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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
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27.06.2013 12.754
 
Kapitel 46 – Der Stichtag



Jedes Mal, wenn Dannyl glaubte, sie hätten den Gipfel erreicht, machte der Weg eine Biegung, hinter der offenkundig wurde, dass sie den Aufstieg noch lange nicht hinter sich gebracht hatten. Nach Wochen des Wanderns hätte ihn das eigentlich nicht mehr wundern müssen. Trotzdem war diese Erkenntnis immer wieder aufs Neue ernüchternd.

Wenigstens bin ich inzwischen so ausdauernd, dass ich keine Magie mehr brauche, um mich von den Strapazen zu erholen, dachte er.

Während ihrer Reise war das Gelände oft so unwegsam gewesen, dass sie ihre Pferde am Zügel führen mussten. Am Morgen hatten sie schließlich eine Straße erreicht und waren mehrere Stunden bergauf geritten. Als die Pferde zu Schnaufen begonnen hatten, waren sie abgestiegen und zu Fuß weiter gewandert.

Kurz vor einer Wegbiegung hielt Asara schließlich an.

„Von hier aus müsst Ihr alleine weitergehen.“

Dannyl runzelte die Stirn. „Warum?“

„Das werdet Ihr dann sehen. Geht ruhig, der Weg ist sicher.“ Asara lächelte unvermittelt. „Es war mir eine Ehre, Euch zu retten und durch Sachaka zu eskortieren, Dannyl von den Gildenmagiern.“

„Und es war mir eine Ehre, Eure Bekanntschaft gemacht zu haben, Asara von den Verrätern“, erwiderte Dannyl und neigte den Kopf. „Wohin werdet Ihr nun gehen?“

„Zurück nach Arvice.“ Ihre Augen zwinkerten. „Die nächste Rettung organisieren.“

Dannyl grinste. „Lasst Euch nicht erwischen.“

„Oh, ich kann auf mich aufpassen.“ Sie beugte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Lebt wohl.“

„Ihr auch.“

Sie schenkte ihm ein letztes Lächeln, dann stieg sie auf ihr Pferd und ritt die Straße bergab. Dannyl sah ihr eine Weile nach und fragte sich, ob er sie jemals wiedersehen würde. Schließlich fasste er sein Pferd an den Zügeln und erklomm das letzte Stück bis zur Passhöhe.

Mit jedem Schritt wuchs seine Vorfreude darauf, endlich wieder den Boden der Verbündeten Länder unter seinen Füßen zu spüren. Noch eine Woche und er würde in Imardin sein. Und Tayend würde dort sein und auf ihn warten. Inzwischen würde er die Abschriften von Dem Callenes Büchern beendet und sie der Gilde ausgehändigt haben. Dannyl war begierig darauf zu erfahren, ob sein Plan aufgegangen war und die Bücher ihren Zweck erfüllt hatten.

Nachdem er eine halbe Stunde bergauf gestiegen war, flachte die Straße ein letztes Mal ab. Ein eisiger Wind blies über die Berggipfel und ließ erahnen, dass der Frühling so hoch im Gebirge noch immer fern war. Schaudernd errichtete Dannyl einen Wärmeschild. Als er um eine Biegung kam, blies ihm der Wind geradewegs entgegen. Das war jedoch nicht, was ihn überrascht innehalten ließ.

Am Ende des Weges, wo die Felsen zweier Berge zusammenliefen, erhob sich ein Fort. Es schien sich noch im Bau zu befinden, doch es war eindeutig ein Fort.

Dannyl blinzelte. War das wirklich der Südpass? Und befand er sich wirklich an der Grenze zu Kyralia?

Als er näherkam, konnte Dannyl Männer in Roben auf den beiden Wachtürmen ausmachen. Er betrachtete den Bau. Er schien hauptsächlich aus Holz zu bestehen, was darauf schließen ließ, dass es nicht in erster Linie zur Verteidigung dienen sollte. In Anbetracht dessen, wozu die Sachakaner fähig waren, wäre dies auch sinnlos gewesen.

„Wer seid Ihr?“, rief eine unbekannte, magisch verstärkte Stimme, als Dannyl vor einem mit Stahl verstärkten Tor stehenblieb. „Gebt Euch zuerkennen!“

„Ich bin Botschafter Dannyl!“, rief er zurück. „Ich kehre von einem Auftrag zurück, mit dem die Gilde mich im vergangenen Herbst nach Arvice geschickt hat.“

„Bleibt, wo Ihr seid!“, befahl die Stimme. Dannyl glaubte, eine Spur von Furcht herauszuhören. Wahrscheinlich kamen nicht oft Leute über den Südpass, die behaupteten, zur Gilde zu gehören.

Mehrere Minuten geschah nichts. Dann ging ein Ruck durch das Tor und die beiden Flügel schwangen langsam auf. Dahinter erblickte Dannyl einen breiten Tunnel, zu dessen Seiten sich rotgewandete Magier aufgestellt hatten. Vor diesen wartete ein weiterer Krieger.

„Botschafter Dannyl“, sagte er und neigte den Kopf. „Ich bin Lord Arkel, der Captain des Forts am Südpass. Im Namen meiner Krieger heiße ich Euch Willkommen zurück in Kyralia.“

Ein jähes Gefühl von Wärme durchströmte Dannyl. Er war wieder in der zivilisierten Welt. Dort, wo ein Magier der Gilde respektiert und geschätzt wurde. Und wo er nicht Tag für Tag um sein Leben fürchten musste.

Er war zuhause.

„Lord Arkel, ich danke Euch“, erwiderte er.

„Ich lasse Euch ein Quartier herrichten, wo Ihr Euch erfrischen könnt“, bot Arkel an. „Eine Stunde nach Sonnenuntergang gibt es Abendessen. Wenn Ihr hungrig seid, könnt Ihr selbstverständlich schon früher einen Imbiss erhalten.“

„Das ist sehr freundlich von Euch.“

Der Krieger wurde ernst. „Mein aufrichtiges Beileid zu Auslandsadministrator Kitos Tod“, fuhr er ein wenig leiser fort. „Dieses Ereignis hat uns alle tief getroffen.“

„Ich danke Euch“, erwiderte Dannyl.

Arkel winkte einen Krieger herbei. „Zeigt Botschafter Dannyl, wo die Ställe sind, und kümmert Euch um sein Pferd.“

Der Krieger nickte und bedeutete Dannyl, ihm in den Tunnel zu folgen. Nach wenigen Schritten betraten sie einen großzügigen Innenhof, um den herum das Fort errichtet war. Auf der gegenüberliegenden Seite entdeckte Dannyl einen zweiten Gang, der auf die kyralische Seite der Berge führen musste. Während die sachakanische Seite schon fertiggestellt war, wurde auf der kyralischen Seite des Forts gerade das erste Obergeschoss errichtet. Das zweite Obergeschoss und das Dach bestanden bis jetzt nur aus einem Holzgerüst.

„In ungefähr einem Monat werden die Bauarbeiten beendet sein“, sagte der Krieger. „Die Gilde hat uns nur zwei Architekten geschickt. Normalerweise wären auch nur halb so viele Krieger hier. Heute Morgen traf jedoch die Ablösung aus Imardin ein. Morgen früh reitet die ander Truppe zurück. Ihr könnt Euch ihr anschließen, Botschafter.“

„Ich werde Euer Angebot in Erwägung ziehen“, erwiderte Dannyl. Nachdem er wochenlang mit einer wortkargen Sachakanerin durch die Berge gezogen war, war der Gedanke an eine größere Reisegesellschaft gewöhnungsbedürftig. Er hatte sich zu sehr an die Einsamkeit und seine gelegentlichen philosophisch anmutenden Gespräche mit Asara gewöhnt, um ausgerechnet mit einem Trupp Krieger nach Imardin zu reisen.

„Warum sind nur so wenige Magier an der Grenze?“, fragte er. „Wäre es nicht sicherer, eine große Truppe hier zu stationieren?“

„Wir haben den Befehl, eventuelle Bewegungen der Sachakaner im Grenzgebiet zu melden. Wenn sie uns erwischen, ist der Verlust für die Gilde nicht so groß. Wir bräuchten mindestens zwanzig Krieger, um einen einzelnen Sachakaner zu besiegen. Aber so viele Magier kann die Gilde zurzeit nicht entbehren.“

Dannyl runzelte die Stirn. Was plante die Gilde, wovon er noch nichts wusste?

„Lord Arkel, bitte klärt mich auf“, sagte er. „Ich war sehr lange fort. Wozu braucht die Gilde so viele Magier in Imardin, wenn Krieg herrscht?“

Der Krieger machte einen Schritt auf ihn zu und senkte die Stimme. „Damit sie unsere schwarzen Magier stärken. Seit der Kriegserklärung helfen sogar die Novizen dabei.“

Für einen Augenblick konnte Dannyl kaum fassen, was er da hörte. Doch dann erkannte er, das war das Vernünftigste, das die Gilde tun konnte.

Bevor er jedoch etwas darauf erwidern konnte, hörte er wie eine vertraute Stimme seinen Namen rief.

„Dannyl? Bist du das?“

Er wandte sich um. Ein junger Mann in grünen Roben eilte auf ihn zu.

„Dorrien!“


***


- Solstan, seid Ihr sicher, dass diese Informationen stimmen?

Die Gedankenstimme des Hohen Lords hallte grimmig und ungläubig in Rothens Kopf. Wie die übrigen höheren Magier schien er diese Neuigkeiten für einen schlechten Scherz zu halten. Dabei hatten sie alle gewusst, dass dieser Tag kommen würde.

Allerdings hatte keiner damit gerechnet, dass er so schnell kommen würde.

- Selbst wenn man nur wenig Sachakanisch versteht, ist eindeutig zu verstehen, was die Leute auf den Straßen rufen, antwortete der Simba-Matten Händler. Sein Entsetzen war durch das Blutjuwel deutlich zu spüren. Die Nachricht, dass König Marika genügend Unterstützer für die Wiederherstellung des Sachakanischen Imperiums gefunden hat, hat sich schneller als der Harrel flüchten kann in der Stadt verbreitet. Der Bürgerkrieg ist beendet. Die Sachakaner feiern.

Ein Bild von Menschen, die in einer Art Parade durch eine Straße mit weißen Mauern zogen, blitzte vor Rothens innerem Auge auf.

- Ich verstehe, brummte Balkan. Habt vielen Dank, Solstan von Peril. Haltet Euch bereit, falls wir Euch später noch einmal konsultieren.

- Verstanden.

Solstans Präsenz verblasste. Der Hohe Lord blickte in die Gesichter der höheren Magier, seine Miene grimmiger denn je.

„Er bestätigt, was Savara uns berichtet hat“, sagte er. „Marika hat genügend schwarze Magier vereint, um einen Angriff gegen uns zu wagen. Er bestätigt zudem das Datum, an dem die Armee Arvice verlassen wird. Wir müssen unsere Vorbereitungen an diese neue Situation anpassen.“

Vor drei Wochen hatten die kyralischen Spione Arvice erreicht. Sie hatten eine kurze Nachricht an Akkarin übermittelt und auf weitere Befehle gewartet. Seitdem hatten sie Diskussionen der Stadtbewohner gelauscht, dass der Sachakanische König eine größere Anzahl von Ichani und Ashaki, die ihm bis jetzt die Unterstützung verweigert hatten, in den Palast geladen hatte. Das war an sich schon bemerkenswert, weil über die Ichani nicht öffentlich gesprochen wurde, doch damit hatten sie bestätigt, was Savara während eines Fests in Marikas Palast erfahren hatte.

Doch es war noch schlimmer gekommen.

An diesem Morgen hatte Marika die verbleibenden Ashaki mit der Aussicht auf weiteres fruchtbares Land in Elyne schließlich zu einem Bündnis bewogen. Damit war nicht nur Elyne kein unwahrscheinliches Ziel mehr, Marikas Armee würde auch früher als geplant ausrücken.

Die Entscheidung hatte die höheren Magier eiskalt erwischt, weil sie davon ausgegangen waren, dass die Sachakaner erst im Sommer angreifen würden. Savara hatte sie indes darauf hingewiesen, dass Marika die Gelegenheit nutzen wollte, um die Gilde möglichst unvorbereitet zu treffen.

Rothen warf einen Blick zu Akkarin. Wenn der schwarze Magier diesbezüglich eine Vermutung gehabt hatte, so hatte er diese gut verborgen. Für einen kurzen Augenblick wallte Ärger in Rothen auf.

Spar dir deinen Ärger für die Sachakaner auf, dachte er dann. Das ist es nicht wert. Es machte keinen Unterschied, ob sie einen Überfall auf Elyne schon vor einigen Wochen als wahrscheinlich erachtet hätten.


Akkarins dunkle Augen blitzten zu ihm. Sich ertappt fühlend, blickte Rothen auf seine Hände.

„Zunächst sollten wir die Gilde informieren“, schlug Administrator Osen vor. Er sah fragend zu Balkan, als er fortfuhr. „Ich kann eine Gildenversammlung für die morgige Mittagspause einberufen und eine Nachricht an den König senden.“

„Macht das“, sagte Balkan. „Aber ohne die Novizen.“ Sein Blick wanderte zu dem Mann an seiner Rechten. „Und damit meine ich alle Novizen.“

Akkarin hob kaum merklich die Augenbrauen und verharrte in seiner nachdenklich-finsteren Pose.

Als ob Sonea nicht sowieso noch heute die Neuigkeit von Akkarin erfahren würde, dachte Rothen. „Wir brauchen einen neuen Termin für die Prüfungen der Novizen“, sagte er. Das Sommerhalbjahr würde nun kürzer ausfallen, als sie ursprünglich angenommen hatten. Immerhin waren die Lehrpläne flexibel genug gestaltet, um den Novizen bis dahin eine gute Kampfausbildung zu ermöglichen.

„Ich werde Rektor Jerrik herbeordern, dann können wir das sofort festlegen.“ Osens Blick glitt ins Leere, als er Rektor Jerrik per Gedankenrede in sein Büro beorderte.

„Was ist mit unseren Spionen?“, fragte Lady Vinara. „Sind sie in Arvice überhaupt noch sicher?“

„Das Verbot, Sachaka zu betreten gilt nur für Gildenmagier“, erinnerte Lord Garrel. „Es sollte sicher sein.“

„Was, wenn die Sachakaner sie für Gildenmagier halten, die sich als Händler ausgeben?“, wandte Lord Peakin ein. „Sie könnten aus ihren Gedanken erfahren, dass sie für uns spionieren.“

Garrel winkte ab. „Sie wissen zu wenig, um uns dadurch zu schaden.“

„Es würde uns schaden, wenn die Sachakaner erfahren, dass wir Spione in Arvice haben“, entgegnete Peakin.

Lady Vinara zischte. „Das sind Menschen, von denen wir hier sprechen!“, sagte sie scharf. Ihre grauen Augen funkelten gefährlich, als sie sich dem Oberhaupt der Krieger zuwandte. „Kümmert es Euch überhaupt nicht, ob sie dort in Gefahr sind?“

„Sie wussten, worauf sie sich einlassen, als sie diese Mission angenommen hatten“, sagte Garrel. „Wenn es wirklich gefährlich wird, werden unsere neuen ’Freunde’ sie in Sicherheit bringen.“

„Die Verräter haben jetzt sicher Besseres zu tun, als Kindermädchen für die Gilde zu spielen“, murmelte Lord Peakin.

„Genug jetzt!“, befahl Balkan. Er sah zu Akkarin. „Lord Akkarin, was empfiehlt Ihr, sollen wir wegen unserer Spione unternehmen?“

„Sie sollen in Arvice bleiben, solange Merins Leute das Risiko als akzeptabel erachten“, antwortete der schwarze Magier ruhig.

„Wieso?“, fragte Rothen. „Brauchen wir sie überhaupt noch, jetzt wo wir wissen, dass Savara vertrauenswürdig ist?“

„Savara ist nur so vertrauenswürdig, wie Marika sie erachtet. Wir wissen, dass sich neben ihr einige weitere weibliche Ichani seiner Armee angeschlossen haben und dass er diesen kein Vertrauen schenkt. Das schränkt Savaras Handlungsfreiraum ein.“

„Dann mögen die Spione Sachaka verlassen, sollte ihnen das Risiko zu groß werden“, entschied Balkan.

„Ich gebe das weiter.“ Akkarins Blick glitt für einige Augenblicke ins Leere.

Amüsiert beobachtete Rothen, wie die anderen Magier in respektvolles Schweigen verfielen, während der schwarze Magier die Spione über ihren Beschluss informierte. Wann hatte das angefangen, dass die anderen ihn so behandelten, als wäre er noch immer ihr Anführer? Wenn Rothen darüber nachdachte, dann konnte er kein eindeutiges Ereignis ausmachen, das dazu geführte hatte. Es war ein schleichender Prozess gewesen.

Als er seine eigenen Gefühle erforschte, erkannte er, dass es ihm genauso erging.

Er betrachtete Akkarin, unschlüssig, ob der schwarze Magier eine derartige Rehabilitierung verdient hatte. Als Akkarins Augenbrauen sich zusammenzogen, zuckte Rothen unwillkürlich zusammen.

„Ah, das ist interessant!“, murmelte der schwarze Magier. Seine dunklen Augen erlangten ihren Fokus zurück. „Savara hat gerade berichtet, dass mehrere Ashaki, deren Anwesen allesamt eine mehrwöchige Reise von Arvice entfernt liegen, die Heimreise angetreten haben, um wichtige Angelegenheiten zu regeln. Marika erwartet sie drei Tage vor Aufbruch der Armee zurück.“

„Wie viele sind es?“, fragte der Hohe Lord.

„Sie sagt, es seien ungefähr vierzig.“

Balkans Miene verdüsterte sich. „Damit blieben immer noch genügend zurück, um einen Überraschungsangriff auf Arvice zu verwerfen.“

„Wir wären dazu noch gar nicht bereit“, fügte Rothen hinzu. Er sah fragend zu Akkarin. „Oder hätten wir dadurch einen Vorteil?“

Der schwarze Magier schüttelte den Kopf. „Nein, wir wären ebenfalls schwächer.“ Die Fingerspitzen aneinanderlegend lehnte er sich in seinem Sessel zurück. „Allerdings empfehle ich, den Sachakanern zuvorzukommen, wenn sie ausrücken, um sie an einem Eindringen nach Kyralia oder Elyne zu hindern.“

Einige Magier sogen scharf die Luft ein.

„Das verstößt gegen die Werte, denen sich die Gilde verschrieben hat“, sagte Administrator Osen tonlos.

„Administrator, wir befinden uns im Krieg“, erinnerte Balkan. „Das Kriegsrecht verbietet nicht, in ein nicht verbündetes Land einzudringen, um die Sicherheit der Verbündeten Länder zu gewährleisten. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Sachakaner sich an der Bevölkerung vergehen, plündern, vergewaltigen, versklaven und morden. Zudem ist es sinnvoller, die Schlacht dort auszutragen, wo die Erde bereits durch Magie verwüstet worden ist.“

Der Hohe Lord warf einen kurzen Blick, zu Akkarin, der kaum merklich nickte, woraufhin Rothen sich zu fragen begann, ob die beiden Männer sich darüber bereits abgesprochen hatten.

„Bis zur morgigen Gildenversammlung wünsche ich eine Aufstellung möglicher Schauplätze für eine Schlacht der von uns erwarteten Ausmaßes“, fuhr Balkan fort. „Ich veranlasse hiermit ein weiteres Treffen mit Lord Akkarin, Lord Garrel und Lord Vorel nach Ende des Abendunterrichts.“

Es klopfte.

In einer unwirschen Geste befahl Osen der Tür, sich zu öffnen. Rektor Jerrik trat ein und nickte kurz in die Runde. „Ihr habt nach meiner Anwesenheit verlangt, Administrator?“

Osen nickte. „Es wird Zeit, einen Termin für die vorgezogenen Prüfungen festzulegen und die Lehrpläne entsprechend anzupassen.“ Er wandte sich an die höheren Magier. „Diejenigen, die sich für dieses Thema nicht interessieren, mögen gehen.“


***


Sonea beendete die Übersetzung des siebten Kapitels von Magische Kriegsführung und rieb sich die Schläfen. Alt-Kyralisch kam ihr verglichen mit der antiken Sprache ihrer exzentrischen Nachbarn mit einem Mal wie ein leichtverständlicher Dialekt vor.

„Das war schon sehr viel besser“, lobte Tayend. „Ihr lernt bemerkenswert schnell.“

„So kommt es mir aber nicht vor“, brummte Sonea. Sie hoffte, der junge Elyner habe das nicht gesagt, um ihr zu schmeicheln. Sie war den Umgang mit derart charmanten Männern nicht gewohnt. Es brachte sie in Verlegenheit.

Inzwischen war Tayend zu einem regelmäßigen Gast in der Arran-Residenz geworden. Wenn er Sonea und Akkarin nicht mit Lord Sadakanes Büchern assistierte, saß er in der Bibliothek und las das Tagebuch des längst verstorbenen Magiers oder ließ sich mit ihr von Akkarin in die sachakanische Sprache einführen. Sonea hatte rasch begonnen, ihn zu mögen, wenn auch sie den Eindruck nicht loswurde, dass der Gelehrte sie fürchtete.

„Ihr seid viel zu selbstkritisch, Mylady“, sagte Tayend. „Vor einer Woche habt Ihr noch über jeden Satz gegrübelt, bevor Ihr ihn übersetzt habt. Inzwischen gelingt Euch das nahezu fließend, vom Satzbau einmal abgesehen. Aber das liegt in der Natur unserer Sprachen.“

So betrachtet hatte Tayend recht, wie Sonea sich ein wenig widerwillig eingestehen musste. Sie war so ungeduldig, weil sie Akkarin eine bessere Hilfe sein wollte, dass sie ihren Fortschritt kaum bemerkte. Auch jetzt, wo die Speichersteine in ihrem Kellerlabor wuchsen, fuhren sie mit dem Studium von Tayends Büchern fort, auf der Such nach weiteren Anwendungen schwarzer Magie, die ihnen gegenüber den Sachakanern einen Vorteil verschaffen konnten.

„Vielleicht sollten wir eine kleine Pause einlegen“, sagte der Gelehrte.

Sonea nickte dankbar. Sie hatte noch eine Stunde, bis sie zurück in die Universität musste. Akkarin hatte ihren Nachmittagsunterricht in Kriegskunst mit Tayends Lektionen in Alt-Elynisch wegen einer plötzlich einberufenen Versammlung der höheren Magier getauscht. Soweit Sonea wusste, wurden die neusten Berichte der Spione in Arvice diskutiert und sie wäre zu gern dabei gewesen.

Sie erhob sich und trat zu einer Anrichte. „Möchtet Ihr etwas trinken?“

Tayend nickte. „Wein, bitte.“

Sonea verkniff sich ein Lächeln. Neben ihrer Frivolität und Kontaktfreudigkeit schienen die Elyner auch ein sehr trinkfreudiges Volk zu sein.

Sie fand eine angebrochene Flasche Porreni-Wein und goss davon etwas in ein Glas, während sie sich selbst mit Wasser begnügte. Akkarin würde nicht erfreut sein, wenn sie angetrunken im Dome erschien und sie konnte auf eine Strafarbeit neben allem anderen, das sie zu erledigen hatte, verzichten.

„Bitteschön“, sagte sie und reichte Tayend das Glas. „Das sollte Euer Heimweh ein wenig lindern.“

Der Gelehrte nahm das Glas mit einem schiefen Lächeln entgegen.

Sonea musterte Tayend mitfühlend. Es war offenkundig, dass er unter heftigem Heimweh litt, wenn auch er sich kein einziges Mal beklagt hatte. Aber Tayend war festentschlossen, Sonea und Akkarin mit den alten Büchern zu helfen. Außerdem stand er auf ihrer Gästeliste für die Hochzeit, die zum Ende des nächsten Monats stattfinden würde. Somit würde er noch eine ganze Weile in Imardin festsitzen. Vielleicht sollte ich ihn mit Luzille bekanntmachen, überlegte Sonea, während sie sich wieder in ihrem Sessel niederließ. Sie hatte so eine Ahnung, dass die beiden sich gut verstehen würden.

„Habt Ihr schon etwas Neues von Botschafter Dannyl gehört?“, fragte Tayend, nachdem er einen Schluck getrunken hatte.

Sonea schüttelte den Kopf.

„Oh“, machte Tayend betrübt.

„Er hätte eine Meldung über sein Blutjuwel gemacht, wäre er in Schwierigkeiten“, beruhigte Sonea den Gelehrten. „Ich bin sicher, es geht ihm gut.“

„Ist er noch immer in Sachaka?“

Sonea nickte. Sie entschied, Tayend die Wahrheit zu sagen, damit er aufhörte, sich so zu grämen. Neben ihrer Arbeit schien die beiden Männer eine sehr enge Freundschaft zu verbinden. Nachdem sie sich mehrere Wochen um Akkarin gesorgt hatte, als er am Südpass einen sachakanischen Spion gejagt hatte, widerstrebte Sonea die Vorstellung, dass jemand anderes dasselbe durchlitt, wenn sie die Macht hatte, etwas daran zu ändern.

„Die Gilde hat ihm einen weiteren Auftrag erteilt, bei dem es darum geht, potentielle Verbündete für uns zu gewinnen“, erklärte sie. „Soweit ich weiß, ist Dannyl inzwischen dort eingetroffen. Aber Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Tayend. Er ist bei diesen Leuten gut aufgehoben. Sie haben ihn aus Arvice gerettet und ich in sicher, sie werden ihn zurück zur Grenze eskortieren.“

Tayend lächelte erleichtert. „Was sind das für Leute?“, fragte er. „Doch nicht etwa Ichani?“

„Nein.“ Auch wenn sie das für die Sachakaner wahrscheinlich sind, fügte Sonea in Gedanken hinzu.

Stirnrunzelnd starrte sie auf das aufgeschlagene Buch auf dem Tisch zwischen ihnen. „Tayend, da ist etwas, das ich Euch schon seit einer Weile gerne fragen würde.“

Die Augen des Gelehrten weiteten sich und ein Anflug von Rosa huschte über sein Gesicht.

„Was wollt Ihr wissen?“

„Ich …“ Sonea zögerte. Sie brannte darauf, die Antwort auf ihre Frage zu erfahren. Aber es war ihr zugleich seltsam peinlich. „Ihr kennt Akkarin doch, seit er gerade seinen Abschluss hatte, richtig?“

Tayend nickte eifrig.

„Wie war er damals?“

Augenblick nahm das Gesicht des Gelehrten einen schwärmerischen Ausdruck an. „Er war bei weitem nicht so beeindruckend, wie er es heute ist. Das heißt nicht so ehrfurchtgebietend und finster, was nicht nur an der Farbe seiner Roben lag. Trotzdem war er auch mit zwanzig Jahren schon ein außergewöhnlicher und gutaussehender Mann.“

Sonea versuchte Akkarin sich in roten Roben vorzustellen und scheiterte. Obwohl sie wusste, dass er die Kriegskunst gewählt hatte, sah sie ihn in ihrem Geiste immer nur in Schwarz.

„War er auch damals schon so ruhig und ernst?“, wollte sie wissen.

Der Gelehrte schüttelte den Kopf. Tatsächlich hätte Sonea sich über jede andere Antwort gewundert.

„Er war abenteuerlustig und unglaublich charmant. Die Frauen sind ihm scharenweise hinterher gelaufen. Und …“, Tayend kicherte, „ … sogar einige Männer.“

„Die Frauen laufen ihm auch jetzt noch hinterher“, bemerkte Sonea trocken. „Selbst die Novizinnen. Aber das kümmert ihn nicht.“

„Hat es damals auch nicht.“

„Was meint Ihr, Tayend? Gefällt Akkarin Euch besser, so wie er damals war oder so wie er heute ist?“

Der Gelehrte errötete. „Das fragt Ihr ausgerechnet mich?“

„Bitte“, sagte Sonea. „Ich muss das wissen. Schließlich werde ich ihn bald heiraten.“

Sie wollte Akkarin nicht anders, als er heute war. Aber sie wollte unbedingt eine bessere Vorstellung von seinem früheren Ich haben. Sie wollte wissen, ob es das war, was hin und wieder durch seine kühle Fassade sickerte, wenn sie einander sehr nahe oder zur Abwechslung einmal nicht Mentor und Novizin waren, sondern einfach nur Akkarin und Sonea.

Nachdenklich nippte Tayend an seinem Wein. „Ich denke, früher hättet Ihr ihn weniger gemocht“, antwortete er schließlich. „Ihr könnt Euch glücklich schätzen, dass Ihr ihn jetzt kennt.“

Sonea runzelte die Stirn. „Wie kommt Ihr darauf?“

Tayend schien verlegen. „Lady Sonea, ich möchte Euch wirklich nicht zu nahe treten.“

Sonea lächelte. „Das ist schon in Ordnung.“

Eine vage Ahnung beschlich sie, dass es etwas damit zu tun hatte, wie ihre Beziehung auf Außenstehende wirkte. Doch wahrscheinlich würde sie eher von einem Fremden wie Tayend eine ehrlichere Antwort erhalten, als von ihren Freunden.

Der Gelehrte trank einen weiteren Schluck Wein. „Wäre er nicht so, würdet Ihr ihm nicht mit einer solch großen Ergebenheit begegnen“, antwortete er.

Sonea hielt den Atem an. „Ist es so offensichtlich?“

„Für mich schon.“ Tayend strahlte, als bereitete ihm dieses Wissen aufrichtige Freude. „Aber macht Euch deswegen keine Sorgen, Mylady. Ihr und Lord Akkarin so seid ein entzückendes Paar. Wie füreinander geschaffen.“

Sonea unterdrückte ein Schnauben. Warum mussten die Elyner immer alles entzückend finden? Sie und Akkarin waren alles andere als das. Entzückend wäre eher eine passende Beschreibung für neugeborene Harrel. Bevor sie sich eine passende Erwiderung überlegen konnte, ging die Tür auf. Sie und Tayend zuckten zusammen.

„Lord Akkarin“, stammelte Tayend. Er erhob sich und verneigte sich.

Auch Sonea stand auf.

Akkarin bedachte sie mit einem scharfen Blick. Sich ertappt fühlend, blickte Sonea auf ihre Hände.

„Komme ich ungelegen?“

„Ganz und gar nicht, Lord Akkarin“, antwortete Tayend hastig. „Wir waren sowieso für heute fertig. Wenn es Euer Wunsch ist, komme ich heute Abend wieder.“

„Nicht heute. Soneas Abendunterricht wird heute von anderer Gestalt sein.“

„Wie Ihr wünscht, Lord Akkarin. Dann komme ich morgen wieder.“ Tayend verneigte sich elegant und schritt zur Tür.

Akkarin trat auf Sonea zu. Seine Hand fasste sanft ihr Kinn und hob es, bis sie ihn ansah.

- Wieso habe ich den Eindruck, ich hätte euch bei irgendetwas gestört?

- Es ist nicht so, wie Ihr denkt, erwiderte Sonea. Ihr Gespräch mit Tayend und die Autorität, die er ausstrahlte, brachten sie augenblicklich dazu, sich förmlich zu verhalten. Wir haben uns nur unterhalten.

- So, unterhalten?

Sonea riss sich zusammen. Diese Situation war wahrscheinlich ein Paradebeispiel für Tayends Beobachtung und sie war froh, dass er ihre Gedankenrede nicht belauschen konnte.

- Ich habe ihn nach dir gefragt. Tayend kennt dich von früher. Ich war neugierig. Du brauchst nicht eifersüchtig zu sein.

Akkarin ließ von ihr ab und Sonea realisierte, dass der Gelehrte die Bibliothek verlassen hatte.

„Sonea, es besteht kein Grund, auf Tayend eifersüchtig zu sein“, sagte er.

„Aber er ist ziemlich gutaussehend“, wandte sie ein.

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Auch auf die Gefahr, dich zu enttäuschen, er würde dich niemals in Betracht ziehen.“

„Warum?“ Überrascht stellte sie fest, dass sie nicht enttäuscht war, aber ein Teil von ihr brannte darauf, den Grund zu erfahren. „Bin ich zu klein? Zu kyralisch?“

Akkarin lachte leise. „Ah, er hält sehr viel von dir. Aber bezüglich dir kann er mir auf Grund seiner Natur nie eine Konkurrenz werden.“

Sonea runzelte die Stirn. Wie sollte sie das denn nun wieder verstehen? Sie wollte fragen, wie er das gemeint hatte, doch sie ahnte, dass er nicht gewillt war, es ihr mitzuteilen.

„Wie war deine Besprechung?“, fragte sie.

„Davon erzähle ich dir später. Gehen wir zum Dome.“

Sie nickte, ihre Neugier unterdrückend. Wenigstens konnte sie sicher sein, das zu erfahren. „Warum bist du überhaupt hergekommen?“

„Weil noch ausreichend Zeit war.“

Sonea blinzelte verwirrt. „Aber das hat sich doch gar nicht gelohnt, wenn wir jetzt schon wieder gehen müssen.“

Akkarins Hand fuhr in ihren Nacken. Er bog ihren Kopf zurück und küsste sie verlangend. Soneas Puls beschleunigte sich und sie schlang die Arme um ihn.

„Das sehe ich anders“, murmelte er.

„Da könntest du recht haben“, sagte sie atemlos. Dass er die Gelegenheit genutzt hatte, nur um einige wenige Minuten privater Zeit mit ihr zu verbringen, erfüllte Sonea mit wilder Freude.

Akkarin lachte leise und zog zu sich heran um sie erneut zu küssen. Die Stimme ignorierend, die ihr sagte, dass sie zurück zur Universität mussten, erwiderte Sonea seinen Kuss, während es ihr danach verlangte, ihm zu zeigen, wie sehr ihr gefiel, was Tayend zwischen ihnen beiden beobachtet hatte.

„Können wir Kriegskunst nicht auf später verschieben?“, fragte sie, als er von ihr abließ.

„Das kommt nicht in Frage.“

„Aber wie soll ich so kämpfen?“

„Dafür werde ich sorgen.“

Darauf wette ich, dachte Sonea trocken. Das machte es noch weniger fair, dass er in diesem Moment eine andere Form niederer Instinkte in ihr anregte und sie zu Unanständigkeiten zu verführen suchte.

„Sonea, du lässt dich noch immer viel zu oft von deinen Gefühlen ablenken.“ Er strich über ihre Wange. „Ich erwarte, dass du das abstellst.“

„Ja, Lord Akkarin“, flüsterte sie und erschauderte unwillkürlich. Sie fragte sich, ob er sie deswegen gerade so geküsst hatte oder ob er es getan hatte, weil ihm einfach danach gewesen war. Doch als sie seinem Blick begegnete, wusste sie, dass es Letzteres gewesen sein musste.

Akkarin musterte sie einen Augenblick durchdringend. Dann nahm er ihre Hand und führte sie hinaus in den Sonnenschein. Die Luft war erfüllt vom Zwitschern zahlreicher Vögel und die Knospen an den Sträuchern waren kurz davor aufzubrechen. Sonea fühlte sich seltsam leicht. Dass sie sich im Krieg mit Sachaka befanden und ihr eine anstrengende Stunde Kriegskunst bevorstand, erschien ihr mit einem Mal bedeutungslos.

Für sie zählte nur, dass sie mit dem Mann zusammen war, den sie liebte.


***


Obwohl Dorrien mindestens einmal pro Woche zum Südpass ritt, um jemanden zu heilen, hatte er sich noch nicht an das neue Fort gewöhnt. Es war nur wenige Monate her, dass er den Pass überquert hatte, um einen Sachakaner zu jagen, der Leute aus seinem Dorf und der Umgebung entführt hatte. Vor seinem geistigen Auge war der Südpass noch immer so unbefestigt wie im Herbst.

Die Wintermonate waren keine gute Zeit für Bauarbeiten. Sie waren indes auch nicht besser oder schlechter geeignet als jede andere Jahreszeit in dieser Gegend. Im Frühling und im Herbst fegten schwere Stürme über die Gipfel des Stahlgurtgebirges hinweg, während im Sommer oft heftige Gewitter über den Bergen tobten. Nachdem es zu Beginn des Winters viel geschneit hatte, war das Wetter zwar kalt, aber fast durchgehend stabil geblieben. Frostbeulen und Fieber waren neben Schnittwunden und Knochenbrüchen die häufigsten Beschwerden, um die er sich kümmern musste, wenn er zum Fort ritt.

Viana begleitete Dorrien auf fast jede seiner Visiten am Südpass. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Vater hatte dieser ihr schließlich dazu die Erlaubnis gegeben. Dorrien hatte den Reberhirten überzeugen können, dass keine Gefahr bestand, weil das Fort von Magiern bewacht wurde. Dass diese von den Sachakanern im Ernstfall überrannt würden, hatte er bewusst verschwiegen.

„Bist du enttäuscht, weil du dieses Mal nicht viel helfen konntest?“, fragte er seine Assistentin, während sie die Quartiere der Arbeiter verließen. Ein Mann war vom Gerüst auf der Westseite gestürzt. Er hatte einige komplizierte Brüche davon getragen, die zu heilen Dorriens ganzes Wissen über Heilkunst erfordert hatte.

Viana schüttelte den Kopf. „Es kommt mir vor, als würde ich immer etwas lernen, wenn ich mit Euch zusammen bin“, antwortete sie. Ein Hauch von Rosa flog über ihre Wangen. „Wie Ihr den Mann geheilt habt, war ziemlich beeindruckend.“

Dorrien lächelte. Während er sich für keinen herausragenden Heiler hielt, war das aus ihrer Sicht wahrscheinlich nicht einmal übertrieben. Es war vor allem die Leidenschaft für diese Disziplin und der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, der ihn antrieb und er fand, das war der beste Motivator überhaupt.

„Warte ab, bis du dein Studium beginnst“, sagte er. „Dann wirst du noch sehr viel beeindruckendere Dinge sehen.“

Sie überquerten den Innenhof und wandten sich zu den Ställen, wo sie ihre Pferde untergebracht hatten. Dorrien erblickte einen Krieger, der sich mit einem der Arbeiter unterhielt. Er runzelte die Stirn. Für einen Arbeiter trat dieser Mann viel zu selbstbewusst auf. Und warum kam er ihm so bekannt vor?

Der andere Mann drehte den Kopf, so dass Dorrien mehr von seinem Profil sehen konnte. Sein Herz machte einen Sprung.

„Dannyl?“, rief er. „Bist du das?“

Der Mann fuhr herum.

„Dorrien!“ Auf seinem unrasierten Gesicht breitete sich ein Strahlen aus.

Dorrien eilte auf ihn zu. Er und Dannyl fielen einander in die Arme.

„Schön, dich wohlauf zu sehen“, sagte Dorrien. „Ich dachte schon, die Sachakaner hätten dich am Ende auch erwischt. Keiner hier konnte mir etwas darüber sagen, was nach der Sache in Arvice aus dir geworden war.“

Dorrien hatte erst durch einen Brief seines Vaters erfahren, was in jener Nacht, in der Kito gestorben war, geschehen war. Dabei hatte er auch von dessen und Dannyls Mission erfahren. Rothen hatte auch geschrieben, dass die Gilde Dannyls Rettung organisiert hatte und er sich in Sicherheit befand. Doch er hatte sich ziemlich knapp ausgedrückt, so dass Dorrien die Krieger von Fort gefragt hatte. Diese hatten indes auch keine genaueren Informationen gehabt.

Ein verschwörerisch glitt über Dannyls Gesicht. Darunter konnte Dorrien jedoch deutliche Anzeichen von Müdigkeit erkennen.

„Ich war auf einer geheimen Mission, von der nur die höheren Magier wissen“, antwortete Dannyl leise. Er sah sich um. „Ich kann dir hier nicht mehr darüber erzählen. Wenn die Sachakaner kommen, könnten sie es aus den Gedanken der Krieger erfahren.“

„Die ganze Gilde weiß, was du und Kito in Arvice gemacht habt“, sagte Dorrien. „Während du fort warst, ist viel geschehen.“

Dannyls Augen blitzten. „Ah, ich meine nicht diese Mission!“ Dann grinste er urplötzlich. „Aber was musste ich von dir hören? Du jagst jetzt Sachakaner?“

„Gelegentlich.“

„Ich möchte alles darüber hören!“

„Dann komm mit in mein Dorf“, sagte Dorrien. „Dort können wir uns in Ruhe austauschen. Es ist nur ein paar Stunden von hier entfernt. Wenn du willst, kannst du auch bei mir übernachten. Meine Kochkünste sind zwar recht bescheiden, aber ich kann dir saubere Kleidung und ein frisches Pferd besorgen und du kannst dich baden und rasieren. Viana und ich sind hier für heute fertig. Wir können sofort aufbrechen.“

Dannyl blinzelte verwirrt. „Wer?“

Dorrien wandte sich um. Seine Assistentin war in der Mitte des Innenhofs stehengeblieben und betrachtete Dannyl mit dem scheuen Blick einer Jarikuh. Dorrien hatte ganz vergessen, wie furchteinflößend Dannyl auf Grund seiner Größe auf Fremde wirkte.

Er bedeutete ihr, näherzukommen. „Viana, ich möchte dir einen Freund vorstellen.“

Der Ausdruck von Schüchternheit verschwand aus ihrem Gesicht. Neugierig geworden kam sie näher.

„Viana, das ist Botschafter Dannyl“, stellte Dorrien vor. „Eigentlich regelt er die Angelegenheiten der Gilde in Elyne. Die Gilde hatte ihn jedoch mit einem Geheimauftrag nach Sachaka geschickt, weswegen er keine Roben trägt.“

„Sie sind mir gewissermaßen abhandengekommen“, fügte Dannyl lächelnd hinzu.

„Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen, Botschafter Dannyl“, sagte Viana und verneigte sich anmutig.

Erfreut stellte Dorrien fest, dass sie die korrekte Anrede verwendet hatte. Er hatte Viana nicht viel über die verschiedenen Anredeformen in der Gilde erzählt, doch indem er Dannyl gleich mit seinem Titel vorgestellt hatte, war sie gar nicht erst auf die Idee gekommen, ihn mit Lord anzusprechen.

„Die Ehre ist ganz meinerseits“, erwiderte sein Freund galant.

„Viana ist die Tochter eines Reberhirten aus Windbruch“, erklärte Dorrien. „Sie assistiert mir bei meiner Arbeit. Nebenbei unterrichte ich sie in dem Grundwissen, das sie benötigen wird, um in die Gilde aufgenommen zu werden.“

Dannyls Augen weiteten sich. „Heißt das, du hast magisches Potential?“, fragte er Viana.

Auf Vianas Wangen stahl sich ein neuerlicher Anflug von Rosa. „Ja, Mylord.“

„Die Gilde hat zu Beginn des Winterhalbjahrs erstmals eine ganze Klasse aufgenommen, die nicht aus den Häusern ist“, fügte Dorrien hinzu.

Dannyl pfiff leise durch die Zähne. „Es geschehen noch Zeichen und Wunder.“

„Unglaublich, nicht wahr?“, stimmte Dorrien zu. „Ich konnte es auch kaum glauben. Für Viana ist das eine glückliche Fügung. Im Sommer sollte sie soweit sein, ihr Studium an der Universität zu beginnen. Vorausgesetzt, die Sachakaner kommen uns nicht dazwischen und die Gilde bereitet mir nicht doch Schwierigkeiten.“

„Also wirst du endlich vernünftig und suchst dir Hilfe“, folgerte Dannyl.

Dorrien lächelte schief. „Der einzige Heiler in den Bergen zu sein, ist zuweilen eine Herausforderung. Und irgendjemand muss sich um die Leute kümmern, wenn ich der Gilde einen Besuch abstatte.“ Der Nachteil daran, eine Assistentin zu haben, war jedoch, dass es schwieriger wurde, Ausreden zu finden, um nicht nach Imardin zu reisen.

„Oder wenn du wieder Sachakaner jagst!“, rief Dannyl.

Sie lachten. Irgendwie tat das gut. Die Wochen, in denen Dorrien den Spion durch das Stahlgurtgebirge bis jenseits des Passes verfolgt hatte, kamen ihm wie ein finsterer Albtraum vor.

Er betrachtete Dannyl näher. Auch bei ihm hatte Sachaka seine Spuren hinterlassen. Wie furchtbar musste es gewesen sein, mehrere Monate in diesem barbarischen Land mitsamt seinen barbarischen Bewohnern verbracht zu haben!

„Viana und ich müssen jetzt aufbrechen“, sagte Dorrien. „Ihr Vater tobt, wenn ich sie zu spät zurückbringe.“

Dannyl nickte. „Ich komme mit euch. Ich muss jedoch Lord Arkel vorher noch Bescheid sagen, dass ich allein weiterreise.“

Er eilte davon.

Als er fort war, wandte Dorrien sich zu Viana. „Was hältst du von ihm?“

„Er ist nett“, antwortete sie zu seiner Überraschung. „Und lustig.“

Er lächelte. „Und du hast keine Angst vor ihm?“

„Nein, Mylord.“ Vianas Nase kräuselte sich. „Sollte ich das?“

Dorrien schüttelte den Kopf. „Nein.“


***


Als die Strahlen der Abendsonne das Zimmer in rotgoldenes Licht tauchten, richtete Savara sich auf dem Divan, auf dem sie gedöst hatte, auf. An diesem Tag hatten keine Übungskämpfe stattgefunden. Seit Marika am Vormittag verkündet hatte, dass der Bürgerkrieg beendet war, befand sich ganz Arvice im Freudenrausch. Jene Ashaki, die zuvor noch persönliche Angelegenheiten auf ihren abgelegenen Anwesen regeln mussten, hatten die Stadt verlassen. Allein wegen der schieren Größe des Landes würden einige Wochen bis zu ihrer Rückkehr vergehen. Zeit, die die Gildenmagier für die Vorbereitung nutzen sollten.

Die Ichani blieben derweil in Marikas Gästehaus einquartiert. Kachiro hatte ihnen und den wenigen kampfbereiten Ashaki aus der Stadt ein tägliches Training verordnet, damit sie lernten, in Gruppen zu kämpfen. Bis zum vergangenen Tag hatten auch die Ashaki, die nun auf dem Weg zu ihren Ländereien waren, daran teilgenommen. Die von der Kampfweise der Gildenmagier kopierten Strategien funktionierten bei weitem nicht so gut, wie bei den Gildenmagiern, die Savara in Aktion gesehen hatte, doch sie war sicher, sie würden die Chancen der Kyralier mindern. Zumindest war Akkarin nicht sehr begeistert gewesen, als Savara ihm davon berichtet hatte. Der Mann, der sich an Akkarins Stelle als Meister der Gildenmagier bezeichnete, hatte wissen wollen, woher die Sachakaner dieses Wissen hatten, doch Savara hatte darauf keine Antwort gewusst. Entweder hatte Marika seine eigenen Spione, oder Gerüchte über die Kampfweise der Gildenmagier waren bis nach Arvice gedrungen.

Sie können durch Karikos Invasion davon erfahren haben, überlegte Savara. Oder Marika hatte bei Ikaros Festnahme durch dessen Blutjuwel zugesehen. Wahrscheinlich würde sie die Antwort auf diese Frage niemals erfahren.

Nach einem Tag in der Isolation ihres Gästezimmers langweilte Savara sich. Es reizte sie nicht, an einer der vielen Feiern teilzunehmen, weil der Anlass für sie kein Grund zur Freude war. Unter dem Vorwand, sich nicht wohl zu fühlen, hatte sie sich schließlich zurückgezogen. Aber als angebliche Imperialistin musste sie sich an diesem Abend zumindest im Thronsaal blicken lassen. Savara hatte noch ein zweites traditionelles Gewand in ihrem Kleiderschrank, das sie zu diesem Anlass tragen konnte.

Ihre „Sklavin“ saß in einer Ecke auf einem Kissen. Kal und die beiden anderen Männer hatte Savara in einem kleinen Nebenraum untergebracht, der für die Sklaven der Gäste gedacht war. Abgesehen von ihrer Magie brauchte sie die Männer bis auf Kal, der sie zu den Übungskämpfen und in die Stadt begleitete, nicht.

Ina folgte Savara inzwischen auf Schritt und Tritt. Von den vier Kyraliern besaß sie das größte schauspielerische Talent. Gewaschen und frisiert und in sachakanischen Gewändern war sie alles andere als hässlich, was sie im Gegensatz zu den drei Männern präsentabel machte. Obwohl sie Savara mit der Ehrfurcht einer Nichtmagierin begegnete, war sie zuweilen sehr gesprächig, wofür Savara dankbar war. Seit dem Nachmittag war jedoch auch sie in Schweigen gefallen.

Wahrscheinlich langweilt sie sich noch mehr als ich mich, fuhr es Savara durch den Kopf. Oder sie macht sich Sorgen um ihre Heimat. Sie hatte jedoch auch keine Idee, wie sie Ina beschäftigen konnte, wenn sich die Palastsklaven um die meisten anfallenden Arbeiten kümmerten. Andererseits, wieso sollte das eine Ichani kümmern?

Savaras Gedanken wanderten zurück zu den Übungskämpfen. Bis jetzt war sie Malira und Yirako erfolgreich aus dem Weg gegangen. Doch jetzt, wo die Ashaki den Palast verlassen hatten, war die Wahrscheinlichkeit größer, einem der beiden Ichani zu begegnen und wiedererkannt zu werden.

Bei Malira war Savara sicher, dass die Ichani sie seit ihrer Begegnung abgrundtief hasste. Ich wäre auch auf Rache aus, hätte mein Gegner mein schönes Gesicht mit einer so hässlichen Narbe entstellt, dachte sie. Wenn Malira sie erkannte, würde sie entweder fliehen, oder die Ichani töten müssen. Wahrscheinlich würde Letzteres kaum jemanden hier interessieren. Streitereien unter den Ichani kamen selbst in Marikas von der Palastgarde bewachtem Gästehaus vor.

Yirako war indes schwerer einzuschätzen. Mit ihrem damaligen Auftrag hatte Savara ihm einen großen Dienst erwiesen, was letztendlich dazu geführt hatte, dass er zum gefürchtetsten Ichani im gesamten Norden aufgestiegen war. Sicher hatte er ihr das nicht vergessen. Aber er war ein Mann, der tat, was ihm den größten Profit einbrachte. Er würde sie an Marika verraten, wenn ihm das half, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu bekommen.

Den Ichani-Anführer loszuwerden würde sehr viel schwieriger werden, als Malira, befand Savara. Malira war eine Einzelgängerin und hatte keine Verbündete. Mit ein wenig Geduld würde sich bestimmt etwas finden, mit dem sie die Ichani dem König als Spionin präsentieren konnte, selbst wenn Savara dafür erst eine Intrige inszenieren musste. Aber wenn sie damit Erfolg hatte, so würde sie die Ichani nicht nur los sein, sondern ihre Vertrauenswürdigkeit gegenüber Marika unter Beweis gestellt haben.

Savara setzte sich auf und sah zu ihrer „Sklavin“.

„Ina!“

„Ja, Meisterin?“

„Komm her.“

Ina erhob sich und durchquerte den Raum. Vor Savara warf sie sich zu Boden und ließ sich auf Savaras Zeichen auf den Knien nieder.

Savara verdrehte innerlich die Augen. Sie hasste es, ihre vier Kyralier wie das zu behandeln, was sie selbst verachtete. Doch sie wollte sich nicht darauf verlassen, dass sie in ihren Räumlichkeiten wirklich unbeobachtet war.

„Du erinnerst dich an die Ichani Malira?“

„Die Frau mit der Narbe?“

„Richtig.“ Savara überlegte, wie sie ihre nächsten Worte am besten wählte, um Ina und damit sich selbst nicht unnötigen Risiken auszusetzen. Sie hätte ihr einen Geheimniswahrer gemacht, hätte sie gewusst, wie man diese Artefakte erschuf. Doch dieses Wissen war nur einigen wenigen in ihrem Volk vorbehalten. „Ich habe Anlass zu der Annahme, dass sie für die Verräter oder die Kyralier spioniert. Ich möchte den König jedoch nicht darüber in Kenntnis setzen, solange ich mir dessen nicht absolut sicher bin. Deswegen befehle ich dir, sie für mich ein wenig im Auge zu behalten. Aber unauffällig.“

Für einen kurzen Augenblick sah Ina zu ihr auf und Savara registrierte das intelligente Funkeln in ihren Augen.

„Ja, Meisterin.“

„Du bist eine gute Sklavin“, sagte Savara. Und du wärst eine noch bessere Verräterin, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie schätzte Inas schauspielerisches Talent, ihre rasche Auffassungsgabe und ihre Eigenschaft, keine Fragen zu stellen. Ihr magisches Potential war auch nicht zu verachten. Vielleicht, wenn das alles hier vorbei ist, werde ich ihr anbieten, den Verrätern beizutreten, überlegte Savara. Ina mochte keine Sachakanerin sein, doch ihre Fähigkeiten sprachen für sich. In jedem Fall würde Ina dort ein besseres Leben führen als in den Hüttenvierteln von Imardin.

„Ich stehe in Eurer Schuld, Meisterin Dakira“, erwiderte Ina.

Savara lächelte. „Steh auf und hilf mir beim Ankleiden. Wir gehen feiern.“


***


„Anderthalb Monate? Nein! Das geht nicht!“ Aufgebracht sprang Sonea aus ihrem Sessel auf und begann in der Bibliothek auf und ab zu tigern.

Mit nur wenigen Worten war ihre Welt auseinandergebrochen und hatte all ihre Träume und Pläne zunichtegemacht. Es fühlte sich an, als wäre ihrem Leben eine letzte Frist gesetzt. Nicht bis zum Ende des Halbjahres, wie sie gedacht hatte, sondern anderthalb Monate und vielleicht eine oder zwei Wochen länger – je nachdem wie schnell die Sachakaner die Grenze erreichen würden.

„Die Speichersteine sind noch nicht fertig. Wie soll ich bis dahin genug für die Sommerprüfungen gelernt haben? Wie soll ich mich überhaupt auf mein Studium konzentrieren? Ich kann noch immer nichts ausrichten, wenn du meine Kraft nimmst. Ich bin nicht bereit. Und was ist mit unserer Hochzeit? Bis dahin sind wir vielleicht nicht mehr am Leben!“

„Sonea.“

In weniger als drei Schritten war Akkarin bei ihr. Er fasste sie sanft an den Schultern und zwang sie, innezuhalten.

„Beruhige dich.“

Unwillig sah sie zu ihm auf. Wie sollte sie sich beruhigen? Wie konnte ihn das alles so unberührt lassen?

„Schließ deine Augen“, wies er sie an. „Atme tief durch.“

Sie gehorchte widerwillig. Sich eine Grimasse verkneifend atmete sie langsam ein und aus. Allmählich wurde sie ruhiger. Der Sturm in ihrem Innern tobte indes weiter.

„So ist es gut“, sagte er.

Sonea öffnete die Augen und begegnete seinem Blick. Akkarin legte seine kühlen Hände auf ihre Wangen.

„Die Speichersteine werden bis dahin fertig sein“, sagte er sanft. „Selbst wenn nicht, wäre die Magie nicht verloren. Wir müssten unsere Strategie nur ein wenig ändern.“

„Das würde aber bedeuten, dass wir die Sachakaner nahezu alleine bekämpfen“, wandte sie ein.

„Wir wären sehr viel stärker.“ Akkarin strich über ihre Wange. „Wir könnten sie in einen Hinterhalt locken. Dann hätten wir ihnen gegenüber einen Vorteil.“

Sie betrachtete ihn zweifelnd.

„Für deine Prüfungen brauchst du nur wiederholen, was du bis jetzt in diesem Halbjahr gelernt hast“, fuhr er fort. „An das meiste solltest du dich noch gut erinnern können. Wenn es dir hilft, werde ich die Prüfungen in deinem Privatunterricht so lange hinauszögern, wie es geht. Die Prüfungen in deinen anderen Kursen wirst du jedoch gemeinsam mit deinen Klassenkameraden absolvieren müssen.“

Sonea schnaubte. „Mein Privatunterricht ist das kleinste Übel.“

Es missfiel, ihr so bald schon wieder Prüfungen zu haben. Es gab noch so viele zu erledigen, bevor sie auf die Sachakaner trafen. Doch wie die anderen Novizen und die Lehrer hatte sie sich seit Beginn des Halbjahres darauf einstellen müssen. Sie sah nicht ein, zeitgleich mit den anderen Novizen geprüft zu werden. Von ihren Noten würde nicht abhängen, ob sie aktiv an den Kämpfen teilnahm oder zur Reserve gehörte. Sie würde kämpfen müssen. Es erschien ihr indes wie ein kleiner Lichtblick, dass sie jetzt, wo die Speichersteine im Keller in ihren Nährlösungen wuchsen, wenigstens wieder mehr Zeit zum Lernen hatte.

Akkarin musterte sie, die Stirn nachdenklich gerunzelt.

„Sonea, von jetzt an bis zu dem Tag, an dem wir uns den Sachakanern stellen, werden wir ausschließlich an deinen Schwächen arbeiten“, versprach er. „Wir werden so gut vorbereitet sein, wie es uns möglich ist.“

„Danke“, flüsterte sie. Sie wusste, er meinte das ernst. Aber die für sie allerwichtigste Frage war damit noch immer nicht geklärt. Sie getraute sich kaum, sie zu wiederholen, aber sie musste es wissen. Sie wollte wissen, wie es war. Selbst wenn es nur für einige wenige Tage sein würde.

„Werden wir die Hochzeit jetzt absagen?“

„Ich habe dir versprochen, dass wir heiraten. Aber wir werden es im privaten Rahmen halten. Nur deine Familie, meine Familie, unsere Trauzeugen und ein paar Freunde.“

Erleichtert stieß Sonea die Luft aus, die sie angehalten hatte. Das bedeutete jedoch auch eine Menge Arbeit. Alles würde umorganisiert werden müssen. Sie musste Luzille Bescheid sagen. Und ihrem Schneider. Und Cery. Und Jonna und Ranel.

„Wann?“, fragte sie.

„Am Freitag in vier Wochen.“

„So bald schon?“

Sie hätte erwartet, sie würden den Termin auf wenige Tage, bevor die Gilde sich den Sachakanern entgegenstellte, vorverlegt. Aber nicht einen halben Monat früher.

„Nur um sicherzugehen“, sagte er.

„Aber das wäre dann in der Prüfungszeit“, wandte sie ein.

„Ja.“

Sie starrte ihn an. Hatte er den Verstand verloren? Er war ihr Mentor. Gerade er sollte doch wissen, dass das keine gute Planung war.

„Sonea, ich will dir die Hochzeit ermöglichen, die du verdienst. Luzille ist seit Wochen mit der Planung beschäftigt. Ich bin sicher, sie ist flexibel genug in ihrer Planung, um die Rahmenbedingungen ein wenig einzuschränken.“ Akkarin musterte sie nachdenklich. „Was deine Prüfungen betrifft, so können deine Prüfungen bei mir und Lady Vinara bis nach der Feier verschoben werden. Das sollte dir etwas von deiner Anspannung nehmen.“

Sie nickte zögernd.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. Er hob ihr Kinn und küsste sie sanft auf die Lippen. Dann zog er sie in seine Arme.

Wenn wir sterben, sterben wir gemeinsam.


***


„Mehr als Eintopf von vorgestern kann ich dir leider nicht bieten.“

Dannyl lachte. „Beim nächsten Mal kündige ich mich an.“

Dorrien stand am Herd und rührte in einem Kochtopf, der von einem kleinen Feuer erwärmt wurde, das er mit Magie entzündet hatte. „Dann bekommst du mit etwas Glück Essen, das nur einen Tag alt ist!“, lachte er.

Neugierig blickte Dannyl sich in der Kate seines Freundes um. Es war klein, ein wenig unordentlich, doch es verströmte einen Charme, der irgendwie zu Rothens Sohn passte. Vor einer Box nahe der Herdstelle blieb er stehen. Er musste zwei Mal hinsehen, weil er seinen Augen nicht traute.

„Der Enka würde sicher eine ordentliche Mahlzeit abgeben.“

Dorrien wandte sich um. „Bordas wird nicht gegessen. Er überwintert im Haus. Eigentlich ist es bald wieder Zeit, ihn in den Garten zu lassen.“

„Bordas?“, rief Dannyl sich an eine der Geschichten erinnernd, mit denen er Lesen gelernt hatte. „Du willst damit doch nicht sagen, dass das dein Haustier ist!“

„Doch. Du kannst ihn streicheln, wenn du willst. Er ist zahm. Zumindest solange er nicht die Gelegenheit bekommt, meine Beete mit den Heilkräutern mit seinen Hörnern aufzuwühlen.“

In die Hocke gehend streckte Dannyl seine Hand ins Gehege. Der Enka beäugte ihn misstrauisch. Dann kam er langsam näher und beschnupperte seine Hand. Behutsam strich Dannyl über seine ledrige Haut.

Dorrien muss ziemlich einsam hier oben sein, überlegte er. Soweit Dannyl wusste, respektierten die Dorfbewohner den jungen Heiler viel zu sehr, als dass richtige Freundschaften möglich wären. Trotzdem harrte Dorrien hier seit Jahren aus, um den Menschen eine medizinische Behandlung zu ermöglichen.

Wie verschieden wir doch sind!, dachte Dannyl. Hätte Rothen sich nicht meiner angenommen, so würden wir noch heute aneinander vorbeilaufen. Rothens Sohn war nur wenige Jahre jünger als Dannyl und hatte sein Studium noch nicht begonnen gehabt, als Dannyl zu Rothens Novizen geworden war. Sie waren sich oft bei gemeinsamen Abendessen mit Rothen begegnet, bis Dorrien nach seinem Abschluss in die Berge gezogen war und sie einander aus den Augen verloren hatten. Auch Dorrien war als Novize nicht sehr beliebt gewesen, weswegen Dannyl es sich damals zur Aufgabe gemacht hatte, ihm zu helfen.

„Essen ist fertig!“, riss Dorrien ihn aus seinen Gedanken. Er holte zwei Schalen aus einem Regal und befüllte sie mit Eintopf. Ein köstlicher Duft stieg in Dannyls Nase. „Ich habe es noch etwas gewürzt. Aber sehr viel besser wird es nicht, fürchte ich.“

„Ich bin sicher, es ist besser als alles, was ich seit meinem Aufbruch aus Capia hatte“, erwiderte Dannyl. Seit seiner Flucht aus Arvice hatte er sich, wenn man von den Tagen in der Zuflucht absah, fast ausschließlich von Wurzeln und kleinen Tieren ernährt. Es war eine einseitige und wenig nahrhafte Kost gewesen; die winterlichen Ödländer hatten nur wenig zu bieten. Das Essen in der Herberge war in Ordnung, aber nicht herausragend, gewesen und davor hatte er nur von lange haltbaren Lebensmitteln gelebt.

Sie setzten sich an den Tisch. Dorrien befüllte zwei Gläser mit frischem Quellwasser und reichte Dannyl eines davon.

„Das Brot ist immerhin von gestern“, sagte er mit entschuldigender Miene.

Dannyl brach sich ein Stück davon ab und tunkte es in seine Schale, dann biss er hinein und kaute genussvoll darauf herum.

„Hör auf“, wehrte er ab. „Wenn du wüsstest, wie gut es tut, endlich wieder etwas Richtiges zu essen!“

„Sachaka muss wirklich entsetzlich gewesen sein“, bemerkte Dorrien.

Dannyl nickte. Während sie aßen, erzählte er Dorrien, was ihm widerfahren war, seit er und Kito Capia verlassen hatten. Mit jedem Wort wuchsen Unglauben und Entsetzen auf dem Gesicht des Heilers. Obwohl es Dannyl unangenehm war, sein Scheitern in Arvice und Kitos Tod erneut zu durchleben, tat es auch gut, endlich mit einer vertrauten Person darüber zu sprechen.

Als er geendet hatte, schwieg Dorrien eine Weile.

„Ich kann es nicht glauben“, sagte er schließlich. „Das klingt mehr nach einem Albtraum als nach einem Abenteuer. Und all die Zeit hast du sogar ein Blutjuwel mit dir herumgetragen.“

„Ich habe es nur benutzt, wenn ich musste“, antwortete Dannyl. „Hätte ich es nicht gehabt, wäre ich jetzt nicht mehr am Leben. Es hat Akkarin geholfen, meine Rettung zu organisieren.“

„So viel Menschlichkeit hätte ich ihm gar nicht zugetraut ...“, murmelte Dorrien.

Er scheint Akkarin nicht besonders zu mögen, stellte Dannyl fest. Dabei wären ohne ihn jetzt mehrere der Bewohner aus Dorriens Dorf tot oder Sklaven. Doch irgendwie ahnte er, dass der Groll seines Freundes auf den ehemaligen Hohen Lord nichts mit dieser Geschichte zu tun hatte.

„Erzähl mir alles darüber, wie du diesen Ashaki verfolgt hast“, forderte er Dorrien auf. „Ich kenne bis jetzt leider nur die Kurzfassung.“

Während der nächsten Stunde berichtete Dorrien ausführlich, wie er von dem Verschwinden der ersten Bergbewohner erfahren und wie er nach ihnen gesucht hatte. Er erzählte, wie er zuerst an eine wilde Bestie geglaubt hatte, und wie er herausgefunden hatte, dass sich die Vorfälle von Norden nach Süden ereigneten. Dannyl erfuhr, wie der junge Heiler entdeckt hatte, dass es sich um einen schwarzen Magier handelte und wie er daraufhin mit dem treuesten seiner Männer alleine weitergesucht hatte. Zuletzt berichtete Dorrien, wie er dem Sachakaner über die Grenze gefolgt war und wie ein Suchtrupp der Gilde ihn schließlich gefunden und Ikaro überwältigt hatte.

„Für einen Heiler bist zu ganz schön mutig“, sagte Dannyl beeindruckt, nachdem sein Freund seine Geschichte beendet hatte. „Schleichst ganz alleine einem Sachakaner hinterher.“

„Ich habe den Dorfbewohnern versprochen, ihnen ihre Angehörigen zurückzubringen.“ Ein leidenschaftliches Feuer glomm in Dorriens Augen. „Ich konnte sie nicht im Stich lassen.“

Dannyl nickte verständnisvoll. „Und jetzt hast du dadurch sogar eine Assistentin bekommen.“

„Ja.“ Dorrien lächelte. „Sie kam ein paar Tage, nachdem wir wieder zurück waren, zu mir. Sie hatte von den Kriegern gehört, dass die Entführten magisches Potential haben. Sie hat mich gefragt, ob ich sie ausbilde.“

„Wirst du sie zu deiner Novizin machen?“

„Ja.“ Wieder dieses Lächeln. „Ich hoffe, dass ich einen Teil ihrer Ausbildung hier stattfinden lassen darf. Die Details muss ich noch mit Rektor Jerrik, Administrator Osen und Lady Vinara besprechen, wenn ich das nächste Mal in Imardin bin.“

Dannyl verkniff sich ein Grinsen. Ihm war nicht entgangen, wie Viana den jungen Heiler angesehen hatte.

„Was ist eigentlich mit dir und den Frauen?“, fragte er wie beiläufig und ließ seinen Blick über das Chaos in Dorriens Zuhause schweifen. „Wie es scheint, lebst du wie in Junggeselle.“

Dorrien runzelte die Stirn. „Fängst du jetzt auch schon an?“

„Womit?“, fragte Dannyl unschuldig.

„Mit Viana.“ Dorrien verzog das Gesicht. „Rothen meinte auch schon, sich einmischen zu müssen, als ich ihm in einem Brief von meiner Absicht, Viana als Novizin zu nehmen, schrieb.“

„Und hat er recht?“

Unter den unterschwelligen Vorwurf in Dorriens Stimme mischte sich Sturheit. „Ich habe nicht vor, mich zu binden.“

Die plötzliche Verbitterung in seiner Stimme ließ Dannyl aufhorchen. Er hatte gehofft, etwas über Dorriens Verhältnis zu seiner zukünftigen Novizin zu erfahren, doch plötzlich hatte er das Gefühl, dass es hier um etwas völlig anderes ging.

„Warum?“, fragte er. „Was ist passiert?“

Dorrien seufzte und fuhr sich über die Stirn. „Versprich mir, dass du das für dich behältst.“

„Darauf hast du mein Wort.“

Der junge Heiler schloss die Augen. Als er sie wieder öffnete, war das Blau darin leer und erkaltet. „Es gibt tatsächlich eine Frau. Ich habe sie sehr geliebt. Aber für sie bin ich nicht mehr als ein guter Freund. Es gab eine Zeit, in der ich gehofft habe, wir könnten eines Tages zusammen sein, aber dann hat sie sich verändert. Sie hat alles verraten, wofür sie einst eingestanden ist, und hat sich einem Mann zugewandt, der ihr nicht guttut.“

„Das tut mir leid für dich.“ Dannyl legte eine Hand auf Dorriens Arm. „Vielleicht ist sie von diesem anderen Mann nur geblendet und wird ihren Fehler eines Tages erkennen.“

„Das wird nicht passieren. Sie ist eine von denen, die sich von ihrem Vorhaben nicht mehr abbringen lassen, wenn sie es sich einmal in den Kopf gesetzt haben.“ Er schüttelte traurig den Kopf. „Ich habe sie in dem Augenblick verloren, in dem sie sich für ihn entschieden hat.“

Die unstillbare Neugier wurde von Mitgefühl hinweggespült. Hätte Dannyl geahnt, ihr Gespräch würde eine solche Wendung nehmen, so hätte er dieses Thema gar nicht erst angeschnitten. Offenkundig hatte er damit etwas zutage gefördert, das Dorrien unter Kontrolle hielt, solange er nicht daran erinnert wurde.

„Dorrien, wenn ich irgendetwas für dich tun kann, dann lass es mich wissen.“

Dorrien sah auf, sein Blick war schmerzerfüllt. „Du kannst nichts tun. Aber danke für das Angebot.“

„Wer ist sie?“, fragte Dannyl. Vielleicht sollte er ihr einen Besuch abstatten, bevor er nach Imardin weiterreiste und ihr klarmachen, wie töricht es war, einen so wunderbaren Mann wie Dorrien auszuschlagen. Er mochte bei Marika und Savedra versagt haben. Doch dazu würden seine diplomatischen Fähigkeiten noch immer ausreichen.

„Das kann ich dir nicht sagen“, flüsterte Dorrien. „Bitte frag nicht weiter.“


***


Cery betrat sein Versteck und seufzte. Der hinter ihm liegende Tag war überraschend anstrengend gewesen. Er und seine Leute hatten eine Bande Raubmörder gefangen, nachdem sie die Kerle durch drei Bezirke bis zum Hafen gejagt hatten. Jetzt schmorten die Männer im Stadtgefängnis, wo sie auf ihren Prozess warteten.

Über die Verbrecherjagd war es spät geworden. Cery fühlte sich müde, hungrig und schmutzig. Und er hatte das Gefühl, schon zu lange dieselben Kleider zu tragen.

Er stieß die Tür zu seinem Schlafzimmer auf und erstarrte.

Nenia räkelte sich in einem Hauch von Nichts auf seinem Bett. Ihr Nachthemd spannte sich über der Wölbung ihres Bauches. Obwohl Cery den Anblick auf eine gewisse Weise anziehend fand, hielt er es zugleich für unangemessen. Savara hatte solche Nachthemden oft getragen, als sie bei ihm gewohnt hatte und der Anblick weckte unerwünschte Erinnerungen.

„N’abend, Captain Ceryni“, sagte Nenia mit einem anzüglichen Unterton. „Ich hab’ schon auf dich gewartet.“

„Nenia“, stammelte er. „Was machst du hier?“

Nenia richtete sich ein wenig auf und strich über ihre Taille. „Nach was sieht’s denn aus?“

„Zieh dich wieder an“, wies Cery sie an. Er zuckte zusammen. Seine Stimme war schroffer, als er beabsichtigt hatte. Aber nach diesem Tag war er zu müde, um seine Verärgerung zurückzuhalten. „Du bist schwanger.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund, den Cery unter anderen Umständen für unwiderstehlich gehalten hätte.

„Es wird dem Baby nicht schaden“, wandte sie ein.

„Das mag sein. Aber, was du auch versuchst, ich werd’ dich nicht ficken.“

„Warum?“, verlangte sie zu wissen.

Cery verschränkte die Arme vor der Brust. „Weil ich dir nicht geben kann, was du von mir willst.“ Weil ich Savara liebe.

Ihre Augen weiteten sich. Dann stand sie auf und streifte ihr Kleid über. „Ich bin’s gewohnt, mich mit dem Körperlichen zufriedenzugeben.“

„Nenia, ich kann nicht.“

„Aber früher konntest du doch auch …“, begann sie verständnislos.

„Es liegt nicht an dir.“

„Liegt’s daran, dass ich schwanger bin?“

„Nein.“

Sie starrten einander an. Ein Teil von Cery fühlte sich schuldig, weil er sie so von sich stieß. Aber er konnte das, was sie vor Savaras Rückkehr gehabt hatten, nicht so einfach wiederherstellen. Nenia war lieb und süß und sie hatten eine Menge Spaß gehabt, aber sie konnte niemals sein, was Savara für ihn war.

„Nenia, ich hab’ dich bei mir aufgenommen, damit du wen hast, der sich um dich und dein Baby kümmert“, sagte er. „Ich hab’ nie gesagt, dass ich mit dir zusammen sein werde.“

„Es ist wegen ihr“, stellte sie fest.

Cery blinzelte mit gespielter Unschuld. „Wegen wem?“

„Der Frau, wegen der du mich weggeschickt hast.“

Cerys Herz setzte einen Schlag aus. Wie hatte sie davon erfahren?

„Ich mag ’ne Hure sein, aber ich bin nicht dumm.“ Nenias Stimme zitterte. „Ich weiß, wie Männer sich verhalten, wenn sie ’ne andere haben. Deswegen wolltest du mich auch zuerst nicht. Es ging die ganze Zeit um sie.“

„Nenia, wir waren nie zusammen.“

Sie sank auf seinem Bett zusammen und begann zu weinen. Cery seufzte. Er hatte vermeiden wollen, dass sie sich in ihn verliebte. Doch ganz offenkundig war es passiert, bevor er es bemerkt hatte. Hätte er das gewusst, hätte er sich gar nicht erst mit ihr eingelassen.

Er wollte zu ihr gehen und sie in den Arm nehmen, um sie zu trösten. Er wollte nicht, dass sie deswegen so litt. Aber er wollte ihr keine falschen Hoffnungen machen.

Deswegen halte ich nix von Beziehungen, fuhr es ihm durch den Kopf. Vor Savara hatte er das nicht einmal in Erwägung gezogen. Ein Dieb war nicht gerade jemand, der er einer Frau zumuten wollte, auch wenn ihn dieser Status heißbegehrt machte. Zudem hatte es nie eine gegeben, die ihn interessiert hatte, nachdem Sonea ihm vor Jahren einen Korb gegeben hatte. Als Captain der Stadtwache war er noch begehrter denn als Dieb, wenn auch die Frauen sich eher zu seiner Macht als zu seiner Person hingezogen fühlten. Er fragte sich, ob das bei Nenia auch so war und sie einer Illusion nachjagte.

„Ich hab’ diese Frau sehr geliebt, Nenia“, sagte Cery. „Es fing an, bevor ich dich kennenlernte. Eines Tages verließ sie mich. Ich dachte, sie wär’ für immer fort, doch dann kam sie zurück. Ich hab’ versucht, sie zu vergessen, aber es ging nicht. Bitte versteh das.“

Sie sah auf. Ihr Gesicht war verquollen und ihre Augen rot vom Weinen. „Ich hatte gedacht, du würdest zumindest irgendwas für mich empfinden“, brachte sie hervor.

„Das tue ich. Deswegen hab’ ich dich überhaupt bei mir aufgenommen. Aber ich liebe dich nicht.“ Das waren harte Worte und er bereute sie auf der Stelle, weswegen er hinzufügte: „Das heißt nicht so, wie du’s dir wünschst. Du bist für mich mehr wie ’ne Schwester oder ’ne Freundin.“

Anscheinend war das genau das Falsche gewesen, denn Nenia brach erneut in Tränen aus.

„Vielleicht sollte ich zurück zu Corbin gehen“, schluchzte sie. „Oder versuchen, in eins dieser Bleibehäuser zu kommen. Alles wär’ besser, als hier zu sein.“

„Du wärst auf dich allein gestellt“, wandte Cery ein. „Nenia, willst du das wirklich? Willst du wirklich zurück zu Corbin und dich schlecht behandeln lassen? Was, wenn du dein Kind verlierst?“

„Sollte es wirklich von dir sein, wär’s auch egal“, gab sie zurück.

„Hai!“, rief Cery. „Da hab’ ich wohl ein Wort mitzureden!“

„Seit wann kümmert dich das?“

„Seit ich davon weiß.“ Das war jedoch nicht ganz richtig. Es hatte mehrerer Tage Bedenkzeit, lange Abende in Harrins Bolhaus und eines wütenden Gol benötigt, damit Cery etwas mit dieser Sache zu tun haben wollte. Am Ende hatte er sich auf Grund seiner eigenen Vorgeschichte dazu durchgerungen. Wenn er über Nenia nachdachte, hätte er nicht sagen können, was er empfand. Er mochte sie und er wollte sie beschützen, aber ihre ständige Weinerlichkeit in den letzten Wochen machten es ihm schwer, die nötige Geduld aufzubringen. Er wusste nicht, wie er damit umgehen sollte.

Sie muss endlich kapieren, dass sie sich keine Hoffnungen wegen mir machen braucht, dachte er. Nur so würde es für sie beide erträglich sein, unter demselben Dach zu wohnen. Es wurde Zeit, ein wenig Härte zu zeigen.

Er musterte sie kühl. „Wenn du gehen willst, dann geh. Aber glaub’ nicht, ich würde dir ’ne zweite Chance geben, wenn du merkst, dass du dich nicht allein durchschlagen kannst.“

Ihre Augen weiteten sich. Sie machte jedoch keine Anstalten, das Zimmer zu verlassen, um ihre Sachen zu packen.

„Wie kannst du nur so grausam sein?“, brachte sie hervor.

Cery zuckte die Schultern. „Das Leben in den Hüttenvierteln ist hart. Sei froh, dass ich dich aufgenommen habe.“

Nenia schwieg eine Weile. Ihr war anzusehen, wie intensiv ihre Gedanken arbeiteten.

„Ich überlege mir, ob ich bei dir bleibe“, sagte sie schließlich. „Auch wenn ich nicht sehr glücklich sein werde, wenn ich’s tu’.“

„Du brauchst dich nicht um Nahrung und Kleider sorgen“, erwiderte Cery. „Dir und dem Baby wird’s an nix fehlen. Aber mehr kann ich dir nicht versprechen.“ Es sei denn, ich kann Savara eines Tages vergessen. Vielleicht würde seine Zuneigung für Nenia dann zu Liebe werden.

„Ich verstehe“, flüsterte sie.

„Du hast bis morgen Abend Zeit dir zu überlegen, ob du hier bleibst oder nicht. Denk gut darüber nach.“

Nenia nickte.

„Wir sehen uns morgen“, sagte Cery.

Er verließ sein Schlafzimmer und fluchte lautlos. So hatte er sich den Abend nicht vorgestellt. Mit einem Mal hatte er das Gefühl in seinem eigenen Zuhause keine Luft mehr zu bekommen. Warum mussten Frauen immer alles so wild machen?

„Was ist los, Chef?“, fragte Gol verstört, als er an ihm vorbei hastete.

„Nix“, log Cery. „Ich muss nur hier raus.“

Er betrat das Lager und entzündete eine Laterne. Dann öffnete er die Tür, die zur Straße der Diebe führte, und eilte durch die dunklen Tunnel. Zu seiner Erleichterung begegnete er niemanden, denn danach hatte er im Augenblick nicht das geringste Verlangen.

Keine halbe Stunde später verließ Cery die Straße der Diebe in einer Sackgasse in Sevlis Territorium, nahe eines Bolhauses. Er hielt darauf zu und stieß die Tür auf. Zu dieser Stunde war die Schankstube überfüllt. Cery musste sich durch die Leute drängen, wobei ihm sein Abzeichen der Stadtwache zur Hilfe kam.

„Hai, Cery!“, rief der Mann hinter der Theke. „Was darf’s sein?“

„Harrin“, sagte Cery atemlos. „Kann ich heute bei dir und Donia pennen?“


***


Auf dem Weg zur Universität konnte Sonea nur über eine Sache nachdenken: Von welcher Art war der Abendunterricht, zu dem Akkarin sie brachte? Da sie zur Universität gingen, konnte es sich nicht um schwarze Magie handeln. Aber dass sie an diesem Tag ein zweites Mal Kriegskunst haben würde, war ebenso undenkbar. Oder hatten sich die höheren Magier bei ihrer heutigen Besprechung eine Kampfstrategie überlegt, die sie jetzt ausprobieren würden? Aber warum jetzt, wenn der Kampf gegen Balkans Krieger für den nächsten Tag auf dem Stundenplan stand?

Darüber nachzudenken, war allerdings noch immer besser, als in der immerwährenden Erinnerung daran zu leben, dass ihrer Existenz seit heute eine offizielle Obergrenze gesetzt worden war. Ein Teil von ihr wollte so einfach aufhören, sich auf die Sachakaner vorzubereiten, weil sie überzeugt war, dass alle Vorbereitung nichts am Endresultat ändern würde. Ein anderer Teil hingegen klammerte sich an jede noch so kleine Chance.

Aber was war der Sinn darin, das Ende zu fürchten, außer dass es sie lähmte und ihr jegliche Lebensfreude nahm? Sie war härter als das.

Anderthalb Monate bis Marikas Armee Arvice verließ, plus eine oder zwei Wochen, bis die Gilde sich ihr irgendwo in Sachaka stellte, war wenig Zeit. Zu wenig. Aber sie genügte, um die Dinge zu tun, die Sonea in ihrem Leben noch getan haben wollte. Es war genug Zeit, um das Leben bis dahin trotz der Prüfungen zu genießen.

Akkarin hatte ihre Hand genommen, sein Daumen strich sachte über ihren Handrücken. Seine Berührung hatte etwas Tröstliches.

Sonea, von jetzt an bis zu dem Tag, an dem wir uns den Sachakanern stellen, werden wir ausschließlich an deinen Schwächen arbeiten, hatte er versprochen. Wir werden so gut vorbereitet sein, wie es uns möglich ist.

Ging es darum? Würden sie für eine späte Stunde Kriegskunst noch einmal zum Dome gehen?

Vor ihnen teilten sich die Bäume und gaben den Blick auf die Universitätsgebäude frei. Tief im Westen hing eine dunkelgelbe Mondsichel über den Dächern der Stadt. Eine Gruppen Novizen verließ die Universität und eilte in Richtung der Novizenquartiere.

Zu Soneas Verwirrung gingen sie jedoch weder zum Dome noch in die Universität.

„Was wollen wir zu Balkan?“, fragte sie.

„Das wirst du gleich sehen“, antwortete Akkarin.

Kopfschüttelnd folgte sie ihm zur Residenz des Hohen Lords. Auf Akkarins Klopfen hin schwang die Tür auf und sie traten in den Empfangsraum. Ein Diener erschien und verneigte sich.

„Der Hohe Lord erwartet Euch in der Bibliothek“, sagte er. „Soll ich …?“

„Wir finden den Weg allein“, erwiderte Akkarin.

„Natürlich, Lord Akkarin.“ Der Diener verneigte sich erneut und verschwand.

Akkarin legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter und durchquerte mit ihr den Raum. Sie stiegen die Treppe auf der linken Seite hinauf und gingen einen Flur entlang. Sonea fragte sich, wie es für Akkarin war, wieder hier zu sein. Sie warf ihm einen Seitenblick zu, doch seine Miene war so verschlossen wie eh und je.

Als sie die Bibliothek betraten, sah Sonea sofort, dass der Hohe Lord nicht alleine war. Lord Garrel und Lord Vorel hatten sich um den freigeräumten Schreibtisch versammelt. Bei ihrem Anblick schürzte das Oberhaupt der Krieger missbilligend die Lippen, woraus Sonea schloss, dass Akkarin sie ohne vorherige Absprache mitgebracht hatte. Der Hohe Lord wirkte derweil ungewöhnlich grimmig; Sonea hätte jedoch nicht sagen können, ob es ihretwegen oder auf Grund der Ereignisse des Tages war.

„Guten Abend, Hoher Lord“, grüßte Akkarin und nickte den anderen beiden Kriegern zu, während Sonea sich verneigte. „Ich hoffe, Soneas Anwesenheit bereitet keine Umstände.“

Balkans Miene wurde ein wenig weicher. „Da sie für die Gilde beinahe so unentbehrlich ist wie Ihr, hat sie ein Recht darauf, zumal ihre Anwesenheit niemandem schadet.“

„Was Sonea hier heute Abend lernen kann, ist zudem anwendungsbezogener als es ihr Unterricht je sein könnte“, fügte Vorel hinzu.

Aus den Augenwinkeln erhaschte Sonea einen kurzen Blick auf Garrels Miene, die sich zusehends verfinsterte.

Der Hohe Lord schritt zu einem Schrank, aus dem er ein langes Holzrohr holte, das an den Enden geschlossen war. Er schraubte den Deckel an einem der Enden ab und zog ein zusammengerolltes Pergament heraus. Die Ecken mit Büchern und Briefbeschwerern fixierend, breitete er es auf dem Schreibtisch aus.

Sonea machte einen Schritt auf den Schreibtisch zu und beäugte das Pergament genauer. Es war eine Kopie der Karte von Sachaka, die Akkarin in ihrer Bibliothek in der Arran-Residenz aufbewahrte. Seit sie die Karte zuletzt gesehen hatte, waren noch einige weitere Orte hinzugekommen und sie entdeckte Kommentare, die Reisezeiten beinhalteten, wie „zwölf Tage Nordpass-Arvice“ oder „ein Monat Arvice-Duna“. Sachaka war so ein riesiges Land, doch nur zwischen den Ödländern im Westen und der Aschenwüste im Norden war es bewohnbar und so fruchtbar wie Kyralia. Das ließ genügend Platz für schwarze Magier.

Viele schwarze Magier …

„Es ist wahrscheinlich, dass die Sachakaner diese Straße nehmen werden.“ Balkan deutete auf eine Straße, die von Arvice zum Nordpass führte. Am Nordrand der Gegend, die als Ettkriti-Ebene bezeichnet wurde, zweigte davon eine weitere Straße nach Elyne ab. „Es gibt nur einen Pass, der von Sachaka nach Elyne führt. Wenn die Sachakaner zuerst Elyne angreifen, müssen sie diesen Weg nehmen.“

„Aber sie könnten auch versuchen, uns zu täuschen und über den Südpass nach Kyralia eindringen, während wir ihnen in der Nähe vom Nordpass auflauern“, wandte Garrel ein. „Sie würden denken, dass wir nicht mit einer Invasion über den Südpass rechnen, weil jene Straße weniger gut befestigt ist.“

„Oder sie teilen sich auf.“ Lord Vorels Finger fuhr über die eingezeichneten Straßen. „Marika geht mit einem Teil seiner Armee über den Nordpass oder nach Elyne, während ein zweiter Teil über den Südpass in Kyralia einfällt und Zerstörung anrichtet, während wir die andere Hälfte ahnungslos bekämpfen.“

„Diese Möglichkeit sollten wir nicht ausschließen.“ Der Hohe Lord sah zu Akkarin. „Lord Akkarin, wie denkt Ihr darüber?“

„Die Sachakaner gehen entgegen ihren schlimmsten Befürchtungen davon aus, dass die Gilde nur über zwei schwarze Magier verfügt“, sagte er. „Sie wissen nicht, dass wir Lord Rothens Schildsenker und Speichersteine haben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet könnte Marika uns leicht nur mit der Hälfte seiner gegenwärtigen Armee besiegen, wenn er es geschickt anstellt. Sollte er uns dazu verleiten, dass wir uns aufteilen, um beiden Armeen zu begegnen, so hätten wir die Schlacht bereits verloren.“

Akkarin starrte finster auf die Karte. „Ich empfehle, den Südpass zu blockieren. Jedoch erst, wenn wir von Savara erfahren, dass sie sich aufteilen und auch nur, wenn sie bereits unterwegs sind.“

Der Hohe Lord nickte. „Das wird uns jedoch einiges an Magie kosten.“

„Sonea und ich stellen Speichersteine her, die sich für solche Zwecke eignen. Indem ihnen bestimmte alchemistische Substanzen beigemischt werden, erhöht sich ihre Zerstörungskraft, so dass weniger Magie benötigt wird, um denselben Effekt zu erzielen.“

„Gut. Es soll mir recht sein, wenn es nur noch einen Übergang von Kyralia nach Sachaka gibt.“ Balkan wandte sich zu den beiden Kriegern. „Gehen wir nun mögliche Szenarien im Detail durch.“

Während der nächsten Stunde diskutierten sie mögliche Aufstellungen der Magier abhängig davon, wo sie den Sachakanern begegnen würden. Sie erörterten die Möglichkeit, ihre Feinde in einen Hinterhalt zu locken, sollten die Speichersteine bis dahin nicht fertig oder zu schwach sein. Sonea lauschte der Diskussion gebannt. Zu ihrer Überraschung fing Garrel dieses Mal nicht zu streiten an. Die Alternativen für den Fall, dass sie ohne Speichersteine kämpfen mussten, klangen allesamt sehr vielversprechend, wenn auch Sonea noch immer nicht glauben konnte, dass sie eine ernsthafte Chance hatten. Alsbald schwirrte ihr Kopf von den verschiedenen Feldzügen, die die Krieger durchsprachen.

Dass sie sich dabei nicht selbst verwirren, dachte sie. So werden ihnen noch Fehler unterlaufen.

Schließlich holte sie tief Luft. „Hoher Lord“, begann sie. Verunsichert bemerkte sie, dass alle vier Männer sie anstarrten. Akkarins Stirnrunzeln ignorierend fixierte sie Balkans Blick. „Habt Ihr zufällig ein Kyrima-Spiel hier?“

„Kyrima“, murmelte Garrel verdrießlich.

Balkan musterte sie eingehend. Dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ja, so etwas habe ich hier. Sehr gut, Sonea.“ Er ging zu einem Regal und holte ein Kästchen, ähnlich dem, das sie in der Arran-Residenz hatten, hervor. „Möchtest du die Figuren selbst aufstellen?“

Sonea lächelte erfreut. „Sehr gern, Hoher Lord.“

Sie öffnete das Kästchen und verteilte die Spielfiguren auf der Karte.

„Wenn der Südpass blockiert ist, müssen die Sachakaner durch die Ettkriti-Ebene“, sagte sie und stellte eine Reihe schwarzer Krieger dort auf. „Wenn wir ihnen dort auflauern, würden wir zweimal gegen sie kämpfen, sollten sie sich wirklich aufteilen. Aber wir haben dann mit weniger von ihnen zur gleichen Zeit zu tun, was uns einen Vorteil verschafft.“

Lord Vorel runzelte die Stirn. „Wenn die Sachakaner wirklich einen Teil ihrer Armee zum Südpass schicken – wieso sollten sie nicht hier entlang zum Nordpass ziehen“, er nahm einen schwarzen Krieger und zog ihn entlang der Berge, „anstatt den Umweg über die Ödländer zur Ebene zu nehmen?“

„Es ist der weitere Weg, aber es ist der schnellere“, antwortete Akkarin. Seine Hand griff in das Kästchen und zog ein paar Hindernisse heraus, die er entlang des Stahlgurtgebirges aufstellte. „Das Gelände in dieser Gegend ist sehr unwegsam. Mit Pferden und Karren ist es nur schwer zu durchqueren.“

Als Sonea zu ihm aufsah, schenkte er ihr ein kaum merkliches Lächeln. „Mach weiter“, murmelte er.

Sie nickte erfreut und stellte mit den Spielfiguren Dreiecke aus je einem Krieger, einem Heiler und einem Alchemisten gegenüber den schwarzen Kriegern auf. „Die Figuren stehen für die jeweilige Anzahl von Magiern ihrer Disziplin in jeder Gruppe, wie sie vorhin besprochen wurde“, erklärte sie. „Der Krieger greift die Sachakaner an und der Alchemist erleichtert ihm das, indem er vor jedem Angriff eine Phiole wirft und der Heiler hält den Schild. Das ist es doch, was die Gilde plant, nicht wahr?“

„Ja“, antwortete Garrel missmutig.

Sonea wollte fortfahren und runzelte die Stirn. Würden die Sachakaner nicht bald bemerken, wenn sie mit alchemistischen Mixturen angegriffen wurden, die die Gildenmagier auf sie warfen?

„Sonea, was ist?“

Sonea hob den Kopf und blickte in Balkans Augen, die sie aufmerksam musterten. „Wir können die Phiolen nicht unsichtbar machen. Wenn die Sachakaner sehen, womit wir sie bewerfen, werden sie sie zerstören, bevor sie nahe genug sind, um Schaden anzurichten.“

Hatte da denn noch niemand dran gedacht?

„Es wäre möglich, sie durch Illusionen zu tarnen, aber das erscheint mir in diesem Fall wenig praktikabel“, sagte Akkarin.

„Es würde Zeit brauchen, die Magier zu lehren, so kleine, sich rasch bewegende Gegenstände mit einer Illusion zu verbergen“, stimmte Lord Vorel zu. „Das ist Zeit, die wir momentan nicht haben.“

Lord Garrel lachte. „Ah, aber wir können sie mit Erde bedecken und mit unserem Willen aus der Ferne zerstören, wenn sie darüber gehen.“

„Und wenn ihr Schild den Boden durchdringt, würden sie innerhalb des Schilds explodieren“, fügte Lord Vorel erheitert hinzu.

Akkarin lachte leise. „Allerdings sollten wir weit genug entfernt sein, wenn das passiert.“

Der Hohe Lord runzelte die Stirn. „Wenn wir sicher wissen, welchen Weg sie nehmen, könnten wir ihn mit den Phiolen präparieren“, murmelte er, woraufhin Garrel und Vorel zustimmend nickten.

Unwillkürlich dachte Sonea zurück an ihr Duell mit Regin, das inzwischen fast zwei Jahre zurücklag. Damals hatte sie ihn in einer Runde besiegt, indem sie eine zweite Reihe von Angriffen hinter den eigentlichen Angriffen verborgen hätte. Sie hielt den Atem an.

„Oder wir könnten …“ Sie hielt inne, als sie realisierte, dass sie und Akkarin gleichzeitig zu sprechen begonnen hatte.

„Erklär du es ihnen“, forderte er sie auf.

Sie lächelte und wandte sie den anderen zu. „Wir könnten die Phiolen auf eine andere Weise als mit Illusionen tarnen“, sagte sie. „Diejenigen, die die Sachakaner angreifen tun so, als würden sie doppelte Angriffe ausführen, nur dass der zweite Schlag in Wirklichkeit ein Schildsenker ist. Die Sachakaner würden nur den ersten Angriff sehen.“

„Das ist brillant!“, sagte Lord Vorel. „Ein Angriff, der wenig Magie benötigt, wie ein Betäubungsschlag, und dazu wenig magisches Geschick erfordert, würde dazu völlig ausreichen. Auf diese Weise könnten wir sehr lange gegen sie bestehen.“

Es war spät, als Sonea und Akkarin die Residenz des Hohen Lords verließen. Sie hatten mehrere Strategien durchgesprochen, die bei der Gildenversammlung am nächsten Tag vorgestellt werden würden. Der Mond war inzwischen untergegangen und zahllose Sterne funkelten an einem schwarzen Nachthimmel wie kleine harte Diamanten. Die Luft war eisig und wahrscheinlich würde es frieren, doch unter Akkarins Wärmeschild war es behaglich warm.

„Deine Idee mit den Kyrima-Figuren war sehr gut“, sagte Akkarin. „Ebenso wie die Tarnung der Schildsenker.“

„Vielen Dank, Lord Akkarin.“ Sonea sah zu ihm auf und lächelte. „Ohne Eure harten und lehrreichen Lektionen in diesem Spiel wäre ich nie auf diese Idee gekommen.“

Akkarins Finger schlangen sich um ihre Hand und drückten sie leicht. „Ich tue nur, was nötig ist, um dein Potential auszuschöpfen.“

„Ich bin überrascht, dass nicht einmal Garrel protestiert hat, weil ich dabei war.“

Ob die höheren Magier resigniert haben?, überlegte Sonea. Bis jetzt hatte Akkarin immer seinen Willen bekommen und das nicht nur, was seine Novizin betraf. Vielleicht waren sie es leid, überhaupt zu versuchen, ihn aufzuhalten.

„Sie beginnen zu erkennen, dass der Fortbestand der Gilde zu einem großen Teil auch von dir abhängt und es töricht wäre, dich davon auszuschließen“, sagte er. „Während sie in altbewährten, aber festgefahrenen Mustern denken, bringst du mit deinen Ideen frischen Wind in ihre Diskussionen.“

Sonea dachte über seine Worte nach. Sie war bisher nur bei einigen wenigen Treffen der höheren Magier gewesen und sie nahm an, Akkarin entschied, wann ihre Anwesenheit sinnvoll war und wann nicht. So war sie während ihres Unterrichts noch nie in einer Besprechung gewesen, erfuhr aber dennoch die wichtigsten Punkte hinterher von ihm.

Wahrscheinlich ist das auch besser so, überlegte sie. Stundenlang ihren Diskussionen zu lauschen, anstatt zu lernen, wäre doch wirklich Zeitverschwendung.

Aber sie hätte nie gedacht, dass ihre Ideen bei den höheren Magiern auf Zustimmung stoßen würden. Vielleicht konnte sie doch mehr bewegen, als sie für möglich gehalten hatte.
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