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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 12.324
 
Kapitel 43 – Eine unerwartete Begegnung



„Sonea, reich mir die Reagenzzange.“ Akkarin legte sein Messer zur Seite und griff nach einem Tuch, das er um seine Hand wickelte, damit das Blut nicht auf den Boden tropfte. Sonea musterte die Instrumente auf dem Tisch. Dabei kam sie sich ein wenig vor wie bei einer Operation, nur mit dem Unterschied, dass sie die Anweisung nicht von Lord Kiano erhalten hatte. Mit geübtem Blick fand sie das Gewünschte und reichte es ihrem Mentor. Akkarin nahm das Werkzeug entgegen und tauchte es in die Hitzekugel, die in dem unterirdischen Kamin schwebte.

Augenblicklich begann die Reagenzzange zu glühen. Sonea wusste, die Hitzekugel war sehr viel heißer, als bei den Experimenten im Alchemieunterricht, und sie ahnte, ihre anderen Instrumente würden darin sogar schmelzen.

Akkarin zog einen weißglühenden Kristall aus der Kugel heraus. Sonea glaubte, die Luft des Kellerraums in der Nähe des Steins flimmern zu sehen. Gespannt beobachtete sie, wie Akkarins Blick ins Leere glitt und sie vernahm ein schwaches Vibrieren von Magie. Dann umschloss er den Kristall mit seiner blutenden Hand.

Als er seine Hand wieder öffnete, waren das Blut und die Wunde verschwunden. Das Glühen des Kristalls war in ein sanftes Rot übergegangen. Dann, ohne jede Vorwarnung, begann der Kristall zu gleißen. In einer raschen Bewegung warf Akkarin ihn in den Kamin, während er Sonea mit seinem anderen Arm zu sich zog und einen Schild um sie beide errichtete.

Es gab einen kurzen, blendend hellen Blitz. Dicker Rauch quoll aus dem Kamin.

Wenigstens ist der Raum mit Magie geschützt, fuhr es Sonea durch den Kopf. Sie wollte lieber nicht herausfinden, wie es wäre, wenn die Decke bei einem ihrer Experimente einstürzte und ihre Magie nahezu aufgebraucht war, nachdem sie sich vor einer Explosion wie dieser geschützt hatten.

„Und wieder ein Fehlversuch“, murmelte sie. Sie streckte ihren Willen aus und schickte den Rauch zurück in den Kamin.

Akkarin ließ den Schild fallen. „Für wenige Augenblicke hat der Kristall die Magie gehalten.“

„Das ist auch so viel länger, als beim letzten Mal“, sagte sie sarkastisch.

Akkarin antwortete nicht. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Mir ist nicht klar, wieso die Inneren Strukturen jedes Mal instabil werden. Wir müssen irgendetwas Wichtiges übersehen haben.“

„Oder wir wissen nicht, dass eine es überhaupt existiert“, erwiderte Sonea.

Nachdem Akkarin mit einigen Alchemisten eine längere Diskussion über das Speichern von Magie in Kristallen geführt und sie sich intensiv mit höherer Alchemie beschäftigt hatten, war es Sonea und Akkarin gelungen, Magie für eine kurze Dauer in einem Kristall einzufangen. Inzwischen wussten sie, dass es nicht möglich war, Magie aus Steinen, wie sie zum Bauen von Häusern verwendet wurden, rasch und gezielt freizusetzen, was an der geringen Inneren Ordnung lag, die zudem an vielen Stellen durch Brüche und Versetzungen gestört war. Zudem fehlte diesen die nötige Beschaffenheit, um große Mengen an Magie auf kleinem Volumen aufzunehmen.

Während diese Beschaffenheit der meisten Gesteine für die Architektur keine Schwierigkeiten mit sich brachte, machte das Soneas und Akkarins Forschung zu einer Herausforderung. Doch auch mit Kristallen, die über eine größere Innere Ordnung verfügten, kamen sie nicht weiter. Die Innere Ordnung musste erst gelöst werden, damit sie die Magie aufnehmen konnten. Bei den meisten Gesteinen war dazu nur wenig Magie nötig, doch bei Kristallen benötigte das einen sehr viel größeren Energieaufwand in Form großer Hitzeeinwirkung oder mechanischer Kraft. Allerdings wurde der Kristall rasch instabil, waren seine Strukturen erst einmal gelockert.

„Vielleicht war die Innere Struktur noch nicht wieder fest genug, um die Magie zu halten“, überlegte Sonea.

„Möglich.“ Akkarin schritt mit finsterer Miene durch den Raum. „Wenn ich wüsste, wie sich der Kristall stabilisieren lässt. Ich bin sicher, dass Kristalle das richtige Material sind.“

Nachdenklich starrte er auf den Kamin. Plötzlich veränderte sich sein Gesichtsausdruck. „Ich wünsche, dass du bis morgen Abend diesen Versuch in allen Einzelheiten protokollierst. Denke über mögliche Schlussfolgerungen nach und wie dieses Problem gelöst werden könnte. Ich werde noch einmal Sarrin und Larkin konsultieren. Sollte dabei etwas herauskommen, das uns weiterhilft, werde ich das deinem Protokoll hinzufügen.“

Sonea nickte. „Ja, Lord Akkarin.“

Akkarin musterte sie kurz. „Komm mit“, sagte er dann ein wenig weicher. „Wir haben gerade Besuch bekommen.“

Sonea runzelte die Stirn. Besuch? So spät? Sie war nicht sicher, ob ihr das gefallen sollte. Wenn jemand sie um diese späte Stunde noch aufsuchte, konnte das nichts Gutes verheißen.

Akkarin nahm ihre Hand und führte sie die Treppe hinauf. In der von mehreren gedämpften Lichtkugeln erhellten Empfangshalle erwartete sie ein junger, gutaussehender Mann, dessen rotes Haar im Nacken zu einem Zopf gebunden war und dessen auffällig bunte Kleidung dennoch damit harmonierte. Obwohl Sonea ihm erst einmal begegnet war, erkannte sie ihn auf Anhieb wieder.

Tayend von Tremmelins Gesicht war so bleich, als sei er gerade von einer schlimmen Krankheit genesen. Doch als sein Blick auf sie und Akkarin fiel, breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Einen guten Abend Lord Akkarin und Lady Sonea“, grüßte er. Er verneigte sich formvollendet und hauchte Sonea einen Kuss auf den Handrücken. „Meine allerbesten Glückwünsche zu Eurer Verlobung. Ich möchte mich für die Einladung bedanken, auch im Namen von Botschafter Dannyl.“

Sonea spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Vielen Dank“, sagten sie und Akkarin nahezu gleichzeitig.

Der Elyner strahlte. „Ich bitte um Verzeihung wegen der späten Störung“, fuhr er fort. „Doch ich bin gerade erst in Imardin angekommen. Ich hoffe, dass das, was ich mitgebracht habe, mein unangekündigtes Erscheinen entschädigt.“

„Wir werden sehen“, erwiderte Akkarin. „Wie war Eure Reise?“

„Stürmisch. Je weiter wir nach Süden kamen, desto heftige wurden die Stürme.“ Er verzog das Gesicht. „Und das Schaukeln.“

Akkarin musterte ihn. „Habt Ihr schon gegessen? Mein Diener kocht immer mehr, als Sonea und ich essen können. Er kann Euch ein spätes Abendessen bringen.“

Der Elyner schüttelte den Kopf. „Vielen Dank, Lord Akkarin, doch ich bin nicht hungrig.“

Akkarin runzelte die Stirn. „Wie Ihr wünscht. Solltet Ihr Eure Meinung ändern, zögert nicht zu fragen.“

Tayend nickte erleichtert.

„Tayend, Ihr habt gesagt, Ihr hättet etwas mitgebracht“, sagte Sonea. Dannyl war noch immer in Sachaka. Sie konnte nicht glauben, dass der Besuch seines Assistenten ein reiner Höflichkeitsbesuch war, denn dafür wäre er wohl kaum allein den weiten Weg von Elyne gekommen. „Seid Ihr deswegen hier?“

„Ja.“ In Tayends Augen glomm ein eifriges Leuchten. „Botschafter Dannyl hat mich vor seiner Abreise mit dieser Angelegenheit beauftragt. Eigentlich war sein Plan, sie Euch persönlich zu überbringen. Doch dann kam sein Geheimauftrag dazwischen. Und es hat leider sehr lange gedauert, all die Abschriften anzufertigen, weil ich dabei sehr behutsam vorgehen musste.“

Abschriften? Sonea schüttelte den Kopf. Wovon sprach der Gelehrte?

„Ich würde sagen, Ihr bringt sie einfach herein“, sagte Akkarin.

„Eine gute Idee“, stimmte Tayend erfreut zu und eilte zur Tür. „Es wird nur ein wenig dauern.“

„Braucht Ihr Hilfe?“, fragte Sonea.

Der Gelehrte wandte sich um. Sein Gesichtsausdruck wirkte leicht panisch. „Bei allem Respekt, Mylady. Aber das mache ich lieber selbst.“

Er eilte die Stufen hinab. In dem Lichtkegel, der hinausfiel, erblickte Sonea eine Kutsche.

Sie wandte sich zu Akkarin. „Wieso weißt du, wovon er spricht?“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Es ist schwer, jemanden zu ignorieren, der schreit.“ Er sah zu Sonea. „Helfen wir ihm, die Sachen aus der Kutsche zu räumen, bevor er sich selbst verletzt.“

Ohne ihre Antwort abzuwarten, schritt er hinaus. Sonea folgte ihm mit wachsender Verwirrung.

Auf der Ladefläche der Kutsche standen mehrere Kisten aus stabilem Holz. Tayend und der Fahrer hatten bereits begonnen, sie abzuladen. Der Gelehrte ächzte unter dem Gewicht der Kisten.

„Bemüht Euch nicht, Tayend“, sagte Akkarin. „Überlasst die Arbeit mir und Sonea. Ich versichere Euch, der Inhalt wird nicht beschädigt.“

Er hob die erste Kiste mit Magie an und schritt zurück zum Haus. Tayend einen entschuldigenden Blick zuwerfend, folgte Sonea ihm mit der zweiten Kiste.

Während sie die Kisten ins Haus brachten, beobachtete der Gelehrte sie mit banger Miene. Erst als alle Kisten nebeneinander unversehrt auf dem Boden ihrer Bibliothek aufgereiht waren, beruhigte er sich. Soneas Neugier war derweil auf ein unerträgliches Maß gestiegen. Die Kisten mussten etwas sehr Wertvolles enthalten. Denn sonst wäre Tayend weder so besorgt um ihre Sicherheit gewesen noch wäre er dafür den weiten Weg von Elyne gekommen.

Und es musste wichtig genug sein, dass es nicht bis zum nächsten Tag warten konnte.

Ein leises Plopp erklang und die Nägel aus der Kiste vor Akkarin schweben empor. Akkarin sammelte sie aus der Luft auf und legte sie auf einen Tisch. Dann entfernte er vorsichtig den Deckel. Eine Schicht Stroh kam zum Vorschein.

Akkarin beugte sich hinab und schob das Stroh zur Seite. Sonea spähte über seine Schulter. Dann hätte sie beinahe laut aufgelacht.

In den Kisten befand sich Wein!

„Ah, Ihr habt Porreni-Wein mitgebracht.“ Akkarin zog eine Flasche heraus und betrachtete anerkennend das Etikett.

„Vom Weingut meiner Schwester.“ In Tayends Stimme schwang Stolz mit. „Das ist ein sehr guter Jahrgang. Ich hoffe, er genügt Euren Ansprüchen.“

„Dessen bin ich gewiss.“

Akkarin stellte die Flasche zur Seite und fuhr fort, die Kiste auszuräumen. Zu Soneas Überraschung befand sich unter den Weinflaschen noch etwas anderes.

Bücher.

„Vorsichtig“, murmelte der Gelehrte, als Akkarin das erste Buch herausnahm. „Einige davon sind fast eintausend Jahre alt. Ich würde vorschlagen, dass Ihr die Abschriften für Eure Arbeit nehmt. Die Originale sind für die Führung der Gilde bestimmt.“

„Die Bücher sind bereits an ihrem Bestimmungsort“, sagte Akkarin.

Tayends Augen weiteten sich. „Ihr wollt die Originale der Gilde vorenthalten?“ Aus seinem Gesicht wich nun auch alle restliche Farbe. „Dannyl hat mir eindeutig aufgetragen, sie Administrator Osen zu übergeben. Ich kann nicht glauben, dass er sich in Euch getäuscht …“

„Botschafter Dannyl hat sich nicht in mir getäuscht“, schnitt Akkarin ihm das Wort ab. „Die Dinge haben sich geändert, seit er zu seiner Mission aufgebrochen ist. Ihr könnt das nicht wissen, weil die Nachricht bei Eurem Aufbruch noch nicht bis Elyne gedrungen war, doch inzwischen befinden wir uns offiziell im Krieg mit Sachaka. Die Gilde hat mir sämtliche Freiheiten übertragen, die ich benötige, um durch meine Forschung für ihre Sicherheit zu sorgen.“

Aber die höheren Magier würden auch über jedes schwarzmagische Artefakt, jedes neue Buch und jede Erfindung wochenlang diskutieren, bevor Akkarin die offizielle Genehmigung erhielt, damit zu arbeiten, wusste Sonea. Denn die überängstlichen Magier wollten sich vor jeglicher Willkür von Seiten Akkarins schützen, so vergebens dies auch sein mochte. Und deswegen würden sie versuchen, jeden seiner Schritte zu kontrollieren, egal wie viele Freiheiten sie ihm zugestehen mochten.

Doch Akkarin ließ sich davon nicht aufhalten. Nicht, wenn es um die Sicherheit Kyralias und der Gilde ging.

Der Gelehrte war in einem Sessel zusammengesunken. „Dannyl“, brachte er hervor. „Was ist mit ihm? Ist er noch in Sachaka? Geht es ihm gut?“

„Es geht ihm gut.“ Sonea trat zu Tayend und legte eine Hand auf seinen Arm. „Er ist bereits auf dem Heimweg.“

Sie verschwieg, dass Dannyls Rückkehr sich durch seine Verhandlungen mit den Verrätern verzögern würde, denn sie wollte Tayend nicht noch mehr ängstigen. Der Gelehrte sah aus, als würde er jeden Moment ohnmächtig. Sonea war indes sicher, dass Dannyl bei der Verräterin, die ihn aus Arvice gerettet hatte, in guten Händen war. Savara war eine Ausnahme in ihrem Volk und wäre verbannt worden, würden die Verräter sie nicht für tot halten.

Ihre Worte schienen den Gelehrten zu beruhigen, wenn auch er noch immer aufgewühlt schien.

„Wollt Ihr vielleicht nicht doch etwas zu Euch nehmen?“, fragte sie. „Oder möchtet Ihr lieber ein Glas Wein?“

„Wein wäre wunderbar“, erwiderte Tayend schwach.

„Ist Euch Anurischer Dunkelwein recht?“, fragte Akkarin. „Sonst würde ich vorschlagen, den Wein Eurer Schwester zu versuchen.“

„Wie es Euch beliebt, Mylord“, sagte Tayend unterwürfig.

Akkarin sah zu Sonea. „Was möchtest du?“

„Oh, ich hätte auch nichts gegen Porreni-Wein einzuwenden“, sagte Sonea. Bei Rothen und Luzille kam sie gelegentlich in den Genuss dieses überaus süffigen Weines, der in Kyralia offenkundig nur wenig Absatz fand. Luzille ließ ihn aus ihrer Heimat importieren und Rothen bekam hin und wieder ein paar Flaschen als Mitbringsel von Dannyl.

Während Akkarin eine Flasche öffnete und drei Gläser befüllte, löste Sonea die Nägel von den übrigen Kisten. In jeder wurde die oberste Schicht aus Weinflaschen gebildet und sie gewann den Eindruck, das der Wein dazu diente, den eigentlichen Inhalt zu verbergen. Bis auf eine Kiste mit seltsamen Gegenständen waren in allen Kisten Bücher und ihre zugehörigen Abschriften unter den Weinflaschen. Sonea begann zu ahnen, dass die Bücher Wissen über schwarze Magie enthielten. Wozu sonst all die Geheimnistuerei?

Schließlich holte Tayend ein sehr alt aussehendes dickes Buch hervor.

„Mit diesem Buch hat alles begonnen“, erklärte er, nachdem Akkarin und Sonea ihm wieder ihre volle Aufmerksamkeit geschenkt hatten. „Es heißt Die thieferen Geheymnisse Höherer Magie und wurde von einem Lord Sadakane geschrieben. Leider konnten wir trotz umfangreicher Recherchen bis heute nicht herausfinden, wer dieser Mann war.“

„Nun, diese Frage kann ich Euch beantworten.“ Akkarin schritt zu dem Regal, in dem sie ihre Bücher über schwarze Magie aufbewahrten. Sonea beobachtete, wie er zur obersten Reihe emporschwebte und mit einem kleinen, aber dicken Einband zu ihnen zurückkehrte.

„Da Ihr kein Magier seid, sollte diese Lektüre für Euch unbedenklich sein“, erklärte er Tayend. „Ihr dürft sie lesen, doch sie darf diese Bibliothek nicht verlassen.“

Tayend nickte ernst. Seine Augen begannen jedoch zu leuchten, als er das Buch entgegennahm und es genauer betrachtete.

„Ein Tagebuch“, sagte er. „Ich danke Euch vielmals. Ich werde es bei Gelegenheit lesen. Doch jetzt möchte ich Euch und Lady Sonea eine Einführung in die verschiedenen Werke geben, die Ihr hier vor Euch seht.“ Er machte eine vage Bewegung zu den Büchern, die er und Sonea auf einem Tisch ausgebreitet hatten.

„In Die thieferen Geheymnisse Höherer Magie werdet Ihr unter anderem eine Vielzahl von Anwendungen für schwarze Magie im Kampf finden“, begann der Gelehrte. Er reichte Akkarin und Sonea die zugehörige Abschrift. „Da sich Kyralia nun im Krieg mit Sachaka befindet, würde ich empfehlen, dieses zuerst zu studieren.“

„Welcher Art sind diese Anwendungen?“, fragte Akkarin.

„Oh, da gibt es viele.“ Tayend klappte seine Hände gegeneinander. „Lord Sadakane hat offenkundig die Anwendung von Magie auf Gestein und Mineralien studiert. Er beschreibt ziemlich ausführlich die Erschaffung sogenannter Speicherkristalle, mit denen man große Mengen von Magie explosionsartig freisetzen kann. Das Buch enthält Anleitungen für Kristalle, deren Magie man kontrolliert nutzen kann, aber auch für solche, deren verheerende Wirkung nach einem beliebig festgesetzten Zeitpunkt freigesetzt werden kann, welcher durch den Magier, der sie erschaffen hat, bestimmt wird. Ich stelle mir Letzteres sehr nützlich vor, wenn man weiß, welchen Weg der Feind nimmt. Man könnte die in den Steinen gespeicherte Energie dann freisetzen, wenn der Feind die betreffende Stelle passiert. Aber auch in den anderen Büchern …“

Soneas Herz machte einen Sprung. Vielleicht war doch nicht alles verloren. Vielleicht hatten sie doch eine Chance.

„Das ist genau das, wonach wir suchen!“, rief sie.

Aufgeregt nahm sie die Abschrift, schlug die erste Seite auf und stutzte, als die Wörter für sie nicht den geringsten Sinn ergaben. Sie schüttelte den Kopf. „Ist es in einer Geheimsprache geschrieben?“

Akkarin nahm ihr das Buch aus der Hand. „Das ist Alt-Elynisch“, antwortete er, nachdem er einen kurzen Blick darauf geworfen hatte. Sonea starrte ihn an. Seit wann war er altertümlicher Fremdsprachen mächtig?

Vielleicht lernt man das, wenn man in den Häusern aufwächst, überlegte sie. Oder vielleicht hatte er es sich als Hoher Lord für seine Forschung selbst beigebracht.

„Fast alle Bücher sind in Alt-Elynisch verfasst“, fügte Tayend strahlend hinzu.

Wundervoll, dachte Sonea einen jähen Ärger verspürend. Das wird den Anteil, den ich zu unserer Forschung beitragen kann, stark reduzieren. Auf eine ungewollte Weise fühlte sie sich ausgeschlossen. Sie wünschte, der Gelehrte hätte die Abschriften in einer Sprache verfasst, die sie verstand.

„Tayend, diese Bücher sind von unvorstellbarem Wert für uns“, sagte Akkarin. „Sie zu studieren wird allerdings eine Weile dauern. Wärt Ihr bereit, für einige Zeit zu bleiben, um mir und Sonea bei dieser Arbeit zu assistieren?“

Der Gelehrte strahlte. „Es wäre mir eine Ehre. Ich habe ohnehin geplant, eine Weile in der Stadt zu bleiben.“

Akkarin nickte. „Wenn Ihr Sonea zudem in Alt-Elynisch unterrichten könntet, wäre mir das eine große Hilfe, da ich während der nächsten Wochen oft in der Gilde beschäftigt sein werde.“ Er sah zu Sonea. „Was denkst du dazu?“

Sonea zögerte. Sie wollte Akkarin mit all ihrer Kraft unterstützen, doch die Frage war, wie viel Zeit es sie kosten würde, Alt-Elynisch zu lernen.

„Ich denke, ich versuche es“, antwortete sie. „Vorausgesetzt, es ist nicht so schwer.“

Tayend winkte ab. „Ganz und gar nicht, Mylady! Wenn Ihr einmal das Prinzip verstanden habt, wird es Euch Freude bereiten. Ihr werdet sehen.“

Sonea nickte. „Dann unterrichtet mich.“

Der Gelehrte lächelte. „Es ist mir eine Freude, Lady Sonea.“

„Ich gebe Takan Bescheid, dass er ein Gästezimmer für Euch herrichtet“, sagte Akkarin.

„Oh Lord Akkarin, das ist nicht nötig. Ich werde bei Verwandten in der Stadt wohnen. Mein Cousin Zerrend hat bereits alles für meine Ankunft vorbereitet. Trotzdem danke ich Euch für das Angebot.“

Akkarin nickte. „Wir beginnen mit dem Buch über die Speichersteine“, entschied er. „Gebt uns bis morgen eine Zusammenfassung der Inhalte der anderen Bücher. Dann können Sonea und ich die Bücher priorisieren.“

Sonea sah zu Akkarin. „Muss ich das Protokoll für unser heutiges Experiment trotzdem schreiben?“

„Selbstverständlich“, antwortete Akkarin. „Es wird eine gute Übung sein.“

Übung? Ist das sein Ernst? Sie schrieb allenthalben Protokolle für gleich zwei ihrer Kurse. Allmählich hatte sie mehr als genug Übung.

Akkarin runzelte missbilligend die Stirn. „Ein Experiment zu protokollieren, das bereits unzählige Male durchgeführt wurde, ist etwas gänzlich anderes, als das, was wir machen“, sagte er. „Zu unserer Arbeit gibt es nur sehr wenige Aufzeichnungen. Es ist unsere Pflicht, alles – selbst unsere Fehlschläge – für die Nachwelt festzuhalten.“

Dem wusste Sonea nichts entgegenzusetzen. Sie verstand, dass es wichtig war, selbst wenn das Protokoll nur einen Weg beschrieb, wie man Speichersteine nicht herstellte.

Sie leerte ihr Weinglas und erhob sich. „Dann werde ich das Protokoll jetzt schreiben“, sagte sie. „Bitte entschuldigt mich, Tayend, doch ich sollte diese Arbeit nicht zu lange aufschieben, da ich morgen früh Unterricht habe.“

„Macht Euch meinetwegen keine Umstände, Mylady.“ Tayend erhob sich ebenfalls. „Ich wollte ohnehin gehen. Mein Gastgeber erwartet mich.“


***


„Wir werden beobachtet.“ Asaras Stimme ließ Dannyl zusammenzucken. Nervös sah er sich um. „Bleibt ruhig“, murmelte sie. „Haltet Euch dicht hinter mir. Und denkt daran, Ihr seid mein Sklave.“

Dannyl nahm einen tiefen Atemzug. Es ging also los.

Nachdem sie tagelang ohne Zwischenfälle gereist waren, hatte er sich in Sicherheit gewähnt. Bei so viel Glück hätte es ihn nicht überrascht, würden sie am Ende doch noch auf Marikas Palastwachen treffen. Vielleicht waren es aber auch nur Ichani, die die Berge durchstreiften. In jedem Fall bestand jedoch Gefahr.

Wochenlang hatte Dannyl erfolgreich einen Weinhändler gemimt, gewiss würde er auch einen Sklaven überzeugend spielen können. Auf seiner Reise durch Sachaka hatte er genügend Gelegenheiten gehabt, sich ihr Verhalten einzuprägen. Seit Arvice hatte er sich zudem weder gewaschen, noch rasiert. Seine Kaufmannskleidung starrte von Staub und Schmutz. Niemand würde ihn für einen Gildenmagier halten. Um eine gleichgültige Miene bemüht, ließ er seine Schultern sinken und schloss zu Asara auf.

Während der vergangenen Tage waren sie durch die Berge gen Norden gereist. Nach der Hitze der Ödländer war es in den Bergen nahezu winterlich gewesen. Auf ihrem Weg nach Norden war das Klima indes wieder milder geworden, nur auf den höher liegenden Berghängen lag noch Schnee. Für Dannyl sah die Landschaft gleich aus, egal welchen Bergkamm sie überquerten oder durch welches Tal sie ritten. Er bezweifelte, dass es überhaupt möglich war, aus seinen Gedanken das Versteck der Verräter zu finden.

Langsam ritten sie weiter. Dannyl versuchte, unauffällig mit seinen Augen die Gegend abzusuchen. Dass er nichts entdecken konnte, machte ihn nervös. Er hoffte, Asara würde stark genug sein, um ihn zu beschützen.

„Es sind zwei.“ Sie senkte ihre Stimme. „Einer läuft weiter oberhalb am Berghang zu unserer Rechten, der andere folgt uns seit etwa einer Stunde.“

Vorsichtig spähte Dannyl zur Seite. Nach einer Weile konnte er tatsächlich eine Bewegung in der spärlichen Vegetation ausmachen. Für ihn hätte es jedoch auch ein Tier sein können.

„Ichani?“, fragte er.

„Wahrscheinlich. Zumindest einer von ihnen. Der andere könnte ein Sklave sein, der sich auf Jagen und Spurenlesen versteht.“

Hoffentlich ist es nur ein Ichani, dachte Dannyl. Das erhöhte ihre Chancen, lebend die Zuflucht zu erreichen. Möglicherweise würden sie noch Tage oder Wochen durch die Berge reisen. Er hatte das vage Gefühl, dass Asara ihn auf Umwegen zu ihrem Volk führte, damit er sich den Weg nicht einprägen konnte.

„Habt Ihr einen Plan?“

„Wir reiten weiter und tun so, als würden wir nicht bemerken, dass sie uns folgen“, antwortete Asara. „Vielleicht durchqueren wir gerade ihr Territorium und sie folgen uns nur, um sicherzugehen, dass wir nicht hier rasten oder jagen.“

„Was, wenn sie uns in einen Hinterhalt locken?“

„Dann kämpfen wir.“ Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Das heißt, ich kämpfe.“

„Natürlich, Meisterin Asara“, erwiderte Dannyl betont unterwürfig.

Sie bedachte ihn mit einem vielsagenden Seitenblick und richtete ihren Blick dann wieder auf den Pfad.

Etwa eine Stunde verstrich, in der sie stetig bergauf ritten. Je höher sie kamen, desto mehr Schnee lag über der kargen Landschaft. Die Ichani folgten ihnen weiter. Allmählich konnte Dannyl erkennen, dass der Weg zwischen zwei dicht beieinanderstehenden Berggipfeln hindurchführte. Wenn das nicht ein perfekter Hinterhalt war!

„Wir kommen gleich in eine Schlucht“, teilte Asara ihm leise mit. „Der, der uns weiter oben folgt, wird wahrscheinlich versuchen, uns den Ausgang zu versperren, während der andere uns am Rückzug hindern wird.“

„Also wird es zu einem Kampf kommen“, folgerte Dannyl mit einem Schaudern.

Die Sachakanerin nickte grimmig. Während sie auf die Schlucht zuhielten, starrte sie mit nachdenklich gerunzelter Stirn vor sich hin.

Sie ist ziemlich mutig, fuhr es Dannyl durch den Kopf. Ich hoffe, sie weiß, was sie tut. Er hätte es lieber gesehen, wären sie wieder umgekehrt oder hätten sie einen anderen Weg genommen. Doch das würde ihre Verfolger alarmieren und ihre Situation konnte auf unvorhergesehene Art und Weise eskalieren.

Als die Berghänge zu Felswänden wurden und unaufhaltsam näher rückten, sank Dannyls Mut. Er war alles andere als erpicht darauf, in einen Kampf schwarzer Magier zu geraten. Vorsichtig riskierte er einen Blick nach rechts. Die Person, die ihnen dort entlang gefolgt war, war verschwunden. Er bezweifelte, dass ihre Verfolger umgedreht hatten. Viel wahrscheinlicher hatte Asara ihren Plan richtig erkannt und der oder diejenige war bereits auf den Weg zum anderen Ende der Schlucht.

Sie wissen nicht, dass wir von ihnen wissen, versuchte er sich zu beruhigen. Das verschafft uns einen Vorteil.

Schließlich waren die Felswände so nah, dass Dannyl und Asara gerade noch nebeneinander reiten konnten. Das Tageslicht schwand. Dannyl warf einen Blick nach oben. Vom Himmel war nur noch ein schmaler Streifen übrig. Die Luft vibrierte schwach, als Asara einen Schild um sie beide errichtete. Dannyls Anspannung wuchs. Nach einer Weile machte der Weg eine Biegung, hinter der sich die Schlucht ohne erkennbares Ende weiterzog.

Asara bedeutete Dannyl, zu halten. Sie wandte sich um und deutete auf einen Punkt an der Felswand hinter ihnen. Für einen Moment war ihre Miene sehr konzentriert. Dann zerriss ein lauter Knall die Stille. Ein Poltern wie von Donner hallte zwischen den Felswänden wider, als mehrere Gesteinblöcke herabstürzten und den Weg hinter der Biegung versperrten. Staub wirbelte auf und versperrte ihnen die Sicht nach hinten.

„Das sollte ihn eine Weile aufhalten“, murmelte sie.

Dannyl warf einen Blick nach oben. Der Fels ragte so hoch in den Himmel, dass es eine Verschwendung von Magie gewesen wäre, mitsamt ihrer Pferde dort hinauf zu schweben. Zudem waren die Wände so glatt, dass es keine Möglichkeit gab, sich weiter oben zu verstecken und die Schlucht zu einem Hinterhalt für ihre Verfolger zu machen.

Asaras Pferd schnaubte. Im selben Augenblick raste ein roter Blitz dicht an Dannyls Kopf vorbei. Sein Pferd bäumte sich auf und warf ihn ab. Der Aufprall auf den Felsboden trieb Dannyl die Luft aus den Lungen.

„Ichani!“, zischte Asara.

Sie war von ihrem Pferd gesprungen, weiße Magie züngelte von ihren Handflächen. Ihr Blick war auf eine Gestalt etwa dreißig Schritt vor ihnen gerichtet. Der Mann trug die farbenfrohe Kleidung eines Sachakaners, die jedoch abgetragen und verschlissen war. An seiner Hüfte hing ein Dolch.

„Pass auf die Pferde auf“, befahl Asara Dannyl mit barscher Stimme. „Und halt dich im Hintergrund.“

Dannyl kam auf die Füße. Er hastete zu Asaras Pferd und zerrte es zurück. Sein eigenes Pferd war derweil zu den eingestürzten Felsen galoppiert und wieherte panisch. Asaras Pferd an den Zügeln haltend, schritt Dannyl vorsichtig darauf zu, darauf bedacht, es nicht noch mehr zu erschrecken.

Inzwischen war die Schlucht erfüllt von dem Gleißen eines magischen Kampfes. Die dabei freigesetzte Magie brachte jeder Faser in Dannyls Körper zum Vibrieren.

Er riskierte einen Blick über die Schulter. Die Verräterin lieferte sich ein erbittertes Duell mit dem Ichani. Es kam Dannyl falsch vor, ihr nicht zur Hilfe zu eilen oder sich nicht mit einem Schild zu schützen. Aber er musste seine Rolle weiter spielen.

Darum bemüht, das Kampfgeschehen aus seinem Kopf zu verdrängen, zwang er seine Aufmerksamkeit auf sein Pferd. Das Tier war offenkundig in Panik geraten. Es stand mit dem Rücken zu den Felstrümmern, das Weiße in seinen Augen leuchtete im Dämmerlicht der Schlucht. Als Dannyl näherkam, bäumte es sich auf und schlug mit den Hufen nach ihm.

Hastig wich er zurück.

„Ruhig“, murmelte er. „Ich will dir nichts tun.“

Vorsichtig streckte er seine freie Hand aus. Das Pferd wieherte panisch und bäumte sich erneut auf.

„Ganz ruhig“, sagte er. „Alles ist gut.“

Nach mehreren Versuchen des behutsamen Zuredens hörte das Tier endlich auf, nach ihm zu treten. Dannyl streckte eine Hand aus und strich beruhigend über den Kopf des Tieres und tätschelte dessen Hals. Dann griff er nach den Zügeln und wandte sich um.

Asara kämpfte noch immer gegen den Ichani. Besonders listenreich schien keiner der beiden zu sein, wenn auch Dannyl den Eindruck gewann, dass die Sachakanerin geschickter kämpfte. Noch während er zusah, stieß der Ichani ein hämisches Lachen aus. Felsbrocken lösten sich aus der Wand über Asara und stürzten auf sie herab. Dannyl unterdrückte einen Schrei.

Asara zischte etwas, das nach einem rüden Fluch klang. Die Steine änderten ihre Flugrichtung und prallten gegen den Schild ihres Gegners, wo sie zu Staub zerfielen. Sofort schickte sie mehrere Feuerschläge hinterher.

Dannyl grinste und erstarrte, als sich ein muskulöser Arm um seinen Leib schlang. Etwas Kaltes, Hartes berührte seine Kehle.

„Nur ein Wort und du bist tot, du schmutziger Sklave“, sagte eine barsche Stimme auf Sachakanisch.

Der andere Ichani.

Dannyl war vor Furcht wie gelähmt. Er konnte nur nicken. Das ist das Ende, dachte er. Wie hatte der Ichani ihnen so schnell durch die Schlucht und über die eingestürzten Felsen folgen können? Und selbst wenn es Asara gelang, ihren Gegner zu besiegen – wie sollte sie ihn befreien?

Die Verräterin und ihr Gegner tauschten Hitzeschläge aus und riefen dabei einander Ausdrücke in ihrer Muttersprache zu, die in Dannyls Ohren nach Flüchen und Schimpfwörtern klangen. Mittlerweile hatte der Ichani jedoch zu schwächeln begonnen. Ein Kraftschlag zerschmetterte seinen Schild. Der Ichani taumelte und stürzte zu Boden, wo er reglos liegenblieb.

Asara wirbelte herum. Als sie Dannyl und den anderen Ichani erblickte, erstarrte sie.

„Lass sofort meinen Sklaven los“, zischte sie.

Der Mann in Dannyls Rücken lachte. „Er ist nur ein Sklave“, höhnte er. „Ist er dir so wichtig? Hältst du ihn, damit er es dir besorgt?“

Asaras Gesicht nahm eine gefährlich dunkle Färbung an. „Er ist schmutzig und stinkt“, sagte sie. „Warum sollte ich mir das antun?“

„Ja, warum?“, erwiderte der Ichani. Sein heißer Atem strich über Dannyls Hals. „Sag du es mir.“

„Nein“, presste Dannyl hervor. Wenn Asara versuchte, ihn zu befreien, würde er sterben. Und er selbst war zu schwach, um den Ichani zu besiegen. Wie sollte er aus dieser Situation wieder herauskommen?

Dann fiel ihm jedoch ein, dass er über ein Überraschungsmoment verfügte. Aber er würde nur eine einzige Chance haben. Und es würde nur funktionieren, solange er unter dem Schild des Ichani war.

„Vielleicht sollte ich einfach deine Gedanken lesen“, sagte der Ichani. Die Vorstellung schien ihm zu gefallen. Er steckte sein Messer zurück in seinen Gürtel, dann legten sich seine Finger warm und schwer auf Dannyls Schläfen.

„Wenn du ihn auch nur anrührst …“, begann Asara.

Dannyl griff den Ichani mit Kraftschlag an. Der Ichani brach zusammen und sein Schild löste sich auf.

„Weg von ihm!“

Asara stürzte auf den Ichani zu. Im Laufen riss sie den Dolch aus ihrem Gürtel und zog ihn in einer raschen Bewegung über den Hals des Mannes. Schaudernd wandte Dannyl sich ab.

Dann hielt er entsetzt inne. Der erste Ichani hatte sich erhoben. Er stand auf wackeligen Beinen und lachte höhnisch.

Er kann nicht mehr viel Kraft übrig haben, dachte Dannyl und griff ohne zu zögern an. Er musste ihn von Asara ablenken, solange sie mit dem zweiten beschäftigt war.

Der Sachakaner konterte. „Jetzt bist du auf dich gestellt, Gildenmagier.“

Dannyl blinzelte verwirrt. Sicher hatte er die Worte falsch verstanden. Er antwortete mit Hitzeschlag. Der Ichani stürzte zu Boden. Dieses Mal war es endgültig.

Einen erleichterten Seufzer ausstoßend ließ Dannyl seine Hände sinken.

„Asara, wir haben sie besiegt!“

Asara antwortete nicht.

„Asara?“

Er wandte sich um.

Und dann wurden ihm die Worte des Ichani klar.

Sie war über dem zweiten Ichani zusammengebrochen. Ein Messer steckte in ihrem Rücken.

„Nein!“ Dannyl eilte zu ihr und untersuchte sie. Sie war bewusstlos, aber sie war noch am Leben. Vorsichtig zog er das Messer heraus. Oh hoffentlich, reicht mein beschränktes Wissen über Heilkunst, um sie zu retten!

Dannyl sandte seinen Geist in den Körper der Sachakanerin. Das Messer hatte Muskeln und Blutgefäße zerfetzt, darunter eine Ader, die direkt zum Herzen führte. Wenn er sich nicht beeilte, würde sie sterben und ihn mit in den Tod reißen. Und er war es ihr schuldig, zumindest zu versuchen, sie zu retten.

Nach seiner Magie greifend konzentrierte Dannyl sich darauf, zunächst die Blutungen zu stoppen. Dann heilte er die zerstörten Blutgefäße. Es war leichter, als er befürchtet hatte, wenn auch es ihn einen Großteil seiner verbleibenden Magie kostete. Schließlich ließ er das Gewebe wieder zusammenwachsen und regte er Asaras Körper an, das in das Gewebe eingedrungene Blut abzubauen.

Als er fertig war, hatte er sich nahezu erschöpft, weil er die Verräterin vollständig geheilt hatte. Aber sie konnten es sich nicht leisten, sie ein paar Tage ausruhen zu lassen. Er richtete Asara auf und lehnte sie gegen einen Stein. Dann ging er zu den Pferden und holte ihren Wasserschlauch.

Als er zurück war, begann Asara sich zu regen. „Was …“, begann sie verwirrt.

„Der erste Ichani hat Euch mit einem Messer angegriffen“, erklärte Dannyl. „Ich habe ihn getötet und Euch geheilt. Ihr wärt sonst gestorben.“

Sie musterte ihn mit ihren mandelförmigen Augen. „Ihr seid wirklich tapfer, Dannyl Gildenmagier“, sagte sie. „Ich stehe in Eurer Schuld.“

„Ihr habt mich aus Arvice gerettet“, erwiderte Dannyl. „Ich denke, wir sind quitt.“ Er reichte ihr den Wasserschlauch. Asara nahm ihn entgegen und trank gierig. „Allerdings könntet Ihr mich ein paar sachakanische Schimpfwörter lehren“, fügte er grinsend hinzu.

Sie runzelte die Stirn. „Ihr seid Botschafter. Wozu wollt Ihr unsere Schimpfwörter lernen?“

Dannyl dachte an seine Verhandlungen mit den Dieben zurück, als die Gilde nach Sonea gesucht hatte. Während jener Zeit hatte er viele neue Vokabeln gelernt, die ihm bei seinem Vorhaben geholfen hatten.

„Ihr werdet es nicht glauben, aber mit manchen Leuten lässt es sich besser verhandeln, wenn man ein paar ihrer Kraftausdrücke kennt“, antwortete er erheitert.

Sie betrachtete ihn ungläubig. „Das müsst Ihr mir bei Gelegenheit näher erklären.“ Sie gab ihm den Wasserschlauch zurück. „Könnt Ihr mir aufhelfen?“

Dannyl reichte ihr die Hand und zog sie auf die Füße. Asara wankte und taumelte auf ihn zu. Dannyl stützte sie. Als sie sich von ihm löste, verzog sie das Gesicht.

„Schmutzig und stinkt?“, fragte er erheitert.

„Nun, nach drei Wochen ohne Bad.“ Asara schenkte ihm ein entschuldigendes Lächeln. „Aber macht Euch nichts daraus. So habt Ihr ganz sicher nichts von mir zu befürchten.“

Dannyl hob die Augenbrauen. „Wie habe ich das denn zu verstehen?“

„Ihr habt ganz eindeutig ein Auge für Schönheit. Aber trotzdem seht Ihr mich nicht so an, wie die Männer das normalerweise tun. Jeder andere in Eurer Situation hätte schon längst versucht, mich zu verführen.“

Mit einem Mal war das vertraute Unbehagen wieder da. Doch in seiner Karriere als Diplomat hatte Dannyl gelernt, wann es Sinn machte, etwas abzustreiten und wann nicht.

„Ist das ein Problem?“, fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. „Männer wie Ihr werden von der sachakanischen Gesellschaft verachtet und müssen fast so viel erdulden, wie die Frauen, derer mein Volk sich annimmt. Einige meiner Leute überlegen, sie bei uns aufzunehmen, sofern sie bereit sind, sich uns unterzuordnen und ihre Magie blockieren zu lassen.“

Dannyl lächelte schief. „Ich könnte ein Wort für sie einlegen.“


***


Über dem Universitätsgelände lag ein erster Hauch von Frühling. Obwohl die Gärten noch unter tiefen Schnee begraben lagen, war die Veränderung nicht mehr zu ignorieren. Über Nacht waren die Temperaturen gestiegen, im Wald sangen die Vögel und selbst die Lehrer und Novizen schienen von einer seltsamen Vorfreude erfasst.

Sonea saß an einem Fenstertisch in der Novizenbibliothek und beobachtete, wie die Eiszapfen vor dem Fenster in der Mittagssonne schmolzen. Allenthalben fielen dicke Tropfen mit einem leisen Platschen auf das äußere Fenstersims. Obwohl das Ende des Winters sie dem Krieg gegen die Sachakaner ein gutes Stück näherbrachte, verspürte Sonea eine nahezu selige Ruhe. Über die Ereignisse der vergangenen Wochen war ihr dieses Gefühl fremd geworden.

Es würde noch Wochen dauern, bis auch der Schnee in den Bergen schmolz und die Sachakaner waren sich noch immer uneins. Sonea wünschte, Marika würde die Gilde mit seinen jetzigen Anhängern angreifen, doch der König von Sachaka würde das nicht riskieren. Das war beängstigend, weil das die Zahl ihrer Gegner vergrößern würde, doch zugleich verschaffte genau das der Gilde mehr Zeit für ihre eigenen Vorbereitungen.

Die Chancen der Gilde hatten sich indes über Nacht deutlich verbessert. Nach Monaten erfüllt von zahlreichen Misserfolgen hatten Sonea und Akkarin endlich, wonach sie so lange gesucht hatten: eine Anleitung zur Herstellung von Speichersteinen. Sonea konnte es kaum erwarten, bis der Unterricht vorbei war und sie mit Akkarin und Tayend die entsprechenden Textstellen in den Büchern übersetzen würde. Sie war begierig darauf, das Geheimnis der Speichersteine zu lüften und selbst welche zu erschaffen. Damit würden sie nicht nur den Magiern und Novizen ihre Magie für die Schlacht zurückgeben, sie würden auch Speichersteine herstellen, die sich als Waffe verwenden ließen.

Neben ihr stieß Trassia einen hingebungsvollen Seufzer aus. „Endlich wird es Frühling!“ Mit leuchtenden Augen blickte sie Sonea an. An diesem Tag trug sie ihr Haar offen; Sonea war aufgefallen, dass sie das in letzter Zeit häufiger tat. „Ich freue mich schon so sehr darauf, heute Abend wieder Lord Larkin zu assistieren.“

Sonea lächelte. „Macht ihr Fortschritte?“

„Ich denke schon.“ Trassia errötete. „Gestern Abend hat er mich gelobt, weil ich einem Novizen aus dem ersten Jahr so verständlich erklärt habe, wie er seine Magie in den Dome geben muss, dass dieser es sofort verstanden hat. Lord Larkin sagte: Trassia, du bist eine wunderbare Assistentin. Zu schade, dass du dich bereits für die Heilkunst entschieden hast. Wenn wir hiermit fertig sind, wird mir deine Gesellschaft fehlen.“ Sie kicherte. „So wie er das sagte, klang es, als würde er mich gerne weiterhin als Assistentin haben.“

Das war eigentlich nicht Soneas Frage gewesen. Doch sie ahnte, sie würde keine Antwort auf ihre eigentliche Frage erhalten, bevor Trassia sich nicht ihre Gefühle für den jungen Architekturlehrer von der Seele geredet hatte.

„Das freut mich für dich“, sagte sie daher. „Das hört sich so an, als hättest du bekommen, was du willst.“

„Ja.“ Trassia zögerte. „Glaubst du, ich kann die Wahl meiner Disziplin noch ändern? Ich bin auch in Alchemie ziemlich gut. In ein paar Wochen haben die Winternovizen Kontrolle gelernt, und wenn wir sie eingewiesen haben, wird Lord Larkin mich nicht mehr brauchen …“

Sonea hob die Schultern. „Ich weiß nicht, vielleicht. Aber du würdest wahrscheinlich ein oder zwei Halbjahre verlieren.“ Sie beugte sich vor und sah ihrer Freundin in die Augen. „Du solltest auf deinen Verstand hören. Die Wahl der Disziplin sollte nicht davon abhängen, in wen man gerade verliebt ist. Nimm die Disziplin, die du am liebsten magst und bei der du dir vorstellen kannst, sie den Rest deines Lebens zu praktizieren. Wenn Lord Larkin dich wirklich mag, dann wird er dich auch als Heilerin mögen.“

Trassia nickte langsam. „Ich hoffe so sehr, dass er mich mag. Aber …“ Ihre Augen weiteren sich. „Darf ein Lehrer eigentlich etwas mit einem Novizen haben, den er unterrichtet? Ich meine, ich bin ja nicht seine Novizin.“

„Ich habe noch nie gehört, dass es verboten ist“, antwortete Sonea. „Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Gilde so etwas gerne sieht.“ Es war sicher weniger skandalös, wie ein intimes Verhältnis zwischen Mentor und Novize. Trotzdem konnte Sonea sich die Argumente der höheren Magier gegen eine derartige Beziehung nur allzu lebhaft vorstellen. Wahrscheinlich sahen sie in dieser Hinsicht ihre und Akkarins Beziehung als den Anfang vom Ende.

„So etwas habe ich befürchtet.“ Trassia seufzte. „Aber wenn ich bis zu meinem Abschluss warte, hat er vielleicht eine andere gefunden.“

Sonea war nicht sicher, ob Lord Larkin überhaupt Interesse an ihrer Freundin hatte. Sie wollte Trassia helfen, doch sie wollte ihr auch keine falschen Hoffnungen machen. „Du kannst immer noch Architektur abwählen oder in einen anderen Kurs gehen“, sagte sie. „Es gibt doch noch zwei weitere Lehrer, die das unterrichten, oder?“

Trassias Gesicht hellte sich auf. „Dann wäre es auch egal, wenn zwischen uns etwas wäre ...“

„Genau“, stimmte Sonea zu. „Aber wirf deinen Stundenplan nicht durcheinander, bevor du nicht sicher bist, dass ihr eine Chance habt.“

„Ich weiß.“ Trassias Lippen verzogen sich zu einem Schmollmund. „Bis jetzt ist nicht viel mehr passiert, als dass er mir hin und wieder Komplimente macht. Aber jedes Mal, wenn ich daraufhin versuche mit ihm zu flirten ...“ Sie brach ab und ihr Gesicht verfinsterte sich.

Sonea wandte den Kopf und ihre Stimmung sank. Regin schritt durch die Bibliothek auf sie zu. Ein paar Novizinnen warfen ihm schmachtende Blicke zu, die er jedoch ignorierte. So selbstgefällig hatte Sonea ihn das letzte Mal gesehen, als sie noch erbitterte Feinde gewesen waren.

„Einen wunderschönen Tag, meine Ladies“, grüßte er und ließ sich auf den freien Stuhl neben Trassia fallen.

„Hallo, Regin“, erwiderten Sonea und ihre Freundin lahm.

Regin runzelte die Stirn. „Ich störe doch nicht etwa wieder bei euren Frauenthemen?“, fragte er auf ihre letzte Mittagspause anspielend, in der sie Luzilles Menuvorschläge diskutiert hatten. „Ich dachte, ihr wärt gestern damit fertig geworden.“

„Da ging es um Soneas Hochzeit“, sagte Trassia. „Aber du hast recht, wir sprechen über Dinge, die dich nichts angehen.“

„Lass mich raten.“ Regin stützte seinen Arm auf den Tisch und betrachtete Trassia lauernd. „Es geht um einen gewissen jungen Architekturlehrer.“

Trassia errötete und senkte den Kopf.

„Regin, was willst du?“, fragte Sonea entnervt.

„Ah, ich wollte euch berichten, dass Balkan mit meinen Leistungen überaus zufrieden ist. Er wird mit meinem Onkel darüber sprechen, mich vierttags in die Arena mitzunehmen, wenn die Krieger gegen dich und Akkarin antreten.“

Sonea machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Ein weiterer Gegner wird unseren Sieg nur umso amüsanter machen.“

„Warum willst du gegen Sonea und Akkarin kämpfen, wenn du doch weißt, dass die Krieger immer eine Niederlage einstecken?“, fragte Trassia. „Hat dir die Lektion, die Sonea dir damals erteilt hat, nicht gereicht?“

„Wenn Balkan meint, dass ich mich gut in eine Gruppe von Kriegern einfüge, kann ich meinen Onkel vielleicht dazu überreden, bei der Schlacht mitzukämpfen.“

„Oh, Regin, tu das nicht!“, flehte Trassia. „Das ist gefährlich.“

„Lass ihn.“ Sonea bedachte Regin mit einem finsteren Seitenblick. „Wenn er unbedingt als einer der Ersten sterben will, sollten wir ihn nicht aufhalten.“ Sie hatte Regin sein Auftreten bei der Gildenversammlung noch immer nicht verziehen. Er hatte die Novizen in Aufruhr versetzt. Während die männlichen Novizen jetzt dem Krieg entgegen fieberten, brachten die Mädchen ihrem Freund eine Bewunderung entgegen, die seinem Ego nicht guttat.

Regin ignorierte sie. „Ich tue das nur, um die Heiler zu beschützen“, säuselte er zu Trassia gewandt.

Sonea unterdrückte ein Schnauben. Glaubte er wirklich, er könne sich Trassia mit seinem Gesülze um den Finger wickeln? Hatte er nicht schon genug Mädchen, die ihn verehrten?

„Und wir alle wissen seit der Schlacht von Imardin, wie gut du das kannst“, frotzelte sie. „Dir ist doch hoffentlich bewusst, dass wir dieses Mal mit dem zwanzigfachen an schwarzen Magiern rechnen müssen?“

Regin ließ von Trassia ab und drehte Sonea mit gespielter Geduld den Kopf zu. „Aber wir haben auch mehr Magie zu Verfügung, nicht wahr?“

„Akkarin und ich werden mehr Magie zur Verfügung haben“, gab Sonea zurück. „Ihr anderen nur, wenn wir bis dahin die Speichersteine haben.“ Für einen kurzen Augenblick spielte sie mit dem Gedanken zu erzählen, dass sie und Akkarin mit ihrer Forschung kurz vor einen Durchbruch standen. Doch dann verwarf sie die Idee wieder. Das würde Regins maßlose Selbstüberschätzung nur verstärken und Hoffnungen schüren, die sich vielleicht als falsch erwiesen.

„Ich habe meinen Onkel reden hören, dass unsere Strategie verändert wird, sollten wir keine Speichersteine haben“, sagte Regin. „Du und Akkarin sollt die Sachakaner dann in einen Hinterhalt wie eine Schlucht irgendwo in den Bergen locken, damit sie nicht alle auf einmal angreifen können.“

Für Sonea war das nichts Neues. Akkarin hatte ihr bei ihrem letzten Abendessen davon berichtet. Sie betrachtete Regin mit schmalen Augen. „Trotzdem wette ich, dass du dich bepinkeln wirst, sobald die ersten Sachakaner am Horizont erscheinen.“


***


Am frühen Nachmittag kehrte Dorrien von seiner Visite in Wildwasser zurück. Eine späte Welle von Winterhusten hatte das kleine Dorf befallen und so war er in den vergangenen Wochen mehrfach dorthin geritten, um die Bevölkerung zu behandeln. Am vergangenen Tag hatte er zudem einer Bäuerin bei der Geburt ihres vierten Kindes geholfen und war über Nacht geblieben.

Es war der erste Tag seit Wochen, an dem die Berge nicht unter tiefhängenden Wolken verborgen waren. Die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel, der Schnee glitzerte auf den Ästen der Bäume und rieselte herab, wo sich Squimps über die Äste jagten. Nur das Flachland war unter einer dicken Wolkenbank verborgen, was Dorrien das unwirkliche und zugleich erhabene Gefühl gab, oberhalb der Welt zu leben.

Fröhlich pfeifend lenkte er sein Pferd die schneebedeckte Straße entlang, die ihn geradewegs nach Windbruch führte. In Wildwasser war der Winterhusten besiegt und auch in Windbruch hatte es seit zwei Wochen keine neuen Fälle gegeben. Mit etwas Glück würde der Rest des Winters einigermaßen ruhig verlaufen.

Als die ersten Häuser vor ihm auftauchten, regte sich Dorriens Magen. Das reichhaltige Frühstück, das die Bauernfamilie ihm serviert hatte, bevor er sie mit ihrem neuen Familienmitglied zurückgelassen hatte, war bereits verdaut und er sehnte sich nach einem deftigen Eintopf mit Reberfleisch, Monyos und Tugorknollen.

Auf dem Weg zum Dorfplatz begegneten ihm mehrere Dorfbewohner, die ihren alltäglichen Arbeiten nachgingen. Sie grüßten ihn respektvoll und eilten dann weiter. Aus dem Schornstein der Bäckerstube quoll dicker Rauch und der Duft von frischgebackenem Brot zog durch den Ort und vermischte sich mit dem medizinischen Geruch aus Forrens Destille, der sogar den Gestank des dahinterliegenden Abfallhaufens überdeckte.

Ein frisches Brot wäre eine gute Alternative zum Eintopf, überlegte Dorrien. Zuhause hatte er noch einen halben Laib Käse aus Gorinmilch und gesalzene Butter. Er würde satt werden, ohne kochen zu müssen. Inzwischen musste Viana sich wundern, wo er abgeblieben war. Am vergangenen Morgen hatte er ihr gesagt, er würde noch am selben Abend zurückkehren. Doch da hatte er nicht wissen können, dass Torrens Frau ihr Kind zwei Wochen früher als errechnet bekommen würde.

Er bezweifelte indes, Viana würde ihm seine Verspätung nachtragen. Seit er sie unterrichtete, hatte er ihr genug über seine Arbeit erzählt, dass sie auf derartige Vorkommnisse vorbereitet war.

Mit diesem Gedanken überquerte er den Dorfplatz und hielt auf die Bäckerei zu. Auf halbem Weg hielt er inne. Vor der Schmiede stand eine große, breitschultrige Gestalt, deren Oberkörper trotz der beißenden Kälte entblößt war, und eine kleinere Gestalt mit tennblonden Zöpfen.

Loken und Viana.

Was macht sie dort?, fragte Dorrien sich. Dann erstarrte er, als er sich wieder an Lokens Besuch erinnerte, nachdem dieser vom Winterhusten genesen war. Zu Dorriens Unmut hatte der Schmied ihn über Viana ausgefragt, da er seit einer Weile offenkundig ein romantisches Interesse an der Tochter des Reberhirten hatte.

Ich habe Viana sehr gerne, hatte er gesagt. Ich könnte mir gut vorstellen, mit ihr verheiratet zu sein. Aber ich weiß nicht, ob sie mich mag.

Loken, das kann ich dir auch nicht sagen, hatte Dorrien geantwortet. Das musst du sie selbst fragen.

Ob Loken gerade dabei war, das zu tun? Dorrien warf einen unwirschen Blick zur Schmiede. Glaubte der Schmied, er konnte sie mit seinen Muskeln beeindrucken? Dorrien unterdrückte ein Schnauben. Ein Gefühl sagte ihm, dass Viana das nicht interessierte.

Und wenn doch?, fragte er sich. Was wenn sie sich in ihn verliebt und kein Interesse mehr daran hat, Heilerin zu werden? Für Dorriens Geschmack nagte diese Frage bereits viel zu lange an ihm. Er wollte nicht schon wieder eine Frau an einen anderen Mann verlieren. Auch nicht, wenn sein Interesse dieses Mal nur fachlicher Natur war.

Kurz entschlossen wendete er sein Pferd und hielt auf die Schmiede zu. Das Brot war nicht mehr wichtig. Etwas in ihm brannte darauf, die Antwort auf seine Frage herauszufinden.

„Loken!“, rief er, während er auf die beiden zuhielt. „Viana!“

Loken und Viana hielten inne.

„Mylord!“, sagten sie fast gleichzeitig und verneigten sich, Loken ungelenk, Viana mit Anmut.

„Lord Dorrien, ist etwas passiert?“, fragte Viana, einen Ausdruck der Besorgnis in ihren tironussbraunen Augen. „Ihr seid gestern Abend nicht zurückgewesen. Loken meinte bereits …“

„Ich hab’ sie zu trösten versucht, dass Euch nix passiert ist“, erklärte der Schmied. „Ich hab’ ihr gesagt, dass es schon mal länger dauern kann, wenn Ihr auf Visite verschwindet.“

Bei seinen Worten schenkte Viana ihm ein seltsam schiefes Lächeln, das Dorrien nicht zu deuten wusste.

„Ich musste bei einer Geburt helfen“, sagte Dorrien. „Das hat bis spät in die Nacht gedauert. Also habe ich in Wildwasser übernachtet.“

„Also ist alles in Ordnung“, folgerte Viana.

„Das ist es, kleine Viana.“ Dorrien warf einen kurzen Blick zu Loken. „Ich will euch beide nicht stören, doch ich würde mich freuen, wenn wir den Rest des Tages noch für deinen Unterricht nutzen könnten.“

„Also, Mylord“, begann Loken sichtlich unbehaglich. „Eigentlich wollten wir gerade …“

„Oh, wir waren sowieso fertig“, beeilte Viana sich zu sagen. „Ich würde mich über ein wenig Unterricht freuen.“

Dorrien lächelte. „Dann komm.“ Er bedeutete ihr, hinter ihm aufzusitzen. „Ich erzähle dir auch von jedem Fall, den ich in Wildwasser behandelt habe.“

Er wollte Viana eine Hand reichen, doch Loken war bereits hinter sie getreten. Seine prankenartigen Hände schlossen sich um die Taille der jungen Frau und hoben sie hinter Dorrien in den Sattel. Ein angenehmer Duft nach etwas Blumigem wehte in Dorriens Nase. Er hatte diesen Duft schon öfter an Viana gerochen, es musste ihre Seife sein.

„Danke, Loken“, sagte Dorrien bemüht, nicht die Augen zu verdrehen. Warum musste dieser Mann sich nur so aufdrängen?

Ich mag Loken, aber ich will ihn nicht als Mann, waren Vianas Worte gewesen, als sie und ihr Vater über ihre Zukunft gestritten hatten. Damals hatte Dorrien den Reberhirten davon zu überzeugen versucht, Viana die Ausbildung zur Heilerin zu erlauben. Kullen hatte sich dagegen gewehrt, weil er unbedingt wollte, dass Viana den Schmied von Windbruch heiratete.

Loken war eine gute Partie. Er genoss auch jenseits von Windbruch Ansehen. Es gab immer etwas, für das sein Handwerk gebraucht wurde, von einfachen Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs, bis hin zu Waffen für die Jagd. Darüber hinaus war Loken einer der besten Spurenleser und Jäger in der Gegend um den Südpass. Er war groß, stark und furchtlos und mit Anfang dreißig nur wenige Jahre älter als Dorrien. Allerdings empfand Dorrien den Altersunterschied zu der jungen Frau, die er insgeheim oft schon fast als seine Novizin betrachtete, als zu groß. Viana war mit achtzehn fast halb so alt, wie Loken. Zudem fand Dorrien, dass Viana als zukünftige Magierin bessere Männer verdiente.

Es lag nicht an Loken. Loken war ein guter Mann und für Dorrien fast schon ein Freund. Dorrien wollte nur nicht, dass Viana mit ihm anbandelte. Und wenn er diesem Gedankengang weiter nachging, erkannte er, er wollte auch nicht, dass sie mit einem anderen anbandelte.

Er wollte, dass sie Heilerin wurde und ihm bei seiner Arbeit half. Nach ihrem Studium konnte sie seinetwegen heiraten, wen sie wollte.

Als Viana ihre Arme um ihn legte, ritten sie los. „Ihr tragt den Umhang, den ich Euch geschenkt habe“, bemerkte sie offenkundig erfreut.

„Nun, damit kann ich meine Magie für die wichtigen Dinge aufheben“, erwiderte Dorrien lächelnd.

„Also hält er Euch warm?“

„Ja. Sehr sogar.“

„Reberwolle hält Kälte sehr gut ab“, stimmte sie zu. „Besonders, wenn sie gut gewebt ist.“

„Also kleine Viana“, begann Dorrien, nachdem sie die Straße zu seinem Haus eingeschlagen hatten. „Was war das vorhin zwischen dir und Loken?“

„Ich war auf dem Rückweg von Eurem Haus, als ich ihn getroffen habe. Er rief mich und da ging ich zu ihm. Er fragte mich, warum ich nicht wie sonst in Eurer Begleitung wäre und ich antwortete ihm, dass Ihr noch nicht von Eurer Visite zurückgekehrt wärt.“

„Und da hat er dich getröstet“, folgerte Dorrien in einem Anflug von Verärgerung.

„Er hat gesagt, dass Ihr oft länger fort seid, wenn etwas Unvorhergesehenes dazwischen kommt.“ Sie zögerte und Dorrien begriff, sein Zorn hatte sie verunsichert. „Nach der Geschichte mit dem Sachakaner habe ich das Schlimmste für Euch befürchtet, Mylord.“

Die Furcht in ihrer Stimme war aufrichtiger Natur. Zumindest glaubte Dorrien ihr, dass sie nicht zu Loken gegangen war, um mit ihm zu flirten. Was nicht bedeuten musste, dass es nicht dazu gekommen war.

„Die Grenze wird seitdem bewacht, kleine Viana“, sagte er. „Du hast doch selbst die Krieger am Südpass gesehen, als wir vorletzte Woche dort waren.“

„Das habe ich, Mylord. Aber habt Ihr nicht auch gesagt, dass sie nicht ausreichen, um die komplette Grenze lückenlos zu bewachen?“

Dorrien wollte sie nicht unnötig ängstigen. Sie hatte bereits genug schlechte Erfahrungen mit den Sachakanern gemacht. Bei ihrer Entführung hatte sie nur insofern Glück gehabt, dass ihr Peiniger sie nicht vergewaltigt hatte, wie es bei Sina der Fall gewesen war. Er unterdrückte ein wehmütiges Seufzen, als er daran dachte, welche Lücke Sina in der Dorfgemeinschaft hinterlassen hatte. Das Haus, das sie und ihr Mann Bal bewohnt hatten, stand noch immer leer.

Dennoch hielt er es für seine Pflicht, seiner Schülerin die Wahrheit zu sagen. „Das ist richtig“, sagte er. „Doch die Sachakaner werden während der nächsten Monate keine Gefahr für uns darstellen.“

Weil sie uns im Sommer angreifen werden …

Das war jedoch etwas, das er Viana nicht sagen wollte. Alle Magier waren angewiesen, diese Informationen nicht an Leute weiterzugeben, die nicht zur Gilde gehörten. Die möglichen Konsequenzen waren nur schwer abzusehen. Die Informationen konnten auf Umwegen zu den Sachakanern gelangen und dann würden diese vielleicht früher ausrücken und die Gilde würde nicht vorbereitet sein.

Sofern die Gilde darauf überhaupt vorbereitet sein kann, fuhr es Dorrien durch den Kopf.

„Mylord, Ihr wolltet mir von Eurem Ausflug nach Wildwasser erzählen“, erinnerte Viana.

„Ah, richtig!“, rief er.

Während des letzten Stücks ihres Weges berichtete er Viana ausführlich, wie er die letzten Fälle von Winterhusten geheilt hatte und wie der Mann der Schwangeren auf ihn zugekommen war, als er sich gerade auf den Rückweg machen wollte. Besonders die Geburt beschrieb er in lebhaften Farben, was Viana offenkundig begeisterte.

„Bisher habe ich das nur bei Rebern gesehen“, sagte sie. „Als Lina kam, wollte Vater das nicht. Ich finde, es gibt nichts Schöneres und Bewegenderes als dabei zu sein, wenn ein neues Leben auf die Welt kommt.“

„Da gebe ich dir recht.“ Dorrien runzelte die Stirn, als ihm eine Idee kam. „Kalins Frau wird im übernächsten Monat niederkommen. Was hältst du davon, wenn du mir bei der Geburt assistierst?“

„Das wäre wundervoll!“, rief sie und verstärkte den Druck ihrer Arme um seinen Leib für einen Moment.

Bevor Dorrien sein Pferd versorgte, ließ er Viana in seine Wohnstube ein, die nach mehr als einem Tag ausgekühlt war. Nach seiner Magie greifend schuf Dorrien eine Wärmekugel, mit deren Hilfe sich der Raum rasch wieder auf angenehme Temperaturen aufheizte.

„Möchtest du etwas zu essen oder zu trinken?“, fragte er, als er eintrat. „Ich kann dir allerdings nur Wasser und Kräutersud anbieten. Pachiwein oder Bol könnte ich erhitzen, doch dann sollten wir das Lernen auf morgen verschieben.“

„Was für einen Sud wollt Ihr machen?“

„Ich dachte an Huswurz und Iker. Er hat also eine leicht anregende und gesundheitsfördernde Wirkung, jedoch ohne unerwünschte Effekte.“ Er lächelte schief. „Das ist sozusagen mein selbstgebrauter Sumi.“ Sumiblätter stammten von einer Pflanze, die in Kyralia nur in Plantagen angebaut wurde. In Lan wuchs sie in den tiefer gelegenen Lagen des Berglands und war von einer Qualität, die sich nur die Mitglieder der Häuser leisten konnten.

„Klingt gut, Mylord.“ Viana legte ihren Umhang ab und hing ihn an einen Haken neben der Tür. „Kann ich Euch helfen?“

Dorrien schüttelte den Kopf. „Aber du könntest nach Bordas sehen.“

Wenige Minuten später stellte er zwei dampfende Becher vor ihnen ab. Viana hatte Bordas frisches Wasser gebracht und ihm etwas Gemüse in seinen Stall gelegt.

Zeit, das unangenehme Thema aus der Welt zu schaffen, befand Dorrien. Sein Magen rumpelte noch immer, doch er ahnte, er würde nicht essen können, bevor er Gewissheit hatte.

„Also, kleine Viana“, begann er. „Ich muss dir eine Frage stellen.“

Sie sah auf. Auf ihren weichen Gesichtszügen spiegelte sich Verwirrung wider. „Lord Dorrien, was wollt Ihr wissen?“

Dorrien trank einen Schluck von seinem Kräutersud. Die Flüssigkeit war noch immer so heiß, dass er sich die Zunge daran verbrannte. Er unterdrückte einen Fluch.

„Es geht um Loken“, sagte er einen tiefen Atemzug nehmend. „Als dein Lehrer muss ich wissen, wie tief euer Verhältnis ist.“

Während er die Worte sprach, beobachtete er Viana genau. Zuerst wirkte sie verwirrt, dann entsetzt. „Loken ist ein guter Freund“, antwortete sie. „Ich mag ihn. Aber ich will ihn nicht heiraten, falls es das ist, was Ihr wissen wollt.“

Dorrien nickte. Genau das hatte er wissen wollen. „Das hast du vor einigen Monaten gesagt. Aber ist das jetzt noch immer so?“

„Warum sollte es sich ändern?“, fragte sie zurück.

„Das will ich von dir wissen.“

„Warum?“, verlangte sie zu wissen. „Soweit ich weiß, seit Ihr noch nicht einmal offiziell mein Lehrer.“

„Trotzdem kommen wir durch unseren Unterricht oft sehr nahe miteinander in Berührung. Ich muss wissen, ob du romantisches Interesse an ihm hast, damit ich dir im Zweifelsfall zeigen kann, wie du dich vor gewissen Folgen schützen kannst.“ Er runzelte die Stirn. Sie sollte nicht denken, dass er über ihr Liebesleben gebot, auch wenn er genau das am liebsten getan hätte. „Was nicht heißen soll, dass du nicht mit einem Mann schlafen darfst“, fügte er daher ein wenig weicher hinzu.

„Ich will nicht mit Loken schlafen!“, rief Viana entsetzt.

Dorrien nickte. „Gut“, sagte er. „Denn wenn ich dich unterrichten soll, muss ich wissen, was in dir vorgeht und wie wichtig es dir ist, Heilerin zu werden.“

Vianas tironussbraune Augen begegneten seinen. „Es ist mir wichtig, Mylord. Wichtiger, als Ihr euch vorstellen könnt.“ Ihre Wangen färbten sich rosa, als sie weitersprach: „Und ich habe keine Gefühle für Loken. Männer wie er interessieren mich nicht.“


***


„Ah, endlich wieder Anurischer Dunkelwein!“ Cery schwenkte die dunkelrote Flüssigkeit in seinem Glas. „Was Besseres kriegt man kaum!“

Er trank einen Schluck und lächelte anerkennend. Es war feinste Schmuggelware. Von seinem Gehalt als einfache Stadtwache hätte er sich diesen Wein nicht leisten können, zumal er nur noch die Hälfte seiner Geschäfte führte. In wenigen Monaten, wenn er das volle Gehalt eines Captains erhielt, würde er solche Luxusgüter indes auf ehrliche Art und Weise erwerben können.

Inzwischen machte Cery getrennte Buchführungen. Eine für die Güter des täglichen Gebrauchs, die er allesamt von seinem offiziellen Gehalt zahlte, und eine für seine Geschäfte als Dieb, worunter auch dieser Wein zählte. Von Letzteren erhielten seine Leute eine Prämie, wenn sie an einem Geschäft beteiligt waren. Für den Fall, dass Captain Commander Worril unangekündigte Kontrollen durchführte, was in den vergangenen Monaten bereits zwei Mal vorgekommen war, hatte Cery Geheimkammern in seinem Versteck, die für die wenigen Sachen, die er noch hier lagerte, ausreichend waren.

„Fast wie’n alten Zeiten, als du noch für den Hohen Lord gearbeitet hast“, bemerkte Gol. Seine Füße lagen auf dem Tisch von Cerys Aufenthaltsraum in seinem Versteck. Daneben standen die Reste ihres Abendessens. Enkabraten vom Spieß gefüllt mit Pachi und Monyos. Dazu hatte Cerys Koch Brötchen und Chebolsoße serviert. Obwohl Gol den Braten fast ganz alleine verdrückt hatte, schien er noch immer nicht satt.

„Ja, das waren noch Zeiten“, stimmte Cery mit einem Anflug von Wehmut zu. „Da mussten wir uns nicht ums Geld sorgen.“ Für Akkarin zu arbeiten, war eine sichere Einkunft gewesen, da immer Sachakaner in die Stadt gekommen waren, die es aufzuspüren galt.

Es klopfte und Morren trat ein.

„Die kleine Frau, die schon öfters hier war, will dich sehen, Chef.“

Cery runzelte die Stirn. Wann lernten seine Leute endlich, sich genauer auszudrücken? Zu dieser Beschreibung fielen ihm gleich drei Frauen ein, die ihm allesamt in irgendeiner Weise nahe standen. Er fragte sich, wie sie ihre Arbeit als Stadtwachen verrichten konnten, wenn sie sich andauernd so unpräzise ausdrückten.

„Welche von denen?“, verlangte er zu wissen.

„Die kleine Hure.“

Cery und Gol tauschten einen Blick. Seit Savaras Besuch hatte er Nenia sträflich vernachlässigt, wie er in einem Anflug von Schuldgefühl erkannte. Cery wusste, er täte besser daran, sich bei ihr zu entschuldigen. Doch er war nicht sicher, ob er sie nach der Sache mit Savara überhaupt sehen wollte. Aber da sie nun hier war, konnte er sich um ein Wiedersehen nicht mehr drücken.

„Bring sie her“, wies er Morren an.

Gol leerte seinen Becher und folgte dem anderen Mann nach draußen. „Ich komm’ später wieder“, sagte er und lächelte wissend.

Cery verdrehte die Augen. Wenige Augenblicke später öffnete sich die Tür erneut und Nenia trat ein. Unter ihrem Umhang trug sie eines der Kleider, die Cery ihr geschenkt hatte. An den Hüften spannte es sich unvorteilhaft.

Sie hat zugenommen, fiel Cery auf. Er wusste nicht, ob ihm das gefallen sollte. Sie war schon immer ein wenig mollig gewesen, doch die zusätzlichen Pfunde standen ihr nicht.

„Hallo, Ceryni“, sagte sie lächelnd. Es wirkte jedoch ein wenig gequält.

Als Cery sie näher betrachtete, bemerkte er, dass sie blass und müde wirkte. Und ihr Gesicht war verglichen mit ihrem Körper viel zu schmal.

„Hallo, Nenia“, erwiderte er. „Wie geht’s dir? Magst du’n Glas Wein?“

Sie schüttelte den Kopf. „Kein Wein.“

„Was anderes vielleicht? Bol? Raka?“

„Raka wär’ gut.“

Cery erhob sich und verließ kurz den Raum, um ihr das Gewünschte zu bringen.

„Also, was kann ich für dich tun?“, fragte er, nachdem sie sich gesetzt hatte und den dampfenden Becher in den Händen hielt.

Sie wich seinem Blick aus. „Ich wollt’ dich einfach nur sehen.“

Als Dieb war Cery darin geübt, die Anzeichen von Unehrlichkeit selbst bei Leuten zu erkennen, die ihre Gefühle zu verbergen verstanden. In Nenias Fall war es jedoch offensichtlich.

„Nenia, was’s los?“, verlangte er zu wissen. „Ich seh’ dir doch an, dass irgendwas nicht stimmt. Bist du krank?“

„Das nun nicht gerade“, antwortete sie leise.

„Steckst du in Reibereien?“

Sie nickte.

„Mit Corbin oder mit einem deiner Freier?“

Sie sah auf. Ihre Augen waren groß und rund.

„Cery, ich bin schwanger.“

Cery verschluckte sich an seinem Anurischen Dunkelwein. Hustend stellte er sein Glas beiseite. Er kannte Frauen, die er dazu beglückwünscht hätte, doch bei Nenia war das wohl kaum angebracht. Sie war eine Hure und seiner Meinung nach viel zu jung, um einen Bastard in die Welt zu setzen, wenn auch viele Frauen in den Hüttenvierteln sehr früh Mutter wurden, weil sie jung heirateten, um versorgt zu sein.

„Weiß Corbin davon?“

„Ja. Er will, dass ich’s wegmachen lasse, aber das will ich nicht.“

„Aber das wär’s Beste“, sagte Cery vorsichtig. „Besonders in deinem Beruf. Wenn du’s behalten willst, wirst du ’ne Weile ausfallen. Du kannst nicht bis zur Geburt weiterarbeiten.“

In Nenias Augen glitzerten Tränen. „Corbin hat gesagt, das ist ihm egal. Wahrscheinlich hofft er, dass ich’s verliere, wenn ich’s schon nicht wegmachen lassen will.“

„Hai! Er lässt dich weiterarbeiten?“

Sie nickte.

Cery stieß einen rüden Fluch aus. Was ist dieser Corbin für ein Monster!, dachte er. Arbeit während der Schwangerschaft war nicht verboten und der Besitzer der Lüsternen Jungfrau war trotz seiner Unmenschlichkeit zu anständig, als dass Cery ihm einen Gesetzesverstoß anhängen konnte. Aber als Dieb konnte er Corbin noch immer Ärger bereiten.

„Ich rede mit ihm“, erklärte er.

Sie starrte ihn an. „Das ist alles?“, fragte sie. „Ich dachte, du würdest mehr für mich tun. Ich dachte, ich würd’ dir mehr bedeuten.“

Hab’ ich was Wichtiges verpasst?, fragte Cery sich. Was erwartete sie von ihm außer, dass er Corbin in seine Schranken wies? Glaubte sie, als Captain der Stadtwache würde er mehr Möglichkeiten haben? Zum Teil stimmte das, doch oft waren ihm auf Grund der Gesetze die Hände gebunden.

Oder denkt sie, ich würde sie lieben?

Mit einem Mal bereitete ihm der Gedanke, sie würde versuchen, sich an ihn zu klammern Panik. Für Cery war das der denkbar schlechteste Zeitpunkt. Was sollte er mit einer Frau, wenn er noch immer an Savara hing?

„Wieso solltest du das?“, fragte er kühler als er beabsichtigt hatte.

Nenia schob den Stuhl zurück und stand auf. Ein dunkles Feuer brannte in ihren Augen, das Cery unwillkürlich zurückweichen ließ.

„Weil du der Vater sein könntest!“, fauchte sie und rauschte aus dem Raum.

Cery starrte ihr hinterher, unfähig ihre Worte zu begreifen oder darauf zu reagieren. Damit hatte er am allerwenigsten gerechnet.


***


Als die Dämmerung jenseits der Papierblenden von Rothens Apartment heraufzog, fand er endlich Zeit für persönliche Dinge. Eine Lichtkugel heraufbeschwörend setzte er sich mit einer frisch aufgebrühten Tasse Sumi in seinen Lieblingssessel und nahm den Brief zur Hand, den er am Morgen erhalten hatte. Beim Anblick der energischen Handschrift lächelte er unwillkürlich.

Lieber Vater,

Ich hoffe, es geht dir gut. Von den Kriegern am Fort habe ich erfahren, dass der sachakanische König der Gilde und Kyralia den Krieg erklärt hat und dass Dannyl in Sachaka in Schwierigkeiten steckt. Diese Neuigkeiten sind wirklich entsetzlich. Wie geht es dir damit? Weißt du inzwischen etwas Neues von Dannyl?

Wenn ich nach Imardin kommen soll, um die Gilde bei ihren Vorbereitungen zu unterstützen, lass es mich bitte wissen. Ich habe auch bereits Administrator Osen geschrieben und ihm meine Hilfe angeboten.


Rothen verkniff sich ein Lächeln. Das war typisch Dorrien. Er versteckte sich nicht, wenn es ernst wurde, sondern stand für das ein, was ihm wichtig war.

Dass sein Sohn ihm wegen der neusten Entwicklungen einen Brief schrieb, überraschte Rothen nicht. Die Magier am Fort würden ihn früher davon in Kenntnis gesetzt haben, als ein Brief aus Imardin ihn überhaupt erreicht hätte. Seit jener Nacht, in der Kito gestorben war, hatte Rothen noch keine Zeit gefunden, seinem Sohn zu schreiben. Er verspürte ein leises Schuldgefühl, weil er Dorrien über seine Pflichten als Lehrer und höherer Magier vernachlässigt hatte. Dafür werde ich den Brief umso ausführlicher beantworten, entschied er.

An seinem Sumi nippend las er weiter:

Der eigentliche Grund meines Schreibens ist jedoch ein völlig anderer. Der Zeitpunkt ist denkbar ungünstig, aber als ich diese Entscheidung traf, wusste ich noch nichts von den Absichten der Sachakaner.

In meinem Dorf lebt eine junge Frau mit magischem Potential. Sie hat den Wunsch, Heilerin zu werden und ich will ihr das ermöglichen. Ich habe ihr Lesen, Schreiben und die Grundarithmetik beigebracht sowie einige Untersuchungs- und Heilungsmethoden, für die man keine Magie benötigt. Sie assistiert mir bereits seit einigen Monaten bei Hausbesuchen und dem Herstellen von Medizin. Auf ihre Hilfe möchte ich nicht mehr verzichten. Meine Planung sah vor, sie zum Sommerhalbjahr auf die Universität zu schicken. Bevor ich mit Lady Vinara und Rektor Jerrik über die Details diskutiere, erbitte ich jedoch deinen Rat, da du bereits mehrere Novizen ausgebildet hast.


Es folgte ein längerer Abschnitt, in dem Dorrien ausführlich die Charakterzüge des jungen Mädchens und ihre damit verbundene Eignung für die Heilkunst lobte. Rothen gewann den Eindruck, sein Sohn hatte sich tatsächlich ernsthafte Gedanken darüber gemacht, wie er die Ausbildung seines Schützlings gestalten wollte. Das beeindruckte und überraschte ihn, hatte er sich doch oft gefragt, ob Dorrien jemals erwachsen würde.

Einen weiteren Schluck Sumi trinkend, wandte er sich dem letzten Abschnitt zu.

Ich bin wirklich gewillt, Viana auszubilden, selbst wenn die Gilde es mir nicht leichtmachen wird, da sie nicht aus den Häusern stammt. Nur weil sie zum Winterhalbjahr Novizen aus dem einfachen Volk aufgenommen hat, bin ich trotzdem noch nicht bereit zu glauben, dass sie diese Neuzugänge wirklich akzeptieren. Gewohnheiten sind nun einmal nur schwer zu ändern.

Ich hoffe, du kannst mir einen Rat geben, wie ich am besten vorgehen soll, Viana hat großes Potential und ich möchte ihr Talent nicht vergeuden.

Dein Sohn Dorrien.


Rothen legte den Brief zur Seite und lächelte. Das war typisch für Dorrien, wenn er von einer Sache besessen war. Seine Leidenschaft zu heilen war das beste Beispiel dafür. Das allein war Rothen Beweis genug, dass er sich der Verantwortung, die das Mentorenamt mit sich brachte, nicht bei der nächstbesten Gelegenheit wieder entziehen würde.

Es scheint, seine Besessenheit von Sonea hat sich auf eine andere Person übertragen, dachte er amüsiert. Er kannte Dorrien gut genug, um zu wissen, dass er dieses Mädchen sehr gern haben musste. Er konnte nur hoffen, dass sein Sohn vernünftig genug war, seine Gefühle nicht über seinen Verstand regieren zu lassen und dem armen Mädchen den Kopf verdrehte. In seiner Antwort würde Rothen ihn dazu ermahnen, vorsichtig zu sein. Sollte Dorrien sich nicht daran halten, wäre es besser, wenn er sich den mit einer Beziehung zwischen Mentor und Novize verbundenen Ärger ersparte und Vianas Ausbildung jemand anderem anvertraute.

Rothen lehnte sich zurück und starrte gedankenverloren in die Schwärze jenseits der Papierblenden. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr drängte sich ihm der Gedanke auf, dass sein Sohn romantische Gefühle für diese junge Frau hegte. Doch vielleicht irrte er sich auch. Vielleicht hatte Dorrien nur eine willige Helferin gefunden, war in seinem Herzen jedoch noch nicht über Sonea hinweg. Er wusste, wie sehr Dorrien in seiner Arbeit aufging. Wie oft hatte er sich darüber beklagt, der einzige Heiler im Umkreis mehrerer Tagesreisen zu sein, weil kaum ein Magier bereit war, in eine solche entlegene Gegend zu ziehen! Es war gut möglich, dass er sich einfach nur in den Kopf gesetzt hatte, sich endlich Hilfe zu holen.

Nachdenklich leerte Rothen seinen Sumi. Es wäre ihm lieber, dieses Gespräch mit Dorrien persönlich zu führen. Auch wenn private Gedankenrede erlaubt war, wollte Rothen verhindern, dass die Waschweiber der Gilde eine derartige Unterhaltung belauschten. Dorrien würde jedoch nur nach Imardin kommen, wenn die Gilde ihn herbeorderte. Mit der Vorbereitung seines Vertiefungskurses auf die Abschlussprüfungen, den nahezu täglichen Besprechungen der höheren Magier und der Massenproduktion der Schildsenker hatte Rothen bereits mehr zu tun als ihm lieb war. Er konnte sich eine Reise in die Berge nicht leisten.

Er entschied, es sei zumindest einen Versuch wert, Dorrien zu einem kurzen Besuch in der Stadt zu überreden. Der harte Winter ging allmählich seinem Ende zu und die Medizin, die sein Sohn bei seinem letzten Besuch mitgenommen hatte, musste irgendwann zur Neige gehen. Mit etwas Glück würde er Dorrien überzeugen können, dass sein Vorhaben eine gründliche Diskussion wert war.

Rothen trat zu einer Schublade, in der er Papier und Schreibzeug aufbewahrte, tauchte seine Feder in das Tintenfass und begann zu schreiben.


***


Es erschien Sonea, als hätte sie eine unbekannte Macht in jene Zeit zurückversetzt, in der sie versucht hatte, die Kontrolle über ihre Magie aus Büchern zu lernen. Nur mit dem Unterschied, dass sie sich nicht im Versteck eines Diebes befand.

Der Text in dem Buch vor ihr ergab für sie nicht den geringsten Sinn. Weder die Worte an sich noch ihre Bedeutung. Daran änderte auch nichts, dass der Gelehrte aus Elyne ihr den Text gerade wortwörtlich übersetzt hatte.

Seit dem Abendessen versuchten sie, die Anleitung zur Erschaffung von Speichersteinen zu entschlüsseln. Im Gegensatz zum Rest des Buches schien die Versuchsanleitung in einer Geheimsprache verfasst, so als hätte der Verfasser damit vermeiden wollen, dass jeder Leser auf Anhieb wusste, was zu tun war.

Sonea schüttelte frustriert den Kopf. „Magisieren“, murmelte sie. „Was soll das heißen? Dass man Magie in etwas hineingibt? Oder beschreibt es einen Vorgang, der etwas für Magie sensitiv macht?“

Tayend hob ratlos die Schultern. Obwohl er die Abschriften der alten Bücher angefertigt hatte und ihren Inhalt kannte, verstand er kaum etwas von Magie.

„Es könnte Ersteres sein, weil es sich um schwarze Magie handelt.“ Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen, als er nachdenklich auf den Text vor ihm starrte. „Doch Lord Sadakanes Einleitung zufolge könnte es auch Letzteres sein.“

„Aber wirklich genau wissen wir das nicht“, sagte Sonea halb fragend.

„Nein.“

Und selbst wenn, wüssten sie nicht, was sie dafür tun mussten.

Sonea starrte auf die ihr nächste Wand. Den Begriff magisieren hatte sie heute zum ersten Mal gehört. Auch Akkarin schien er nicht bekannt zu sein und das, obwohl er allen Magiern, die sie kannte, an Intellektualität überlegen war.

Sonea rief sich ins Gedächtnis, was sie über Lord Sadakane aus dem Buch wusste, das Akkarin dem Gelehrten ausgeliehen hatte. Er war ein Sachakaner gewesen, dem während der Blüte des Sachakanischen Imperiums ein Stück Land in Kyralia gehört hatte. Sein ursprünglicher Name war Sachiro gewesen. Im Gegensatz zu seinen Landsleuten hatte er die Lebensweise des kyralischen Volkes vorgezogen und die Sklaverei abgelehnt, weswegen der Imperator ihn zum Ausgestoßenen erklärt hatte.

Daraufhin hatte Sachiro seinen Namen in Sadakane geändert und sich nach Elyne abgesetzt, das zu diesem Zeitpunkt bereits seine Unabhängigkeit von Sachaka erlangt hatte. Die meiste Zeit hatte er mit Magie experimentiert und sein gesamtes Wissen niedergeschrieben, damit zukünftige Generationen der erneuten Tyrannei seiner Landsleute trotzen konnten. Es war ein großes Glück, dass diese Bücher der Vernichtung durch die Gilde entgangen waren, und sie fand, es war eine Schande, das sie und Akkarin erst jetzt davon erfuhren. Mit diesen Büchern hätte viel Leid verhindert werden können.

In der Aschenwüste in Norden Sachakas geboren und aufgewachsen, hatte Sadakane ein recht solides Wissen über das von feurigen Bergen verwüstete Land, besessen. Seiner Beschreibung in Die thieferen Geheymnisse Höherer Magie zufolge wuchsen Speichersteine in dieser niemals zum Stillstand kommenden Erde oder wurden aus dem „Blut der Erde“, wie er das flüssige Gestein nannte, „geboren“. Da Sadakane nach seinem Ausstoß aus der sachakanischen Gesellschaft nicht mehr in seine Heimat zurückkehren konnte, hatte er schließlich versucht, eigene Speichersteine herzustellen.

Insofern konnte magisieren auch bedeuten, dass irgendein Prozess im Innern der Erde die Kristalle sensitiv für Magie gemacht hatte und Lord Sadakane einen Weg gefunden hatte, diesen künstlich herbeizuführen. Soweit sie es jedoch seiner Anleitung entnehmen konnten, mussten sie die in der Aschenwüste herrschenden Bedingungen nicht nachstellen. Sonea konnte sich Besseres vorstellen, als ein Becken aus heißer und flüssiger Erde in ihrem Kellerlabor zu beherbergen.

Aber das erklärte noch immer nicht die anderen sehr viel seltsameren Begriffe, die die Anleitung enthielt, und ohne die sie nicht aus dem Text erschließen konnten, was dieses seltsame Wort bedeutete.

„Tayend, seid Ihr sicher, dass das die korrekte Übersetzung ist?“, fragte Sonea. „Das alles klingt so merkwürdig.“

„Ich …“, begann Tayend verunsichert.

Habe ich ihn beleidigt?, fragte Sonea sich unbehaglich. Oder fürchtet er sich vor mir? Sie wollte nicht, dass Nichtmagier sie fürchteten. Sie hatte bereits am vergangenen Abend den Eindruck gehabt, Tayend fürchtete sich vor ihr und Akkarin, wobei er sie weniger unheimlich zu finden schien, als ihren Mentor. Sonea fragte sich, ob ihn Magier im Allgemeinen einschüchterten, oder ob es daran lag, dass sie und Akkarin schwarze Magier waren.

„Es ist korrekt“, antwortete Akkarin für den Gelehrten. „Ich nehme an, der Text ist in der früheren Fachsprache verfasst.“

„Ja, genau“, stimmte Tayend erleichtert zu. „Es existieren jedoch zu wenige Aufzeichnungen aus der damaligen Zeit, um zu beurteilen, ob jeder Magier den Text verstanden hätte, oder ob er für eine exklusive Gruppe bestimmt war. Das Buch wurde lange vor der Gründung der Gilde geschrieben. Damals teilten selbst die elynischen Magier ihr Wissen nur ungern.“

„Dann wisst Ihr also auch nicht, was genau die Anleitung bedeutet“, folgerte Sonea.

Der Gelehrte schüttelte den Kopf. „Ich bedaure, Lady Sonea. Ich bin davon ausgegangen, Ihr und Lord Akkarin würdet wissen, wie die Anleitung zu verstehen ist.“

„Die Bücher, die sich in unserem Besitz befinden, sind mehrere Jahrhunderte jünger“, sagte Akkarin. „Sie stammen aus der frühen Zeit der Gilde.“

Sonea stieß einen frustrierten Seufzer aus. Seit Tayend am vergangenen Abend mit Kisten voller Bücher über schwarze Magie in ihrer Residenz aufgetaucht war, hatte sie sich in dem Glauben gewähnt, sie hätten den Krieg bereits gewonnen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie auf solch lächerliche Schwierigkeiten, wie einen mit seltsamen Ausdrücken gespickten Text, stoßen würden. Immer wenn sie glaubte, einen Schritt vorwärtsgekommen zu sein, wurden sie wieder einen Schritt zurückgeworfen.

Es beunruhigte sie, dass selbst Akkarin mit den Erläuterungen in den Büchern nichts anzufangen wusste. Er wusste immer alles, er regelte alles, auf ihn konnte sie sich immer verlassen. Wenn er nicht mehr weiter wusste, dann war das als hätten sie bereits verloren.

„Und was machen wir jetzt?“, fragte sie, die Enttäuschung in ihrer Stimme verbergend.

„Wir versuchen weiterhin, den Sinn dieser Texte zu erschließen“, antwortete Akkarin. „Die Magierbibliothek wird jetzt bereits geschlossen haben. Ich werde morgen zu Lord Jullen gehen und ihn nach seinen ältesten Büchern über Alchemie fragen, insbesondere nach jenen, die Kristalle behandeln.“

„Was, wenn wir einfach einen Alchemisten fragen?“

„Nein.“ Akkarins dunkle Augen funkelten. „Diese Möglichkeit werden wir nur in Betracht ziehen, wenn alle anderen Anstrengungen scheitern.“

Also hat er den höheren Magiern noch nicht mitgeteilt, dass wir uns im Besitz weiterer Bücher über schwarze Magie befinden, erkannte Sonea.

Sie hatte erwartet, er würde auf diese Weise die verstörte Gilde beruhigen. Aber so wie sie die höheren Magier kannte, würden sie trotz aller Zugeständnisse, die sie Akkarin gegenüber gemacht hatten, erst Tage oder Wochen über die Bücher diskutieren, wodurch sie wertvolle Zeit verlieren würden.

Je mehr Sonea darüber nachdachte, desto erleichterter war sie, dass er es nicht getan hatte. Denn so wie es im Augenblick aussah, hätte Akkarin damit nur falsche Hoffnungen in den Magiern erweckt.
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