Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
118
Alle Kapitel
418 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
27.06.2013 17.477
 
Kapitel 30 – Neue Bekanntschaften



Der von zwei Pferden gezogene Karren überquerte die letzte Steigung, dahinter fiel die Straße in sanften Kurven ab. Zu beiden Seiten erstreckten sich karge Berge so weit das Auge reichte. In die Richtung, in die der Weg führte, wurden sie indes allmählich flacher, bis sie am fernen Horizont in eine braune Ebene übergingen.

Dannyl zügelte die Pferde, um ihnen Gelegenheit zu verschnaufen zu geben. Mit zwei Menschen, Reisegepäck und zweihundert Kisten Porreni-Wein war der Karren bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit beladen. Sich als Weinhändler auszugeben, war Dannyls Idee gewesen. Zunächst war Tayends Schwester von der Aussicht, ihren Wein in Sachaka zu verkaufen, nicht besonders angetan gewesen. Als Dannyl ihr für die Flaschen jedoch eine großzügige Summe angeboten hatte, hatte sie eingewilligt. Sie war sogar erleichtert gewesen, dass Dannyl ihren Bruder in Capia zurückgelassen hatte, und hatte ihn lediglich gebeten, wieder heil zurückzukommen.

„Wenn du nicht zurückkommst, wird das Tayend das Herz brechen“, hatte sie gesagt. „Also pass gefälligst auf dich auf und mach keine Dummheiten.“

Dannyl hatte Mayrie versichert, dass sie sich keine Sorgen machen brauchte, weil dies eine rein diplomatische Mission war und die Tarnung nur dazu diente, sicher durch die Ödländer zu gelangen. Da war er noch voll Abenteuerlust gewesen. Doch bei dem Anblick der zerklüfteten, leblosen Felsen spürte er eine leise Furcht in sich aufkeimen. Jetzt, wo sich das Land ihrer Feinde vor seinen Augen ausbreitete, wäre er am liebsten wieder umgekehrt.

„Willkommen in Sachaka“, murmelte er.

„Nervös?“

Dannyl wandte den Kopf zu seinem Begleiter. Wenn er die Mimik und Körperhaltung des Vindo richtig deutete, so war dieser, mindestens ebenso angespannt, wie Dannyl sich fühlte.

„Ein wenig“, gestand er. „Ich reise zum ersten Mal nach Sachaka. Und nach allem, was ich über dieses Land gehört habe, würde ich jeden anderen Ort auf der Welt lieber bereisen als diesen ...“

„Geht mir genauso“, antwortete Kito. „Aber sobald wir das zivilisierte Gebiet jenseits der Ödländer erreichen, werden wir aufatmen können.“

„Also glaubt Ihr nicht, dass die Ichani uns in Ruhe lassen“, folgerte Dannyl. Eigentlich hätte es ihn erleichtern sollen, dass es Kito ähnlich erging. Stattdessen hätte er jetzt alles für ein wenig mehr Zuversicht gegeben.

„So wie ich Akkarin verstanden habe, ziehen die Ichani im Winter in den Norden des Landes, wo die Ödländer um diese Zeit mehr Nahrung bieten“, antwortete der Auslandsadministrator. „Trotzdem sollten wir wachsam bleiben. Mit ihnen ist noch weniger zu spaßen, als mit dem Rest ihrer Landsleute.“

Auf Mayries Weingut hatten sie ihre Roben gegen die für Kaufleute typische Kleidung und die Kutsche der Botschaft gegen einen Karren getauscht. Wenn sie Arvice lebend erreichen wollten, durften sie sich unterwegs nicht als Magier zu erkennen geben. Auch zu zweit würden sie selbst gegen einen einzigen Sachakaner kaum eine Chance haben.

„Ich hätte es vorgezogen mit dem Schiff nach Sachaka zu reisen“, sagte Dannyl. Das hätte ihnen den Weg durch die Ödländer und damit verbundene Begegnungen mit den Ichani erspart. „Arvice liegt doch am Meer, nicht wahr?

„Die Stadt liegt in der Nähe einer Flussmündung“, bestätigte der Auslandsadministrator. „Aber glaubt mir, Ihr wollt nicht mit dem Schiff nach Sachaka reisen.“

Dannyl runzelte die Stirn. „Lauern auf dem Meer etwa noch mehr Ichani?“

„Auf dem südlichen Meer, das jedes Schiff auf dem Weg von den Verbündeten Ländern aus nach Sachaka durchsegeln müsste, toben das ganze Jahr über heftige Stürme. Die warme Luft, die von den Ländern nördlich Sachakas kommt, stößt dort auf die kalten Winde von Süden und die westlichen Winde, die Kyralia den Regen bringen. Dazu kommen gefährliche Strömungen, weil zwei Ozeane aufeinandertreffen. Nicht einmal die erfahrendsten Seefahrer meines Volkes kreuzen in diesen Gewässern.“ Seine dunklen Augen blitzten, als er zu Dannyl sah. „Glaubt mir, Botschafter, da ist der Weg durch die Ödländer die angenehmere Alternative.“

„Verstehe.“ Dannyl hatte auf seinen Seereisen genug über Winde und Meeresströmungen gelernt, um die Gefahr zu begreifen. „Doch in weiter nördlicheren Breiten Sachakas wird das Meer doch sicher wieder ruhiger, nicht wahr?“

„Das weiß ich nicht, Dannyl“, antwortete Kito. „Kein Schiff meines Volkes ist je dorthin gesegelt. Anhand dessen, was ich über Luft- und Meeresströmungen weiß, würde ich sagen ja. Dennoch fahren dort keine sachakanischen Schiffe.“

„Warum?“

„Weil es keine gibt.“ Der Vindo grinste breit, als er fortfuhr: „Die Sachakaner mögen ein Volk mächtiger und gefürchteter Magier sein, doch im Schiffbau sind sie absolut unerfahren.“

Dannyl blinzelte. „Jetzt bin ich wirklich verwirrt.“

Kitos Lächeln wurde breiter. „Ich kann nur spekulieren, da ich nur die Reiseberichte von Händlern und früheren Diplomaten kenne und ich mir den Rest zusammengereimt habe.“

Seine Worten hatten Dannyls Neugier geweckt. „Ich bin ganz Ohr“, erwiderte er.

„Der Großteil ihres Landes besteht aus Wüste. Es gibt einen fruchtbaren Streifen entlang der Küste und im Süden. Diese Region ist dicht besiedelt und die Ashaki dort betreiben Landwirtschaft, um sich und ihre Sklaven zu ernähren. Daher gibt es so gut wie keine Wälder und wenn, dann sind diese licht, weil die Sachakaner das Holz für die Dinge des täglichen Gebrauchs brauchen.“

„Also bleibt nichts übrig, um Schiffe zu bauen.“

Kito nickte. „Auch wenn es Reisen nach Sachaka beschwerlicher macht, ist es für uns von Vorteil. Denn das schränkt ihre Möglichkeiten ein, Kyralia zu betreten. Es würde es uns ermöglichen, ihre Armee in den Ödländern abzufangen.“

Da musste Dannyl dem Auslandsadministrator recht geben. Trotzdem behagte ihm die Vorstellung nicht. „In ein anderes Land einzumarschieren, widerspricht den Prinzipien der Gilde und dem Vertrag der Allianz.“

„Was verbündete Länder betrifft, gebe ich Euch recht, Botschafter. Doch hier haben wir es mit einem nichtverbündeten Land zu tun. Und mit schwarzen Magiern. Die Zerstörung, die einer von ihnen im Augenblick seines Todes anrichten kann, wäre verheerend.“

Ein scharfer Wind wehte die Passhöhe hinauf. Dannyl erschauderte und wickelte sich in seinen Reisemantel. Einen Blick über die Schulter zurück auf das bewaldete Bergland von Elyne werfend fragte er sich, wann er das nächste Mal so etwas wie Vegetation sehen würde.

„Bringen wir es hinter uns“, sagte er und machte eine Bewegung mit den Zügeln, woraufhin die Pferde weiter trabten.

Während sie den Pass allmählich hinter sich ließen, sah Dannyl sich entsetzt um. Auf dieser Seite waren die Berge sehr viel schroffer und zerklüfteter. Er hatte stets geglaubt, die Ödländer würden sich nur über das Gebiet jenseits der kyralischen Seite erstrecken. Aber niemals so weit nach Norden.

Eigentlich sollte mich das nicht wundern, überlegte er dann. Der Großteil Sachakas liegt nördlich von Kyralia. Wenn die frühere Gilde die Ödländer geschaffen hat, um zu verhindern, dass das Land jemals wieder zu Wohlstand gelangt, dann mussten sie so weite Flächen verwüsten.

Er wusste nicht, ob ihm die Taten der früheren Gilde gefallen sollten. Nach dem eingehenden Studium von Dem Callenes Büchern verstand er die Ursache der Verwüstung sehr viel besser. Aber er hatte auch aus ihnen gelernt, von welch verwerflicher Moral diese Tat gewesen war und wie sie den Hass der Sachakaner auf die Gilde bis heute schürte. Inzwischen hatten sich die Ödländer durch natürliche Prozesse weiter in jene Gegenden ausgebreitet, wo Sachaka einige Jahrhunderte nach dem letzten Krieg noch fruchtbar gewesen war und die Bevölkerung kämpfte um den noch grünen Teil.

Tatsächlich reichte der Konflikt zwischen Sachaka und Kyralia noch viele Jahrhunderte weiter zurück, als bis zu jenem entsetzlichen Krieg. Einige Jahrhunderte zuvor waren Kyralia und Elyne Provinzen des Großen Sachakanischen Imperiums gewesen. Für etwa dreihundert Jahre waren beiden Länder unabhängig gewesen, als die Sachakaner versucht hatten, Kyralia erneut zu erobern.

Nachdem die Kyralier die Sachakaner das letzte Mal aus ihrem Land vertrieben hatten, hätten sie die Möglichkeit gehabt, den Konflikt zwischen ihren Nationen zu beenden und Sachaka zu zivilisieren. Stattdessen hatten sie die Ödländer erschaffen, um Sachaka nachhaltig zu bestrafen. Der seitdem bestehende Frieden war nur erhalten geblieben, weil die Sachakaner zu beschäftigt gewesen waren, einander zu bekämpfen, und geglaubt hatten, die Gildenmagier würde noch immer schwarze Magie praktizieren.

Wird das jemals aufhören?, fragte Dannyl sich. Was können Kito und ich überhaupt ausrichten, wenn der eigentliche Grund dieses Konfliktes fast eintausend Jahre zurückreicht?

„Das sind also die Ödländer“, riss Kito ihn aus seinen düsteren Gedanken. „Meine Kinder werden alles darüber wissen wollen.“

Der fröhliche Ton in Kitos Stimme ließ Dannyl aufhorchen. Es war das erste Mal, dass sein Begleiter von etwas Persönlichem sprach. „Wie viele habt Ihr?“, fragte er.

„Fünf. Genda ist zehn. Sie ist die Älteste. Die übrigen vier sind Jungs. Den kleinen Keno habe ich noch gar nicht gesehen. Er ist im Frühjahr zur Welt gekommen.“

„Ziemlich viel für jemanden, der ständig auf Reisen ist“, bemerkte Dannyl.

„Ich versuche, jedes Jahr für mindestens ein paar Wochen nach Hause zu kommen.“ Der Anflug eines Lächelns huschte über das runde Gesicht des Auslandsadministrators. „Da ist die Wiedersehensfreude stets ... nun Ihr könnt es Euch vorstellen.“

Dannyl grinste. „Ich denke schon.“

„Meine Familie lebt auf einer kleinen, recht abgelegenen Insel“, erzählte Kito weiter. „Sie zu besuchen lässt sich oft nicht mit meinen Terminen vereinbaren. Wenn ich geschäftlich in Vin zu tun habe, dann meistens nur in Kiko Town.“

Dannyl nickte verständnisvoll. „Das ist sicher hart für Euch und Eure Familie“, sagte er. „Aber so ist sie wenigstens in ihrer Heimat. Würden sie in der Gilde wohnen, würden Eure Frau und Eure Kinder Euch auch nicht öfter zu Gesicht bekommen, müssten jedoch in einem fremden Land leben.“

„Das ist wohl wahr“, stimmte Kito zu. „Besonders am Anfang waren die langen Trennungen für uns alle schwer.“ Er ließ seinen Blick über die Felsen zu beiden Seiten der Straße schweifen und lächelte unvermittelt. „Wenn ich das nächste Mal zu Hause bin, werden meine Kinder alles über Sachaka wissen wollen. Besonders die beiden Mittleren. Auch wenn ich ihnen wohl nicht die Frage beantworten kann, wie die Ödländer entstanden sind.“

Nun, da könnte ich dir weiterhelfen, dachte Dannyl, doch er behielt seine Gedanken für sich. Kito würde fragen, woher er dieses Wissen hatte. Dabei fand Dannyl, dieses Thema ging jeden Gildenmagier etwas an. Wenn er daran dachte, mit welch zerstörerischer Kraft diese schroffen Berge um ihn herum entstanden waren, schauderte ihm.

„Nun, vielleicht finden wir unterwegs eine Antwort darauf“, sagte er.

„Glaubt Ihr nicht, das hat Akkarin nicht schon längst versucht?“

„Ich denke nicht, dass er viel Gelegenheit dazu hatte“, antwortete Dannyl. „Und wir sollten es lieber auch nicht zu sehr darauf anlegen und versuchen, unversehrt nach Arvice und wieder zurückzukommen.“

Kito nickte. „Ihr habt selbstverständlich Recht, Botschafter“, pflichtete er ihm bei. „Dieses Land birgt viele Gefahren. Wir sollten keine riskanten Situationen provozieren.“

Eine Weile wanderten Kitos schlitzförmige Augen über die Landschaft. „Wenn wir das hier hinter uns und Bericht erstattet haben, werde ich mindestens einen Monat Urlaub bei meiner Familie machen“, sagte er. „Es kommt mir vor, als hätte ich fast das ganze Jahr in Lan mit den Streitigkeiten der Kriegerstämme verbracht. Als es hieß, ich solle mit Euch nach Arvice reisen, konnte ich Ginga nur in einem Brief von unserem Auftrag berichten. Dabei hätte ich den Winter so gerne in Vin verbracht.“ Er runzelte die Stirn. „Sicher ist sie außer sich vor Sorge. Ich sollte Ihr etwas Schönes mitbringen.“

„Ich habe gehört, die sachakanischen Frauen haben eine Vorliebe für extravaganten Schmuck“, sagte Dannyl. „Vielleicht könnt Ihr sie damit beeindrucken.“

Den Rest des Nachmittags plauderten sie über Belanglosigkeiten, was Dannyls Stimmung ein wenig hob. Indem er sich von dem Gedanken, sich auf Feindesgebiet zu befinden, ablenkte, legte sich eine scheinbare Gelassenheit über sein Gemüt. Auch Kito wirkte inzwischen wieder weitaus glücklicher als auf der Passhöhe. Zu Dannyls Überraschung war der ehemalige Krieger verglichen mit Balkan oder Garrel erfrischend diplomatisch, was ihr Miteinander während ihrer langen Reise erleichtern würde.

Viel zu schnell versank die Sonne hinter den Bergen und tauchte die Straße vor ihnen in tiefe Schatten.

„Es wird bald dunkel“, sagte Kito. „Wir sollten uns überlegen, ob wir uns einen geschützten Platz für ein Nachtlager suchen oder ob wir die Nacht durchreisen, damit wir die Berge schneller hinter uns haben.“

Dannyl nickte. „Hinter den Bergen beginnt der flache Teil der Ödländer. Dort Schutz zu finden, wird nahezu unmöglich sein.“

„Aber wir bräuchten die Ichani weniger fürchten“, wandte der Vindo ein. „Der Mond wird uns noch ein paar Stunden erhalten bleiben. Solange werden wir die Straße noch erkennen können.“

„Dann reisen wir weiter, bis der Mond untergeht“, beschloss Dannyl. „Wir werden sehen, ob unsere Laternen für eine Weiterfahrt ausreichen.“

„Ein guter Plan“, stimmte Kito zu. „Ruht Euch ein paar Stunden aus, Dannyl. Ich werde den Karren solange lenken.“

Dannyl reichte dem anderen Mann die Zügel und erhob sich ächzend. Hätten sie ihre Lichtkugeln benutzen dürfen, hätte er darauf bestanden, die Nacht durchzureisen, um die Berge schnellstmöglich zu verlassen. Doch damit wäre ihre Tarnung aufgeflogen.

„Danke“, sagte er. „Weckt mich, wenn irgendetwas Ungewöhnliches passieren sollte oder wir auf Leute treffen.“

„Das werde ich“, versprach der Vindo. „Ich wünsche Euch eine gute Nacht, Botschafter.“

„Gute Nacht, Auslandsadministrator“, erwiderte Dannyl. Er kletterte in den hinteren Teil des Karrens, wo er es sich zwischen zwei Kisten Porreni-Wein auf ein paar Decken gemütlich machte. Nach diesem langen Tag hätte er entsetzlich müde sein müssen, doch wegen der allgegenwärtigen Gefahr, fiel es ihm schwer, zur Ruhe zu kommen.

Seine Finger tastete nach dem Blutjuwel, das er in einer verborgenen Tasche seines Hemdes trug, um es griffbereit zu haben, sollten sie in Gefahr geraten. Er versuchte möglichst nicht daran zu denken, dass Akkarin ihn durch diesen Stein überwachen konnte, sobald er ihn berührte.

Was Tayend jetzt wohl macht?, fragte er sich. Der Gedanke an seinen Gefährten hatte eine beruhigende Wirkung. Er vermisste Tayend, wenn auch dieses Gefühl im Augenblick von seinem Auftrag überschattet wurde. Um sich abzulenken, gab Dannyl sich ganz seinen Erinnerungen an all die schönen Stunden, die sie miteinander verbracht hatten, hin. Wenn ich zurück bin, werde ich auch Urlaub nehmen und mit Tayend irgendwohin fahren, wo wir ungestört sind, dachte er noch, bevor ihn endlich der Schlaf übermannte.


***


„Oh, dass ihr Männer sogar beim Essen von nichts als der Arbeit reden könnt!“ Luzille schüttelte missbilligend den Kopf und goss sich neuen Wein in ihr Glas. „Das ist doch entsetzlich. Findet Ihr nicht, meine Liebe?“ Sie nippte an ihrem Glas und sah Sonea um Zustimmung heischend an.

„Uhm“, machte Sonea. Was sollte sie darauf bloß antworten? Sie warf einen flehenden Blick zu Akkarin, der jedoch seinem Gesprächspartner zugewandt blieb. Er hatte ihr vor diesem Abend zu verstehen gegeben, was von ihr bei einem formalen Dinner erwartet wurde. So blieb Sonea nur die zweifelhafte Option, allein mit der lebhaften jungen Frau aus Elyne fertigzuwerden.

„Wir können ihnen wohl kaum ihr Lieblingsthema verbieten“, sagte sie daher vorsichtig.

Seit der ersten Vorspeise unterhielten sich die beiden Männer über die Arbeit. Balkan hatte sich, unterbrochen von seiner Frau, die ihn ständig ermahnte, nicht zu viel zu essen, bei Akkarin nach ihren Fortschritten bei der Erschaffung von Speichersteinen und ihrer Resistenz gegen das Abfließen von Magie erkundigt.

„Er hat in den letzten Monaten so unglaublich zugenommen“, hatte sie Sonea zugeraunt. „Seit er nicht mehr Oberhaupt der Krieger ist, ist er richtig faul geworden.“

Sonea war entsetzt, wie respektlos Luzille von ihrem Mann sprach. Als Akkarin ihr erzählt hatte, welch Biest die Frau des Hohen Lords war, hatte sie noch geglaubt, er hätte damit übertrieben. Inzwischen kam es Sonea jedoch so vor, als hätte er nur versucht, diplomatisch zu sein, als sie ihn nach Luzille gefragt hatte. So wollte sie gewiss niemals werden!

Weil ihr auf Luzilles Bemerkung keine passende Erwiderung eingefallen war, hatte sie es vorgezogen, zu schweigen. Luzille selbst aß nur wenig. Sonea fühlte sich gezwungen, es ihr gleichzutun, weil es als unhöflich galt, als Gastgeber mehr als die Gäste zu essen.

Beim nächsten Mal werde ich mittags mehr essen, dachte sie und starrte sehnsüchtig auf die noch halbvollen Platten und Schüsseln. Wenn es wenigstens möglich gewesen wäre, sich mit den beiden Männern zu unterhalten! Aber nach dem Austausch einiger Höflichkeitsfloskeln und nach dem Erkundigen nach dem Befinden des Anderen war es Soneas Pflicht, die weiblichen Gäste zu unterhalten. Als Nichtmagierin konnte Luzille sich nicht an den Themen der beiden Männer beteiligen, was Sonea dazu zwang, sie mit belangloser Konversation zu unterhalten.

Sonea unterdrückte ein Seufzen. Belanglose Konversation wäre so viel einfacher, hätten sie und Luzille irgendwelche Gemeinsamkeiten. Balkans Frau begann sich schnell zu langweilen, wenn sie nicht mitreden konnte. Sonea wusste indes nicht, worüber sie sich mit der lebhaften Elynerin überhaupt unterhalten sollte. Luzille war eine typische Frau der reichen Gesellschaft. Sie interessierte sich für die neuste Mode und Klatsch und Tratsch aus den Häusern und vom Hofe des Königs – Themen, für die sich Sonea überhaupt nicht begeistern konnte.

Trotz all dieser Schwierigkeiten tat es gut, sich in der Gegenwart anderer Magier nicht als Novizin zu fühlen. Das gab ihr einen Vorgeschmack auf die Zeit nach ihrem Abschluss. Obwohl sie das mit einer freudigen Spannung erfüllte, stellte dieses Dinner für sie zugleich eine ungeahnte Herausforderung dar. Zudem war sie noch nicht sicher, ob ihr die Rolle der Gastgeberin gefallen sollte.

„Und ob wir das können“, sagte Luzille mit leiser Empörung auf ihre vorsichtig gemachte Bemerkung. Sie warf finsteren Blick zu ihrem Mann. „Als ihre Frauen haben wir ein Recht auf ihre Aufmerksamkeit.“

„Ich kann mich nicht über zu wenig Aufmerksamkeit beklagen“, erwiderte Sonea und lächelte unwillkürlich. Ein wenig verspürte sie jedoch auch Mitgefühl mit der jungen Elynerin. Es war sicher nicht leicht, mit einem Mann verheiratet zu sein, der fast so wichtig war, wie der König. Zudem war sie weit fort von ihrem Zuhause. Nach allem, was Sonea über das Land im Norden gehört hatte, musste Luzille das Leben in Kyralia entsetzlich trostlos und langweilig erscheinen.

Luzille berührte ihre Hand. „Dann wartet ab, bis Ihr verheiratet seid, dann wird sich das ganz schnell ändern.“

Sonea unterdrückte ein Schnauben. Was sollte ein Eheschwur an ihrer Beziehung ändern sollte, außer dass sie die dann den gesellschaftlichen Anstand wahrten? Aber was, wenn die Luzille recht hatte? Was wenn Akkarin sie zu vernachlässigen begann, weil sie dann offiziell ihm gehörte und er sich keine Mühe mehr geben brauchte?

Nein, dachte Sonea, so ist er nicht. Er würde nicht wollen, dass ich unglücklich bin.

„Wir sind gleich fertig, Liebste“, sagte Balkan seltsam unterwürfig. „Aber das hier ist wichtig.“

Luzille wirkte nicht überzeugt. „Wenn es so wichtig ist, warum habt ihr dann nicht schon vorher darüber gesprochen?“, gab sie zurück. „Ihr hattet doch den ganzen Tag Zeit.“

Zu Soneas Überraschung sah Balkan aus, als wüsste er nicht, was er darauf erwidern sollte.

„Luzille, unsere Arbeit besteht oft aus sehr viel alltäglicheren Dingen, als Pläne gegen die Sachakaner zu schmieden“, sagte Akkarin ruhig, aber mit einer unterschwelligen Autorität in der Stimme. „Wenn Ihr jemandem die Schuld für mangelnde Zuwendung geben wollt, dann lasst es an dem Volk auf der anderen Seite des Stahlgurtgebirges aus und nicht an jenen, die versuchen, unser Land sicherer zu machen.“

Sonea unterdrückte ein Kichern. Vielleicht sollten wir einfach Luzille nach Sachaka schicken, fuhr es ihr durch den Kopf. Wenn sie mit ihnen fertig ist, lassen sie uns für die nächsten hundert Jahre bestimmt in Ruhe.

Luzilles Mund klappte auf. Anscheinend war sie es nicht gewohnt, von einem Mann zum Schweigen gebracht zu werden. Binnen eines Augenblicks hatte sie sich jedoch wieder unter Kontrolle.

„Ihr habt natürlich Recht, Lord Akkarin“, sagte sie mit einem strahlenden Lächeln und strich eine widerspenstige blonde Locke, die aus ihrer Steckfrisur gerutscht war, zurück. „Aus dieser Perspektive hatte ich dieses Problem noch gar nicht betrachtet!“

„Dessen bin ich mir sicher“, erwiderte Akkarin galant. Seine Augen blitzten kurz zu Sonea, bevor er sich wieder Balkan zuwandte.

Luzille legte ihr benutztes Besteck auf den Teller und faltete ihre Serviette. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl und betrachtete Sonea eingehend.

„Vielleicht sollte ich den Abend als Chance betrachten, um mit Euch von Frau zu Frau zu reden“, begann sie.

Von Frau zu Frau?, dachte Sonea verstört. Was will sie von mir? Sie möchte doch nicht etwa meine Freundin werden? „Worüber wollt Ihr sprechen?“, fragte sie vorsichtig.

Die andere Frau lachte. Es war ein glockenhelles Lachen, das überraschend angenehm war. „Über die Themen, die Männer langweilig finden, Süße!“

Oh, hoffentlich ist dieser Abend bald zu Ende!, dachte Sonea flehentlich. Sie verkniff sich die Frage, wofür Männer sich Luzilles Meinung nach nicht interessierten. Sie war sicher, die andere Frau würde sie auslachen.

Luzille trank einen weiteren Schluck Wein. Als Sonea ihr fast leeres Glas betrachtete, befand sie, es könne nicht schaden, selbst noch etwas zu trinken und schenkte sich nach.

„Außerdem muss ich gestehen, ich bin neugierig auf Euch, seit ich von den Gerüchten über Euch erfahren habe“, fügte die junge Elynerin hinzu.

Sonea runzelte die Stirn. „Gerüchte?“, wiederholte sie unschuldig. Die meisten waren wahrscheinlich sogar wahr. Aber Luzille schien auf etwas ganz Bestimmtes anzuspielen.

Die andere Frau schenkte ihr ein nachsichtiges Lächeln. „Als mein brummiger Bovar mir erzählte, Ihr und Euer jetziger Verlobter hättet vermutlich eine Affäre, da war mir sofort klar, dass es stimmt. Ich habe es ihm gesagt, aber er wollte es nicht hören.“ Sie kicherte.

Sonea zwang sich, nicht die Augen zu verdrehen. Dass sie und Akkarin ihre Beziehung öffentlich gemacht hatten, lag Monate zurück. Inzwischen hatte die Gilde wenn auch widerwillig akzeptiert, dass ihre beiden schwarzen Magier ein Paar waren. Wenn Sonea den gegenwärtigen Gerüchten Glauben schenkte, dann machte ihre Beziehung sie und Akkarin etwas menschlicher und damit weniger furchterregend für die übrigen Magier. Selbst wenn sie mit ihrer Beziehung gegen jeden gesellschaftlichen Anstand verstießen.

„Was hat Euch so sicher gemacht?“, fragte sie.

Luzille machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand. „Wenn man in Elyne aufgewachsen ist, hat man ein natürliches Gespür dafür, welche Gerüchte wahr und welche es nicht sind“, antwortete sie. „Was Gerüchte über heimliche Beziehungen angeht, so sind diese nur selten unwahr.“

„Verstehe“, sagte Sonea trocken. „Und das hat Eure Neugier auf meine Person erregt?“

„Nun ja“, Luzille strich sich erneut diese widerspenstige Locke aus dem Gesicht, „ich bin neugierig, weil es Euch gelungen ist, sein Herz zu erobern. In den Häusern und bei Hofe hat man lange Zeit gemunkelt, das sei unmöglich.“

Dank Trassia waren diese Gerüchte auch zu Sonea durchgedrungen. Seit seiner Rückkehr aus Sachaka acht Jahre zuvor war Akkarin Junggeselle gewesen. Während Sonea lange Zeit geglaubt hatte, dass keine Frau einen Mann wie ihn wollen würde, kannte sie nun die Wahrheit. Während die Frauen ihm hinterhergelaufen waren, hatte Akkarin kein Interesse an seinen Verehrerinnen gezeigt. Und das nicht nur auf Grund seines finsteren Geheimnisses. Sonea hatte jedoch erst viel später begriffen, dass er mit den Frauen aus den Häusern nicht viel anfangen konnte.

„Ich fürchte, da muss ich Euch enttäuschen.“ Sonea überlegte, was sie der anderen Frau anvertrauen konnte, ohne etwas Persönliches preiszugeben. „Ich weiß selbst nicht, wie das passiert ist. Als ich merkte, dass er romantische Gefühle für mich hat, musste ich ihn erst davon überzeugen, gegen seine Prinzipien zu verstoßen und es mit mir zu versuchen.“

Luzille warf einen kritischen Blick zu den beiden Männern. „Das kann ich mir vorstellen“, bemerkte sie. Mit einem schwärmerischen Gesichtsausdruck fuhr sie fort: „Aber das macht es nur umso bemerkenswerter. Er muss Euch wirklich gern haben, wenn er Euch sogar heiraten will.“

Sonst würde er das wohl kaum tun, dachte Sonea. Dann rief sie sich wieder ins Gedächtnis, dass die Ehe von Balkan und Luzille arrangiert worden war. Die junge Elynerin wusste wahrscheinlich nicht, wie es war aus Liebe zu heiraten.

Plötzlich verstand Sonea, warum das Verhältnis der beiden so seltsam war. Wenn man in einem fremden Land leben musste und an jemanden gebunden war, den man allenfalls sympathisch fand, wie allein musste man sich dann fühlen, wenn dieser jemand dann auch noch kaum Zeit hatte?

Bis Takan ihnen flambierte Pachi auf einer hellen, süßen Creme servierte, sprachen sie über Soneas früheren Traum, Heilerin zu werden, um den Menschen in den Hüttenvierteln zu helfen. Zu Soneas Überraschung war Luzille aufrichtig begeistert.

„Es ist sicher eine große Erleichterung für Euch, dass König Merin das Krankenhaus bauen ließ“, sagte sie, während Takan einen Dessertteller vor ihr abstellte und sich dann beeilte, die übrigen Teller zu verteilen.

„Oh ja“, stimmte Sonea zu, irritiert als Takan das Speisezimmer verließ, als würde ihm etwas auf dem Herd anbrennen. War Luzille ihm unheimlich? Nun, wenn Balkan sich von ihr einschüchtern lässt, wie muss sie dann erst auf einen Nichtmagier wirken?, überlegte sie dann. „So kann ich mich guten Gewissens meiner … neuen Aufgabe widmen.“

„Wisst Ihr“, begann die andere Frau, „ich überlege manchmal, dort auszuhelfen. Ehrenamtlich versteht sich. Ich kann zwar nicht heilen, aber dort werden auch Leute gebraucht, die sich um die Kranken kümmern, sie waschen, ihnen Essen bringen, ihre Verbände wechseln und dergleichen. Dann hätte ich wenigstens eine sinnvolle Aufgabe.“

„Dann tut das doch“, sagte Sonea. Luzilles Gesichtsausdruck nach zu urteilen, ging es dabei um mehr als einen bloßen Zeitvertreib. Sonea würde alles darum geben, in ihrer Freizeit im Krankenhaus auszuhelfen oder wenn ein Teil ihres Unterrichts dort stattfand. Doch Akkarin erlaubte es nicht, weil ihre Forschung Vorrang hatte und ihre Noten in Strategie zu schlecht waren.

„Jeder Gang in die Stadt kostet Zeit“, hatte er ihr gesagt, als sie dieses Thema vor einigen Tagen beim Abendessen angesprochen hatte. „Spätestens zu Beginn des nächsten Halbjahres wirst du genügend Kenntnisse über das Experimentieren mit schwarzer Magie besitzen, dass du mir dabei eine ernsthafte Hilfe sein kannst. Je nachdem, wie sich die Lage mit Sachaka entwickelt, werde ich mir vielleicht sogar vorbehalten müssen, deine Stunden in Heilkunst auch im nächsten Halbjahr beim Grundkurs zu belassen.“

Sonea verstand seine Argumente, weswegen sie sich ausnahmsweise nicht gegen ihn aufgelehnt hatte. Er hatte ihr sein Wort gegeben, alles zu tun, damit sie spätestens nach ihrem Abschluss dem unsinnigen Ausgehverbot zum Trotz im Krankenhaus aushelfen durfte. Was allerdings voraussetzte, dass es bis dahin nicht zum Krieg mit Sachaka gekommen war, und sie noch lebten.

„Mein brummiger Bovar findet, es schickt sich nicht für die Frau des Hohen Lords, eine Arbeit zu verrichten, die Menschen aus der einfachen Bevölkerung zusteht“, riss Luzille sie munter plaudernd aus ihren Gedanken. „Er findet, das stellt mich auf die gleiche Stufe wie Diener oder einfache Arbeiter.“

Sie stieß einen frustrierten Seufzer aus und senkte ihre Stimme. „Es war leichter mit ihm, als er noch das Oberhaupt der Krieger war. Versteht mich nicht falsch, Sonea. Zuerst habe ich mich wirklich sehr für ihn gefreut. Aber schon sehr bald merkte ich, dass es uns nicht guttut. Das einzig Gute an seiner neuen Arbeit sind die Feste bei Hofe, wenn auch die Frauen aus den kyralischen Häusern so entsetzlich langweilig sind. Die Einzige, mit der ich mich unterhalten kann, ist Elisade von Yaden. Sie ist auch Elynerin.“

Sonea erinnerte sich noch lebhaft an die Frau, die bei dem Bankett im Palast unfreiwilligerweise ihren Abend gerettet hatte. Flüchtig fragte sie sich, ob Luzille sich heimlich auch mit anderen Männern vergnügte. Doch dann verwarf sie diesen Gedanken wieder. Auch wenn sie nicht sagen konnte, ob Luzille ihren Mann wirklich liebte, so schien sie doch völlig auf ihn fixiert.

„Ich beneide Euch, weil Akkarin nicht mehr Hoher Lord ist“, fuhr die junge Elynerin fröhlich fort. „Denn andernfalls würde er kaum Zeit für Euch haben. Ihr könnt Euch wirklich glücklich schätzen.“

Das bezweifelte Sonea insgeheim. Auch jetzt hatte Akkarin sehr viel zu tun. Sie selbst hatte meist noch weniger freie Zeit als er, weil ihr Studium immer anspruchsvoller wurde. Aber sie kannte es auch nicht anders. Sie konnte nicht sagen, wie es gewesen wäre, hätte sie früher nicht versucht, ihm möglichst aus dem Weg zu gehen, oder wie sie über ihre Beziehung denken würde, hätte sie mehr Freizeit.

„Ich denke, es würde Euch in der Stadtbevölkerung sehr viel Respekt und Ansehen einbringen, wenn Ihr Euch im Krankenhaus engagieren würdet“, lenkte Sonea ihr Gespräch auf das eigentliche Thema zurück. „Besonders die Armen denken, die Leute aus den Häusern und vor allem die Magier hätten kein Interesse an ihrem Wohl. Das macht Euer Vorhaben umso wertvoller.“

Sonea hoffte, sie würde Luzille damit nicht gegen ihren Mann aufhetzen. Sie fand, Balkan mangelte es wie so vielen anderen Magiern an Verständnis für die Bedürfnisse der Hüttenleute. Es war seltsam, dass die junge Elynerin sich bei diesem Thema etwas von ihrem Mann sagen ließ, wenn sie ansonsten keine Gelegenheit ausließ, ihn herumzukommandieren. Sie muss fürchten, von den Häusern nicht akzeptiert zu werden, erkannte Sonea. Sicher ist sie von unseren konservativem Gesellschaftsregeln verunsichert und möchte sich nicht blamieren.

„Danke“, erwiderte Luzille und legte ihre Hand auf die Soneas. „Ihr seid wirklich ein ganz besonderer Mensch.“

Soneas Wangen wurden heiß. Sie war nicht darauf vorbereitet gewesen, von einer wildfremden Frau wie deren beste Freundin behandelt zu werden. Sie wusste nicht, ob sie Luzilles Gesten erwidern sollte. Ihr Gefühl sagte ihr jedoch, dass es dafür zu früh war.

„Sonea, beantwortet mir eine Frage“, sagte Luzille. „Wie sieht eigentlich Euer Brautkleid aus?“

„Ich …“, stammelte Sonea, „ … ich habe noch keines.“

Die Augen der anderen Frau weiteten sich. „Noch nicht?“, entfuhr es ihr. „Süße, Ihr werdet im Frühjahr heiraten! Das wird jetzt aber wirklich Zeit!“

Sonea blinzelte verstört. Sie hatte geglaubt, es würde genügen, wenn sie Takan eine Woche vorher in die Stadt schickte, um ihr ein schönes Kleid zu besorgen.

„Oder wollt Ihr in Euren schwarzen Roben heiraten?“

„Eigentlich nicht“, antwortete Sonea zögernd.

„Was ein Kleid angeht, so kann ich Euch helfen“, fuhr Luzille aufgeregt fort. „Ich habe einen wirklich guten Schneider. Er kann Euch in eine wahrhaftige Prinzessin verwandeln.“ Sie deutete auf ihr Gewand. „Er hat mir dieses Kleid hier auf den Leib geschneidert. Wenn Ihr morgen noch nichts vorhabt, dann kann ich Euch zu ihm bringen.“

„Oh, ich glaube nicht, dass mir die höheren Magier erlauben, dafür in die Stadt zu gehen“, wehrte Sonea ab. Sie betrachtete das hellblaue Kleid mit dem großzügig geschnittenen Dekolleté. Es war ein einziger Traum. Der Rock und die kurzen Ärmel waren mit Rüschen verziert. Die Farbe des feinen Stoffes passte hervorragend zu Luzilles Augen.

„Trotzdem vielen Dank für Euer Angebot.“

Luzille lächelte. „Ich bin sicher, auch da kann ich Euch helfen“, plapperte sie weiter und schenkte Sonea ein zuversichtliches Lächeln. „Schließlich bin ich mit dem höchsten von ihnen verheiratet.“ Sie streckte eine Hand aus und berührte Balkans Arm. „Liebster, Sonea und ich müssen unbedingt in die Stadt zu meinem Schneider. Erlaubst du ihr, dafür die Gilde zu verlassen?“

Balkan runzelte die Stirn. „Wieso musst du Sonea zu deinem Schneider mitnehmen?“, fragte er.

„Weil sie ein Brautkleid braucht“, erklärte Luzille wie selbstverständlich. „Sie heiratet bald.“

„Kann dein Schneider dafür nicht in die Gilde kommen?“

„Schon, aber verbunden mit einem Stadtbummel macht es viel mehr Spaß. Sie braucht schließlich auch noch Schmuck und Schuhe. Wir könnten einen richtigen Frauentag daraus machen.“ Ihre Stimme nahm einen bettelnden Unterton an. „Bitte mein kleiner, brummiger Bovar, sag ja.“

Balkans Gesicht verfinsterte sich kaum merklich. „Das kann ich nicht allein entscheiden“, sagte er. „Es tut mir leid.“

Luzille machte einen Schmollmund und wandte sich ab. „Ich werde ihn bearbeiten“, versprach sie Sonea. „Es wäre wirklich schön, wenn wir einmal zusammen einkaufen gehen könnten. Alleine ist es nur halb so lustig.“

„Das ist schon in Ordnung“, sagte Sonea. Noch nie war sie so dankbar für das Ausgehverbot gewesen, wie in diesem Augenblick. „Euer Schneider kann auch hierher kommen. Das ist wahrscheinlich für alle Beteiligten am einfachsten.“ Hoffentlich sieht Luzille das ein, dachte sie flehentlich. Abgesehen von ihrem Unwillen, einen „Stadtbummel“ zu machen, würde ihr das die Peinlichkeit ersparen, dass bei der nächsten Gildenversammlung darüber abgestimmt wurde, ob sie in die Stadt durfte, um ein Hochzeitskleid zu kaufen. Zudem ahnte Sonea, es würde nicht bei einem Besuch bei diesem Schneider bleiben.

„Trotzdem finde ich nicht gut, dass mein Mann Euch und Lord Akkarin in der Universität gefangen hält. Ihr seid keine Verbrecher.“

„Das sehen viele anders“, murmelte Sonea.

„Dann liegen sie falsch.“ Luzille leerte ihr Weinglas und schob es zur Seite. „Habt Ihr denn wenigstens schon Brautmädchen?“

Brautmädchen?, dachte Sonea. Was ist denn das schon wieder?

„Bis jetzt nicht“, antwortete sie, hoffend ihre Antwort würde die andere Frau zufriedenstellen. Sie wollte sich nicht mehr als nötig blamieren, indem sie zugab, dass sie nicht wusste, wozu Brautmädchen gut waren.

„Aber die braucht Ihr unbedingt!“, beharrte Luzille. „Jede Braut hat welche.“

„Ich werde darüber nachdenken“, versprach Sonea.

Luzille hob ihre goldblonden Augenbrauen. „Wenn Ihr nicht wisst, wen Ihr fragen sollt, dann springe ich auch gerne ein“, bot sie an. „Ich habe das schon für all meine Freundinnen in Elyne gemacht.“

„Oh, ich habe eine Freundin, die ich fragen könnte“, wehrte Sonea ab.

Den Rest des Abends verbrachte Luzille damit Überlegungen anzustellen, in welcher Art von Kleid Sonea wohl am hübschesten aussehen würde und wie sie ihre Haare an jenem Tag tragen sollte. Dann begann sie nach der Anzahl der geladenen Gäste zu fragen, wo die Feier stattfinden sollte und überlegte, welches Menü sich am besten eignen würde. Sie machte sogar Vorschläge für Blumen und Tischdekoration. Sonea entschied, sie reden zu lassen und nickte allenthalben zustimmend, während sie sich zugleich fragte, wie wichtig all diese Dinge überhaupt waren, um Akkarin ihre ewige Liebe zu schwören.

„Also, dass Ihr beide Euch noch keine Gedanken darüber gemacht habt, finde ich wirklich seltsam“, sagte Luzille schließlich. „Eine Hochzeit benötigt sehr viel Planung und Vorbereitung.“

Sonea verstand nicht, wieso es viel Planung und Vorbereitung bedurfte, um Gäste einzuladen, diese je nach ihrer Anzahl in der Arran-Residenz oder den Sieben Bögen unterzubringen und einige Diener zu beauftragen, ein Festmahl zu kochen. Ob das dasselbe war wie mit dem Kleid?

„Ich würde Euch fragen, ob wir unser Gespräch im Abendsaal fortsetzen wollen, doch ich fürchte, ich sollte mich jetzt noch ein wenig meiner Frau widmen“, sagte Balkan, als sie sich eine qualvolle Stunde später in der Empfangshalle voneinander verabschiedeten.

Luzille sah zu ihrem Mann auf. Ihre blaue Augen funkelten. „Das wäre begrüßenswert.“

„Das verstehe ich, Balkan“, sagte Akkarin. „Wir können unsere Unterhaltung gerne bei Gelegenheit fortführen. Doch so können Sonea und ich den restlichen Abend für unser Projekt nutzen.“

Der Hohe Lord nickte. „Dann wünsche ich Euch viel Erfolg damit. Und natürlich eine geruhsame Nacht.“

„Danke“, erwiderte Akkarin. „Euch und Luzille auch eine geruhsame Nacht.“

Luzille trat vor und küsste Sonea auf beide Wangen, so wie sie es bei ihrer Ankunft getan hatte. „Gute Nacht, meine Liebe“, sagte sie. „Es war mir eine Freude, Euch kennenzulernen.“

„Mir ebenfalls“, zwang Sonea sich zu sagen.

„Ich schicke Euch eine Nachricht, wenn ich mit meinem Schneider gesprochen habe“, versprach Luzille. Dann wandte sie sich zu Akkarin, um sich auf die gleiche Weise von ihm zu verabschieden. „Wir sollten diesen Abend unbedingt wiederholen“, sagte sie. „Beim nächsten Mal kommt doch einfach zu uns.“

„Das ist sehr freundlich von Euch, Luzille“, sagte Akkarin mit einem Blick zu ihrem Mann. „Sonea und ich werden Euer Angebot in Erwägung ziehen.“

Balkan machte ein Gesicht, als fühle er sich übergangen. „Ich denke, es spricht nichts dagegen, wenn meine Frau und ich uns für dieses Essen revanchieren.“ Er bot Luzille seinen Arm. „Gute Nacht Euch beiden.“

Mit Luzille an seinem Arm wandte er sich zum Ausgang. Als die Türen aufschwangen und ein eisiger Luftzug in die Empfangshalle wehte, quiekte Luzille auf. Dann flimmerte die Luft um sie und Balkan und sie stieß einen seligen Seufzer aus.

„Was denkst du?“, fragte Akkarin, nachdem sie wieder allein waren und Sonea hörbar die Luft ausstieß.

„Das war ziemlich wild“, antwortete sie. Sie schüttelte den Kopf. „Kleiner, brummiger Bovar …?“

„Sonea“, ermahnte er sie streng.

„Ich bitte um Verzeihung, Lord Akkarin.“ Sie sah zu ihm auf und grinste. „Aber du weißt, was ich meine.“

„Du wirst dich daran gewöhnen, Gäste zu unterhalten“, versprach er. „Dieses Abendessen war wichtig für unser Image in der Gilde. Für dein erstes formales Dinner als Gastgeberin hast du dich sogar ziemlich gut geschlagen.“

Sie starrte ihn überrascht an. „Das heißt, ich habe uns nicht blamiert?“ Die meiste Zeit hatte sie Luzille reden lassen und versucht auf ihre zahlreichen Fragen keine allzu dummen Antworten zu geben.

„Nein, das hast du nicht.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Was hältst du von Luzille? Willst du sie wirklich auf die Sachakaner loslassen?“

Sonea starrte ihn an. „Das hast du gehört?“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Es war schwierig, es zu überhören.“

Sie grinste.

„Du hattest recht“, sagte sie. „Sie ist ein Biest. Aber darunter scheint sie ein gutes Herz zu haben. Ich glaube, sie ist hier nicht sehr glücklich. Es fällt ihr schwer, sich an die kyralischen Sitten anzupassen.“ In dieser Hinsicht erging es Luzille wie Sonea während ihrer ersten Monate in der Gilde. Sonea konnte sie dafür nicht verurteilen. „Und ich glaube, Balkan hat dafür kein Verständnis. Deswegen ist sie so schrecklich. Wenn ich nur irgendwie …“

„Sonea, denk nicht einmal daran.“

Sie öffnete protestierend den Mund. „Aber …“, begann sie.

„Würdest du wollen, dass jemand anderes sich in unsere Beziehung einmischt?“

Sie schüttelte den Kopf. „Auf keinen Fall!“

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. „Für Balkan ist es sicher nicht leicht, eine so … lebhafte Frau zu haben“, sagte er dann. „Er ist sehr konservativ.“

„Wenn er so konservativ ist, warum hat er sie dann geheiratet?“

Akkarin seufzte. „Wenn man in den Häusern aufwächst, kann man sich das nicht immer aussuchen. Der älteste Sohn einer Familie muss eine Ehe eingehen, mit der die Blutlinie gesichert bleibt. Das ist so, weil er das Familienerbe antritt. Die jüngeren Söhne haben zuweilen mehr Freiheiten, doch das hängt von ihrer Familie ab. Auch sie dürfen durch die Wahl ihrer Frau keine Schande über ihre Familie und ihr Haus bringen. Für die Töchter gilt dasselbe.

„Balkans Eltern wollten ihn mit einer Frau aus Elyne verheiraten, weil seine Familie enge geschäftliche Verbindungen dorthin pflegt. Verglichen mit den anderen Kandidatinnen, war Luzille eine gute Wahl, weswegen er nicht von seinem Recht Gebrauch gemacht hat, die Verbindung abzulehnen.“ Akkarin lachte leise. „Sein Einverständnis war rein strategischer Natur.“

Seine Worte beunruhigten Sonea. Sie war nicht sicher, ob sie dieses Thema vertiefen wollte, aber sie musste es wissen.

„Wenn du mich heiratest, wirst du Schande über deine Familie bringen, nicht wahr?“

Akkarin strich über ihre Wange. „Ich habe bereits so viel Schande über meine Familie gebracht, dass unsere Verbindung dagegen bedeutungslos wird“, sagte er und bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Das wird nichts an meiner Entscheidung ändern.“

Sonea lächelte tief bewegt und schlang ihre Arme um ihn. Akkarin zog sie zu sich und hielt sie fest.

„Wir sollten jetzt mit der Arbeit beginnen“, sagte er nach einer Weile. „Da ist noch etwas, das ich versuchen möchte. Dann können wir uns morgen wirklich freinehmen.“

Sonea nickte, froh, sich endlich wieder den wichtigen Dingen des Lebens zuwenden zu können. Nach dem Dinner mit Balkan und Luzille erschien ihr die Aussicht auf das Experimentieren mit schwarzer Magie wie eine angenehme Zerstreuung. Und sie fand, sie hatten an diesem Abend schon zu viel Zeit verloren. Es war als würden sie mit ihrer Forschung auf der Stelle treten und je mehr Wochen verstrichen, desto unruhiger wurde sie. Akkarin hatte ihr oft gesagt, sie müsse Geduld haben. Mit ihrem wenigen Wissen war die Erschaffung von Speichersteinen eine wahrhaftige Herausforderung. Doch da Akkarin seine früheren Experimente dazu ausführlich dokumentiert hatte, hatten sie zumindest einige Ideen wie man Speichersteine nicht herstellte.

„Aber vorher muss ich noch etwas essen“, sagte Sonea.

Akkarin runzelte die Stirn. „Du hast doch gerade gegessen.“

„Aber nicht viel.“ Sie verzog das Gesicht. „Luzille isst wie ein Vögelchen.“

Akkarin nahm ihre Hand. „Nun, dann werde ich Takan bitten, dir ein paar Reste nach unten zu bringen“, sagte er erheitert.

„Glaubst du, ich brauche Brautmädchen?“, fragte Sonea, während sie in den Keller hinabstiegen.

Er hob die Schultern. „Das musst du deine Freundin fragen. Wenn es nach mir ginge, bräuchtest du nicht einmal ein Kleid.“

„Vor ein paar Monaten hast du noch gesagt, ein Brautkleid würde mir gut stehen“, erinnerte Sonea. Sie fühlte sich verletzt, weil es ihn nicht zu kümmern schien, und fand sich zugleich albern, weil sie sich wegen solcher Nichtigkeiten grämte. Das ist alles nur Luzilles Schuld, sagte sie sich. Sie hat mich mit all diesen Ideen von Kleidern und Tischdekorationen angesteckt.

Akkarin hielt inne und wandte sich ihr zu. „Dieser Meinung bin ich auch jetzt noch“, sagte er. „Doch ich würde dich auch heiraten, würdest du nur einen alten Sack tragen.“

Sonea lachte. „Aber du kannst mir nicht erzählen, dass du noch nie bei einer Hochzeit warst!“

„Nein, denn das käme einer Lüge gleich. Wie ich bereits sagte, solche Dinge besprichst du besser mit Trassia.“


***


„Etwa zwei Meilen vor uns sind Leute.“

Dannyl schreckte aus dem Halbschlaf, in den er gefallen war, nachdem Kito ihn wieder abgelöst hatte. Dem Stand der Sonne nach zu urteilen, musste es später Vormittag sein. Die Luft zwischen den Felsen war kalt, wenn auch nicht mehr so eisig, wie während der Nacht. Das Gelände war deutlich flacher als noch am Tag zuvor. Bis zum Abend konnten sie das sachakanische Flachland erreichen.

„Was für Leute?“, fragte er und streckte seine steifen Glieder.

„Das ist schwer zu sagen“, antwortete der Vindo. „Sie sind allenthalben von Felsen verdeckt. Aber wir kommen allmählich näher.“

Dannyl kletterte auf den Sitz neben Kito und ließ seine Augen den Verlauf der Straße entlangwandern. „Wo habt Ihr sie zuletzt gesehen?“

„Dort.“ Kito deutete auf eine Stelle links unterhalb von ihnen.

Seine Augen mit einer Hand vor den gleißenden Strahlen der Sonne abgeschirmt, folgte Dannyls Blick der Richtung, in die der Auslandsadministrator wies. Dann blickte er weiter hinab ins Tal bis dahin, wo das nächste Stück Straße zu sehen war.

Nach einer Weile erschienen dort mehrere Karren mit bunt gekleideten Gestalten. Manche von ihnen saßen darauf, andere gingen nebenher. Von welchem Volk die Menschen waren, konnte Dannyl auf die Entfernung nicht erkennen. Aber er sah auf einen Blick, dass ein Zusammentreffen unvermeidlich sein würde.

„Ihre Karren werden von Gorin gezogen“, beobachtete er. „Deswegen sind sie langsamer als wir. Wir werden sie bald eingeholt haben. Bis dahin sollten wir uns überlegen, was wir tun, wenn wir auf sie treffen.“

Ihr Karren trug das Symbol des Porreni-Weinguts sowie das der Winzergilde von Elyne. Das sollte jedem Fremden auf den ersten Blick bestätigen, dass sie tatsächlich das waren, wofür sie sich ausgaben. Sie hatten sogar eine gute Erklärung, warum sie keine Elyner waren.

Kito nickte langsam. „Egal, wer sie sind, wir sollten auf jeden Fall bei unserer Geschichte bleiben“, murmelte er. „Sie müssen davon überzeugt sein, dass wir wirklich Weinhändler sind.“

„Ich kann ein sehr guter Schauspieler sein“, versicherte Dannyl. „Ihr habt doch sicher gehört, wie ich mit den Dieben von Imardins Unterwelt verhandelt habe.“

„Ah, selbstverständlich!“, rief Kito. „Ich habe Eure Akte vor Beginn dieser Mission eingehend studiert.“

Dannyl lächelte schief. „Und trotzdem seid Ihr freiwillig mit mir unterwegs?“

„Vielmehr genau deswegen. Eure für die Gilde erzielten Erfolge haben mich beeindruckt.“

Dannyl runzelte die Stirn. Hätte er Kito inzwischen nicht besser gekannt, hätte er sich gefragt, ob das gerade ein Versuch gewesen war, mit ihm zu flirten.

„Ihr seid nicht so steif und ernst wie die meisten Eurer Landsleute“, fügte er dann zu Dannyls Erleichterung hinzu. „Ich empfinde Eure Gesellschaft als angenehm. Ganz besonders auf einer Reise wie dieser.“

„Danke“, murmelte Dannyl.

Während der Abstand zu der Reisegruppe vor ihnen allmählich kleiner wurde, spielte Dannyl mögliche Szenarien in seinem Kopf durch. Es gefiel ihm nicht, mit anderen Reisenden in Kontakt zu treten. Jede Begegnung konnte ihre Mission gefährden. Aber spätestens, wenn sie die Ebene erreichten, würde die Gruppe vor ihnen sie bemerken.

„Ich denke, es ist das Beste, wenn wir ihnen freundlich und offen gegenübertreten“, sagte er schließlich. „Wir sollten so tun, als würden wir uns freuen, ihnen zu begegnen und vielleicht ein paar Neuigkeiten austauschen. Wenn wir das nicht tun, erregen wir wahrscheinlich erst recht ihr Misstrauen.“

„Das ist gut möglich“, stimmte Kito zu. „Lasst es uns versuchen.“

Die nächste halbe Stunde schlich mit quälender Langsamkeit dahin. Die Nervosität in Dannyl wuchs. Es sind bestimmt keine Sachakaner, redete er sich wieder und wieder ein. Für einen kurzen Augenblick überlegte er, Akkarin zu informieren, doch der schwarze Magier hatte sich in seinem Schreiben deutlich ausgedrückt.

Benutzt dieses Blutjuwel, um die Informationen, die Ihr bekommen habt, an die Gilde zu übermitteln, wenn Euch keine andere Möglichkeit mehr bleibt, hatte der ehemalige Hohe Lord geschrieben. Hätte er regelmäßige Berichte erwartet, so hätte sich der schwarze Magier anders ausgedrückt, und Dannyl wollte ihn nicht mit einer solchen Kleinigkeit behelligen. Akkarin war zu weit weg, um ihm und Kito zur Hilfe zu eilen, sollten sie in Schwierigkeiten geraten.

Schließlich bogen sie um eine Kurve und fanden sich nur noch wenige hundert Schritt von der fremden Reisegruppe entfernt.

Kito ließ seinen Blick über die Gruppe schweifen. „Es sind Elyner unter ihnen“, sagte er. „Und es sind Händler.“

Eine Woge der Erleichterung brach über Dannyl herein. Ein Lächeln aufsetzend hob er die Hand und winkte.

„Hallo!“, rief er so laut es ihm ohne magisch verstärkte Stimme möglich war. „Hallo!“

Ein paar Männer wandten sich um. Irgendjemand rief ein Kommando, woraufhin die Wagen stoppten.

Wenig später brachte Kito ihren Karren vor der fremden Gruppe zum Stehen. Mittlerweile waren die Händler von ihren Karren geklettert waren und hatten sich vor ihnen aufgebaut. In den Gesichtern der Fremden spiegelten sich Neugier und Wachsamkeit.

„Wer seid Ihr?“, fragte ein rothaariger Mann und kam auf sie zu.

„Wir sind Weinhändler“, antwortete Dannyl. „Ich bin Curran und das ist mein Partner Keno.“ Während Dannyl den Namen seines Lieblingshelden aus den Abenteuerromanen, die er als Junge verschlungen hatte, als Tarnung gewählt hatte, hatte Kito den Namen seines jüngsten Sohnes entschieden. Etwas Besseres war ihnen beiden nicht eingefallen. Doch für die Sachakaner würde es reichen.

„Ihr seid keine Elyner“, sagte der andere Mann mit schmalen Augen. „Wie kommt es, dass Ihr das Zeichen der elynischen Winzergilde auf Eurem Wagen habt? Und das …“, er trat ein paar Schritte nach rechts um einen besseren Blick auf die Seite des Karrens zu haben, „von Porreni?“

„Wir sind gerade dabei, unser Geschäft auszuweiten“, antwortete Dannyl. „Bis vor kurzem haben wir nur Wein von Winzern aus Kyralia und Vin vertrieben. Das Porreni-Weingut ist einer unserer ersten Kunden in Elyne. Wir wollen ihren Wein in Arvice verkaufen, weil Mayrie von Porreni neue Märkte erschließen will.“

Der rothaarige Mann lachte. „Dann seid Ihr entweder ausgesprochen mutig oder einfach nur töricht!“, rief er.

„Wer nichts wagt, der nichts gewinnt“, erwiderte Dannyl glatt. „Das solltet Ihr doch am besten wissen, Kollege.“

„Ihr seid ein Mann nach meinem Geschmack“, erklärte der Rothaarige. „Kommt und reist mit uns. Das ist sicherer, als wenn Ihr alleine weiterzieht. Die Ichani greifen große Händlerkarawanen nur selten an. Und falls sie es doch tun, so lassen sie uns meist für etwas Wegzoll in Form unserer Ware weiterziehen.“

„Was ist Euer Ziel?“, fragte Dannyl. „Wollt Ihr ebenfalls nach Arvice?“

Der andere Mann nickte. „Allerdings halten wir unterwegs an Siedlungen, um dort unsere Sachen zu verkaufen.“

„Wie lange werdet Ihr nach Arvice unterwegs sein?“

„Etwa drei bis vier Wochen. Das hängt davon ab, wie gut es in den Siedlungen läuft. Und das ist jedes Mal anders.“

Dannyl und Kito tauschten einen Blick.

„Wir würden fast doppelt so lange brauchen, wenn wir uns ihnen anschließen, als wenn wir alleine weiterziehen“, murmelte Dannyl dem Vindo zu.

„Aber wir haben eine größere Chance, lebend dort anzukommen“, wandte Kito ein. „Das wäre mir die Verzögerung wert.“

Dannyl runzelte die Stirn. „Ich stimme Euch zu“, sagte er. „Auch wenn es mir nicht gefällt, dass wir dadurch Zeit verlieren.“

„Unsere Erfolgschancen sind gering, egal wann wir in Arvice eintreffen“, erinnerte Kito.

Dannyl seufzte. „Ich weiß.“ Es drängte ihn danach, so wenig Zeit wie möglich in diesem Land zu verbringen. Die Händler schienen ihnen ihre Geschichte abzukaufen. Sollten sie dennoch die Wahrheit über Dannyl und Kito erfuhren, dann war dies ein geringeres Übel, als wenn sie von den Ichani überfallen wurden.

Er wandte sich dem rothaarigen Elyner zu. „Wir schließen uns Euch an“, sagte er. „Habt vielmals Dank für Eure Einladung.“

„Dann seid willkommen in unsere Karawane“, sagte der Rothaarige. „Ich bin Jorend. Und das sind Rodane, Arlend, Marcone und Santerne.“ Er wies nacheinander auf die Männer, die hinter ihm standen. „Den Rest der Truppe werdet Ihr auch bald kennenlernen.“


***


In der letzten Nacht war erneut Schnee gefallen, der den Waldweg fast zwei Fuß hoch bedeckte. Ein grauer, wolkenverhangener Himmel verhieß weiteren Schnee für diesen Tag. Obwohl es um die Mittagszeit war, herrschte unter den Bäumen Dämmerlicht.

„Wo gehen wir hin?“, wollte Sonea wissen. Sie bezweifelte, dass Akkarin bei diesem ungemütlichen Wetter einen Spaziergang mit ihr machen wollte. Wie sollte ihr das helfen, zu entspannen und sich für eine Weile von ihrem Studium abzulenken? Jetzt zuhause zu sein und zu lernen oder mit ihm im Keller zu experimentieren, erschien ihr weitaus angenehmer. Dabei hatten sie genau das bis spät in die Nacht hinein getan. Wieder einmal ohne Erfolg.

„Das wirst du dann sehen.“ Akkarin hatte sich ein Bündel aus Sackleinen über die Schulter gehangen. Sonea fragte sich, was sich wohl dort drin befinden mochte. Er hatte doch wohl nicht etwa vor, mit ihr im Schnee ein Picknick zu machen? So einfallslos konnte er unmöglich sein. Zudem scheiterte sie an der Vorstellung, ausgerechnet mit Akkarin ein Picknick zu machen.

„Und wozu diese Mäntel?“, fragte sie weiter. „Planst du etwas, wozu wir uns aus der Gilde schleichen müssen?“ Das würde sie mit Sicherheit von ihren bevorstehenden Prüfungen ablenken, doch es würde auch gefährlich sein. Wenn jemand sie erwischte, würde es vielleicht keine Prüfungen mehr geben.

„Zu riskant. Auch wenn der Gedanke einiges für sich hat.“

Sonea sah in die kahlen Baumwipfel und verdrehte die Augen. „Oh, warum muss ich dir immer alles aus der Nase ziehen?“

„Weil ich nur das preisgebe, was notwendig ist, und weil das einer der Gründe ist, warum du mich liebst“, gab er zurück.

Sonea lachte wider Willen. Er versuchte, sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, aber so leicht ließ sie sich nicht zufriedenstellen. „Aber wozu brauchen wir Mäntel, wenn wir nicht in die Stadt gehen?“

„Weil wir bei dem, was ich vorhabe, keinen Wärmeschild verwenden sollten.“

Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Und was soll das sein?“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Sonea, wenn ich dir das verrate, würde ich damit den Überraschungseffekt zerstören. Hab noch ein wenig Geduld, wir sind bald da.“

Während sie weitergingen, betrachtete Sonea ihre Umgebung neugierig. In diesem Teil des Universitätsgeländes war sie noch nie gewesen. Ihrem Orientierungssinn zufolge mussten sie irgendwo im nördlichen Teil sein, nicht weit von den Quartieren der Diener. Aber was wollte Akkarin dort? Das alles ergab keinen Sinn.

Nach einigen Minuten teilte sich der Wald vor ihnen und gab den Blick auf eine Lichtung frei, in deren Mitte sich ein kleiner See befand. Durch die wochenlange Kälte hatte sich eine Eisschicht auf der Wasseroberfläche gebildet, die nun von Schnee bedeckt war.

„Wir sind da“, erklärte Akkarin und steuerte auf den See zu. Neben einem großen Felsblock am Ufer blieb er stehen. „Es friert seit drei Wochen, das Eis sollte dick genug sein, um unser Gewicht zu tragen.“

Sonea starrte ihn ungläubig an. „Du willst da drauf?“

„Ja“, antwortete er ruhig. Er ließ das Bündel zu Boden gleiten. „Sag bloß, du warst noch nie Eislaufen.“

Sonea zog es vor, nicht darauf zu antworten. Akkarin starrte einen Moment auf den See. Der Schnee wirbelte auf und sank am gegenüberliegenden Ufer zu einem Haufen zusammen.

„Als Novizen sind Lorlen und ich früher oft hierher gekommen“, erzählte er. „Im Sommer zum Baden, im Winter zum Eislaufen. Als wir älter waren, haben wir manchmal auch ein paar Mädchen mitgenommen. Der See ist ziemlich abgelegen, weswegen man hier meist ungestört ist.“

Er setzte sich auf den Felsen und öffnete das Bündel. Er zog vier lange, schmale Holzschienen, an denen Riemen aus Leder befestigt waren, daraus hervor und reichte Sonea zwei davon.

„Die musst du unter deine Stiefel binden“, erklärte er. „Sieh zu, wie ich es mache.“

Sonea bedachte ihn mit einem Blick, als hätte er den Verstand verloren. „Findest du nicht, dass das Eis auch so schon rutschig genug ist?“

„Es ist weniger gefährlich, als es scheint.“ Akkarin seufzte leise. „Sieh mich nicht so an, Sonea, ich bin sicher, es wird dir gefallen.“

Er ließ den Wärmeschild, in den er sie beide während ihrer Wanderung eingehüllt hatte, fallen. Sofort spürte Sonea, wie die beißende Kälte durch ihre Kleidung drang. Akkarin erhob sich und glitt auf das Eis. Sonea beobachtete, wie er anmutig ein paar Bahnen zog. Gibt es eigentlich auch etwas, das er nicht kann?, dachte sie unwirsch.

„Worauf wartest du?“, rief er. „Willst du erfrieren? Es ist nicht schwer, ich zeige dir, wie es geht.“ Er glitt zum Ufer zurück. Vor ihr blieb er stehen und streckte seine Hände aus.

Sonea zögerte. „Was, wenn ich stürze?“

„Ich passe auf.“

„Als schön.“ Einen resignierten Seufzer unterdrückend griff Sonea nach seinen Händen und ließ sich von ihm auf das Eis ziehen. Sie war überrascht, wie leicht sie sich mit den Holzschienen bewegte. Zu leicht für ihren Geschmack. Mit einem leisen Aufschrei stürzte sie gegen Akkarin, der sie auffing.

„Vorsichtig“, sagte er sanft. „Es ist wichtig, dass du das Gleichgewicht hältst.“ Er drehte sich, so dass er neben ihr stand, und nahm ihre Hand. „Vielleicht sollte ich dir zunächst zeigen, wie man geradeaus läuft, ohne hinzufallen“, sagte er mit einem Anflug von Erheiterung.

Während der nächsten Stunde lernte Sonea, wie man Kurven fuhr, Drehungen machte und bremste, ohne dabei auszurutschen. Bald wurde sie sicherer und es begann ihr zu gefallen. Anfangs blieb Akkarin noch in ihrer Nähe, doch Sonea stellte rasch fest, dass sie seine Hilfe nicht brauchte. Eislaufen war fast wie Schweben, nur viel schneller. Und es half tatsächlich, ihre Sorgen und Ängste für eine Weile an den Rand ihres Bewusstseins zu schieben. Nach einer Weile hatte sie sogar aufgehört, die Kälte zu spüren.

„Habe ich dir zu viel versprochen?“ Akkarin fuhr eine Kurve und kam auf sie zu.

„Nein.“ Tatsächlich hatte Sonea sich schon lange nicht mehr so amüsiert. Sie musste zugeben, sie genoss ihre seltene Zweisamkeit. In den letzten Wochen hatten sie zu wenig Zeit als Paar verbracht. Hier mit ihm zu sein, war seltsam befreiend. Sie waren frei von den Rollen, die sie Tag für Tag lebten. Frei von dem Mentor und der Novizin, frei von den Beschützern der Gilde, frei von den Erwartungen der Gesellschaft ...

Plötzlich setzte ihr Herz einen Schlag aus, als sie sah, dass Akkarin direkt auf sie zuhielt.

„Bist du verrückt?“

Sonea unternahm einen verzweifelten Versuch, ihm auszuweichen, doch der Zusammenstoß schien unvermeidlich. Er verfehlte sie nur knapp, umfasste im Vorbeifahren ihre Taille und drehte sie im Kreis. Sonea stieß einen Schrei aus und lachte dann.

„Musst du mich so erschrecken?“

„Tut mir leid“, antwortete er. „Aber dein Gesichtsausdruck war einfach zu amüsant.“

Immerhin scheint auch er sich zu amüsieren, dachte Sonea. Selbst in ihrer Gegenwart war Akkarin oft kühl und distanziert. Sie hatte sich daran gewöhnt, mochte das sogar an ihm, doch sie fand, es schadete ihm nicht, ab und an ein wenig aufzutauen.

„Hast du Lust zu tanzen?“, fragte er.

„Hier?“ Das konnte er unmöglich ernst meinen!

„Wieso nicht? Es ist nicht viel anders als wie auf festem Boden.“

Sonea war nicht wirklich überzeugt, doch ihr fiel auch kein gutes Gegenargument ein und so ließ sie Akkarin seinen Willen. Zu ihrer Überraschung war es völlig anders als die Gesellschaftstänze, die er sie für das Bankett gelehrt hatte. Es erforderte ihre ganze Konzentration, nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

„Du denkst zu viel über das nach, was du tust,“, stellte Akkarin nach einer Weile fest.

„Wenn ich es nicht tue, werde ich irgendeinen dummen Fehler machen.“

„Lass deine Gedanken einfach los, der Rest kommt von alleine.“

Sonea wollte gerade einwenden, dass sie das anders sah, als sie über ihre eigenen Füße stolperte und Akkarin mit sich riss. Der Aufprall trieb ihr Luft aus den Lungen und machte sie einen Augenblick benommen.

„Sonea, hast du dich verletzt?“

„Nein, ich denke nicht“, presste sie hervor und versuchte verzweifelt zu atmen.

Er betrachtete sie stirnrunzelnd. „Bist du sicher?“

„Ja. Es ist nur … du machst dich so schwer, dass ich keine Luft mehr bekomme.“

„Entschuldige.“ Er rollte sich herum, bis sie über ihm war. „Ist es jetzt besser?“

Sonea tat einen tiefen Atemzug. „Viel besser.“

Akkarins dunkle Augen blitzten. „Was ist das für ein Gefühl, oben zu liegen?“

Sonea lachte. „Es vermittelt das trügerische Gefühl, etwas zu sagen zu haben.“

Akkarin musterte sie einen Moment durchdringend, dann zog er ihren Kopf herab und küsste sie. Sonea legte ihre Hände auf seine Wangen, die sich verglichen mit ihren eisigen Fingern ausnahmsweise einmal warm anfühlten, und genoss den Kuss berauscht von der Erkenntnis, dass er selbst jetzt noch die Oberhand hatte.

„Du frierst“, stellte er fest. „Wir sollten uns ein wenig aufwärmen.“ Er schob sie sanft von sich und half ihr auf. Als Sonea aufstand, schwindelte sie leicht. Sie befand, eine Pause könne nicht schaden und griff nach seiner Hand, um sich von ihm zum Ufer bringen zu lassen.

Akkarin setzte sich auf den Felsen. „Hier, halt das“, sagte er und reichte ihr zwei Becher. Dann zog er eine Flasche aus seinem Beutel hervor. Er entkorkte sie und goss eine dunkle Flüssigkeit in beide Becher. Als die Flüssigkeit zu dampfen begann, schnupperte Sonea vorsichtig daran. Ein Geruch von Wein vermischt mit etwas anderem stieg in ihre Nase.

„Was ist das?“

„Würzwein.“

„Riecht gut.“ Sonea probierte einen kleinen Schluck. Der Wein war durchwärmend und schmeckte nach Gewürzen, die normalerweise für Gebäck oder süße Soßen verwendet wurden. Sonea bezweifelte, dass er kalt ebenso gut schmecken würde.

Akkarin bedeutete ihr, sich neben ihn zu setzen. „Hast du Hunger?“, fragte er. „Im Beutel sind noch ein paar Kuchen vom Frühstück.“

Sonea nickte. Tatsächlich verspürte sie nach der Bewegung in der Kälte entsetzlichen Hunger. Sie griff nach dem Beutel und fischte ein paar Kuchen heraus.

„Danke“, sagte sie und begann zu essen.

„Wofür?“

„Für das hier. Mir ist fürchterlich kalt, aber es macht wirklich Spaß. Ich wusste gar nicht, dass man sich mit dir so gut amüsieren kann.“

Akkarin hob amüsiert die Augenbrauen. „Dann kennst du mich noch nicht gut genug.“

„Du machst es den Menschen nicht gerade leicht, dich kennenzulernen“, erwiderte sie den Kopf an seine Schulter lehnend. „Selbst denen, die dir nahe stehen.“ Sie glaubte, ihn besser zu kennen, als jeder andere, Takan vielleicht ausgenommen. Manchmal glaubte Sonea, selbst Lorlen hatte ihn nie wirklich gut gekannt. Das stimmte sie traurig. Aber sie verstand, warum er so verschlossen war.

Statt einer Antwort legte Akkarin einen Arm um sie. „Stört dich das?“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein. Es macht dich interessanter. Zumindest für mich.“

Es begann zu schneien. Akkarin schenkte ihnen Würzwein nach und zog Sonea fester in seine Arme.

„Erzähl mir davon, was du und Lorlen hier früher gemacht habt“, forderte sie ihn auf. Weil sie wusste, er würde ihr sonst wieder das Interessanteste verschweigen, fügte sie hinzu: „Mit den Mädchen.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Da gibt es nicht viel zu erzählen. Wir waren Eislaufen. Und im Sommer manchmal auch Baden.“

„Wenn ihr den Unterricht geschwänzt habt.“

„Auch dann.“

„Soso“, machte Sonea. Sie glaubte ihm keinen Augenblick, dass das alles gewesen war. „Hattest du damals eine Freundin?“

„Mehrere.“

„Gleichzeitig?“

„Selbstverständlich nicht.“

„Wie viele hattest du?“

„Soll das hier ein Verhör werden, Sonea?“, fragte Akkarin amüsiert. „Warum willst du das wissen?“

„Weil das ein Teil von dir ist, über den ich fast gar nichts weiß. Ich bin neugierig.“

Er lachte. „Du bist eifersüchtig, das ist alles.“

„Warum soll ich auf etwas eifersüchtig sein, das geschehen ist, als ich noch ein kleines Kind war?“, gab sie zurück. Sie verlieh ihrer Stimme einen leicht bettelnden Unterton, so wie Luzille es am Abend zuvor bei ihrem Mann getan hatte. „Komm schon Akkarin, erzähl es mir.“

Er seufzte. „Da ich sonst keine Ruhe haben werde, bleibt mir wohl keine Wahl.“

Sonea unterdrückte ein Kichern.

„Als Lorlen und ich Novizen waren, haben wir miteinander konkurriert, um uns in unseren Fähigkeiten zu übertreffen“, begann er. „Später haben wir versucht, die Mädchen damit zu beeindrucken, was bei ihnen überraschend gut ankam. Zu Lorlens Ärger war ich damit erfolgreicher. Er hat es jedoch meistens stillschweigend ertragen, weil es nie lange gutging, wie das in dem Alter so ist. Die Mädchen waren für mich vielmehr so etwas wie Trophäen. Und dann kam Mayrte. Lorlen war so verrückt nach ihr, dass es fast das Ende unserer Freundschaft bedeutet hätte, als sie sich für mich entschied.“

Sonea lachte. „Armer Lorlen“, sagte sie.

„Er hat es verkraftet.“ Akkarin starrte hinaus auf die See. Irgendetwas schien ihn an dieser Erinnerung zu erheitern. „Wenig später hatte er bereits eine neue.“

„Wie sah sie aus?“, fragte Sonea. Zu ihrer Erleichterung schien ihr Gesprächsthema ihn nicht traurig zu stimmen. Auch wenn er nicht darüber sprach, zweifelte sie keinen Augenblick daran, dass er den Tod seines besten Freundes noch nicht verwunden hatte. „Also Mayrte.“

„Sie hatte lange, blonde Locken und blaue Augen. Aber nicht so wie Luzille.“

Also ganz anders als ich, dachte Sonea und wusste nicht, ob sie das beruhigen sollte. Wenn sich sein Geschmack seitdem zu ihren Gunsten verändert hatte, war das gut. Wenn ihm eigentlich eher Frauen wie Mayrte gefielen, dann war das eher schlecht. „Hast du sie geliebt?“

Akkarin ließ sich mit seiner Antwort Zeit. „Damals habe ich das geglaubt“, sagte er dann.

„Was ist passiert? Hat es nicht funktioniert?“

„Nach ihrem Studium kehrte sie zurück nach Elyne und ihre Eltern haben sie mit einem Mann verheiratet, den sie für sie ausgesucht hatten. Sie hat ihn nicht abgelehnt.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte Sonea mit ehrlichem Bedauern. „Hättest du sie sonst heiraten wollen?“

„Nein. Es wäre sowieso nicht gutgegangen.“

„Hm“, machte Sonea und schwieg, während der Schnee dichter zu fallen begann. Akkarins Worte hatten sie nachdenklich gestimmt. Zum ersten Mal wurde ihr bewusst, wie jung sie im Vergleich zu ihm war.

„Habe ich dir jetzt Angst gemacht?“, fragte er.

Sonea zögerte. „Ich frage mich nur, ob ich in zehn oder zwanzig Jahren immer noch glauben werde, dass ich dich jetzt liebe“, antwortete sie dann. Von ihrem jetzigen Standpunkt aus konnte sie sich nicht vorstellen, jemals mit einem anderen Mann zusammen sein zu wollen. Aber würde sie in einigen Jahren noch immer so empfinden? Von dieser Seite aus betrachtet war es vielleicht besser, wenn sie sich mit ihrer Hochzeit noch ein paar Jahre Zeit ließen. Aber sie das war unmöglich. Der König billigte ihre Beziehung nur unter der Bedingung, dass sie noch vor Abschluss ihres Studiums heirateten.

„Die Gedanken und Gefühle, die ich fast permanent von dir empfange, sagen etwas anderes“, erwiderte Akkarin sanft. „Du bist viel vernünftiger, als ich es in deinem Alter war. Und“, fügte er mit einem schiefen Lächeln hinzu, „du bist sehr viel dickköpfiger, als ich es je sein könnte.“

Ein flüchtiger Blick in deine Gedanken ist mehr als genug, um mir deiner sicher zu sein, hatte er kurz nach der Jagd auf den sachakanischen Spion zu ihr gesagt. Sonea hob den Kopf und lächelte. Jetzt begriff sie, dass er das nicht nur in Bezug auf ihre Gefühle für andere Männer gesagt hatte. Manchmal schien er sie besser zu kennen, als sie sich selbst kannte. Das war irgendwie beruhigend. Es gab ihr eine Zuversicht, an der es ihr manchmal mangelte.

„Wollen wir noch ein paar Runden laufen, bevor wir hier festfrieren und der See wieder zugeschneit ist?“, fragte Akkarin.

Sonea lächelte. „Gerne.“

Es wurde bereits dunkel, als sie völlig durchgefroren zur Arran-Residenz zurückkehrten, daran hatte auch der Wärmeschild, unter dem sie unterwegs gewesen waren, nichts ändern können. Es schneite noch immer und die Spuren, die sie auf dem Hinweg gemacht hatten, waren unter dem Neuschnee inzwischen fast vollständig begraben.

„Ah, hoffentlich hat Takan den Kamin rechtzeitig angezündet“, sagte Akkarin, während sie die Stufen zum Eingangsportal der Arran-Residenz hinauf stiegen.

Das hoffe ich auch, dachte Sonea. Sie glaubte, ihr würde nie wieder warm. Wie hatte sie früher nur die Winter in den Hüttenvierteln überstanden? Der Gedanke, ohne Magie im Winter nicht zu erfrieren, erschien ihr nach ihrem Ausflug irgendwie absurd. Trotzdem bereute sie keinen einzigen Augenblick dieses einzigartigen Nachmittags. Akkarin hatte nicht zu viel versprochen. Der freie Tag schien Wunder gewirkt zu haben. Sie glaubte, es noch nie so genossen zu haben, mit ihm zusammen zu sein. Denn es war das erste Mal gewesen, dass sie etwas gemeinsam unternommen hatten.

In der Empfangshalle eilte Takan ihnen entgegen. „Lord Balkan hat mehrmals nach Euch fragen lassen, Meister“, sagte er sich verneigend.

Akkarin seufzte. „Es heißt der Hohe Lord Balkan“, korrigierte er seinen Diener streng. „Wie oft muss ich dir das noch sagen?“

Anscheinend gar nicht oft genug, schoss es Sonea durch den Kopf. Sie ahnte, Takan weigerte sich zu akzeptieren, dass jemand anderes als sein Meister die Gilde anführte. Wenigstens hatte er Balkan am vergangenen Abend richtig adressiert.

Takan überging die Schelte seines Meisters mit einem subtilen Lächeln. „Er wünscht, Euch unverzüglich in den Alchemieräumen der Universität zu sehen“, fuhr er unbeirrt fort.

Akkarins Miene verfinsterte sich. „Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?“

„Ihr habt gesagt, dass Ihr nicht gestört werden wollt“, erinnerte Takan und seine Augen blitzten kurz zu Sonea herüber.

„Schon gut.“ Akkarin winkte ab und wandte sich zu Sonea. „Es tut mir leid“, sagte er und seine Stimme wurde ein wenig weicher. „Doch ich fürchte, dass ich das erst klären muss.“

Sonea seufzte leise. Nicht einmal ein ganzer Tag war ihnen vergönnt. „Glaubst du er denkt, dass wir uns vom Gelände geschlichen haben?“

„Ich weiß es nicht. Aber wenn er schon mehrmals nach mir gefragt hat, dann wird es wichtig sein.“ Er beugte sich zu ihr hinab, um sie zu küssen. „Geh ins Wohnzimmer und wärm dich auf. Ich werde versuchen, mich zu beeilen.“

Sei nett zu Balkan, wollte Sonea sagen, verkniff sich diese Bemerkung dann jedoch. Akkarin würde wissen, wie er am besten mit dem mürrischen Krieger fertig wurde.


***


Als die Tür des Klassenzimmers aufging, wandten Rothen und seine Kollegen ihre Köpfe zur Tür.

„Endlich“, brummte Balkan. „Wo habt Ihr Euch den ganzen Tag herumgetrieben?“

„Das ist vertraulich.“

Akkarin nickte Rothen und den anderen zu und lehnte sich dann gegen ein leeres Pult.

„Was soll das heißen?“, verlangte der Hohe Lord zu wissen. „Habt Ihr das Gelände verlassen?“

„Hoher Lord, ich kann Euch versichern, Sonea und ich haben das Universitätsgelände den ganzen Tag nicht verlassen“, erwiderte Akkarin kühl.

„Aber Ihr wart weder in der Universität noch zuhause vorzufinden“, wandte Lord Peakin vorsichtig ein.

„Das ist richtig.“

Balkan betrachtete den schwarzen Magier mit schmalen Augen. „Und wo wart Ihr dann?“

„Ah, wir waren bei einem kleinen See. In der Nähe der Dienerquartiere.“

Rothen blinzelte. Auf den Gesichtern der anderen spiegelte sich offenkundige Verwirrung wider.

„Bei dem See bei den Dienerquartieren?“, wiederholte Lord Sarrin ungläubig.

„Richtig. Wir haben Spuren im Schnee hinterlassen. Wenn Ihr Euch beeilt, werdet Ihr sie noch finden. Der Schnee fällt inzwischen ziemlich dicht.“

„Aber was habt Ihr dort gemacht?“, fragte Balkan noch immer misstrauisch.

„Ah, wir waren Eislaufen.“

Rothen unterdrückte ein Kichern. Seinen Kollegen schien es hingegen die Sprache verschlagen zu haben.

„Der Freitag ist dafür gedacht, dass die Novizen lernen“, sagte Peakin. „Hätte Euer Ausflug nicht bis nach den Winterprüfungen warten können?“ Seine Stimme wurde säuerlich, als er fortfuhr: „Lord Davins Vorhersage zufolge, soll es noch einige Wochen kalt bleiben. Ihr hättet somit noch genügend Gelegenheiten für Freizeitvergnügungen während der Winterferien.“

„Sonea ist meine Novizin, ich sehe keinen Anlass zur Rechtfertigung, wenn ich ihr einen freien Tag zugestehe“, erwiderte Akkarin kalt.

Peakin, Sarrin und der Hohe Lord wussten darauf nichts zu erwidern. Rothen ahnte jedoch, was sie dachten. Sie glaubten, Akkarin wäre nicht streng genug und würde seine Aufgabe als Mentor vernachlässigen. Rothen wusste es indes besser. Seit Akkarin und Sonea ein Paar waren, war der schwarze Magier in Bezug auf Soneas Ausbildung strenger denn je.

Doch Rothen wusste auch, Sonea war überarbeitet. Die Winterprüfungen standen kurz bevor. Sie hatte Schwierigkeiten mit einem ihrer neuen Kurse, und wenn sie nicht lernte, half sie Akkarin bei seinem Experimenten. Ihre wöchentlichen Mittagessen bei ihm nahm sie noch wahr, jedoch nur solange sie sie kurz hielten. Rothen hatte ihr bereits vorgeschlagen, die Mittagessen bis nach den Prüfungen auszusetzen. Sonea hatte das dieses Mal jedoch kategorisch abgelehnt. Er hoffte, der freie Tag habe ihr gutgetan.

Rothen musterte die Anwesenden. Zu jeder anderen alchemistischen Diskussion hätte er Krieger wie Akkarin und Balkan nicht eingeladen. Dieses Mal wollte er ihre Meinung jedoch hören.

„Da wir nun alle versammelt sind, werde ich mit der Vorstellung des Projekts beginnen, das mein Novize und ich für die Winterferien geplant haben“, begann er. „Tatsächlich haben Sonea und ihr Freund Regin uns dazu inspiriert.“

Die anderen Magier schienen erleichtert. Balkan, Peakin und dessen Vorgänger warteten bereits den halben Nachmittag auf Rothens Präsentation. Sie alle hatten an einem Freitag Besseres zu tun, als zu arbeiten. Doch je nach Verlauf dieser Versammlung würden Rothen und sein Novize möglicherweise umplanen müssen. Es war nicht mehr viel Zeit bis zu den Winterferien und nur in diesen zwei Wochen würde Farand vollständig als Rothens Assistent zur Verfügung stehen.

„Farand und ich haben zwei verschiedene Versuchsreihen geplant, in denen wir Mixturen gefährlicher Chemikalien mit unterschiedlichen Mischungsverhältnissen herstellen wollen“, teilte Rothen den anderen mit.

Eine ungeahnte Nervosität verspürend hielt er inne. Alle Augenpaare waren mit einer Mischung aus Neugier und Skepsis auf ihn gerichtet. Vor fertig ausgebildeten Magiern zu sprechen war etwas anderes als vor einer Klasse von Novizen. Während er sich daran gewöhnt hatte, bei Gildenversammlungen die Fragen der anderen Magier zu beantworten, war es dieses Mal die Reaktion auf sein geplantes Projekt, die ihn nervös machte. „Das Ziel ist es, etwas zu finden, das mächtig genug ist, einen starken Schild ohne den Aufwand von Magie zu schwächen.“

Er warf einen Blick zu Akkarin, der kaum merklich die Augenbrauen hob. „Den Schild eines schwarzen Magiers, sollte ich vielleicht hinzufügen.“

„Abgefüllt in kleine Phiolen aus dünnem Glas sollen diese Mixturen Akkarin und Sonea den Kampf gegen die Sachakaner erleichtern“, fuhr Rothen fort, während Farand eine Liste der für die beiden Versuchsreihen benötigten Chemikalien verteilte. „Sie würden aber auch dem Rest von uns von Nutzen sein, wenn wir in einen Kampf mit den Sachakanern geraten.“

„Was sehr wahrscheinlich ist“, sagte Balkan grimmig.

Während der nächsten halben Stunde erläuterte Rothen seinen Zuhörern, wie er die Mixturen seiner beiden Versuchsreihen herstellen wollte und welche Wirkung er sich davon erhoffte. Zu jeder Versuchsreihe zeichnete Farand den entsprechenden Aufbau an die Tafel.

„Eure Überlegungen sind sehr interessant“, sagte Balkan, nachdem Rothen seinen Vortrag beendet hatte.

„Ich danke Euch, Hoher Lord“, erwiderte Rothen erfreut.

„Lord Akkarin, glaubt Ihr Lord Rothens Versuche hätten das Potential den Schild eines schwarzen Magiers zu schwächen?“, wandte Balkan sich an den schwarzen Magier.

„Ja. Die Effektivität der Schwächung wird sich jedoch erst in einer Demonstration zeigen.“

„Die Wirkung der Mixturen Eurer ersten Versuchsreihe erscheinen mir sinnvoll“, begann Peakin. „So wie Feuer- oder Hitzeschläge einen Schild schwächen, würde die Explosion, die Ihr beim Auftreffen auf den Schild hervorruft, einen ähnlichen Effekt haben. Mir ist nur noch nicht ganz klar, wie die Mixturen Eurer zweiten Versuchsreihe einem Schild Energie entziehen sollen. Die Chemikalien, die Ihr verwendet, schwächen einander ab, wenn man sie mischt.“

„Nicht, wenn man sie zuvor durch Magie dazu bringt, sich zu einer neuen Substanz verbinden“, wandte Lord Sarrin ein. „Und deren Eigenschaft wäre absorbierend.“ Er blickte zu Rothen. „Ich nehme an, das habt Ihr bereits berücksichtigt?“

„Natürlich, habe ich das“, antwortete Rothen. In seiner Aufregung hatte er vergessen, dieses Detail zu erwähnen. Er fühlte sich wie ein Novize in einer wichtigen Prüfung.

„Ihr solltet die Verbindung bei niedrigen Temperaturen durchführen“, riet das ehemalige Oberhaupt der Alchemisten. „Dann werdet Ihr eine bessere Wirkung erzielen.“

Rothen lächelte. „Eine gute Idee.“

„Ist das Entziehen von Energie nicht schwarze Magie?“, warf Balkan ein.

„Nicht im alchemistischen Sinne.“ Lord Sarrins blaue Augen funkelten. „Die Bindungen zwischen den Teilchen einer jeden Substanz bestehen aus Energie. Magie hingegen ist pure Energie. Es gibt eine Vielzahl von Experimenten, in denen Magie verwendet wird, um diese Bindungen durch das Zufügen von Magie zu stärken oder sie durch das Entziehen von Magie zu schwächen. Es gibt sogar Substanzen, die ihre Bindungen ohne das Zutun eines Alchemisten mit Energie in Form von Wärme stärken.“

„Schwarze Magie wäre es nur, würde Lord Rothen die Magie, die seine Mixtur einem Schild entzieht, in sich selbst speichern“, fügte Akkarin hinzu.

Der Hohe Lord nickte mit grimmiger Miene und Rothen war erleichtert, dass die Erklärung ihn zufriedenstellte. Der Vergleich von Alchemie und schwarzer Magie war völlig absurd.

„Während meiner Zeit als Leiter der alchemistischen Studien bin ich bei meinen Experimenten auf eine Substanz mit magnetischen Eigenschaften gestoßen, welche die Schutzbarriere um meinen Versuchstisch in Vibration versetzt und damit instabil gemacht hat“, sagte Peakin. „Vielleicht wäre das auch etwas für Euch, Rothen. Ich kann den Versuchsaufbau skizzieren, wenn Ihr wollt.“

Rothens Herz machte einen Sprung. Er hatte nicht mit so viel positiver Resonanz gerechnet. Erst recht nicht von dem Alchemisten, der für seine Ablehnung gegenüber neuen Forschungsgebieten bekannt war. „Ich bitte darum.“

Lord Peakin erhob sich und trat zur Tafel. Während er den Versuchsaufbau zeichnete, erläuterte er ausführlich, was er eigentlich zu erforschen beabsichtigt hatte und wie das zu diesem Resultat geführt hatte. Anschließend überlegten er, Rothen und Sarrin, welche Möglichkeiten es gab, die Wirkung dieser Substanz zu verstärken.

Akkarin und Balkan machten hin und wieder eine Bemerkung oder stellten eine Frage. Es war jedoch offenkundig, dass die Krieger bei diesem Thema weniger mitreden konnten, wenn auch der schwarze Magier einige Kenntnisse über das Experimentieren mit gefährlichen Substanzen zu besitzen schien.

Nachdem Peakin seine Ausführungen beendet hatte, machte Lord Sarrin den Vorschlag, einen Schild mit Hilfe von Blitzentladungen zu schwächen. „Es gibt einige Substanzen, die Entladungen herbeiführen können. Diese sind jedoch schwach. Falls Euch diese Möglichkeit zusagt, werde ich bis morgen ein paar Überlegungen anstellen, wie man ihre Effektivität erhöht.“

„Das wäre wunderbar!“ Rothen war erfreut, weil er neben dem Zuspruch aller Anwesenden einige Anregungen und neue Ideen erhalten hatte. „Das heißt, sofern es keine Umstände macht.“

Sarrin neigte lächelnd den Kopf. „Als Magier im Ruhestand habe ich Zeit zu Genüge“, erwiderte er.

„Es ist besser gelaufen, als ich gedacht habe“, raunte er Farand zu, als sich die anderen Magier schließlich verabschiedeten. „Sie scheinen unser Projekt wirklich gut zu finden.“ Er ordnete seine Notizen und steckte sie zurück in seine Mappe. „Und ich finde, du hast deine Sache sehr gut gemacht.“

„Vielen Dank, Mylord“, erwiderte Farand.

„Lord Rothen“, sagte eine nur allzu vertraute, tiefe Stimme hinter ihm.

Rothen und Farand fuhren herum. Akkarin war zu ihnen getreten. „Ihr solltet wissen, dass Sonea und ich uns gerne für Tests zur Verfügung stellen, wenn Ihr Eure Versuchsreihe durchführen wollt“, sagte der schwarze Magier. Seine Mundwinkel zuckten humorlos. „Ich fürchte, ich werde ihr das nicht ausreden können, wenn sie davon erfährt.“

Wahrscheinlich nicht, dachte Rothen. Zudem war es ihre Idee gewesen. Als er zu dem Mann in den schwarzen Roben hoch sah, lächelte er unvermittelt. „Es wäre mir eine Ehre.“


***


„Du weißt nicht, was Brautmädchen sind?“ Zu Soneas Verärgerung schien ihre Freundin ihre Erheiterung nur mühsam unterdrücken zu können.

Wundervoll, dachte Sonea. Warum habe ich sie überhaupt gefragt? Verglichen mit allen anderen Frauen, die sich mit diesem Thema auskannten, war Trassia jedoch mit Abstand diejenige, bei der Sonea sich am wenigsten schämte, eine derartige Frage zu stellen.

„Woher soll ich das wissen?“, fragte sie unwirsch. „Lass mich mal nachdenken. Vielleicht, weil ich noch nie zuvor geheiratet habe?“

Trassia schien ob ihrer harschen Antwort ein wenig verstört. „Tut mir leid“, murmelte sie. „Du weißt es wirklich nicht, oder?“

„Nein.“

„Oh, und ich habe mich schon gewundert, warum du mich noch nicht gefragt hast, ob ich das tun will.“

„Also was ist nun ihre Aufgabe?“, drängte Sonea. Regins Privatunterricht bei Balkan war fast vorbei. Sie wollte ihn nicht dabei haben, wenn sie dieses Thema mit Trassia diskutierte. Zudem blieb ihr selbst nicht mehr viel Zeit bis ihre Nachhilfestunde begann.

Ihre Freundin kicherte. „Naja, sie begleiten dich zu deiner Zeremonie und stehen dir zur Seite, solltest du vor Aufregung ohnmächtig werden. Wenn dein Kleid eine lange Schleppe oder einen langen Schleier hat, tragen sie diesen. Und, oh, sie streuen Blumen.“ Trassias Augen leuchteten. „Auf jeden Fall gehören sie zu einer richtigen Hochzeit dazu.“

Sonea schnaubte verächtlich. „Ich werde ganz bestimmt nicht vor Aufregung ohnmächtig werden“, brummte sie.

Trassia runzelte die Stirn. „Warum ärgerst du dich so? Es ist wichtig, dass du deine Hochzeit planst und eigentlich solltest du dich darüber freuen.“

„Bis vorgestern wusste ich gar nicht, dass es dabei etwas zu planen gibt“, erwiderte Sonea. „Bald sind Winterprüfungen und Akkarin und ich haben dank der Sachakaner Wichtigeres zu tun, als uns über Gästelisten und Tischdekorationen Gedanken zu machen.“ Sie verstand nicht, was so aufregend daran war, eine Beziehung legalisieren zu lassen. Es ging doch nur darum, ihm ihre ewige Liebe zu schwören und endgültig und unwiderruflich ihm zu gehören, so dass nichts und niemand sie noch trennen konnte! Warum musste alles dafür bis ins kleinste Detail durchgeplant sein?

Sonea starrte aus dem Fenster in den schneebedeckten Park. Ein paar Novizen lieferten sich eine Schneeballschlacht. Irgendwie kam ihr das alles so albern und banal vor. War ihnen überhaupt bewusst, was ihnen bevorstand? Am Tag zuvor hatte sie sich, wenn auch unfreiwillig, selbst noch draußen im Schnee vergnügt. Zugegebenermaßen hatte ihr dieser freie Tag gut getan. Doch jetzt war ihre Aufmerksamkeit wieder voll und ganz auf ihr Studium und ihre und Akkarins Forschung gerichtet.

„Vielleicht sollte ich die Planung einfach Luzille überlassen“, überlegte sie. „Sie scheint Ahnung davon zu haben.“ Wahrscheinlich würde die junge Elynerin außer sich vor Freude sein, weil sie eine neue Beschäftigung gefunden hatte.

Trassias Augen weiteten sich. „Du willst dafür das Biest fragen?“

Die Novizen am Nachbartisch warfen ihnen vorwurfsvolle Blicke zu. An ihrem Schreibtisch räusperte Lady Tya sich vernehmlich.

Sonea zuckte die Schultern. „Warum nicht? Wenn es ihr Spaß macht …“

„Ich finde, sie tut bereits genug, wenn sie dir hilft, ein Kleid zu finden“, bemerkte Trassia spitz.

„Sie ist eigentlich gar nicht so schrecklich“, wandte Sonea vorsichtig ein. „Du solltest sie kennenlernen.“

„Auf keinen Fall!“

„Wieso?“

„Weil“, begann Trassia, „wenn du so viel von ihr hältst, wirst du mich ja bald nicht mehr brauchen.“

Sonea starrte sie an. „Ich halte überhaupt nicht …“ Sie hielt inne, als sie begriff, warum Trassia. „Du bist meine beste Freundin, Trassia“, sagte sie streng. „Egal was sie tut, sie wird dir deinen Platz nicht streitig machen.“

„Das will ich auch hoffen“, brummte Trassia, wirkte jedoch wieder einigermaßen besänftigt.

„Du kannst gerne dabei sein, wenn ihr Schneider wegen des Kleides kommt“, fuhr Sonea fort. Wahrscheinlich war es sogar gut, Trassias Meinung zu ihrem Brautkleid zu hören, sollte Luzille der Eifer packen. Nicht, dass Sonea einen Skandal auslöste, weil ihr Kleid im Stil der neusten Mode aus Elyne geschnitten war! Sie würde noch mehr Schande über Haus Velan bringen, als sie es auf Grund ihrer Verbindung mit Akkarin ohnehin schon tat.

„Darf ich auch dabei sein?“, fragte eine feixende Stimme hinter Sonea.

Sonea fuhr herum. „Regin!“, zischte sie. „Schleich dich nicht immer so an!“

Sie hatte ihm das unzählige Male gesagt, aber er tat es immer wieder.

Regin lachte. Seine Wangen waren gerötet und irgendwie hatte er es geschafft, Schnee in seine Haare zu bekommen, der allmählich taute. „Trassia scheint jedenfalls nichts dagegen zu haben“, bemerkte er.

Sonea sah zu ihrer Freundin, die ein Gesicht machte, als würde sie gerade wieder zu sich kommen.

„Doch das habe ich“, erklärte Trassia schwach. „Das ist Frauensache.“

„Ah, verstehe.“ Regin machte eine bedeutungsvolle Geste. „Frauensache also. Dann kann ich ja wieder gehen.“

„Stell dich nicht so an“, wies Sonea ihn zurecht. „Wir sind jetzt sowieso fertig.“

„Oh, gut“, sagte Regin und ließ sich auf den Stuhl neben Sonea fallen. „Ich muss sowieso noch meine Hausaufgaben für Alchemie machen.“ Er zog Bücher und Schreibutensilien aus seiner Tasche. Seine Haare und seine Robe begannen zu dampfen, als er sich mit Magie trocknete.

Sonea runzelte die Stirn. „Warum fängst du erst jetzt damit an? Die Mittagspause ist gleich vorbei und ich muss weg.“

„Weil …“, er zögerte. Sein Blick wanderte kurz zu Trassia und er senkte die Stimme. „Weil ich dich dazu noch etwas fragen muss.“

Sonea verdrehte die Augen. Ihr gemeinsames Lernen schien sich negativ auf Regins Selbständigkeit auszuwirken. Er verließ sich zu sehr darauf, dass sie im Unterricht alles verstand und es ihm anschließend erklären konnte.

„Nein, Regin“, sagte sie geduldig. „Bald sind Prüfungen. Bis dahin solltest du deine Fähigkeit zu denken wieder beherrschen.“

„Oh, bitte verehrteste Sonea!“, bettelte er und imitierte einen Gesichtsausdruck als würde er gleich in Tränen ausbrechen, „du bist so klug und so weise und ich bin dein bester Freund. Sei nicht so grausam!“

Sonea seufzte. „Nein“, wiederholte sie entschieden. „Bei der Prüfung werde ich dir auch nicht helfen können.“

„Nur noch dieses eine Mal.“

„Nein.“

„Sei nicht so gemein zu ihm“, sagte Trassia. „Du kannst ihn doch jetzt nicht im Stich lassen.“

„Wenn er seine Noten in Alchemie verbessern will, muss er auch selbst etwas dafür tun“, entgegnete Sonea. „Gerade für die Prüfung ist es wichtig, dass er den Stoff auch versteht. Regin kann das, wenn er nur will.“

Ihre Freundin betrachtete sie kopfschüttelnd. „Manchmal bist du ziemlich hart.“ Sie wandte sich zu Regin. „Wenn du willst, kannst du mich fragen. Ich bin in Alchemie auch ziemlich gut.“

Sonea ersparte sich die passende Erwiderung. Sie wollte deswegen nicht mit ihren Freunden streiten. Trassia war viel zu weichherzig. Nichtsdestotrotz nagte ein leises Schuldgefühl an ihr. Natürlich wollte sie, dass Regin seine Prüfungen möglichst gut absolvierte, doch ohne Eigeninitiative würde er scheitern. Sie dachte daran, wie Akkarin ihr mit Strategie half und wie sehr sie sich seitdem in diesem ungeliebten Kurs verbessert hatte. Vielleicht, wenn sie auf ähnliche Weise mit Regin lernte, würde ihm das helfen ...

„Regin, ich verspreche dir zu helfen“, sagte sie. „Aber jetzt muss ich wirklich gehen.“ Sie packte Bücher und Schreibzeug in ihre Tasche und erhob sich.

„Triffst du dich wieder mit deinem Liebsten?“

Sonea fuhr herum. „Was soll das heißen?“

„Wir wissen, dass du jeden Tag gegen Ende der Mittagspause in ein bestimmtes Klassenzimmer im Keller verschwindest“, erklärte Regin. „Wo du dich mit deinem Mentor triffst.“

Sonea erstarrte. „Seid ihr zwei mir gefolgt?“

„Nun ja, wir haben uns gewundert, warum du die Bibliothek neuerdings immer schon vor Ende der Mittagspause verlässt“, antwortete Trassia. „Und wir wissen, dass du nicht ins Heilerquartier gehst, obwohl du dort eigentlich Unterricht hättest. Wir sind neugierig geworden, weil du immer irgendeinen merkwürdigen Grund vorgeschoben hast.“

Sonea hatte befürchtet, dass ihre Freunde es irgendwann herausfinden würden. Sie hatte indes auch nicht den Mut aufgebracht, ihnen zu erzählen, warum sie sich jeden Mittag mit Akkarin traf.

„Was macht ihr dort unten im Keller?“, fragte Regin. Seine Augen leuchteten. „Doch nicht etwa … ?“

„Nein!“, fuhr Sonea ihn an. Das war wieder einmal typisch. Einen resignierten Seufzer ausstoßend schuf sie einen schalldichten Schild um sie und ihre Freunde. In wenigen Worten berichtete sie von Akkarins Reaktion auf ihre Schwierigkeiten mit Strategie und dass er ihr an den Tagen, an denen sie bis vor kurzem noch Heilkunst gehabt hatte, Nachhilfe gab.

„Er hat dir verboten, weiter Heilkunst zu nehmen?“, fragte Trassia entsetzt. „Das lässt du dir gefallen?“

„Bis auf den Grundkurs für Krieger.“ Sonea zuckte die Achseln. „Es ist besser so. Gute Noten in allen Kursen waren die Voraussetzung dafür, dass ich meine frühere Zahl von Stunden bei Lady Vinara beibehalten durfte.“

„Ich frage die anderen aus unserer Klasse, ob sie mit uns bis zu den Prüfungen lernen wollen“, bot Regin an. „Aber ich werde ihnen die Gründe nicht nennen.“

„Danke“, erwiderte Sonea tief bewegt. „Das bedeutet mir sehr viel.“

„Vorausgesetzt, du hilfst mir weiterhin mit Alchemie.“

Sonea schnaubte leise. „Nur, wenn du wieder anfängst, dein Gehirn zu benutzen.“


***


Savara nahm den dampfenden Becher entgegen. Sie schnupperte vorsichtig daran und runzelte die Stirn. „Was ist das für ein Gebräu, Ceryni? Ich dachte, du holst uns Raka.“

Obwohl Savara ihm nach ihrem Alleingang versprochen hatte, nicht mehr alleine sein Versteck zu verlassen, wenn Cery mindestens ein Mal pro Woche mit ihr für ein paar Stunden nach draußen ging, hegte er den leisen Verdacht, dass sie weiterhin heimliche Streifzüge unternahm, von denen selbst seine Leute nichts mitbekamen. Sie war keine Frau, die sich lange festhalten ließ.

Cery betrachtete sie versonnen. Der kleine Ausflug schien ihr gut zu tun. Sie war lebhaft und stellte Cery unzählige Fragen über die Stadt, die nach der Schlacht erfolgten Veränderungen für die Hüttenviertel, seine Geschäfte und seine neue Arbeit als Captain der Stadtwache. Besonders Letzteres machte sie neugierig. Während Cery über seine heimlich fortgeführte Tätigkeit als Dieb ebenso wenig wie über seine Fälle, reden durfte, berichtete er ihr umso bereitwilliger davon, wie es war, Captain der Stadtwache zu sein.

„Ich kann gar nicht glauben, dass so anständig geworden bist, Ceryni“, sagte Savara allenthalben.

„Ich manchmal auch nicht“, erwiderte er dann lachend.

Ein paarmal hatte sie ihn darum gebeten, sie zum Wachhaus mitzunehmen oder ihn begleiten zu dürfen, wenn Cery und seine Leute einen Verbrecher jagten. Sie hatte keinen Hehl daraus gemacht, ihm bei seiner Arbeit eine große Hilfe sein zu können, doch Cery hatte all ihr Bitten und Betteln abgelehnt. Das Risiko, jemand könne ihre Herkunft erkennen, war ihm zu groß. Selbst Monate nach der Invasion der Ichani waren Sachakaner in der Stadt nicht gerne gesehen. Zudem bestand die Gefahr, dass die Leute, die hinter Savara her waren, von ihrer Anwesenheit aus den Gedanken von jemandem erfuhren, der Savara nur flüchtig gesehen hatte.

Um nicht erkannt zu werden, verbarg Savara ihr exotisches Aussehen daher unter einer weiten Kapuze, womit sie bei der seit Wochen herrschenden Kälte nicht weiter auffiel. Auch Cery hatte sich die Kapuze seines Mantels übergezogen und sich überdies seinen Schal mehrmals um den Hals gewickelt.

Cery lachte. „Das ist Würzwein“, beantwortete er ihre Frage. „Gesüßter, heißer Wein mit’n paar Gewürzen. Wärmt viel besser als Raka.“

Sie betrachtete ihn zweifelnd.

„Du kannst es trinken“, sagte er und nahm einen Schluck aus seinem eigenen Becher. Er versuchte, nicht das Gesicht zu verziehen. An dem Stand, den er ausgewählt hatte, war der Würzwein so süß, dass es ihn fast schüttelte.

Vorsichtig nippte Savara an ihrem Becher. „Der ist wirklich gut!“, rief sie begeistert. „So etwas gibt es bei uns gar nicht.“

Überrascht hob Cery die Augenbrauen. „Bei dir zuhause gibt’s keinen heißen Wein?“

„Die Winter in Sachaka sind nicht so kalt wie hier“, antwortete sie. „Schnee fällt wenn überhaupt in den Bergen. Früher soll das einmal anders gewesen sein. Unser Klima hat sich verändert, nachdem ...“ Sie brach ab, als hätte sie bereits zu viel gesagt. „Weißt du, welche Gewürze der Wein enthält?“, wechselte sie das Thema.

Cery schüttelte den Kopf. „Jeder Verkäufer hat sein eigenes Rezept, das er wie seine eigenen Kinder hütet. Vielleicht verrät’s dir einer, wenn du mit ihm flirtest.“

Ihre mandelförmigen Augen blitzten. „Vielleicht sollte ich das wirklich“, überlegte sie. „Damit du nicht vergisst, was du an mir hast.“

„Wie könnt’ ich das vergessen?“, erwiderte Cery. Obwohl er völlig verrückt nach ihr war, war er noch nicht sicher, wie viel Bedeutung er diesem zweiten Versuch einer Beziehung beimessen sollte. Sie hatte sich nicht verändert und er auch nicht. Wie sollte das gutgehen?

Nachdem es Savara gelungen war, ihn zu verführen, war sie aus ihrem Gästezimmer in sein Schlafzimmer gezogen und seitdem liebten sie sich jede Nacht. Ihre gemeinsamen Nächte erinnerten Cery an den Sommer. Mit Savara zu schlafen war berauschend und es gefiel ihm, dass sie so genau wusste, was sie wollte. Er versuchte jedoch, sich nichts vorzumachen. Eines Tages würde sie in ihre Heimat zurückkehren und er würde erneut zurückbleiben. Er konnte sie nicht nach Sachaka begleiten und sie gehörte nicht hierher. Cery wollte eine Frau, die stets an seiner Seite war und nicht eine, die er allenfalls zwei bis drei Mal in einem ganzen Jahr sah. Und er wusste noch immer nicht, ob er Savara wirklich vertrauen konnte.

Nichtsdestotrotz waren seine alten Gefühle wieder aufgeflammt und er musste sich eingestehen, dass er sie noch immer liebte.

Unter ihrer Kapuze schenkte Savara ihm ein Lächeln, das selbst mit ihrem halben Gesicht im Schatten liegend hinreißend aussah und das seine Knie weich werden ließ.

„Lass uns zurück gehen“, sagte sie mit seltsam weicher Stimme. „Bei dir können wir uns besser aufwärmen. Zum Beispiel mit einem heißen Bad.“

Cery ahnte, worauf sie hinauswollte. „Du kriegst nie genug, was?“

„Zumindest nicht von dir.“ Sie leerte ihren Becher und brachte ihn zurück zu dem Stand, an dem Cery den Würzwein gekauft hatte. Rasch stürzte Cery den Rest seines Getränks hinunter und folgte ihr, ein weiteres Schaudern unterdrückend. Der Würzwein, den er sonst hin und wieder im Winter trank, war von weitaus besserer Qualität und dementsprechend teurer.

„Können wir davon eine Flasche mitnehmen?“, fragte sie den Verkäufer, als Cery seinen Becher auf die Theke stellte.

„Kostet’n Silber“, antwortete der Mann.

„Warte, lass mich das machen.“ Cery holte seinen Geldbeutel hervor und zahlte die entsprechende Summe. Mit der Flasche in der einen Hand und Savaras Hand in seiner anderen, wandte er sich zum Ausgang der Märkte. Der kurze, trübe Nachmittag neigte sich seinem Ende zu. In den schmalen Gassen zog die Dämmerung herauf und die ersten Lichter hinter den Fenstern leuchteten auf.

„Danke für diesen schönen Nachmittag“, sagte Savara, als Cery sie zum nächsten Eingang der Straße der Diebe führte.

„Keine Ursache“, erwiderte er. „Mir hat’s auch gefallen.“

„Wollen wir den Wein heute Abend trinken?“

„Ich muss nachher noch was arbeiten. Wenn’s spät wird, warte nicht auf mich.“ Das war nicht einmal gelogen, auch wenn es nicht um Cerys Arbeit als Stadtwache ging. Er erwartete neue Schmuggelware aus Vin. Dieses Mal war es der unter den Vindo beliebte Schnaps Siyo.

Savara zog einen hinreißenden Schmollmund. „Oh, musst du wirklich noch arbeiten?“

„Ja. Von irgendwas muss ich ja auch leben, oder?“

„Muss ich dann alleine baden?“

„Nein. Dabei werd’ ich dir auf jeden Fall Gesellschaft leisten.“

Sie lachte. „Dann hoffe darauf, dass ich dich dann auch wieder gehenlasse!“

Das würde sie nicht, wusste Cery. Savara wusste zu gut, was sie wollte und sie war zu gut darin, das auch zu bekommen. Und er wusste, er würde nicht gehen. Nicht, weil sie ihn mühelos davon abhalten konnte, sondern weil er ihr bereits viel zu sehr verfallen war.

Sie bogen in eine Sackgasse ein, an deren Ende sich mehrere Kisten und Unrat stapelten. Cery sah sich kurz um, ob sie unbeobachtet waren, und zog Savara dann hinter die Kisten.

„Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, du hättest unanständige Absichten“, bemerkte sie kichernd, während er einen Ziegel aus der Wand zog und den dahinterliegenden Mechanismus betätige.

„In gewisser Weise hab’ ich das auch“, sagte er. „Schließlich bin ich unter anderem ein Dieb.“

Er bedeutete ihr, durch die Öffnung zu steigen und folgte ihr. Bevor er das Loch von innen wieder verschloss, zündete er die Laterne an, die er dort versteckt hatte, und wandte sich zu Savara.

Ihr Anblick im Schein der Kerze war atemberaubend. Sie hatte die Kapuze zurückgeschlagen und ihr langes, schwarzes Haar flutete offen über ihre Schultern. Ihre dunklen Augen glitzerten im Feuerschein. Einen Augenblick starrte er sie wie gebannt an. Dann zog er ein dunkles Tuch aus seiner Tasche und verband ihr damit die Augen. Anschließend drehte er sie mehrmals im Kreis, wobei er zwischendurch seine eigene Position wechselte, damit sie die Orientierung verlor. Als er damit fertig war, kam sie leicht taumelnd zum Stillstand.

„Geht’s?“, fragte er und fasste sie sanft an den Schultern.

Sie nickte.

Cery drückte seine Lippen auf ihre, steckte die Weinflasche in eine Tasche seines Mantels und führte sie dann zurück in sein Versteck. Er wählte einen anderen Weg, als den über den sie gekommen waren.

Bei Savaras Alleingang war es ihr wie durch ein Wunder gelungen, einen Ausgang aus der Straße der Diebe zu finden, ohne dabei einem anderen Dieb in die Arme zu laufen. Als Gol ihr Verschwinden bemerkt hatte, hatte er sie aufgespürt und wieder sicher zurück gebracht. Cery wusste weder, wie gut Savara sich noch an den Weg erinnern konnte, noch hätte er sagen können, ob sie die Straße der Diebe gut genug kannte, um sich ohne Führer dort zu bewegen und er wusste, er würde dies nie erfahren. Selbst ungeachtet seines Misstrauens ihr gegenüber musste er zu seiner eigenen Sicherheit vermeiden, dass sie zu viel über die Straße der Diebe erfuhr. Wenn ihre Verfolger hierher kamen und sie in ihre Hände geriet, würden sie sein Versteck aufspüren.

Cery fragte sich, ob er Akkarin über diese drohende Gefahr informieren sollte. Wenn Sachakaner in der Stadt waren, würde er das wissen wollen. Aber dann verwarf er den Gedanken wieder. Savara hatte ihn bereits bei ihrem letzten Besuch gebeten, Akkarin nichts von ihr zu erzählen und soweit er wusste, waren er und Sonea auf dem Gelände der Gilde gefangen. Er konnte Akkarin immer noch informieren, wenn er und Savara Hilfe brauchten. Aber was, wenn selbst die beiden schwarzen Gildenmagier nicht mit Savaras Jägern fertig würden?

Wenn ich mich unbemerkt in die Universität schleichen kann, dann wird Akkarin selbst jetzt noch in die Stadt können, ohne dass die Magier etwas davon bemerken, überlegte er. Er entschied, seine Idee Akkarin zu warnen zumindest im Hinterkopf zu behalten, sollten Savaras Jäger in der Stadt auftauchten.

„Cery?“, riss Savara ihn aus seinen Gedanken.

„Ja?“

„Was hältst du davon … wenn das alles hier vorbei ist … könnte ich dann nicht bei dir bleiben und als deine Leibwächterin arbeiten?“

„Savara, ich hab’ bereits ’nen Leibwächter.“

„Aber du nimmst ihn nicht mit, wenn du mit mir unterwegs bist.“

„Vielleicht lasse ich Gol zuhause, weil ich mit dir allein sein will?“, gab er zurück.

Sie lachte leise. „Du brauchst Gol doch gar nicht, wenn ich bei dir bin.“

Natürlich nicht, fuhr es Cery durch den Kopf. Er mochte ihr nicht in jeder Hinsicht vertrauen. Er wusste, sie hatte Geheimnisse vor ihm. Aber er wusste auch, dass er ihr sein Leben anvertrauen konnte.

„Selbst wenn ich mich drauf einlassen würde, würde Gol in meinen Diensten bleiben“, sagte er.

„Ich könnte dir sehr nützlich sein“, beharrte sie. „Auch ohne meine besonderen Fähigkeiten. Du weißt, wie geschickt ich mit meinem Messer umgehen kann.“

Ja, das wusste Cery. Trotzdem war er nicht sicher, wie ernst er ihr Angebot nehmen sollte. „Wärst du denn bereit, hierzubleiben?“, fragte er vorsichtig.

„Cery, ich denke nicht, dass ich wieder nach Hause kann“, antwortete Savara plötzlich traurig. „Selbst wenn meine Ehre eines Tages wiederhergestellt werden sollte …“ Sie hielt inne und wandte ihren Kopf zu der Wand links von ihr. „Du bist der Einzige, den ich außerhalb meiner Heimat kenne. Wo soll ich denn sonst hin?“

Cery fasste ihre Schultern und drehte sie, bis sie ihm wirklich gegenüberstand. Plötzlich verspürte er heftiges Mitleid mit ihr. Er nahm sie in den Arm.

„Du kannst so lange bei mir bleiben, wie du willst“, sagte er leise in ihr Haar. „Wenn du magst, auch für immer.“

„Das wäre schön“, flüsterte sie.

Obwohl er versucht hatte, sich keine Hoffnungen zu machen, verspürte Cery einen Anflug wilder Freude. Wenn sie wirklich für immer bleiben könnte …

Eine Viertelstunde später erreichten sie Cerys Versteck, wo Gol unruhig auf und ab ging.

„Gut, dass ihr endlich da seid!“, rief er mit ungewohntem Eifer. „Ich hab’ euch was zu essen machen lassen. Ihr seid doch sicher hungrig.“

„Wir haben auf’m Markt gegessen, aber ich könnt’ noch was vertragen“, erwiderte Cery erfreut.

„Aber du solltest dich erst noch um den Klienten kümmern, der auf dich wartet“, sagte sein Leibwächter. „Er weigert sich zu gehen.“

Cery hob die Augenbrauen. „Jemand Schweres?“

„Kann man so sagen.“ Gol warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu.

„Dann gehe ich mich noch eben umziehen“, sagte Savara und wandte sich in Richtung von Cerys Schlafzimmer.

„Nein!“, rief Gol. „Geh schon mal rüber zum Essen. Sonst wird’s kalt.“ Er fasste Savara am Arm und bugsierte sie in das Zimmer, in dem Cery für gewöhnlich zu essen pflegte.

„Ich beeile mich!“, rief Cery ihr nach. Er war verwirrt. „Gol, was soll das?“, fuhr er seinen Leibwächter an, als dieser zurück war. „Du heckst doch irgendwas aus.“

„Tu ich nicht“, sagte Gol unschuldig. „Ich mach’ das nur, um Savara vor deinem Besuch zu beschützen. Oder vielleicht auch eher umgekehrt …“

„Also schön, dann werd’ ich das jetzt regeln“, erklärte Cery und wollte zu seinem Büro gehen. Doch Gol bekam ihn an seinem Mantelkragen zu fassen.

„In deinem Schlafzimmer“, raunte er. „Mach schnell. Ich versuche, Savara solange hinzuhalten.“

Kopfschüttelnd ging Cery zu seinem Schlafzimmer. Als er die Tür aufstieß, blieb er wie angewurzelt stehen. Auf seinem Bett räkelte sich, nur mit einem fast durchsichtigen Nachthemd bekleidet, eine kleine, noch recht junge Kyralierin.

Seine Gefälligkeit.

„Nenia!“, entfuhr es ihm. „Was machst du hier?“

„Ich hab’ dich vermisst.“ Mit einer verspielten Bewegung strich sie über ihren Bauch und ihre Brüste. „Du hast mich schon ’ne ganze Weile nicht mehr besucht. Magst du mich nicht mehr?“

„N-nein“, stammelte Cery. „Das ist es nicht.“

„Was dann?“

Er seufzte. „Als du das letzte Mal hier warst, hab’ ich dich gebeten, erst wiederzukommen, wenn ich dir das sage“, sagte er. „Aber es geht leider noch nicht.“

„Oh“, machte sie. „Ist’s wegen dem Besuch?“

Cery nickte.

„Ist er noch da?“

„Ja.“ Sie ist noch da. Seit er und Savara wieder zusammen waren, hatte Cery kaum einen Gedanken an Nenia verschwendet. Jetzt fühlte er sich deswegen schuldig. Ja, er liebte Savara. Sie war in jeder Hinsicht einfach atemberaubend. Aber Nenia hatte etwas, das der schönen Sachakanerin fehlte. Aufrichtigkeit und Natürlichkeit.

Und sie gehörte hierher in die Hüttenviertel.

Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er nie darüber nachgedacht hatte, ob er romantische Gefühle für Nenia hegte. In diesem Augenblick, wo Savara nur zwei Zimmer entfernt auf ihn wartete, konnte er mit einem Mal nicht mehr sagen, ob seine Gefühle für sie überhaupt echt waren. In seinem Herzen schien ein einziges Chaos zu herrschen. Nur eines konnte er mit Gewissheit sagen.

Keine der beiden Frauen war ihm gleichgültig.

„Dann ist’s wohl besser, wenn ich gehe.“

Die Enttäuschung auf Nenias Gesicht verstärkten Cerys Schuldgefühle. Er schluckte. „Tut mir leid“, sagte er, während er ihr beim Anziehen zusah. „Hab noch was Geduld. Ich verspreche dir, dass ich zu dir komme, sobald ich kann.“

Sie nickte traurig. Als sie vor ihm stehenblieb und ihn ansah, hoffte Cery er würde sie nicht enttäuschen müssen. Obwohl er wusste, das würde für ihn alles nur noch komplizierter machen, konnte er es nicht ertragen, sie so zu sehen.

„Also bis bald, Ceryni“, sagte sie leise und küsste ihn zum Abschied auf die Wange.

„Bis bald“, erwiderte er.

Nachdem sie fort war, schlich Cery mit dem Vorsatz, den Rest des Abends zu arbeiten, hinüber in sein Büro. Als würde ich mich selbst besuchen, fuhr es ihm durch den Kopf. Er fühlte sich jedoch nicht in der Lage, Savara jetzt gegenüberzutreten. Er konnte später behaupten, der Besuch des Klienten sei daran schuld, dass er das Essen hatte ausfallen lassen müssen, was nicht einmal gelogen war. Aber Cery konnte Savara jetzt nicht in die Augen sehen, geschweige den Abend mit ihr verbringen.

Zumindest nicht, bis er das Chaos in seinem Kopf wieder einigermaßen geordnet hatte.


***


Sonea versuchte all ihren Willen aufzubringen, um sich zu konzentrieren, obwohl sie nichts lieber getan hätte, als es einfach geschehen zu lassen. Sie spürte, wie ihr am ganzen Körper der Schweiß ausbrach. Ihr Bewusstsein schien zu schwinden. Es war einfach zu viel.

- Vergiss nicht zu atmen.

Sie gehorchte ohne eine Erwiderung. Irgendwie musste sie ihre Atmung über ihre Versuche, ihren Willen zu fokussieren, vergessen haben. Sofort spürte sie, wie ihre Sinne zurückkehrten. Wenigstens war sie in der Lage, ihre Körperfunktionen zu kontrollieren. Diese Erkenntnis brachte sie ihrem Ziel indes auch nicht näher.

- Sonea, ich erwarte, dass du auch mit einer verbalen Antwort reagierst.

Akkarins mentale Stimme klang ein wenig ungehalten. Seine Worte erinnerten sie daran, warum sie das hier taten.

- Es ist so schwer, brachte sie hervor.

Alles in ihr schrie danach, sich ihrer Trägheit hinzugeben. Dabei hatte es ihr egal zu sein, wie viel Anstrengung sie die Verwendung der Gedankenrede bei dieser Übung kostete, denn das war die Vorstufe zu dem, was sie später machen würde. Wie sollte sie das erst lernen, wenn sie nicht einmal diese einfache Übung versuchte?

- Es ist nicht schwer, erwiderte er. Du musst es nur wirklich wollen.

Ich bin nicht so stark wie du, dachte sie. Ein Teil von ihr weigerte sich noch immer, sich gegen das Abfließen ihrer Magie wehren zu wollen. Nicht, wenn er das mit ihr tat. Sie war seine Quelle. Es fühlte sich richtig an, ihm dieses Geschenk zu machen.

Inzwischen konnte Akkarin die Gedankenrede ohne Schwierigkeiten verwenden, wenn Sonea seine Kraft nahm. Sie hingegen kostete jede einzelne Silbe unendliche Mühe, weil sie gegen etwas in ihr ankämpfte, das sie nicht verstand. Das brachte sie jedes Mal an den Rand der Verzweiflung.

- Was hast du heute Mittag gegessen?

- Enka, antwortete sie widerwillig, … mit Jerras.

- War es gut?

Sie dachte angestrengt nach. Selbst sich zu erinnern fiel ihr schwer. Sonea wusste, es würde ihn nicht zufriedenstellen, ihm die entsprechenden Sinneseindrücke zu senden, da sie über dieses Stadium längst hinaus war. Zudem fühlte sie sich viel zu schwach, um rebellisch zu sein.

- Ja, antwortete sie schließlich. Aber in der Soße war zu viel Papea.

- Hattest du ein Dessert?

- Ja.

- Was war es?

Sonea überlegte erneut.

- Eine Creme. Mit Früchten.

- Welche Früchte?

Muss er so komplizierte Fragen stellen?, dachte sie unwirsch. Er tat das nur, damit sie weiter sprach. Aber sie verspürte nicht die geringste Lust, zu antworten.

- Dall, Pachi ... und Marin. Sie zögerte und fügte dann hinzu: Ohne Papea.

Akkarin ließ ihre Hand los. Sofort wurde Sonea sich ihrer Umgebung wieder bewusst und sie erinnerte sich wieder, dass sie in ihrer Bibliothek in der Arran-Residenz waren.

Sie öffnete die Augen und sah sich um. Sie fühlte sich, als sei sie gerade aus einem tiefen Schlaf erwacht. Würde das jemals aufhören?

„Das war gut“, sagte er und heilte die Schnittwunde an ihrem Handgelenk.

„Gut wäre, wenn ich die Gedankenrede beherrschen könnte“, widersprach Sonea. Sie widerstand dem Drang, ihre Hand wegzuziehen, als die sich neu bildende Haut zu jucken begann.

Akkarin umfasste ihre Hand mit seinen beiden Händen und sah sie an. „Sonea, seit wir damit angefangen haben, hast du große Fortschritte gemacht“, sagte er. „Trotz deines permanenten Widerwillen, dich gegen mich zur Wehr zu setzen, kannst du die Gedankenrede fast flüssig verwenden. Das heißt, wenn du dich wirklich konzentrierst.“

Sie starrte ihn an. „Du weißt davon?“

„Selbstverständlich. Vielleicht sollten wir als Nächstes daran arbeiten, deine Gedanken vor mir zu verbergen, wenn ich deine Kraft nehme. Das sollte nicht viel schwieriger sein, als das, was wir bisher getan haben.“

Sonea nickte nur. Sie hatte nie darüber nachgedacht, ob er bei dieser Prozedur ihre Gedanken hören konnte. Aber wie sollte er es nicht können, wenn sie sich jedes Mal zu schwach und willenlos fühlte, um das zu verhindern?

Sie wusste nicht, ob ihr das gefallen sollte. Akkarin sollte nicht wissen, was in ihr vorging, wenn er ihre Kraft nahm. Sie wollte nicht, dass er das wahre Ausmaß ihrer Schwäche für ihn kannte. Es beschämte sie, obwohl sie keine Geheimnisse vor ihm zu haben brauchte. Warum überhaupt sprach er sie erst jetzt darauf an? Dachte er vielleicht, es würde sie noch mehr entmutigen, wenn er von ihren Problemen wusste?

Wenn ja, dann war es gut, dass er geschwiegen hat, dachte sie. Jetzt, wo sie die Gedankenrede fast gemeistert hatte, verspürte sie sogar einen vagen Ehrgeiz, ihre Gedanken in Zukunft besser vor ihm zu verbergen.

Akkarin erhob sich. „Hab etwas mehr Geduld mit dir, Sonea“, sagte er, während er die Klinge seines Dolches sauber wischte. „Du hast deinen Widerwillen, gegen mich in der Arena anzutreten, überwunden. Es wird dir auch hierbei gelingen. Ich erwarte nicht, dass du schnell bist. Ich erwarte nur, dass du dich weiter bemühst.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie.

Akkarin legte den Dolch beiseite und trat auf sie zu. Seine Hand berührte ihre Wange.

„Werde ich dir das jemals abgewöhnen können?“

Obwohl er versuchte, missbilligend zu blicken, konnte Sonea die Erheiterung in seinen Augen sehen. „Nein.“ Lächelnd schmiegte sie sich in die Wölbung seiner Handfläche und blickte zu ihm auf. „Zumindest nicht, solange ich Eure Novizin bin. Was die Zeit danach betrifft, so kann ich das noch nicht sagen.“

Außerdem magst du das, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie wollte es gar nicht abstellen. Das wäre so, als würde sie versuchen, ihre Gefühle für ihn abzustellen. Irgendwie war die Ehrfurcht, die sie vor ihm verspürte, noch viel intensiver, wenn er gerade ihre Kraft genommen hatte. Und sie wusste, bei jedem anderen hätte sie nicht so empfunden.

Akkarin zog sie auf die Füße und schlang einen Arm um ihre Taille. Er bog ihrem Kopf zurück und küsste sie. Soneas Puls beschleunigte sich.

„Nicht“, flüsterte sie.

„Musst du noch lernen?“, murmelte er, ohne innezuhalten.

„Nein.“ Dann hätte sie wenigstens eine Ausrede gehabt. Tatsächlich wollte sie nicht, dass er sie so in ihrer Bibliothek küsste. Es erschien ihr als kein angemessener Ort für Intimitäten, auch wenn sie wahrscheinlich nicht mehr lange hierbleiben würden. Nicht, wenn Akkarin so war.

„Dann hör auf dich mir zu widersetzen“, murmelte er leise, aber nicht ohne eine leise Autorität, die Sonea erschaudern ließ. „Ich erwarte das, wenn ich deine Kraft nehme, aber nicht wenn ich gewisse Absichten habe.“

„Aber dann macht es viel mehr Spaß“, widersprach sie.

Seine Hand fuhr in ihren Nacken und er küsste sie erneut. „Das hatte ich befürchtet“, bemerkte er. „Das werde ich dir auf jeden Fall abgewöhnen.“

Sonea verkniff sich ein selbstgefälliges Grinsen. Sie würde dafür sorgen, dass sie eine Herausforderung für ihn blieb. Egal, welche Konsequenzen das für sie haben würde. Denn das war der beste Teil überhaupt.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast