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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 15.531
 
Kapitel 44 – Die Zuflucht



Die Tage waren in ein Kontinuum übergegangen. So empfand es zumindest Dannyl. Die Landschaft war stets dieselbe. Jeder Berg sah aus wie der andere. Jeden Tag ritten sie durch Täler, erklommen Grate, auf denen eisige Winde wehten, und stiegen wieder hinab.

Nach der Begegnung mit den beiden Ichani waren sie auf keine weiteren Menschen gestoßen. Allmählich fühlte Dannyl sich von der Weite der wilden Landschaft und ihrer Leere erdrückt. Asara war zuweilen recht wortkarg, was wie er vermutete, daher kam, dass sie die meiste Zeit auf sich gestellt war und gelernt hatte, nicht viel von sich preiszugeben. Wenn es ihm indes gelang, sie in ein Gespräch zu verwickeln, redeten sie oft Stunden. Die Geschichte Sachakas aus Asaras Sicht und die damit verbundene Gründung der Verräter, waren ebenso interessant, wie die Lebensweise ihres Volkes oder ihre Ansichten zu den Problemen Sachakas und Marikas Politik.

Gegen Mittag erreichten sie ein kleines Hochtal. Asara zügelte ihr Pferd und wandte sich um. „Es ist jetzt nicht mehr weit. Bis zum Abend werden wir die Zuflucht erreichen. Ihre Lage ist streng geheim. Niemand darf aus Euren Gedanken erfahren, wo sie sich befindet. Während der letzten Tage habe ich auf Irrwegen hierher geführt, doch von hier an müsst Ihr mit verbundenen Augen weiter reiten.“

Also hatte Dannyl richtig vermutet. „Ich hoffe, das Pferd findet den Weg“, sagte er.

Asara lachte. Sie schwang sich aus dem Sattel und öffnete eine Satteltasche. Sie zog ein Seil heraus und knotete es an ihrem Sattel fest. Dann schritt sie zu Dannyls Pferd und befestigte das andere Ende an seinem Halfter.

„So werdet Ihr nicht verlorengehen“, sagte sie. Sie nahm ihren Schal ab und reichte ihn Dannyl. „Faltet ihn am besten doppelt“, riet sie. „Nur um sicherzugehen, dass Ihr wirklich nichts sehen könnt.“

Dannyl nahm den Schal entgegen und faltete ihn. „Selbst ohne Schal würde ich Eure Zuflucht wahrscheinlich nicht wiederfinden“, bemerkte er. Er konnte jedoch nicht wissen, ob nicht ein anderer den Weg aus seinen Gedanken lernen konnte.

Nachdem er den Stoff über seine Augen gelegt und die Enden am Hinterkopf verknotet hatte, drang nur noch ein schwacher Lichtschimmer von unten hindurch. Er zog den Schal ein wenig tiefer, bis auch dieser verschwunden war. „Das sollte genügen.“

Asara antwortete nicht. Verwirrt drehte Dannyl den Kopf in ihre Richtung. Er wollte nach ihrer Präsenz greifen, doch sie war fort.

„Asara?“

„Ich bin hier!“

Er fuhr herum auf die andere Seite. „Was …?“, entfuhr es ihm. Dann verstand er. Sie hatte sich lautlos bewegt, um zu testen, ob er sie sehen konnte.

„Ja, das genügt.“ Ihrer Stimme nach zu urteilen hatte er gerade zu ihrer Erheiterung beigetragen. „Reiten wir weiter.“

Dannyls Pferd setzte sich in Bewegung. Von jetzt an konnte er nur noch erahnen, wann es bergauf ging, wann sie um eine Wegbiegung ritten oder welche Beschaffenheit der Boden unter ihnen hatte. Als ihn die Dunkelheit vor seinen Augen anzustrengen begann, schloss er sie. Durch das sanfte Schaukeln des Pferdes wurde er allmählich dösig.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit hielten sie an.

„Von jetzt an müssen wir zu Fuß weiter.“ Asaras Stimme erklang von seiner linken Seite. „Der Weg wird jetzt ziemlich steil, die Pferde werden uns nicht mehr tragen können. Könnt Ihr alleine absteigen?“

„Ich denke schon.“ Sich am Sattel festhaltend, schwang Dannyl sein Bein über den Rücken des Pferdes. Ein wenig unsicher kam er auf beiden Füßen zum Stehen.

„Nehmt meine Hand“, sagte Asara.

Dannyl streckte seine Hand in die Richtung ihrer Stimme aus. Sofort schlangen sich ihre warmen, feingliedrigen Finger um seine. Es fühlte sich seltsam und unnatürlich an. Dannyl verdrängte das Gefühl und bereitete sich auf das letzte Stück ihres Weges vor.

Nachdem sie gefühlte zwei oder drei Stunden bergauf geklettert waren, wurde die Steigung flacher. Er hörte Asara in ihrer Sprache sprechen. Eine andere Frauenstimme antwortete weiter weg. Dannyl widerstand dem Drang, den Schal abzunehmen und sich umzusehen. Doch stattdessen zog sie ihn weiter. Nach wenigen Schritten wurde es spürbar kälter, so als hätte die Sonne aufgehört zu scheinen. Zugleich hallten ihre Schritte und die der Pferde als würden sie einen großen Raum oder eine Höhle durchqueren.

Nachdem sie einige Minuten gegangen waren, verstummte das Echo und die Luft wurde frischer und wärmer.

„Ihr könnt die Augenbinde jetzt abnehmen.“

Dannyl streifte den Schal ab und sah sich überrascht um. Sie befanden sich auf halber Höhe eines idyllischen Tals. Die Hänge waren größtenteils bewaldet. Weiter unten erblickte er Felder, die um diese Jahreszeit jedoch nur braune Äcker waren, und Weiden, auf denen Tiere grasten. Dieser Ort war wahrhaftig eine Oase inmitten der kargen Ödländer.

„Wo leben die Bewohner?“, fragte er. „Gibt es keine Häuser?“

„Es gibt einige Häuser weiter unten im Tal und auf der anderen Seite. Doch die meisten leben in einem Höhlensystem im Innern des Heimatbergs. Dorthin werde ich Euch jetzt bringen. Wenn Ihr Glück habt, wird unsere Anführerin Euch noch heute empfangen.“

Sie stiegen wieder auf ihre Pferde und durchritten das Tal einem breiten Weg folgend. Zwischen den Bäumen sah Dannyl hin und wieder das Wasser kleinerer Seen oder Teiche aufblitzen. An einer Kreuzung mit einem bereiteren Weg, der vom Tal den Berg hinaufführte, wandte Asara sich hangaufwärts. Anscheinend war dies eine wichtige Straße, denn sie begegneten allenthalben Männern und Frauen, die wie Asara gekleidet waren, und Vieh vor sich hertrieben oder mit Kisten und Körben beladen waren. Während die Passanten die schwarze Magierin respektvoll grüßten, beäugten sie Dannyl misstrauisch.

Vielleicht sollte ich mich besser auf einen nicht allzu freundlichen Empfang einstellen, überlegte Dannyl, während sie einem Weg parallel zum Hang folgten. Er war ein Mann und ein Fremder. Asara riskierte viel, indem sie ihn hierher brachte. Wie auch immer die Begegnung mit der Anführerin ausgehen würde, Dannyl hatte sich Asaras Worte zu Herzen genommen und sich darauf eingestellt, dass seine Verhandlungen schwierig würden und sich die Anführerin als unkooperativ erwies.

Schließlich erreichten sie eine Felswand, in der eine Öffnung so hoch wie ein zweistöckiges Haus und mindestens ebenso breit, klaffte. Zwei Männer in einfacher Kleidung eilten herbei und nahmen ihnen die Pferde ab. Zu Dannyls Erleichterung verneigten sie sich weder, noch warfen sie sich zu Boden. Er rief sich wieder ins Gedächtnis, was er von Asara über die in der Zuflucht lebenden Männer gelernt hatte. Sie hatten die gleichen Rechte wie die Frauen, bis auf das Recht Magie zu erlernen und an Versammlungen teilzunehmen, was angesichts der Geschichte der Verräter eine nachvollziehbare Vorkehrung war. Die Frauen der Verräter waren stolz und selbstbewusst. Sie würden lieber sterben, als zu dem zu werden, was sie zu bekämpfen suchten.

Asara und Dannyl traten in den Schatten der Höhle. Hoch oben an der Decke erblickte Dannyl mehrere leuchtende Kristalle, die eine atemberaubende Struktur aus in Fels gemeißelten Bildern enthüllte. Ohne auf seine Abgelenktheit zu achten, hielt die Sachakanerin auf einen Gang an der Rückwand zu. Als ihre Schritte sich entfernten, schrak Dannyl auf und beeilte sich, ihr zu folgen.

„Asara?“

Dannyls Begleiterin fuhr herum. „Zalava!“, rief sie.

Aus einem Seitengang kam eine Gestalt auf sie zu. Von weitem hätte Dannyl sie für eine zweite Version von Asara halten können. Ihre Statur, ihre Kleidung und ihre Frisur waren der seiner Retterin verblüffend ähnlich. Als sie näher kam, erkannte er jedoch, dass ihre Gesichtszüge völlig anders waren.

Zu Dannyls Verwunderung fielen sich die beiden Frauen in die Arme und küssten sich rechts und links auf die Wangen – ein Begrüßungsritual, das er bis jetzt nur bei Elynerinnen gesehen hatte.

„Ich habe dich so lange nicht gesehen!“ Die Frau namens Zalava strahlte. „Was führt dich nach Hause? Bist du die schmutzigen Intrigen der Stadt-Ashaki leid?“

Asara wies auf Dannyl. „Das ist Dannyl von den Gildenmagiern. Ich habe ihn vor Marikas Leuten aus Arvice gerettet. Marika hat den Kyraliern den Krieg erklärt.“

Zalava verzog das Gesicht zu einer Miene, die Missfallen ausdrückte. „Davon haben wir bereits erfahren.“ Ihr Blick fiel auf Dannyl. „Aber das erklärt nicht, wieso er hier ist.“

„Er ist hier, um unsere Große Mutter um Hilfe gegen die Sachakaner zu bitten.“

Die andere Frau musterte Dannyl nun mit einer Mischung aus Neugier und Misstrauen. „Savedra wird nicht begeistert sein, wenn sie erfährt, dass du einen Fremden hierher gebracht hast“, sagte sie. „Schon gar nicht einen Magier.“

„Er beherrscht keine höhere Magie“, entgegnete Asara. „Er ist ein Gildenmagier. Er ist völlig harmlos.“

Dannyl unterdrückte ein Schnauben. Zalava schien indes nicht überzeugt. Sie senkte ihre Stimme. „Savedra ist nicht besonders glücklich über Marikas Kriegspläne. Und auch nicht darüber, dass eine von uns so dumm war, sich schnappen zu lassen und unsere Identität preiszugeben.“

„Glaub mir, Liebes. Ich würde unsere Krippenschwester für diese ganze Aktion am liebsten persönlich töten, wäre sie nicht bei ihrem Auftrag getötet worden“, erwiderte Asara mit unterdrücktem Zorn. „Ich verstehe, dass Savedra wütend ist. Schließlich war sie …“

„Ja.“ Zalavas Gesicht verdüsterte sich. „Die ersten Tage, nachdem es geschah, war sie nicht ansprechbar. Talaria und Illara haben niemanden zu ihr durchgelassen. Dass die Kyralier die Unterstützung der Verräter suchen, wird ihre Stimmung nicht bessern.“ Sie warf Dannyl einen mitleidigen Blick zu. „Ich wünsche Euch trotzdem viel Glück bei Eurem Vorhaben.“

„Ich danke Euch, Zalava“, erwiderte Dannyl. Er hatte dem Gespräch der beiden Frauen interessiert gelauscht. Wer auch immer diese Verräterin gewesen war, von der sie gesprochen hatten – das Thema war sensibel genug, dass Dannyl es bei seinem Gespräch mit der Anführerin möglichst vermied.

Die Verräterin nickte knapp. „Die Ashaki sind die Geißel Sachakas. Ich für meinen Teil bin mehr als interessiert daran, ihre Herrschaft zu stürzen, doch die meisten meiner Schwestern üben sich lieber in Zurückhaltung.“

Dannyl neigte lächelnd den Kopf. „Dann weiß ich, wen ich nicht überzeugen brauche.“

„Seid froh“, murmelte Asara. „Zalava ist nämlich überaus stur.“

Noch sturer als du?, fragte er sich. „Also das kann ich mir wirklich nicht vorstellen!“, sagte er.

„Ich weiß auch nicht, woher meine Schwester das hat“, stimmte Zalava zu. Sie sah zu Asara. „Ich gehe jagen. Sehen wir uns zum Abendessen?“

„Auf jeden Fall!“ Die Augen von Dannyls Retterin leuchteten. „Wir haben uns einiges zu erzählen.“

Asara winkte der anderen Frau zu, die rasch die Höhle verließ.

„Ich bringe Euch jetzt zu einem unserer Quartiere, das momentan leer steht und das Ihr während Eures Aufenthalts bewohnen könnt“, sagte sie dann zu Dannyl. „Dort könnt Ihr Euch waschen und umziehen. Ich lasse Euch frische Kleidung und etwas zu Essen bringen, wenn Ihr wünscht. Währenddessen werde ich die Große Mutter aufsuchen und ihr Euer Anliegen vortragen.“

Das klang vielversprechend. Dannyl war müde und erschöpft von der Reise und er verspürte einen nagenden Hunger. Er hoffte, die Große Mutter würde ähnlich wie Zalava auf ihn und sein Anliegen reagieren. Doch nach Zalavas Worten wollte er sich nicht allzu große Hoffnungen machen.

Er schenkte Asara ein schiefes Lächeln. „Schmutzig und stinkend sollte ich ihr wohl kaum gegenübertreten.“


***


„Das Gemüse ist von der letzten Ernte. Ich bezahle höchstens vier Kupferstücke dafür.“ Sonea betrachtete den Verkäufer empört. Dachte er wirklich, er könne sie übers Ohr hauen, nur weil offensichtlich war, dass sie es sich leisten konnte?

Der Verkäufer musterte sie. „Sieben“, sagte er.

Sonea schnaubte. „Bei deinen Preisen wundert es mich, wie du deine Ware überhaupt los wirst.“ Sie warf einen abschätzigen Blick auf die welken Crots, Brasi und Monyos. Die Ware der anderen Händler hatte indes nicht besser ausgesehen. „Ganz besonders bei dieser Qualität.“

„Durch den strengen Winter hat das Gemüse sehr gelitten“, verteidigte sich der Mann.

„Und genau deswegen solltest du dich schämen, es zu einem solchen Wucherpreis zu verkaufen“, gab Sonea zurück. Sie beugte sich über den Verkaufstisch und senkte ihre Stimme zu etwas, von dem sie hoffte, das es leise und gefährlich klang. „Du tätest gut daran, dich nicht mit mir anzulegen.“

Der Mann erstarrte. „Ihr habt natürlich Recht, Mylady“, sagte er unterwürfig. „Ich mache Euch einen Sonderpreis von zwei Kupferstücken.“

Sonea winkte ab. „Ich nehme es für vier. Aber komm nicht auf die Idee, es den Hüttenleuten über seinem Wert zu verkaufen.“

„Ihr habt mein Wort“, sagte der Verkäufer und verneigte sich betont unterwürfig.

Sonea öffnete ihren Geldbeutel und zählte vier Kupferstücke ab. Sie nahm das Gemüse entgegen und verstaute es in ihrem Korb. Dann wandte sie sich um.

„Ich habe jetzt alles, was ich brauche.“

„Du hast auch fast den ganzen Markt aufgekauft“, erwiderte Akkarin.

Sonea lächelte. Sie warf einen Blick zu ihrer albernen Eskorte. Lord Iskren hatte seine gebratene Pachi verzehrt und war voll und ganz damit beschäftigt, seine Finger abzulecken, während Lord Garrel sie und Akkarin mit finsterer Miene anstarrte.

Sonea erwiderte seinen Blick kühl. Ob er sich während ihres Ausflugs die Füße wund lief, war ihr herzlich egal. Sicher gab es angenehmere Beschäftigungen an einem Wochenende, als die beiden einzigen schwarzen Magier der Gilde von einem Ende der Stadt zum anderen zu eskortieren. Balkan hatte sich alle Mühe gemacht, zwei Krieger zu finden, die ihr und Akkarin nicht wohlgesonnen waren. Sonea fand indes, es geschah ihnen nur recht. Garrel und seine Anhänger hatten lange genug versucht, ihnen das Leben schwerzumachen.

Zu schade nur, dass Lord Kerrin nicht Garrels Begleiter ist, dachte Sonea. Obwohl Kerrin sie dank Akkarins Eingreifen mit Hal oder Regin trainieren ließ, machte er weiterhin keinen Hehl daraus, was er von ihr hielt. So betrachtet blieb ihr Wahlpflichtfach ein zweifelhaftes Vergnügen.

„Ich würde noch mehr kaufen“, sagte Sonea. „Doch ich befürchte, Jonna und Ranel können es nicht aufbrauchen, bevor es verdirbt.“

„Du hast wirklich genug eingekauft.“ Akkarin reichte ihr seinen Arm. „Ich bin sicher, sie würden sich auch freuen, wenn du mit leeren Händen kommst.“

Sonea hakte sich bei ihm unter. Sie fand es immer ein wenig seltsam, so zu gehen. Es fühlte sich so viel natürlicher an, wenn sie Hand in Hand gingen. Doch offenkundig hielt Akkarin das in der Öffentlichkeit für unangemessen.

Sie verließen die Märkte und betraten die Hüttenviertel. Der vertraute Geruch von Unrat, Schweiß und Fäkalien schlug ihnen entgegen. Sonea empfand das jedoch wie nach Hause kommen.

Wenn Rothen mit seinem Bewässerungssystem Erfolg hat, wird das bald nicht mehr so sein, fuhr es ihr durch den Kopf. Unwillkürlich verspürte sie eine leise Wehmut. Wenn der König zustimmte – und vermutlich würde er das, nachdem Balkan ihm auf Drängen seiner Frau, das Projekt vorgelegt hatte – würde sich die Lebensqualität der Hüttenleute verbessern. Allerdings damit würde es auch nicht mehr wie früher sein.

Aber war das nicht mit allem so?

Auf ihrem Weg durch die Hüttenviertel kamen ihnen vereinzelt Zweiergruppen von Männern mit dem Abzeichen der Stadtwache entgegen, die Sonea und Akkarin ehrfürchtig grüßten. Auch das war eine Veränderung. Der Gedanke, dass diese ehemaligen Handlanger der Diebe in wenigen Monaten die Uniformen der Stadtwache tragen würden, erschien Sonea noch immer seltsam. Würde sie noch hier leben, würde sie es wohl begrüßen, dass die Diebe für Recht und Ordnung in den Hüttenvierteln sorgten, wohingegen die Stadtwache den Hüttenleuten gegenüber harsch und herablassend war.

Eine Horde Kinder rief ihre Namen und lief hinter ihnen her. Sonea griff in ihren Korb und warf ihnen ein paar Süßigkeiten zu. Hinter ihnen murmelte Garrel etwas.

Sonea wandte sich um.

„Lord Garrel, darf ich Euch vielleicht auch ein Bonbon anbieten?“, fragte sie liebenswürdig, während sie versuchte, ihre Erheiterung zu unterdrücken.

„Nein danke“, brummte der Krieger.

- Sonea, ermahnte Akkarin sie. Sei vorsichtig. Du solltest unsere Eskorte nicht verärgern.

- Du amüsierst dich doch selbst, gab sie zurück.

Er konnte es nicht abstreiten. Selbst wenn er nach außen kühl und distanziert wirkte, konnte Sonea solche Feinheiten in seiner Stimmung erspüren. Noch an diesem Morgen beim Frühstück hatte er ihr indirekt zu verstehen gegeben, dass er ihre Eskorte ebenso lächerlich fand, wie sie.

„Es überrascht mich, dass die Gilde über die Bedingungen unseres Ausflugs in die Stadt nicht zunächst wochenlang diskutiert hat“, hatte er gesagt. „Aber dann wären sie wahrscheinlich zu dem Schluss gekommen, dass zwei Krieger dazu nicht ausreichen.“

- Das will ich nicht leugnen. Doch von Garrels und Iskrens Bericht wird abhängen, ob Balkan uns noch einmal erlaubt, in die Stadt zu gehen, sandte Akkarin.

- Ja, Lord Akkarin, erwiderte Sonea, ein Kichern unterdrückend. Ich versuche, mich zu beherrschen.

Akkarin erwiderte nichts darauf. Gegen ihre Erheiterung ankämpfend, dachte Sonea über seine Worte nach. Garrel und Iskren gehörten zu den größten Waschweibern der Gilde. Zudem nahm das Oberhaupt der Krieger es ihnen übel, dass er in Balkans Gunst gesunken war, seit Akkarin seinen Versuch, ihn und Sonea loszuwerden, vereitelt hatte. Seitdem ließ der Krieger keine Gelegenheit ungenutzt, um sich wieder bei Balkan einzuschmeicheln. Er konnte dafür sorgen, dass sie und Akkarin kein zweites Mal in die Stadt durften. Der Gedanke, Sonea würde hin und wieder Cery oder ihre Familie besuchen dürfen, war jedoch zu verlockend, um sich diese Chance zu zerstören.

Vor einem kleinen Haus im besseren Teil der Hüttenviertel blieben sie schließlich stehen. Sonea wandte sich zu ihrem Gefährten.

„Stell dich so, dass sie dich nicht sofort sehen“, sagte sie. „Du könntest ihnen Angst einjagen.“

„Nicht, dass das etwas Neues wäre“, murmelte Akkarin, stellte sich zu ihrer Erleichterung jedoch neben die Tür.

Sonea holte tief Luft und klopfte.

Einige Augenblicke lang geschah nichts. Dann erklangen von drinnen Schritte.

„Wer’s da?“, rief eine männliche Stimme.

„Onkel Ranel, ich bin’s“, antwortete Sonea. „Sonea.“

Die Tür öffnete sich. Erst einen Spaltbreit, dann ganz.

„Hai! Sonea!“ Ihr Onkel machte einen Schritt auf sie zu und schloss sie in die Arme. „Du hast lange nix von dir hören lassen, wie geht’s dir?“

„Ist das Sonea?“, rief die vertraute Stimme einer Frau aus dem hinteren Teil des Raumes. Jonna eilte zur Tür. Als sie Sonea erblickte, weiteten sich ihre Augen. „Wie schön dich zu sehen! Du hast uns so gefehlt!“

Sie umarmte Sonea und drückte sie fest an sich.

„Schon gut“, murmelte Sonea verlegen. „Mir geht es gut. Tut mir leid, dass ich nicht früher gekommen bin. Die Gilde hat mich nicht gelassen.“

„Warum nicht?“

„Das ist eine lange Geschichte“, antwortete Sonea. „Aber deswegen bin ich nicht hier.“ Sie löste sich von ihrer Tante und reichte ihr den Korb. „Das ist für euch.“

Jonnas Augen weiteten sich, als die große Auswahl von Lebensmitteln betrachtete.

„Das wär’ doch nicht nötig gewesen.“

„Doch“, beharrte Sonea. „Nimm die Sachen.“ Sie machte einen Schritt zurück und griff nach Akkarins Hand. „Ich bin gekommen, weil ich euch meinen Verlobten vorstellen möchte.“ Sie zog Akkarin zu sich. „Jonna, Ranel, das ist Akkarin.“

Das Strahlen auf Jonnas Gesicht erstarb. Sie starrte Akkarin mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Entsetzen an. Sonea wusste, ihre Tante hätte für sie niemals einen derart furchteinflößenden Mann in Erwägung gezogen, sondern jemanden, der einen weicheren und freundlicheren Eindruck machte. Ihre Furcht vor Magiern trug nicht gerade dazu bei, dass sie erfreuter auf Akkarin reagierte.

Ranel hatte als Erster die Fassung zurück erlangt. „Lord Akkarin“, sagte er und verneigte sich ein wenig steif. „Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen. Seid willkommen in unserem bescheidenen Haus.“

„Danke“, erwiderte Akkarin. „Die Ehre ist ganz meinerseits.“

„Kommt doch ’rein.“ Ranel trat zur Seite und bedeutete ihnen einzutreten. „Draußen ist’s so kalt.“

Sonea stieß erleichtert die Luft aus. Sie traten in die Wohnküche und Sonea verkniff sich ein Grinsen, als Akkarin sich unter der Tür hindurch bücken musste.

„Was ist mit euren beiden Freunden da draußen?“, fragte Ranel auf die Krieger deutend.

„Das ist unsere Eskorte“, erklärte Sonea. „Sie werden draußen warten.“

„Wozu brauchen zwei Magier eine Eskorte?“, fragte ihr Onkel.

Sonea schnaubte verächtlich. „Damit wir nichts anstellen.“

„Ich bring’ ihnen was heißen Raka“, erbot sich Jonna.

„Den werden sie nicht mögen.“

„Aber sie können doch nicht die ganze Zeit dort draußen rumstehen und frieren.“

„Jonna“, sagte Sonea streng. „Sie sind Magier. Sie frieren nicht.“

„Du scheinst sie nicht besonders zu mögen“, bemerkte ihr Onkel.

„Sagen wir es so: Sie geben sich größte Mühe uns das Leben schwerzumachen.“

Sie setzte sich an den Tisch bei der Feuerstelle und bedeutete Akkarin, es ihr gleichzutun. In dem kleinen, heimeligen Raum wirkte er seltsam fehl am Platz.

„Schön habt Ihr es hier“, sagte sie sich umblickend.

„Es war teurer als unser altes Haus, aber wir brauchen den Platz wegen der Kinder“, antwortete Jonna.

„Wo sind die Kerrel und Hania?“, fragte Sonea.

„Sie halten oben Mittagsschlaf. Du kannst sie später sehen.“ Ihre Tante zögerte und warf einen nervösen Blick zu Akkarin. „Ihr bleibt doch noch was, oder?“

„Wir haben Zeit bis heute Abend.“

„Dann bleibt zum Essen.“ Jonna sah erneut zu Akkarin. „Es ist zwar nicht das, was Ihr gewohnt seid …“

„Ich bin sicher, Sonea hat nicht übertrieben, als sie sagte, dass du eine hervorragende Köchin seist, Jonna“, erwiderte Akkarin.

Jonnas Wangen färbten sich rosa. „Oh, also dann muss sie übertrieben haben!“

Sonea lächelte. Sie verspürte eine jähe Erleichterung. Mit nur wenigen Worten hatte Akkarin ihre Tante für sich gewonnen.

Als sie aufsah, bemerkte sie, dass ihr Gefährte sie nachdenklich betrachtete. „Wir bleiben, wenn es keine Umstände macht“, sagte er.

Jonna strahlte. „Ganz und gar nicht, Mylord!“


***


Mit einem lautstarken Schnauben legte Dorrien den Brief zur Seite. Was darin stand, war eine Ungeheuerlichkeit und bestätigte seine Befürchtungen.

Du bist dir doch hoffentlich bewusst, dass romantische Gefühle nichts in einer Beziehung zwischen Mentor und Novize zu suchen haben …

Das war wieder einmal typisch Rothen. Manchmal schien er Dinge absichtlich falsch zu verstehen.

So auch dieses Mal.

In seinem letzten Brief hatte Dorrien seinem Vater von Viana berichtet, um ihn davon zu überzeugen, dass die junge Frau es wert war, in die Gilde aufgenommen zu werden. Rothen hatte ihm, wie Dorrien sich erhofft hatte, seine Unterstützung zugesagt, jedoch nicht ohne mit ihm vorher ein väterliches Gespräch führen zu wollen.

Nicht mit mir, dachte Dorrien mit grimmiger Entschlossenheit. Er würde nach Imardin reisen, wenn die Gilde ihn wegen des bevorstehenden Krieges zurückbeorderte. Doch so bald würde das nicht geschehen. Mit dem Brief seines Vaters war ein zweiter von Administrator Osen gekommen, in dem dieser ihn angewiesen hatte, vor Ort zu bleiben, bis die Sachakaner ausrückten und die Gilde seine Unterstützung anforderte.

Dorrien schnaubte erneut. Er würde sich nicht von seinem Vater auf dieselbe Stufe mit einem gewissen Magier stellen lassen, der nicht in der Lage war, seine Triebe zu kontrollieren. Er war nicht wie Akkarin. Davon abgesehen hegte er überhaupt keine romantischen Gefühle für Viana. Er war bereits unglücklich in Sonea verliebt, da war kein Platz für eine andere Frau.

Oder doch?

Als ein sanftes Klopfen an der Tür ertönte, zuckte er zusammen.

Viana.

Warum muss sie ausgerechnet jetzt kommen?, fuhr es ihm durch den Kopf. Nach Rothens Brief konnte diese Begegnung nur peinlich werden. Dann fiel ihm jedoch wieder ein, dass sie zu ihrem täglichen Unterricht kam.

Einen tiefen Atemzug nehmend streckte er seinen Willen nach der Tür aus.

„Komm herein!“

Viana trat über die Schwelle und schlug die Kapuze ihres Mantels zurück. Ihr tennblondes Haar schimmerte golden im Schein des Feuers im Herd. Ihre Wangen waren von der Kälte gerötet. Bei ihrem Anblick zog sich etwas in Dorriens Magen zusammen.

„Guten Tag, Mylord“, sagte sie und verneigte sich.

„Guten Tag, Viana“, brachte er hervor.

Sie hing ihren Mantel an einem Haken an der Tür auf und setzte sich zu ihm an den Tisch. Der vertraute blumige Duft ihres Haares stieg in seine Nase und brachte Dorrien vollends aus dem Konzept. Hastig faltete er den Brief zusammen und ließ ihn in seiner Robe verschwinden.

„Ist alles in Ordnung, Mylord?“

Dorrien sah auf und blickte direkt in ihre braunen Augen, die ihn besorgt unter zusammengezogenen Brauen anblickten. Unwillkürlich zuckte er zusammen.

„J-ja“, stammelte er. „Ich ärgere mich nur gerade über den Brief, den ich heute von meinem Vater erhalten habe.“ Warum kann sie nicht aufhören, mich so anzusehen?, fragte er sich unwirsch. Irgendwie schien das die ganze Situation noch absurder zu machen und er musste wiederholt an die Worte seines Vaters denken.

Du bist dir doch hoffentlich bewusst, dass romantische Gefühle nichts in einer Beziehung zwischen Mentor und Novize zu suchen haben …

„Oh“, machte sie. „Warum?“

„Weil er meint, mich immer noch belehren zu müssen, als wäre ich ein kleines Kind.“

„Ihr macht mir Hoffnung“, sagte sie trocken.

Dorrien hatte ihre Worte kaum gehört. „Ich bin sechsundzwanzig!“

Vianas Augen weiteten sich. „Ich hätte Euch jünger geschätzt.“

„Danke“, brummte Dorrien. „Findest du etwa auch, ich sei noch nicht erwachsen?“

Ihre Augen schienen noch größer zu werden. „Nein“, sagte sie hastig. „Auf keinen Fall.“ Als sie weitersprach, starrte sie auf ihre Hände. „Ihr scheint nur jünger, weil Ihr oft so lustig seid. Und Ihr seid meistens guter Laune.“

Dorrien kam nicht umhin, das als Kompliment aufzufassen. Er verfluchte Rothen. Jetzt würde ihn der Gedanke, er könne potentielle tiefergehende Gefühle für Viana hegen, nicht mehr loslassen.

„Aber Ihr seid sehr erwachsen“, fuhr Viana fort. „Ihr seid sehr ...“

„Was?“, fragte er und sein Puls beschleunigte sich.

„Verantwortungsvoll“, antwortete sie und Dorrien wurde das Gefühl nicht los, sie hatte etwas anderes sagen wollen.

Bevor die Situation noch peinlicher werden konnte, stand er auf und schritt zu dem Regal, in dem er die Bücher für Vianas Unterricht aufbewahrte. Das Buch über Arithmetik herausziehend kehrte er zum Tisch zurück.

„Wir werden heute wieder Rechnen“, teilte er seiner Schülerin mit. „Zuerst werde ich dich ein paar Aufgaben rechnen lassen, um zu sehen, wie viel du von unserem gestrigen Unterricht behalten hast.“ Er schlug das Buch an einer am Vortag markierten Stelle auf und drehte es ihr zu. „Je nachdem, wie du dich dabei anstellst, werden wir heute vielleicht noch mit Trigonometrie beginnen.“

Viana nickte erfreut. Sie nahm ein Blatt Papier von einem Stapel auf dem Tisch und griff nach der Schreibfeder, die Dorrien bereitgelegt hatte.

Während sie rechnete, betrachtete Dorrien sie nachdenklich. Ihr plötzliches Erscheinen hatte ihn überrumpelt. Er ertappte sich oft dabei, wie er sie ansah, wenn sie es nicht bemerkte oder wie gebannt er von ihrem Anblick war, wenn sie in seine Augen starrte. Doch wie konnte er nicht? Sie war sehr hübsch und das nicht nur für ein Mädchen vom Lande. Dorrien hatte junge Frauen aus den Häusern gesehen, die verglichen mit ihr hässlich gewesen waren.

Ja, er hatte Gefühle für sie. Aber er war sicher, diese waren nicht romantischer Natur.

Wenn ich wirklich in sie verliebt wäre, würde ich dann nicht immer so wie vorhin auf sie reagieren?, überlegte er. Nein, das vorhin hatte er dem Brief seines Vaters zu verdanken. Denn andernfalls hätte auch bei ihren früheren Begegnungen so empfunden, als würde ein Schwarm Agamotten in seinem Magen umherschwirren. Es gab nur eine Frau, die das bei ihm bewirkte.

Doch diese war für ihn unerreichbar geworden.


***


Savara beobachtete, wie Kal den Karren vor den Palasttoren zum Stehen brachte. Mit einem tiefen Atemzug vertrieb sie ihre Anspannung. Jetzt würde sich zeigen, wie gut ihre Ausbildung wirklich gewesen war. Von allen Herausforderungen, denen sie sich bis jetzt gestellt hatte, war dieser Auftrag die größte.

Der Palast von Arvice war der einzige Ort in Sachaka, der für die Verräter verboten war. Obwohl er als uneinnehmbar galt, hatten Savaras Leute über Generationen hinweg immer wieder versucht, dort einzudringen, um unglückliche Ehefrauen, Töchter und Sklavinnen des jeweiligen Herrschers zu befreien. Die meisten hatten dafür mit dem Leben bezahlt.

Vor dreihundert Jahren hatten die Verräter jedoch einen Vertrag mit dem Thron ausgehandelt, der neben der Einmischung in die Politik und das Stehlen von Frauen und Sklaven im Übermaß auch das Betreten des Palastgeländes untersagte. Im Gegenzug jagte der König sie nicht und duldete ihre Dienste als Söldner und nahm sie zuweilen selbst in Anspruch. Tatsächlich profitierten beide Parteien davon, da die Herrscher Sachakas nicht selten einen unbequemen Ashaki unbemerkt loswerden wollten oder, wie im Fall von Ikaro, zurückholen ließen, um ihn zu bestrafen.

Für Savara bedeutete dies, dass sie von nun an vorsichtig sein musste. Auch wenn sie Marika nie persönlich begegnet war, würde dieser ihr mit Misstrauen begegnen, weil sie eine Frau war und über Magie gebot. Sollte er sie gefangen nehmen, so würde niemand sie befreien kommen.

Eine Palastwache trat vor. „Wer seid Ihr und was wollt Ihr hier?“

„Mein Name ist Dakira“, antwortete Savara. „Ich bin hier, um dem König meine Dienste für seinen Krieg gegen Kyralia anzubieten.“ Sie achtete darauf, den Namen des Landes, das einst unter sachakanischer Herrschaft gestanden hatte, mit aller Verachtung auszusprechen, die sie aufbringen konnte.

Die Wache musterte sie abschätzig. Sein Blick wanderte zu ihren „Sklaven“, die allesamt schmutzig, zerlumpt und halb verhungert aussahen. Savara hatte während ihrer Reise darauf geachtet, sie ausreichend mit Nahrung zu versorgen, jedoch ohne sie zu mästen. Als heruntergekommene Leute aus den Armenvierteln Imardins, konnte man sie leicht für Kyralier halten, die durch eine Dummheit in die Sklaverei geraten waren.

„Ichani?“, fragte er.

Savara nickte.

Der Palastwächter rümpfte missbilligend die Nase. „Fahrt zu den Ställen“, wies er sie auf ein Gebäude im Innenhof deutend an. „Dort könnt Ihr Eure Pferde unterbringen. Ich schicke jemand, der sich um Euer Anliegen kümmert.“

„Sehr freundlich von Euch“, erwiderte Savara ein wenig schroff. Sie schlug Kal mit der Reitgerte, die eigentlich für die Pferde gedacht war. „Vorwärts“, herrschte sie ihn an.

Kal zuckte kaum merklich und der Karren rollte vorwärts. Savara hoffte, sie habe ihn nicht zu fest geschlagen. Es sollte echt aussehen, doch sie wollte ihren Begleitern nicht mehr unangenehme Umstände bereiten, als nötig war. Sie runzelte die Stirn. Nur wenige Jahre zuvor wäre ihr das vermutlich egal gewesen.

Wie an jenem Tag, als sie sich an dem Überfall auf Dakova beteiligt hatte …

Savara schüttelte sich innerlich, als sie daran dachte, wie sehr sie für diesen Tag bezahlt hatte. Sie schob die Erinnerung beiseite und ließ ihren Blick über das Palastgebäude schweifen. Es war vier Stockwerke hoch und hatte zahlreiche Kuppeln und Türme aus Gold, Marmor und Glas. Die Außenfassade war mit Symbolen im alt-sachakanischen Stil verziert, was Savara glauben ließ, der Palast wäre einem der Märchen entsprungen, die ihre Krippenmutter ihr erzählt hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Ihre Aufmerksamkeit galt indes weniger der architektonischen Schönheit als Merkmalen wie Lage und Abstand von Fenstern und der daraus abgeleiteten Größe der Zimmer sowie der Höhe der Stockwerke – Dinge, die später noch nützlich sein konnten.

Am Eingang der Ställe kam der Karren erneut zum Stehen. Sklaven eilten herbei und schirrten die Pferde ab. Savara und ihre „Sklaven“ stiegen aus.

„Ichani Dakira?“

Savara fuhr herum. Aus dem Palast schritt ein hochgewachsener Mann, der eine prächtigere Version der Uniformen der Wachen an den Toren trug, auf sie zu. An seiner Hüfte hing ein juwelenbesetzter Dolch.

„Ja?“

„Mein Name ist Ivasako“, stellte der Mann sich vor. „Ich bin Meister der Palastgarde und Sekretär von König Marika.“

„Sehr erfreut“, erwiderte Savara betont steif. Der Mann sollte denken, sie sei diese höflichen Umgangsformen nicht gewohnt. Tatsächlich fiel es ihr nicht allzu schwer, die barbarische Ichani zu spielen, weil ihr die Hofetikette fremd und Marika kein Mann war, dem sie Respekt schuldete.

„Ich habe den Auftrag, Euch zum König zu bringen“, teilte der Palastmeister ihr mit. „Er hat Zeit, Euch jetzt zum empfangen. Lasst Eure Sklaven hier. Jemand wird sich um sie kümmern.“

Savara zögerte. Sie hatte Kal und den anderen beigebracht, sich wie Sklaven verhalten, was ihnen inzwischen auch leidlich gelang. Doch nach Wochen des Reisens hätte ihr Anblick den König womöglich beleidigt und ihr Vorhaben erschwert. Trotzdem wollte sie sie nicht zurücklassen. Die vier Kyralier wussten nichts über Savaras Herkunft, aber sie wussten, dass ihr Auftrag ein vorzeitiges Ende fand, sollte jemand ihre Gedanken lesen.

Savara setzte das Lächeln ein, mit dem sie für gewöhnlich Männer verführte. „Ich weiß Eure Geste zu schätzen, doch ich würde es vorziehen, meine Sklaven in meiner Nähe zu haben. Sie sind zu kostbar.“

Ivasakos Augen weiteten sich, als er verstand. „Natürlich“, sagte er. „Folgt mir.“

Savara nickte. Im Gehen warf sie einen Blick über die Schultern zu ihren Begleitern. „Wagt es nicht, Ärger zu machen!“, drohte sie. „Wenn der König mich nicht in seine Armee aufnimmt, werde ich euch bestrafen.“

„Ja, Meisterin“, murmelten ihre „Sklaven“.

Sie bedachte die Kyralier mit einem letzten finsteren Blick und folgte Ivasako dann in den Palast.

Als sie durch die offenen Türen traten, hielt Savara überrascht den Atem an. Wo der Palast von außen imposant und prächtig war, fand sie keine Worte für sein Inneres. Er war sogar noch beeindruckender, als der Palast des kyralischen Königs, den Savara während der Schlacht vom Imardin von innen gesehen hatte. Während sie vorgab, die Eingangshalle zu bewundern, prägte sie sich jedes Detail, angefangen von den großen, goldverzierten Doppeltüren, über die Vasen und Skulpturen bis hin zu der sich in höhere Stockwerke hinaufwindende Treppe, genau ein.

Ivasako führte sie geradewegs zum Zugang, an dessen Ende eine weitere Doppeltür aus Gold und Verzierungen zu erkennen war, die von vier Palastwachen bewacht wurde. In den typischen sachakanischen Wohnhäusern befand sich dahinter der Raum des Meisters, in dem der Herr des Hauses seine Gäste empfing und unterhielt. Im Fall des Königs war das der Thronsaal.

Während sie den Zugang durchschritten, fragte Savara sich, ob es Zufall war, dass Marika gerade Zeit hatte, sie zu empfangen oder ob die Tatsache, dass eine Magierin ganz allein vor seinen Palasttoren erschienen war, um eine Audienz zu erbitten, dafür verantwortlich war. Ihren Informationen zufolge erteilte der König von Sachaka seine Audienzen nach einem willkürlichen Muster. Doch wahrscheinlich steckte ein Plan dahinter, den nur Marika kannte.

Als sie das Ende des Zugangs erreichten, schwangen die beiden Türflügel vor ihnen auf. Savara folgte dem Palastmeister einen langen Teppich entlang, dessen Muster dem der Ornamente an den Wänden und Fenstern glich. Dahinter saß der wohl außergewöhnlichste Mann, dem sie je begegnet war, auf einem prunkvollen Thron und starrte ihr entgegen, das Kinn auf eine behandschuhte Hand gestützt. Zu seinen Füßen lag ein ausgewachsener P’anaal und döste. Als sie näher kam, hob das Tier den Kopf und fauchte leise.

König Marika murmelte etwas, worauf sich das Tier entspannte. Savara hatte nie viel für diesen Mann übrig gehabt. Doch jetzt, wo sie ihn zum ersten Mal sah, musste sie zugeben, dass er ungeachtet seiner Macht und der geringen Sympathie, die sie für ihn hegte, eine eindrucksvolle Persönlichkeit war.

In angemessenem Abstand blieb Ivasako stehen und warf sich zu Boden.

„Meister, ich bringe Euch die Ichani Dakira“, sagte er.

Marika musterte Savara mit dem durchdringenden Blick eines Vallook. Plötzlich war sie mehr als dankbar für ihren Einfall, ihr Aussehen zu verändern, bevor sie zum Palast gekommen war. Sie durfte nicht ausschließen, dass jemand, für den sie gearbeitet hatte, zu Marikas Anhängern gehörte und sie wiedererkannte. Doch mit den kurzen Haaren, von denen einige Fransen ihr in die Stirn fielen, hätten wahrscheinlich selbst ihre Krippenschwestern sie nicht auf Anhieb wiedererkannt. Auf den Märkten hatte sie zudem einige einfache Kleidungsstücke besorgt, die von den weniger wohlhabenden Sachakanern getragen wurden und die nicht darauf schließen ließen, dass sie eine Verräterin war.

Doch obwohl Savara sich durch ihre Verkleidung sicherer wähnte, fühlte es sich an, als würde Marika mit seinen kalten Augen direkt in sie hineinblicken und ihre Oberflächengedanken lesen. Trotz ihres Geheimniswahrers fühlte Savara sich auf seltsame Weise ertappt.

„Ichani Dakira“, sprach Marika. „Seid willkommen in meinem Palast.“

„Ich grüße Euch, mein König“, erwiderte Savara. Sie war eine Ichani. Niemand erwartete von ihr übertriebenen Respekt dem König gegenüber.

Marika schnaubte leise. „Bin ich das?“

„Wäre ich sonst hier?“, erwiderte Savara und begegnete seinem Blick unverhohlen.

Der König warf einen kurzen Blick auf ihre „Sklaven“ und wandte sich zu seinem Sekretär. „Warte an der Tür.“

„Ja, Meister.“

Ivasako erhob sich und ließ sie allein. Dennoch war Marika nicht ungeschützt. Entlang der Wände waren mehrere Wachen postiert, die sofort eingreifen würden, wenn Savara dem König zu nahe kam.

Auf eine Handbewegung Marikas erschien ein Sklave mit einem gepolsterten Hocker, zwei weitere brachten Wein und Früchte.

„Man sagte mir, Ihr wärt gekommen, um Euch meinem Krieg gegen die Gildenmagier anzuschließen“, begann Marika, nachdem er sich an den Erfrischungen bedient und Savara es ihm nachgetan hatte. „Warum wollt Ihr das?“

„Ich bin hier, weil ich mir einen Platz in der Gesellschaft verdienen möchte, indem ich Euch helfe, diese elenden Kyralier zu besiegen“, antwortete Savara.

Die kalten Augen durchbohrten sie. „Warum interessiert Euch das?“

„Weil ich das Sachakanische Imperium zurück will. Ich will, dass Sachaka wieder zu seiner alten Stärke gelangt. Natürlich verspreche ich mir dadurch auch ein Stück Land, das ich mein Eigen nennen kann. Ich wurde als Ichani geboren, ein Ausbrechen aus dieser Situation ist unmöglich. Für Euch gegen die Kyralier zu kämpfen, ist eine ungeahnte Chance.“

Der König schien nicht überzeugt. „Frauen haben in meinem Land nichts zu sagen.“

„Und trotzdem haben sich einige bereits Eurer Sache angeschlossen.“

„Ihr seid gut informiert“, bemerkte Marika.

Savara lächelte entwaffnend. „Das muss ich, um überleben zu können.“ Sie biss in die Pachi, die einer der Palastsklaven ihr reichte. Ihre eigenen „Sklaven“ knieten derweil hinter ihrem Platz, wo sie Savara nur durch ihr Erscheinungsbild blamieren konnten. „Wieso nehmt Ihr Frauen in Eure kleine Armee auf, wenn sie bei Euch nichts zu sagen haben?“

„Weil sie mir nützlich sind und Stärke und Talent besitzen.“

„All diese Eigenschaften, treffen auch auf mich zu, mein König“, erwiderte Savara und fragte sich, ob er die Ichani-Frauen nach dem Sieg über Kyralia für ihre Dienste entlohnen würde. Auch wenn sie nur einige wenige waren, konnten sie dem König und seinen Leuten unbequem werden. Mit einem kleinen Stück Land in Kyralia würden sie indes weit fort von Arvice und Marika sein und ihm keinen Ärger bereiten.

Die Vallookaugen blitzten gefährlich. „Wir werden sehen, wie groß Eure Nützlichkeit für mich ist, wenn Ihr Euer Können unter Beweis stellt.“

Savara hob ihren Weinkelch. Dass Marika ihre Fähigkeiten auf die Probe stellen würde, war zu erwarten gewesen. Sie durfte nicht zu viel davon preiszugeben, damit er nicht erkannte, was sie war. „Dann testet mich“, forderte sie ihn heraus. „Ihr wärt überrascht.“

Marika betrachtete sie finster. Es war offenkundig, dass er ihr gewagtes Auftreten missbilligte, doch das kümmerte Savara nicht. Sie wusste, er würde sie wollen, da er gute und fähige Leute für seinen Feldzug gegen Kyralia brauchte.

„Erzählt mir mehr über Eure Herkunft“, befahl er.

„Sehr gern, mein König“, erwiderte Savara lächelnd. Sie biss erneut in ihre Pachi und spülte den Bissen mit einem Schluck Wein hinunter. Für sachakanische Verhältnisse war dieser überraschend gut. Aber Marika war der König.

„Ich bin eine Ichani, weil meine Mutter eine war. Ob sie mich mit einem anderen Ichani oder einem ihrer Sklaven gezeugt hat, weiß ich nicht. Sie hat mich alleine großgezogen, wobei sich natürlich auch ihre Sklaven um mich gekümmert haben. Von ihr habe ich gelernt, dass es eine Zeit gab, in der Sachaka sehr viel größer und mächtiger war, und dass es keine Ichani gab, weil genug Land für alle da war. Eines Tages geriet sie in einen Streit mit einem anderen Ichani. Sie kämpften gegeneinander und meine Mutter unterlag.

„Von da an war ich auf mich allein gestellt. Ich war gerade dreizehn. Nur zwei Sklaven meiner Mutter und ich kamen davon. Wir flohen tiefer in die Berge, weil der Ichani sonst auch uns getötet hätte. Meine Mutter hatte mich bereits in die Geheimnisse der Magie eingeweiht, doch ich war schwach. Sie hatte mir gezeigt, wie man sich mit höherer Magie stärken kann, aber sie sagte, ich solle sie erst benutzen, wenn ich erwachsen war, weil es die Entwicklung meines natürlichen Potentials stören konnte.“

„Warum hat sie es Euch dann so früh gezeigt?“

„Weil das Leben als Ichani gefährlich ist. Sie gab mir ihr Wissen, sobald ich alt genug war, um es zu verstehen, für den Fall, dass sie sterben würde.“

Der König fuhr sich mit Daumen und Zeigefinger über sein Kinn. „Erzählt mir, wie Ihr nach dem Tod Eurer Mutter überlebt habt.“

„Ich versteckte mich mit den beiden Sklaven in den Bergen. Da ich sehr gut im Spurenlesen bin, konnte ich anderen Ichani aus dem Weg gehen. Meine eigene Magie genügte, um dort zu überleben. Ab und zu machte ich Ausflüge zur nächstgelegenen Straße, wo ich ausländischen Reisenden auflauerte, die allein oder in kleinen Gruppen unterwegs waren. Nachdem ich sie getötet hatte, halfen mir meine Sklaven, sie zu plündern. Meistens erbeutete ich Kleidung, Werkzeuge, Tauschgegenstände und manchmal etwas Luxuriöses wie Wein.

„Mit der Zeit wuchsen meine natürlichen Kräfte und ich konnte größere Gruppen überfallen. Wenn man mit vierzehn einen ausgewachsenen Mann mit Magie tötet, hat man sich fast erschöpft, müsst Ihr wissen. Aber ich verlor mein eigentliches Ziel nie aus den Augen. Ich wollte den Ichani finden, der meine Mutter getötet hatte und Rache nehmen. Dieser Gedanke hielt mich all die Jahre über am Leben. Als ich älter wurde, begann ich jeden Tag Kraft von meinen Sklaven zu beziehen. Von da an durchstreifte ich die Berge und die Ödländer auf der Suche nach diesem Mann.

„Es dauerte mehr als ein Jahr, bis ich ihn endlich aufgespürt hatte. Fast hatte ich befürchtet, ein anderer Ichani hätte ihn bereits getötet. Doch dann fand ich ihn endlich in der Nähe des unbefestigten Passes nach Kyralia, wo er einer Gruppe Händler auflauerte. Er war in Begleitung eines weiteren Ichani. Nach dem geglückten Überfall teilten sie die Beute untereinander auf und feierten ihren Erfolg, indem sie ein erbeutetes Fass Wein öffneten. Sie gaben sogar ihren Sklaven davon zu trinken.

„Während sie ihren Rausch ausschliefen, schlich ich mich in ihr Lager und tötete zunächst die Sklaven im Schlaf. Meine Sklaven plünderten derweil die Karren und Zelte der Ichani. Als ich den Mörder meiner Mutter töten wollte, wurde der andere Ichani plötzlich wach. Bevor ich es verhindern konnte, hatte er meine Sklaven getötet, die mir so lange so treu gedient hatten. Sie …“, sie stockte, als würde die Erinnerung sie schmerzen, während sie an etwas anderes dachte, das einen echten Schmerz in ihr hervorrief, „ … waren das Letzte, was mir von meiner Mutter geblieben war.“

Marika betrachtete sie mit ausdrucksloser Miene. Savara konnte nicht sagen, ob er Mitgefühl empfand oder ob ihre Geschichte ihn kalt ließ.

„Ich war genötigt, gegen den anderen Ichani kämpfen. Der Mörder meiner Mutter war inzwischen ebenfalls wach geworden. Wären sie nicht noch immer betrunken gewesen, wäre es ihnen sicher gelungen, mich zu besiegen, doch am Ende gewann ich den Kampf. Ich blieb eine Weile in der Nähe und besorgte mir neue Sklaven. Von da an scheute ich keine Konfrontation mehr mit anderen Ichani. Die meiste Zeit blieb ich jedoch für mich.“

Savara trank einen Schluck Wein und sah den König erwartungsvoll an. Würde er ihre Geschichte glauben? Den Teil mit den Sklaven fand sie noch besser gelungen, wie als sie ihren Begleitern diese Geschichte vorgetragen hatte. Und es erklärte, warum es allesamt Kyralier waren.

König Marika lehnte sich auf seinem Thron zurück. „Eine überzeugende Geschichte“, sagte er, während er über seinen kurzen Kinnbart strich. „Vielleicht ein wenig zu überzeugend.“

Savara senkte den Blick in einer unterwürfigen Geste. „Mein König, wieso sollte ich lügen?“

„Es ist selten, dass einzelne Ichani mir ihre Unterstützung in meinem Krieg anbieten. Besonders einzelne Frauen erwecken mein Misstrauen.“

„Warum?“, fragte Savara unschuldig.

„Habt Ihr je von den Verrätern gehört?“

Sie stieß ein wütendes Zischen aus. „Eine dieser Missgeburten ist mir einmal begegnet. Unser Treffen ging nicht gut aus. Für sie.“

„Die Verräter sind ein lästiges, manchmal aber auch nützliches Übel.“ Marika winkte den Sklaven mit dem Wein zu sich heran, damit dieser seinen Kelch auffüllte. „Sie lehnen meinen Krieg und den damit verbundenen Aufstieg Sachakas zu einem Land, das überall in der Welt respektiert wird, ab.“ Er griff nach einer Frucht, die ein anderer Sklave ihm in einer kleinen Schale entgegen hielt. Während er sie kaute, durchbohrte er Savara erneut mit seinen kalten, raubvogelartigen Augen. „Ich gehe davon aus, dass eine von ihnen sich in meine Armee einschleichen und gegen mich intervenieren wird.“

Savara versuchte, ihr wachsendes Unbehagen zu verbergen. Ahnte er, dass das gerade geschah? Sollte sie ihm anbieten, mögliche Kandidatinnen auszuspionieren?

„Sind die Verräter überhaupt stark genug, um Eure Pläne zu durchkreuzen?“, fragte sie unschuldig.

„Niemand kennt ihre genaue Zahl oder Stärke“, antwortete Marika. „Es heißt, sie sind weniger als hundert. Trotzdem ist es ein Fehler, sie zu unterschätzen.“

„Ich verstehe.“ Savara griff nach einer Frucht und lutschte daran, wobei sie Marika aus gesenkten Lidern beobachtete. Er gab es nicht zu, doch er fürchtete ihr Volk. Vielleicht konnte sie das zu ihrem Vorteil nutzen. „Wenn ich eine von denen wäre, dann würde ich mich einer Gruppe Ichani anschließen, um unerkannt zu bleiben.“

„Oder alleine zu mir kommen und genau das behaupten.“

Savara erstarrte. Dann schenkte sie Marika ein verführerisches Lächeln. „Mein König, haltet Ihr mich wirklich für eine von diesem Pack?“

„Die Möglichkeit besteht.“

„Aber die Ichani oder Eure eigenen Ashaki könnten Euch ebenso betrügen.“

Marikas Gesicht verfinsterte sich. Anscheinend schätzte er es nicht, belehrt zu werden. Savara hoffte, das würde ihn darin bestärken, dass sie tatsächlich war, was sie zu sein vorgab.

„Wenn meine Worte Euch nicht überzeugen können, dann vielleicht meine Gedanken“, sagte sie.

Der König wirkte erheitert. „Ich nehme niemanden in meine Armee auf, ohne mich von der Aufrichtigkeit seiner Absichten überzeugt zu haben.“ Er winkte sie zu sich. „Kommt her.“

Savara übergab ihren Weinkelch wieder dem Sklaven und trat vor den Thron.

„Kniet nieder.“

Sie gehorchte widerwillig. Verräter knieten nicht. Und Ichani vermutlich auch nicht. Doch sie würde das hier ertragen müssen, wenn sie ihr Ziel erreichen wollte.

Marika zog seine Handschuhe aus, dann berührten seine prankenartigen Hände ihre Schläfen. Instinktiv richtete Savara ihren Willen auf den Geheimniswahrer in ihrem Nacken. Dann zeigte sie ihm, was er sehen sollte.

„Ihr seid vorerst aufgenommen“, erklärte Marika, nachdem er das Verhör beendet hatte. „Ich werde Euch in meinem Gästehaus unterbringen, wo bereits einige von Euresgleichen wohnen. Eure Fähigkeiten werden bald getestet. Wenn ich entscheide, dass Ihr etwas taugt, werdet Ihr mir einen Eid leisten müssen, der Euch für die Dauer dieses Krieges an mich bindet. Wenn Ihr diesen Eid erfüllt habt, werde ich Euch im Falle eines Sieges eine Belohnung zukommen lassen.“

„Ich stehe in Eurer Schuld“, erwiderte Savara, erleichtert, weil sie die erste Hürde geschafft hatte. Sie war jedoch sicher, Marika würde sie im Auge behalten. Und sie war erfreut und überrascht, wie gut der Geheimniswahrer in der Praxis funktionierte. Sie entschied, einen letzten unschuldigen Versuch zu wagen, um die Absichten dieses Mannes herauszufinden. „Aber was, wenn wir die Kyralier besiegen und das Land nicht ausreicht?“

König Marikas kaltes Lächeln ließ Savara erschaudern.

„Ichani Dakira, seid versichert, das Land wird ausreichen.“


***


Während Sonea ihrer Tante bei der Vorbereitung des Essens half, unterzog ihr Onkel Akkarin einer Art Verhör. Ranel war offenkundig zu der Erkenntnis gelangt, dass der schwarzgewandete Magier keine Bedrohung für ihn darstellte. Sonea versuchte, das gelassen zu nehmen. Ihr Onkel wollte sich nur vergewissern, dass sie in guten Händen war.

„Wie geht es dir und Ranel?“, fragte sie ihre Tante, als er Akkarin gerade dazu nötigte, über sein Vermögen und sein Gehalt Auskunft zu geben.

„Es geht uns gut“, antwortete Jonna. „Wir haben beide wieder Arbeit gefunden. In ’ner Wäscherei, die die reicheren Leute im Nordviertel beliefert. Aber wir müssen uns abwechseln wegen der Kinder. Wenn Ranel arbeitet, flicke ich zuhause Körbe, was uns zusätzlich was einbringt.“

„Und das Geld reicht auch, um Sonea zu versorgen?“, hörte Sonea ihren Onkel fragen. „Ich hab’ gehört, für die Magier wär’ alles viel teurer als für uns einfache Leute.“

Sonea verdrehte die Augen und verkniff sich, Ranel eine Bemerkung darüber zuzurufen, dass auch sie nach ihrem Abschluss ein Gehalt von der Gilde erhalten würde und nicht darauf angewiesen war, von ihrem Mann versorgt zu werden.

Sie wandte sich wieder ihrer Tante zu. „Kommt ihr klar?“, fragte sie, während sie Crots aus ihren Schoten löste und in eine kleine Schüssel gab.

„Meistens, ja“, antwortete Jonna. „Wenn Ranel nicht arbeiten kann, weil sein Bein wieder schlimmer ist, ist’s schwer. Den halben Winter konnt’ er kaum vor die Tür. Jetzt, wo der Schnee schmilzt, wird sein Bein aber wieder was besser.“

„War er schon in dem neuen Krankenhaus?“

Jonna nahm ein Messer und hackte eine Monyo klein. „Sonea, du weißt doch, wie er ist. Wenn ihr zwei blutsverwandt wärt, würd’ ich sagen, du hast seine Sturheit geerbt.“

Sonea schnaubte lautstark. „Die Heiler könnten ihm helfen. Und er bräuchte dafür nichts zu bezahlen.“

„Wenn er im Sterben läg’, würde er vielleicht drüber nachdenken.“

„Soll ich mir sein Bein nachher einmal ansehen?“

Ihre Tante wandte sich ihr zu. In den dunklen Augen, die denen von Soneas Mutter so ähnelten, leuchtete Hoffnung auf. „Weißt du denn, was du tun musst?“

„Ich kann ihn zumindest untersuchen“, antwortete Sonea. „Wenn ich ihm nicht helfen kann, werde ich ihn ins Krankenhaus schicken.“ Sie bedachte ihre Tante mit einem finsteren Blick. „Und ich werde dafür sorgen, dass er auch dorthin geht.“

Jonna lachte. „Hai! Das will ich sehen!“

Sonea grinste und warf einen Blick zu den beiden Männern. Inzwischen tranken sie Bol.

„Was wird sich für Soneas Ausbildung ändern, wenn Ihr verheiratet seid?“, fragte Ranel.

„Sie bleibt meine Novizin, bis sie ihren Abschluss macht“, antwortete Akkarin. Zu Soneas Bewunderung wirkte er ob der Befragung völlig ruhig und gelassen.

„Aber“, begann Ranel verwirrt, „ist’s nicht ziemlich wild, sie zu unterrichten und zugleich mit ihr zusammen zu sein? Wie kann sie dabei lernen?“

„Sonea ist die Beste in ihrem Jahrgang. Meine Ansprüche an sie sind hoch. Die persönlichen Gefühle, die sie für mich hegt, kommen mir dabei eher entgegen, als dass sie hinderlich wären.“

Sonea verdrehte die Augen. „Wie lange will er das noch machen?“

Jonna kicherte. Sie warf die zerkleinerte Monyo und die Crots in einen Topf, in dem bereits mehrere Rassookkeulen vor sich hin köchelten. Ein angenehm würziger Geruch stieg in Soneas Nase, bevor ihre Tante den Topf mit einem Deckel verschloss.

„Lass Ranel seinen Spaß“, sagte sie sanft. „Es ist das erste Mal, dass du wen mitbringst, der dir gefällt.“

„Und es wird auch das letzte Mal sein“, sagte Sonea finster. „Ich heirate ganz bestimmt kein zweites Mal.“

Ihre Tante lächelte wissend. „Also ist’s dir ernst.“

„Ja.“ Sonea spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. „Ich liebe ihn.“ Eigentlich war es sehr viel mehr als das, aber sie hätte nicht gewusst, wie sie das ihrer Tante erklären sollte.

Während des Essens erzählte Sonea, was ihr widerfahren war, seit sie Jonna am Tag vor der Schlacht von Imardin gesehen hatte. Sie berichtete ihnen von ihrem Studium, ihren neuen Freunden und wie es dazu gekommen war, dass Akkarin ihr den Heiratsantrag gemacht hatte. Sie verschwieg ihrer Familie jedoch alles, was mit den Sachakanern und dem bevorstehenden Krieg zu tun hatte. Sollten die Sachakaner wirklich bis Imardin kommen, würden die Hüttenleute keine Chance gegen sie haben. Sonea wollte nicht, dass ihre Familie die ihnen noch bleibende Zeit in Furcht lebte.

„Wann wirst du mit deinem Studium fertig sein?“, fragte ihr Onkel.

„Nächstes Jahr im Sommer.“ Sonea schlang einen Arm um den zweijährigen Kerrel, der auf ihrem Schoß herumtollte.

Ranel runzelte die Stirn. „Aber dann heiratet ihr noch vorher“, stellte er fest.

Sie nickte.

„Ist das nicht was früh?“

„Es ist nur eine Formsache“, erwiderte Sonea. „Es wird nichts ändern.“

Ihr Onkel schürzte die Lippen. „Meiner Meinung nach gehört es sich nicht, wenn ’ne Novizin was mit ihrem … Lehrer hat. Mit ihm verheiratet zu sein ist noch schlimmer.“ Er warf einen kurzen Blick zu Akkarin, der kaum merklich die Augenbrauen hob. „Nicht, dass ich deinen Liebsten nicht für höchstanständig halten würde, aber ich finde, ihr hättet warten sollen.“

„Es war die einzige Möglichkeit, unter der es uns erlaubt war, zusammenzubleiben“, sagte Sonea hart. Sie betrachtete Ranel unwillig. Glaubt er wirklich in dieser Sache ein Mitspracherecht zu haben? „Als Akkarin und ich zusammenkamen, hatte die Gilde uns ausgestoßen. Also konnten wir damit auch gegen keine Regel verstoßen.“

„Ranel“, sagte Jonna sanft. „Sonea ist erwachsen. Sie trifft ihre Entscheidungen selbst.“

„Allerdings“, murmelte Sonea. Sie blickte über den Tisch zu Akkarin. Seine großen Hände hielten ihre Kusine fest, die offenkundig völlig in ihn vernarrt war. Einen Augenblick gab sie sich der Vorstellung hin, eines Tages mit ihm Kinder zu haben. Falls sie den Krieg überlebten und die Sachakaner keine Bedrohung mehr darstellten …

Als ihre Blicke sich begegneten, machte ihr Herz einen Sprung.

„Ich muss doch rausfinden, ob Lord Akkarin der Richtige für unsere Sonea ist“, verteidigte Ranel sich.

„Das wird Sonea besser beurteilen können als du“, erwiderte Jonna. „Und jetzt lass gut sein. Lord Akkarin soll nicht denken, wir wären grob und ungehobelt.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Dazu besteht kein Anlass“, sagte er. „Ich hatte bereits mehrere Gespräche dieser Art mit Soneas ehemaligem Mentor. Diese waren bei weitem unangenehmer.“

Sonea begann zu lachen. „Mit Rothen? Also, das glaube ich dir nicht!“

„Nun, er hatte einiges loszuwerden.“

Als die Dämmerung einsetzte, verabschiedeten Sonea und Akkarin sich. Zu Soneas Freude hatten Jonna und Ranel versprochen, zu ihrer Hochzeit zu kommen. Sonea hatte erklärt, sie würde ihnen Luzilles Schneider vorbeischicken, um die beiden passend einzukleiden. Ihre Tante und ihr Onkel würden niemals von sich aus zu einem Schneider gehen, um sich teure Kleider machen zu lassen. Nicht einmal das Geld dafür hätten sie von ihr angenommen. Also würde Sonea Verrane bei seinem nächsten Besuch sagen, er solle die Rechnung an sie ausstellen.

Garrel und Iskren erwarteten sie mit griesgrämigen Gesichtern, als sie endlich hinaus auf die Straße traten.

- Es ist besser gelaufen, als ich befürchtet habe, sandte Sonea, während sie durch die dunkler werdenden Straßen zurück zur Universität eilten. Ich glaube, sie mögen dich.

- Besonders die kleine Hania, antwortete Akkarin.

Sonea lächelte, als sie daran zurückdachte, wie überrascht Jonna und Ranel gewesen waren, dass ihre beiden Kinder so begeistert von Akkarin waren.

- Das sollte sie wirklich überzeugt haben!

- Sie hat magisches Potential.

Sie wandte den Kopf und starrte ihn an.

- Hast du sie geprüft?

- In gewisser Weise, ja.

Sonea fragte sich, was das schon wieder zu bedeuten hatte. Hatte er Hania absichtlich getestet, weil er wusste, dass Sonea ihr magisches Talent von der Familie ihrer Mutter geerbt hatte?

- Ich wusste es, sobald ich sie berührt habe, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage.

- Warum habe ich es dann nicht gespürt?, fragte Sonea. Ich habe sie auch eine Weile gehalten.

- Sie ist ein Kleinkind, Sonea. Würdest du nach ihrem magischen Potential suchen, müsstest du es so tun, wie du es gelernt hast.

Das konnte nur eines bedeuten. Es war eine seiner seltsamen Fähigkeiten, die ihm das ermöglichte. Sonea fragte sich, wozu er noch alles fähig war und ob sie diese Fähigkeiten eines Tages auch besitzen würde, wenn sie weiter schwarze Magie praktizierte.

Als sie die Stadttore passierten, schlug Akkarin ein schnelleres Tempo an. Er hatte Soneas Hand genommen und zog sie nahezu durch die Straßen. Sonea hatte Mühe mit ihm Schritt zu halten. Sie glaubte, eine Beunruhigung bei ihm zu spüren.

- Was ist los?, fragte sie. Sind wir so spät dran?

- Savara ist in Arvice angekommen. Sie will uns Bericht erstatten.


***


Rothen eilte in das Büro des Administrators, wo er von Balkan, Lord Garrel, Lord Vorel und Akkarin und Sonea erwartet wurde.

„Was ist passiert?“, fragte er atemlos. Sonea und Akkarin waren heute in der Stadt gewesen, um Soneas Familie zu besuchen. Garrel hatte zu der Eskorte gehört, die Balkan zu diesem Zweck angeordnet hatte. Das Oberhaupt der Krieger wirkte so griesgrämig, als wäre der ganze Tag eine Bestrafung gewesen.

Eine ungute Ahnung beschlich Rothen. Waren Sonea und Akkarin in der Stadt auf Sachakaner getroffen? Er wollte sich nicht ausmalen, was das bedeuten konnte.

„Savara hat heute Arvice erreicht“, klärte der Hohe Lord ihn auf. „Sie hat ihre Audienz bei Marika bereits hinter sich. Akkarin sagt, sie habe sie einige Neuigkeiten für uns. Wir warten nur noch, dass er Rest von uns eintrifft.“

Rothen ließ sich in einen Sessel fallen. Mit einem Mal fühlte er sich entsetzlich schwach. Was, wenn der sachakanische König bereit war, nach Kyralia zu marschieren? Akkarins Spionin würde sich wohl kaum melden, nur um zu berichten, dass sie wohlbehalten in Arvice eingetroffen war und ihr Versuch, sich Marika anzuschließen, erfolgreich gewesen war. Es sei denn, sie hatte Spaß daran, die Gilde am Wochenende in Aufruhr zu versetzen.

Er sah zu Sonea. Seine ehemalige Novizin saß in einem Sessel neben ihrem Gefährten. Sie wirkte neugierig, aber nur mäßig nervös. Anscheinend wusste sie keine Details, aber genug, um ruhig zu bleiben. Als ihre Blicke sich trafen, lächelte sie gewinnend.

Rothen lächelte zurück. Er überlegte, ob er sie nach ihrem Ausflug in die Stadt fragen sollte. Allein Garrels Reaktion wäre das wert gewesen. Doch das hatte Zeit bis zu ihrem gemeinsamen Mittagessen am nächsten Tag.

Die Tür ging auf und das Oberhaupt der Alchemisten trat ein. Wenige Minuten später folgten Lady Vinara und Lord Telano. Auf ihren Gesichtern spiegelten sich Verwirrung und Besorgnis wieder.

„Vor etwa zwei Stunden erhielt ich Nachricht von Savara“, begann Akkarin, nachdem alle platz genommen hatten. „Sie sagt, sie habe neue Informationen. Sie ist bereit, sie den höheren Magiern direkt mitzuteilen.“

Die höheren Magier rückten näher zusammen. Rothen griff nach den Händen seiner Sitznachbarn. Sofort blitzte ein Bild in seinem Geist auf.

Er saß auf einer gepolsterten Bank inmitten eines geräumigen, luxuriös ausgestatteten Zimmers. An der Wand neben einem Fenster, dessen Seiten nach oben in einem eleganten Bogen zusammenliefen, stand ein mit exotisch-bestickten Decken und Kissen dekoriertes Bett. An den Wänden brannten seltsamerweise Fackeln. Sofort wusste er, dass er sich im Gästehaus von König Marikas Palast befand.

- Savara, erzähl den höheren Magiern, was du herausgefunden hast, befahl Akkarin.

Rothen konnte spüren, wie sie beim Klang seiner Stimme zusammenzuckte. Anscheinend hatte Akkarin ihnen nicht zu viel versprochen, als er den höheren Magiern versichert hatte, dass er die Sachakanerin unter Kontrolle hatte. Wenn Rothen daran dachte, was sie dem schwarzen Magier angetan hatte, verstand er zu gut, dass Akkarin sie auf diese Weise bestrafen wollte.

- Heute Vormittag kam ich in Arvice an, begann die Spionin. Nachdem ich mein Äußeres verändert hatte, um nicht von einem ehemaligen Auftraggeber erkannt zu werden, begab ich mich zum Palast und ersuchte eine Audienz. Ich gab mich als Ichani aus, die bereit ist, Marika bei seinem Krieg zu unterstützen. Marika empfing mich sofort. Er fragte mich lange über meine Motive aus, warum ich alleine zu ihm komme, wie lange ich schon als Ichani lebe, und dergleichen. Er ist einzelnen Ichani gegenüber ziemlich misstrauisch, besonders den Frauen, weil er fürchtet, eine Verräterin könnte seine Pläne ausspionieren. Die meisten Ichani, die sich ihm anschließen, kommen wohl in kleineren Gruppen von Ichani, mit denen sie ein mehr oder weniger loses Bündnis haben.

- Heißt das, es haben sich ihm bereits Ichani angeschlossen?

- Ja. Bis jetzt weiß ich von zwanzig, die wie ich im Gästehaus einquartiert sind. Marika bewirtet sie mit dem besten Essen und dem teuersten Wein, um sie bei Laune zu halten. Sie machte eine Pause und fuhr dann amüsiert fort: Und er lässt sie bewachen, obwohl er sich davon überzeugt hat, dass sie die Gelegenheit nicht nutzen werden, um ihm Ärger zu bereiten.

- Er hat ihre Gedanken gelesen?, fragte Lady Vinara entsetzt.

- Genau das heißt es, erwiderte Savara süffisant. Mit ihren Worten sandte sie eine Gemütsregung, die darauf schließen ließ, dass Marika das auch bei ihr getan hatte. Wie sollte er sich sonst davon überzeugen?

- Was hast du ihm erzählt, damit er dich aufnimmt?

- Eine rührselige Geschichte über ein Ichani-Mädchen, das seine Mutter verloren hat. Die Frage schien Savara zu erheitern. Wollt Ihr sie hören?

- Nicht nötig, winkte Balkan ab.

- Hat Marika das geglaubt?, fragte Lady Vinara.

- Ja. Solche Schicksale sind unter den Ausgestoßenen nicht selten. Wir haben nicht eure Definition von Liebe und Loyalität. Aber das macht uns stärker, als ihr es je sein könntet.

Vinara zischte empört. Rothen konnte ihren Zorn durch die mentale Verbindung spüren.

„Was fällt ihr ein …“, murmelte Osen.

- Genug davon, Savara!, sagte Akkarin scharf. Komm zurück zum Thema.

- Ja, Lord Akkarin, grollte die Spionin.

Bei ihren Worten verspürte Rothen für einen kurzen Moment einen unterdrückten Zorn, so als würde sie Akkarin hassen, weil sie ihm gehorchen musste. Rothen lächelte humorlos. Er hatte selbst am eigenen Leib erfahren, wie gut der schwarze Magier darin war. Anscheinend gelang ihm das auch über große Distanzen und bei einer schwarzen Magierin. Hätte er nicht die Gründe gekannt, aus denen der ehemalige Hohe Lord die Sachakanerin unter seine Kontrolle gebracht hatte, hätte er nicht für möglich gehalten, dass sie überhaupt kooperieren würde.

- Ich habe behauptet, dass meine Sklaven die Beute von einem Überfall auf ein paar kyralische Händler seien, fuhr Savara fort. Außerhalb meines Gästequartiers habe ich sie nicht gerade sanft behandelt, was meine Rolle glaubwürdiger gemacht hat.

- Sind sie wohlauf?, fragte Lady Vinara.

- Ich habe sie auf solche Situationen vorbereitet, antwortete Savara. Die Schrammen und Blutergüsse sollten in ein paar Tagen verschwinden. Ich bedaure das, aber nur so konnte ich Marika überzeugen, keine Verräterin zu sein.

Lady Vinara murmelte etwas Unverständliches.

- Gehört Ihr jetzt offiziell zu seiner Armee?, fragte Garrel.

- Ja. Allerdings will er meine Fähigkeiten noch testen, um zu sehen, wie viel ich tauge. Das sollte aber keine Schwierigkeiten machen. Wir Verräter sind die geschickteren Kämpfer. Sie kicherte. Wir sind sogar weitaus geschickter als die meisten Ashaki. Selbst wenn ich unter meinem Niveau kämpfe, um meine Identität nicht preiszugeben, sollte es mir gelingen, Marika von mir zu überzeugen.

- Wird Euer Beitritt ein Problem für seine übrigen Anhänger sein?, fragte das Oberhaupt der Krieger weiter.

- Das habe ich ihn auch gefragt. Er sagte, viele Ashaki wären inzwischen bereit, mit Ichani zusammen zu kämpfen, um Kyralia zu unterwerfen. Den Ichani ist das egal, solange sie ein Stück Land in Kyralia erhalten und wieder in die Gesellschaft aufgenommen werden. Marika behauptet, wegen Land bräuchte sich niemand, der für ihn kämpft, sorgen.

- Was soll das heißen?, hakte Balkan nach.

- Das hat er nicht gesagt. Aber ich habe so eine Ahnung, was er damit gemeint haben könnte. Ich habe versucht, das Gespräch in diese Richtung zu lenken, ohne sein Misstrauen zu erregen. Er sagte jedoch nur, jeder der ihm hilft, Sachaka wieder zu seiner einstigen Größe zu verhelfen, werde ein angemessenes Stück fruchtbares Land erhalten.

Ein paar Magier schnappten entsetzt nach Luft.

„Was hat das zu bedeuten?“, fragte Rothen laut. Er ahnte jedoch, die Antwort bereits zu kennen.

„König Marika beabsichtigt, Elyne ebenfalls einzunehmen“, erklärte Akkarin ruhig. „Wenn er erst einmal Kyralia unterworfen hat, ist die Gilde nahezu ausgelöscht. Elyne zu erobern, käme einem Spaziergang gleich.“

Nein, dachte Rothen entsetzt. Die Möglichkeit, dass sich Elyne ebenfalls in Gefahr befand, stand nicht zum ersten Mal im Raum. Allerdings fühlte sich das jetzt, wo sie Marikas indirekte Bestätigung hatten, nicht mehr wie eine bloße Hypothese an. Das wäre nicht nur der Untergang der Gilde, sondern auch der Verbündeten Länder und den Werten, die sie repräsentierten. Lonmar, Vin und Lan würden den Sachakanern nicht mehr viel entgegenzusetzen haben, wenn es soweit kam.

„Wie sicher ist das?“, fragte Balkan.

Akkarin gab die Frage an Savara weiter.

- Das ist schwierig zu beantworten, sandte die ehemalige Verräterin. Viele Sachakaner wünschen sich das Große Imperium zurück. Besonders jene, die kein oder nur wenig fruchtbares Land haben, erhoffen sich durch den Krieg eine neue Chance. Hier setzt Marikas Propaganda ein. Um den in unserem Land noch immer herrschenden Bürgerkrieg zu beenden, stellt er neues Land in Aussicht. Während die ärmeren Ashaki sich ihm freudig anschließen, fürchten die wohlhabenden jedoch um ihre Macht. Und kaum ein Ashaki will die Ichani wieder in der Gesellschaft sehen. Marika kann nicht alle zufriedenstellen, indem er Kyralia unter ihnen aufteilt. Er wäre gezwungen, auch Elyne zu unterwerfen.

- Finde mehr darüber heraus, wies Akkarin sie an.

- Was genau wollt Ihr wissen?

- Die bisherige Größe seiner Armee und seiner nicht-militärischen Unterstützer; wie groß seine Armee wäre, wenn alle Ashaki und Ichani sich ihm anschließen; wie wahrscheinlich eine Eroberung Elynes ist und ob sein Plan, die Gilde zum Sommernachtsfest anzugreifen, noch aktuell ist, antwortete der schwarze Magier.

- Ich werde sehen, was ich tun kann, ohne Misstrauen zu erwecken, versprach Savara.

- Savara, ist das alles, was Ihr zu berichten habt?, fragte der Hohe Lord.

- Ja. Ich werde versuchen, Kontakt zu den Ichani aufzunehmen. Sie sollten mir gegenüber redseliger sein als die Ashaki. In ein paar Wochen soll ein Fest im Palast stattfinden, zu dem Marika weitere potentielle Bündnispartner eingeladen hat. Ich werde die Gelegenheit nutzen, um ein paar Informationen zu erhalten. Sobald ich etwas Brauchbares erfahre, melde ich mich.

Das luxuriöse Zimmer und Savaras Präsenz lösten sich auf. Rothen öffnete die Augen und blinzelte. Akkarin ließ Balkans Hand los, während Sonea sich zu nur zögernd von ihrem Gefährten löste.

„Elyne also“, brummte Balkan. Er machte ein Gesicht als habe er an einer unreifen Marin gelutscht. „Lord Akkarin, Eure Idee diese Frau Marikas Pläne ausspionieren zu lassen, hat sich als ausgezeichneter Kyrima-Zug erwiesen.“

„Ich danke Euch, Hoher Lord“, erwiderte Akkarin kühl.

Administrator Osen fuhr sich über die Stirn. „Was werden wir jetzt unternehmen?“

„Gar nichts“, antwortete Akkarin. „Wir bleiben bei unserem Plan.“

Rothen und seine Kollegen starrten ihn entsetzt an. Sogar Sonea wirkte verunsichert.

„Wir können die Gefahr für Elyne doch nicht ignorieren!“, sagte Lady Vinara. „Die Menschen dort müssen gewarnt werden. Vielleicht müssen wir sie evakuieren.“

„Dazu ist es zu früh. Solange nicht sicher ist, dass Marika auch Elyne angreift, würden wir mit einer Warnung eine unnötige Panik auslösen. Zudem gibt es Handelsbeziehungen zwischen Sachaka und Elyne. Marika könnte auf diesem Weg erfahren, dass wir seine Pläne kennen. Wir sollten dieses Risiko nicht eingehen. Dank Savara werden wir genau wissen, wann die Sachakaner gegen uns ausrücken. Wir sollten die verbleibende Zeit für unsere Vorbereitungen nutzen und Schutzvorkehrungen für den Fall treffen, dass es den Sachakanern gelingt, nach Kyralia einzudringen. Botschafter Errend von Elyne sollte informiert werden, damit der elynische König und seine Berater im Geheimen Maßnahmen für ihr eigenes Land treffen können.“

Der Hohe Lord nickte langsam. „Dann machen wir es so.“ Er sah in die Runde. „Den Anwesenden ist es verboten, in Gegenwart anderer über die Absicht der Sachakaner, Elyne anzugreifen, zu sprechen. Wenn niemand mehr etwas zu sagen hat, erkläre ich unser Treffen für beendet.“

Die höheren Magier erhoben sich und verließen Osens Büro. Rothen versuchte sich von der Aussicht, die Sachakaner könnten auch Elyne erobern, nicht entmutigen zu lassen. Noch war nichts entschieden und die Sachakaner würden sich erst der Gilde stellen müssen, bevor sie sich dem Land im Norden annahmen.

„Lord Akkarin, auf ein Wort bitte.“

Balkan hatte die Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete Akkarin unwillig. Der schwarze Magier wandte sich zu Sonea und sagte etwas zu ihr, das Rothen nicht verstehen konnte. Dann verließen die beiden Männer das Büro. Sonea blickte ihnen verwirrt nach.

Rothen trat zu seiner ehemaligen Novizin und berührte sanft ihren Arm. „Ist alles in Ordnung?“

Sie zuckte die Schultern. „Vielleicht haben Garrel und Iskren wilde Geschichten über unseren Ausflug in die Stadt erfunden. Oder es passt Balkan nicht, dass Akkarin mich mitgebracht hat.“

Rothen kicherte, während sie auf den Flur traten. „Das glaubst du doch nicht wirklich, oder?“

„Kann ich die Gedanken anderer lesen, ohne danach zu greifen?“, gab sie zurück.

„Nein, das kannst du nicht.“ Rothen schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Mach dir keine Sorgen. Ich bin sicher, Akkarin wird mit ihm fertig.“

Ihre dunklen Augen blitzten. „Allerdings!“

Sie schritten durch den verlassenen Flur in die Eingangshalle.

„Was denkst du?“, fragte Rothen. „Liegt Savara mit ihrer Vermutung richtig?“

Sonea runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht“, sagte sie leise. „Vielleicht tut sie das. Ich habe keine Ahnung von Politik. Strategisch betrachtet macht es jedoch Sinn.“

Plötzlich kam Rothen ein schrecklicher Verdacht. Er traute sich kaum, diese Frage zu stellen. Aber er musste es wissen.

„Hat Akkarin vorhin versucht uns zu beruhigen, weil er weiß, dass unsere Situation hoffnungslos ist?“

Sonea hielt inne. Ihre Augen weiteten und sofort bereute er seine Worte.

„Tut mir leid“, sagte er. „Ich dachte nur, er hätte vielleicht dir gegenüber irgendetwas durchblicken lassen.“

Sonea musterte ihn. Als sie sprach, lag eine Härte in ihrer Stimme, die ihn erschaudern ließ.

„Rothen, wenn das wirklich so ist, wie Ihr sagt, dann wird er selbst zu mir kein Wort darüber verlieren.“


***


Dannyl holte tief Luft und straffte seine Schultern. Dann folgte er Asara in den großen aus dem Fels gehauenen Saal, in dem sich das Volk der Verräter zu gesellschaftlichen Zusammenkünften traf. Sich der neugierigen Blicke der Anwesenden wohlbewusst, ließ er seinen Blick durch die riesige Höhle schweifen. Die glatten Wände waren mit seltsamen, sehr alt aussehenden Malereien übersät. In regelmäßigen Abständen wuchsen Pflanzen aus Nischen. Entlang der Wände verströmten die leuchtenden Kristalle, die er auch entlang der Tunnel gesehen hatte, ein warmes Licht. Die Dekoration machte es Dannyl leicht zu vergessen, dass sich Unmengen von Gestein über seinem Kopf befanden, und vermittelte ihm das Gefühl, sich in einem riesigen Gebäude ohne Fenster zu befinden.

An die zweihundert Männer, Frauen und Kinder aßen an mehreren großen Tischen. Ihre Gespräche und ihr Gelächter wurden von der hohen Decke, unter der weitere leuchtende Kristalle schwebten, reflektiert. Von irgendwoher erklang leise Fliatmusik.

Welch friedliche Geselligkeit, dachte Dannyl. Asara hatte ihm erzählt, dass die Männer und Frauen der Verräter einander auf Augenhöhe begegneten, obwohl nur die Frauen über Magie geboten. Dannyl hatte das kaum glauben können, bis er es mit eigenen Augen gesehen hatte. Er fand, dass die Verräter damit fortschrittlicher, als selbst die unkonventionelleren Völker der Verbündeten Länder, wie etwa die Elyner, waren.

Beim Anblick dieser Szene fiel es ihm schwer sich vorzustellen, dass manche dieser Frauen im Auftrag anderer für Geld töten oder andere Aufgaben übernahmen, die ihren Prinzipien widersprachen. Sie tun es, um das hier zu beschützen, erkannte er plötzlich. Doch genau das würde seine Verhandlungen erschweren. Vielleicht, so überlegte er, könnte er daraus jedoch auch einen Vorteil ziehen. Er musste nur die richtigen Argumente finden …

„Dort drüben ist Savedra“, raunte Asara ihm zu. Sie wies zu einem kleinen Tisch am hinteren Ende der Halle, an dem drei Frauen saßen. „Sprecht sie mit Ehrwürdige oder Große Mutter an. Wenn Ihr sie begrüßt, genügt es, wenn Ihr respektvoll den Kopf neigt. Wir legen hier keinen Wert auf Unterwürfigkeitsgesten.“

Dannyl war die Verachtung in ihrer Stimme bei ihren letzten Worten nicht entgangen. „Gibt es noch etwas, das ich beachten sollte?“, fragte er, während sie sich Savedras Tisch näherten.

„Sehr Ihr in die Augen, wenn Ihr mit ihr sprecht.“

Er nickte.

„Ich habe Ihr von Euch erzählt“, fuhr Asara fort. „Sie wünscht, mit Euch zu speisen.“

„Habt Ihr Ärger bekommen?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie war nicht begeistert, weil ich Euch hergebracht habe, ohne dies mit ihr abzusprechen, doch sie vertraut meinem Urteil.“ Ihre Augen funkelten, als sie Dannyl ansah. „Macht Euch keine Sorgen. Sie wäre nicht unsere Anführerin, würden Toleranz und Offenheit nicht zu ihren Eigenschaften zählen.“

Obwohl die Worte der Verräterin ihn beruhigten, wünschte Dannyl sich seine Robe zurück, als sie vor Savedras Tisch stehenblieben. In der Kleidung, die man ihm gebracht hatte, fühlte er sich nicht als würde er Autorität ausstrahlten. Aber wie sollte er vor einer schwarzen Magierin, die über ein ganzes Volk gebot, überhaupt so etwas wie Autorität haben?

„Ehrwürdige Mutter, das ist Dannyl von den Gildenmagiern“, stellte Asara vor. „Er ist hier, wie du es gewünscht hast.“

Die mittlere der drei Frauen musterte Dannyl mit kühlem Desinteresse. Ihre Stirn wurde von einer feingliedrigen goldenen Kette verziert. Anders als Asara trug sie ein langes fließendes Gewand. Doch es war ihre ehrfurchtgebietende Ausstrahlung, die sie von den anderen Frauen unterschied.

„Willkommen Dannyl von den Gildenmagiern“, sagte sie.

„Ich danke Euch, Ehrwürdige Mutter“, erwiderte Dannyl und neigte leicht den Kopf. „Ich möchte Euch meinen Dank aussprechen, dass Eure Leute meine Flucht aus Arvice ermöglicht haben, obwohl Eurem Volk so sehr daran gelegen ist, verbogen zu bleiben und Neutralität zu wahren.“

Savedra neigte den Kopf zur Seite. „Eure Leute hatten bereits von meinem Volk erfahren. Das Risiko für Asara, entdeckt zu werden, war zudem gering und ihre Hilfe bei Eurer Rettung war strenggenommen keine Einmischung in Marikas Politik.“

Dannyl lächelte gewinnend. „Ich bin erleichtert, dass Ihr das so seht. Für Euer Volk steht genug auf dem Spiel, dass ich bereit gewesen wäre, einen solchen Preis für mein Leben zu zahlen, hätte ich davon gewusst.“

„Ihr seid ein Diplomat der Gildenmagier und nach allem, was man so über Euch hört, ein ausgezeichneter. Möglicherweise werdet Ihr in diesem Krieg noch eine große Rolle spielen.“

Dannyl blinzelte überrascht. Wieso wusste sie so viel über ihn? Er bezweifelte, in diesem Krieg viel bewegen zu können. Zumindest nicht bei Marika.

Savedra blickte zu den beiden Frauen, die ihr Gesellschaft leisteten. „Lasst uns allein.“

Die beiden Frauen erhoben sich. Gemeinsam mit Asara verließen sie den Tisch.

Die Anführerin der Verräter wies auf einen Platz mit einem unbenutzten Gedeck.

„Setzt Euch, Dannyl“, forderte sie ihn auf. „Nehmt Euch so viel Wein und Essen, wie Ihr wollt. Wir lassen uns hier nicht bedienen.“

„Das ist sehr freundlich von Euch“, sagte er und setzte sich.

„Wie ist Eure Unterkunft?“

Dannyl bediente sich am Rassook und nahm ein paar Stücke frisches Brot. „Hervorragend, Große Mutter“, antwortete er, während er nach dem Weinkrug langte. „Auch wenn ich zugeben muss, dass sie anders ist, als alle Quartiere, die ich bis jetzt bewohnt habe. Tatsächlich habe ich dort gar nicht das Gefühl, mich in einem Berg zu befinden.“

Sein Quartier war lichtdurchflutet und mit Möbeln aus hellem Holz ausgestattet. Hinter den großen Fenstern mit weißen, durchscheinenden Vorhängen gab es einen kleinen Balkon, von dem aus man einen großartigen Blick über das Tal hatte. Wie in dieser Halle wuchsen Pflanzen aus kleinen Nischen. Das großartigste Detail war indes die Vertiefung im Boden, die wie eine natürliche Badewanne geformt und mit heißem Wasser gefüllt war, das aus einer Öffnung im Fels kam und an einer anderen wieder darin verschwand.

„Im Herzen des Heimatberges befinden sich heiße Quellen, die unsere Wohnungen mit fließendem warmem Wasser versorgen und sie selbst im Winter angenehm warm halten“, sagte Savedra als habe sie seine Gedanken gelesen.

„Das ist sehr beeindruckend“, erwiderte Dannyl. „Ich würde bei Gelegenheit gerne mehr über dieses Prinzip erfahren.“

Savedra lächelte. „Dem spricht nichts entgegen.“ Dann wurde sie ihre Miene ernst. „Also, Dannyl“, begann sie. „Asara sagte mir, dass Ihr hier seid, weil Eure Gilde um die Unterstützung der Verräter im Krieg gegen Marika bittet. Ich möchte ehrlich zu Euch sein. Ich lehne Marikas Krieg ab. Mit seiner Politik zerstört er das bisherige Machtgefüge in unserem Land. Aber ich bin auch gegen eine Einmischung unseres Volkes. Jedoch werde ich diese Entscheidung nicht alleine treffen. Wenn ich Euch angehört habe und Eure Argumente für beachtenswert halte, werde ich eine Versammlung einberufen, in der mein Volk über eine Unterstützung Eurer Gilde abstimmen wird. Ihr solltet Euch allerdings keine zu großen Hoffnungen machen. Die meisten hier denken wie ich.“

„Das mache ich nicht“, sagte Dannyl. „Aber ich sehe es als meine Pflicht, es zu versuchen. Als Botschafter der Gilde vertrete ich nicht nur Kyralia, sondern alle Verbündeten Länder. Unsere Situation ist verzweifelt. Wenn König Marika unser Land erobert, dann hat er das einzige Hindernis aus dem Weg geschafft, um Elyne ebenfalls anzugreifen. Diese beiden Länder sind die Pfeiler der bekannten zivilisierten Welt. Zuzulassen, dass es soweit kommt, kann ich nicht mit meiner Moral vereinbaren.“

Savedra nippte an ihrem Wein. „Eine Expansion des sachakanischen Herrschaftsgebietes wäre auch schlecht für unser Volk. Die Ashaki würden an Stärke gewinnen. Viele von ihnen dulden uns nur wegen unserer Söldnerdienste. Wenn sich genügend Ashaki gegen uns verschwören und es ihnen gelingt, unser Versteck ausfindig zu machen, würden sie uns auslöschen.“

„Aber eine Expansion würde auch eine Expansion der Verräter bedeuten“, wandte Dannyl ein. „Die Ashaki würden nicht von einem Tag auf den anderen an Stärke gewinnen. In der Zwischenzeit hätten die Verräter die Chance, ihre Ziele verstärkt zu verfolgen, wodurch sie wachsen und selbst stärker würden.“

„Die Ashaki würden schneller an Stärke gewinnen als wir. Die Menschen, die auf dem Land leben, das Marika ihnen in Kyralia und Elyne geben würde, würden zu ihren Sklaven. Die Ausbildung unserer Magierinnen dauert mehrere Jahre. Zudem arbeiten wir im Verborgenen. Jeder unserer Schritte erfordert eine sorgfältige Planung.“

„Also sind wir uns einig, dass keiner von uns einen Sieg von König Marika wünscht“, fasste Dannyl zusammen.

„So ist es.“ Savedra begegnete seinem Blick und lächelte. „Allerdings würde ein Sieg der Kyralier uns ebenfalls zerstören. Die Verräter würden weiterhin existieren, doch sie hätten ihre Lebensgrundlage verloren.“

„Die Verräter waren auch im vergangenen Jahr gewillt, der Gilde zu helfen“, erinnerte er.

„Es wäre im Einklang unseres Vertrags mit dem König geschehen.“ Ein ironisches Lächeln glitt über Savedras Gesicht. „Es mag selten geschehen, doch es kommt tatsächlich vor, dass wir und der König die gleichen Interessen verfolgen, auch wenn die Motive unterschiedlicher Natur sind.“

„Das heißt, Marika wollte nicht, dass die Ichani sich nehmen, was er selbst begehrt und Ihr wolltet verhindern, dass Kariko und seine Anhänger ein unschuldiges Volk versklaven“, folgerte Dannyl.

Die Große Mutter nickte. „Und, wie mir inzwischen klar ist, wollte Marika nicht vorzeitig einen Konflikt heraufbeschwören“, fügte sie säuerlich hinzu.

„Doch sein Krieg zwingt Euch zu handeln. Indem sich Euer Volk neutral verhält, wird es seine Neutralität letztendlich verlieren und bringt sich damit selbst in Gefahr.“

„Das ist mir bewusst, Dannyl“, sagte Savedra und Dannyl glaubte, so etwas wie Bedauern in ihren Augen zu lesen. „Marikas Krieg bringt mein Volk in eine missliche Lage. Einige meiner Töchter überlegen, unseren Kampf gegen die Ashaki ganz aufzugeben und sich dem König anzuschließen, damit unser Volk nicht untergeht, während für andere genau dies unser Untergang wäre. Wie wir uns auch entscheiden, die Verräter stehen vor einem großen Umbruch. Aus diesem Grund dürfen wir keine leichtfertige Entscheidung treffen. Und deswegen habe ich entschieden, Euch anzuhören.“

Dannyl griff nach seinem Becher und trank einen Schluck Wein. Er schmeckte süffiger, als er erwartet hatte. Ob sie den Wein selbst anbauten? Die Nordhänge des Tals schienen ihm hervorragend dafür geeignet. Er stellte den Becher zurück auf den Tisch und erklärte Savedra, was er mit Asara während ihrer Reise diskutiert hatte. Doch was seine Retterin nicht überzeugt hatte, schien auch die Große Mutter nicht zu überzeugen.

„Eure Gilde billigt höhere Magie nicht. Wieso sollte eine Zusammenarbeit funktionieren?“ Die goldene Kette auf ihrer Stirn glitzerte im Schein der Lichtkugeln, als Savedra den Kopf schüttelte. „Ich verstehe, dass Eure Magier sich vor dieser Macht fürchten. Aber ich bezweifle, dass Eure Gilde jemals höhere Magie anerkennen wird. Zwischen uns würde Misstrauen herrschen, was einer Kooperation nicht zuträglich wäre.“

„Die Gilde hat höhere Magie aus einem guten Grund verboten“, sagte Dannyl.

„Weil es einen gab, der mit dieser Macht nicht umgehen konnte?“ Savedra schüttelte erneut den Kopf. „Vielleicht stimmt es, was man über Kyralier sagt. Ihr seid schwach. Weder in der Geschichte Sachakas noch der meines Volkes hat es je einen derartigen Vorfall gegeben. Nicht einmal bei den barbarischen Duna, die in der Wüste nördlich von Sachaka leben.“ Sie nippte an ihrem Wein. „Wertet das nicht als Angriff, Dannyl Gildenmagier. Die Denk- und Lebensweise unserer Kulturen unterscheiden sich grundlegend und die Sachakaner sind ein sehr stolzes und sehr diszipliniertes Volk. So, wie es die Verräter sind.“

„Ich verstehe Eure Sichtweise“, erwiderte Dannyl. „Die Gilde befindet sich jedoch im Hinblick auf höhere Magie in einer Art Umbruch, seit zwei von uns diese offen praktizieren. Die Gilde wäre nicht gewillt, mit Eurem Volk zusammenzuarbeiten, würde sie Euch misstrauen. Und sollte ich mich irren, so werde ich sie bei meiner Rückkehr vom Gegenteil überzeugen.

„Langfristig gesehen würden wir jedoch keine höhere Magie mehr brauchen. Sollte Kyralia wirklich siegen, könnten die Verräter dafür sorgen, dass weder Ashaki noch Ichani weiterhin höhere Magie praktizieren. Die höheren Magier Sachakas würden aussterben und das Wissen darüber würde in Vergessenheit geraten. Indem die Verräter Frieden und Gerechtigkeit für Sachaka durchsetzen, könnten sie sehr viel besser für ihre Werte einstehen, als sie es heute tun. Ihr müsstet Euch nicht mehr als Söldner verkaufen und würdet stattdessen vermehrt für Gleichberechtigung und Frieden sorgen.“

Ein Teil von Dannyl fragte sich flüchtig, wie er die Gilde von seinen Ideen bezüglich eines Bündnisses überzeugen sollte. Er hatte diesbezüglich nur mit Akkarin Rücksprache gehalten, doch dieser hatte ihm lediglich seine Unterstützung zugesagt und Dannyl bei seinen Verhandlungen freie Hand gelassen. Doch Akkarin war nicht mehr Hoher Lord.

Um die Gilde werde ich mich kümmern, wenn ich die Verräter für unsere Sache gewonnen habe, entschied Dannyl. Wenn die Gilde die Unterstützung schwarzer Magierinnen sucht, dann wird sie die ausgehandelten Bedingungen akzeptieren müssen.

„Das alles hört sich wirklich verlockend an“, gab Savedra zu. „Solltet Ihr und Eure Gilde Wort halten, könnten wir damit den Idealen, denen wir uns verschrieben haben, mehr als gerecht werden. Dennoch gehen wir dabei von dem unwahrscheinlichen Fall aus, dass es Euch mit unserer Hilfe gelingt, den Krieg zu gewinnen. Ihr habt nur zwei höhere Magier, mit dem Rest von Euch kommt Ihr vielleicht auf die Stärke von zehn weiteren. Sollte Marika seine Armee aufgestellt bekommen, so wäre unser Gegner uns noch immer drei bis vier zu eins überlegen. Ein Sieg ist reichlich unwahrscheinlich. Er könnte die Auslöschung unseres Volkes bedeuten.“

Was immer noch besser ist als zwanzig zu eins ...

„Ich verstehe und respektiere Eure Einstellung“, sagte Dannyl. „Doch bedenkt, dass Euer Volk ebenso ausgelöscht wird, wenn Ihr die Hände in den Schoß legt und die Sachakaner gewinnen lasst. Ihr würdet den Untergang nur hinauszögern und die einzige Chance verschwenden, dieses Unheil abzuwenden, wenn auch sie noch so gering ist.“

Savedra musterte ihn mit ihren dunklen, intelligenten Augen. „Wir werden sehen, wie meine Töchter darüber denken. Doch nun erzählt mir mehr über Euch, Dannyl von den Gildenmagiern. Verzeiht mir meine Neugier, aber ich habe noch nie einen von Euch getroffen.“


***


Sonea schloss die Kellertür hinter sich und belegte sie mit einem Schutz gegen Feuer und Erschütterungen.

„Was wollte Balkan von dir?“

Akkarin öffnete einen Schrank und holte mehrere Instrumente, die sie für ihr Experiment benötigen würden, heraus. Nachdem sie die ganze Woche über die Anleitung in Lord Sadakanes Buch gerätselt hatten, hatten sie einige Theorien aufgestellt, die sie testen wollten, um herauszufinden, ob sie auf dem richtigen Weg waren.

„Er hat sich nach unserem Ausflug zu deiner Familie erkundigt.“

Sonea starrte ihn an. Das war nicht die Antwort, die sie erwartet hatte. Um höfliche Konversation zu betreiben, war Akkarin ziemlich lange in der Residenz des Hohen Lords geblieben. Lange genug, dass sie ihrer Klasse jetzt zwei Kapitel aus Strategische Kriegskunst für Anfänger voraus war. „Also ging es nicht darum, dass wir nichts gegen die Sachakaner unternehmen können, wenn sie Elyne angreifen?“

Akkarin runzelte die Stirn. „Wie kommst du darauf?“

„Rothen sagte nach der Besprechung etwas darüber.“ Obwohl Sonea wusste, Akkarin würde sie nicht anlügen, war sie noch nicht vollständig davon überzeugt, dass er ihr in dieser Hinsicht nichts verheimlichte. „Er denkt, du würdest es lieber für dich behalten wollen, wenn du glaubst, dass unsere Situation hoffnungslos ist.“

„Sonea.“ Er wandte sich ihr zu und fasste sie sanft an den Schultern. „Wenn ich das glauben würde, dann würde ich Balkan darüber im Unklaren lassen. Denn es würde nichts ändern.“

„Aber du würdest es mir sagen“, beharrte sie.

Akkarin musterte sie durchdringend. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich weiß, du würdest sonst keine Ruhe geben.“

Glaubst du denn, wir können nichts tun?“

Er seufzte. „Sonea, welches Land die Sachakaner auch zuerst angreifen, wir werden dort sein und sie daran hindern.“

Seine Worte beruhigten sie. Zumindest vorerst.

„Also habt ihr wirklich nur über unseren Besuch bei Jonna und Ranel gesprochen“, folgerte sie. Sie schüttelte ungläubig den Kopf. Seit wann führten er und Balkan solche Gespräche?

„Das sagte ich bereits.“

„Warum durfte ich nicht dabei sein?“, verlangte sie zu wissen. „Schließlich waren wir zusammen dort.“

„Weil es bei diesem Gespräch auch um ein Thema ging, das ich alleine mit ihm klären musste.“ Akkarin schritt erneut zum Schrank und holte eine kleine Schachtel heraus. Er entnahm ihr mehrere Kristalle, die er auf dem Tisch anordnete, und stellte die Schachtel zurück in den Schrank.

Sonea blinzelte verwirrt. „Ist das so ein Männerding?“

Auch sie besprach manche Dinge nur mit Trassia oder Luzille. Obwohl sie keine Geheimnisse vor Akkarin hatte, würde sie nie auf die Idee kommen, ihn zu solchen Gesprächen mitzunehmen. Allerdings war ihr nicht bewusst gewesen, dass Akkarin und Balkan so etwas wie Freunde waren, auch wenn sie keinen offenkundigen Groll gegeneinander hegten.

Akkarin lachte leise. „Nicht direkt.“

Sonea unterdrückte ein Schnauben. Sie konnte es nicht leiden, wenn sie ihm jede noch so kleine Information aus der Nase ziehen musste. Sie hegte den Verdacht, er amüsierte sich insgeheim über sie. Und das ärgerte sie.

„Ist es etwas, das ich nicht wissen darf?“

Akkarin schuf eine Hitzekugel und sandte sie in den Kamin. Von einem Augenblick auf den anderen hatte sich sein Gesichtsausdruck von erheitert zu finster und nachdenklich verändert.

„Gerade du solltest es erfahren“, sagte er leise.

Sonea öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Was sollte das schon wieder heißen? Hatte es etwas mit den Sachakanern zu tun? Hatte Akkarin beschlossen, die Hochzeit vorzuverlegen, um sicherzustellen, dass sie auch wirklich vor der Schlacht heirateten? Aber die Sachakaner würden erst im Sommer angreifen. Und wieso überhaupt musste er das mit Balkan besprechen?

Bevor sie entscheiden konnte, wie sie auf seine Worte reagieren sollte, wandte Akkarin sich ihr zu.

„Sonea, Balkan wird unser zweiter Trauzeuge sein“, sagte er sanft.

Sonea starrte ihn an. Sie hatte sich immer gefragt, wen Akkarin für diese Aufgabe wählen würde, nachdem der, der es hätte sein sollen, nicht mehr in Frage kam. Ob ihm diese Entscheidung schwergefallen ist?, fuhr es ihr durch den Kopf, wagte es jedoch nicht, die Frage zu stellen. Sie hätte eher jemanden aus den Häusern erwartet, zu dem Akkarin freundschaftliche Beziehungen pflegte. Jedoch keinen Magier. Und schon gar nicht den Hohen Lord.

„Ich dachte immer, er traut uns nicht“, wandte sie vorsichtig ein.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Ah, er hat sein Misstrauen irgendwo in den Bergen jenseits des Südpasses abgelegt.“

Das macht Sinn, dachte Sonea. Bei Ikaros Anhörung im Herbst hatte der Hohe Lord Akkarin in Schutz genommen, als die Umstände von Darrens Tod ans Licht gekommen waren. Bei dem formalen Dinner mit ihm und Luzille waren die beiden Männer einander nahezu freundschaftlich begegnet. Balkan mochte nicht alles begrüßen, was Akkarin in den vergangenen Monaten getan hatte, doch er hatte auch nichts dagegen unternommen. Und die Eskorte, mit der er sie heute in die Stadt geschickt hatte, hatte vielmehr den Zweck gehabt, den Schein zu wahren.

„Aber er mag dich nicht besonders.“

„Er schätzt es nicht, dass ich zuweilen seine Arbeit mache.“

Sonea grinste.

„Ich hätte ihn nicht gefragt, wäre ich mir nicht sicher gewesen, er würde zusagen“, fügte Akkarin hinzu. „Und das hat er.“ Er reichte Sonea eine lange Zange. „Fangen wir an.“


***


„Hast du nix Besseres zu tun, als dich mit Bol volllaufen zu lassen?“

Unwillig sah Cery von seinem Krug auf. „Was willst du, Gol?“, knurrte er. „Ich hab’ gesagt, du sollst herkommen, sollt’ ich bis Mitternacht nicht zurück sein.“

„Mit dir reden, bevor du zu besoffen bist“, antwortete sein Leibwächter.

„Und worüber?“, fragte Cery betont gelangweilt. Insgeheim hatte er eine Befürchtung, was Gol auf dem Herzen hatte. In so mancher Hinsicht war der grobschlächtige Mann viel zu durchschaubar.

„Über deine Kleine. Ich weiß, was mit ihr los ist.“

„Ich will nicht reden“, grollte Cery. „Und jetzt verschwinde. Ich will dich erst um Mitternacht hier sehen.“

„Du solltest lieber tun, was er sagt“, mischte Harrin sich ein. „Cery’s mein Gast. Er darf solange hier bleiben und trinken, wie er will.“

Gol bedachte den anderen Mann mit einem finsteren Blick. „Schön“, sagte er und setzte sich auf den Hocker neben Cery. „Dann bleib’ ich auch. Also bring mir’n Bol.“

Harrin zögerte. Cery seufzte und verdrehte die Augen. Ist das der Preis loyaler Männer?, fragte er sich entnervt. Dass man nicht seine Ruhe haben kann, wenn man das will? Er ahnte, er würde dieses Gespräch nur vermeiden können, indem er Gol tötete. Cery gehörte jedoch nicht zu den Dieben, die ihre eigenen Leute töteten, nur weil sie ihm auf die Nerven gingen.

„Bring ihm einfach was zu trinken, Harrin“, sagte er.

Harrin nickte und kehrte wenig später mit einem frisch gezapften Krug Bol zurück.

„Also, Gol“, sagte Cery. „Bringen wir’s hinter uns. Sag mir, worauf du aus bist.“

Sein Leibwächter nahm einen tiefen Schluck aus seinem Krug und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Ah!“, machte er. „Das’s wirklich gutes Bol!“

„Allerdings“, brummte Harrin. Er sah zu Cery. „Ich lass’ euch zwei allein. Muss eh die anderen Gäste bedienen.“

Cery nickte. „Tu das.“

„Ich finde, du machst ’nen großen Fehler, Chef“, begann Gol, nachdem Harrin fort war. Cery fiel auf, dass er ihn wie früher „Chef“ und nicht „Captain“ nannte, was Gol immer dann tat, wenn sie ein vertrauliches Gespräch führten.

„Du meinst, weil ich in letzter Zeit zu viel Bol trinke?“ Cery wusste selbst, dass seine Besuche in Harrins Bolhaus und sein damit verbundener Konsum des starken Likörs seit einigen Wochen bedenkliche Ausmaße angenommen hatten. „Ich werd’ schon nicht zum Säufer, Gol. Du solltest mich besser kennen.“

„Ich red’ auch von dem Grund, wegen dem du säufst. Und das weißt du ganz genau. Also versuch nicht, dich rauszureden.“

Richtig, das wusste Cery. Er verspürte jedoch nicht die geringste Lust, über dieses Thema zu sprachen. Wenn Gol schon nicht locker ließ, dann wollte er ihn zumindest so viel ärgern, wie er nur konnte. Er wusste, er benahm sich kindisch und albern. Aber das kümmerte ihn nicht. Sein Leibwächter sollte spüren, dass seine Meinung nicht erwünscht war.

„Dann sag mir endlich, was du willst.“

„Du führst dich wie’n mieser Dieb auf“, erklärte Gol. „Selbst Ravi hätt’ mehr Mitgefühl mit dieser Kleinen gehabt.“

Cery schnaubte verächtlich. „Ravi hätte sie aus dem Bordell geholt und zu seiner persönlichen Hure gemacht. Sie hätte nix dabei gewonnen.“ Er trank einen weiteren Schluck und starrte auf die Wand hinter der Theke. „Das Leben in den Hüttenvierteln’s hart. Was hätte ich tun sollen?“

„Sie’s ’ne Schutzbefohlene. Und vielleicht die Mutter deines ungeborenen Kindes. Ist dir das egal?“

Die Worte versetzten Cery einen Stich. Natürlich war ihm das nicht egal. Er war selbst das Kind einer Hure. Seine Kindheit war hart gewesen. Nach dem frühen Tod seiner Mutter hatte er sich alleine oder mit Harrins Bande durchgeschlagen. Sein Vater war oft im Auftrag des Diebes, für den er gearbeitet hatte, unterwegs gewesen, und schließlich getötet worden, als er diesen Dieb gesquimpt hatte. Trotz einiger schöner Erinnerungen an die Zeit mit Harrin war das kein Schicksal, das er anderen wünschte.

Die Wahrheit war, Nenia tat ihm leid. Doch Cery fühlte sich damit überfordert.

„Ich wollte nie’n Kind mit ihr“, sagte er. „Das ist total wild, Gol. Ich weiß nicht, ob ich …“ Er hielt inne. Wollte er sich wirklich so viel Schwäche vor seinem Leibwächter eingestehen?

Gol stieß einen üblen Fluch aus. „Dann hättest du sie nicht ficken sollen!“

Cery verdrehte die Augen. „Ich wollte sie zuerst auch gar nicht ficken. Ich weiß auch nicht … ich… ich hab’s getan, weil ich vergessen wollte. Du weißt, wie viel Savara mir bedeutet hat.“

„Und du weißt, dass sie nicht zu dir gehört.“

„Ich liebe sie.“

Eine Weile starrte Gol in seinen Becher. „Du kannst mir nicht erzählen, dass du nix für Nenia empfindest“, sagte er dann.

„Nein“, antwortete Cery. „Aber es nicht so wie mit Savara. Es ist ziemlich wild.“ Stirnrunzelnd überlegte er, wie er sich Gol verständlich machen konnte. „Meine Gefühle für sie sind irgendwas zwischen ’ner Freundin und ’ner Schwester. Dass ich sie ficke, ist dabei wie’n kostenloser Zusatz. So wie wenn du auf’m Markt ’ne Kiste Pachi kaufst und der Verkäufer dir ’ne Flasche Pachiwein schenkt.“ Er seufzte und leerte seinen Krug. „Zumindest war das so, bis Savara zurückkam. Was ich jetzt fühle … ich weiß es nicht, Gol.“

„Wenn sie dir auch nur irgendwas bedeutet, solltest du dich um sie kümmern.“

„Und was soll ich tun? Soll ich sie Corbin einfach wegnehmen?“

„Warum nicht?“

„Ich bin Captain der Stadtwache. Das kann ich nicht machen.“ Wenn Cery sich darauf einließ, dann würde er etwas brauchen, womit er Corbin in der Hand hatte. Außer, dass er wie jede andere Großmutter seinen Mädchen nur einen Hungerlohn ließ, war der Corbin ein anständiger Kerl.

„Was er mit ihr macht, nennt man Erpressung“, sagte Gol. „Und damit begeht er’n Verbrechen.“

„Schon“, gab Cery widerstrebend zu.

„Ihm die Kleine wegzunehmen wäre das Beste, was du machen kannst.“ Gol leerte sein Bol und stellte den leeren Krug auf die Theke. „Denk drüber nach, Chef. Selbst, wenn du nicht der Vater ihres Kindes bist, solltest du die Verantwortung für sie und ihr Baby übernehmen, so wie du die Verantwortung für deine übrigen Schutzbefohlenen trägst.“ Er erhob sich. „Gerade du solltest wissen, wie’s ist.“

Zum ersten Mal wandte Cery den Kopf. Er hasste es, wenn jemand seine Mutter als Argument brachte. „Ich werd’ drüber nachdenken“, sagte er. „Mehr kann ich nicht versprechen.“

Gol grunzte. „Das reicht mir schon.“

Er verließ das Bolhaus.

Harrin kehrte mit einem Tablett leerer Krüge zurück. „Noch eins?“, fragte er mit einem Blick auf Cerys leeren Krug.

Cery nickte.

„Hai!“, rief sein Freund, als er mit dem Bol zurückkehrte. „Wenn Donia das erfährt, wird sie sich dir vornehmen, bis du Futter für die Ravi im Tarali bist!“

Cerys Stimmung verdüsterte sich. „Du hast uns belauscht?“, entfuhr es ihm. „Hai! Von meinem besten Freund hätte ich wirklich was mehr Anstand erwartet!“

Harrin lachte. „Ich kann nix dafür. Ich bin Wirt. Ohne ein offenes Ohr für die Sorgen meiner Gäste würde ich viel weniger Umsatz machen.“

„Wieso sollte Donia kümmern, was ich wegen Corbins kleiner Hure unternehme?“, verlangte Cery zu wissen.

„Mann, du Mistkopf kapierst wohl gar nix, was?“ Harrin schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Donia’s schwanger. Wenn ein Mann sein Kind und dessen Mutter im Stich lässt, dann entflammt sie das mehr, als du dir vorstellen kannst.“ Er beugte sich über die Theke. „Und wenn du mich fragst, ich bin auch kurz davor.“

Cery funkelte seinen Freund an. „Willst du dich mit mir anlegen?“, fragte er leise. „Wir können gerne vor die Tür gehen und das wie Männer regeln.“

„Cery, ich bin dein Freund“, erinnerte Harrin. „Ich will mich nicht mit dir prügeln. Ich will, dass du erwachsen wirst.“
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