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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 13.372
 
Kapitel 45 – Hilfe von fremder Seite



Vor der Tür zu Rothens Apartment hielt Sonea inne. Die Abschrift von Die thieferen Geheymnisse Höherer Magie an die Brust gedrückt wandte sie sich um.

„Überlass das Reden mir“, sagte sie.

Akkarin runzelte die Stirn. „Wozu bin ich dann überhaupt mitgekommen?“

„Um ihn einzuschüchtern, falls er sich weigert uns zu helfen und meine Versuche, ihn um den Finger zu wickeln, scheitern sollten.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Wo hast du gelernt so manipulativ zu sein?“

Sonea grinste. „Oh, was das angeht, hatte ich den besten Lehrer!“

Bevor er etwas darauf erwidern konnte, klopfte sie.

„Herein!“, erklang Rothens Stimme von drinnen.

Die Tür schwang auf und gab den Blick auf Rothens Wohnzimmer frei. Ihr ehemaliger Mentor saß zusammen mit seinem betagten Freund Lord Yaldin in den Sesseln am Fenster und trank Sumi. Sonea zögerte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass Rothen Besuch hatte.

Die beiden Alchemisten sahen auf. Auf Rothens Gesicht breitete sich ein Lächeln aus, Lord Yaldin hingegen runzelte missbilligend die Stirn. Ob er so reagierte, weil sie gestört worden waren oder durch wen, konnte Sonea nicht sagen.

„Kommt herein“, sagte Rothen. Er wies auf zwei Sessel. „Und setzt Euch.“

Sonea und Akkarin begrüßten die beiden Magier und nahmen Platz.

„Ich denke, ich sollte nun gehen“, sagte Rothens Freund und erhob sich kaum, dass Sonea es sich in ihrem Sessel bequem gemacht hatte. „Vielen Dank für den Sumi.“ Er warf einen kurzen Blick zu Sonea und ihrem Mentor. „Genießt den Rest Eures Wochenendes.“

„Wollt Ihr wirklich schon gehen?“, fragte Rothen, offenkundig überrascht und enttäuscht.

„Ezrille hat beim Frühstück angekündigt, sie wolle heute Nachmittag einen Spaziergang mit mir machen.“ Yaldin verzog das Gesicht. „Jetzt, wo der Schnee endlich geschmolzen ist, wird sie rastlos.“

Rothen lächelte. „Dann solltet Ihr sie nicht länger warten lassen. Genießt den Rest des Nachmittags. In der Sonne ist es schon angenehm warm.“

„Das denke ich auch.“ Der betagte Alchemist beeilte sich, das Apartment zu verlassen. Im Vorbeigehen nickte er Sonea und Akkarin steif zu.

„Kann ich Euch etwas zu trinken anbieten?“, fragte Rothen, nachdem sich die Tür hinter seinem Freund geschlossen hatte.

„Sumi“, antwortete Akkarin. „Aber macht Euch keine Umstände.“

Rothen winkte ab. „Ihr seid meine Gäste, da ist das selbstverständlich.“ Er sah zu Sonea. „Und was möchtest du?“

„Das übliche“, antwortete sie, ein Grinsen unterdrückend.

Rothen lächelte ihr augenzwinkernd zu. Er trat zu der Anrichte, auf dem sich immer ein Krug Wasser, mehrere Tassen und zwei Dosen mit getrockneten Sumiblättern und Raka befanden.

„Was führt Euch hierher?“, fragte er, nachdem er ihnen die Getränke gebracht hatte.

Sonea und Akkarin tauschten einen Blick. Mit einem Mal war Sonea sehr nervös. Hoffentlich gehe ich das richtig an, dachte sie und fragte sich, ob es wirklich eine gute Idee gewesen war, dass sie das Gespräch führte. Akkarin konnte sehr viel einschüchternder und überzeugender sein, als es ihr je möglich sein würde. Jedoch war sie überzeugt, dass das bei Rothen die falsche Strategie war.

Sie holte tief Luft und richtete sich in ihrem Sessel auf. „Rothen“, sagte sie. „Wir brauchen Eure Hilfe als Alchemist. Das heißt, sofern Ihr Euch damit auskennt, wie Alchemie vor etwa eintausend Jahren praktiziert wurde.“

Rothen trank einen Schluck Sumi. „Es wäre einfacher, wenn es sich um die Alchemie der letzten fünfhundert Jahre handeln würde“, antwortete er. „Aus der Zeit vor der Gründung der Gilde existieren nur wenige Aufzeichnungen, besonders nicht aus der Zeit kurz nach der Unabhängigkeitserklärung.“

Sonea schenkte Rothen ein gewinnendes Lächeln. „Könnt Ihr es trotzdem versuchen?“

„Natürlich.“ Rothen betrachtete sie versonnen. „Brauchst du das für ein Projekt, das du im Unterricht machst?“

„In gewisser Weise schon.“ Sonea fürchtete, Rothen würde ihr seine Hilfe verweigern, wenn er erfuhr, um welches Projekt es sich wirklich handelte. Aber Rothen war der Einzige, dem sie vertrauen konnten. Er würde für sich behalten, dass sie sich im Besitz von Büchern über schwarze Magie befanden, die die Gilde nicht genehmigt hatte.

Mit dem Ende des Winters wurde ihre Zeit immer knapper. Nach fast zwei Wochen, in denen sie Theorien aufgestellt, getestet und wieder verworfen hatten, tappten sie noch immer im Dunkeln, was Lord Sadakanes Anleitung zur Erschaffung von Speichersteinen betraf. Aus der Anleitung ging nur hervor, dass der Prozess einige Wochen oder Monate in Anspruch nehmen würde. Rothen durfte ihnen seine Hilfe nicht verweigern.

Energisch schob sie ihre Bedenken beiseite. Sie öffnete das auf ihrem Schoß liegende Buch und schlug eine bestimmte Seite auf.

„Es ist nur eine Abschrift“, sagte sie, das Buch Rothen reichend. „Ihr braucht also nicht vorsichtig damit umzugehen.“ Sie deutete auf eine Stelle im Text. „Weder ich noch Akkarin verstehen, worum es hier geht. Und die Formeln sind auch ziemlich seltsam.“

Rothen nahm das Buch entgegen und studierte Text und Abbildungen eine Weile, wobei er leise vor sich hinmurmelte.

„Ein seltsames Experiment“, sagte er, „scheint mir ziemlich gefährlich zu sein.“ Er blätterte eine Seite zurück, wo Sinn und Zweck des Experiments beschrieben waren. Sonea hielt den Atem an. Gleich würde er es erfahren.

Sie sah zu Akkarin. Dieser hob leicht die Schultern als wolle er sagen: Das hätte ich dir sagen können.

„Also ich kann mir nicht vorstellen, dass Lord Elben seinen Novizen so etwas beibringt“, murmelte Rothen nach einer Weile. „Mit dem, was hier beschrieben ist, kann man ganze Landstriche verwüsten. Nicht einmal im Vertiefungskurs für Alchemisten … “ Mit gefurchter Stirn sah er auf. „Das ist nicht für deinen Unterricht, Sonea – habe ich recht? Es geht um Speichersteine.“

Hitze stieg in Soneas Wangen. „Ja“, antwortete sie. „Das heißt, eigentlich gehört das schon zu meinem Unterricht. Wir brauchen jemanden, der uns hilft, diesen Text zu verstehen. Bitte Rothen, wir wissen nicht, wem wir sonst vertrauen sollen.“

Rothen runzelte die Stirn und las den Titel auf dem Buchdeckel. Dann wandte er sich zu Akkarin. „Wie seid Ihr an dieses Buch gekommen?“, verlangte er zu wissen. „Ich kann mich nicht erinnern, dass die Gilde oder Lord Sarrin es genehmigt haben.“

„Die Herkunft dieses Buches spielt keine Rolle“, sagte Akkarin ruhig. „Tatsache ist, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, um Speichersteine mit entsprechender Kapazität herzustellen.“

„Wenn die höheren Magier davon wüssten, würden sie wochenlang darüber diskutieren, ob wir das Buch benutzen dürfen“, fügte Sonea hinzu. „Wir würden wertvolle Zeit verlieren.“

„Nein“, sagte Rothen entschieden. „Es tut mir leid. Ich verstehe Euer Problem, aber dabei werde ich euch nicht helfen.“

„Rothen“, sagte Sonea streng. „Wenn es uns nicht rechtzeitig gelingt, diese Speichersteine herzustellen, dann wird das auch Euer Problem sein.“

Ihr ehemaliger Mentor seufzte. „Sonea, in diesem Experiment geht es um schwarze Magie. Selbst wenn die Sachakaner vor der Stadt stünden, würde ich mein Gewissen damit nicht beflecken wollen. Geht zu Lord Sarrin. Er hat sich mit diesem Thema bereits befasst.“

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Ihr ganzes Vorhaben drohte zu scheitern. Lord Sarrin würde gewiss unbequeme Fragen stellen. Und dann würde er die höheren Magier informieren. Nachdem das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten während ihrer und Akkarins Verbannung versucht hatte, schwarze Magie zu erlernen, hatte die Gilde ihn beauftragt, jegliche Literatur über diese Kunst zu prüfen, bevor Akkarin sie erhielt. Er würde sofort bemerken, dass er dieses Buch nie zuvor in den Händen gehalten hatte.

„Es wäre besser, wenn uns jemand hilft, dem wir vertrauen können“, sagte sie. „Und das seid nun mal Ihr.“

Rothen seufzte und wandte sich erneut an Akkarin, wahrscheinlich, weil er glaubte, dieser würde einsichtiger als seine Novizin sein. „Das könnt Ihr nicht von mir verlangen. Ich habe schon oft genug meinen Kopf für Euch beide hingehalten. Ich werde vergessen, dass sich ein von der Gilde nicht genehmigtes Buch in Eurem Besitz befindet. Aber ich werde mich nicht zum Mittäter machen.“

„Das respektiere ich“, erwiderte Akkarin.

Sonea starrte ihn an. Wieso fiel er ihr ausgerechnet jetzt in den Rücken? Hätte sie geahnt, er würde sich auf Rothens Seite stellen, wäre sie alleine gegangen.

„Aber es wäre für einen guten Zweck“, protestierte sie. „Bitte Rothen, Ihr müsst uns helfen.“

„Etwas von solcher Zerstörungskraft kann niemals für einen guten Zweck sein“, sagte Rothen ungewöhnlich hart. „Selbst dann nicht, wenn es uns hilft, einen Krieg zu gewinnen. Ich will nicht, dass die Sachakaner siegen und ich billige, dass die Gilde bereit ist, schwarzmagische Waffen einzusetzen, um das zu verhindern, aber ich werde mich daran nicht beteiligen.“

„Aber Ihr stellt doch auch die Schildsenker-Phiolen her.“

„Die Schildsenker dienen zu unserer Verteidigung im direkten Kampf. Das ist nicht dasselbe, wie die Ödländer ein zweites Mal zu erschaffen.“ Rothen schüttelte den Kopf. „Ich kann Euch nur raten, zu Lord Sarrin zu gehen. Sagt ihm, dass ich Euch geschickt habe.“

Sonea öffnete protestierend den Mund, doch Akkarin beugte sich zu ihr und legte seine Hand auf die ihre.

- Es hat keinen Sinn. Wir könnten ihn nur mit Gewalt dazu bringen, uns zu helfen.

- Warum hast du nicht getan, worum ich dich gebeten habe?

- Du verbringst zu viel Zeit mit Luzille.

Sonea unterdrückte ein Schnauben. Als ob er nicht ganz genau wusste, dass es ihr niemals in den Sinn kommen würde, ihn so zu behandeln, wie Luzille es mit ihrem Mann tat!

- Sonea, wir müssen Rothens Einstellung respektieren, fuhr Akkarin streng fort. Wir dürfen seine Unterstützung nicht verlieren.

- Er braucht doch nicht mehr zu tun als uns zu erklären, was dort steht, entgegnete sie hilflos.

- Das würde seiner Moral widersprechen. Wir gehen zu Lord Sarrin. Ich bin sicher, er wird uns helfen.

Sonea seufzte. Obwohl Akkarin sie gewarnt hatte, nicht allzu große Erwartungen in ihren Besuch bei Rothen zu setzen, hatte sie fest mit seiner Unterstützung gerechnet. Sie konnte Rothen nicht böse sein, weil er sie abwies. Tatsächlich musste Sonea sich widerwillig eingestehen, dass sie seine Gründe nachempfinden konnte. Sie selbst hatte ähnliche Bedenken gehabt, als sie zum ersten Mal von Speichersteinen erfahren hatte.

„Also schön“, gab sie nach. „Lass uns zu Lord Sarrin gehen.“


***


Cery stieß die Tür der Lüsternen Jungfrau auf. Entschlossen schritt er durch die Schankstube zur Theke, wo Corbin gerade ein frisches Fass Bol aufstellte. Als er Cery und seinen Leibwächter sah, weiteten sich seine Augen.

„Capt’n Ceryni“, stammelte er, den Blick auf in den Ärmel von Cerys Jacke gestickte Incal gerichtet. „Ich hab’ meine Steuern pünktlich bezahlt.“

„Deswegen bin ich nicht hier“, schnitt Cery ihm das Wort ab. Es gefiel ihm, wie seine neue Macht den Bordellbesitzer einschüchterte. In solchen Momenten begann er seine Arbeit als Captain der Stadtwache regelrecht zu lieben. „Ich bin gekommen, weil du gegen das Gesetz verstoßen hast.“

Corbin erstarrte. „Ich hab’ nix getan! Ich kann’s beschwören!“

„Und ob du das hast.“ Für einen Augenblick genoss Cery die Wirkung seiner Worte auf den anderen Mann. „Du zwingst ’ne Schwangere zu arbeiten. Das ist Nötigung, Corbin. Wusstest du das?“

Der Bordellbesitzer erbleichte. „Ich hab’ ihr gesagt, sie soll’s wegmachen lassen“, verteidigte er sich, seine Stimme mit einem Mal ein paar Tonlagen höher. „Wenn sie das nicht will, dann’s das nicht mein Problem.“

„Einer werdenden Mutter zu sagen, sie soll ihr Kind wegmachen lassen und sie zur Arbeit zu zwingen, wenn sie’s nicht macht, ist erst recht Nötigung“, erwiderte Cery. Er senkte seine Stimme und beugte sich über die Theke. „Dafür kann ich dich ins Gefängnis stecken, Corbin.“

„Bitte steck’ mich nicht ins Gefängnis, Ceryni“, bettelte Corbin. „Ich hab’ nicht gewusst, dass das strafbar ist.“

„Wärst du nicht so ein völliger Mistkopf, hättest du dir denken können, dass man sowas nicht macht“, entgegnete Cery ungerührt. „So geht man nicht mit seinen Schutzbefohlenen um.“

Der Bordellbesitzer schluckte. „Was soll aus meinen Mädchen werden, wenn ich im Gefängnis bin?“

„Das hättest du dir früher überlegen sollen.“

Zu Cerys Befriedigung wich nun auch der letzte Rest von Farbe aus Corbins Gesicht. Er hatte den Besuch in der Lüsternen Jungfrau einige Tage vor sich hergeschoben, bis er sich in der richtigen Stimmung fühlte. Anscheinend war das die richtige Entscheidung gewesen. Denn Corbin war völlig eingeschüchtert.

„Was muss ich tun, um nicht ins Gefängnis zu müssen? Wie viel Geld willst du?“

Cery lachte. „Corbin, ich wär’n schlechter Captain, wenn ich mich bestechen ließe.“ Und ein schlechter Dieb dazu. „Aber es gibt was anderes, was ich will.“ Er nickte zu der Nische, in der Corbins Mädchen mit gelangweilten Gesichtern saßen. „Nenia.“

Aus der Nische erklang ein freudiger Aufschrei, den Cery ignorierte.

„Ich hab’ sie dir doch bereits gegeben.“

„Ich werde sie mitnehmen“, sagte Cery. „Für immer. Ich weiß, wie viel sie dir bedeutet. Aber nur so kommst du ums Gefängnis rum.“

Corbin schien alles andere als begeistert. Ihm war anzusehen, wie sehr er mit sich rang. Cery erwiderte seinen Blick kühl.

„Dann nimm sie mit“, murmelte der Bordellbesitzer schließlich.

Cery lächelte sein Dieb-Lächeln. „Ich wusste, wir verstehen uns.“

Plötzlich war Nenia an seiner Seite. „Oh, Cery!“, rief sie und umklammerte seinen Arm.

„Geh und pack deine Sachen“, wies Cery sie an, ohne den Blick von Corbin zu wenden. Sie sollte nicht denken, dass er das aus Zuneigung tat. „Gol, du begleitest sie.“

„Wird gemacht, Capt’n.“

Gol fasste Nenia am Arm und verschwand mit ihr die Treppe hinauf.

„Also Corbin“, sagte Cery leise, nachdem die beiden verschwunden waren. „Nur damit das klar ist: Ich werd’ dich beobachten. Sollte wieder eins deiner Mädchen schwanger werden und ich erfahre, dass du sie zu arbeiten zwingst oder ihr Kind gegen ihren Willen wegzumachen, dann werde ich keine Gnade mehr kennen.“ Er machte eine Pause und sah dem Bordellbesitzer in die Augen. „Dann wirst du im Gefängnis landen. Hast du das verstanden?“

„J-ja“, stammelte Corbin.

Cery lächelte befriedigt. „Gut.“

Nur wenige Augenblicke später kehrte sein Leibwächter mit Nenia zurück. Er trug einen kleinen Beutel über der Schulter, in dem sich vermutlich Nenias wenige Habseligkeiten befanden. Cery bedachte Corbin mit einem letzten finsteren Blick.

„Gehen wir“, sagte er zu Gol und Nenia.

Sie verließen die Lüsterne Jungfrau und nahmen den Weg zum nächsten Eingang zur Straße der Diebe. Cery traf die üblichen Vorkehrungen, damit Nenia sich in den Tunneln nicht zurechtfinden konnte. Wenn sie bei ihm leben würde, würde sie sich daran gewöhnen müssen. Er nahm jedoch an, das kümmerte Nenia nicht sonderlich. Wahrscheinlich war ihr alles recht, solange sie bei ihm sein konnte.

Sie soll nur nicht auf die Idee kommen, ich würde mir was aus ihr machen, dachte Cery grimmig. Es stimmte, er mochte sie. Er war bereit, sich um sie und ihr Kind zu kümmern, selbst wenn es nicht von ihm war. Aber sie war nicht Savara.

In seinem Versteck brachte Cery seine kleine Gefälligkeit in das Gästezimmer, in dem sie während der ersten Nächte bei ihm geschlafen hatte.

„Hier kannst du schlafen“, sagte er. „Es ist dir erlaubt, dich überall in meinem Versteck aufzuhalten. Wenn du raus willst, dann nur in Begleitung von einem meiner Leute. Es ist immer einer da, der auf dich aufpasst. Ich werd’ tagsüber auf der Wache sein, das heißt, ich werd’ mich nicht andauernd um dich kümmern können.“

Sie nickte ernst. Cery sah, dass in ihren Augen Tränen glitzerten.

„Oh Cery, ich bin dir so dankbar!“, rief sie und fiel ihm um den Hals.

„Schon gut“, murmelte Cery. Er wollte ihr Dankbarkeit nicht. Unbeholfen tätschelte er ihren Rücken. Dann schob er sie abrupt von sich.

Nenia blinzelte. Sie wirkte verletzt. „Aber …“, begann sie. „Ich dachte, du würdest das für mich tun.“

Cery schloss die Augen. Warum neigten Frauen in den unpassendsten Situationen dazu, ein Drama zu inszenieren? Er schritt zur Tür und warf einen Blick über die Schulter.

„Ich tue das, weil ich will, dass dein Kind ’ne Chance hat.“


***


Seit einer Stunde lauschte Sonea inzwischen der Diskussion, die Akkarin und Lord Sarrin über das Experiment führten, über dessen Durchführung sie beide lange Abende spekuliert hatten. Nach ihrem Misserfolg bei Rothen und Akkarins Bemerkung über ihre Freundschaft mit Luzille, hatte sie entschieden, sich zurückzuhalten. Zudem wusste Akkarin sehr viel besser als sie, wie man mit dem ehemaligen Oberhaupt der Alchemisten umging.

Als Sarrin erkannt hatte, dass ihm dieses Buch unbekannt war, hatte er sich zunächst unkooperativ gezeigt. Akkarin hatte ihn jedoch mit einigen wohlplatzierten Argumenten und einer Spur von Autorität überzeugen können, dass sie nicht warten konnten, bis die Führung der Gilde das Buch zugelassen hatte. Schließlich hatte der Alchemist sich mit Rothens inoffizieller Erlaubnis zufriedengegeben.

„Ich werde sehen, was ich tun kann“, hatte Sarrin erklärt. „Aber nur unter der Bedingung, dass Ihr dieses Buch sobald Ihr es nicht mehr benötigt den höheren Magiern aushändigt.“

„Darauf habt Ihr mein Wort“, hatte Akkarin erwidert.

Sonea wusste indes, das würde erst passieren, wenn sie aus diesem Buch und den anderen, die Dannyl und sein Assistent in Elyne gefunden hatten, alle Informationen herausgezogen hatten, die sie für den Krieg gegen die Sachakaner benötigten. Akkarin bestand darauf, der Gilde die Originale und die Abschriften zu geben, um zu demonstrieren, dass er und Sonea den höheren Magiern nichts vorenthielten. Zudem waren die Originale zu alt und wertvoll um damit zu arbeiten oder sie einer Untersuchung zu unterziehen.

Entgegen seinem anfänglichen Widerstand schien Lord Sarrin inzwischen jedoch äußerst begeistert von diesem Buch. „Speichersteine“, murmelte er versonnen. „Es gibt also doch einen Weg sie künstlich zu erschaffen.“ Seine Augen flogen über den Text. Dann sah er zu Akkarin. „Wie lange haben wir darüber gerätselt, wie man sie herstellt und welches Material sich dazu eignet. Doch auf diesen Ansatz wäre ich niemals gekommen. Er ist so simpel, wenn auch schwierig in seiner Durchführung.“

„Welcher Kristall ist es?“, fragte Akkarin.

„Der Qaernym. Ein Kristall, wie Ihr bereits richtig vermutet habt. Kennt man jedoch nicht die moderne Übersetzung seines alt-elynischen Begriffs, würde man nicht darauf kommen, zumal sich seine feste Struktur nicht für die Aufnahme von Magie eignet.“

Qaernym! Natürlich! Aus dem von Sarrin genannten Grund hatten sie diesen Kristall nicht in Erwägung gezogen. Sonea erinnerte sich wieder, in einem Alchemiebuch gelesen zu haben, dass der Kristall bei hohen Temperaturen seine Innere Struktur derart verwandelte, dass eine Aufnahme von Magie möglich gewesen wäre. Jedoch kehrte er beim Abkühlen wieder in seine alte Form zurück. Offenkundig hatte Sadakane einen Weg gefunden, dieses Problem zu umgehen.

„Was müssen wir tun?“, fragte Sonea aufgeregt.

Lord Sarrins blaue Augen musterten sie. „Ihr müsst die Speichersteine züchten. In einer Nährlösung, deren Eigenschaften hier beschrieben sind.“ Er runzelte die Stirn. „Wenn ich die Anleitung richtig verstehe, muss die Nährlösung mit schwarzer Magie so präpariert werden, dass der Kristall beim Abkühlen seine magischen Eigenschaften behält.“

Sonea hielt den Atem an. „Was dann dafür sorgt, dass man im Grundzustand des Kristalls Magie hineingeben kann, ohne seine Innere Struktur zu verändern“, folgerte sie.

Das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten strahlte unvermittelt.

„Richtig, Sonea.“

„Aber“, begann sie verwirrt. „Wie seid Ihr darauf gekommen?“

„Das Buch ist in der damaligen Fachsprache der Alchemisten verfasst“, erklärte Lord Sarrin ihr. „Die elynischen Magier haben ihr Wissen untereinander bereits sehr viel früher geteilt, als es bei uns der Fall war. Um sich besser zu untereinander zu verständigen und um zu verhindern, dass Außenstehende ihr Wissen stahlen, haben sie bestimmte Begriffe eingeführt, die auch danach noch über Jahrhunderte in der höheren Alchemie verwendet wurden. So bedeutet ’magisieren’, wie du und Lord Akkarin richtig erkannt habt, etwas so zu manipulieren, dass es Magie aufnehmen und speichern kann. Jedoch konntet Ihr aus den zur Beschreibung verwendeten Begriffen nicht erschließen, wie dieser Prozess abläuft.“ Er begann andere Begriffe aus dem Buch wie Kristallisation, Nährlösung, Schmelze, Keimbildung und Erstarrungswärme aus dem alt-elynischen Fachjargon zu übersetzen. Zuletzt verknüpfte er die Bedeutung dieser Begriffe mit dem eigentlichen Prozess des Magisierens, welcher bei der Herstellung der Nährlösung in Gang gesetzt werden musste.

Sonea und Akkarin tauschten einen Blick. Es wäre einer glücklichen Fügung gleichgekommen, hätten sie das alles ohne Hilfe herausgefunden.

„Jetzt ergibt die Anleitung einen Sinn“, sagte Akkarin leise. Die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt, starrte er ins Leere. Sonea war es gewohnt, dass er dabei oft finster wirkte. Lord Sarrin schien das indes zu verstören. „Meines Wissens ist Kristallisation ein sehr langsamer Prozess.“ Er sah auf. „Wie lange würde es dauern, einen Kristall von der Größe einer Faust zu züchten?“

Der Alchemist grübelte eine Weile vor sich hin, wobei er hin und wieder sein weißes Haupt schüttelte.

„Nun, das hängt von vielen Faktoren ab“, antwortete er schließlich. „Der Kristall, den Ihr wachsen lassen wollt, verfügt über eine sehr feste innere Struktur und damit eine sehr geringe innere Energie. Er wird sehr viel zäher kristallisieren als zum Beispiel Salz. In zwei Monaten hättet Ihr vermutlich einen Kristall von etwa der Größe einer Tironuss. Für Eure Zwecke müsste der Kristall jedoch mindestens drei Monate wachsen.“

Drei Monate? Es gelang Sonea noch rechtzeitig, sich auf die Zunge zu beißen und das nicht laut herauszuschreien. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Akkarin ihr einen strengen Seitenblick zuwarf.

„Lord Sarrin, drei Monate sind für unsere Zwecke zu lang“, sagte Akkarin. „König Marika steht kurz davor, seine Ashaki und die Ichani gegen uns zu vereinen. Ich will mich nicht darauf verlassen, dass er mit seinem Angriff wirklich bis zum Sommer wartet. Ihr sagtet, die Geschwindigkeit mit der ein Kristall wächst, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Ist es möglich, das Wachstum zu beschleunigen?“

„Jaja, ich verstehe“, murmelte Sarrin. Seine Finger tappten auf den Einband. „Damit ein Kristall rasch wächst, müssen bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Die Nährlösung muss die richtige Dichte und Temperatur haben, was von den verwendeten Chemikalien abhängt. Sie darf in keiner Weise gestört werden. Damit die Kristallisation nicht spontan an mehreren Stellen zugleich geschieht, empfiehlt es sich zudem, die Temperatur nur an einer ausgesuchten Stelle in der Lösung entsprechend zu senken. Dadurch lässt sich eine ebenmäßige Oberfläche schaffen, weil der Kristall außerhalb der Erstarrungsfront nicht stabil ist. Auf diese Weise könntet Ihr dem Kristall eine beliebige Form vorgeben.

„Es ist auch möglich, einen sogenannten Keimkristall in die Nährlösung einzuführen, dessen Temperatur die der Lösung unterschreitet, so dass sich der eigentliche Kristall daran bildet. Allerdings würde das sogar bei anschließender sorgfältiger Trennung beider Kristalle eine Verunreinigung bedeuten. Ich würde diese Methode nicht empfehlen, da die Struktur gestört wäre. In anderen Fällen ja, jedoch nicht, wenn die Inneren Strukturen des Kristalls nach seiner Fertigstellung mit Magie gesättigt werden sollen. Jede Störung sollte dabei vermieden werden. Manche Alchemisten behaupten sogar, Kristalle würden im Dunkeln besser wachsen. Wie auch immer – der Kristall muss sich wohl und geborgen fühlen.“

Sonea runzelte die Stirn. Sie warf Akkarin einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Ich kann herausfinden, welche Bedingungen für die Art von Kristall, die Ihr benötigt, am besten wären“, bot Sarrin an. „Möglicherweise lässt sich die Wachstumsphase um einige Wochen reduzieren. Dazu müsste ich allerdings meine Bücher konsultieren. Doch ich will Euch lieber keine zu großen Hoffnungen machen, Lord Sadakanes Berechnungen erscheinen mir sehr präzise.“

„Wie lange wir es dauern, bis wir mit einer Antwort rechnen können?“

Lord Sarrins blaue Augen begannen zu leuchten. „Nicht lange. Bis morgen Abend werde ich die nötigen Informationen für Euch zusammengestellt haben.“

Akkarin erhob sich. „In diesem Fall möchten Sonea und ich nicht noch mehr Eurer Zeit stehlen.“ Er bedeutete Sonea, ihm zur Tür zu folgen. „Nichtsdestotrotz sind wir Euch zu großem Dank verpflichtet.“

Lord Sarrin lächelte unvermittelt und begegnete Akkarins Blick offen. „Ich erfülle nur meine Pflicht für das Wohl der Gilde. Wenn Ihr erlaubt, würde ich bei Gelegenheit dieses Buch gerne genauer studieren.“

„Ich werde es Euch leihen, sobald wir es nicht mehr benötigen“, versicherte Akkarin.

„Er muss sich wohl und geborgen fühlen?“, fragte Sonea, als sie auf dem Heimweg waren. Die Dämmerung war hereingebrochen und der einsame Gesang eines Mullooks schallte über die Baumwipfel. „Das hat er doch nicht ernst gemeint, oder?“

„Ich fürchte schon. Er war mehr als dreißig Jahre Oberhaupt der Alchemisten. Er versteht sein Fach.“

„Aber Kristalle sind doch keine Lebewesen.“

„Sonea, viele Alchemisten ziehen es vor, ihre Zeit mit ihren Experimenten anstatt mit anderen Menschen zu verbringen“, sagte Akkarin sanft. „Das führt zuweilen zu seltsamen Eigenarten – ein Phänomen, das mit steigendem Alter zunimmt.“

Sonea dachte über seine Worte nach. Sie dachte an andere Alchemisten, die sie kannte oder von denen sie gehört hatte und daran, warum Farand von dieser Disziplin so begeistert war.

Was, wenn sie und Akkarin auch so wurden? Sie verbrachten nicht gerade viel Zeit mit anderen Magiern. Mit ihren Experimenten waren sie auf sich gestellt. Wenn das so blieb, würden sie in dreißig oder vierzig Jahren vielleicht genauso sein. Sie wusste nicht, ob ihr das gefallen sollte.

„Ich werde bis morgen Abend die Zutaten besorgen, die wir benötigen“, sagte Akkarin. „Dann können wir sofort beginnen, wenn Sarrin uns seine Antwort schickt.“

„Werden wir dann auch Speichersteine herstellen, deren Magie man unkontrolliert freisetzen kann?“, fragte Sonea. Im Gegensatz zu den Speichersteinen, die zum Aufbewahren von Magie und ihrer kontrollierten Freisetzung gedacht waren, konnten diese mit dem bloßen Willen ihres Herstellers zu jedem beliebigen Zeitpunkt zerstört werden. Laut Sadakane hatte dies verheerende Folgen.

„Ja“, antwortete Akkarin. „Mit Lord Sarrins Erläuterungen sollte es uns jetzt möglich sein, die übrigen Anleitungen zu verstehen. Ich gebe Rothen recht, dass wir nicht versuchen sollten, die Ödländer ein zweites Mal zu erschaffen, weswegen wir diese Kristalle in einer abgeschwächten Form züchten werden. Unser Hauptaugenmerk sollte jedoch darauf liegen, dass die Magier in der Schlacht ausreichend Magie zur Verfügung haben.“

Sonea nickte. Der Schutz der Gildenmagier hatte Vorrang. Dennoch gefiel ihr die Vorstellung, die Sachakaner auf diese Weise aufzumischen, bevor es überhaupt zu einem Kampf kam.


***


Die Sonne stieg über die Dächer von Arvice und tauchte den weißen Stein der Häuser in ihren orange-roten Feuerschein, als Savara und eine Gruppe von kürzlich eingetroffenen Ichani in Begleitung von zwanzig Palastwachen durch die Stadttore ritten. Dem Gemurmel ihrer Begleiter entnahm Savara, dass der für einen Sachakaner ungewöhnlich sehnige Mann, der die Gruppe anführte, einer von Marikas Kriegsmeistern war.

Bereits an ihrem ersten Tag im Palast hatte Savara die verschiedenen Gebäude und den Palastgarten erkundet, doch die interessanten Teile der Anlage, die mehrere Meilen im Quadrat maß, wurden streng bewacht. Insbesondere Marikas Privatgemächer und seine Bibliothek. Savara hatte noch keine Möglichkeit gefunden, sie unauffällig zu inspizieren. Da sie Misstrauen erregen würde, wenn sie dort mit der Behauptung, sich verlaufen zu haben, auftauchte, versuchte sie über ihre „Sklaven“ mehr über die schwerzugänglichen Bereiche des Palasts herauszufinden. Fast jeden Tag hatte sie einen ihrer Begleiter mit irgendwelchen Botengängen beauftragt und die Informationen später aus seinen Gedanken gelesen. Auch das war nicht immer ungefährlich, doch solange die vier Kyralier nicht den eigentlichen Grund für die Aufgaben kannten, mit denen Savara sie betraute, konnte sie sich in Sicherheit wähnen.

Auch der König war unter permanenter Bewachung. Obwohl es hieß, er sei der mächtigste Magier in der bekannten Welt, war er immer in Begleitung von mehreren Palastwachen. Insbesondere deren Meister Ivasako wich nur selten von Marikas Seite und machte Savaras heimlichen Plan, den Krieg zu verhindern und Sachaka seines Königs zu berauben zu einem kühnen Traum.

Um sich nicht in der Isolation des Gästehauses zu langweilen, hatte Savara in den darauffolgenden Tagen in Kals Begleitung die Stadt durchstreift. Inzwischen hatte sie einen exakten Stadtplan im Kopf und kannte sämtliche Verstecke, Abkürzungen und Schleichwege. Doch selbst das hatte nach einer Weile seinen Reiz verloren. Ihre Erleichterung hatte keine Grenzen gekannt, als einer von Marikas Sklaven ihr am vergangenen Abend die Nachricht überbracht hatte, dass ihr Können an diesem Tag getestet werden sollte.

Ungefähr eine Stunde hinter der Stadt bogen sie von der Straße auf einen staubigen Weg ab. Weitere zwanzig Minuten später erreichten sie ein weites, offenes Gelände mit Felsblöcken, Hügeln und Gräben, die an einigen Stellen geschwärzt waren.

Hier lässt Marika also seine Palastwachen ausbilden, dachte Savara. Sie würde sich alles, was heute hier geschehen würde, gut einprägen. Vielleicht konnte sie daraus auf Marikas Strategie gegenüber den Gildenmagiern schließen. Auch hoffte sie, die Palastwachen bei ihren Übungen zu sehen. Doch viel wahrscheinlicher waren sie nur mitgekommen, um die Ichani zu bewachen.

Auf das Kommando des Kriegsmeisters zügelten sie ihre Pferde und stiegen ab. Die Sklaven, die ihnen gefolgt waren, eilten herbei, um sich um die Tiere zu kümmern. Einen finsteren Blick über die Schulter werfend, sah Savara wie Kal ihr Pferd zu den anderen führte.

Ein Glück, dass er so schnell von Begriff ist, fuhr es Savara durch den Kopf. Sie schätzte diese Eigenschaft an dem Mann. Sie reduzierte die Gelegenheiten, bei denen sie dazu gezwungen war, ihn zu bestrafen.

„Ichani!“, rief Marikas Kriegsmeister sein Pferd wendend. „Stellt Euch in eine Reihe.“

Savara und die anderen gehorchten. Man hatte ihnen erklärt, dass sie sich dem Befehl von Marikas Kriegsmeistern unterzuordnen hatten, wenn sie für den König kämpfen wollten. Den grimmigen Mienen einiger Ichani nach zu urteilen, missfiel diesen diese Vorstellung.

„Ihr seid hier, weil der König wünscht, Eure Fähigkeiten im Kampf zu testen“, erklärte der Kriegsmeister, während er die Reihe der Ichani entlang ritt. „Abhängig davon, wie Ihr Euch bei diesem Test schlagt, wird Euch ein entsprechender Platz in der Armee zugewiesen, was bedeutet, dass Ihr an regelmäßigen Übungskämpfen teilnehmen werdet. Solltet Ihr nichts taugen, so werdet Ihr entweder als Reserve eingesetzt oder dahin zurückgeschickt, wo Ihr hergekommen seid.“

Er zügelte sein Pferd und musterte sie einen nach dem anderen. „Habt Ihr das verstanden?“

„Ja, Ashaki Kachiro“, antworteten einige Ichani widerwillig.

„Habt Ihr das verstanden?“, wiederholte der Kriegsmeister lauter.

„Ja, Ashaki Kachiro!“

So, Kachiro also, dachte Savara. Das war interessant. Der Stadt-Ashaki gehörte zu Marikas engsten und längsten Beratern, er hatte sogar dessen Vater Vareka gedient. Die Ashaki in der Stadt waren eher an Politik als an Krieg interessiert. Was qualifizierte Kachiro dazu, Marikas Armee anzuführen?

„Gut.“ Der Kriegsmeister ritt erneut die Reihe entlang. „Ich werde Euch jetzt in Zweiergruppen einteilen und diese nacheinander aufrufen und gegeneinander kämpfen lassen. Die Sieger werden jeweils gegeneinander antreten, solange bis nur noch einer übrig ist. Es ist Euch erlaubt, zwischendurch Magie von Euren Sklaven zu beziehen. Und um eines klarzustellen: Ich will keine Toten sehen. Ihr werdet nur mit wenig Kraft kämpfen, weil Ihr Euch sonst bis zur Schlacht nicht effektiv stärken könnt.“

Ashaki Kachiro begann die Ichani aufzuteilen. Savara fand sich der einzigen anderen Frau gegenüber. Obwohl sie die Ichani verachtete, befand sie, es könne ihrem Auftrag nicht schaden, sich mit jemandem anzufreunden.

„Mein Name ist Dakira“, stellte sie sich vor. „Wie heißt du?“

„Ich heiße Arlava“, antwortete die andere Frau. Ein gefährlicher Ausdruck umspielte ihre Mundwinkel, als habe sie sich schon zu oft mit anderen angelegt. „Ich bin vor drei Tagen mit ihnen“, sie wies auf drei Männer, die bereits von Kachiro einen Partner zugewiesen bekommen hatten, „aus dem Norden gekommen. Unsere Territorien grenzen aneinander und wir helfen uns gegenseitig, wenn andere Ichani uns angreifen. Oder diese Verräter.“

Die Verachtung, mit der Arlava den Namen von Savaras Organisation aussprach, ließ Savara unwillkürlich zusammenzucken. Sie verfluchte sich selbst im Stillen.

Ihre Partnerin schien ihre Reaktion indes nicht bemerkt zu haben, weil Kachiro gerade das Startsignal für die erste Gruppe gab. „Wie stillos“, murmelte Arlava mit Blick auf die Kampffläche. „Ich frage mich, wie es denen gelungen ist, so lange zu überleben.“

Savara sah zu den beiden Ichani, die sich mit nichts als brutaler Stärke duellierten. Ein durchtriebenes Lächeln aufsetzend wandte sie sich zu Arlava. „Du bist bestimmt sehr viel geübter im Kämpfen, wenn du regelmäßig mit deinen Freunden gegen andere Ichani kämpfst.“

„Kann man wohl sagen.“ Ein humorloses Lächeln huschte über das Gesicht der Ichani. „Mit der Zeit haben wir ein paar ganz erfolgreiche Kampfstrategien entwickelt, mit denen wir die anderen Ichani in unserer Gegend das Fürchten lehren.“

„Dann sind du und deine Leute fortschrittlicher, als die meisten anderen hier“, bemerkte Savara anerkennend.

„Was die Ichani betrifft, ist das gut möglich. Es geht das Gerücht, dass Marika alles dransetzt, mit einer guten Strategie gegen diese Kyralier ins Feld zu ziehen und er uns und die Ashaki deswegen trainieren lässt.“ In Arlavas Stimme schwang Respekt mit, als sie weitersprach. „Diese Gildenmagier sind schwächer als wir, aber nach allem, was man so hört, haben sie ausgefeilte Strategien. Sollten sie höhere Magie inzwischen erlaubt haben, könnten sie zu einer echten Herausforderung werden.“

Savara nickte langsam. „Wenn zwei höhere Magier acht Ichani im Alleingang besiegen, sollten wir uns lieber nicht ausmalen, wozu eine ganze Gilde von ihnen in der Lage wäre …“

Auf dem Kampfplatz brach der Schild des einen Ichani zusammen. Kachiro erklärte seinen Gegner zum Sieger und rief die nächste Gruppe auf.

„Der mit der Narbe ist einer von meinen Leuten“, sagte Arlava. „Er kämpft ziemlich raffiniert. Von ihm kannst du dir noch was abschauen.“

„Ich bin gespannt“, murmelte Savara, den Ichani nicht aus den Augen lassend. Sie hatte bei den Verrätern selbst eine gute Ausbildung genossen, die vielleicht nicht jener der Gildenmagier gleichkam, doch wegen der Ihresgleichen überall in Sachaka gefürchtet wurde.

Sie und Arlava wurden als vorletztes Paar aufgerufen. Während Savara die anderen Gruppen beobachtet hatte, hatte sie sich gefragt, wie viel von Arlavas Worten der Wahrheit entsprach und wie viel reine Aufschneiderei war.

Nun, ich werde es gleich herausfinden, dachte sie, als sie auf die Kampffläche schritt. Es war bereits eine Weile her, dass sie sich mit einer Ichani gemessen hatte und sie war neugierig, wie dieses Duell enden würde.

Auf Kachiros Zeichen begannen sie.

Nach nur wenigen Minuten hatte Savara herausgefunden, dass Arlava ein mindestens ebenbürtiger Gegner war. Ihre Angriffe waren nicht vorhersehbar und kamen oft so schnell, dass Savara kaum Zeit blieb, darauf zu reagieren. Verschiedene Strategien austestend, analysierte Savara die Taktik der anderen Frau um eine Lücke in ihrer Verteidigung zu finden. Arlava war ohne Zweifel stark, doch ihre Strategie erforderte viel Konzentration. Es würde leicht sein, diese zu brechen.

Savara griff mit Gedankenschlag an. Der Schild der anderen Frau wurde instabil, als sie für einen Augenblick abgelenkt war. Savara nutzte die Gelegenheit und attackierte Arlava mit zwei rasch aufeinanderfolgenden Feuerschlägen.

Im selben Moment regte sich etwas hinter ihrem Bewusstsein. Der zweite Feuerschlag raste an Arlava vorbei und schlug in Felsen. Mit einem lauten Knall zerbarst das Gestein, die Trümmer flogen in alle Richtungen.

Savaras Schild brach zusammen.

„Der Sieger ist Ichani Arlava!“, verkündete Kachiro.

Savara fluchte lautlos. In den vergangen Tagen hatte sie die fremde Präsenz hin und wieder gespürt, als wolle er sie daran erinnern, dass er sie jederzeit beobachten konnte und sie keine Ziele verfolgen sollte, die ihm missfielen. Warum musste er sie ausgerechnet jetzt wieder daran erinnern?

- Weil du dabei warst, deine Identität durch deine Fähigkeiten zu verraten.

- Ich hatte die Sache im Griff, gab Savara zurück, während sie zu den wartenden Ichani zurückging. Sie hätte diesen Kampf gewinnen können, aber sie war gar nicht erst dazu gekommen, ihr wahres Können unter Beweis zu stellen.

Das Gefühl der Präsenz verschwand, doch seine Stimme blieb in ihrem Kopf.

- Es wird Misstrauen erregen, wenn eine Ichani, die die meiste Zeit ihres Lebens auf sich gestellt war, besser kämpft, als man von ihr erwartet.

Akkarin hatte ein Argument, das Savara nicht abstreiten konnte, wie sie sich widerwillig eingestehen musste. Sie verspürte jedoch nicht den Drang, mit ihm darüber zu streiten.

- Bis zu deinem nächsten Training solltest du an deiner Konzentration arbeiten, fügte er hinzu.

Savara unterdrückte ein Schnauben und beschloss, Akkarin zu ignorieren.

„Guter Kampf“, sagte Arlava, als Savara sich neben sie stellte.

„Danke“, murmelte Savara trocken.

„Ich meinte das ernst.“ Arlavas Augen funkelten. „Ärgere dich nicht, weil deine letzte Strategie nicht aufgegangen ist. So etwas passiert.“

Vor allem, wenn man von gewissen Leuten abgelenkt wird, dachte Savara und projizierte ihre Gedanken an das Blutjuwel. Sie hasste es, belehrt zu werden. Doch dass er ihr nicht noch einmal ins Werk pfuschte, war Grund genug, an ihrer Konzentration zu arbeiten.


***


„Bist du sicher, dass du nicht zumindest eine Kleinigkeit vorher essen möchtest?“, fragte Rothen seine ehemalige Novizin. Nach dem Vormittagsunterricht musste sie hungrig sein.

„Dann hätten wir weniger Zeit.“

Er runzelte die Stirn. Sonea wirkte gestresst. Angesichts der zahlreichen Anforderungen, denen sie neuerdings ausgesetzt war, war das nur allzu verständlich. Gerade deswegen hielt Rothen es jedoch für wichtig, dass sie ausreichend aß.

„Du müsstest bis heute Abend aushalten“, wandte er ein.

„Rothen“, sagte sie streng. „Ich bin das gewohnt. Es macht mir nichts aus, auf das Mittagessen zu verzichten. Auch drei Jahre in der Gilde haben daran nichts geändert.“

Darauf wusste Rothen nichts zu erwidern. Trotzdem hätte er es lieber gesehen, würde Sonea zumindest zu einem kleinen Imbiss bereit sein. Er verspürte indes keinen Drang, ihre kurz bemessene gemeinsame Zeit mit einem Kampf gegen ihren Sturkopf zu verschwenden.

„Also gut“, sagte er. „Gehen wir.“

Sie verließen die Magierquartiere und durchquerten den Garten in Richtung der Tore. Rothen atmete die Frühlingsluft in tiefen Zügen ein. In der Mittagssonne war es angenehm warm. Geblendet von der ungewohnten Helligkeit musste er die Augen mit einer Hand abschirmen.

Kurz vor den Toren wandten sie sich nach links.

Rothen hoffte, er würde ihr mit ihrem Problem helfen können. Gewiss gab es bessere Lehrer für das, was Sonea lernen wollte. Sie hatte sich jedoch an ihn gewandt, weil sie auf seine Diskretion vertraute und ihr diese Sache vor ihren Freunden und vor Akkarin offenkundig unangenehm war.

Der Geruch von Heu und Pferden schlug ihm entgegen, als sie sich den flachen Gebäuden der Ställe näherten. Kaum, dass sie das Innere betreten hatten, eilte ein Stalldiener auf sie zu.

„Guten Tag, Mylord“, sagte er zu Rothen und verneigte sich. „Was kann ich für Euch tun?“

„Ich brauche ein Pferd“, antwortete Rothen. „Es sollte gutmütig und gesattelt sein und nicht unbedingt das größte, das gerade verfügbar ist. Und es soll hier im Stall bleiben.“

Der Diener war offenkundig verwirrt. Sicher passiert es nicht alle Tage, dass jemand mit solchen Wünschen zu ihm kommt, fuhr es Rothen durch den Kopf. Selbst aus dem Mund eines zur Exzentrizität neigenden Magiers musste das eine seltsame Anweisung sein.

„Natürlich, Mylord“, sagte der Diener und verschwand.

Neben ihm kicherte Sonea.

Rothen blinzelte. „Was ist daran so lustig?“

Sie hielt sich die Hand vor den Mund, ein weiteres Kichern unterdrückend. „Das wollt Ihr nicht wissen.“

„Wahrscheinlich nicht“, murmelte er. Er hatte entschieden, es war besser, gewisse Seltsamkeiten, die sowohl Sonea als auch ihr Mentor zuweilen an den Tag legten, zu ignorieren.

Der Diener kehrte mit einem kleinen, stämmigen Wallach zurück. „Hier, Mylord“, sagte er und reichte Rothen die Zügel. Er warf einen zögernden Blick zu Sonea. „Ist das alles, was Ihr braucht?“

„Ja“, antwortete Rothen. „Danke.“ Er wandte sich zu Sonea. „Wollen wir?“

Sie zögerte. Ein Anflug von Röte stahl sich auf ihre blassen Wangen. „Können wir das vielleicht in der Box machen?“

Es scheint ihr wirklich unangenehm zu sein, etwas nicht zu können, das die Angehörigen der Häuser schon in der Kindheit lernen, dachte Rothen. Als Sonea ihn vor ein paar Tagen um Hilfe gebeten hatte, hatte er so etwas bereits geahnt. Allerdings war sie in solchen Dingen sonst sehr viel selbstbewusster.

Er nickte und sah sich um. Neben ihnen befand sich eine leere Box.

„Lass uns dorthin gehen“, sagte er ihr die Zügel reichend. „Führe du das Pferd.“

Sie runzelte die Stirn, nahm die Zügel aber entgegen.

„Pferde sind Herdentiere“, erklärte er. „Sie folgen dem Anführer ihrer Herde. Wenn du auf deinem Pferd reiten willst, musst du ihm klar machen, dass du sein Leittier bist.“

„Und wie soll ich das machen?“

„Dieses Pferd ist bereits gezähmt. Es genügt, wenn du ihm gegenüber selbstbewusst auftrittst. Er spürt das. Wenn du Angst hast, oder unsicher bist, merkt er das auch.“

Sonea nickte ernst. „Aber wieso sollte ich Angst vor ihm haben? Ich meine, ich bin eine Magierin.“

Rothen lächelte. „Manchmal fürchtet man sich vor albernen Dingen.“

Sie erwiderte sein Lächeln. „Allerdings!“

Einen langen Augenblick sah sie dem Wallach in die Augen, dann führte sie ihn in die leere Box, was der Wallach willig mit sich geschehen ließ. Rothen folgte ihr.

„Gut gemacht!“, lobte er. „Du hast gerade deine erste Lektion gemeistert.“

Sonea lachte. „Das war ja auch noch einfach.“

„Es gibt Leute, die Schwierigkeiten damit haben, dass ihr Pferd ihnen gehorcht, was es schwierig macht, es zu reiten“, erwiderte er. „Aber da du damit keine Probleme hast, kommen wir gleich zum wichtigsten Teil. Zeig mir, wie du aufsteigst.“

Sie verzog das Gesicht. „Also eigentlich wollte ich nicht, dass Ihr ...“, begann sie.

Rothen unterdrückte ein Seufzen. „Sonea, ich kann dir nur dann helfen, wenn ich sehe, wo deine Probleme liegen“, sagte er behutsam. „Es gibt nichts, wofür du dich vor mir schämen musst.“

Ihre Wangen verfärbten sich tiefrot und sie blickte zu Boden. „Oh, ich glaube, da gibt es so einiges“, flüsterte sie.

„Das will ich auch gar nicht wissen.“ Er deutete auf den Wallach. „Steig auf.“

Sie stellte sich links neben das Pferd. Ihre Hände klammerten sich an den Sattel, dann zog sie sich ohne eine Spur von Eleganz nach oben. Es sah aus, als würde es sie eine Menge Kraft kosten.

Rothen schüttelte den Kopf. „Deine Technik ist nicht besonders effektiv.“

„Pferde sind so groß“, protestierte Sonea hilflos aus dem Sattel.

„Ja“, stimmte er zu. „Aber es gibt ein paar Tricks, wie du trotzdem leicht in den Sattel kommen kannst. Sieh einmal zu, wie ich es mache.“

Zögernd glitt sie vom Rücken des Pferdes. Rothen stellte sich so neben das Pferd, dass er auf Höhe des Sattels war. Er streckte eine Hand zur Vorderseite des Sattels aus und eine zum hinteren Ende. Beide waren so gearbeitet, dass man sich dort festhalten konnte. Dann stellte er seinen linken Fuß in den Steigbügel und schwang sein rechtes Bein über den Rücken des Pferdes.

„Siehst du? Es ist wirklich nicht schwer.“

Sonea hatte ihn mit vor der Brust verschränkten Armen beobachtet. „Bei Euch sieht das ganz anders aus. So als würdet Ihr dafür keine Kraft brauchen.“

„Das brauche ich auch nicht“, sagte Rothen. „Das heißt, nicht viel.“ Er stieg wieder ab. „Jetzt versuch du es.“

Sie nickte und trat wieder neben das Pferd. Und dann erkannte Rothen, was ihr Problem war. Die Griffe waren für sie zu hoch. Sie musste sich auf die Zehenspitzen stellen, um sie überhaupt zu berühren.

Er runzelte die Stirn. Entweder sie braucht ein Pony oder sie muss sich in den Sattel levitieren, fuhr es ihm durch den Kopf.

Er hatte das Gefühl kein guter Lehrer auf diesem Gebiet zu sein. Wäre Sonea so groß wie andere kyralische Frauen, würde es leichter sein, ihr zu zeigen, wie man aufsaß. Er versuchte sich daran zurückzuerinnern, wie er Dorrien das Reiten gelehrt hatte. Als Kind hatte Dorrien ein Pony gehabt. Als er zum ersten Mal auf ein richtiges Pferd gestiegen war, war er bereits größer gewesen, als Sonea es jetzt war.

Das bedeutete, dass er umdenken musste. Plötzlich hatte Rothen eine Idee. „Ich sehe, so wie ich es dir gezeigt habe, kann es nicht funktionieren“, sagte er.

Sonea wandte sich um. Ihr Blick drückte Verwirrung aus.

„Du musst dich etwas tiefer an den Seiten festhalten“, fuhr er fort. „Am besten so, dass du noch mühelos Schwung holen kannst.“

„Wie soll das gehen?“

Rothen stellte sich hinter sie. „Halte dich so fest, dass deine Arme leicht angewinkelt sind“, wies er sie an. Er nahm ihre Hände und brachte sie in eine Position, von der er glaubte, dass sie für diesen Zweck am geeignetsten war. „Versuch es einmal damit. Und jetzt stellst du deinen linken Fuß in den Steigbügel.“

Sonea hob ihr linkes Bein und stellte sich umständlich in den Steigbügel, der für sie offenkundig zu hoch war. Würde Rothen ihn jedoch niedriger stellen, so würde sie beim Reiten nicht ihre Füße darin haben können. Er entschied indes, dass das nebensächlich war. Beim Absitzen konnte sie so weit hinabgleiten, bis ihr Fuß darin Halt fand oder sie verzichtete dabei einfach ganz auf die Steigbügel.

„Warte.“ Er trat neben sie und lockerte den Steigbügel. „Sag mir, wenn es bequem ist.“

„Jetzt“, antwortete Sonea, als ihr Bein fast wieder einen rechten Winkel eingenommen hatte.

„Gut.“ Rothen trat einen Schritt zurück. „Und nun stoß dich mit deinem anderen Fuß vom Boden ab und zieh dich gleichzeitig am Sattel nach oben.“

Dieses Mal hatte sie weniger Schwierigkeiten, wenn auch das Festhalten am Sattel ohne richtige Griffe ein Hindernis darstellte. Es wäre besser, wenn es auch Sättel für kleine Menschen gäbe, überlegte Rothen. Allerdings gab es dafür keinen Markt. Erwachsene Kyralier waren ein gutes Stück größer als Sonea und den Kindern aus den Häusern wurde meistens von ihren Eltern oder ihren Dienern auf die Pferde geholfen.

„Das war schon ziemlich gut“, lobte er. „Jedoch übe das, bis es flüssig ist.“

Sie strahlte. „Danke, Rothen.“

„Keine Ursache“, erwiderte er lächelnd. „Ich helfe dir gerne. Aber sag mir, warum ist dir das so unangenehm? Du bist doch sonst nicht so.“

Sonea zögerte und senkte den Blick auf ihre Hände, die sich um den Sattelknauf geschlungen hatten.

„Weil ich noch mehr Schande über Haus Velan bringe, wenn ich das nicht kann“, antwortete sie leise.

Und Rothen verstand. Sonea fürchtete, die Haus Velan zu beleidigen, indem sie Akkarin heiratete, womit sie wahrscheinlich nicht einmal unrecht hatte. Er fragte sich, wie ihr Verlobter zu diesem Thema stand. Die Empörung, die Akkarin mit dieser Beziehung innerhalb der Häuser ausgelöst hatte, schien diesen nicht sonderlich zu kümmern.

„Es ist möglich, dass Eure Heirat nicht überall auf Wohlwillen stoßen wird“, stimmte er ihr zu. „Aber mit der Zeit werden sie dich akzeptieren und mögen.“

Sie nickte, wirkte jedoch nicht überzeugt.

„Außerdem billigt der König eure Beziehung.“ Rothen schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln. „Wer sich gegen dich und Akkarin stellt, wird sich damit auch gegen ihn stellen. Und ich bezweifele, dass jemand das wagt.“

Sonea schien noch immer nicht vollständig überzeugt, aber bereits weitaus beruhigter. „Ich hoffe, dass Ihr Euch da nicht irrt.“

„Ich bin mir ganz sicher. Und jetzt übe noch ein wenig. Du hast noch eine halbe Stunde, bis die Mittagspause zu Ende ist.“

Sie schnitt eine Grimasse und wollte absteigen – und erstarrte dann.

„Oh nein“, flüsterte sie und sah zu den Stalltoren.

„Was ist?“, fragte Rothen und folgte ihrem Blick. Ein Pferd mit einer Reiterin hielt im vollen Galopp auf die Tore zu. Anstelle von Roben trug sie eine enge Hose, die sie in hohe Reitstiefel gesteckt hatte. Unter der eng geschnittenen Jacke lugten die weißen Rüschen einer Bluse hervor.

„Luzille“, flüsterte Sonea. Rasch beeilte sie sich abzusitzen und landete ein wenig unsanft auf dem Boden.

Rothen runzelte die Stirn. „Ich dachte, du magst sie inzwischen.“

„Schon, aber ich habe mich vor ihr wegen des Kleides schon genug blamiert und weil es so vieles über die Häuser gibt, das ich nicht weiß.“ Ihre Augen wanderten nervös hin und her. „Ich hoffe, sie hat mich nicht gesehen.“

„Wenn sie deine Freundin ist, wird sie bestimmt …“

„Sonea! Das ist aber eine Überraschung! Was machst du hier?“

Balkans Frau stand am Eingang der Box und lächelte strahlend. Neben Rothen zuckte Sonea kaum merklich zusammen. Luzille eilte auf Sonea zu und küsste sie auf beide Wangen.

„Hallo Luzille“, antwortete Sonea atemlos. „Ich … habe gerade Mittagspause. Das hier ist übrigens Rothen.“

„Ah, der Brautvater!“ Luzilles blaue Augen strahlten und sie verneigte sich elegant. „Wie schön, dass wir uns endlich kennenlernen!“

„Die Freude ist ganz meinerseits“, erwiderte Rothen. Sonea hatte recht behalten, Luzille war eine beeindruckende Persönlichkeit. Es hieß, Elyner waren offen und direkt und er fühlte sich von ihrem Auftritt ein wenig überfallen. Die Frau seines Freundes Yaldin war nicht viel anders, wenn auch sie mit den Jahren ruhiger geworden war. Ihm schwante, bei Luzille würde das noch lange dauern.

Luzille sah sich in der Box um. „Wart Ihr ausreiten?“

„Nein“, antwortete Rothen und Sonea schüttelte stumm den Kopf. „Wir haben nur etwas ausprobiert.“

Die Elynerin schüttelte die goldenen Locken, die beim Reiten aus ihrer Frisur gerutscht sein mussten. „Was denn?“

Sonea und Rothen tauschten einen Blick. „Sonea, es ist wirklich nichts Schlimmes dabei, es ihr zu sagen“, sagte Rothen leise.

„Rothen, ich weiß nicht ...“

„Es ist doch nichts Unanständiges, oder?“, fragte Luzille mit großen Augen. „In Elyne haben wir Gerüchte über gewisse Bels …“

Neben ihm schlug Sonea eine Hand vor den Mund und machte ein glucksendes Geräusch. „Nein, das nun nicht gerade.“

„Ich habe Sonea ein paar Tricks gezeigt, wie sie leichter in den Sattel kommt“, erklärte Rothen einen entschuldigenden Blick zu Sonea werfend. „Sie möchte nicht, dass das in der Gilde die Runde macht. Wir wären Euch sehr dankbar, wenn Ihr das für Euch behaltet.“

Luzille winkte ab. „Natürlich werde ich das.“ Sie wandte sich zu Sonea. „Du kannst nicht reiten, Süße?“

„Nicht besonders gut“, gestand Sonea leise.

„Das ist doch nichts, wofür du dich schämen musst“, erwiderte Luzille sanft. „Ich kann dir dabei helfen. Aber zeig mir erst einmal, wie du aufsitzt.“

Sonea warf Rothen einen finsteren Blick zu. Sie murmelte etwas, das verdächtig nach einem rüden Fluch im Hüttenslang klang. Er sparte sich die Mühe, sie deswegen zu ermahnen. Wahrscheinlich war sie wütend, weil sie sich vor Luzille bloßgestellt fühlte.

Erneut kletterte Sonea auf den Wallach. Dieses Mal stellte sie sich weniger ungeschickt an, als bei ihrem letzten Versuch.

„Dein Problem ist die Größe des Pferdes“, stellte Luzille fest. Sie hatte die Arme vor der Brust verschränkt und Sonea eingehend beobachtet. „Wenn du magst, kann ich dir ein paar Tricks zeigen. Die Alternative wäre, ein Pony zu reiten, aber das willst du sicher nicht.“

Sonea schüttelte finster den Kopf.

Luzille bedeutete ihr abzusteigen. Dann stellte sie sich neben sie und erklärte ihr verschiedene Möglichkeiten, um in den Sattel zu kommen. Rothen fiel auf, dass die junge Elynerin nur einen halben Kopf größer war als Sonea. Vielleicht war es doch eine gute Idee, sie einzuweihen, dachte er.

Eine Weile beobachtete er, wie die beiden Frauen verschiedene Techniken ausprobierten. Luzille schien eine erfahrene Reiterin zu sein. Rothen nahm an, dass sie einen Großteil ihrer Zeit auf dem Rücken von Pferden verbrachte. Als Frau des Hohen Lords musste sie mehr Zeit zur freien Verfügung haben, als ihr lieb war.

„Ich finde, du machst das schon ganz gut“, sagte Luzille, als die Mittagspause fast zu Ende war. „Natürlich solltest du das noch eine Weile regelmäßig üben. Und du solltest ausreiten dürfen. Wenn du willst, frage ich meinen brummigen Bovar heute Abend, ob er erlaubt, dass wir zwei einmal ausreiten, wenn die Tage etwas wärmer werden.“ Sie sah zu Rothen. „Ihr dürft natürlich gerne mitkommen.“

„Ich denke, das ist nicht nötig“, erwiderte Sonea hastig. „Reiten an sich ist das kleinere Problem.“

„Glaub mir Süße, das wird dir nicht schaden“, widersprach die andere Frau resolut. „An deiner Reittechnik kann man bestimmt auch noch feilen.“

Sie lässt keine Widerrede zu, fiel Rothen auf. Ob sie mit ihrem Mann auch so umgeht?

„Und dann zeige ich dir, wie man im Damensattel reitet“, fuhr Luzille unbeirrt fort. Ihr Blick fiel auf Soneas Roben. „Gerade wenn man Roben oder Kleider trägt, ist das oft die bessere Alternative. Ich bevorzuge beim Reiten eigentlich Hosen, aber zu manchen Anlässen geziemt es sich, ein Kleid zu tragen und dann wäre es undamenhaft, wie ein Mann auf dem Pferd zu sitzen.“

Sonea entfuhr ein leises Schnauben.

„Ich denke, es wäre gesünder, wenn Sonea einen festen Sitz im Sattel hat“, sagte Rothen. „Der Damensattel ist meines Erachtens nicht sehr sicher.“

„Oh, das ist alles eine Frage der Technik.“ Luzille lächelte, wobei sie zwei Reihen strahlend weißer Zähne entblößte und brachte Rothen damit zum Schweigen.

Es läutete.

„Ich muss zurück zum Unterricht“, sagte Sonea.

„Keine Ursache, meine Süße.“ Luzille umarmte ihre Freundin und küsste sie erneut auf beide Wangen. „Es war schön, dich zu sehen. Ich schicke dir eine Nachricht, wenn ich mit meinen brummigen Bovar geredet habe. Wir sollten uns in den nächsten Tagen sowieso noch einmal treffen. Da wären noch einige Details bezüglich des Menüs zu klären.“ Sie verneigte sich elegant vor Rothen. „Und es war mir eine Freude, den Brautvater meiner Freundin kennenzulernen.“

Leichtfüßig tänzelte sie davon.

Sonea und Rothen verließen die Ställe. Erst als sie wieder in den warmen Strahlen der Mittagssonne waren, fand Rothen seine Sprache wieder.

„Das war also Luzille“, sagte er.

„Ja“, sagte Sonea. „Wie findet Ihr sie?“

Er hob sie Schultern. „Sie ist sehr direkt und herrisch, doch ich glaube sie hat ein gutes Herz.“ Er runzelte die Stirn. „Aber brummiger Bovar?“ Er wusste nicht, ob ihn das erheitern sollte, oder ob er Mitleid mit Balkan haben musste.

„Ich weiß, es ist ein wenig unangemessen. Aber sie hat Probleme, sich hier anzupassen.“ Sonea zögerte. „Tut mir leid, dass ich vorhin wütend auf Euch war. Ich habe nicht daran gedacht, dass es ihr hier oft ähnlich ergeht wie mir, obwohl sie aus feinem Hause kommt.“

Rothen lächelte. „Schon in Ordnung. Tu mir nur einen Gefallen und gewöhne dir an, etwas vornehmer zu fluchen, wenn du es dir schon nicht verkneifen kannst.“


***


Dannyl saß auf einem von der Sonne beschienenen Stein und starrte zu einem kleinen See, dessen Wasser das tiefe Blau des Himmels widerspiegelte. Hier und da glitzerte die Oberfläche, wenn ein Windhauch darüber strich. Der Anblick hätte eine beruhigende Wirkung gehabt, hätte Dannyl vergessen können, dass das Leben außerhalb dieses Tals weiterging und die Sachakaner ihren Krieg gegen die Gilde planten.

Es kam ihm vor, als würde er bereits seit einer Ewigkeit hier festsitzen. Seine Tage hatte er damit verbracht, das Tal zu erkunden. Dabei hatte er sich mit den Bewohnern unterhalten und viel über ihre Lebensweise und das Gesellschaftssystem der Verräter erfahren. Er hatte die Männer gefragt, wie sie es empfanden, dass ihre Magie nur dazu diente, andere zu stärken und sie keinerlei Mitspracherechte hatten. Zu seiner Überraschung hatten sie mit Zufriedenheit und Stolz ihren Platz in ihrem Volk bestätigt, was Dannyl zu der Frage brachte, ob die Verräter wirklich so freiheitlich lebten, wie sie behaupteten, oder ob sie das sachakanische Gesellschaftssystem umgedreht hatten.

Es hatte indes nur wenige Tage gebraucht, bis er begonnen hatte, sich wie in einem riesigen Gefängnis zu fühlen. Um das Vertrauen der schwarzen Magierinnen zu gewinnen, hatte Dannyl sich ihren Sitten angepasst und verzichtete darauf, Magie zu praktizieren. Die wenigen Frauen, die er kennengelernt hatte, bekam er außer bei den Abendessen in der großen Halle kaum zu Gesicht. Savedra beriet sich mit ihren Magierinnen und Dannyl musste respektieren, dass sie ihn nicht dabei haben wollten. Dannyl fiel das nicht schwer, da er sich angesichts ihrer magischen Stärke seltsam klein und unbedeutend fühlte.

Nachdem Savedra ihm zugesichert hatte, das Hilfegesuch der Gilde in einer Versammlung zu diskutieren, waren über mehrere Tage hinweg Magierinnen aus den verschiedenen Teilen des Landes herbeigeeilt. Das Warten und die Ungewissheit hatten Dannyls Geduld auf eine harte Probe gestellt.

Die unfreiwillige Muße hatte schließlich bewirkt, dass er begonnen hatte, seine Reise durch Sachaka noch einmal zu rekapitulieren. Seit seiner Flucht hatte Dannyl die Erinnerungen an Arvice verdrängt. Doch er war kaum einen Tag in der Abgeschiedenheit dieses lieblichen Tals gewesen, als sie wie eine gewaltige Flutwelle über ihn hereingebrochen waren. Er war auf Grund seines Verhandlungsgeschick nach Sachaka gesandt worden. Doch er hatte versagt. Und als wäre das nicht noch genug, hatte er einen Freund verloren. Zu wissen, dass keine Diplomatie der Welt Marika dazu bewegt hätte, Friedensverhandlungen aufzunehmen, und dass er auch nicht mehr am Leben wäre, hätte er an jenem letzten Abend Kitos Befehl verweigert, spendete Dannyl nicht den geringsten Trost.

„In einigen Wochen, wenn die Fische laichen, wird der See mit einer Schicht aus braunem Schleim bedeckt sein.“

Dannyl schrak aus seinen Gedanken hoch und wandte sich um. Savedra stand wenige Schritte von ihm entfernt. Sie lächelte, doch das Lächeln reichte nicht bis zu ihren Augen.

„Dann sollte ich wohl besser nicht darin schwimmen“, erwiderte er.

„Nicht, wenn Ihr hinterher nicht noch einmal baden wollt“, stimmte sie zu. Sie wies in Richtung des kleinen Pfades, der oberhalb des Sees entlangführte. „Lasst uns ein Stück spazieren.“

Dannyl nickte. Er erhob sich und folgte ihr.

Eine Weile gingen sie schweigend den Pfad entlang. Die Strahlen der Nachmittagssonne waren angenehm warm. Aus vereinzelten Sträuchern spross das erste zarte Grün.

„Meine Töchter haben entschieden“, sagte Savedra unvermittelt. „Sie haben den ganzen Tag beraten. Nicht wenige waren Eurem Anliegen nicht abgeneigt.“ Sie hielt inne und blickte Dannyl direkt an. „Doch sie waren zu wenige, damit die Abstimmung zugunsten Eurer Gilde ausgefallen wäre. Viele von uns wollen keine Veränderung, die zu einem Bruch des Vertrags mit dem König führt. Ganz besonders unsere Söldnerinnen. Es mag für Euch seltsam klingen, doch sie lieben ihre Arbeit.“ Sie seufzte leicht. „Ich sollte es wohl als kleinen Sieg betrachten, dass meine übrigen Töchter sie vorerst von ihrer Idee, sich dem König anzuschließen, abgebracht haben. Ich muss ihre Entscheidung akzeptieren, denn sonst wäre ich nicht besser, als jene, die wir zu bekämpfen suchen.“

Obwohl Dannyl nicht überrascht war, war er auch enttäuscht. Die Chancen, dass die Verräter ihnen halfen, waren nie sonderlich groß gewesen. Nichtsdestotrotz hatte er gehofft, mit seinen Worten mehr bewirkt zu haben. Das Gefühl, erneut versagt zu haben, war nur schwer abzuschütteln.

„Ich verstehe“, sagte er. „Ich danke Euch, dass Ihr mir diese Chance gegeben habt.“

„Das ist das mindeste, das ich tun konnte“, erwiderte Savedra. „Es ist bedauerlich, dass einige meiner Töchter sich von unseren ursprünglichen Idealen abgewandt haben, so wie es bedauerlich ist, dass wir die Söldner für unser Überleben brauchen. Und es ist bedauerlich, dass dies nun Euch und Eurer Gilde zum Nachteil gereicht. Ich mag meine Meinung über eine Einmischung dank Euch geändert haben, aber bei unserem Volk entscheidet nun einmal die Mehrheit.“

„Ohne Eure Söldnerinnen würden die Verräter vielleicht nicht mehr existieren“, sagte Dannyl. „Als Botschafter habe ich schon viele Völker kennengelernt. Ich kann Euch versichern, jedes hat eine Schattenseite. Kein Volk ist ausschließlich gut oder schlecht.“

„Damit habt Ihr wohl Recht. Ich nehme an, das ist nicht zu ändern, selbst wenn man anfangs nur Gutes im Sinn hatte.“

Sie erreichten eine Weggabelung. Savedra wandte sich hangaufwärts in Richtung der Höhlen.

„Und wenn, dann ist es ein langer Prozess, das wieder zu ändern“, sagte Dannyl. „Es ist schwierig, lang gelebte Gewohnheiten zu ändern. Bei einem einzelnen Menschen kann das Monate oder gar Jahre dauern. Bei einem ganzen Volk werden daraus durchaus Generationen.“

So wie es mit Sachaka sein wird, sollte der unwahrscheinliche Fall eintreten, dass wir den Krieg gewinnen, fügte er in Gedanken hinzu. Selbst das hatte die Verräter nicht überzeugt, sich mit der Gilde zu verbünden. Auch langwierige Veränderungen waren hier offenkundig nicht erwünscht. Er hielt inne. Mit einem Mal verstand er etwas, das ihm die ganze Zeit über verborgen geblieben war.

„Euer Volk will keine Veränderung, indem es der Gilde hilft, weil es dann nicht mehr im Verborgenen existieren könnte. Es würde Euch Eure Sicherheit kosten, weil es noch Sachakaner geben würde, die höhere Magie praktizieren und Euch nicht wohlgesonnen sind.“

„Ja“, stimmte Savedra zu. „So ist es.“ Sie wandte das Gesicht zu Dannyl, während sie den steilen Berghang erklommen. „Wir sind Frauen. Das Bedürfnis nach Sicherheit liegt in unserer Natur. Unsere Zuflucht ist sicher und geborgen, wie der Mutterleib. Wir verlassen ihn für Aufträge, oder um anderen dieselbe Sicherheit zu gewähren. Doch die wenigsten sind bereit, etwas zuzustimmen, das sie dazu zwingen würde, ihn auf immer zu verlassen. Es tut mir leid, Dannyl von den Gildenmagiern.“

„Das muss es nicht“, erwiderte Dannyl. „Ihr habt alles getan, was Ihr konntet.“

Sie hatte es wirklich versucht. In seiner Menschenkenntnis hatte er sich noch nie geirrt. Wieso sonst hatte Savedra die Verräterinnen aus allen Teilen Sachakas zurückbeordert, als um sein Anliegen abzustimmen? Sie hätte ihn auch sofort abweisen können.

Wenigstens habe ich bei ihr und einigen anderen etwas erreicht, fuhr es Dannyl durch den Kopf. Ein Teil von ihm klammerte sich an die Hoffnung, dass die Gilde noch einen Nutzen davon haben würde, dass die Anführerin der Verräter ihnen wohlgesonnen war. Manche Verhandlungspartner waren nur sehr langsam zu einer Meinungsänderung zu bewegen. Savedras Worte erweckten in Dannyl jedoch die Zuversicht, zumindest die Saat dazu gelegt zu haben. Er hoffte nur, die Früchte seiner Arbeit würden reif sein, bevor es zu spät war. Bis zum Sommernachtsfest waren es nur noch wenige Monate.

Savedra lächelte. „In jedem anderen Fall wäre ich eine schlechte Anführerin.“

Dannyl betrachtete sie von der Seite. Er hatte nur wenig Gelegenheit gehabt, die Anführerin der schwarzen Magierinnen kennenzulernen, doch verspürte er einen großen Respekt vor ihr. In einem Land, in dem Frauen nichts wert waren, regierte und beschützte sie ihr eigenes Volk und versuchte, ein wenig Gerechtigkeit in dieses unzivilisierte Land zu bringen. „Ihr seid alles andere als das.“

Ihre Augen verengten sich. „Versucht Ihr mit mir zu flirten?“

„Mein Herz ist bereits vergeben.“

Sie erwiderte nichts darauf.

„Meine Aufgabe hier ist erledigt“, fuhr Dannyl fort. „Ich werde nach Kyralia zurückkehren. Die Führung der Gilde erwartet meinen Bericht. Meine ursprünglichen Befehle lauteten, sofort nach meiner Mission in Arvice zurückzukehren. Ich bin schon viel zu lange fort.“

„Ich habe Asara angewiesen, Euch zum unbefestigten Pass zu begleiten“, sagte Savedra. „Ihr könnt aufbrechen, wann immer Ihr wollt.“

„Danke, das ist sehr freundlich von Euch.“

Savedras Mund verzog sich zu einem schiefen Lächeln. „Ohne Schutz wärt Ihr leichte Beute für die Ichani. „Normalerweise beschützen wir nur Frauen, die nicht über Magie gebieten.“

Dannyl unterdrückte ein Schnauben. „Und in Euren Augen komme ich einer Frau ohne Magie gleich?“

Die Anführerin der Verräter lachte. „Nein. Nun, zu einem Teil vielleicht. Aber Ihr habt andere beeindruckende Fähigkeiten. Für Eure Gilde müsst Ihr von unschätzbarem Wert sein.“ Sie bedachte ihn mit einem anerkennenden Seitenblick. „Auch wenn meine Töchter gegen eine Einmischung entschieden haben, so würde ich es begrüßen, die diplomatischen Beziehungen zwischen meinem Volk und Eurer Gilde zu vertiefen. „Denn ich habe das Gefühl, als könnten beide Seiten davon profitieren.“

Dannyl betrachtete sie überrascht. „Ich fühle mich geehrt, wenn ich dazu beitragen konnte und es wäre mir eine noch größere Ehre, in Zukunft weiter an unseren diplomatischen Beziehungen zu arbeiten“, erwiderte er tief bewegt. Er wollte nicht aufhören zu hoffen, dass doch noch nicht alles verloren war.

Sie erreichten die Höhlen. Savedra führte in durch ein Labyrinth aus Gängen, deren Wände von leuchtenden Kristallen erhellt wurden. Nachdem sie mehrere kleine Höhlen durchquert hatten, erreichten sie in eine riesige Kaverne.

Staunend sah Dannyl sich um. An den Wänden waren seltsame Zeichnungen und Malereien, die nichts glichen, das er bis jetzt gesehen hatte. Sie schienen noch älter als jene in der großen Höhle zu sein, wo die Verräter ihre gesellschaftlichen Zusammenkünfte zu halten pflegten. Was ihn jedoch noch mehr in seinen Bann zog, waren die weißen, schwach glimmenden Steine, die ihn verdächtig stark an die Ruinen von Armje erinnerten.

Speichersteine, fuhr es ihm durch den Kopf.

„Was ist das für ein Ort?“, fragte er.

„Das kann ich Euch nicht beantworten“, sagte Savedra. „Er hat schon existiert, als wir vor vielen hundert Jahren hierher kamen. Wir glauben, dass er von einem Volk geschaffen wurde, das dieses Tal sehr viel früher bewohnt hat.“

„Es wäre interessant, das herauszufinden“, sagte Dannyl.

„Wir haben versucht, die Symbole an den Wänden zu deuten. Aber selbst die Weisen unter uns sind sich uneins über ihre Bedeutung.“

Ob dieser Ort mit Armje in Verbindung steht?, fragte Dannyl sich. Er erinnerte sich an die Chroniken, die er in Dem Ladeiris Bibliothek gesehen hatte. Ist das hier Shakan Dra?

Savedra machte einen Schritt auf die Wand zu und ließ ihre schlanke Hand darüber gleiten. „Eigentlich ist es Fremden verboten, diesen Ort zu sehen. Wir nennen ihn Das Herz der Zuflucht. In Zeiten großer Not beziehen wir unsere Kraft hier heraus. Aber dieser Schatz ist sehr kostbar. Er darf nur angetastet werden, wenn man uns direkt angreift.“

So wie dieses Volk lebt, ist das nur zu verständlich, dachte Dannyl. Es erschien ihm wie ein Bruch mit den Prinzipien der Verräter, würden sie verschwenderisch mit der Magie, die sich an diesem Ort befand, umgehen. Sie hatten Macht, aber sie nutzten sie nicht.

Er beobachtete, wie Savedra an der Wand emporschwebte und sich dort an den glimmenden Steinen zu schaffen machte. Als sie wieder vor ihm auf dem Boden landete, hielt sie einen kleinen Beutel in der Hand.

„Nehmt diese“, sagte sie und reichte Dannyl den Beutel. „Ihr braucht sie dringender als wir. Sie werden Euch in Eurem Krieg vielleicht von Nutzen sein.“

Dannyl nahm den Beutel entgegen und ihm stockte der Atem. Er war voll mit Speichersteinen.

„Das ist überaus großzügig von Euch“, sagte er. „Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll.“

Savedra winkte ab. „Das braucht Ihr nicht. Geht vorsichtig damit um. Da Ihr nicht in das Geheimnis höherer Magie eingeweiht seid und diese Kristalle sehr alt sind, bleibt Euch nur ein Weg, ihre Magie zu nutzen.“ Sie sah Dannyl ernst an. „Merkt Euch meine folgenden Worte gut, Dannyl von den Gildenmagiern. Wenn Ihr einmal anfangt, die in einem dieser Steine gespeicherte Magie anzuzapfen, dann dürft Ihr nicht aufhören, bis sie aufgebraucht ist. Die Wirkung könnte sonst verheerend sein. Aus diesem Grund solltet auch nicht versuchen, die Steine mutwillig zu zerstören.“

Dannyl erschauderte. Er würde diese Steine keinen Augenblick anrühren. Wenn er bis hierhin noch Zweifel gehabt hatte, so war er nun überzeugt, dass der den Gildenmagiern drohende Krieg noch lange nicht entschieden war. Auch wenn die erhoffte Hilfe anders aussah, als er sich ausgemalt hatte.


***


In ein traditionelles sachakanisches Gewand gehüllt betrat Savara gefolgt von ihrer einzigen weiblichen kyralischen Begleitung den Thronsaal. Sie hatte sich anlässlich des Fests, das Marika an diesem Abend für seine stetig wachsende Anhängerzahl veranstaltete, für diese aus der Mode gekommene Kleidung entschieden, um sich als Befürworterin des Imperiums zu präsentieren.

Savara hatte das bunte, aufwändig bestickte Tuch, das fest um den Leib gewickelt wurde, an diesem Morgen auf den Märkten erstanden. Ebenso wie die zahlreichen Ketten und Armbänder aus Perlen und Muscheln, die auf ihrem Weg durch den Thronsaal leise sangen.

Auch Ina trug ein solches, wenn auch weitaus schlichteres Tuch. Frisiert, gewaschen und zurechtgemacht nahm Savara die Kyralierin, die kaum älter als sie selbst sein konnte, zum ersten Mal als hübsch wahr, auch wenn sie für ihren Geschmack zu dünn war. Im Gegensatz zu Savara schien Ina sich in der für kyralische Verhältnisse eher freizügigen Kluft alles andere als wohl zu fühlen. Zu Savaras Freude nutzte die „Sklavin“ das Gefühl des Unbehagens indes für ihre Rolle. Jetzt, wo sie offiziell zu Marikas Armee gehörte, hätte Savara die Etikette nur ungern verletzt, indem sie einen ihrer männlichen Begleiter mitnahm.

Während ihre Begleiterin darum bemüht war, möglichst unauffällig zu sein, genoss Savara die Aufmerksamkeit, die sie mit ihrem Gewand bei den vorwiegend männlichen Gästen erzielte. Sie war sich der Reize ihres Körpers wohlbewusst und trotz ihres ständigen Beobachters scheute sie nicht davor zurück, sie einzusetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Wenn sie schon für den Rest ihres Lebens auf ihre Privatsphäre verzichten musste, vergaß sie in manchen Situationen am besten, dass er da war.

An diesem Abend waren im Thronsaal zahlreiche Sitzgruppen aus gepolsterten Hockern und Bänken aufgestellt, zwischen denen Sklaven Getränke und Speisen darboten. In der Nähe des Thrones spielte eine Gruppe sehr schöner, junger Frauen auf Fliats und Vyer, während einige weitere Frauen, deren Kleidung nur wenig der Phantasie überließen, dazu tanzten.

Das muss Marikas berüchtigte Cachira sein, fuhr es Savara durch den Kopf. Obwohl Marikas Gäste sie zu Gesicht bekamen, war es verboten, außerhalb des Palastes über sie zu sprechen. Einige, die es dennoch getan hatten, hatten dafür mit mehr als nur dem Leben bezahlt. Savara betrachtete die Sklavenmädchen versonnen. Sie waren offenkundig dazu ausgebildet, den König zu unterhalten und das nicht nur in musikalischer und tänzerischer Hinsicht, wie ihre Kleider vermuten ließen.

In der Mitte des Thronsaals blieb Savara stehen und sah sich um. Bei vereinzelten Sitzgruppen waren noch Plätze frei. Sie betrachtete die dort Sitzenden genauer. Einige Gesichter kannte sie bereits, andere waren neu. Fast täglich kamen Magier zum Palast, um sich Marika anzuschließen oder um über Bedingungen zur Aussetzung des Bürgerkriegs zu verhandeln. Da diese Gespräche hinter verschlossenen Türen stattfanden, blieb Savara nichts anderes übrig, als dem Geschwätz der Palastsklaven zu lauschen. Diejenigen, die blieben, wurden entweder im Gästehaus oder bei Verwandten in der Stadt einquartiert. Zu den Abendveranstaltungen kamen sie jedoch alle in die Thronhalle.

An ihrer Unterlippe kauend ließ Savara ihren Blick über die Gäste schweifen. Sie durfte nicht ausschließen, dass unter Marikas wachsender Anhängerschaft ein Ashaki war, für den sie gearbeitet hatte und dass dieser sie trotz ihres veränderten Aussehens wiedererkannte. In einer Sitzgruppe bei den riesigen Fenstern erblickte sie eine Ichani namens Malira, die Savara vor einigen Jahren angegriffen hatte, als sie das Territorium der Frau durchquert hatte. Dann war da noch Ashaki Karako, für den sie einen Auftragsmord an seinem Bruder begangen hatte, und der gefürchtete Ichani Yirako. Zu einer Zeit, in der dieser noch nicht so viele Anhänger um sich geschart hatte, hatte Savara ihm geholfen, einige Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. All das lag lange zurück, doch sie wollte nicht auf das schlechte Gedächtnis dieser Leute setzen.

Die Ichani Arlava, die sie einige Tage zuvor auf dem Übungsplatz kennengelernt hatte, saß zusammen mit ihren Leuten in einer Sitzgruppe, die bereits vollständig belegt war.

Nach einigem Suchen entdeckte Savara eine Gruppe von Männern, in der kein Gesicht unerfreuliche Erinnerungen auslöste und in der noch Platz war. Sie steuerte darauf zu.

„Guten Abend“, wünschte sie. „Darf ich mich zu Euch gesellen?“

Die Männer wandten sich ihr zu. Einige wirkten verärgert, weil eine Frau es wagte, derart dreist das Wort an sie zu richten. Möglicherweise missbilligten sie sogar, dass der König seinen wenigen weiblichen Anhängern erlaubt hatte, sich während des Fests in der Thronhalle aufzuhalten, während die Frauen der Ashaki in einem separaten Raum unterhalten wurden. Savara kümmerte das indes herzlich wenig. Niemand erwartete von einer Ichani die Unterwürfigkeiten, die allgemein von einer Frau erwartet wurden.

Ein hagerer Mann in einem blaugoldenen Gewand ergriff schließlich das Wort.

„Aber natürlich dürft Ihr“, erwiderte er würdevoll. Er musterte sie genauer. „Seid Ihr nicht die Ichani Dakira, die Frau mit dem außerordentlichen Talent zum Kämpfen? Mein Name ist Ashaki Kachiro. Ich bin der Kriegsmeister der königlichen Streitmacht. Wir sind uns schon einmal begegnet.“

Während er gesprochen hatte, hatten die übrigen Männer ihre Verärgerung verborgen. Einige entspannten sich jedoch, als habe Kachiros Wohlwollen sie davon überzeugt, Dakira zu akzeptieren.

„Richtig, das war vor einigen Tagen auf dem Übungsplatz.“ Savara setzte ein strahlendes Lächeln auf. Sie hätte ihn ohne die altmodische Rüstung, die er an jenem Tag getragen hatte, fast nicht erkannt. Kachiro war ohne Zweifel ein Mann, dessen Statur darauf schließen ließ, dass er harte körperliche Ertüchtigung praktizierte. Obwohl er die fünfzig schon überschritten haben musste, war er noch immer ein attraktiver Mann. „Es ist mir eine Ehre, Euch nun offiziell kennenzulernen, Kriegsmeister Kachiro.“

Es war nicht nötig, Freude zu heucheln. Savara war erfreut. Doch sie hatte schon auf dem Übungsplatz festgestellt, dass es nicht so leicht sein würde, diesem Mann etwas vorzumachen. Obwohl sie an jenem Tag in der ersten Runde einen verhängnisvollen Fehler gemacht hatte, hatte Kachiro ihr Potential erkannt. Aber letzten Endes war er ein Mann. Savara war sicher, mit etwas Geschick würde sie ihm ein paar Informationen entlocken, die er sonst nicht im Beisein einer Ichani erwähnen würde.

„Als oberster Kriegsmeister der königlichen Streitmacht bin ich ein vielbeschäftigter Mann“, erklärte Kachiro. „Also verzeiht, wenn ich mich Euch noch nicht persönlich vorgestellt habe. Ich hatte noch nicht die Gelegenheit.“

Und das, obwohl ich eine Frau und Ichani bin. Oder ist er dazu gezwungen, mich zuvorkommend zu behandeln, weil ich für seinen König kämpfe?

Savara schenkte ihm ein liebenswürdiges Lächeln. „Anscheinend habe ich auf dem Übungsplatz einen bleibenden Eindruck hinterlassen, dass Ihr Euch an mich erinnert.“

Kachiro lächelte. „Es kommen nicht oft schöne Frauen zum Palast, die bereit sind für den König zu kämpfen und dabei so talentiert sind.“

Savara sah direkt in seine Augen. Sie wusste, sie verhielt sich zutiefst unschicklich, doch sie hatte den Eindruck, der Kriegsmeister war empfänglich für ihre Reize.

„Das könnte daran liegen, dass die meisten Ichani Männer sind“, erwiderte sie weich.

Kachiro und die anderen lachten. „Harko, würdet Ihr der Ichani Dakira Euren Platz geben?“

Ein großer, stämmiger Sachakaner erhob sich mit finsterer Miene von seinem Hocker neben Kachiro und setzte sich neben den Ashaki, der auf der Bank saß. Kachiro bedeutete Savara, sich auf Harkos Platz zu setzen.

Mit einem huldvollen Lächeln ließ Savara sich darauf nieder, während Ina sich auf das Kissen zu ihren Füßen kniete. Wieder einmal war Savara dankbar, weil ihre Begleiter sich so rasch an ihre Rollen gewöhnt hatten. Ein Fehler eines ihrer „Sklaven“ konnte sie ihre Tarnung kosten. Sie hatte gesehen, wie einige Ichani ihre Sklaven verprügelten, wenn sie ihr Missfallen erregten. Es widerstrebte ihr, die Kyralier so zu behandeln.

Kaum, dass sie saß, näherte sich ein Sklave und reichte ihr einen Weinkelch. Dem Mann die Beachtung eines Möbelstücks schenkend, griff Savara nach dem Kelch. Während sie an ihrem Getränk nippte, machte Kachiro sie mit den anderen bekannt.

Wie sich herausstellte, waren auch die übrigen Männer in der Runde Ashaki. Harko war nach Kachiro der zweite Kriegsmeister von Marikas Armee. Er schien als Einziger eine ernsthafte Abneigung gegen die Ichani zu hegen, wohingegen sich die anderen bereits mit dem Gedanken angefreundet hatten, dass Marika die Ausgestoßenen für sich kämpfen ließ. Bis auf Harko und einen schmächtigen Mann namens Viriko, dessen Haar bereits ergraut war, lebten die Ashaki in Arvice. Savara heuchelte Überraschung, weil sie das Leben in der Stadt einem Landgut in Kyralia vorzogen, wenn auch sie für Marika kämpfen wollten, um sich an den Gildenmagiern zu rächen. Unter den von Macht und Intrigen besessenen Stadt-Ashaki waren sie damit in der Minderheit. Viriko erklärte, Marikas Armee mit Nahrungsmitteln und Geld zu unterstützen, weil er zu alt sei, sich noch einmal irgendwo neu anzusiedeln. „Ich überlasse die Eroberung Kyralias lieber den jüngeren“, sagte er. „Es ist mir genug, wenn ich den Fall der Gildenmagier und das neue Sachakanische Imperium noch erleben kann.“

Nachdem jeder sich vorgestellt hatte, musste Savara eine Reihe von Fragen über ihre Herkunft und ihre Motive über sich ergehen lassen. Obwohl die Männer sie für eine Ichani hielten und wahrscheinlich jeder von ihnen eine Frau zuhause hatte, die mehr oder weniger das Leben einer Sklavin führte, waren sie von ihr angetan.

„Jetzt haben wir die ganze Zeit nur über mich geredet“, sagte Savara schließlich. „Ich bin erst seit einigen Tagen in Arvice und habe eine Menge Fragen.“

Kachiro lehnte sich zurück und faltete die Hände vor dem Bauch. „Ichani Dakira, was wollt Ihr wissen?“

„Zum Beispiel, wie viele Magier sich dem König bereits angeschlossen haben“, antwortete sie unverblümt. „Versteht meine Neugier nicht falsch, ich habe ein wenig Sorge, Kyralia könnte nicht groß genug sein, um allen ein Stück Land zu geben. Was ich bis jetzt gehört habe, ist dieses Land sehr viel kleiner als unseres. Wie alle Ichani sehne ich mich danach, ein eigenes Anwesen zu besitzen. In Kyralia wäre ich weit genug weg, um das Missfallen des Königs zu erregen.“

Die Männer lachten.

„Selbstverständlich dürft Ihr neugierig sein“, erwiderte Kachiro. „Mit Euch zusammen besteht die Armee jetzt aus dreiundneunzig höheren Magiern. Den König mit eingerechnet.“

„Der König wird auch kämpfen?“, entfuhr es Savara.

Kachiro lächelte nachsichtig. „Er würde ein schlechtes Vorbild geben, täte er das nicht, nicht wahr?“

„Ich gebe Euch natürlich Recht, Kriegsmeister Kachiro“, erwiderte Savara liebenswürdig. „Doch ist das nicht leichtsinnig? Was, wenn ihm etwas zustößt? Dann wäre Sachaka ohne Herrscher.“

„Das wäre es, würden die Kyralier stärker sein“, antwortete der Kriegsmeister. „Doch wir werden sicherstellen, dass sie keine Chance gegen uns haben.“

„Wozu dann noch weitere Magier rekrutieren, anstatt sofort anzugreifen?“, fragte sie weiter. „Ich habe gehört, ihre Gilde hat zwar ähnlich viele Magier, doch abgesehen von zweien sind sie schwach, weil sie sich vor höherer Magie fürchten. Die zertreten wir doch wie Sapfliegen!“

„Diese beiden höheren Gildenmagier haben acht Ichani im Alleingang besiegt“, brummte Harko. „Und Kariko und seine Anhänger waren nicht gerade schwach.“

„Zudem müssen wir davon ausgehen, dass sie inzwischen weitere höhere Magier ausgebildet haben“, fügte Kachiro hinzu und bestätigte damit, was die Gildenmagier vermuteten. „Sie kennen unsere Absichten jetzt. Wir müssen also bald und mit einer deutlichen Übermacht angreifen, um einen Vorteil zu haben.“

Savara nickte. „Oder mehr Magier rekrutieren“, schlug sie vor, weiterhin die Naive spielend. „Ich kann nicht glauben, dass Sachaka nur dreiundneunzig höhere Magier hat, von denen ein Viertel Ichani sind. Allein Arvice in Arvice leben mehr Ashaki.“ Sogar die Palastwache hatte mehr Leute als das.

Kachiro lachte leise. „Da habt Ihr Recht. Ihr kommt wohl nicht oft aus den Bergen heraus, nicht wahr?“

Savara schenkte ihm ein hinreißendes Lächeln. „Nur hin und wieder.“

Sie nippte an ihrem Weinkelch. Ein einzelner Tropfen blieb an ihrer Unterlippe hängen. Sie fuhr mit der Spitze ihrer Zunge darüber, woraufhin Harko scharf die Luft einsog.

Savara verkniff sich ein Grinsen. Sieh an, auch ein bekennender Ichani-Hasser ist machtlos gegen die Reize ihrer Frauen, dachte sie selbstgefällig.

- Frag ihn, wie lange es seiner Einschätzung nach dauert, bis Marikas Streitmacht groß genug ist, dass er einen Angriff wagt.

Savara gab die Frage an Kachiro weiter, wobei sie eine Spur von Ungeduld in ihre Stimme legte, so als könne sie es kaum erwarten zu kämpfen. Sie hatte damit gerechnet, dass Akkarin sich an diesem Abend wieder einmischen würde und sie fragte sich, ob die halbe Gilde wieder mithörte.

Der Kriegsmeister betrachtete sie nachdenklich. „Der König ist noch unentschlossen“, antwortete er schließlich. „Vieles wird davon abhängen, wie die Verhandlungen mit den Gruppen aus dem Norden laufen, die er für heute Abend eingeladen hat. Länger als bis zum Sommernachtsfest zu warten würde den Kyraliern zu viel Gelegenheit geben, sich auf uns vorzubereiten und …“

„ … mein stolzes Volk würde auf ewig zum Gespött der ganzen bekannten Welt“, sagte eine kalte Stimme in Savaras Rücken.

Alle erstarrten.

„Mein König.“ Kachiro erhob sich warf sich zu Boden, die anderen Ashaki folgen. Widerstrebend übergab Savara ihren Weinkelch an Ina und tat es ihnen nach.

„Setzt Euch“, sagte Marika unwirsch. Ein Sklave eilte herbei und brachte einen Hocker mit Goldbeschlägen und golddurchwirktem Bezug, auf dem der König Platz nahm. Zwei Palastwachen stellten sich hinter ihn, sein P’anaal rollte sich zu seinen Füßen zusammen.

Der König schlug die Beine übereinander und trank einen Schluck aus seinem Weinkelch.

„Diese Kyralier sind trotz ihrer starken magischen Blutlinien schwach, weil sie höhere Magie scheuen“, sprach er. „Doch wir sollten sie nicht unterschätzen.“ Er machte eine Pause und runzelte die Stirn. „Ich habe vorhin mit einigen Ashaki von der Nördlichen Küste gesprochen. Sie haben mir nie einen Treueeid geschworen, akzeptieren meine Herrschaft jedoch. Ihre Ländereien liegen am Rand der Aschenwüste und sind damit nur mäßig fruchtbar. Sie wären bereit, sich mir anzuschließen, sollte ich Elyne ebenfalls angreifen. Ich überlege, ob ich ihnen diesen Gefallen tun soll.“

„Warum Elyne, mein König?“, fragte Savara den Blick gesenkt haltend. Er war ihr so nahe. Und doch würde sie keine Chance haben, ihn zu töten. Dabei hätte es keinen effektiveren Weg gegeben, den Krieg zu verhindern. Ohne König würden die Ashaki übereinander herfallen und um den Thron kämpfen. Aber im Chaos der Schlacht würde es niemand bemerken ...

Marika schnaubte leise. „Weil die Elyner den besseren Wein anbauen.“ Er runzelte die Stirn und wurde dann ernst. „Das Klima in Elyne ist wärmer als in Kyralia. Die Winter sind nahezu ohne Schnee, außer auf den Bergen. Zudem ist das Land größer. Es ist attraktiver für unser Volk.“

„Mein König, Ihr dürft nicht Euer eigentliches Ziel, die Gildenmagier zu vernichten, aus den Augen verlieren“, wandte Kachiro vorsichtig ein. „Wenn wir nur Elyne einnehmen, würden diese uns immer ein Dorn im Fleisch sein.“

„Ihr habt vollkommen recht, Kriegsmeister Kachiro“, sagte Marika. Als er weitersprach, war seine Stimme von unterdrücktem Zorn erfüllt. „Aus diesem Grund würde Elyne allenfalls unser Sekundärziel werden. Die Kyralier und ihre Gilde haben in jeder Hinsicht die höhere Priorität. Seit wir ihnen ihre Unabhängigkeit gegeben haben, haben sie uns wiederholt gedemütigt. Über Generationen hinweg haben sie uns zum Narren gehalten und uns glauben lassen, sie würden noch immer höhere Magie praktizieren. Tatsächlich haben sie nur zwei höhere Magier. Und diese haben ein ausgezeichnetes Talent, uns Ärger zu bereiten.“

Allerdings, dachte Savara. Marikas Worte erweckten Rachegedanken zum Leben, weil diese beiden Gildenmagier sie ebenfalls gedemütigt hatten, und ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Bisher hatte sie jedoch noch nichts erfahren, was sie nicht früher oder später auch durch das Geschwätz der Palastsklaven mitbekommen hatte. Mit dem König in ihrer Runde hatten die Ashaki ihre Geschwätzigkeit wieder verloren und Marika würde sich hüten, seine wahren Pläne öffentlich vor ihrer Zeit zu enthüllen. Auch wenn er umgeben von Magiern war, von deren Aufrichtigkeit er sich überzeugt hatte.

„Ich fürchte, ich werde es nicht vermeiden können, Elyne ebenfalls einzunehmen“, fügte Marika hinzu. „Es könnte der einzige Weg sein, um genügend Ashaki zu vereinen und Frieden in dieses Land zu bringen. Zudem bietet Elyne die Möglichkeit, unsere Magiereserven zu vergrößern, was uns zum Vorteil gereicht, sollten die Gildenmagier ihre Feigheit überwinden und höhere Magie erlauben.“

„Also plant Ihr, über Elyne nach Kyralia zu gehen?“, fragte Harko.

Marika schürzte die Lippen und drehte den Weinkelch in seinen Händen. „Ich werde mir diese Option zumindest offenhalten.“

***


* Qaernym ist ein fiktiver Kristall. Diejenigen, die an weiteren Informationen interessiert sind, können mehr dazu, was ich mir über diese Kristalle gedacht habe, in meinem Blog hier nachlesen: Speichersteine
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