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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 8.088
 
Kapitel 2 – Die Trauerfeier



Der Tag, an dem die Gilde Abschied von den in der Schlacht gefallenen Magiern nahm, brachte eine Vorahnung von Herbst. Ein kräftiger Wind blies dunkle Wolken vom Meer heran und versuchte mit unerbittlicher Beharrlichkeit, alle Trauer fortzuwehen, während ein kalter Regen die Leere aus den Herzen wusch.

Auf der kleinen Waldlichtung drängten sich die Magier, die die Invasion der Ichani überlebt hatten und Angehörige aus den Häusern unter einem Schild, der die Elemente aussperrte. Sonea indes spürte dies kaum. Alle Wärme der Welt konnte nicht die in ihrem Herzen herrschende Kälte vertreiben. Zu viele waren eines unnötigen Todes gestorben. Auch drei Wochen nach der Schlacht glaubte sie, noch immer unter Schock zu stehen.

Der Tod all dieser Menschen hätte vermieden werden können, hätte die Gilde umsichtiger gehandelt. Wenn Sonea jedoch daran dachte, dass sie beinahe den Menschen verloren hatte, der ihr am meisten bedeutete, und wie es wäre, ihn hier und heute zu begraben, dann wurde ihr noch schwerer ums Herz.

Sie blinzelte die Tränen fort und wandte den Kopf zu dem Mann an ihrer Seite.

Akkarins Miene war wie immer undurchdringlich und distinguiert. Inzwischen kannte Sonea ihn gut genug, um zu wissen, dass er seine Gefühle gut zu verbergen wusste. Für sie hingegen war sein Schmerz nur schwer zu ignorieren. In der Schlacht hatte er seinen besten Freund verloren. Sonea ahnte, dass er vor allem sich die Schuld für Lorlens Tod gab. Wie sehr musste er bereuen, was er ihrer Freundschaft angetan hatte, um Kyralia zu beschützen!

An diesem Morgen hatten die Heiler Akkarin endlich für vollständig genesen erklärt. Er wirkte noch immer blass, wenn auch seine Gesichtsfarbe inzwischen wieder deutlich gesünder war. Seine Ausstrahlung war hingegen so ehrfurchtgebietend wie eh und je, was nicht nur an der Farbe seiner neuen Robe lag.

Seit Akkarin eine Woche zuvor aus seiner magischen Erschöpfung erwacht war, hatten die Heiler Sonea nur ein einziges Mal erlaubt, ihn zu besuchen. Damit er sich nicht überanstrengt, hatte es geheißen. Sonea hatte das keinen Augenblick geglaubt. Sie war sicher, die Gilde wollte sie zu ihrer eigenen Sicherheit voneinander getrennt halten. Während die Magier sie anscheinend als die geringere Gefahr betrachteten, fürchteten sie Akkarin mehr denn je, weswegen er im Heilerquartier unter permanenter Bewachung gestanden hatte. Die Magier waren talentiert im Treffen von Fehlentscheidungen, aber sie waren nicht so dumm zu glauben, Sonea würde die Gelegenheit, Akkarin ihre Kraft zu geben, ungenutzt lassen.

Zu ihrer Überraschung waren sie auf dem Weg zur Lichtung nicht von einer Eskorte von Kriegern begleitet worden. Rothen hatte ihr erklärt, dass die höheren Magier während der Trauerfeier keine Fluchtgefahr sahen. Immerhin so viel Anstand schien die Gilde ihren schwarzen Magiern zuzugestehen. Davon abgesehen waren Sonea und Akkarin nicht in der Verfassung gegen mehr als einhundert Magier zu kämpfen.

Sonea lächelte humorlos. Wenigstens für heute hatte die Gilde entschieden, sie und Akkarin nicht wie Verbrecher zu behandeln. Die Ignoranz der Gilde wäre für Sonea Grund genug gewesen wieder fortzugehen, hätte Akkarin nicht darauf bestanden, hierzubleiben.

Sonea, wir werden die Gilde nicht verlassen, solange sie das nicht ausdrücklich wünscht, hatte er gesagt. Die Ichani hat sie an den Rand des Untergangs gebracht. Ein erneuter Angriff aus Sachaka wird sie vernichten.

Sonea wäre Akkarin überall hin gefolgt, wenn nötig sogar ein zweites Mal nach Sachaka. Sie hätten irgendwo neu anfangen können, wo niemand sie jagte und wo sie frei waren. Weiter im Norden gab es noch andere Länder, die nicht zur Allianz der Verbündeten Länder Kyralia, Elyne, Lonmar, Vin und Lan gehörten. Dort würde man ihnen vielleicht freundlicher gesonnen sein.

Sonea schob ihre Gedanken an Flucht und Freiheit beiseite. Sie konnte nicht gehen, weil sie und Akkarin die Gilde nicht ungeschützt lassen konnten. Ein Ereignis wie die Invasion der Ichani durfte sich nicht wiederholen. Und nach allem, was Sonea wusste, wäre es töricht, sich vor den Sachakanern sicher zu wähnen, da diese nun wussten, dass die Gilde schwarze Magie verboten hatte. Rache für den vergangenen Krieg und die Erschaffung der Ödländer war gewiss nicht nur unter den Ichani ein Anlass für Feinseligkeiten. Die Ichani waren ihnen nur zuvorgekommen, weil ihr Anführer eine Rechnung mit Akkarin zu begleichen gehabt hatte.

Einen tiefen Atemzug nehmend schob Sonea den plötzlichen Schmerz beiseite. Es war ihr gelungen, Akkarin wiederzubeleben. Sie sollte dankbar für die Chance sein, die sich ihr damit bot, anstatt wie ein kleines Kind wegen etwas zu weinen, das sie abgewendet hatte.

Sonea ließ ihren Blick über die Lichtung schweifen. Offenkundig hatte die Gilde es für passend befunden, sie nahe dem alten Friedhof zu schaffen, dessen Gräber den Magiern lange Zeit Rätsel aufgegeben hatten. Inzwischen war es jedoch kein Geheimnis mehr, dass bis vor einigen Jahrhunderten schwarze Magie in der Gilde praktiziert worden war. Die alten Magier hatten es „höhere Magie“ genannt und ihre Magie kurz vor ihrem Tod einem anderen Magier übertragen, so dass ihre Körper unversehrt blieben. Sonea machte sich jedoch nichts vor. Die heutige Gilde würde das nicht dazu veranlassen, schwarze Magie zu tolerieren.

Sie und Akkarin standen mit den höheren Magiern in der vordersten Reihe. Ob es war, damit man ein besseres Auge auf sie hatte, weil Akkarin einst Hoher Lord gewesen war, oder weil man ihnen als Retter der Gilde diese Ehre zuteilwerden ließ, hätte sie nicht sagen können. Vielleicht war es von allem etwas.

Rothen stand zu ihrer anderen Seite, gemeinsam mit seinem Freund Dannyl. Er und Rothen waren die ersten Magier, die Sonea mögen gelernt hatte. Sie hatte es bedauert, als Dannyl nach Elyne gegangen war. An diesem Tag war er in Begleitung eines gutaussehenden Elyners in auffallend figurbetonender, aber dunkler Kleidung.

Der Mann, der zu Akkarins anderer Seite stand, war hingegen niemand, den sie jemals mögen könnte. König Merin von Kyralia mit seinen beiden Beratern Lord Rolden und Lord Mirken.

Als sie mit Rothen und Akkarin hergekommen war, hatte der König einige wenige Worte mit Akkarin gewechselt und ihm und Sonea überraschend friedfertig seinen Dank für die Rettung der Stadt ausgesprochen. Angesichts der Tatsache, dass Merin sich bei ihrer Anhörung so vehement für die Verbannung ausgesprochen hatte, war dies eine regelrechte Kehrtwendung. Für Sonea waren seine Worte jedoch bedeutungslos. Solange er nicht die Säuberungen einstellte und sich um die Menschen in den Hüttenvierteln kümmerte, solange er sich gegenüber schwarzmagischen Bedrohungen als ignorant erwies – solange würde sie den Herrscher über Kyralia verachten.

Lord Balkan, der am Tag zuvor offiziell zum neuen Oberhaupt der Gilde ernannt worden war, hielt die Trauerrede als seine erste Amtshandlung. Für den eher barschen und wortkargen Krieger sprach er überraschend bewegend. Während der Wind unaufhörlich Regentropfen gegen den Schild peitschte und diese unter einem leisen aber beständigen Zischen verdampften, zählte er die Namen der Magier auf, die während der Invasion gefallen waren. Zu jedem sagte er ein paar Worte über dessen Leben und seinen Verdienst für die Gilde. Als zu Lorlen kam, griff Sonea unauffällig nach Akkarins Hand und drückte sie leicht. Er erwiderte ihre Geste, ließ sie aber sofort wieder los. Obwohl sich seine Miene nicht veränderte, sah Sonea, dass seine Augen verräterisch glänzten.

Sie seufzte leise. Es wäre soviel einfacher gewesen, ihn zu trösten, würde er ihre Beziehung nicht geheim halten wollen. Sonea hatte sich ihm in dieser Angelegenheit nur widerwillig gefügt. Ob es ihr gefiel oder nicht, es war das Sicherste, bis die Gilde endgültig entschieden hatte, wie sie weiterhin mit ihnen verfahren wollte. Sie wusste, Akkarin verfolgte irgendeinen Plan, um zu verhindern, dass die Gilde sie entzweite. Aber er hatte sie nicht in die Details eingeweiht und sie hatte nicht die Gelegenheit gehabt, ihn zu fragen.

Obwohl sie ihm bedingungslos vertraute, verspürte Sonea Furcht. Was, wenn er nicht mehr genügend Einfluss besaß, um sich gegen die Gilde durchzusetzen, wenn diese ihre Beziehung verbot? Konnte die Gilde sie erneut nach Sachaka verbannen, weil sie sich liebten? Ihr fielen genügend Gründe ein, warum die Gilde ihre Liebe nicht dulden könnte. Und Lady Vinara war gewiss nicht die Einzige, die bereits Verdacht geschöpft hatte.

„ … so werden wir nun von unseren Freunden, Kollegen und Verwandten Abschied nehmen“, beendete Balkan seine Rede. „Wir werden niemals vergessen, wofür sie gelitten und gekämpft haben. Wir werden niemals vergessen, wofür sie gestorben sind. Ein Teil von ihnen wird als Erinnerung auf immer in uns weiterleben.“

Eine Frau in einem dunklen Gewand trat vor. Ihre langen Haare waren zum Zeichen ihrer Trauer mit einem Schleier bedeckt. Auch die anderen weiblichen Gäste hatten ihr Haar bedeckt, wohingegen die Männer Hüte trugen. Die Magier hatten die Kapuzen ihrer Roben übergezogen.

Während die höheren Magier gefolgt vom Rest der Gilde und den Angehörigen sich hinter Balkan aufreihten, um vor die offenen Gräber zu treten, begann die Frau zu singen. Ihre Stimme war so herzzerreißend wunderschön und die Melodie so traurig, dass Sonea Tränen in die Augen schossen. Eine Hand berührte auf ihre Schulter. Akkarin. Es war nur eine einfache Geste und doch lag in ihr so viel Trost.

Gemeinsam traten sie zu den Gräbern und schritten die Reihen entlang, um sich von denen zu verabschieden, die sie gekannt hatten.

Während die Hüttenleute ihre Toten verscharrten oder in den Fluss warfen, legten die reichen Kyralier ihren Verstorbenen Blumen und persönliche Gegenstände ins Grab. Da Sonea keinen der Verstorbenen für Letzteres gut genug gekannt hatte, hatte sie sich für Blumen entschieden.

Vor Lord Yikmos Grab blieben sie stehen. Der Krieger aus Vin war bei der Schlacht von Calia gefallen. In Soneas erstem Jahr hatte er ihr Privatunterricht in Kriegskunst gegeben. Trotz ihrer anfänglichen Abneigung gegen diese Disziplin war es ihm gelungen, ihre Begeisterung zu wecken. Yikmo hatte sie gefordert und hatte mit unendlicher Geduld die Gründe für ihre Schwierigkeiten aufgedeckt. Später hatte er Sonea auf das Duell gegen ihren Widersacher Regin vorbereitet, was ihr schließlich den Respekt der anderen Novizen eingebracht hatte. In einem Anflug von Schuldgefühl erinnerte Sonea sich an seine Reaktion als die Gilde sie und Akkarin verstoßen hatte. Wäre er noch immer enttäuscht von mir gewesen wäre, jetzt wo ich und Akkarin die Schlacht für Kyralia entschieden haben? Sie seufzte und ließ einige der Blumen hinab auf seinen Sarg schweben.

Sonea ging weiter, Akkarin an ihrer Seite. Nur verschwommen nahm sie wahr, wie die Sängerin ein zweites, nicht weniger trauriges Lied anstimmte. Vor dem Grab ihres letzten Kriegskunst-Lehrers hielten sie erneut. Lord Makin war bei dem Angriff auf das Fort gefallen und einer von Soneas Lieblingslehrern gewesen. Besonders seine Geschichten, mit denen er ein neues Thema einzuleiten pflegte, würden sie vermissen. Auch er erhielt einige Blumen, ebenso wie ihr letzter Alchemielehrer Lord Halvin, während sie die übrigen für Lorlen aufhob.

„Hast du es?“, fragte Akkarin, als sie schließlich das Grab des ehemaligen Administrators erreichten.

Sonea nickte und zog ein kleines Holzkästchen mit Spielsteinen aus ihrer Robe. Sie hatte es aus dem Versteck an der Quelle geholt, nachdem Akkarin ihr am vergangenen Abend über einen Boten des Heilerquartiers eine Nachricht geschickt hatte. Als Novizen hatten Akkarin und Lorlen sich mit diesem Spiel oft die Zeit vertrieben, wenn sie den Unterricht geschwänzt hatten. Diese Vorstellung sorgte bei Sonea selbst jetzt für eine leise Erheiterung. Es fiel ihr schwer, sich Akkarin als einen Novizen vorzustellen, der mit Vorliebe gegen die Regeln verstieß. Allerdings musste sie ihm zugestehen, als Hoher Lord in dieser Hinsicht nicht besser gewesen zu sein, wenn auch er dafür gute Gründe gehabt hatte.

Sonea reichte ihm das Kästchen und sah zu, wie er es mit unbewegter Miene mit den Blumen auf den Sargdeckel schweben ließ.

Mehrere Minuten verstrichen, in denen sie schweigend vor Lorlens Grab verharrten. Andere kamen vorbei, legten Blumen hinein und gingen weiter. Obwohl alles in Sonea danach schrie, diesen Ort zu verlassen, wich sie nicht von Akkarins Seite. Akkarin hatte ihre Freundschaft für das Wohl Kyralias geopfert, weil Lorlen nicht für die Wahrheit bereit gewesen war. Sonea konnte nur erahnen, wie wütend, enttäuscht und verraten sich Lorlen gefühlt haben musste und wie entsetzlich es für Akkarin gewesen war, das jeden Tag durch Lorlens Blutring zu erleben. Lorlen war gestorben, bevor beide sich hatten aussprechen können. Das hier war Akkarins letzte Gelegenheit, sich seinem Freund mitzuteilen, selbst wenn dieser ihn nicht mehr hören konnte.

Sie unterdrückte ein Seufzen und fühlte sich hilfloser denn je.

„Wir sollten gehen“, murmelte Akkarin plötzlich. Er legte eine Hand zwischen ihre Schulterblätter und schob sie sanft weiter.

- Warum?, wollte sie wissen.

- Lorlens Eltern. Ein Bild von einem älteren Ehepaar in kostbaren Gewändern blitzte in ihrem Geist auf. Seine Mutter war schon immer ausgesprochen talentiert darin, mir die Schuld an allem zu geben, was wir als Novizen ausgeheckt haben, selbst wenn ich es ausnahmsweise einmal nicht war. Eine Begegnung mit ihr nach all der Zeit könnte … interessant werden.

Sonea versuchte, ihre Erheiterung zu unterdrücken. Lorlens Mutter musste eine beeindruckende Frau sein, wenn Akkarin so auf sie reagierte.

- Versteh mich nicht falsch, sandte er. Ich weiß, ich muss mich ihr stellen. Ich weiß nur nicht, ob ich das jetzt schon kann.

- Ich weiß. Ich halte dich nicht für einen Feigling, falls du das denkst.

Akkarin erwiderte nichts darauf.

Sicher plagen ihn auch ohne Lorlens Mutter schon genug Schuldgefühle, überlegte Sonea. Seine unerwartete Offenheit ließ erahnen, wie sehr er um seinen besten Freund trauerte. Wahrscheinlich würde er viel Zeit brauchen, um Lorlens Tod zu verarbeiten. Jäh musste sie wieder daran denken, dass sie ihn beinahe auch verloren hätte. Sie holte tief Luft und versuchte das inzwischen vertraute Zittern zu unterdrücken, das sie bei der Erinnerung an jenen Tag noch immer verspürte. Würde das jemals aufhören?

Als die Sängerin ihr Lied beendete, trat eine bedrückende Stille ein, die nur von dem Zischen der auf den Schild treffenden Regentropfen unterbrochen wurde. Die Gäste der Trauerfeier kehrten zurück zu ihren Plätzen.

Mehrere Magier traten vor. Sonea bemerkte, dass die Gruppe aus gleichsam vielen Kriegern, Heilern und Alchemisten bestand. Auf Balkans Kommando hoben sie die am Rand der Lichtung aufgehäufte Erde und füllten die Gräber damit auf, bis auf jedem ein kleiner Hügel war. Dann ließen sie die Steine, die neben dem Erdhügel gelegen hatten, über die Gräber schweben. Die Steine begannen zu glühen und verformten sich zu flachen Quadern. Als das Glühen verblasste, ließen die Magier die Steine herab sinken und trieben sie in den Erdboden. Auf der Vorderseite eines jeden Steins waren nun Name, Geburts- und Sterbedatum des darunter liegenden Magiers zu lesen.

Die Endgültigkeit dieser Zeremonie brachte einige Frauen erneut zum Weinen und ließ Sonea frösteln. Allmählich leerte sich die Lichtung. Regentropfen klatschten kalt in Soneas Gesicht, als sich der Schild über ihr auflöste, doch sie spürte es kaum.

„Kommst du?“

Akkarins Stimme kam wie aus weiter Ferne durch die plötzlich einsetzende Betäubung.

„Es ist vorbei“, sagte er leise und berührte kurz ihren Arm. „Lass uns gehen.“

Sonea schüttelte den Kopf, begreifend, dass er hier bei ihr war und nicht unter einem dieser Erdhügel lag, und folgte ihm zum Rand der Lichtung. Dort, wo der Weg zur Gilde begann, warteten mehrere vertraute Gestalten am Wegrand. Rothen, Dannyl und Rothens Sohn Dorrien, der Akkarin finster anblickte und sich dann abwandte. Neben Dannyl stand der gutaussehende Elyner, der Sonea schon vorher aufgefallen war.

Rothen lächelte ihr aufmunternd zu. „Wollen wir?“

Sonea nickte. „Danke, dass Ihr auf uns gewartet habt.“

„Das ist doch selbstverständlich.“ Rothens Blick war starr auf sie gerichtet, als wolle er es vermeiden, Akkarin anzusehen.

Die Gruppe setzte sich in Bewegung und die Luft vor Soneas Augen flimmerte, als Wind und Regen in einem kleinen Kreis um sie und Akkarin aussetzten. Einen Moment später wurde die Luft warm. Sie sah zu Akkarin hoch und er begegnete ihrem Blick mit der Andeutung eines Lächelns.

Während sie durch den Wald gingen, sprach niemand ein Wort. Sonea fragte sich, ob die anderen sich in ihrer und Akkarins Gegenwart unbehaglich fühlten. Offiziell galten sie noch immer als ausgestoßen. Von Rothen wusste sie, dass viele Magier sie fürchteten. Andere schämten sich, weil sie Sonea und Akkarin verurteilt hatten und blind für eine Wahrheit gewesen waren, die der Gilde fast den Untergang gebracht hätte.

Mit dem größer werdenden Abstand zum Friedhof hob sich Soneas finstere Stimmung ein wenig. Nur die unterschwellige Spannung, die sie zwischen Rothen und Akkarin wahrnahm, bereitete ihr Unbehagen. Sie seufzte leise. Es wurde höchste Zeit, dass die beiden sich aussprachen.


***


Jedes Mal, wenn Cery durch die Straße ging, in der die Hüttenleute den Ichani getötet hatten, empfand er blankes Entsetzen. In einem Umkreis von einigen hundert Schritt hatte der Sachakaner im Augenblick seines Todes alles dem Erdboden gleichgemacht. Die Hitze der Explosion hatte einige Hütten in Brand gesetzt, woraufhin sich ein Feuer ausgebreitet hatte. Hätte Cery gewusst, dass der Tod eines Magiers solch verheerende Folgen haben konnte, hätte er sich andere Wege überlegt, die Sachakaner zu töten. Oder es gar nicht erst versucht.

Vielleicht sollte ich dankbar sein, dass unsere Helfer nur den einen erwischt haben, dachte er in einem Anflug von Sarkasmus. Die Ereignisse der Schlacht und ihre noch immer spürbaren Folgen hatten seine Sicht auf die Welt auf ungeahnte Weise verändert. Er hatte zu viele Dinge gesehen, die er niemals vergessen würde. So viel Tod, so viel Leid und so viel Zerstörung. Das Elend der Menschen in den Hüttenvierteln war seit der Schlacht größer denn je. Viele waren obdachlos geworden oder hatten ihre Lebensgrundlage verloren. Die Kranken und Verletzten wurden von Heilern der Magiergilde behandelt, die für ihre Dienste ausnahmsweise keine Gegenleistung verlangten. Gesundheit schützte die Hüttenleute indes nicht vor Hunger und Obdachlosigkeit. Die Lebensmittel und Baumaterialien waren knapp geworden. Cery wollte nicht daran denken, was das bedeutete, wenn der Winter kam.

Auch sein Leben würde von nun an schwieriger. Er hatte seinen größten Unterstützer verloren und musste sich nun aus eigener Kraft in der Welt der Diebe behaupten. Cery machte sich nichts vor – auch wenn Akkarin wie durch ein Wunder seinen letzten Kampf überlebt hatte, so war an eine zukünftige Zusammenarbeit nicht mehr zu denken. Von seinen Kontakten in der Gilde hatte Cery erfahren, dass die Magier Akkarin niemals wieder zu Einfluss gelangen lassen würden. Zudem würde Imardin von nun an vor sachakanischen Magiern sicher sein.

Cery seufzte. Obwohl er Vorkehrungen getroffen hatte, war es seit der Schlacht schwierig, neue Einnahmequellen zu finden. In den nächsten Wochen und Monaten würde er um sein Überleben und um seine Position unter den Dieben kämpfen müssen. Doch das war nicht seine einzige Sorge. Der König kannte nun den Weg in die Tunnel. Und er hatte während der Schlacht mit einigen Dieben gesprochen. Niemand wusste, was sich daraus entwickeln würde, aber eines war sicher:

Früher oder später würden die Diebe erneut von König Merin hören.

Hoffentlich bin ich bis dahin wieder im Geschäft, dachte Cery. In den vergangenen Wochen war daran indes nicht zu denken gewesen. Seit der Schlacht hatte er wie alle gesunden Männer und Frauen bei den Aufräumarbeiten in seinem Territorium geholfen. Er hatte Feuer gelöscht, in den Trümmern der zerstörten Hütten nach Überlebenden gesucht und mit seinen Männern die einsturzgefährdeten Behausungen abgerissen. Cery hatte sich nur allzu eifrig in die Arbeit gestürzt. Es hatte ihm ermöglicht, seine Sorgen ein Stück beiseitezuschieben und sich zugleich mögliche Lösungen zu überlegen.

Er trat in eine Seitenstraße und schlüpfte in die Lücke zwischen zwei Häusern. Das Gitter an der dahinterliegenden Wand anhebend verschwand er in der Dunkelheit eines sich dahinter befindlichen Tunnels.

Die Straße der Diebe.

Cery entzündete die Laterne, die er ein paar Stunden zuvor in einer Nische verborgen hatte, und machte sich auf den Weg durch das unterirdische Labyrinth.

Eine Viertelstunde später erreichte er das größte seiner Verstecke, das ihm als Platz zum Arbeiten und Wohnen diente. Gol wartete in seinem Büro. Er wirkte deprimiert und unruhig.

„Hai!“, rief Cery. „Du siehst aus, als hättest du schlechte Neuigkeiten.“

„Ja und nein“, antwortete sein Leibwächter.

„Was soll das heißen?“, verlangte Cery zu wissen.

Gol druckste herum. „Is nix Schlimmes passiert, während du weg warst“, antwortete er zögernd.

„Also versuchen die anderen Diebe nicht, mir mein Territorium streitig zu machen?“

„Nee.“

„Hat der König von sich hören lassen.“

„Nee.“ Gol zögerte. „Am besten du gehst selbst gucken. Sie’s in deinem Schlafzimmer.“

Verwirrt und von einer unguten Vorahnung erfüllt trat Cery durch die Geheimtür auf der Rückseite seines Büros.

Sie saß auf der Kante seines Bettes, zu ihren Füßen eine fertig gepackte Tasche. Sie trug unauffällige Kleider im Stil der Hüttenleute und einen grauen Umhang. Als Cery eintrat, blickte sie auf. Sie lächelte, doch das Lächeln erreichte nicht ihre Augen.

„Hallo, Ceryni.“

„Du reist also ab“, sagte er tonlos.

„Ja.“ Savara stand auf. „Wir wissen beide, dass es so besser ist.“

Er nickte nur.

Savara machte einen Schritt auf ihn zu. „Ich wollte dich nicht verlassen, solange hier noch Chaos geherrscht hat. Es wäre mir nicht richtig vorgekommen.“

Cery lachte trocken. „Es wird noch ’ne Weile dauern, bis das Chaos in der Stadt aufgeräumt ist“, sagte er. „Savara, ich komm’ schon klar.“

Savaras Leute hatten sie noch am selben Tag, an dem die Ichani besiegt worden waren, zurückbeordert, doch sie hatte entschieden, noch eine Weile zu bleiben. Cery war nicht sicher gewesen, ob er ihre Entscheidung begrüßen sollte, hatte er doch am selben Tag erkannt, warum sie niemals ein Paar sein konnten. Sie würden einander niemals vertrauen, egal wie viel sie füreinander empfinden mochten. Sie hatte sein Vertrauen missbraucht und ihm mit einem magischen Amulett nachspioniert. Obwohl dies Cery das Leben gerettet hatte, als er sich während der Schlacht in den Palast geschlichen hatte, machte das ihre Tat nicht weniger unverzeihlich.

In seinem Zorn hatte Cery das Amulett fortgeworfen. Savara hatte es jedoch mitgenommen und darauf bestanden, dass er es als Andenken behielt. Cery hatte ihrem Wunsch nachgegeben, es jedoch da verstaut, wo er es nicht sehen musste.

Durch das Amulett hatte Savara Dinge erfahren, die sie nichts angingen. Als Dieb musste Cery jedoch sich, seine Familie und seine Klienten schützen, was bedeutete, dass er nur so viele Informationen wie nötig preisgab. Savara hatte diese Regel nicht respektiert, obwohl sie selbst danach handelte. Mit diesem Wissen hätte sie großen Schaden anrichten können, wäre sie nicht auf Cerys Seite gewesen. Sofern sie überhaupt auf irgendjemandes Seite war.

Tatsächlich hatte Cery bis heute nicht herausgefunden, wer sie war. Im Frühsommer war sie plötzlich in der Stadt aufgetaucht und hatte ihm angeboten, beim Aufspüren der sachakanischen Spione zu helfen, die er für Akkarin suchte. Sie hatte ihn gebeten, ihre Anwesenheit in der Stadt geheim zu halten, weil sie von ihrem Volk als Beobachter gesandt worden war. Obwohl sie miteinander ins Bett gegangen waren, hatte Cery nie mehr als das über Savara erfahren. Er wusste nur, was sie war: eine schwarze Magierin aus Sachaka, die so mächtig war, dass selbst die Ichani sie fürchteten.

Nichtsdestotrotz fiel es Cery schwer, sie gehenzulassen. Die letzten Wochen waren entgegen der Unmöglichkeit ihrer Beziehung ein Geschenk gewesen. Denn Savara war zweifelsohne gut im Bett.

Als er sie jetzt vor sich stehen sah, musste Cery sich indes eingestehen, dass er sich etwas vorgemacht hatte. In den vergangenen Tagen hatte er sich wieder und wieder eingeredet, es würde ihm nur um Sex gehen. Trotz allem, was sie getan hatte, hatte sie ihm den Kopf verdreht.

Savara streckte eine Hand aus und berührte seine Wange. „Ceryni“, begann sie. „Ich wünschte so sehr, es gäbe einen Weg, dass wir zusammen sein können. Wenn ich nur irgendetwas tun könnte, damit du mir wieder vertraust …“

„Das kannst du nicht“, erwiderte er. „Du hattest deine Chance.“

Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus.

„Es tut mir so leid, Cery.“

Wie oft hatten sie diese Diskussion geführt! Egal, was sie sagte, es änderte nichts an Cerys Standpunkt. Er verschränkte die Arme vor der Brust.

„Wenn’s so wär’, hättest du das Amulett gar nicht erst angefertigt“, sagte er hart.

Savara schloss ihre Augen mit diesen hinreißend langen, dunklen Wimpern. Cery wandte den Blick ab.

„Dann ist es wohl besser, wenn ich jetzt gehe.“ Sie lehnte sich vor und hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. „Leb wohl, Ceryni.“

Etwas in Cerys Brust zog sich schmerzhaft zusammen.

„Savara, warte.“

Sie warf sich ihre Tasche über die Schulter und warf ihm einen schmerzerfüllten Blick zu.

„Bitte mich nicht zu bleiben.“

„Ich …“, begann Cery sich ertappt fühlend. Mit einem Mal drohten seine Knie nachzugeben. „Willst du wirklich die Stadt verlassen, bevor’s dunkel wird?“

Sie war eine Sachakanerin. Niemand außer ihm und seinen Männern kannte den Grund, warum sie in der Stadt gewesen war. Die Hüttenleute würden ihr mit Feindseligkeit begegnen, wenn sie sie erkannten.

„Cery, ich kann auf mich aufpassen“, sagte sie mit einem schwachen Lächeln. „Gol wird mich zum Stadtrand bringen. Danach werde ich abseits der Straßen reisen.“

Er nickte nur. Dann war es das also, fuhr es ihm durch den Kopf. Besser, er hoffte gar nicht erst darauf, sie eines Tages wiederzusehen.

„Leb wohl, Savara.“

Sie drückte kurz seine Hand und verließ dann das Zimmer.

Als sie fort war, setzte Cery sich auf die Stelle, auf der sie gesessen hatte, und vergrub das Gesicht in den Händen. Seit ihre Leute sie zurückbeordert hatten, hatte er gewusst, dass sie gehen würde. Nein, eigentlich hab’ ich es immer gewusst, korrigierte er sich. Sie hat nie hierher gehört. Sie hat nie zu mir gehört. Und das war mir klar, seit ich ein Auge auf sie geworfen hab’.

Aber warum tat es dann trotzdem so weh? Warum hatte ihr Abschied ihn so kalt erwischt, wenn er doch insgeheim jeden Tag damit gerechnet hatte? Weil er sie liebte? War es das?

Nachdem seine Freundin aus Kindertagen ihm einen Korb gegeben hatte, hatte Cery beschlossen, keine romantischen Beziehungen einzugehen. Er war sicher, er und Sonea hätten eine Chance gehabt, hätte sie nicht ihre magischen Fähigkeiten entdeckt. Cery hatte lange gebraucht, um zu akzeptieren, dass sie nicht in seine Welt gehörte. Und dann war Savara gekommen und hatte all seine Vorsätze auf den Kopf gestellt, obwohl sie ebenso wenig in seine Welt gehörte. Trotzdem waren sie entgegen jeder Vernunft miteinander ins Bett gegangen. Wie lange würde er brauchen, um über sie hinwegzukommen, wenn es bei Sonea Jahre gebraucht hatte, obwohl sie nie ein Paar gewesen waren? Musste er erst eine neue Frau treffen, die ihm gefiel?

Er schüttelte resigniert den Kopf ob dieser Aussicht. Er war ein Dieb und das erschwerte es, eine Beziehung zu führen. Die Frauen waren nur auf das zweifelhafte Ansehen und das Geld aus, was dies mit sich brachte. Cery tat besser daran, sich in seine Arbeit stürzen. Solange er beschäftigt war, würde ihm keine Zeit bleiben, Savara nachzutrauern. Und Arbeit gab es reichlich.

Doch bevor er das anging, musste er noch nach seinem anderen Gast sehen.


***


„Was für eine bedrückende Zeremonie.“ Einen deprimierten Seufzer ausstoßend nippte Tayend an seinem Weinglas.

Dannyl und sein Gefährte standen ein wenig abseits vom Gedränge. Kurz, nachdem sie in den Bankettsaal gekommen waren, hatte Auslandsadministrator Kito sie in ein Gespräch darüber verwickelt, ob sich die Elyner durch die Invasion der Ichani bedroht fühlen könnten.

Tatsächlich war diese Frage gar nicht so unberechtigt, fand Dannyl. Viele Jahrhunderte zuvor hatten Elyne und Kyralia zum Großen Sachakanischen Imperium gehört. Wenn eine Gruppe Sachakaner versuchte, Kyralia zu erobern, war es nicht so abwegig, wenn andere ähnliche Pläne bezüglich Elyne hatten. Immerhin wussten die Sachakaner jetzt, dass schwarze Magie in den Verbündeten Ländern verboten war. Tayend hatte dem Auslandsadministrator erklärt, er würde sich sehr bedroht fühlen. Allerdings war er im Gegensatz zu seinen Landsleuten während der Schlacht in Imardin gewesen. Er und Dannyl hatten dann vermutet, es kümmere die frivolen Elyner wahrscheinlich nicht, solange ihr Land nicht akut bedroht wurde. Trotzdem hatte Dannyl dem Auslandsadministrator versprochen, sich nach seiner Rückkehr ein wenig umzuhören und ihn zu informieren.

„Du wolltest unbedingt dabei sein“, erinnerte er Tayend.

„Weil ich dachte, es würde dir gut tun, nicht alleine auf die Trauerfeier zu gehen, Botschafter Dannyl“, entgegnete Tayend.

„Das weiß ich zu schätzen“, erwiderte Dannyl. „Doch ich befürchte, du bist im Augenblick der größere Trauerkloß von uns beiden.“

Es waren seine Kollegen, die gestorben waren. Eigentlich hätte er trauern müssen. Tayend kannte keinen der gefallenen Magier und trotzdem wirkte er so mitgenommen, als wäre einer der Opfer ein naher Verwandter gewesen. Allerdings vergoss der Gelehrte auch bittere Tränen, wenn sie sich im Theater zu Capia ein Drama ansahen. Dannyl musste zugeben, außer für Administrator Lorlen keine wirkliche Trauer zu empfinden. Die Gilde war ihm zu fremd geworden.

Umso dankbarer war er für Tayends Gesellschaft, wenn auch er ein leises Unbehagen verspürte, weil sie zum ersten Mal zusammen unter so vielen Magiern waren. Obwohl sie beide vorgaben, nur gute Freunde zu sein, fürchtete Dannyl allenthalben, ihre Beziehung würde auffliegen.

„Trauerkloß!“, rief Tayend beleidigt. Er senkte die Stimme. „Die ganze Zeit muss ich denken, was wäre, wenn du gestorben wärst, als du mit den anderen Magiern gegen die Sachakaner gekämpft hast. Ich hätte dich nicht retten können.“

„Du bist ja auch kein Magier“, entgegnete Dannyl.

„Nein“, stimmte der Gelehrte zu, den Wein in seinem Glas schwenkend. „Ich will damit sagen, ich hätte es nicht ertragen. Sie hingegen kann sich wirklich glücklich schätzen.“

Er deutete zu einem Fenster. Akkarin und Sonea dort erblickend runzelte Dannyl die Stirn. „Du glaubst doch nicht, dass die Gerüchte über die beiden wahr sind!“, sagte er.

„Oh, wären wir in Elyne, hätte ich meine Zweifel“, antwortete Tayend. „Aber sieh nur, wie sie sich ansehen. Ich wette, sie gehen miteinander ins Bett. Bei ihr ist es ziemlich offensichtlich. Er dagegen versteht es deutlich besser, seine Gefühle zu verbergen. Das konnte er schon immer gut.“

Dannyl missfiel die Bewunderung in Tayends Stimme. Er hatte nicht vergessen, dass der Gelehrte Akkarin kannte, seit dieser als junger Krieger nach Elyne gekommen war, um nach Aufzeichnungen über alte Magie zu suchen. Nachdenklich betrachtete er die beiden schwarzen Magier. Vielleicht war da wirklich etwas, vielleicht war es aber auch nur eine jugendliche Schwärmerei. Es konnte nur das sein. Akkarin war sicher nicht so unehrenhaft, eine Affäre mit seiner Novizin zu beginnen. Was Sonea anging, so hatte Tayend möglicherweise recht.

Das käme jedenfalls nicht überraschend.

Sie war jung, aber nicht leicht zu beeindrucken. Doch Akkarin war ein Mann, der Respekt gebot, den man fürchtete und der zu Loyalität inspirierte. Vielleicht waren sie einander während ihrer Verbannung tatsächlich näher gekommen, als es für Mentor und Novize angemessen war. Obwohl Dannyl über diese Vorstellung entsetzt sein sollte, kam er nicht umhin, Mitleid mit den beiden schwarzen Magiern zu empfinden. Sie mussten sich wie Ausgestoßene fühlen! Während Akkarin wie immer keine Gefühlsregung zeigte, wirkte Sonea angespannt. Von Rothen wusste er, dass sie das Vertrauen in die Gilde verloren hatte, weil diese sie und Akkarin nach Sachaka verbannt hatte. An ihrer Stelle würde er sich wahrscheinlich auch an Akkarin halten.

„Ich kann verstehen, warum sie in ihn verliebt ist“, sagte Tayend schwärmerisch. „Akkarin ist wirklich ein beeindruckender Mann!“

Dannyl schnaubte. „Für dich gibt es heute keinen Wein mehr.“ Er winkte einen Diener herbei, der ein Tablett mit kleinen Kuchen trug. „Hier, iss etwas“, forderte er Tayend auf. „Damit du wieder nüchtern wirst.“

Folgsam nahm Tayend einen Kuchen. „Auch nüchtern betrachtet, ist er beeindruckend“, erklärte er kauend.

Dannyl verdrehte die Augen. Obwohl Tayend ihn bedingungslos liebte, hielt ihn das nicht davon ab, andere Männer zu bewundern. Für Dannyl hingegen gab es nur Tayend. Irgendwie erschien ihm das nicht richtig. Im Gegensatz zu seinem Gefährten war er sich seiner Natur noch nicht lange bewusst und war dementsprechend weniger Männern begegnet, die er attraktiv fand.

„Botschafter Dannyl?“

Dannyl fuhr herum. Vor ihm stand ein hagerer junger Mann in Novizenroben.

„Farand!“ Dannyl lächelte. „Wie geht es Euch?“

Der junge Mann hatte zu den Rebellen gehört, die Dannyl kurz vor der Schlacht nach Imardin überführt hatte. Als es Farand gelungen war, seine Magie zu entfesseln, war Dannyl beauftragt worden, die Gruppe festzunehmen. Während der Anführer hingerichtet und die übrigen eingekerkert worden waren, hatte die Gilde Farand freigesprochen und ihn aufgenommen. Mit Mitte zwanzig war er jedoch deutlich älter als die übrigen Novizen und erhielt daher Privatunterricht.

Farand verneigte sich ein wenig unbeholfen. „Oh, ganz gut“, antwortete er und nickte Tayend höflich zu. „Ich fange an, mich hier einzuleben. Und wie geht es Euch?“

Dannyl lächelte. „Bestens. Auch wenn der Aufbau von Häusern eine für einen Botschafter eher unübliche Arbeit ist.“

Ein scheues Lächeln huschte über Farands Gesicht. „Wann werdet Ihr nach Elyne zurückreisen?“

„In drei Tagen. Tayend kann es kaum noch erwarten.“

„Wir werden in einer Kutsche reisen“, fügte sein Gefährte strahlend hinzu.

Dannyl grinste. Tayend vertrug Seereisen nicht sehr gut und suchte sie zu vermeiden, auch wenn er sich dabei mittlerweile oft von Dannyl heilen ließ. Ihre Heimreise würde dieses Mal länger dauern, dafür würde Tayend jedoch ein angenehmerer Begleiter sein.

„Wie kommt Ihr mit Eurem Studium voran, Farand?“

„Oh, seit der Schlacht hatte ich nur wenig Unterricht“, antwortete der junge Elyner. „Aber bei den anderen Novizen soll auch einiges ausgefallen sein. Momentan muss ich aus Büchern lernen.“

Dannyl nickte verständnisvoll. Viele Krieger waren in der Schlacht gefallen, darunter auch einige Lehrer für Kriegskunst. Die Heiler und Alchemisten waren bemüht, das Chaos in der Stadt zu beseitigen, weswegen allenthalben Unterricht ausfiel. Oft waren die in der Stadt zu erledigen Aufgaben zu kompliziert, um Novizen im ersten Jahr daran teilhaben zu lassen. In den vergangenen Wochen hatte der Unterricht für die älteren Novizen dahingegen aus der Hilfe beim Wiederaufbau der Häuser im Inneren Ring und dem Versorgen von Kranken und Verletzten bestanden.

„Wie ich gehört habe, sollen die höheren Magier einen Weg gefunden haben, damit der Unterricht wieder regelmäßig stattfindet, ohne dass die Aufräumarbeiten vernachlässigt werden“, sagte Dannyl. „Es scheint also, als könntet Ihr bald wieder richtig lernen.“

„Oh, das wäre gut!“, sagte Farand erleichtert. Dann grinste er. „Ich habe jetzt einen Mentor. Er hat mich ausgesucht. Allerdings wird es erst nächste Woche offiziell.“

Dannyl horchte auf. „Oh, wer ist es?“

„Lord Rothen. Ihr kennt ihn. Er war auch Euer Mentor.“

Soso, das hat er mir also auch verschwiegen, fuhr es Dannyl durch den Kopf. Er musste jedoch zugeben, dass er Rothen in den letzten Wochen nicht allzu oft zu Gesicht bekommen hatte.

„Das freut mich zu hören“, sagte er. „Ihr hättet wirklich keinen besseren Mentor bekommen können.“

Tatsächlich war Dannyl nicht überrascht. In der Vergangenheit hatte Rothen sich wiederholt schwierigen, als Außenseiter geltenden Novizen angenommen. So auch Dannyl, nachdem er sich durch eine intime Beziehung mit einem älteren Novizen in ernsthafte Schwierigkeiten gebracht hatte. Hätte Dannyl den Vorfall nicht überzeugend geleugnet, hätte er seinen Abschluss nicht machen dürfen. Dennoch hatten ihn die anderen Novizen von da an gemieden und die Lehrer hatten ihn ignoriert. Einzig Rothen verdankte er, dass er wieder Freude an seinem Studium gefunden hatte und es zu keinen weiteren Skandalen gekommen war.

Nachdem Sonea der Gilde beigetreten war, hatte Rothen sich ihrer angenommen. Mit viel Geduld hatte er sie Lesen und Schreiben gelehrt und ihr beigebracht, sich wie eine junge Frau aus den Häusern zu benehmen. Als Mädchen aus der Unterschicht hatte sie keinen guten Start gehabt. Dannyl hoffte, Farand würde es trotz seiner Vergangenheit besser ergehen.

„Vielen Dank, Botschafter“, sagte Farand. „Doch nun entschuldigt mich. Ich muss zurück zu meinen Freunden.“

Er nickte zu einer Gruppe Novizen. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, waren sie im vierten oder fünften Jahr. Damit waren sie noch immer deutlich jünger als Farand. Doch so, wie der junge Elyner von ihnen gesprochen hatte, bezweifelte Dannyl, dass der Altersunterschied bei ihnen eine Rolle spielte.

Er lächelte. Ja, es schien Farand besser zu ergehen.


***


Erst einmal hatte Sonea eine größere Anzahl Nichtmagier in der Universität gesehen. Das war bei ihrer Aufnahmezeremonie gewesen. An diesem Tag waren es jedoch weitaus mehr. In der Gegenwart so vieler Menschen aus den Häusern fühlte sie sich unbehaglich. Diese Menschen kümmerte es nicht, ob sie Kyralia vor dem Untergang bewahrt hatte.

Diese Menschen würden in ihr immer das Mädchen aus den Hüttenvierteln sehen.

Der Bankettsaal war überfüllt mit Magiern und ihren Angehörigen. Um für alle Platz zu schaffen, hatte man die Türen zum Abendsaal – einem Raum mit luxuriösen Sesseln, kunstvollen Gemälden und Papierblenden in Dunkelblau und Silber, geöffnet. Zwischen den grünen, roten und purpurfarbenen Roben der Heiler, Krieger und Alchemisten entdeckte Sonea zahlreiche braune Roben. Normalerweise war Novizen der Zutritt zu den Sieben Bögen nicht gestattet. Anlässlich der Trauerfeier hatten die höheren Magier jedoch eine Ausnahme gemacht.

Seit sie die Sieben Bögen betreten hatten, hatten Sonea und Akkarin versucht, Fragen und Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Ein paar junge, offenkundig von ihren Taten begeisterte Magier hatten sie mit Fragen bestürmt. Für Sonea war das seltsam gewesen, da diese kaum mehr als einen Monat zuvor ihre Roben zerrissen und die rituellen Worte der Verbannung gesprochen hatten. Nachdem sie gegangen waren, hatte sie innerlich aufgeatmet.

Ein Diener mit einem Tablett Weingläser steuerte auf sie zu. Akkarin griff zwei Gläser heraus und reichte eines davon an sie weiter. Als Sonea das Glas entgegennahm, glitt es ihr beinahe aus den Fingern.

„Du bist nervös“, sagte Akkarin. „Ist alles in Ordnung?“

Sie schüttelte stumm den Kopf.

Seine Augen bohrten sich in ihre. „Sag es mir.“

Sonea zögerte. Den ganzen Tag über hatte ihre Trauer ihre Furcht vor der Abstimmung der Gilde bezüglich ihrer Wiederaufnahme überwogen. Jetzt hatte sie Mühe, gegen ihre Panik anzukämpfen und ihre Gefühle zu verbergen. Sie wollte Akkarin nicht zeigen, wie sehr sie das aus der Fassung brachte. Aber wahrscheinlich wusste er es bereits.

„Es ist nur wegen morgen“, sagte sie leise.

„Sonea, sieh mich an.“ Seine Stimme war sanft, aber voll Autorität.

Sie hob den Blick und begegnete seinen dunklen Augen. Das Bedürfnis, von ihm in den Arm genommen zu werden, wurde übermächtig.

„Es wird alles gutgehen“, versprach er. „Hab Vertrauen.“

Das hast du auch gesagt, bevor wir uns den letzten drei Ichani gestellt haben, dachte sie. Es war beinahe schief gegangen. Sie hoffte, er habe dieses Mal einen besseren Plan.

„Und ich hatte recht.“

Sie zuckte zusammen. „Du liest meine Gedanken?“, entfuhr es ihr. Eine Gruppe Magier, die ein Stück entfernt stand, wandte sich ihr zu. Rasch bedeckte sie den Mund mit einer Hand.

„Ich …“, begann Akkarin und sah zum Fenster. „Das habe ich nicht gewollt. Ich habe herausgefunden, wie ich die Gedanken anderer ausblenden kann. Aber bei dir ist es … kompliziert.“

Darauf wusste Sonea nichts zu erwidern. Normalerweise musste ein Magier nach der Präsenz eines anderen Magiers greifen, um dessen Oberflächengedanken zu lesen. Mit ausreichend Übung war dies nicht schwer, doch es galt als unausgesprochenes Tabu. Dass Akkarin dies neuerdings ohne bewusstes Zutun gelang, war seltsam. Hatte dies mit seinem kurzzeitigen Tod zu tun? Und besaß er noch mehr Fähigkeiten, derer er sich noch gar nicht bewusst war?

Soneas eigenes Potential war jedes Mal gewachsen, wenn Regin und seine Bande sie bis zur Erschöpfung getrieben hatten. Vielleicht, so überlegte sie, war es bei ihm ähnlich. Bei dem Kampf gegen die letzten drei Ichani hatte er sich vollständig erschöpft. Sie runzelte die Stirn. Konnte das ein Wachsen seiner Kräfte bewirkt haben? Sie hatte immer geglaubt, das magische Potential würde sich nach Erreichen des Erwachsenenalters nicht mehr weiterentwickeln. Akkarin war jedoch dreiunddreißig.

Kopfschüttelnd trank sie einen Schluck Wein. Manche mysteriösen Eigenschaften Akkarins mochte sie nun durchschauen. Dafür war eine neue hinzugekommen.

Als sie ihren Blick durch den Raum schweifen ließ, fiel ihr Blick auf Rothen, der sich mit Lord Yaldin und dessen Frau unterhielt. Er winkte ihr zu. Sonea lächelte und winkte zurück. Rothen verabschiedete sich von dem betagten Ehepaar und steuerte auf sie zu. Sie waren zusammen hierher gekommen, doch in dem Gedränge, das im Bankettsaal herrschte, waren sie voneinander getrennt worden.

„Hallo Sonea“, grüßte Rothen und lächelte. Dann wurde sein Lächeln ein wenig steif. „Akkarin.“

„Lord Rothen.“

Zum dritten Mal an diesem Tag beäugten die beiden Männer einander misstrauisch und mit offenkundigem Unbehagen. Sonea verstand nicht, wie erwachsene Männer sich so verhalten konnten. Selbst von Rothen und Akkarin hatte sie etwas anderes erwartet. Oder fiel es ihnen einfach nur schwer, den Anfang zu machen? Nach allem, was geschehen war, war die Überwindung dazu vermutlich hinreichend groß.

Bevor ihr jedoch etwas einfiel, um die angespannte Stimmung zu lösen, stießen Dorrien, Dannyl und der rothaarige Elyner zu ihnen, offenkundig mehr als ein wenig angeheitert.

„ … aber tatsächlich hat die Schlacht bei mir keinen so bleibenden Eindruck hinterlassen, wie die Begegnung mit dem Ichani am Südpass“, hörte sie Dorrien sagen. „Denn das war wirklich knapp.“ Seine blauen Augen blitzten, als sein Blick dem Soneas begegnete. „Doch das können Sonea und Akkarin dir sicher besser erzählen.“

„Das muss ich hören!“, rief Dannyl.

Sonea verdrehte innerlich die Augen. Muss das sein?

Hätte sie gekonnt, hätte sie alle Ereignisse seit der Nacht, in der sie die Ichani getötet hatte, aus ihrem Gedächtnis gestrichen. Zumindest alle unerfreulichen. Dazu gehörte auch der Kampf gegen Parika, den sie nur überlebt hatten, weil sie ihr Wissen über Heilkunst missbraucht hatte, um Parikas Herz zum Stillstand zu bringen. An jenem Tag hatte Sonea die Disziplin verraten, von der sie immer geträumt hatte, sie eines Tages zu wählen. Falls die Gilde ihr gestatten sollte, ihre Ausbildung zu beenden, würde sie die Heilkunst nach allem, was sie getan hatte noch immer wählen wollen? Würde sie das noch verantworten können?

Akkarin berührte ihren Arm und unterbrach ihre Gedanken.

- Es kann nicht schaden, es zu erzählen, sandte er. Wir sollten jede Gelegenheit nutzen, ihren Respekt wiederzuerlangen.

Sonea zuckte zusammen. Er hatte es schon wieder getan. Sie warf einen raschen Blick zu Rothen und den anderen. Alle schienen auf die Geschichte gespannt.

„Ich habe einmal gesehen, wie Dannyl einen Taschendieb in Kiko Town gestellt hat“, erzählte der gutaussehende Elyner aufgeregt. „Das war ziemlich beeindruckend. Doch einen Kampf zwischen schwarzen Magiern stelle ich mir noch viel spannender vor.“

„Und er ist weitaus gefährlicher, als einen Taschendieb zu fangen“, sagte Akkarin.

„Oh Lord Akkarin, Ihr wisst doch, am liebsten stecke ich meine Nase in Bücher“, entgegnete der Elyner. „Alles, was darüber hinausgeht, ist bereits ein Abenteuer für mich.“

Sonea blinzelte verwirrt. „Ihr kennt euch?“

„Das ist Tayend von Tremmelin. Er war mein Assistent, als ich vor vielen Jahren die Große Bibliothek zu Capia besucht habe, um nach Hinweisen über alte Magie zu suchen“, erklärte Akkarin. „Als Botschafter Dannyl diese Suche fortgesetzt hat, wurde Tayend zu seinem Assistenten.“

„Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen, Lady Sonea“, sagte Tayend und verneigte sich formvollendet. Bevor Sonea wusste, wie ihr geschah, hatte er ihre Hand genommen und hauchte einen Kuss darauf.

„Die Ehre ist ganz meinerseits“, erwiderte sie und konnte ein Erröten nicht verhindern. Wahrscheinlich wollte Dannyls Assistent nur höflich sein. Doch die Art, wie er zeigte, brauchte sie in Verlegenheit. „Doch bitte lasst diesen Titel weg.“

Nur widerwillig hatte sie sich daran gewöhnt, von Nichtmagiern mit „Lady“ angesprochen zu werden. Jetzt, wo sie offiziell nicht der Gilde angehörte, erfüllte sie dieser Titel mit neuerlichem Unbehagen.

Tayend lächelte so strahlend, dass Sonea nicht umhin kam, zurückzulächeln.

„Wie Ihr wünscht, Sonea“, sagte er. „Dürfen wir nun die Geschichte hören?“

Aus den Augenwinkeln sah Sonea, wie Akkarin zu etwas bei den Fenstern starrte. Sie folgte seinem Blick und entdeckte die Frau, der sie fast bei den Gräbern begegnet waren.

Lorlens Mutter.

Die Frau lächelte. Doch darin lag so eine unendliche Traurigkeit, dass es Sonea das Herz zerriss.

„Bitte entschuldigt mich“, sagte Akkarin. „Sonea wird Euch die Geschichte erzählen.“

Sie berührte unauffällig sein Handgelenk.

- Was ist?

- Es wird Zeit, mich ihr zu stellen.

- Viel Glück, wünschte Sonea.

Akkarin verschwand ohne eine Erwiderung in der Menge.

Verunsichert, weil er sie allein gelassen hatte, sah sie zu Rothen. Dieser hob fragend die Augenbrauen. Sonea schüttelte stumm den Kopf. Einen tiefen Atemzug nehmend sammelte sie sich dann, um Dannyl und seinen Assistenten mit einer Geschichte zu erheitern, die sie, Akkarin und Dorrien fast das Leben gekostet hätte.

„Also, es war so“, begann sie. „Als wir herausfanden, dass die Ichani Kyralia überfallen wollen, beschlossen wir zurückzukehren. Unterwegs stießen wir auf Parika und folgten ihm zum Südpass. Er wollte uns dort auflauern. Doch als es Nacht wurde …“

Sie erzählte, wie Akkarin die Sklaven getötet und Parika überlistet hatte, bevor sie über den Südpass nach zurück Kyralia geflohen waren. Die Umstände, unter denen Dorrien sie gefunden hatte, änderte sie ein wenig ab. Sie war sicher, Dannyl vertrauen zu können. Doch sie wusste weder, wie vertrauenswürdig sein Assistent war, noch wer von den anderen Magiern und Gästen mithörte. Von Akkarin hatte sie gelernt, dass es besser war, nur das Nötigste preiszugeben. Und sie begriff erstmals, wie recht er damit hatte, auch wenn sie sich in der Vergangenheit darüber geärgert hatte.

Als sie jedoch zu dem Kampf kam, musste Dorrien ihr helfen. Alles war so schnell passiert und durch ihre Furcht waren ihr einige Details entfallen.

„Sonea, so war das nicht“, widersprach er erneut, als sie an die Stelle kam, wo Parika sie beide gejagt hatte.

„Doch“, beharrte sie. „Da hatte er dich aber bereits erledigt.“

Er schüttelte ungläubig den Kopf. „War das wirklich schon dort? Es ging alles so schnell.“

„Ja.“ Sonea zögerte. „Soll ich auch erzählen, wie ich ihn besiegt habe?“

Dorriens blaue Augen begegneten ihren. „Tu es ruhig“, sagte er. „Unter den Heilern hat es sich ohnehin längst herumgesprochen.“

Na, wundervoll, dachte Sonea. Sie holte tief Luft und berichtete, wie sie entdeckt hatte, dass Parika das Prinzip des Heilens nicht kannte, und wie sie dies genutzt hatte, um sein Herz zum Stillstand zu bringen, während er versucht hatte, ihre Kraft zu nehmen.

Als sie geendet hatte, herrschte Schweigen in der kleinen Runde. Dorrien und Rothen kannten die Geschichte bereits. Dannyl und sein Assistent hatten ihr indes wie gebannt gelauscht.

Schließlich fasste sich Dannyl. „Wirklich, Sonea!“, rief er anerkennend. „Darauf muss man in einer solchen Situation erst einmal kommen! Du musst doch Todesangst gehabt haben.“

Ein Schaudern unterdrückend nickte Sonea. „Hätte ich es nicht getan, wäre ich gestorben. Dorrien war bewusstlos. Und Akkarin war zu weit weg, um mir zu helfen.“

Sie sah zum Fenster, wo Akkarin mit Lorlens Mutter stand. Er hatte die Hände um ihre Handgelenke geschlungen und sie hielt die Augen geschlossen. Sie fragte sich, was er ihr zeigte.

„Das hört sich wirklich aufregend an“, sagte Tayend hingerissen.

Sonea starrte ihn an. Hatten Nichtmagier denn keine Vorstellung, wie gefährlich es war, einem schwarzen Magier zu begegnen?

„Es war sehr gefährlich“, sagte sie.

„Hör auf Sonea“, fügte Dannyl hinzu. „Deine Begeisterung für Schlachten und Kriege ist bei Geschichtsbüchern und Abenteuerromanen besser aufgehoben als in Konflikten zwischen schwarzen Magiern.“

„Da habt Ihr recht, Botschafter“, sagte Sonea. „Besonders weil Nichtmagier mit latentem magischen Potential …“

Eine Bewegung am Rand ihres Blickfeldes ausmachend hielt sie inne. Balkan und Lady Vinara hielten von einigen Kriegern begleitet geradewegs auf sie zu.

Soneas Stimmung sank. „Es ist soweit“, murmelte sie.

Sie und Rothen tauschten einen Blick. Jetzt würden sie Akkarin zurück ins Heilerquartier bringen und Sonea würde ihn erst wiedersehen, wenn die höheren Magier ihnen die Entscheidung der Gilde mitteilten. Der Gedanke missfiel ihr, weil sie gehofft hatte, noch ein wenig Zeit mit ihm verbringen zu können. Sie verstand nicht, warum er im Heilerquartier festgehalten wurde, wenn er als genesen galt. War es, weil sie nicht wussten, was sie sonst mit ihm tun sollten?

„Es ist nur für eine Nacht“, sagte Rothen und schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln.

„Lord Rothen, Sonea“, sagte Lady Vinara. „Es ist Zeit, Akkarin zurück ins Heilerquartier zu bringen. Sonea darf der Feier unter Eurer Aufsicht noch weiter beiwohnen, wenn sie das möchte.“

„Wo ist Akkarin?“, fragte Balkan. Seine Miene zeigte Misstrauen und Nervosität, als er sich umsah.

„Dort drüben“, antwortete Sonea zum Fenster deutend.

Sie beobachtete, wie Akkarin den Kontakt zu Lorlens Mutter abbrach. Er sagte etwas zu ihr. Sie weinte, doch ihr Lächeln drückte Dankbarkeit aus. Dann fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn auf die Wange.

Als Akkarin sich von ihr löste und zu ihnen zurückkehrte, glaubte Sonea Verlegenheit in seiner Miene zu lesen. Doch als er sie erreichte, war er wieder so kühl und distanziert wie eh und je.

„Hoher Lord, Lady Vinara“, grüßte er.

„Es ist spät und Ihr müsst zurück ins Heilerquartier und Euch ausruhen“, teilte ihm das Oberhaupt der Heiler mit. „Ihr mögt genesen sein, doch Ihr seid noch nicht wieder vollständig bei Kräften. Die Krieger werden Euch begleiten.“

Akkarin neigte den Kopf. „Dann muss ich mich Euren Anweisungen wohl beugen, Lady Vinara.“ Er wandte sich zu Sonea und legte eine Hand auf ihre Schulter. „Wir sehen uns morgen.“

- Was hast du mit Lorlens Mutter gemacht?

- Sie wollte wissen, wie er gestorben ist. Ich habe es ihr gezeigt.

- Hat es ihr geholfen?

- Ja. Aber sie wird Zeit brauchen.

Sonea fragte sich, wie viel Zeit Akkarin brauchen würde, um über den Tod seines besten Freundes hinwegzukommen. Sie hoffte, das Gespräch mit Lorlens Mutter habe seinen eigenen Schmerz ein wenig gelindert, denn sie konnte in Augenblick nichts für ihn tun, weil sie nicht bei ihm sein durfte.

„Ich wünsche Euch gute Besserung, Mylord“, sagte sie und verneigte sich.

Der Anflug eines Lächelns huschte über Akkarins harsche Züge.

- Und dir eine gute Nacht.

Dann schritt er mit Lady Vinara und den Kriegern durch die Menge, die schweigend und furchterfüllt vor ihm zurückwich.
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