er mag es nicht zugeben, aber er hat viel durchgemacht. Geben wir ihm die Zeit, die er braucht.“ Er wies zu den Magierquartieren. „Gehen wir zu Abend essen. Ohne Dannyl bleibt mehr für uns.“


***


Auf seinem Weg über das Universitätsgelände, dessen Gebäude sich bis auf die hell erleuchteten Fenster und die schimmernde Fassade der Universität von dem dunkler werdenden Hintergrund wie schwarze Schatten abhoben, verspürte Dannyl ein ungeahntes Gefühl von nach Hause zu kommen. Nach so langer Zeit fernab der zivilisierten Welt war er glücklich, endlich wieder etwas zu sehen, das ihm vertraut war und wo er sich sicher fühlen konnte.

Zumindest für den Augenblick.

Nachdem er das Heilerquartier hinter sich gelassen hatte, begab er sich in den Wald. Es war ein Umweg, doch er hatte Rothen nicht misstrauisch machen wollen. Sein ehemaliger Mentor würde nicht allzu begeistert sein, wenn er wusste, was Dannyl tatsächlich beabsichtigte. Seine Rückkehr war bereits auf genügend Verwunderung gestoßen. Mit einem Grinsen dachte Dannyl daran zurück, wie er wenige Minuten zuvor in der Gilde angekommen war.

Sein Pferd war durch die Tore galoppiert und hatte den Platz vor der Universität erreicht, bevor die Wachen ihn nach seiner Identität hatten fragen können.

„Wer seid Ihr?“

Als Dannyl abgestiegen war, kam eine der Wachen auf ihn zugeeilt. Ein junger Krieger, der ihm fremd gewesen war und ausgesehen hatte, als habe er gerade erst seinen Abschluss gemacht.

„Ich bin Botschafter Dannyl“, hatte Dannyl geantwortet, seinen vom Reiten verspannten Rücken gestreckt und sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet. „Ich fürchte allerdings, meine Robe ist mir in Sachaka abhandengekommen.“

Die Augen des jungen Kriegers hatten sich vor Überraschung geweitet.

„Botschafter Dannyl“, hatte er gestammelt. „Willkommen zurück. Verzeiht, dass ich Euch nicht sofort erkannt habe.“

Dannyl hatte abgewinkt. „Schon gut. Tut mir einen Gefallen und erzählt nicht herum, dass ich zurück bin. Dann habe ich wenigstens heute Abend noch Ruhe vor dem Mob.“

Nachdem der Krieger sein Stillschweigen versichert und Dannyl sein Pferd in die Ställe gebracht und einem Stalldiener übergeben hatte, hatte er seine Lichtkugel gelöscht und den Stall verlassen. Dann war er Rothen begegnet.

Unter den Bäumen im Wald war die Dunkelheit absolut. Doch während seiner Reise mit Asara hatte Dannyl gelernt, sich im Dunkeln zurechtzufinden, was ihm nun gelegen kam.

Nachdem er etwa eine Viertelstunde durch den Wald gegangen war, tauchten mehrere Ruinen vor ihm auf, zwischen denen noch ein paar intakte Häuser standen. Aus den Fenstern schien sanftes Licht, was angesichts der Ruinen auf eine absurde Weise heimelig wirkte. Dort wo die Straße in einer weiten Kehre endete, die es Kutschen erlaubte zu wenden, bog Dannyl in einen schmaleren Seitenweg ein. Wenig später teilten sich vor ihm die Bäume und gaben den Blick auf die Silhouette eines Hauses mit Türmen und Erkern frei. In einigen Fenstern im oberen Stockwerk brannte Licht. Rechts und links des Eingangs schwebten zwei Lichtkugeln.

Dannyl blinzelte. War er hier wirklich richtig? Das schien so gar nicht zu ihm zu passen.

Einen tiefen Atemzug nehmend stieg er die Stufen empor. Auf seine Berührung schwang die Tür nach innen auf und er trat in eine große, luxuriöse Empfangshalle.

Schritte näherten sich und Akkarins Diener eilte auf Dannyl zu.

„Botschafter Dannyl“, sagte der Sachakaner und verneigte sich. „Willkommen zurück. Lord Akkarin erwartet Euch bereits. Ich werde Euch zu ihm bringen.“

Dannyl runzelte die Stirn. Wie konnte das sein? Er hatte sich weder angekündigt noch hatte er sein Blutjuwel so getragen, dass Akkarin ihn dadurch hätte beobachten können. Er ahnte, er würde die Antwort darauf nie erfahren.

Takan führte ihn ins Obergeschoss. Dannyl folgte ihm mit klopfenden Herzen. Mit einem Mal war die Furcht zurück, von der er eigentlich geglaubt hatte, sie überwunden zu haben. Er wird dir nichts tun, sagte er sich. Er weiß genug über deine schmutzigen Geheimnisse, um dir auf subtilerem Weg zu schaden, wenn er das wollte.

Er unterdrückte ein Schnauben. Sollte ihn das beruhigen? Akkarin war finster und unheimlich, aber verglichen mit anderen schwarzen Magiern, die Dannyl während seiner Reise kennengelernt hatte, gehörte der ehemalige Hohe Lord der Magiergilde zu den Guten. Dannyl wusste, er tat das Richtige. Aber abgesehen von seiner Furcht vor diesem Mann fühlte es sich so an, als wäre er gerade dabei, Hochverrat zu begehen.

Vor einer großen Doppeltür blieb Takan stehen. Dannyl beobachtete, wie die Tür ohne sein Zutun aufschwang. In dem dahinterliegenden Raum erblickte er Regale voll mit Büchern. Eine Bibliothek.

Takan trat ein und verneigte sich tief. „Botschafter Dannyl ist hier“, meldete er.

„Bring ihn herein“, antwortete eine tiefe, kühle Stimme. „Und dann lass uns allein.“

„Ja, Meister.“ Takan wandte sich um und bedeute Dannyl einzutreten. Dann zog er sich zurück.

Staunend sah Dannyl sich um. Der Raum war mindestens so groß, wie sein Apartment im Gildehaus zu Capia. Bis zur hohen Decke reichende Bücherregale standen entlang der Wände und in Reihen zwischen der Tür und den Fenstern. In einer Sesselgruppe im vorderen Bereich saßen zwei schwarzgewandete Gestalten. Als Dannyl in einem dritten Sessel einen jungen, attraktiven Mann mit langen, roten Haaren erblickte, machte sein Herz einen Sprung und er vergaß seine Furcht für einen Augenblick.

„Guten Abend, Botschafter Dannyl.“ Akkarin erhob sich, um ihn zu begrüßen. Sonea tat es ihm gleich. Dannyl sah, dass sie lächelte.

„Es tut gut, Euch wohlauf zu sehen“, sagte sie. „Die ganze Gilde war um Euch besorgt.“

Sie hat sich verändert, fiel Dannyl auf. Sie ist nicht mehr die kleine, schüchterne Novizin – obwohl ich wette, dass sie das Akkarin gegenüber noch immer ist.

„Danke“, erwiderte er. „Ich bitte um Verzeihung für mein heruntergekommenes Aussehen.“ Oder um es mit Asaras Worten auszudrücken: ich bin schmutzig und stinkend, korrigierte er sich einen plötzlichen Anflug von Erheiterung verspürend. „Ich bin gerade erst angekommen. Hätte ich mir die Zeit genommen, ein Bad zu nehmen und mich umzuziehen, so hätte sich meine Ankunft vermutlich bereits in der gesamten Gilde herumgesprochen.“

„Das ist verständlich.“ Akkarin wies auf einen freien Sessel. „Setzt Euch“, forderte er Dannyl auf. „Möchtet Ihr Wein?“

Dannyl konnte nur nicken. Bevor er sich jedoch setzen konnte, stand Tayend plötzlich vor ihm.

„Ich bin so froh, dich wiederzusehen“, erklärte er strahlend und umarmte Dannyl.

Zögernd erwiderte Dannyl die Geste. Er wusste, er konnte auf Akkarins Verschwiegenheit vertrauen, aber er war es nicht gewohnt, seinen Gefühlen vor anderen derart freien Lauf zu lassen. Tayends vertrauter Duft und das wunderbare Gefühl, ihn nach so langer Zeit endlich wieder in seinen Armen zu halten, siegten schließlich über seine Vorsicht. Wie oft in den vergangenen Monaten hatte er geglaubt, Tayend niemals wiederzusehen! Sein Puls beschleunigte sich und er musste sich dazu zwingen, sich wieder von seinem Freund zu lösen.

„Euer Assistent hat sich von uns allen die größten Sorgen um Euch gemacht, Botschafter Dannyl“, teilte Sonea ihm mit, als er sich setzte. „Außer Rothen vielleicht.“

Sie hat nicht die geringste Ahnung, stellte Dannyl fest und dankte er dem unheimlichen, schwarzen Magier im Stillen für seine Diskretion.

„Botschafter Dannyl“, sagte Akkarin und drückte Dannyl ein Weinglas in die Hand. „Waren Eure Verhandlungen mit den Verrätern erfolgreich?“

„Ich bedaure“, antwortete Dannyl mit einem leisen Seufzen. „Die Mehrheit von ihnen lehnt eine Einmischung jeglicher Art ab. Sie fürchten vor allem den Schutz, den ihr Versteck bietet, zu verlieren, was sie zu einem leichten Ziel für ihre Feinde, den König und seine Ashaki, machen würde.“ Er griff in die Tasche seines Umhangs und zog den Beutel heraus, den Savedra ihm kurz vor seiner Abreise gegeben hatte. „Die Große Mutter hat mir jedoch das hier gegeben. Sie hat mir erklärt, wie man es benutzt, aber es ist nichts, das ich in meinem Besitz wissen möchte. Daher übergebe ich es Euch und Sonea.“ Er lächelte schief. „Als Hochzeitsgeschenk sozusagen.“

Akkarin nahm den Beutel entgegen und öffnete ihn. Sonea lehnte sich aus ihrem Sessel, um einen besseren Blick auf das Innere zu haben. Plötzlich keuchte sie auf.

„Das ist genau das, was wir jetzt brauchen“, hörte Dannyl sie flüstern.

Akkarin zog einen der Speichersteine heraus und betrachtete ihn durchdringend, wobei sich eine konzentrierte Falte zwischen seinen Augenbrauen bildete.

„Ja“, sagte er leise. „Diese Steine besitzen die Macht, die Ödländer ein zweites Mal zu erschaffen oder sogar ganz Sachaka zu einer Wüste zu machen. Wir sollten sie nur einsetzen, wenn uns keine andere Wahl bleibt.“

Sonea erbleichte. Sie sah aus, als wolle sie eine Frage stellen.

Akkarin fing ihren Blick ein. „Ich zeige dir später, warum“, hörte Dannyl ihn murmeln.

Also hat er es bereits gespürt, dachte Dannyl, unsicher, ob er Bewunderung verspüren oder das als unheimlich empfinden sollte. „Es ist möglich, die darin gespeicherte Magie kontrolliert abzugeben“, sagte er. „Die Anführerin der Verräter sagte, wenn man das Geheimnis schwarzer Magie kennt, wäre es sogar möglich, die den Steinen innewohnende Magie in sich selbst zu speichern.“

„Die Gilde ist Euch zu großen Dank verpflichtet“, erwiderte Akkarin.

Dannyl runzelte die Stirn. Er hatte das Gefühl, ihm war etwas Wichtiges entgangen. Soneas Reaktion nach zu urteilen, musste er sie aus einer großen Verzweiflung gerettet haben. „Was hat das zu bedeuten?“, fragte er. „Was ist passiert?“

Hatten sie mit den Büchern, die Tayend mitgebracht hatte, nichts anfangen können?

„Vor kurzem ist es uns gelungen, Speichersteine selbst herzustellen“, antwortete Akkarin. „Mit Lord Sarrins Hilfe konnten wir ihr Wachstum beschleunigen. Seit einer Woche wissen wir jedoch, wann die Sachakaner Arvice verlassen und gen Kyralia marschieren. Sie werden früher kommen, als wir erwartet haben. Die Speichersteine werden bis dahin nicht groß genug sein, um unsere Kampfgruppen effektiv zu schützen.“

Dannyls Herz setzte einen Schlag aus. „Wann?“

„In etwas mehr als einem Monat.“

Also würde es noch zwei oder drei Wochen länger dauern, bis die Sachakaner die Grenze erreichten. Das war früher als Dannyl erhofft hatte und schloss eine baldige Rückkehr nach Capia aus. Die Gilde würde jeden Magier brauchen, und wenn es soweit war, würde Dannyl sie mit all seiner Kraft unterstützen.

„Botschafter Dannyl.“ Der schwarze Magier lehnte sich zurück, sein Weinglas in seinen langen Fingern drehend. „Ich begrüße die Loyalität, die Ihr mir und Sonea entgegenbringt. Doch ich empfehle Euch, Euren Bericht vor den höheren Magiern zu machen. Ich werde Administrator Osen informieren, damit er für morgen eine Sitzung einberuft.“

Dannyl verspürte eine vage Enttäuschung ob Akkarins Worten. Er hatte ihm gerade ein Dutzend Kristalle voll mit Magie übergeben und doch lehnte der ehemalige Hohe Lord seine Unterstützung ab. Wozu hatte er sich dann so lange das Hirn zermartert, ob es richtig war, diesem Mann seine Loyalität zu schenken?

Doch dann hätte er beinahe laut aufgelacht. Akkarin war subtiler als das. Er würde niemals Anhänger um sich scharen oder andere auffordern, ihm wohin auch immer zu folgen. Und genau das brachte die Leute dazu, ihm tatsächlich zu folgen und genau das, verlieh ihm seine unheimliche Macht.

Ein Schauer lief Dannyls Rücken herab. Das war es also, wozu er sich entschieden hatte. Dem Mann zu folgen, den er auf eine gewisse Weise sogar mehr fürchtete als die Sachakaner. Das hätte ihn bedenklich stimmen müssen, aber er hatte die moralische Seite seiner Entscheidung bereits vor Monaten für sich geklärt. Allerdings hatte er Akkarin damals nicht gegenübergesessen.

Akkarins Augen bohrten sich in seine. Dannyl zwang sich, seinem Blick standzuhalten und vertuschte sein Unbehagen, indem er einen Schluck Wein trank – Porreni-Wein, wie er anerkennend feststellte. Tayend musste ihn mitgebracht haben.

Sonea hatte derweil einen Speicherstein aus dem Beutel geholt und betrachtete ihn, die dunklen Augenbrauen zusammengezogen.

„Wir werden sie später untersuchen“, sagte Akkarin leise zu ihr. „Es kann nicht schaden, mehr über ihre Funktionsweise und die in ihnen gespeicherte Magie zu erfahren, bevor wir die höheren Magier informieren.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie ebenso leise.

Dannyl verkniff sich ein Lächeln. Er hatte mit seiner Vermutung richtig gelegen. Aber wie konnte sie ihn nicht fürchten? Es hieß, Akkarin habe hohe Ansprüche an seine Novizin und Dannyl konnte sich nicht vorstellen, dass diese Beziehung etwas daran änderte. Er bewunderte Sonea, weil sie nicht darunter litt. Eine derartige Beziehung zu führen, musste schwer sein. Doch er brauchte Sonea nur anzusehen, um zu wissen, dass sie glücklicher denn je war.

„Erzählt mir mehr über das Volk der Verräter“, forderte der schwarze Magier ihn auf. „Mich interessiert, wie sie leben und denken. Ganz besonders jene, die ihre Fähigkeiten nicht für Geld verkaufen. Ich will vor allem Eure persönlichen Eindrücke hören.“

Er scheint nicht viel von ihren Söldnerinnen zu halten, fuhr es Dannyl durch den Kopf. Ihm war die unterdrückte Verachtung in Akkarins Stimme nicht entgangen. Er trank einen weiteren Schluck Wein und lehnte sich zurück. Dann erzählte er von seinem Aufenthalt in der Zuflucht und was er während dieser Zeit über dieses Volk gelernt hatte.

„Die Verräter vergleichen ihr Versteck mit dem Mutterleib, in dem sie sicher und geborgen sind“, schloss er. „Sie fürchten sich vor jeder Veränderung, weil sie ihnen ihre Sicherheit nehmen könnte. Sie sind bemerkenswert stolz auf ihre Unabhängigkeit, die sie nur durch große Opfer erhalten können … und sie sind stur.“

Akkarin hob eine Augenbraue ob seiner letzten Bemerkung.

„Das war sehr aufschlussreich, Botschafter“, sagte er. „Das Ergebnis ihrer Abstimmung zeigt, dass anscheinend ein Unterschied zwischen der Denkweise ihrer Söldner und dem übrigen Volk besteht. Ihr habt ihnen einen Denkanstoß gegeben und aufgezeigt, was sie gewinnen könnten ...“ Er verfiel in nachdenkliches Schweigen.

„Wir haben eine ihrer Söldnerinnen als Spionin rekrutiert“, erklärte Sonea. Es schien, als würde etwas an dieser Tatsache ihr Missfallen erregen. „Sie gehört zu jenen, die korrumpiert sind. Sie hat sich in Marikas Armee eingeschlichen und liefert uns Informationen über seine Pläne. Durch sie war es uns überhaupt möglich, Euch aus Arvice zu schaffen.“

Seit seiner ersten Begegnung mit Asara hatte Dannyl bereits geahnt, dass eine Verbindung zwischen Akkarin und den Verrätern bestand. Er hatte die ganze Zeit geglaubt, der schwarze Magier würde dieses Volk von früher kennen.

„Wie ist es dazu gekommen?“, fragte er.

„Sie wurde geschickt, um den Spion zu befreien, den Akkarin mit einigen Kriegern im Herbst in der Nähe vom Südpass festgenommen hat“, antwortete sie. „Akkarin und ich konnten sie jedoch aufhalten. Sie hat sich bereit erklärt, für uns zu arbeiten.“

„Nun, die Alternative hätte in ihrem Tod bestanden“, bemerkte Akkarin humorlos.

„Ich weiß nicht, ob Botschafter Dannyl das so genau wissen will“, erwiderte Sonea leise.

Dannyl erschauderte. „Das klingt nach einer spannenden Geschichte“, sagte er. Zweifelsohne hatte die Geschichte bereits in der Gilde die Runde gemacht und jeder Gildenmagier hatte inzwischen eine eigene Version der Ereignisse. Dannyl entschied, es war besser, diese Geschichte von jemandem zu hören, der weniger furchteinflößend war. Rothen würde sicher bereit sein, ihm die ganze Wahrheit zu erzählen.

„Botschafter Dannyl, ich schlage vor, dieses Thema auf einen anderen Zeitpunkt zu verschieben“, sagte Akkarin.

„Das verstehe ich.“ Dannyl leerte sein Weinglas und erhob sich. „Es wird ohnehin Zeit, dass ich in mein Quartier gehe und ein Bad nehme. Zudem habe ich bereits genug von Eurer Zeit gestohlen und möchte Euch nur ungern davon abhalten, die Speichersteine zu untersuchen.“ Diese Kristalle faszinierten ihn, doch er fürchtete sich davor, dabei mit etwas in Berührung zu kommen, über das er nichts wissen wollte.

Akkarin wandte sich zu Tayend. „Möchtet Ihr Euch das ansehen?“

Der Gelehrte zögerte und warf einen Blick zu Dannyl. Seine Augen leuchteten jedoch vor Neugier. Dannyl nickte kaum merklich. So sehr es ihm danach verlangte, seinem Gefährten endlich wieder nahe zu sein, so sehr verlangte es ihm im Augenblick nach einem Bad und frischen Roben. Sie waren so lange getrennt gewesen, da würde er auch noch ein wenig länger warten können.

„Sehr gern“, antwortete der Gelehrte. „Sofern es nicht gefährlich wird.“

„Ich hatte nicht geplant, die Speichersteine zum Einsatz zu bringen“, erwiderte Akkarin trocken.

Tayend lächelte verlegen. „Oh, dann bin ich beruhigt.“

Erheitert verabschiedete Dannyl sich und verließ die Arran-Residenz. Während er zu den Quartieren der Magier ging, verspürte er eine ungeahnte Erleichterung. Sein Besuch bei Akkarin war weniger schrecklich gewesen, als er zunächst befürchtet hatte.

Und es war ein gutes Gefühl, damals in Elyne auf Bel Fiores Anwesen die richtige Entscheidung getroffen zu haben.


***


Akkarins Blick erlange seinen Fokus zurück. Er erhob sich und reichte Sonea den Speicherstein.

„Ich will, dass du den Kristall mit deiner Magie untersuchst und mir deine Entdeckungen mitteilst“, wies er sie an.

Sonea nahm den Stein entgegen und umschloss ihn mit ihrer Hand. Er fühlte sich leicht warm an. Doch die Wärme schien nicht daher zu kommen, dass Akkarin ihn zuvor berührt hatte. Sie kam aus dem Innern.

Sie schloss die Augen und streckte ihren Willen nach dem Kristall aus. Kaum, dass ihr Geist den Kristall erfasst hatte, sog sie scharf die Luft ein. Was sie sah, stellte ihre bisherige Vorstellung von Speichersteinen völlig in den Schatten.

Etwas Kühles berührte ihre Schläfen.

- Was siehst du?

- Magie. Sie ist überall in den Bindungen, die die Elemente des Steins zusammenhalten.

- Wie ist die Magie verteilt?

Sonea konzentrierte sich und sah genauer hin.

- Sie scheint im Innern stärker konzentriert zu sein, als weiter außen.

- Würdest du es riskieren, etwas von deiner Magie in den Stein zu geben?

Sie zögerte und nahm sich die Zeit über seine Frage nachzudenken. Ihre eigenen Speichersteine befanden sich noch im Wachstum. Sie mit Magie aufzuladen hatte sicher nichts mit der naiven Vorstellung zu tun, die sie im Architekturunterricht von der Bearbeitung von Gestein mittels Magie erhalten hatte. Denn dann hätten sie schon früher Erfolg gehabt.

Sie betrachtete die Kristallstruktur genauer. Die Bindungen im Zentrum waren mit Magie gesättigt. Akkarin und einige Alchemisten vertraten die Theorie, dass die Bindungen zwischen den Elementen auseinanderbrachen, wenn sie zu viel Magie enthielten und dass der Stein dann instabil wurde. Der Prozess war vergleichbar mit dem unkontrollierten Freisetzen von Magie, wenn ein Magier starb.

- Nur, wenn es möglich ist, die Magie nicht dort zu speichern, wo sie schon so stark konzentriert ist, sandte sie. Also weiter außen.

- Sag mir deine Theorie, warum die Magie zum Innern hin konzentriert ist.

Sonea untersuchte die Bindungen genauer. Die Struktur des Kristalls war überall gleichförmig. Nur an der Oberfläche war sie durchbrochen. Das erklärte jedoch nicht, warum die Magie nach innen hin konzentrierter war.

- Vielleicht wurde sie einfach in die Mitte gegeben und je mehr man hineinsteckte, desto größer und konzentrierter wurde der Bereich, der mit Magie gesättigt ist, schlug sie vor.

- Das ist wahrscheinlich. Aber darauf wollte ich nicht hinaus.

Sie runzelte die Stirn. Was meinte er dann?

- Gib ein wenig von deiner Magie in Bindungen, die noch nicht gesättigt sind, wies er sie an. Und zwar so.

Er sandte ihr eine Folge aus Bildern und Eindrücken, die nur schwer in Worte zu fassen war. Aber Sonea verstand, was sie zu tun hatte. Die Vorgehensweise hatte Ähnlichkeit damit, jemandem seine Kraft zu geben, nur mit dem Unterschied, dass sie diese in den Bindungen speichern musste, so wie wenn Sonea fremde Magie in ihrer Quelle speicherte. Von allein wäre sie nicht darauf gekommen und sie fragte sich, woher Akkarin es gewusst hatte oder ob er es erst bei seiner Untersuchung des Kristalls herausgefunden hatte.

Sie entschied, ihre Magie an unterschiedlichen Positionen zwischen Zentrum und Oberfläche zu speichern, um Akkarins Frage zu beantworten. Sie wählte eine Stelle und gab ihre Magie hinein. Sie war erstaunt, wie leicht das war.

- Das genügt, sandte Akkarin. Zu viel könnte gefährlich sein. Wir wissen nicht, welche Konsequenzen das haben könnte.

Sonea nickte und wiederholte den Prozess mit größerer Vorsicht an mehreren Stellen im Kristall, bis zu einer Stelle nahe der Oberfläche, die nahezu keine Magie enthielt.

- Und jetzt beobachte, was geschieht.

Sonea richtete ihre Aufmerksamkeit auf die von ihr manipulierten Bindungen. Zuerst schien es, als würde nichts geschehen. Doch als sie ihren Geist auf eine Bindung fokussierte, sah sie, wie die darin enthaltene Magie schwand, so als würde sie zu einem Leck an der Oberfläche fließen. Als Sonea genauer hinsah, erkannte sie, dass auch an anderen Stellen die Magie die Bindungen entlang zur Oberfläche floss. Das erklärte, warum sich der Stein so warm anfühlte. Allerdings war dieser Prozess nur sehr schwach. Es würde Ewigkeiten dauern, bis sich der Stein komplett entladen hatte. Wenn er mehr als eintausend Jahre alt war und zum Zeitpunkt seiner Erschaffung komplett mit Magie gesättigt gewesen war, dann bekam sie einen recht guten Eindruck davon, wie lange das dauerte.

- Ja, sandte Akkarin. Gut gemacht, Sonea.

Er ließ von ihr ab. Sonea schlug die Augen auf und fand sich dem elynischen Gelehrten gegenüber, der sie gespannt betrachtete. Flüchtig fiel ihr ein, dass er noch nie dabei gewesen war, wenn Akkarin sie unterrichtete. Sie blinzelte und versuchte, sich aus der seltsamen Welt, in die sie eingetaucht war, zu lösen.

„Wird das auch mit unseren Steinen passieren?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete Akkarin. „Möglicherweise sind sie dafür sogar anfälliger. Ihre innere Struktur ist eine andere.“

„Aber wir werden unsere Magie nicht lange darin aufbewahren“, wandte sie ein.

„Nein. Doch bei Gelegenheit sollten wir nach einer Möglichkeit suchen, sie abzudichten.“

Sonea schauderte. Übersetzt hieß „bei Gelegenheit“ so viel, wie „sollten wir die Schlacht überleben“.

„Was habt Ihr entdeckt?“, fragte Tayend aufgeregt.

Akkarin sah zu Sonea. „Erkläre du das.“

„Sehr gern, Lord Akkarin“, erwiderte Sonea und konnte nicht verhindern, dass ihr Herz einen Sprung machte, als er sie mit seinem Halblächeln bedachte. Sie wusste, er ließ ihr den Vortritt, weil er darin eine Übung sah, ihre Beobachtungen wissenschaftlich festzuhalten und wiederzugeben. Wahrscheinlich würde er erwarten, dass sie später das alles noch in einem Protokoll festhielt und da konnte es nicht schaden, es jetzt schon in eine Rohfassung in ihrem Kopf zu bringen.

„Also glaubt Ihr, es gibt einen Weg, die Magie so in den Steinen zu speichern, dass sie vollständig erhalten bleibt?“, fragte der Gelehrte, nachdem Sonea ihren Bericht beendete.

„Das herauszufinden wäre zumindest einen Versuch wert“, antwortete Sonea. „Das Problem besteht darin, dass die Teilchen an der Oberfläche nicht nach außen gebunden sind. Deswegen kann die Magie dort entweichen.“

„Ah“, machte der Gelehrte. „Ich denke, ich verstehe das Problem.“

„Man könnte den Stein mit einer magischen Barriere auf der Oberfläche versehen“, sagte Akkarin. „Doch selbst diese würde im Laufe der Zeit schwächer.“

Die beiden Männer begannen verschiedene Möglichkeiten zu diskutierten, wie man verhindern konnte, dass die gespeicherte Magie verlorenging. Alle führten jedoch in eine Sackgasse. Sonea unterdrückte ein Seufzen. Sie wusste nicht, warum das jetzt wichtig sein sollte, wenn sie nur „bei Gelegenheit“ danach forschen würden.

„Es ist schön, Tayend so glücklich zu sehen“, sagte sie, nachdem sich der junge Elyner verabschiedet hatte. „Er und Dannyl müssen wirklich sehr enge Freunde sein.“

„Enger, als man glauben möchte“, murmelte Akkarin. Er streckte eine Hand nach ihr aus. „Lass uns zu Bett gehen. Ich erwarte, dass meine Novizin morgen ausgeschlafen ist.“

Sonea unterdrückte ein Kichern. „Ja, Lord Akkarin.“ Sie griff nach seiner Hand und sah lächelnd zu ihm auf. „Schließlich möchte ich Euch morgen nicht vor Balkans Kriegern blamieren.“


***


Dannyl hätte nie gedacht, dass es sich so gut anfühlen würde, endlich gewaschen und rasiert zu sein und wieder eine Robe zu tragen. Er war so lange unterwegs gewesen, dass er irgendwann kaum noch bemerkt hatte, wie verwahrlost er war. Nachdem er sein ganzes Gepäck in Arvice zurückgelassen hatte, war er dankbar, dass er ein paar Roben in seinem alten Apartment aufbewahrte, damit er weniger Gepäck mitnehmen musste, wenn er nach Imardin reiste.

Sich in einen Sessel fallenlassend genoss er die Ruhe. Es tat gut, sich noch nicht offiziell zurückgemeldet zu haben. Das hatte noch Zeit bis zum nächsten Tag.

Es klopfte.

„Herein!“, rief Dannyl seinen Willen nach der Tür ausstreckend.

Als er den farbenfroh gekleideten, rothaarigen Mann erblickte, wurde er augenblicklich wachsam.

„Schnell“, murmelte er.

Tayend trat ein. Kaum, dass er über die Schwelle war, ließ Dannyl die Tür zufallen und belegte sie mit einem magischen Schloss.

„Hat dich jemand gesehen?“

Der Gelehrte schüttelte den Kopf. „Es ist spät. Hinter den meisten Fenstern war es schon dunkel.“

Dannyl stieß erleichtert die Luft aus, der angehalten hatte. Dann trat er auf seinen Freund zu und schloss ihn in seine Arme. Es war leichtsinnig, doch das kümmerte ihn nicht. Zu lange waren sie voneinander getrennt gewesen. Was er in Sachaka durchgemacht hatte, war weitaus schlimmer gewesen, als seines Amtes enthoben zu werden. In seinem Kopf schwirrten seit Jahren Vorwände entstanden in Tagträumereien sollte sein Diener Tayend am anderen Morgen hier finden. Solange sie beide angezogen waren, würde das nur wenig Stoff für Gerüchte liefern.

„Woher wusste ich nur, dass ich dich noch heute wiedersehen werde?“, fragte Dannyl erheitert.

Tayend schmiegte sich an ihn und stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich hatte so furchtbare Angst um dich“, flüsterte er. „Ganz besonders, nachdem ich hörte, was ich Arvice passiert ist.“

„Es ist alles gutgegangen“, beruhigte Dannyl ihn darum bemüht, so zu klingen, als wäre seine Reise ein Abenteuer gewesen. Tayend war bereits aufgelöst genug und Unbekümmertheit vorzugeben half Dannyl, sein eigenes Grauen zurückzudrängen. „Ich bin zurück.“

„Du musst mir alles erzählen“, forderte Tayend.

„Das werde ich“, versprach Dannyl. Er legte seine Hände auf Tayends Wangen und küsste ihn. Es fühlte sich an wie eine Offenbarung und er spürte, wie Tayends Körper darauf reagierte.

Es gab so viel, das sie sich zu erzählen hatten, doch Dannyl ahnte, sie würden erst ihr Verlangen nach körperlicher Nähe stillen müssen, bevor sie sich ernsthaft unterhalten konnten. Zum Reden würden sie noch die ganze Nacht haben.

„Bist du sicher, dass wir das hier tun sollten?“, fragte Tayend.

„Ja“, murmelte Dannyl und drängte seinen Gefährten in Richtung des Schlafzimmers, während er an dessen Gewand nestelte. Die Papierblenden an den Fenstern waren geschlossen, es war unmöglich von außen in seine Räume zu sehen. Ungeduldig streifte er seine Robe ab und zog Tayend aufs Bett.

Die Stunde, die darauf folgte, war eine der schönsten und intensivsten in Dannyls Leben.

„Versprich mir, dass du nie wieder so lange wegbleibst“, forderte der Gelehrte, als sie erschöpft in Dannyls Bett lagen, das für zwei Personen eigentlich zu klein war.

„Das kann ich nicht“, sagte Dannyl ein Seufzen unterdrückend. „Wenn sich die Gilde den Sachakanern stellt, werde ich dabei sein.“

Tayend bettete seinen Kopf auf Dannyls Brust. „Also bleibt uns noch etwas mehr als ein Monat“, folgerte er düster.

Ein Gefühl, das Dannyl nicht näher benennen konnte, stahl sich in sein Herz, als ihn die Realität mit all ihrer Wucht traf. Er konnte in diesem Krieg sterben. Die Tatsache, dass er mit mehr als einhundert Gildenmagiern kämpfen würde, hatte ihn zu lange in scheinbarer Sicherheit gewogen. Gegen mehrere einhundert Sachakaner würden sie kaum eine Chance haben.

„Ja“, sagte er nur. „Zu schade nur, dass wir die Hochzeit verpassen werden.“

„Oh, was das angeht, habe ich gute Nachrichten.“ Tayend strahlte. „Lord Akkarin hat die Feier auf den Freitag in drei Wochen vorverlegt.“

Dannyl pfiff leise durch die Zähne. „So, hat er das?“

„Lord Akkarin und Sonea haben die Gästeliste für die nach der Zeremonie stattfindende Feier wegen des bevorstehenden Krieges verkleinert“, fuhr der Gelehrte freudig fort. „Aber wir sind noch immer eingeladen.“ Er strahlte Dannyl an. „Damit gehören wir zu ihren engeren Freunden und Verwandten.“

Also war Akkarin fest entschlossen, seine Novizin zu seiner Frau zu machen, bevor einer von ihnen in der Schlacht fiel. Dannyl kam nicht umhin, einen leisen Neid zu verspüren.

„Da komme ich wohl nicht umhin, mich geschmeichelt zu fühlen“, sagte er. „Das möchte ich auf keinen Fall verpassen!“ Bei der Erwähnung der beiden schwarzen Magier fiel ihm jedoch wieder etwas ein, das ihm seit seinem Besuch in der Arran-Residenz keine Ruhe gelassen hatte. „Wie sind die beiden eigentlich so privat?“

Tayend runzelte die Stirn. „Lord Akkarin und Sonea?“

Dannyl nickte.

„Warum willst du das wissen?“

„Ich bin neugierig. Mein Bedürfnis nach Klatsch und Tratsch ist seit meinem Aufbruch aus Capia nicht gestillt worden.“

Tayend lachte. „Du bist gerade ein paar Stunden zurück und da denkst du gleich daran?“

„Jetzt erzähl mir schon, was du weißt“, drängte Dannyl. „Ich habe nicht vor, über sie zu lästern.“ Er fürchtete und respektierte Akkarin, doch er war auch neugierig. Aus irgendeinem Grund faszinierte ihn die Beziehung der beiden schwarzen Magier. Sie hatten zueinandergefunden, als die Gilde sie nach Sachaka verbannt hatte. Sie hatten dem Tod und den Regeln der Gilde getrotzt, nachdem diese sie wieder aufgenommen hatte. Während andere eine Beziehung zwischen Mentor und Novizin als höchst skandalös gefunden hätten, hielt Dannyl die Geschichte der beiden für zutiefst romantisch.

„Ich bin schon seit einigen Wochen hier und assistiere ihnen mit den Büchern“, begann Tayend erfreut. „Außerdem unterrichte ich Sonea in Alt-Elynisch, weil Lord Akkarin keine Zeit hat, es ihr selbst beizubringen. An einigen Abenden hat er mir und Sonea die Grundlagen der sachakanischen Sprache beigebracht. Dabei habe ich so einiges aufgeschnappt.“ Er stützte sich auf einen Arm und sah Dannyl mit leuchtenden Augen an. „Ich kann nur sagen: Ich bin grenzenlos neidisch!“

„Warum?“, fragte Dannyl. „Weil du heimlich für ihn schwärmst?“

Tayend prustete. „Oh, ich schwärme nicht für ihn, obwohl ich nicht zögern würde, wären da nicht zwei unüberwindliche Hindernisse.“

Dannyl hob eine Augenbraue. „Welche Hindernisse?“

„Du und seine offenkundige Vorliebe für kleine, kyralische Frauen.“

Dannyl lachte. „Wirklich Tayend, du solltest dich schämen, dass du das so unverblümt zugibst!“

„Ich habe eben eine offenkundige Vorliebe für große, kyralische Männer“, erwiderte der Gelehrte ernsthaft.

Dannyl schnaubte leise. Da diese Beschreibung auch auf Akkarin zutraf, empfand er sie als zweifelhaftes Kompliment.

„Warum bist du dann neidisch?“, fragte er.

„Weil sie wie wir sind. Nur, dass sie sich nicht verstecken brauchen.“ Mit einem Kichern fügte der Gelehrte hinzu: „Sie nennt ihn dauernd Lord Akkarin.“

„Er ist ja auch ihr Mentor. Sie tut das, um den Mentor von ihrem Verlobten zu trennen.“

„Oh, sie tut das auch, wenn sie keinen Unterricht hat.“ Aus irgendeinem Grund schien das Tayend zu erfreuen. „Und es geht auch gar nicht so sehr darum, dass sie es sagt, sondern wie.“

Dannyl schüttelte lächelnd den Kopf. Er dachte an seinen Besuch in der Arran-Residenz zurück. Sonea hatte Akkarin nur ein oder zwei Mal so angesprochen. Aber neben der unterwürfigen und ehrfürchtigen Novizin, die sie noch immer war, hatte eine Zärtlichkeit in ihren Worten gelegen, die Dannyl von Tayend kannte, wenn er ihn Botschafter nannte. Es war offenkundig, dass die beiden schwarzen Magier eine tiefe Zuneigung verband, wenn auch Akkarin seine Gefühle besser zu verbergen wusste.

In einem Anflug von Wehmut erkannte Dannyl, dass er den Neid seines Gefährten nur zu gut verstand. Es verging kaum ein Tag, an dem er sich nicht wünschte, er und Tayend könnten offen zu ihrer Beziehung stehen.

„Oh, bevor ich es vergesse“, wechselte Tayend das Thema. „Ich habe herausgefunden, wer Lord Sadakane ist.“

Für einen Augenblick war Dannyl verwirrt. Dann schlug er sich vor die Stirn, als er sich wieder erinnerte.

„Wie das?“, fragte er. „Hat Bel Fiore es herausgefunden? Oder war es Irand?“

Tayend grinste. „Keiner von beiden. Es war Lord Akkarin.“

Dannyl war zu aufgeregt, um sich darüber zu ärgern, wie sein Gefährte diesen Namen aussprach. Wahrscheinlich wäre es ihm nicht einmal aufgefallen, wäre er nicht durch ihr Gespräch darauf konditioniert worden.

„Woher wusste er es?“

„Er besitzt einige alte Bücher über schwarze Magie, die er vor Jahren unter der Universität gefunden hat. Ich habe sie gelesen, sie sind sehr spannend. Eines davon beschrieb Sadakane und sein Leben. Es wurde einige Jahre nach seinem Tod geschrieben.“ Er grinste. „Anscheinend war er damals eine kleine Berühmtheit in Kyralia.“

Was Tayends Vorliebe für dieses Thema betraf, war Dannyl froh, dass der Gelehrte sein magisches Potential nie entfesseln würde. Als Nichtmagier nutzte ihm das in den Büchern enthaltene Wissen nichts, sie zu lesen war sogar ein Verbrechen. Doch dank ihrer früheren Recherche steckte Tayend schon zu tief in dieser Sache drin, und wenn er Akkarin auf diese Weise besser assistieren konnte, dann sollte es wohl so sein.

Akkarin weiß, was er riskieren kann, beruhigte Dannyl sich. Er würde Tayend die Bücher nicht leichtfertig geben. Und sie befanden sich im Krieg.

„Und wer war Lord Sadakane nun?“, fragte er ungeduldig.

„Das ist eine wirklich lange Geschichte“, antwortete Tayend gedehnt. „Du bist sicher zu müde, um sie heute noch zu hören.“

„Ich bin hellwach“, sagte Dannyl.

„Das glaube ich dir nicht, Botschafter. Nicht nach deiner langen Reise und der vergangenen Stunde.“

Dannyl schüttelte energisch den Kopf. „Jetzt hör endlich auf, mich auf die Folter zu spannen!“


***


Es gab Tage, an denen Soneas Furcht vor den Sachakanern sie zu überwältigen drohte und sie darum kämpfen musste, sich nicht von ihren Gefühlen beherrschen zu lassen.

Dann gab es Tage, an denen sie eine gleichmütige Resignation ob des nahenden Endes verspürte, aber trotzdem alles gab, um die verschwindende Chance, sie könnten doch siegen, aufrechtzuerhalten.

An diesem Tag war sie indes voll Hoffnung. Nicht, weil die Nachmittagssonne so herrlich warm schien, als sie das Heilerquartier verließ, und weil aus den Sträuchern im Park bereits das erste Grün spross. Genau das hätte für sie ein Grund zur Beunruhigung sein müssen, da der fortschreitende Frühling sie nur zu schmerzhaft daran erinnerte, dass ihre Zeit ablief.

Das Geschenk der Anführerin der Verräter hatte die Chancen der Gilde über Nacht erheblich verbessert. Ein Großteil der Magie, die die Speichersteine einst enthalten hatten, war inzwischen verloren, doch es war immer noch genug, um ihnen eine realistische Chance gegen die Sachakaner einzuräumen. Jedoch würden sie diese Steine nicht den Kampfgruppen aushändigen. Akkarin hielt es für zu gefährlich, sie den anderen Magiern zu überlassen, weil diese die Magie in sich selbst aufnehmen konnten, sollten sie die Kristalle nicht kontrollieren können. Aber Fragen wie woher sie die nötige Magie nahmen, um den Südpass zu blockieren oder um die Sachakaner in einen Hinterhalt zu locken, waren nun lösbar.

Vielleicht wird doch alles gut ausgehen, dachte Sonea hoffnungsvoll, während sie den Park durchquerte. Obwohl sie sich nicht allzu sehr auf diesen unwahrscheinlichen Fall verlassen wollte, gab ihr das Kraft. Es war noch nicht sicher, ob die Kapazität ihrer eigenen Speichersteine zu gering sein würde, nur weil sie nicht die gewünschte Größe erreichen würden. Sie hatten keinerlei Erfahrung damit, wie viel Magie die inneren Strukturen der Kristalle tatsächlich aufnehmen konnten. Nach dem vergangenen Abend schien es jedoch, als müssten diese vielleicht gar nicht so groß werden, wie Sonea und Akkarin anfangs angenommen hatten.

Ein rotgewandeter Magier verließ die Universität und eilte zur Arena. Sonea lächelte grimmig, als sie daran dachte, wie sehr sie ihm in wenigen Minuten zusetzen würde. Mit all den Tricks, die Akkarin ihr beigebracht hatte, und ihrer scheinbar unberechenbaren Strategie besiegten sie Balkans Krieger fast jede Woche. Sonea hätte kaum einen besseren Weg gewusst, unerwünschte Gefühle rauszulassen.

Auf halben Weg zur Arena hielt der Krieger an. „Hallo, Sonea!“, rief er.

Sonea runzelte die Stirn. Die Stimme war ihr vertraut, aber sie wusste nicht mehr, wo …

„Kayan!“

Sie eilte auf den jungen Mann zu und verneigte sich. „Es ist schön, Euch wiederzusehen. Was macht Ihr hier? Ich dachte, Ihr patrouilliert in den Bergen.“

Kayan klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. „Das habe ich auch getan.“ Er lachte, dann wurde er unvermittelt ernst. „Ich war den Winter über am Südpass stationiert, aber ich habe um Ablösung gebeten, weil ich meine Familie noch einmal sehen wollte, bevor, nun …“

Sonea nickte verständnisvoll. „Das wird sie sicher freuen.“

Kayan lächelte schief. „ … also bin ich mit einigen anderen Kriegern heute Morgen zurückgekommen“, fuhr er wieder so unbeschwert wie eh und je fort.

„Und jetzt kommt Ihr zur Arena um den anderen beim Verlieren zuzuschauen oder seid Ihr hier, weil es Euch selbst nach einer Niederlage verlangt?“, fragte Sonea.

„Ah, ich hoffe, meine Teilnahme wird der ausschlaggebende Grund sein, dass Balkans Krieger über Euch siegen!“ Kayan grinste. „Ich habe gehört, sie haben einige Fortschritte gemacht.“

Sonea schnaubte verächtlich. Dieses Gerücht konnte nur Garrel in die Welt gesetzt haben. „Nun, Ihr werdet es gleich sehen.“

Sie durchquerten den unterirdischen Tunnel. Einige rotgewandete Magier erwarteten sie auf der Kampffläche. Hinter ihnen erblickte Sonea Akkarin, der sich mit Lord Vorel unterhielt.

„Lord Kayan, habt Ihr vielleicht Lust an einem Fest teilzunehmen?“, fragte sie einer plötzlichen Eingebung folgend. „So in drei Wochen? Es ist ein Freitag.“

„Was für ein Fest ist das?“

Sonea warf einen Blick zu Akkarin und errötete. „Es ist … nun … Akkarin und ich heiraten an jenem Tag.“ Sie hatte Kayan einladen wollen, die Möglichkeit jedoch wieder verworfen, weil sie erwartet hatte, er würde zu jener Zeit in den Bergen patrouillieren. So betrachtet war es eine glückliche Fügung, dass der junge Krieger zurück nach Imardin gekehrt war.

Kayan lächelte. „In diesem Fall sage ich mit Freuden zu.“

„Lord Kayan, wenn Ihr einen Augenblick Eurer Aufmerksamkeit erübrigen könntet.“ Garrel trat aus einer Gruppe Krieger auf sie zu. „Wir müssen unsere heutige Strategie diskutieren.“

„Natürlich, Lord Garrel“, erwiderte Kayan. Er zwinkerte Sonea zu. „Richten deinem Liebsten meinen Dank für die Einladung aus.“ Dann trat er zu den anderen Kriegern.

Sonea schritt zu Akkarin.

„Lord Akkarin“, sagte sie und verneigte sich.

Akkarin hob die Augenbrauen, so als wäre er amüsiert. „Guten Tag, Sonea. Wir war Heilkunst?“

„Interessant. Lady Vinara hat mir gezeigt, wie man die Schwarzzungenkrankheit im fortgeschrittenen Stadium behandelt. Auf dem Weg hierher ist mir Lord Kayan begegnet. Ich hoffe, es macht Euch nichts aus, dass ich ihn zu unserer Hochzeit eingeladen habe.“

Akkarin winkte ab. „Er ist willkommen. Durch ihn sollte Luzille zudem weniger in organisatorische Schwierigkeiten geraten.“

„Warum?“

„Weil ich nicht damit rechne, dass jeder, den wir eingeladen haben, auch tatsächlich kommt.“

Sonea wollte fragen, wie er das meinte, doch sein Blick war zum Eingang gewandert, wo Regin und Balkan gerade das unterirdische Portal durchschritten. Dann legte Akkarin eine Hand auf ihre Schulter und errichtete ihren inneren Schild.

Die Stunde wurde so amüsant, wie Sonea erhofft hatte. Garrel und seinen Anhängern wieder und wieder eine Lektion zu erteilen, erfüllte sie mit einer ungeahnten Befriedigung. Mit Regin und Kayan war es noch amüsanter. Und es war immer wieder erheiternd zu sehen, wie es die Krieger verwirrte, wenn sie ihren Schild auf unvorhergesehene Weise manipulierte.

- Wir versuchen sie zu trennen, sandte Akkarin. Ich will sehen, ob sie in dieser Hinsicht Fortschritte gemacht haben.

Sonea verkniff sich ein Grinsen. Einige Krieger verloren hin und wieder die Nerven, weil sie zu dreißig kaum etwas gegen zwei schwarze Magier ausrichten konnten. Dann wurde sie plötzlich ernst. Was, wenn sie die Nerven verloren, weil sie wussten, dass sie bald gegen noch mehr von ihrer und Akkarins Sorte kämpfen mussten?

- Du weißt, was du zu tun hast.

- Ja, Lord Akkarin.

Sie löste sich von Akkarin. Ihr Schild vibrierte, als er für einen Moment in Resonanz mit dem Schild geriet, den Akkarin gerade um sich errichtete. Sonea fischte ihren Blutring unter ihrer Robe hervor und streifte ihn über ihren Finger. Dann erschuf sie mehrere Illusionen ihrer selbst, die sie bis auf eine in der Arena verteilte, während sie sich mit ihnen fortbewegte.

Gegen eine so große Anzahl von Gegnern war es besser, zusammenzubleiben. Mit einer guten Strategie waren Alleingänge hingegen möglich. Inzwischen besaß Sonea so viel Kontrolle über ihre Magie, dass es ihr gelang, ihre Illusionen vor den Angriffen der Krieger zu schützen. Wie sie selbst schwebten sie durch die Halle und waren mit Schilden umgeben. Es gab jedoch etwas, das sie noch nie versucht hatte. Und sie wusste, wenn sie darauf verzichtete, würden die Krieger sehr schnell herausfinden, welche Sonea die echte war.

„Findet Sonea und richtet Eure Angriffe auf sie!“, rief Balkan.

Sonea schüttelte innerlich den Kopf. Bis zur Schlacht würde Akkarin die Magier noch davon überzeugen müssen, dass es besser war, per Blutjuwel zu kommunizieren. Es war sicherer als vereinbarte Codes und schneller als verabredete Zeichen.

Die Krieger attackierten ihre Illusionen in Dreiergruppen. Sonea musste sich konzentrieren, um diese aufrechtzuerhalten. Ihr Trick kostete sie mehr Magie, als ihr lieb war, doch der Vorteil lag noch immer auf ihrer Seite.

- Versuche Regins Gruppe von den anderen zu trennen, wies Akkarin sie an.

Mit einem Grinsen ließ Sonea die Illusion vor ihrem früheren Widersacher, der mit seinem Onkel und Lord Iskren angriff, nach hinten zurückweichen. Zu ihrer Erheiterung rückten Regin und die beiden Krieger nach.

- Und jetzt mach das gleiche mit den anderen.

Nach und nach lockte Sonea die Krieger mit ihren Illusionen voneinander fort. Sie musste sich zurückhalten, um nicht auf die Angriffe der drei Krieger vor ihr zu antworten. Spätestens das hätte sie verraten und hätte ihre Konzentration gestört. Hin und wieder, wenn der Schild einer Illusion getroffen wurde, manipulierte sie den Schild so, dass der Angriff zurückgeworfen wurde.

Die Verwirrung, die das unter den Kriegern auslöste, war zutiefst erheiternd.

„Bleibt zusammen!“, bellte Balkan. „Sie führen Euch an der Nase herum!“

- Wenn ich das Kommando gebe, greifst du deine Gegner an.

- Verstanden, Lord Akkarin.

Aus den Augenwinkeln beobachtete Sonea, wie Akkarin sich einen Kampf mit Balkan, Lord Vorel und einigen weiteren Kriegern lieferte, die sich nicht auf die Illusionen fokussiert hatten. Ihre Konzentration war derweil darauf gerichtet, ihr Schauspiel aufrechtzuerhalten. Bei der Hälfte ihrer Illusionen war der Schild inzwischen bedenklich kurz davor, zusammenzubrechen.

- Meine Illusionen fliegen gleich auf, sandte sie.

- Dann lass sie den Angriffen ausweichen.

Mäßig begeistert von dieser Anweisung konzentrierte Sonea sich darauf, die betroffenen Abbilder ihrer Selbst in Sicherheit zu bringen, was eine weitere Illusion in Gefahr brachte, sich aufzulösen. Aber wenn es nur Illusionen sind, dann kann ich doch auch die Illusion eines Schildes erschaffen, fuhr es ihr durch den Kopf. Schließlich sind auch diese Bilder nur magische Kraftfelder.

Sie kicherte in sich hinein. Wenn Akkarin für seinen Kollateralschlag noch nicht bereit war, dann würde sie die Krieger eben auf diese Weise weiter täuschen. Alles, was sie tun musste, war den falschen Schild aufrechtzuerhalten, wenn er getroffen wurde. Zu ihrer Befriedigung fiel Regins Gruppe darauf herein. Sie wollte das gerade bei einer weiteren Kopie ihrer selbst wiederholen, als Akkarin das Kommando gab.

Sonea attackierte die drei Krieger ihr gegenüber mit brutalen Kraftschlägen. Ihr gemeinsamer Schild brach zusammen.

„Das ist sie!“

Weitere Gruppen von Kriegern wandten sich ihr zu. Sonea lächelte grimmig und konterte mit allem, wozu sie fähig war. Die Krieger um Balkan duellierten sich noch immer mit Akkarin, doch Sonea konnte sehen, dass ihr Schild nicht mehr lange halten würde. Als auch der Hohe Lord aus der Runde ausgeschieden war, attackierte Akkarin die Gruppen von Kriegern, die sie voneinander trennten von hinten.

„Genug!“, rief Balkan, als nur noch eine Gruppe übrig war. „Die Runde geht an Lord Akkarin und Sonea.“

Einige Krieger machten verdrießliche Gesichter. Sonea erhaschte einen Blick auf Kayan, der ihr zuzwinkerte.

„Gut gemacht, Sonea“, murmelte Akkarin, nachdem sie zurück an seine Seite geeilt war.

Sie sah zu ihm hoch und strahlte. „Vielen Dank, Lord Akkarin“, erwiderte sie.

Gemeinsam schritten sie zu den Kriegern.

„So wird das nie etwas, wenn wir gegen die Sachakaner kämpfen“, hörte Sonea das Oberhaupt der Krieger murmeln.

„Nicht, wenn Ihr Euch so leicht trennen lasst.“ Akkarins dunkle Augen funkelten und Sonea hatte alle Mühe, ihr Lachen zu unterdrücken. „Die Sachakaner verfügen nicht über die kämpferische Raffinesse der Gilde. Ein Kampf gegen sie sollte Euch weniger … Unannehmlichkeiten bereiten.“


***


„Garrel sieht heute ziemlich übellaunig aus.“ Dannyl schwenkte den Wein in seinem Glas und sah zu einer Gruppe Krieger, die sich im hinteren Teil des Abendsaals unterhielt. „Was ihm wohl widerfahren sein mag?“

Rothen unterdrückte ein Kichern. „Es ist Vierttag.“

Sein Freund runzelte die Stirn. „Sollte der Vierttag nicht eher ein Tag zur Freude sein, weil es der letzte Tag der Woche ist?“

„Nicht, wenn du ein Krieger bist und an diesem Tag eine Niederlage gegen Akkarin und Sonea einstecken musst – zusammen mit neunundzwanzig anderen Kriegern, wohlgemerkt.“

Auf Dannyls Gesicht breitete sich diebische Freude aus. „Ah, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie ich das hier vermisst habe!“

Rothen betrachtete seinen Freund erheitert. „Wenn ich dich so ansehe, dann bekomme ich davon einen recht guten Eindruck.“

Er freute sich, weil Dannyl, bis zum Ende des Krieges in der Gilde bleiben würde. Neben seiner magischen Unterstützung würde die Gilde Dannyls diplomatischen Fähigkeiten brauchen, wenn die Magier aus den anderen Teilen der Verbündeten Länder anreisten. Unter den Kriegerstämmen in Lan herrschte wie zwischen den Großen Clans von Lonmar des öfteren Streit. Wenn diese auf kleinem Raum für einige Wochen zusammen waren, würde das zwangsläufig Ärger bedeuten. Rothen und Osen würden versuchen, die verfeindeten Gruppen getrennt voneinander unterzubringen. Einige Familien aus dem Inneren Ring hatten sich bereit erklärt, Magier aufzunehmen. Andere würden in leerstehenden Räumen in den Magier- und Novizenquartieren untergebracht oder auf dem Universitätsgelände kampieren.

„Da ist Yaldin.“ Dannyl deutete auf eine Gruppe älterer Magier in purpurfarbenen Roben.

Als Rothens betagter Freund sie erblickte, verabschiedete dieser sich von seinen Gesprächspartnern und steuerte auf sie zu.

„Guten Abend, meine Freunde“, grüßte er. Sein Blick fiel auf Dannyl. „Ich gratuliere Euch zu Eurer Auszeichnung für außergewöhnlichen Mut und Tapferkeit. Auch wenn es noch nicht offiziell ist.“

„Vielen Dank“, erwiderte Dannyl.

Nachdem Dannyl am Vormittag seinen Bericht vor den höheren Magiern gemacht hatte, hatte Balkan erklärt, dass er eine Auszeichnung für seinen Verdienst für Kyralia und die Gilde erhalten würde. Eine zweite Auszeichnung würde an Kitos Witwe in Vin geschickt, zusammen mit einem exotischen Schmuckstück, das der Auslandsadministrator in Sachaka für seine Frau erstanden hatte und dass er Dannyl kurz vor seinem Tod anvertraut hatte. Die offizielle Verleihung würde während der nächsten Gildenversammlung stattfinden.

Yaldin winkte ab. „Ihr habt Außergewöhnliches geleistet, Dannyl. Ihr habt meinen tiefsten Respekt.“

Rothen wusste, sein ehemaliger Novize sah das anders. Aus seiner eigenen verqueren Sicht hatte Dannyl gleich zwei Mal versagt. Einmal bei Marika und einmal bei den Verrätern. Bei ihrem gemeinsamen Abendessen hatte Rothen ihm gesagt, dass ihn keine Schuld traf. Ehrgeizig, wie Dannyl jedoch war, war er der Überzeugung, er habe nicht genug getan, um den Krieg abzuwenden. Immerhin gestand er sich einen Teilsieg zu, weil die Anführerin der Verräter die Gilde mit einem so großzügigen Geschenk bedacht hatte.

„Die Sachakaner wollten diesen Krieg bereits, lange bevor du ihr Land betreten hast“, hatte Rothen gesagt. „Ihr Hass auf uns ist so tief verwurzelt, dass kein diplomatisches Geschick der Welt, sie von ihrem Vorhaben abgebracht hätte.“

„Du bist nicht der Erste, der mir das sagt“, hatte Dannyl erwidert. „Doch es fühlt sich trotzdem so an.“

„Botschafter Dannyl.“

Rothen wandte den Kopf und erblickte zwei Heiler.

„Ist es wahr, dass Ihr ein paar von diesen Speichersteinen aus Sachaka mitgebracht habt?“

Dannyl nickte.

„Heißt das, die Sachakaner befinden sich auch im Besitz solcher Waffen?“

„Ich habe die Speichersteine von der Anführerin der Verräter erhalten“, antwortete Dannyl. „Sie sind jedoch sehr alt. Ob die übrigen Sachakaner solche Steine besitzen, kann ich nicht sagen, doch ich nehme an, wenn sie welche hätten, dann bräuchten sie keine so große Armee gegen uns aufzustellen.“

„Sind die Speichersteine, die Lord Akkarin und Sonea versuchen herzustellen, damit überflüssig geworden?“

„Nein“, sagte Rothen. „Die Speichersteine, die Botschafter Dannyl von den Verrätern erhalten hat, sind sehr alt und wir wissen nicht genau, ob sie instabil geworden sind. Daher werden wir auf ihre Magie nur im Ernstfall zurückgreifen. Nichtsdestotrotz verfügen wir damit über deutlich mehr Magie als vorher.“

Rothen hatte dem schwarzen Magier sein Wort gegeben, nichts über seine neusten Erfolge in der Herstellung von Speichersteinen vor den anderen Magiern zu erwähnen. Auch über das Buch, mit dem Akkarin und Sonea einige Wochen zuvor in seinem Apartment aufgetaucht waren, behielt er weiterhin Stillschweigen. Rothen hätte sich nicht darauf eingelassen, hätte Sonea ihm nicht eingeschärft, das alles für sich zu behalten, bis sicher war, dass ihre selbstgezüchteten Speichersteine etwas taugten. Die Situation war zu schlecht, um falsche Hoffnungen zu erwecken.

Mit einem Schaudern dachte er an den Nachmittag zurück, an dem er diese Anleitung in den Händen gehalten hatte. Obwohl er nicht alles davon verstanden hatte, hatte Rothen die Gefährlichkeit dieser Waffe erkannt. Rothen weigerte sich, sein Gewissen mit der Beteiligung an der Herstellung eines schwarzmagischen Objekts zu belasten – egal, wie sehr die Gilde darauf angewiesen war. Rothen hatte weniger Skrupel, Waffen herzustellen, um die Schilde ihrer Feinde zu zerstören, als in etwas involviert zu werden, das das Potential hatte, ganze Landstriche zu verwüsten.

Während der nächsten beiden Stunden musste Dannyl eine Vielzahl von Fragen über seine Mission in Sachaka über sich ergehen lassen. Die Magier fragten ihn nach der Lebensweise der Menschen, auf die er dort getroffen war, wie es war einen Weinhändler und einen Sklaven zu spielen und was er von den Verrätern hielt. Letztere waren ein vieldiskutiertes Thema, weil sie trotz ihrer Weigerung, die Gilde zu unterstützen, zu einer Art Hoffnungsträger geworden waren. Die Magier brannten auf Dannyls Ansichten zu diesem seltsamen Volk, ganz besonders weil sie ihre bisherigen Informationen aus Gildenversammlungen oder Geschwätz erhalten hatten. Dannyl war den schwarzen Magierinnen jedoch leibhaftig begegnet und hatte für eine kurze Weile sogar bei ihnen gelebt.

Sein Freund genoss die Aufmerksamkeit, die man ihm schenkte, sichtlich.

„Ihr seid ein Held, nach allem, was Ihr in Sachaka erlebt habt“, sagte ein junger Alchemist bewundernd.

Dannyl winkte ab. „Ich hatte Hilfe von unserem früheren Hohen Lord.“ Er trank einen Schluck Wein. „Und wenn wir schon Erlebnisse in Sachaka mit Heldentum in Verbindung bringen, bin ich im Vergleich zu ihm eher klein und unbedeutend.“

„Seit wann hältst du es mit Akkarin?“, fragte Rothen, als sie den Abendsaal eine Stunde später verließen. „Man könnte meinen, du hättest gerade Werbung für ihn gemacht, damit die Gilde wieder zu ihrem Anführer ernennt.“

Dannyl kicherte. „Das hat Akkarin nicht nötig.“

„Ich dachte immer, du fürchtest ihn bis ins Mark.“

Sein Freund warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. „Jetzt übertreibst du!“

„Aber es war früher so.“

„Ich fürchte und respektiere ihn, Rothen. Daran hat sich nichts geändert.“ Dannyl hielt inne und runzelte die Stirn. „Nein, durch die Invasion der Ichani ist es eher mehr geworden.“

Rothen schüttelte den Kopf. Wollte er wissen, warum oder seit wann Dannyl den schwarzen Magier eine solche Ergebenheit entgegenbrachte? Er entschied, dass das nicht wichtig war. Dannyl war erwachsen.

„Ah, endlich draußen!“ Dannyl tat ein paar tiefe Atemzüge in der kalten Nachtluft. „Ich fürchte, es war keine gute Idee, mich unter die Meute zu begeben.“

Lenk nicht vom Thema ab, wollte Rothen ihn ermahnen. Doch als er seinen Freund näher betrachtete, bemerkte er Anzeichen von Ermüdung in Dannyls Gesicht, die er nach derlei gesellschaftlichen Zusammenkünften noch nie bei ihm bemerkt hatte.

„Du und Kito habt euch ziemlich nahe gestanden, nicht wahr?“

Dannyl nickte zögernd. „Das macht es noch schwerer, ihnen davon zu erzählen“, sagte er leise.

Eine Weile gingen sie schweigend in Richtung der Magierquartiere. Kurz vor dem Eingang hielt Dannyl inne.

„Weißt du Rothen, es waren nur wenige Wochen. Kito und ich hatten in einigen grundlegenden Dingen unterschiedliche Ansichten. Aber wir hätten Freunde für ein ganzes Leben werden können.“

Etwas in dieser Art hatte Rothen bereits aus Dannyls Erzählungen beim Abendessen erraten. Auf Grund einer Geschichte, die sich zu Dannyls Novizenzeit zugetragen hatte, schloss Dannyl nur zögernd Freundschaften. Neben ihm und Yaldin war da nur noch Dannyls elynischer Assistent, der Akkarin und Sonea die Bücher über schwarze Magie gebracht hatte, von deren Existenz die Führung der Gilde ebenfalls noch nichts wusste. Einen neuen Freund nach so kurzer Zeit wieder zu verlieren, musste sehr schmerzhaft sein.

„Wenn du jemanden zum Reden brauchst – du weißt, wo mein Apartment ist“, sagte Rothen.

Dannyl lächelte. „Danke, Rothen. Du bist ein echter Freund.“

Beruhigt folgte Rothen ihm in das Gebäude, das die Magier bewohnten. Wenn Dannyl seine Erlebnisse in Sachaka erst einmal verarbeitet hatte, würde er bald wieder der Alte sein.


***


„Es ist wichtig, dass Ihr lernt, zusammen zu kämpfen.“ Ashaki Kachiro schritt zwischen den zwei Reihen von Ichani entlang, die sich gerade duelliert hatten.

„Die Kyralier sind schwach, aber sie haben einen Vorteil, weil sie im Gegensatz zu Euch eine Strategie haben.“ Er blieb vor Yirako stehen und durchbohrte ihn mit seinen kalten Augen. Der Ichani erwiderte seinen Blick unverhohlen. „Einige von Euch haben bereits Erfahrung im gemeinsamen Kämpfen. Ich erwarte, dass ihr diese Erfahrungen mit den anderen Mitstreitern entgegen Eurer Vorurteile teilt. Ich muss hoffentlich nicht betonen, dass Ihr durch den Eid, den Ihr dem König geschworen habt, all Eure Feindseligkeiten abgelegt haben solltet.“

Mit finsterer Miene wandte er sich von Yirako ab und musterte die übrigen Ichani.

„Zum ersten Mal seit Jahrhunderten ist das sachakanische Volk vereint“, fuhr er mit leidenschaftlicher Stimme fort. „Wir alle kämpfen für ein gemeinsames Ziel, nämlich um Rache an den Gildenmagiern zu nehmen, die unser Land zerstört und gespalten haben, und um das Sachakanische Imperium wiederzuerrichten. Es besteht kein Anlass für Zwietracht und Streitereien, denn jeder, der den König unterstützt, wird am Ende mit einem Stück Land und einem Platz in der Gesellschaft belohnt. Also reißt Euch zusammen!“

„Ja, Kriegsmeister Kachiro!“, riefen die Ichani wie aus einem Mund.

Eine Grimasse schneidend, projizierte Savara ihre Gedanken an ihr Blutjuwel.

- Vielleicht solltet Ihr Euch das hier ansehen.

- Das tue ich bereits.

An anderen Tagen hätte die seine Worte begleitende Erheiterung sie rasend gemacht. Heute war Savara jedoch dankbar, dass er bereits zusah. Er und seine Gilde würden sich ein besseres Bild von der Situation machen können, wenn sie es nicht zusammenfassen brauchte.

Savara fand es interessant, dass Marikas Anhänger die Strategie der Gildenmagier von der Schlacht von Imardin zu kopieren begannen. Sie bezweifelte indes, dass dies das Resultat von Marikas Spionen war. Nach all den haarsträubenden Geschichten, die man sich in Sachaka über die beiden höheren Gildenmagier erzählte, glaubte sie vielmehr, dass Marika seine Kämpfer weniger verwundbar machen wollte. Denn wenn seine schlimmsten Befürchtungen wahr wurden und die Gildenmagier begannen, höhere Magie zu praktizieren, würden sie dank ihrer besseren Ausbildung überlegen sein.

„Ichani Yirako, kommt mit Euren Leuten auf die Kampffläche und zeigt den anderen, wie man in einer Gruppe kämpft“, forderte Kachiro den Ichani-Anführer aus dem Norden auf.

Mit sichtbarem Unwillen nickte Yirako seinen Verbündeten zu und trat auf den Platz. Kachiro wählte unter den übrigen Ichani eine gleich große Anzahl aus, darunter Savara und Arlava.

„Jemand sollte ihm klarmachen, das man Einzelkämpfer auch geschickt einsetzen kann“, murmelte Arlava, während sie sich aufstellten. „Auch ein Schwarm Sapfliegen kann ein einen großen, fetten Gorin in den Wahnsinn treiben.“

Savara lachte über den Vergleich. Sie würde nicht so weit gehen, zu behaupten, sie und Arlava wären Freundinnen geworden, doch zwischen ihnen gab es keine Feindseligkeiten. Während der Trainingseinheiten plauderten sie oft über belanglose Dinge oder spotteten gemeinsam über andere Ichani. Trotzdem rief sich immer wieder ins Gedächtnis, dass die Ichani ihre Feinde waren. Arlava konnte zu ihrer Verbündeten werden, aber Savara würde sie wenn nötig töten.

„Dann schlag es ihm vor, wenn du dich traust“, erwiderte sie. Sie war sich bewusst, dass Akkarin das mithörte, doch sie musste ihre Rolle spielen. Wäre sie auf Marikas Seite, so hätte sie diesen Vorschlag wahrscheinlich längst selbst gemacht.

Zuletzt teilte Marikas Kriegsmeister Malira ihrer Gruppe zu. So wenig Aufsehen wie möglich erregend, mogelte Savara sich zwischen den Ichani durch auf die andere Seite der Gruppe. Bisher war sie ihrer alten Widersacherin erfolgreich aus dem Weg gegangen. Bei den Übungskämpfen in den vergangenen Wochen waren sie weder einzeln gegeneinander angetreten, noch waren sie in der gleichen Gruppe gewesen. Eine Konfrontation würde sich auf Dauer jedoch nicht vermeiden lassen und Savara fürchtete den Tag, an dem das geschehen und sie auffliegen würde. Bei Yirako hatte sie anfangs dasselbe befürchtet, doch dieser schenkte den Ichani, die nicht zu seinen Verbündeten gehörten, keine Beachtung, was insbesondere für die Frauen galt.

„Die Ichani, die nicht in Yirakos Gruppe kämpfen, werden nun genau beobachten, was seine Leute anders machen“, verkündete Kachiro.

„Ich schlage vor, wir teilen uns auf“, hörte Savara den Anführer von Arlavas Leuten sagen. „Drei von uns greifen Yirako und seine Bande an, die übrigen kümmern sich um den Schild.“

„Warum teilen wir beides nicht gleichmäßig unter uns auf?“, fragte ein anderer Ichani.

„Weil es mehr Magie kostet, einen Schild zu halten, der angegriffen wird, als selbst anzugreifen“, antwortete Sarkaro mit gespielter Nachsichtigkeit.

Er begann einzuteilen, wer für den Angriff und wer für die Verteidigung zuständig sein sollte.

„Das ist wieder einmal typisch“, erklang eine kalte Frauenstimme neben Savara.

Sie erstarrte, dann sammelte sie sich und begegnete Malira.

„Was ist typisch?“

Die Ichani verschränkte die Arme vor der Brust. „Sarkaro lässt nur seine Leute angreifen. Wir anderen müssen uns mit dem langweiligen Teil abgeben.“

„Wir werden sehen, wie erfolgreich seine Taktik ist“, erwiderte Savara.

Malira schenkte ihr ein raubtierhaftes Lächeln, das durch die Narbe auf ihrer Wange auf groteske Weise verzerrt wurde.

„Ja, das werden wir.“

Savara atmete auf, als Kachiro das Startzeichen gab und alle sich auf den Übungskampf konzentrierten.

Während sie sich mit Yirakos Anhängern duellierten und Savara ihre Magie dem Schild ihrer Gruppe beisteuerte, studierte sie die Taktik von Yirako und seinen Leuten eingehend. Zu verstehen, wie diese Ichani in einem Kampf vorgingen, musste nicht zwingend nur der Gilde zum Vorteil gereichen.

Nachdem beide Gruppen eine Weile gegeneinander gekämpft hatten, zeichnete sich allmählich ab, dass Yirakos Leute den Sieg davon tragen würden.

Neben ihr stieß Malira ein wütendes Zischen aus und attackierte ihre Gegner mit Feuerschlägen. Dort wo sie stand, wurde der gemeinsame Schild instabil.

Savara fluchte und veränderte ihren Bereich des Schildes so, dass er die Schwachstelle abdeckte.

„Aufhören!“, rief Kachiro.

Die Angriffe erstarben und die Schilde wurden gesenkt.

„Habt Ihr gesehen, was Yirakos Gruppe von Euch unterscheidet?“, fragte der Kriegsmeister Savaras Gruppe.

„Sie bleiben dicht zusammen und verringern die Fläche, die ihr Schild abdecken muss“, antwortete ein Ichani.

„Richtig. Ihr hingegen bewegt Euch wie ein Haufen paarungsbereiter Harrel. Anhand Eurer Bewegungen kann der Gegner Eure Absichten erraten. Bleibt immer dicht zusammen und bewahrt Ruhe.“ Kachiros graue Augen wanderten über die Ichani. „Was ist Euch noch aufgefallen?“

„Jeder von ihnen erledigt die Aufgabe, die ihm zugeteilt ist“, antwortete Sarkaro mit einem finsteren Blick zu Malira.

„Richtig. In einem echten Kampf hätte dieser Fehler Eure Gruppe das Leben gekostet, wäre die Ichani Dakira nicht so aufmerksam gewesen.“

Savara schenkte Kachiro ein liebenswürdiges Lächeln.

„Wenn ein Verteidiger während eines Kampfes zum Angreifer werden soll, muss das abgesprochen sein, so dass die Aufgaben neu verteilt werden können“, fuhr der Kriegsmeister fort. „Macht Euch das klar.“

„Ja, Kriegsmeister Kachiro“, antworteten Savara und die anderen.

Der Ashaki nickte. „Wir machen eine halbe Stunde Pause. Geht Euch erfrischen und sammelt Eure Kräfte. Ihr werdet sie anschließend brauchen.“

„Das ist doch alles lächerlich!“, fauchte Malira. Mit großen Schritten eilte sie den anderen voraus zu dem Baldachin, unter dem Sklaven Getränke und Speisen servierten. Savara folgte mit den anderen. Sie nahm sich eine Marin und setzte sich dann in einiger Entfernung in den Schatten eines Parrabaumes.

Sie hat mich nicht erkannt! Erleichterung und Triumph brachen über sie herein. Sie hatte die Ichani durch Ina beschatten lassen, jedoch nicht viel Brauchbares herausgefunden. Wenn Malira sich tatsächlich nicht mehr an ihr Gesicht erinnern konnte, dann würde Savara vielleicht keine Intrige inszenieren oder schmutzige Details über die Ichani ans Licht bringen müssen, um sie loszuwerden, bevor diese sie an Marika verriet.

- Es ist noch zu früh für Siegesfeiern.

Savara unterdrückte einen Fluch. Akkarin hatte ihr nicht zu sagen, wie sie ihre Arbeit erledigen sollte.

- Malira ist meine Privatangelegenheit, gab sie zurück.

- Und du die meine. Ich werde dir nicht gestatten, diesen Auftrag durch persönliche Rachefeldzüge zu gefährden.

Savara brannte vor Wut. Es war schmerzvoll und demütigend wieder und wieder von ihm daran erinnert zu werden, dass sie ihre Freiheit an ihn verkauft hatte. Im Nachhinein hätte sie in jener Nacht in den Hüttenvierteln den Tod vorgezogen, doch jetzt war sie gezwungen, ihren Auftrag zu beenden, wenn sie nicht wollte, dass Kyralia an die Sachakaner fiel.

- Hast du das verstanden, Savara?

Sie ballte die Fäuste.

- Ja.

- Gut. Und jetzt vergiss deine Wut und hebe sie dir für deinen nächsten Kampf auf.

Savara wollte eine bissige Erwiderung geben und erstarrte mitten in ihrem Gedanken. Dort, wo die Sklaven die Ichani mit Getränken und Speisen bewirteten, saß Arlava und unterhielt sich mit ihrer früheren Widersacherin.

- Vielleicht habe ich mich doch zu früh gefreut, dachte Savara als sie die beiden Frauen betrachtete. Wahrscheinlich hat sie mich doch erkannt und versucht durch Arlava an Informationen über mich zu kommen.

Während sie die beiden Frauen unauffällig beobachtete, versuchte Savara sich nicht die Selbstgefälligkeit auszumalen, die Akkarin gerade empfinden musste.


***


Sonea beobachtete, wie Akkarins Blick für einen Moment ins Leere glitt. Als er sich ihr zuwandte, war der dunkle Tunnel vor ihr unverändert und doch wusste sie, dass der letzte der unsichtbaren Schilde, die das Areal der Gilde schützten, gesenkt war.

„In zwei Stunden bist du wieder hier“, ermahnte er sie. „Pass auf, dass niemand außer Cerys Leuten dich zu Gesicht bekommt und halte deine Roben unter dem Umhang verborgen.“

Sie widerstand dem Drang, die Augen zu verdrehen. „Ja, Lord Akkarin.“

Akkarin bedachte sie mit einem Halblächeln. Er trat auf sie zu und küsste sie auf die Stirn.

„Wenn ich noch nicht hier bin, dann warte auf der anderen Seite. Versuch auf keinen Fall, die Schilde selbst zu senken. Ich werde versuchen, die Besprechung nicht länger dauern zu lassen.“

„Erzähl mir, wenn etwas Wichtiges dabei herausgekommen ist.“ Sonea wusste nur, das Savara ihn über die Trainingsmethoden in Marikas Armee unterrichtet hatte und dass er die höheren Magier darüber informieren wollte.

„Das werde ich“, versprach er.

„Und grüß Rothen.“

Er nickte und strich kurz über ihre Wange. „Geh jetzt.“

Sonea zog die Kapuze ihres Umhangs über. „Bis später.“

Ihm einen letzten Blick über die Schulter zuwerfend, eilte sie den finsteren Tunnel entlang. Statt einer Lichtkugel benutzte sie eine Laterne, um nicht als Magierin erkannt zu werden. Cerys Leute waren ihr und Akkarin gegenüber loyal, aber sie wusste nicht, ob das auch für die anderen Diebe galt. Offiziell durfte sie gar nicht hier sein.

Nach einem Marsch von etwa einer halben Stunde nahm sie den vertrauten Geruch der Hüttenviertel wahr. Jetzt konnte es nicht mehr weit sein.

Plötzlich löste sich vor ihr eine Gestalt aus der Dunkelheit. „Was hast du hier zu suchen?“, fragte eine fremde Stimme.

Sonea hob ihre Kapuze ein wenig an und nannte die Losung, die sie vor Cerys Leuten identifizierte.

„Kommt mit, Lady“, sagte der Mann und schritt voraus.

Sonea folgte ihm mit steigender Nervosität. Die Zeit für ihr Vorhaben war knapp bemessen. Aber sie war dankbar, weil Akkarin überhaupt eine Möglichkeit gefunden hatte, sie für kurze Zeit aus der Gilde zu schmuggeln. Je länger sie fort blieb, desto größer war die Gefahr, dass ihr Verschwinden bemerkt wurde.

Endlich hielt ihr Führer. Er zog einen Stein aus der Wand, den Sonea nicht von den übrigen Steinen hätte unterscheiden können, und betätigte den dahinterliegenden Mechanismus. Eine Tür aus Ziegeln öffnete sich und schwang nach innen.

„Nach Euch, Lady“, sagte er und bedeutete ihr, hindurchzutreten.

Sonea nickte und trat in einen Raum, den sie auf Anhieb als einen Lagerraum von Cerys Versteck wiedererkannte.

Ihr Führer folgte ihr und verschloss die Tür hinter sich. Dann brachte er sie in einen Raum, den ihr Freund als Aufenthaltsraum benutzte.

„Hier’s Lady Sonea, Chef“, sagte er.

Cery nahm die Füße vom Tisch und stand auf. „Danke, Bulkin“, sagte er. „Halt’ draußen Wache.“

Der andere Mann verschwand. Sonea schob ihre Kapuze zurück und lächelte. Dann eilte sie auf ihren Freund zu und umarmte ihn.

„Hallo, Cery! Es ist so schön, dich zu sehen!“

Cery lachte. „Sonea! Was treibt dich her?“

Sie ließ von ihm ab. „Ich habe nicht viel Zeit, Cery. Ich habe Akkarin versprochen, dass ich in zwei Stunden wieder zurück bin, um Ärger mit der Gilde zu vermeiden.“

„Kein Ding.“ Ihre Freund zog sie zu einer Sitzbank. „Wie geht’s dir?“

Sonea seufzte. „Oh Cery, du glaubst gar nicht, wie wild alles geworden ist! Ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Der Krieg mit den Sachakanern, die Hochzeit, die vorgezogenen Prüfungen. Ich muss so viel lernen, Akkarin bei den Vorbereitungen unserer Waffen helfen und so viel anderes. Wenn das nicht bald aufhört, werde ich noch wahnsinnig. Und ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass die Hochzeit früher stattfinden wird.“

Cerys Augen weiteten sich. „Warum?“, fragte er. „Ist was passiert?“

„Wir wissen von unseren Spionen, dass die Sachakaner uns früher angreifen werden, als wir erwartet haben und das wird vor dem geplanten Hochzeitstermin sein“, antwortete Sonea. „Aber wir wollen unbedingt vorher heiraten.“ Sie zögerte. „Wer weiß, ob wir den Krieg überleben.“

Cery nickte ernst. Er erhob sich, schritt zu einem Schrank und holte einen Becher daraus hervor. Als er etwas aus der Flasche, die auf dem Tisch stand, hineinfüllte, stieg der süße Geruch von Bol in Soneas Nase. Cery schob ihr den Becher zu und schenkte dann sich selbst ein.

Dankend nahm Sonea den Becher entgegen und trank einen tiefen Schluck. Der dunkle Likör brannte in ihrer Kehle und legte sich wie ein angenehmes Polster über ihre Anspannung.

„Danke, Cery“, flüsterte sie.

Ihr Freund winkte ab. „Du bist meine beste Freundin. Ich bin für dich da und wenn ich nicht mehr tun kann, als dich betrunken zu machen, um dir deine Sorgen für kurze Zeit zu erleichtern.“ Stirnrunzelnd nippte er an seinem Becher. „Hast du was von Savara gehört?“

Sonea verzog das Gesicht. Das war nicht gerade ein Thema, über das sie gerne sprach, doch Cery hatte eine Antwort verdient. Ihm war anzusehen, dass er sich Sorgen machte. „Sie ist in Arvice und spioniert den König von Sachaka und seine Pläne aus. Nach allem, was ich weiß, amüsiert sie sich dabei prächtig.“

„Das passt zu ihr“, sagte Cery versonnen.

Sonea lächelte. Dann zog sie einen Umschlag unter ihrem Umhang hervor und reichte ihn Cery. „Da steht alles, was du für die Hochzeit wissen musst. Ich habe hier zwei weitere Einladungen für Harrin und Donia und für Jonna und Ranel. Gib sie ihnen und erklär ihnen, warum wir früher heiraten werden. Ich würde sie selbst besuchen, aber so lange kann ich nicht wegbleiben.“

Cery nahm die Einladungen entgegen. „Hai!“, rief er, als seine Augen darüber huschten. „Das ist ja schon bald!“

„Ich weiß.“

„Freust du dich denn nicht?“

Sonea blinzelte verwirrt. Er dachte doch nicht etwa, sie habe sich das mit Akkarin anders überlegt?

„Doch“, widersprach sie rasch. „Natürlich freue ich mich. Es ist nur …“, sie zögerte, „ich habe nur Angst, dass bald alles vorbei sein wird.“

Cery legte seine Hand auf ihre und drückte sie.

„So darfst du nicht denken“, sagte er. „Ihr seid Akkarin und Sonea. Ihr werdet überleben.“

Sie unterdrückte ein Seufzen. Er hatte doch überhaupt keine Vorstellung von dem, was sie erwarten würde! Sie hatten die Invasion der Ichani nur knapp überlebt und das auch nur, weil sie in ihrer größten Verzweiflung die Kraft gefunden hatte, die Ruhe zu bewahren. Selbst mit der Magie, die ihnen die Gilde seit Monaten spendete, den Speichersteinen und Rothens Phiolen standen ihre Chancen nicht allzu gut.

„Cery, ich habe eine Bitte an dich“, sagte sie einen tiefen Atemzug nehmend.

„Alles, was du willst, sofern es in meiner Macht steht“, erwiderte ihr Freund.

„Die Hochzeit wird an einem Freitag stattfinden. Die höheren Magier haben mir erlaubt, den nächsten Tag freizunehmen. Ich möchte, dass du uns an diesem Tag zur Insel fährst. Es ist vielleicht die letzte Gelegenheit, um Akkarin dieses Geschenk zu machen.“ Als sie die Worte aussprach, zog sich etwas in ihrer Brust schmerzhaft zusammen.

Cery betrachtete sie nachdenklich. „Das kann ich arrangieren“, sagte er dann. „Aber ist das Wasser um diese Jahreszeit nicht zu kalt zum Baden?“

„Nicht für Magier.“ Die Tage waren bereits angenehm warm. Sonea war sicher, mit ein wenig Magie konnten sie das Wasser genug aufheizen, dass es akzeptabel war. Sie trank einen weiteren Schluck Bol. „Danke, dass du das für uns tust, Cery. Das bedeutet mir wirklich sehr viel.“

Cery lachte. „Sonea, das ist doch nix besonders. Es ist wie schmuggeln. Nur mir lebender Ware.“

Sonea lachte ebenfalls. „Einmal Dieb, immer Dieb!“

Ihr Freund starrte sie an und Sonea fragte sich, ob sie etwas Falsches gesagt hatte. Dann funkelten Cerys Augen unvermittelt. „Würd’s dir und Akkarin was ausmachen, wenn ich ’ne Begleitung zu eurer Hochzeit mitbringe?“

An seinen Worten erkannte Sonea, dass er nicht seinen Leibwächter meinte. „Hast du wieder jemand gefunden?“

Er schüttelte den Kopf. „Du erinnerst dich an die andere Frau?“

Sie nickte. „Die, bei der du nicht sicher warst, was du für sie empfindest.“

„Genau“, sagte er. „Ich hab’ sie bei mir aufgenommen.“

„Seid ihr wieder zusammen?“, fragte Sonea aufgeregt.

„Nein.“ Cery leerte seinen Becher und stellte ihn auf den Tisch. „Seit Savara ist das irgendwie kaputt gegangen.“ Seine Augen begegneten denen Soneas. „Sie’s schwanger. Sie hat keinen, der sich um sie kümmert.“

Armer Cery, dachte Sonea. Sie erinnerte sich noch gut an den Zwiespalt ihres Freundes, als Savaras Identität aufgeflogen war. Und sie erinnerte sich an seine Zweifel an den Gefühlen für diese andere Frau. Es hätte sie gewundert, wäre er bereits über die sachakanische Spionin hinweg. Eine Frau wie Savara war vermutlich in der Lage, jeden Mann um den Verstand zu bringen. Aber diese andere Frau schien Cery trotz allem nicht egal zu sein. Er mochte ein Dieb sein, aber er war auch hochanständig. „Du bist wirklich ein guter Mensch, Cery. Egal, ob du ein Dieb bist oder nicht.“

Er zögerte. „Naja … also ... ich könnt’ der Vater sein.“

Sonea starrte ihn an. „Du machst Witze!“, entfuhr es ihr.

„Dieses Mal nicht.“ Sein Blick war ernst geworden. „Frag besser nicht weiter. Die ganze Sache’s ziemlich wild. Und du musst sicher bald zurück.“

Sonea seufzte. Der Nachmittag war schön, aber viel zu kurz gewesen. Sie wünschte, sie hätte mehr Zeit gehabt. „Ja, leider. Aber ich erwarte, dass du mir bei Gelegenheit alles genau erzählst, wenn du mich gleich als Gegenleistung bis zur Gilde bringst. Dann haben wir noch etwas mehr Zeit.“

Sie streckte eine Hand aus.

„Abgemacht!“, sagte Cery und schlug ein. „Und sobald ich Zeit hab’, komm’ ich dich wieder besuchen.“

Sonea lächelte. „Das wäre schön. Und natürlich darfst du sie mitbringen. Ich bin schon sehr gespannt, wie sie ist.“

Cery erhob sich und Sonea tat es ihm nach. Auf halbem Weg zur Tür hielt sie inne. „Ich finde es gut, dass du die Verantwortung übernimmst.“

Ihre Freund zuckte die Schultern. „Wie könnte ich nicht? Selbst, wenn wer anders der Vater ist, will ich nicht, dass das Kind das gleiche Los hat wie ich. Nicht, wenn ich was dran ändern kann.“
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