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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 12.222
 
Kapitel 29 – Aufbruch ins Ungewisse



Die Türen des Abendsaals öffneten sich vor Rothen und er schritt hindurch. Nachdem er den Großteil seiner Magie im Dome gespeichert hatte, hatte er sich wie an jedem Vierttag auf den Weg zu den Sieben Bögen gemacht. Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. Auch an diesem Abend war der Raum gutgefüllt. Eine Gruppe höherer Magier stand in der Nähe der Fenster. In einer Ecke saß Lord Davin umringt von einer zunehmenden Schar von Anhängern und verkündete für jeden, der es hören wollte, dass ihnen ein harter, schneereicher Winter bevorstand.

Davins Wetterausguck war eine Woche zuvor fertiggestellt worden. Mit den Entwürfen von Lord Loren hätte der Bau noch bis nach den Winterferien gedauert, wusste Rothen. Seit der Turmbau vollendet war, harrte der Alchemist dort jeden Tag mehrere Stunden und oft auch ganze Nächte aus, um das Wetter zu studieren. Zum Verdruß seiner Gegner gewannen seine Vorhersagen seitdem an Präzision.

Rothen gönnte ihm seinen Erfolg, wenn auch er wusste, dass Davin seinen endgültigen Erfolg einem anderen Mann zu verdanken hatte. Auch ohne Beweis wusste er ganz genau, wer König Merin dazu gebracht hatte, das nötige Geld zur Verfügung zu stellen.

Er unterdrückte ein Kichern. Als ein Diener mit einem Tablett Weingläser an ihm vorbei eilte, griff er sich eines heraus. Dann ließ er seinen Blick auf der Suche nach seinem Freund Yaldin durch den Abendsaal schweifen. Doch bevor er dazu kam, den betagten Magier unter all den Anwesenden zu finden, fiel sein Blick auf Rektor Jerrik, der ihn zu den Fenstern winkte.

Rothen seufzte und trat zu den höheren Magiern. Für seinen Geschmack verbrachte er genug Zeit mit seinen Kollegen und er hätte sie lieber aus seiner Freizeit herausgehalten. Inzwischen trafen sie sich fast jeden Tag, um über mögliche Maßnahmen gegen die Sachakaner oder die Mission der Spione zu diskutieren. Obwohl diese Dinge vorerst vor der Gilde geheim gehalten werden sollten, fürchtete Rothen, seine Kollegen würden das Thema sogar hier anschneiden. Welch anderen Grund konnte es geben, dass sie ihn sprechen wollten?

„Guten Abend, Administrator“, grüßte er höflich. „Rektor Jerrik.“ Er nickte Peakin, Garrel, Lady Vinara und Lord Ahrind zu. Er fragte sich indes, was der Aufseher des Novizenquartiers in dieser Runde suchte. Der stets übellaunige Krieger kam nur selten in den Abendsaal. Unter den höheren Magiern war er wie nicht allzu beliebt.

„Wir diskutieren gerade die nächsten Winternovizen“, informierte ihn Jerrik. „Die Liste der Kandidaten aus den Häusern steht bereits, ebenso wie die mit den Kindern aus den reichen Händlerfamilien.“

Rothen nickte. Er selbst hatte sich zu Beginn des Halbjahres dafür ausgesprochen, auch Novizen aufzunehmen, die nicht aus den Häusern stammten. Dabei war es ihm jedoch nur sekundär darum gegangen, die durch die Invasion der Ichani entstandenen Verluste zu kompensieren. Inspiriert von zahlreichen Diskussionen mit Sonea über die Ungerechtigkeit zwischen Arm und Reich war er von dem Gedanken an Gleichberechtigung angetrieben worden. Allerdings fragte er sich, warum Jerrik ihm erzählte, was er bereits wusste.

„Einige von uns sind der Meinung, dass die Zahl der Neuzugänge noch zu gering ist und wir weitere Novizen aufnehmen sollten, damit wir schneller wieder zu unserer alten Stärke zurückfinden“, fuhr der Rektor fort.

„Nur, dass die Sachakaner uns wahrscheinlich schon vor dem Ablauf der nächsten fünf Jahre angreifen werden“, sagte Garrel verdrießlich.

Rothen blinzelte verwirrt. Die Aussicht auf mehr Nachwuchs müsste den Krieger eigentlich freuen. „Die Novizen können uns bereits während ihrer Ausbildung in einem Krieg von Nutzen sein“, entgegnete er. „Zum Beispiel, indem sie uns ihre Magie übertragen.“

„Lord Rothen, das Beste wisst Ihr noch gar nicht“, sagte Lord Ahrind säuerlich.

Rothen wandte sich ihm zu. „Und das wäre?“

„Etwa zehn der Neuzugänge sollen Kinder von einfachen Kaufleuten, Handwerkern und dergleichen sein“, antwortete der Aufseher des Novizenquartiers verdrießlich. „Und eventuell sind unter ihnen auch einige aus den Hüttenvierteln.“

„Dem Äußeren Ring“, korrigierte Osen scharf.

„Wie auch immer“, knurrte Ahrind. „Solange die Diebe dort das Sagen haben, kann nichts Gutes von dort kommen.“

Rothen hüstelte. „Das sehe ich anders“, murmelte er.

Inzwischen hatte König Merin die Hüttenviertel offiziell zu einem Teil der Stadt erklärt und ihnen den Namen Äußerer Ring gegeben. Einen Namen, den die Hüttenleute bereits seit Jahren inoffiziell verwendeten. Im Zuge dieser Maßnahme hatten die Diebe zunächst die Aufgabe der Stadtwache übernommen, weil sie sich, wenn auch auf eine zweifelhafte Weise, um das Wohl der Hüttenleute kümmerten und von den dort lebenden Menschen weitgehend akzeptiert wurden. Rothen wusste, einige Diebe waren recht anständige Männer. Während die Oberhäupter der Häuser heftigen Protest erhoben hatten, hielt Rothen dies für einen guten Versuch, die Hüttenviertel zu einem besseren Ort zu machen. Mit seiner höchst unkonventionellen Entscheidung hatte Merin die Hüttenviertel in die Stadt integriert, ohne die dort lebenden Menschen in ihrer Lebensweise einzuschränken. Mit der Zeit würde sich zeigen, wie ernst die Diebe ihre Aufgabe nahmen, oder ob sie durch richtige Stadtwachen ersetzt werden mussten.

Die Integration der Hüttenviertel eröffnete der Gilde die Möglichkeit, halbwüchsige Mädchen und Jungen mit magischem Potential aus der Unterschicht aufzunehmen. Seit der Schlacht von Imardin erreichten Anfragen nach einer Aufnahme aus nahezu allen Bevölkerungsschichten die Gilde und der Administrator war damit restlos überfordert. Nicht allen Magiern gefiel diese Vorstellung, wohingegen sie sich mit Novizen aus reichen Händlerfamilien einigermaßen anfreunden konnten. Die Aufnahme von Novizen aus einfachen Verhältnissen und die sich daraus ergebenen logistischen und finanziellen Konsequenzen wurden bereits seit einigen Wochen diskutiert. Wenn Rothen Lord Ahrinds Reaktion richtig deutete, waren diese Pläne gerade dabei, konkret zu werden.

„Lord Rothen, wir würden gerne Eure Meinung dazu hören“, sagte der Administrator. „Schließlich habt Ihr bereits Erfahrung mit Novizen aus dem Äußeren Ring.“

„Ich kann nur für Sonea sprechen“, antwortete Rothen. „Sie hat mir in der Zeit, in der sie meine Novizin war, nie Schwierigkeiten bereitet. Allerdings haben die anderen Novizen ihr das Leben schwergemacht. Die meisten von Euch werden sich gewiss daran erinnern.“

„Und wie“, knurrte Jerrik. „Ich erinnere mich an die gestohlene Schreibfeder eines Novizen aus ihrer Klasse, eine Gruppe von Novizen, die durch einen Blendzauber erblindet waren, eine mögliche Affäre mit ihrem Mentor ...“

Rothen war empört. „Das alles waren unbegründete Verdächtigungen!“, entgegnete er scharf.

„Das ist richtig, aber es verdeutlicht die Auswirkungen, die solche Novizen auf die Gilde haben“, sagte Jerrik.

„Sobald mehrere Novizen aus einfachen Verhältnissen in einer Klasse sind, wird sich dieses Problem von selbst erledigen“, widersprach Rothen. „Sonea hatte diese Schwierigkeiten nur, weil sie auf sich gestellt war.“

„Mehrere Novizen aus den Hüttenvierteln in einer Klasse könnten sich gegen die Novizen aus den Häusern zusammentun“, sagte Garrel. „Das würde nur Ärger geben.“

„Man könnte zwei Klassen einführen“, überlegte Jerrik. „Eine für die Novizen aus den Häusern und eine für den Rest. Das würde einer Zusammenrottung vorbeugen, weil die Novizen unterschiedlichen Standes getrennt unterrichtet würden.“

„Das widerspricht unseren Prinzipien“, entgegnete Osen. „Bei ihrer Aufnahmezeremonie leisten alle Novizen einen Eid, mit dem der sie sich von ihrer Herkunft lossagen. Das gilt für alle sozialen Stände.“

„Ich sehe ein, dass zwanzig Novizen in einer Klasse zu viel sind“, sagte Lady Vinara. „Jedoch würde ich die Novizen beider Klassen mischen. Das fördert die Integration, zumal sie nach ihrem Abschluss Kollegen sein werden. Damit sollte sich das Problem lösen lassen.“

„Gibt es denn überhaupt schon Anfragen von den Familien aus den Hüttenvierteln?“, fragte Lord Peakin.

„Bisher sind das nur Überlegungen“, antwortete Osen. „Die Gilde muss bei der nächsten Versammlung noch darüber abstimmen, ob sie Novizen aus einfachen Verhältnissen aufnimmt.“

„Das Winterhalbjahr beginnt in weniger als zwei Monaten“, wandte Rothen ein. „Wir könnten nur diejenigen aufnehmen, die bereits Lesen und Schreiben können ...“

„ … und sollten vielversprechende Kandidaten für das Sommerhalbjahr rekrutieren und sie diese Dinge lehren“, erklang eine tiefe Stimme hinter ihm.

Rothen und die anderen Magier zuckten zusammen. Er frequentierte den Abendsaal nicht gerade häufig. Aber wie so oft war er zur rechten Zeit am rechten Ort. Wie macht er das bloß?, fuhr es ihm durch den Kopf.

Aus Osens Gesicht war sämtliche Farbe gewichen. „Lord Akkarin“, stammelte er.

„Jedoch sollten neue Kandidaten zunächst auf ihre Grundkenntnisse im Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten überprüft werden“, fuhr der schwarze Magier unbeirrt fort. „Ich empfehle einen sechsmonatigen Kurs für diejenigen einzurichten, denen es an den für eine Aufnahme nötigen Voraussetzungen mangelt. So verlieren sie nur ein Halbjahr, bevor sie ihr Studium beginnen.“

„Ich wette, es werden sich mehr dafür finden, als nötig ist“, knurrte Garrel.

„Lord Akkarin, Ihr würdet also eine Aufnahme von Novizen, die nicht aus den Häusern kommen, befürworten?“, brachte Rektor Jerrik hervor.

„Selbstverständlich. Es wird die Beliebtheit der Gilde vergrößern, wenn wir unsere Statuten nicht länger ignorieren und Novizen ungeachtet ihrer Herkunft aufnehmen. In den unteren Bevölkerungsklassen werden wir noch immer als distanziert und herablassend erachtet.“

Garrel schnaubte leise. „Das war zu erwarten“, hörte Rothen ihn dem Administrator zu raunen. „Er wird uns allen noch den Untergang bringen.“

„Das ist ein guter Punkt“, stimmte Lady Vinara zu. „Wir müssen fort von dem Image, dass nur Adlige das Recht hätten, Magier zu werden. Wir können die Tatsache, dass magisches Potential keine Eigenschaft ist, die aus der Herkunft eines Menschen resultiert, nicht mehr ignorieren.“

Rothen erinnerte sich daran, welche Schwierigkeiten Sonea zu Beginn mit dem Erlernen dieser Grundkenntnisse gehabt hatte. Den meisten Kindern aus den unteren Schichten der Bevölkerung würde es nicht anders ergehen.

„Ich würde mich bereit erklären, diesen Kurs zu leiten“, sagte er. „Vorausgesetzt, ich habe die Unterstützung von mindestens einem weiteren Kollegen.“

„Guten Abend, meine Herren“, dröhnte Balkans Stimme über sie hinweg. „Lady Vinara.“

„Guten Abend, Hoher Lord“, erwiderten Rothen und seine Kollegen.

„Was habe ich verpasst?“

„Wir diskutieren gerade über die Aufnahme von Novizen nicht adliger Herkunft“, teilte der Administrator ihm mit. „Eure Meinung dazu würde dieses Thema vielleicht weiterbringen.“

„Dann sollten wir dieses Thema verschieben. Ich komme gerade aus dem Palast.“ Balkans Miene verdüsterte sich. Als er fortfuhr, senkte er seine Stimme. „Doch vielleicht sollten wir diese Angelegenheit im Bankettsaal diskutieren.“

Das klang, als würde es dieses Mal wirklich um die Sachakaner gehen. Neugierig und von unguten Vorahnungen erfüllt folgten Rothen und die höheren Magier dem Hohen Lord durch eine Tür in den Nebenraum.

„Der König wünscht Blutjuwelen für die Spione, die wir nach Sachaka schicken“, sagte Balkan, als sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten. „Das heißt, sofern diese damit einverstanden sind.“

Peakin, Garrel und Osen schnappten entsetzt nach Luft.

„Ist ihm überhaupt die Tragweite dessen bewusst?“, fragte Garrel.

Akkarin betrachtete den Krieger kühl. „Er ist der König. Ihr tätet besser daran, seine Entscheidungen nicht anzuzweifeln. Ich bin sicher, er hat das Für und Wider zuvor sorgfältig abgewogen.“

„Wessen Blut soll dafür verwendet werden?“, fragte Rothen.

„Das von Lord Akkarin.“ Garrel wollte erneut protestieren, doch Balkan schnitt ihm das Wort ab. „Es ist Merins Wunsch, dass er diese Aufgabe übernimmt. Er ist von uns allen mit den Sachakanern am besten vertraut und spricht zudem ihre Sprache fließend. Der König schenkt ihm sein vollstes Vertrauen.“

„Ich verstehe“, sagte Akkarin. „Richtet ihm meinen Dank aus, wenn Ihr das nächste Mal im Palast seid.“

Balkan nickte.

„Wahrscheinlich hattet Ihr wieder einmal Eure Finger im Spiel“, unterstellte ihm das Oberhaupt der Krieger.

„Garrel, genug jetzt!“, befahl Balkan.

„Jemanden, der überhaupt nicht begreift, wozu schwarze Magie fähig ist, sollte gar nicht erst mit solchen Artefakten in Berührung kommen“, wandte Osen ein. „Es ist unmoralisch!“

Peakin stieß einen entnervten Seufzer aus. „Geht das schon wieder los?“

„Ruhe!“, bellte Balkan. „Die Händler nach Sachaka zu schicken, um für uns zu spionieren, entbehrt ebenso jeglicher Moral. Dennoch bringen wir sie bereitwillig in Lebensgefahr, weil unsere Lage uns keine andere Möglichkeit lässt.“

„Hoher Lord, habt Ihr Seine Majestät gefragt, wie er zu einer Ausstattung unserer Krieger an der Grenze mit Blutjuwelen steht?“, fragte Akkarin.

„Noch nicht“, brummte Balkan. „Ich werde darüber nachdenken.“

„Das sollten wir alle“, stimmte Rothen zu. „Mir behagt diese Idee auch nicht. Aber so erfahren wir, wenn die Sachakaner nach Kyralia eindringen.“

„Ich stimme Euch zu, Rothen“, sprach Lord Vorel. „Denn sonst erfahren wir rein gar nichts über die Pläne der Sachakaner, bis sie bereits in Kyralia sind.“

„Wenn wir den Spionen Blutjuwelen mitgeben, erfahren wir aber auch wann die Sachakaner kommen und brauchen die Pässe nicht zu bewachen“, murmelte Peakin halblaut.

„Das würde voraussetzen, dass unsere Spione alles mitbekommen, was wichtig ist“, wandte Lady Vinara ein. „Sie können nicht jederzeit überall sein.“

„Was, wenn wieder ein paar Ichani auf eigene Faust nach Kyralia kommen?“, fragte Rothen. „Oder wenn Marika weitere Spione schickt? Unsere Spione in Arvice würden nichts davon erfahren. Die Patrouillen entlang der Grenze dagegen schon.“

Der Hohe Lord hob abwehrend die Hände „Schon gut, schon gut“, sagte er. „Wie ich sehe, kommt schwarze Magie allmählich in Mode. Wir werden das übermorgen mit dem Rest von uns diskutieren. Dann werde ich dem König unseren Vorschlag unterbreiten.“


***


Dannyl legte eine säuberlich gefaltete Robe und ein Ersatzpaar Stiefel in seinen Reisekoffer. Darin lagen bereits ein Tintenfass, ein Etui mit seinen Schreibfedern, das Kästchen mit dem Blutjuwel sowie ein Buch mit leeren Seiten, das er während der Reise als Tagebuch führen wollte. Selbstverständlich ohne dabei viel über seinen Auftrag zu verraten, sollte es in falsche Hände gelangen. Aber es würde ihm, wenn er der Gilde Bericht erstattete, eine gute Erinnerungshilfe sein. Er überlegte, ein paar persönliche Dinge mitzunehmen, entschied sich jedoch dagegen.

Wer weiß, was uns in Sachaka erwartet, dachte er. Lieber verzichtete er für ein paar Wochen auf liebgewonnene Habseligkeiten, anstatt sie auf immer zu verlieren. Stattdessen legte er Kleidung, wie sie von reichen Händlern getragen wurde, in den Koffer. Er und Kito hatten diese Verkleidung am Nachmittag in der Stadt erstanden, da sie jeglichen Ärger bis Arvice vermeiden wollten. Kito hielt es für sicherer, sich erst als Magier der Gilde zu erkennen zu geben, wenn sie um eine Audienz bei König Marika baten.

Bis zum Weingut von Tayends Schwester würden sie in einer Kutsche der Gilde reisen, die am nächsten Morgen noch vor Sonnenaufgang eintreffen würde. Bei dem Gedanken, eine Reise in ein unbekanntes Land zu machen, verspürte Dannyl einen Kitzel, ähnlich jenem, den er verspürt hatte, als er vor zwei Jahren mit Tayend Lonmar und Vin bereist hatte. Nur, dass er dieses Mal statt mit seinem Gefährten, in der Begleitung des Oberhauptes der Diplomaten der Gilde reisen würde und ihr Reiseziel nicht in den Verbündeten Ländern lag.

Und dass er nicht wusste, ob er von dieser Reise zurückkommen würde.

Er wollte gerade seinen Reisemantel zum Lüften an die Balkontür seines Schlafzimmers hängen, als es klopfte.

„Herein!“, rief er, seinen Willen nach der Tür ausstreckend.

„Botschafter Dannyl, der Gelehrte Tayend von Tremmelin wünscht, empfangen zu werden“, meldete Eland sich verneigend.

Dannyl runzelte die Stirn. Er hatte sich bereits nach seinem Einkaufsbummel mit Kito von seinem Freund verabschiedet. Tayend kam nur selten in die Botschaft, weil die Wahrscheinlichkeit einer Entdeckung, von allen Orten in Elyne hier am größten war. Tayend suchte ihn hier nur zu offiziellen Anlässen auf. Doch dazu kam er zu angemessenen Tageszeiten.

Hatte Tayend vielleicht einen wichtigen Fortschritt bei seinen Recherchen gemacht und wollte ihm das noch unbedingt vor seiner Abreise mitteilen? Der Gedanke ließ Dannyls Herz schneller schlagen.

„Schick ihn herein“, sagte er. „Du kannst dich für heute zurückziehen.“

„Sehr wohl, Mylord.“

Der Diener verneigte sich und verließ das Zimmer.

Dannyl hängte seinen Reisemantel an die geöffnete Balkontür und betrat den Empfangsraum. Der Gelehrte saß in einem Sessel, ein Weinglas in den Händen. Das war nicht ungewöhnlich, Tayend wusste, er durfte sich hier wie zuhause fühlen. Ungewöhnlich war jedoch wie aufgelöst er dabei wirkte.

„Tayend!“, rief Dannyl besorgt. „Was ist passiert?“

Tayend stellte sein Glas beiseite und stand auf. „Ich kann dich nicht einfach so gehenlassen, als würdest du nur einen Kurztrip zu irgendeinem Dem machen“, erklärte er. „Ich habe Angst um dich.“

Dannyl seufzte und schloss Tayend in seine Arme. Dass er nach Sachaka ging, war zu einer unausgesprochenen Tatsache geworden. Er konnte Tayend seine Sorgen nicht verübeln. Die wenigen Tage zwischen Kitos Eintreffen und ihrem Aufbruch machten die Aussicht, sich auf unbestimmte Zeit nicht zu sehen, nicht gerade erfreulicher.

„An jeden anderen Ort würde ich dich mitnehmen, Tayend“, versuchte er seinen Gefährten zu trösten. „Doch du würdest in Gefahr sein. Und ich könnte dich davor nicht bewahren.“

„Du kennst meine Meinung dazu“, sagte der Gelehrte trotzig.

„Ja.“ Dannyl dachte an den vergangenen Sommer. Tayend war ihm nach Kyralia gefolgt, als Dannyl die Rebellen an die Gilde ausgeliefert hatte. Trotz der bevorstehenden Invasion der Ichani hatte sich der Gelehrte geweigert, die Stadt zu verlassen, weil er bei Dannyl sein wollte. „Aber du musst die Abschriften fertigstellen und nach Imardin bringen. Jetzt, wo wir wissen, dass die Sachakaner Krieg wollen, wird Akkarin die Bücher dringender denn je brauchen. Sollten die Sachakaner ihre politischen Streitigkeiten wirklich beilegen und Kyralia angreifen, wird Elyne als Nächstes an der Reihe sein.“

Tayend war bleich geworden. „Dann werde ich mich besser damit beeilen“, sagte er. „Wenigstens habe ich dann weniger Zeit, dich zu vermissen.“

Dannyl versuchte den Schmerz zu verdrängen, den Tayends Worte bei ihm auslösten. Es war das erste Mal, dass sie wirklich lange, vielleicht sogar auf immer, getrennt sein würden. Er hoffte, die Reise würde abwechslungsreich genug, damit auch er nicht viel Gelegenheit hatte, seinen Freund zu vermissen. Es würde ihre Trennung nur noch schlimmer machen.

„Wir sehen uns in Imardin“, versprach er. „So wie wir es abgesprochen haben.“

„Alles, was Ihr befiehlt, Botschafter Dannyl.“ Tayend verschränkte die Arme in Dannyls Nacken und sah voll Zuneigung zu ihm auf.

Dannyl lächelte. Etwas in seiner Brust zog sich schmerzvoll zusammen. „Also Tayend, bist du nur gekommen, mich davon abzuhalten, nach Sachaka zu gehen?“, fragte er.

Der Gelehrte schüttelte den Kopf. „Oh, ich dachte, wir könnten zunächst ein wenig Wein trinken und sehen einfach, was danach passiert … Bis morgen früh ist noch reichlich Zeit. Und“, fügte er mit einem gewinnenden Lächeln hinzu, „du könntest in der Kutsche schlafen.“

Dannyl betrachtete seinen Gefährten nachdenklich. „Willst du wirklich, dass wir dieses Risiko eingehen?“

Tayend sah zu ihm auf. Sein Blick war ungewöhnlich ernst. „Ja. Vielleicht ist es unsere letzte Nacht. Lieber lebe ich für den Rest meines Lebens mit der Schande, der Geliebte des Botschafters der Magiergilde gewesen zu sein, als auf immer zu bereuen, dass ich ihn nach Sachaka ziehen ließ.“

Dannyl wusste, der Gelehrte war in der Stimmung, seinen Kopf durchzusetzen. Doch das war nicht der Grund, warum er beschloss, alle Argumente für Vernunft und Anstand zu ignorieren.

Der Grund war von viel einfacherer Natur.

Der Auftrag war gefährlich genug, dass sie einander vielleicht nie wiedersahen. Wenn Dannyl in Sachaka sein Leben ließ, dann wollte er mit der Erinnerung an eine letzte leidenschaftliche Nacht mit seinem Gefährten sterben. Und Tayend hatte einen solchen Abschied ebenfalls verdient.

Der Gedanke, Tayend nicht mehr berühren zu können, ihn nicht mehr zu küssen, ihn nicht mehr zu spüren, sein Lachen niemals wieder zu hören, oder das Leuchten in seinen Augen, wenn er zu ihm aufsah und ihn „Botschafter“, nannte nicht mehr zu sehen, war Dannyl unerträglich.

Er beugte sich zu Tayend hinab und küsste ihn verlangend. „Ich schlage vor, wir überspringen den Teil mit dem Wein und kommen direkt zu dem eigentlichen Grund deines Besuchs.“

„Gute Idee“, murmelte Tayend. Dann schloss er die Augen und erwiderte den Kuss.


***


Sonea gähnte und rieb sich die Augen. Ernüchtert stellte sie fest, dass ihr der Inhalt des letzten Absatzes schon wieder entfallen war. Feldzüge während des Sachakanischen Krieges war auf Alt-Kyralisch geschrieben. Nach einem langen und anstrengenden Tag fiel es ihr schwer, sich auf das Lesen in dieser ungewohnten Sprache zu konzentrieren. Dank Akkarins Hilfe verstand sie inzwischen ein wenig mehr von Strategie. Doch die Sprache bereitete ihr noch immer Schwierigkeiten.

Warum übersetzt niemand die Bücher in das heutige Kyralisch?, dachte Sonea unwirsch. Sicher gab es genug Magier, die Spaß daran hatten, alte Sprachen zu studieren und die sich über solche Literatur freuen würden. Sie empfand es indes als Folter, Novizen mit solchen Büchern lernen zu lassen. Es lenkte den Fokus ihrer Konzentration zu sehr davon ab, den Sinn des Textes zu verstehen.

Obwohl es schon fast Mitternacht war, wollte Sonea das Buch nicht zur Seite legen. Sie hatte sich vorgenommen, das aktuelle Kapitel bis zum nächsten Tag gelesen und verstanden haben, damit sie mit Regin darüber in der Novizenbibliothek diskutieren konnte. Ihr Freund hatte sich bereiterklärt, als Gegenleistung für ihre Hilfe in Alchemie an den Wochenenden mit ihr für diesen Kurs zu lernen.

Trotz all der Unterstützung fühlte Sonea sich unter ungewohnten Leistungsdruck. Dieses Mal war es sogar noch schlimmer, als kurz vor ihrem Nachprüfungen. Die Winterprüfungen rückten immer näher und Akkarin hatte ihr zu verstehen gegeben, dass er von ihr mindestens ein Gut in Strategie erwartete.

In allen anderen Kursen wäre „gut“ für Sonea eine unterdurchschnittliche Leistung gewesen. In Strategie empfand sie es indes als Herausforderung. Sie wusste, sie musste dieses Ziel erreichen. Nicht, um Akkarin zufriedenzustellen oder damit sie wieder zusätzliche Stunden in Heilkunst belegen durfte, oder damit Merin seine Erlaubnis zu heiraten nicht wieder rückgängig machte. Die Sachakaner interessierte es nicht, ob Sonea ihren Abschluss hatte, wenn sie angriffen, oder wie ihre Noten waren. Sie würden eines Tages angreifen. Und bis dahin musste sie so bereit sein, wie es ihr nur möglich war.

Sonea seufzte und warf einen Blick auf das Bett in dem Zimmer neben ihr. Mit der Zeit hatten sich zahlreiche Kissen darauf angehäuft. Wenn sie etwas für den Unterricht lesen oder auswendig lernen musste, ließ sie sich oft darauf nieder, weil es so viel bequemer war, als am Schreibtisch zu sitzen. Vielleicht sollte sie das jetzt auch tun. Ihre Schultern schmerzten nach der allabendlichen Stunde Schwertkampf und ihre Augen brannten vor Müdigkeit. Sie vertrieb ihre Erschöpfung mit ein wenig Magie, wohl wissend, dass der Effekt nicht lange anhalten würde.

Mit dem Buch unter einem Arm wanderte sie in den Nebenraum. Sie machte es sich auf dem Sofa bequem und las den Abschnitt noch einmal. Vielleicht würde sie den Text besser verstehen, wenn sie sich ein wenig entspannen konnte.

Nachdem sie zwei Seiten weitergekommen war, spürte Sonea, wie die Müdigkeit zurückkehrte. Seufzend blätterte sie zum nächsten Kapitel. Sie hatte noch immer zehn Seiten vor sich. Erschöpft schloss sie für einen Moment die Augen und lehnte sich zurück.

Nur einen Moment ausruhen, dachte sie. Dann lese ich das Kapitel zu Ende und gehe schlafen.

„Sonea, möchtest du nicht ins Bett kommen?“

Sie spürte einen Lufthauch, etwas Kühles strich über ihre Stirn. Akkarin.

„Bin doch im Bett“, murmelte sie.

„Du bist beim Lernen eingeschlafen. Komm jetzt.“

„Ich muss das Kapitel zu Ende lesen“, protestierte sie träge. „Für morgen.“

„Sonea, es ist schon lange nach Mitternacht, du wirst jetzt nichts mehr lesen“, sagte Akkarin. „Komm jetzt und schlaf dich aus.“

Mit einem Mal war sie hellwach. „Was schon so spät?“, entfuhr es ihr. „Aber ich muss das Kapitel noch zu Ende lesen! Regin und ich haben es uns für morgen vorgenommen!“

Akkarin zog ihr das Buch aus der Hand und warf einen Blick auf den Titel. „Du triffst dich mit Regin erst am späten Vormittag“, sagte er. „Lies es morgen früh zu Ende.“

„Aber davor machen wir Schwertkampf!“

„Sonea, widersprich mir nicht.“ Akkarins Stimme war streng. Dennoch beugte er sich über sie und hob sie hoch und trug sie ins Schlafzimmer. „Lies es meinetwegen direkt nach dem Frühstück oder schicke Regin eine Nachricht, dass du erst nach dem Mittagessen in die Bibliothek kommst. Aber nicht mehr heute. Du bist viel zu erschöpft, um den Inhalt zu begreifen.“

„Ja, Lord Akkarin“, murmelte Sonea widerwillig. Sie fand es anmaßend, dass er sie vom Lernen abhielt, wenn es doch so wichtig war. Aber wenn sie nach den nächsten zwei Seiten erneut einschlief, machte es wohl auch keinen Sinn, es weiter zu versuchen. Sie hatte nicht das Gefühl, sehr viel von dem bisher gelesenen behalten zu haben.

Behutsam setzte Akkarin sie auf ihrem Bett ab. Sonea streifte ihre Robe ab und warf sie mit den Stiefeln auf den Boden. Sie fand das Nachthemd unter ihrem Kopfkissen. Sie zog es über und schlüpfte unter die Decke.

„Wo warst du solange?“, wollte sie wissen.

„Im Abendsaal“, antwortete er, während er seine Robe auf einem Stuhl zusammenlegte. „Wie sich herausgestellt hat, war meine Anwesenheit notwendig.“

„Warum?“, fragte Sonea. Es war erst das zweite Mal seit ihrer Rückkehr, dass Akkarin in den Abendsaal gegangen war. Er hatte einmal gesagt, es wäre besser, aus zweiter Hand zu erfahren, was jeden Vierttag dort vor sich ging, weil sich die meisten Magier in seiner Gegenwart nicht trauten, offen zu sprechen.

„Der König wünscht, die Spione mit Blutjuwelen auszustatten, die ich kontrolliere. Balkan hat sich bereit erklärt, Merin bei seinem nächsten Besuch im Palast dasselbe für die Patrouillen entlang der Grenze vorzuschlagen.“ Akkarin stieg ins Bett und bedeutete ihr, sich an ihn zu kuscheln.

Dem kam Sonea nur allzu bereitwillig nach. Sie bette den Kopf an seine Schulter. Eine Hand legte sie auf seine Brust. Akkarin nahm sie und umschlang sie mit seinen langen Fingern.

„Endlich tun sie etwas Vernünftiges“, sagte sie, auch wenn sie fand, dass diese Wendung ohne den König gar nicht zustande gekommen wäre. Merin schien wahrhaftig zu ihrem mächtigsten Verbündeten geworden zu sein. Gewiss hätte er anders entschieden, würde er Akkarin nicht absolut vertrauen. „So wissen wir, wenn die Sachakaner kommen, und können schneller darauf reagieren.“

„Dasselbe hat Rothen auch gesagt.“ Akkarin lachte leise. „Nun, du kannst dir sicher vorstellen, was dieser Vorschlag für eine Diskussion nach sich gezogen hat.“

Sonea grinste. Wenn der König zulässt, dass die Spione Blutjuwelen erhalten, wird er wohl kaum dasselbe für die Patrouillen an der Grenze ablehnen, überlegte sie dann.

„Aber jetzt genug davon“, entschied Akkarin. „Du sollst schlafen. Ich erzähle dir die Details morgen früh. Ebenso wie das andere Thema, über das die Magier diskutiert haben.“

„Aber ich bin wieder wach“, protestierte Sonea.

„Sonea, du bist gerade beim Lernen eingeschlafen“, erinnerte er sie streng. „Du bist überarbeitet. Ich weiß, ich verlange zurzeit sehr viel von dir. Aber ich bestehe darauf, dass du eine Pause machst, wenn du erschöpft bist.“

Sie wollte protestieren, doch er ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Nächsten Freitag wirst du nicht mit Regin lernen. Du wirst sehen, ein freier Tag wird dir guttun.“

Sie blinzelte verwirrt. „Warum nicht morgen?“, wollte sie wissen.

„Weil ich morgen keine Zeit für dich habe.“

„Das Wochenende ist dafür gedacht, dass die Novizen lernen“, wandte sie nicht begreifend ein. „Nicht, dass ich nicht gerne mit dir Zeit verbringe …“

Zeit war etwas, von dem sie viel zu wenig hatten. Dass Sonea in ihrer Freizeit so viel lernen musste, machte es nicht gerade besser, aber ihr Studium hatte Vorrang. Wenn sie nur bis zu den Winterprüfungen durchhielt! Danach würde sie zwei Wochen Ferien haben. Zwei Wochen, die sie ausschließlich mit Akkarin verbringen würde …

„Sonea, deine Leistungen werden nicht besser, wenn du mehr arbeitest, als gut für dich ist“, sagte Akkarin. „Deine Konzentration wird nachlassen und dir werden Fehler unterlaufen.“

Er schien sich ernsthafte Sorgen zu machen. War sie wirklich so besessen vom Lernen? Sie freute sich jedoch auch, weil er gewillt war, einen ganzen Tag mit ihr zu verbringen.

„Also schön“, willigte sie ein. „Aber wenn es nichts bringt, dann werde ich mich auf so etwas nicht mehr einlassen.“

„In diesem Fall hättest du wenigstens dein schlechtes Gewissen bezüglich meiner Person beruhigt“, entgegnete er erheitert. „Das sollte dir ein wenig von deinem Druck nehmen.“


***


Obwohl der Winter gerade erst begonnen hatte, war er härter als alle Winter, die Dorrien erlebt hatte, seit er nach Windbruch gezogen war. Bereits in den ersten Wochen war mehr Schnee gefallen als sonst während der kompletten Wintermonate. Die Menschen in den Bergen hatten genügend Nahrungsmittel, aber das Brennholz wurde knapp und jeder geizte mit seinem Vorrat.

Diese Sparsamkeit blieb nicht ohne Folgen. Viele Menschen litten an Winterhusten und bei nicht wenigen war Fieber hinzugekommen. Dorrien verfügte über genügend Vorräte, aber er musste die entsprechende Medizin erst herstellen. So ging auch sein erst kürzlich gebrauter Hustensaft allmählich zur Neige.

Viana stellte sich mehr und mehr als eine tüchtige Assistentin heraus. Dank ihrer schnellen Auffassungsgabe lernte sie schnell. Inzwischen konnte sie Arzneien gegen Winterhusten, Fieber, Schnupfen und einen verdorbenen Magen ohne Dorriens Hilfe herstellen. Tagsüber begleitete sie ihn zu seinen Patienten, weswegen sie inzwischen erste Symptome der jeweiligen Leiden identifizieren und die Schwere der Krankheit abschätzen konnte.

Der plötzliche Ausbruch von Winterhusten verzögerte jedoch den eigentlichen Unterricht. Ihre Fortschritte in Lesen und Schreiben hielten sich daher in Grenzen. Dorrien versuchte sich davon nicht entmutigen zu lassen, da sie stattdessen viel über die Behandlung von Patienten und über Medizin lernte, was er ihr später nicht mehr beibringen musste.

Viana verkorkte die letzte Phiole mit Hustensaft und reichte sie Dorrien, der sie in seinen Vorratsschrank räumte.

„Gute Arbeit, Viana“, sagte er und schloss den Schrank.

Sie schenkte ihm ein verlegenes Lächeln. „Ich bin froh, wenn ich Euch nützlich sein kann, Mylord.“

Dorrien betrachtete sie verwirrt. „Wieso solltest du das nicht sein?“

„Vielleicht weil ich noch nicht Lesen, Schreiben und Rechnen kann?“

„Das brauchst du nicht für alles. Bis du dein Studium an der Universität beginnst, wirst du es können, als hättest du es schon als Kind gelernt“, versicherte er ihr.

„Wird mich die Gilde denn wirklich aufnehmen?“ Viana tauchte einen Lappen in heißes Wasser und begann den Tisch sauber zu wischen. „Ich komme nicht aus einem reichen Haus. Ich bin nur die Tochter eines Reberhirten.“

Dorrien nahm ein zweites Tuch zur Hand und half ihr, den Tisch trockenzuwischen. Irgendwie war es zu einem Ritual geworden, dies gemeinsam zu tun.

„Das mag früher einmal so gewesen sein. Doch die Gilde wird ab diesem Winter auch Novizen aufnehmen, die nicht aus den Häusern stammen“, antwortete er sich an den letzten Brief seines Vaters erinnernd. „Eine sehr gute Freundin von mir kommt aus dem ärmsten Teil Imardins und sie ist eine sehr begabte junge Magierin.“

Der Gedanke an Sonea rief schmerzvolle Erinnerungen wach. Entschlossen schob Dorrien sie beiseite. Sie gehörte jetzt Akkarin. Sie hatte sich völlig ihm und seiner schwarzen Magie verschrieben und Dorrien hatte sie endgültig verloren.

Viana sah auf. In ihren braunen Augen schimmerte eine Hoffnung, die zu enttäuschen Dorrien nicht ertragen konnte. Selbst, wenn er ihr dafür helfen musste, ihre Magie zu entfesseln, damit die Gilde gezwungen war, sie aufzunehmen, sollte sie sich aus welchen absurden Gründen auch immer weigern.

„Du hast großes Talent, kleine Viana“, sagte er. „Es wäre eine Schande, das nicht zu fördern. Ich werde dafür sorgen, dass die Gilde dich aufnimmt.“

Dorrien legte seinen Lappen zur Seite und drückte kurz ihre Hand. Ihre Blicke begegneten sich und Vianas Wangen färbten sich rosa.

„Das bedeutet mir wirklich viel, Mylord“, flüsterte sie.

Er schenkte ihr ein zuversichtliches Lächeln. „Ich bin doch nur froh, dass ich die ganze Arbeit nicht mehr allein machen muss“, erwiderte er in einem Anflug von Erheiterung.

Sie kicherte. Dabei kräuselte sich ihre Nase, so wie es die ihrer kleinen Schwester oft tat.

Dorrien betrachtete sie fasziniert. Dann wurde er wieder ernst. „Also Viana, hat dich das Zubereiten von Heiltränken schon erschöpft oder bist du noch munter genug für ein oder zwei Stunden langweiligen Unterricht?“

„Mylord, ich bin die Tochter eines Reberhirten“, erwiderte sie mit gespieltem Vorwurf. „Ich harte Arbeit gewohnt. Und so langweilig ist Euer Unterricht gar nicht.“

Dorrien grinste. „Dann lass uns anfangen.“

Er schritt zu dem Regal, in dem er seine Bücher aufbewahrte, und holte die nötigen Utensilien heraus. Während er sie zum Tisch brachte, fiel ihm auf, dass Viana einen Teil ihrer Scheu vor ihm abgelegt hatte. Sie respektierte ihn, doch sie schien seine Gesellschaft auch zu mögen, was Dorrien erleichterte. Er hätte sonst nicht gewusst, wie er ihr hätte helfen sollen, ihre Furcht vor ihm, dem Magier, abzulegen. Sicher kam ihr Zutrauen auch daher, dass er versuchte, möglichst ungezwungen mit den Dorfbewohnern umzugehen. Als er gerade nach Windbruch gezogen war, war man ihm mit Skepsis begegnet, doch seit der Jagd auf den Sachakaner vertrauten die Menschen ihm mehr denn je.

Und das zu Unrecht, fand Dorrien. Wäre er früher darauf gekommen, dass seine wilde Bestie ein schwarzer Magier war, hätte er den Tod einiger seiner Leute verhindern können.

„Ich habe hier ein paar Bücher, die du zuhause lesen kannst“, sagte er Viana ein paar abgegriffene Bücher reichend.

Seine Schülerin nahm sie mit großen Augen entgegen. „Der Limek und der Harrel“, las sie stockend. „Talayan, der Drachentöter.“ Sie runzelte die Stirn. „Was ist das?“

„Märchen.“ An diesem Morgen war ein Bote aus Imardin gekommen und hatte Dorrien die alten Kinderbücher gebracht, um die er seinen Vater gebeten hatte. Rothen hatte wissen wollen, was er mit den Büchern wollte und Dorrien fühlte sich gezwungen ihm den Grund zu nennen. Er wusste nicht, was sein Vater davon halten würde, wenn er einer jungen Frau aus seinem Dorf ohne die Erlaubnis der Gilde Unterricht erteilte, auch wenn nichts Verwerfliches dabei war, solange es keine Magie beinhaltete. „Ich habe sie als Kind gelesen. Sie sind viel einfacher geschrieben, als die Bücher über Heilkunst mit denen wir arbeiten. So kannst du in deiner Freizeit Lesen üben.“

Viana strahlte. „Danke, Mylord.“ Sie schlug eines der Bücher auf und blätterte darin. „Da sind Bilder!“, rief sie erfreut. Dann zog sie die Augenbrauen zusammen. „Was heißt unster blich?“

„Wie?“, fragte Dorrien verwirrt.

„Unster blich“, wiederholte Viana. Sie starrte ihn ungläubig an und deutete auf eine bestimmte Stelle im Text.

Dorrien musste den Kopf drehen, um das Wort entziffern zu können. „Ach unsterblich!“, rief er. „Das Wort solltest du eigentlich kennen. Du hast es nur an der falschen Stelle betont. Die Betonung liegt auf der zweiten Silbe.“

Sie blickte auf den Text und blinzelte. „Oh, jetzt macht es Sinn!“

Sie lachten.

„Wenn du auf ein Wort stößt, was du nicht zu kennen glaubst, dann versuche zunächst es unterschiedlich zu betonen“, riet Dorrien. „Dann ergibt sich der Sinn meistens von selbst. Wenn nicht, kennst du es wahrscheinlich wirklich nicht. Dann kannst du mich fragen.“

Sie nahm diese Worte in sich auf. „Wörtern, die ich nicht kenne, begegne ich bestimmt eher in Büchern über Magie.“

Dorrien nickte und sie begannen mit dem Unterricht. Obwohl er noch immer kein effektives Lehrsystem gefunden hatte und seine Arbeit den Unterricht begrenzte, machten sie Fortschritte. Viana sog jede Form von Wissen auf wie ein trockener Schwamm. Selbst ihren Bergdialekt, den Dorrien auf eine gewisse Weise charmant fand, hatte sie weitgehend abgelegt.

Als es schon lange dunkel war, begann ihre Konzentration nachzulassen.

„Ich denke, wir machen für heute Schluss“, sagte er behutsam.

Sie sah auf. „Oh, ist es wirklich schon so spät?“, fragte sie mit einem Gesichtsausdruck, als sei sie gerade aus einem Traum erwacht.

Dorrien nickte.

„Dann sollte ich gehen. Ich muss Mutter beim Abendessen helfen und Vater macht sich sicher schon Sorgen.“ Viana stand auf und warf sich ihren Umhang um die Schultern. Die Kinderbücher klemmte sie unter ihren Arm. „Dann bis morgen, Mylord.“

Sie öffnete die Tür. Ein eisiger Wind wehte Kälte und Schnee hinein.

„Oh“, machte sie und schlang schaudernd die Arme um den Leib.

Dorrien spähte durch den Türspalt. Draußen tobte ein Schneesturm. Sie waren so vertieft in den Unterricht gewesen, dass sie nichts davon mitbekommen hatten.

„Warte“, sagte er. „Ich begleite dich. Hast du etwas dagegen, wenn wir reiten?“

Sie schüttelte den Kopf.

Dorrien schloss die Haustür hinter sich und bedeutete Viana, ihm zum Unterstand seines Pferdes zu folgen. Er half ihr in den Sattel und setzte sich dann hinter sie. Bevor sie losritten, errichtete er einen Wärmeschild um sie beide.

„Das ist doch viel angenehmer, als allein durch den Schneesturm zu gehen, oder?“, fragte er sich zu ihr hinabbeugend. Seine Lichtkugel schwebte ein paar Schritte vor ihnen und war die einzige Lichtquelle, als sie in dem dicht fallenden Schnee durch Windbruch ritten.

„Ja, Mylord“, antwortete sie. „Und sehr viel wärmer.“

Sie drehte leicht den Kopf zu ihm und er nahm den blumigen Duft ihres Haares wahr.

„Gut“, murmelte er.

„Werde ich das hier auch lernen?“

„Natürlich“, sagte er. „Lichtkugeln und Schilde gehören zu den Dingen, die Novizen sehr früh lernen.“

„Ich freue mich schon darauf.“

Den restlichen Weg legten sie schweigend zurück. Der Wind peitschte Schneeflocken gegen den Schild, die zischend verdampften. Trotz der Wärme sie umgebenden Wärme zitterte Viana leicht. Dorrien gab mehr Magie in seinen Schild, was jedoch nicht zu helfen schien.

Hoffentlich wird sie nicht krank, dachte er, widerstand jedoch dem Drang sie heimlich zu untersuchen. Sie hatte den ganzen Tag nicht den Anschein erweckt, als würde sich ein Infekt anbahnen. Vielleicht fror sie, weil sie müde war.

Die Silhouette von Kullens Haus war erst zu sehen, als sie nur noch wenige Schritt davon entfernt waren. Dorrien zügelte sein Pferd nahe der Tür und half Viana beim Absteigen.

„Danke, dass Ihr mich nach Hause gebracht habt“, sagte sie, während er sie zur Tür brachte.

„Das ist doch selbstverständlich“, erwiderte er. „Wenn ich dich bei einem solchen Wetter alleine im Dunkeln nach Hause schicke, würde dein Vater mich wahrscheinlich umbringen.“

Viana lachte. „Ist das denn überhaupt möglich?“

„Ja“, antwortete Dorrien nur. Besser er verschwieg ihr die Details darüber, was geschah, wenn ein Magier starb. Sie würde es noch früh genug erfahren.

Die Haustür ging auf und Kullen stand auf der Türschwelle.

„Viana! Wo warst du so lange?“

„Wir haben Medizin gegen Winterhusten hergestellt und danach hat Lord Dorrien mich noch unterrichtet. Weil es so spät geworden ist, hat er mich nach Hause gebracht.“

Der Blick des Reberhirten fiel auf Dorrien.

„Mylord“, sagte er finster.

„Dir auch einen guten Abend, Kullen“, erwiderte Dorrien freundlich. Der Reberhirt hatte ihm noch nicht vollständig verziehen, dass er seiner Tochter half, Heilerin zu werden, wenn auch er die Vorteile dessen anerkannte. Dorrien bedauerte dies, da er sich mit Kullen stets gut verstanden hatte. Er sah indes keine Möglichkeit, etwas an ihrer momentanen Situation zu ändern. Vielleicht kommt Kullen irgendwann zur Vernunft, dachte er. Auf Dauer wird er einsehen müssen, dass es nur Vorteile hat, eine Magierin in der Familie zu haben. Und dann wird er wahrhaftig stolz auf seine Tochter sein.

„Es tut mir leid, dass es so spät geworden ist“, entschuldigte er sich.

Kullen nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. Er fasste Vianas Arm. „Komm jetzt. Es gibt gleich Essen. In Zukunft kommst du früher heim.“

„Vater, ich bin erwachsen!“, protestierte Viana. „Du hast kein Recht mir vorzuschreiben, wann ich nach Hause komme!“

Das Gesicht des Reberhirten färbte sich dunkelrot vor Zorn. „Doch das habe ich“, sagte er. „Solange du in meinem Haus wohnst, wirst du tun, was ich sage.“

Mit diesen Worten scheuchte er seine Tochter ins Haus. Dorrien fühlte sich elend, weil er sie in Schwierigkeiten gebracht hatte, obwohl er genau das hatte vermeiden wollen. Im Gehen warf Viana ihm einen entschuldigen Blick über die Schulter zu.

„Gute Nacht, Mylord“, wünschte sie und lächelte.

Dann schlug ihr Vater die Tür hinter sich zu.


***


Sonea betrat die Empfangshalle der Arran-Residenz. Ein eisiger Windstoß wehte Schneeflocken in die Halle, dann fiel die Tür hinter ihr ins Schloss. Obwohl es erst später Nachmittag war, dunkelte es bereits.

Seit dem Mittagessen hatte sie mit Regin in der Novizenbibliothek für die immer näher rückenden Winterprüfungen gelernt, ganz besonders für Strategie. Dank seiner und Akkarins Hilfe hatte sie inzwischen ein besseres Gefühl für dieses Fach, wenn auch sie mit ihren Leistungen noch nicht wirklich zufrieden war. Sonea glaubte, dass ihr noch immer etwas für das komplette Verständnis fehlte. Nach einer Woche intensiver Diskussionen während des Abendessens und zusätzlichem Unterricht bei Akkarin nach der Mittagspause, wo Sonea zuvor Heilkunst gehabt hatte, war sie zuversichtlich, die Prüfung mit einer akzeptablen Note zu bestehen. Während des Lernens waren jedoch Fragen aufgekommen, die Regin ihr nicht beantworten konnte und auf die sich auch in keinem ihrer Bücher Antworten gefunden hatten.

Sonea seufzte leise. Sie würde Akkarin diese Fragen stellen müssen. Das kostete sie noch immer Überwindung und deswegen wollte sie es lieber gleich erledigen, als es bis abends aufzuschieben.

„Wo ist er?“, fragte sie Takan, als der Diener herbeieilte, um sie zu begrüßen.

„In der Bibliothek, Mylady. Aber er wünscht, nicht gestört zu werden.“

„Oh, ich bin sicher, er hat nichts dagegen, wenn ich ihn störe“, erwiderte Sonea lächelnd und wandte sich zur Treppe. Sie durfte jederzeit in die Bibliothek. Es wäre etwas anderes, würde er im Keller ein neues Experiment durchführen, dessen Auswirkungen noch ungewiss waren.

„Dieses Mal nicht, Mylady. Er hat gerade …“

Doch was Akkarin hatte, hörte Sonea nicht mehr. Sie war bereits die Treppe hinaufgeeilt.

Sie klopfte und kaum, dass die Tür aufgeschwungen war, trat sie ein. „Akkarin, ich brauche deine Hilfe. Regin konnte mir nicht erklären, warum …“

Sie erstarrte, als sie erkannte, dass er nicht alleine war und wer sein Besucher war.

„Oh, guten Abend, Hoher Lord, Lord Akkarin“, stammelte sie und verneigte sich. „Ich bitte um Entschuldigung für die Störung. Ich wollte nur Bescheid sagen, dass ich zurück bin und nun noch etwas in meinem Studierzimmer lernen werde.“

Die beiden Männer sahen auf.

Balkan runzelte die Stirn. „Guten Abend, Sonea“, sagte er.

„Du störst nicht“, fügte Akkarin hinzu. Er und Balkan standen über den Schreibtisch gebeugt, der vollständig unter einem Papier verschwunden war. Ihr plötzliches Erscheinen schien ihn nicht zu überraschen. „Im Gegenteil, du solltest dir das hier auch einmal ansehen. Dein Anliegen kann doch sicher warten, bis wir hier fertig sind.“

„Eigentlich schon, Mylord“, antwortete sie zögernd.

„Worum geht es, Sonea?“, fragte Balkan.

Obwohl Balkan als Hoher Lord bei weitem nicht so ehrfurchtgebietend wie Akkarin war, fühlte Sonea sich in seiner Gegenwart ein wenig befangen. Sie runzelte die Stirn. Das war früher nicht so gewesen. Oder lag das nur daran, dass sie befürchtete, er missbilligte ihre Beziehung insgeheim?

„Oh, nichts Besonderes“, antwortete sie darum bemüht, möglichst beiläufig zu klingen. Ihre Lernschwierigkeiten gingen niemanden außer ihrem Mentor etwas an. Erst recht nicht Balkan. Sie fürchtete, Akkarins Kompetenzen würden angezweifelt, sollten die höheren Magier von ihrem Problem erfahren. Denn das würde ihnen den Beweis liefern, dass eine Beziehung wie die ihre nicht existieren durfte. „Es geht nur um Strategie.“

Der Hohe Lord ließ sich jedoch nicht so leicht zufriedenstellen. Sein Gesicht nahm einen wachsamen Ausdruck an. „Bereitet dir dieses Fach Schwierigkeiten?“

Sonea seufzte innerlich. Warum musste er das wissen wollen? Und was machte er überhaupt hier? Hatte er am Wochenende nichts Besseres zu tun, als zu arbeiten?

„In den ersten Wochen war es nicht einfach. Doch inzwischen verstehe ich sehr viel mehr“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

„Hm“, machte Balkan nachdenklich. „Diese Probleme hatten wir alle. Mach dir deswegen keine Sorgen, Sonea.“ Er wandte sich zu Akkarin. „Habt Ihr Sonea bereits mit den Regeln von Kyrima vertraut gemacht?“

„Sonea hat momentan viel zu lernen“, antwortete Akkarin. „Das hat Zeit bis zu den Ferien.“

Der Hohe Lord nickte. „Kyrima fördert das strategische Denken. Es wird ihr helfen, Strategie zu verstehen. Die meisten Novizen, die Kriegskunst wählen, spielen es schon zu Beginn ihrer Ausbildung.“

„Ihr vergesst, dass Sonea bis vor kurzem kein Interesse an dieser Disziplin gezeigt hat“, erinnerte Akkarin.

„Natürlich“, lenkte Balkan zu Soneas Überraschung ein.

Sie schüttelte verwirrt den Kopf. Kyrima? Was war das denn schon wieder? Und wie sollte es ihr mit ihrem Unterricht helfen? Sie war jedoch erleichtert, weil Balkan anscheinend ebenfalls seine Schwierigkeiten mit diesem Kurs gehabt hatte und er ihre eigenen nicht auf ihre Beziehung mit Akkarin schob.

Akkarins dunkle Augen blitzten zu ihr. „Ich bin sicher, Kyrima wird dir Freude bereiten“, sagte er.

Sonea nickte nur und beschloss, sich jegliche Fragen, mit denen sie sich in Balkans Gegenwart blamieren konnte, für später aufzusparen. „Lord Akkarin, was soll ich mir ansehen?“, fragte sie.

„Ah ja richtig. Komm her, Liebes“, sagte Akkarin und machte damit deutlich, dass sie diese Förmlichkeiten zwischen ihnen unterlassen sollte, was Sonea im Beisein anderer noch immer als seltsam empfand.

Sie umrundete den Schreibtisch und trat neben ihn. Dann betrachtete sie den großen Papierbogen, der vor ihr ausgebreitet war. Darauf waren Bergketten, Straßen, Flüsse und Ortschaften eingezeichnet. Viele trugen Namen, die jeweils in einer ihr unbekannten Sprache und in Kyralisch niedergeschrieben waren.

„Was ist das?“, fragte sie. „Es sieht aus wie eine Karte, aber ich erkenne nichts darauf wieder.“

„Das ist eine Karte von Sachaka“, antwortete Akkarin. „Ich habe sie aus meinen und Takans Erinnerungen erstellt. Wir versuchen gerade die Informationen, die wir von kyralischen Händlern haben, hinzuzufügen.“

Entweder sie tun das, um den Spionen ihre Arbeit zu erleichtern, oder weil sie überlegen, die Sachakaner in ihrem eigenen Land anzugreifen, um ihnen zuvorzukommen, dachte Sonea. Sollte die Gilde rechtzeitig erfahren, dass die Sachakaner ausrückten, konnten sie ihre Feinde in den bereits verwüsteten Ödländern schlagen und die Sachakaner daran hindern, Kyralia zu verwüsten.

Dieser Plan setzte indes voraus, dass sowohl die Spione als auch die Patrouillen mit Blutjuwelen ausgestattet wurden, was trotz der Befehle des Königs noch immer für hitzige Diskussionen unter den höheren Magiern sorgte.

Obwohl Sonea darauf brannte zu erfahren, wofür die beiden Männer die Karte brauchten, hielt sie sich mit ihren Fragen zurück. Offiziell wusste sie weder von den Spionen noch von den anderen Maßnahmen, die die höheren Magier bezüglich der Sachakaner diskutierten. Akkarin hielt sie über diese Dinge auf dem Laufenden, weil er wusste, sie würde es für sich behalten. Sonea rechnete ihm das hoch an. Es beunruhigte sie, nicht zu wissen, was vor sich ging.

„Gibt es denn keine vollständige Karte von Sachaka?“, wunderte sie sich.

„Nicht mehr. Alle Karten, die je existierten, sind entweder verschollen oder zerstört. Wahrscheinlich besitzen die Sachakaner Karten von ihrem Land, aber an diese kommen wir nicht heran. Eigene Karten zu erstellen, ist schwierig, da wir zu wenig über die Geographie des Landes wissen. Reisende, die nach Sachaka kommen, ziehen es vor, auf der Straße zu bleiben, die nach Arvice führt.“ Akkarin deutete auf einen an der Küste gelegenen Punkt am Rande der Karte. Eine Straße führte von dort zu den Bergen am gegenüberliegenden Rand. „Kaum jemand ist so töricht durch die Ödländer oder die Berge zu wandern. Die meisten bezahlen für eine solche Dummheit mit ihrem Leben.“

Er brauchte nicht mehr zu sagen. Sonea verstand auch so, worauf er anspielte.

„Kannst du dich noch an diese Gegend erinnern?“ Akkarin wies auf eine Bergkette, durch die sich ein noch unbeschrifteter Fluss zog. „Ich muss hoffentlich nicht erwähnen, dass ich enttäuscht wäre, wenn du es nicht kannst“, fügte er mit einem Halblächeln hinzu.

Sonea runzelte die Stirn. Sie war sicher, sie würde nichts von dem Teil Sachakas, den sie durchwandert hatten, auf einer Karte wiedererkennen. Außer vielleicht dem Pass. Seine Frage musste auf etwas anderes abzielen.

„Ist das der Fluss mit dem Wasserfall?“, fragte sie. „Der … Krikara-Fluss?“

„Ja.“

Er nahm eine Schreibfeder zur Hand und schrieb den Namen sauber und lesbar daneben.

„Natürlich kann ich mich noch daran erinnern“, sagte sie. „Dort wären wir Parika fast in die Arme gelaufen, hätten wir uns nicht hinter dem Wasserfall versteckt.“

Sie war froh, dass Balkan keine Ahnung hatte, worüber sie gerade wirklich sprachen. Allerdings schien er ihnen auch gar nicht zugehört zu haben, da er noch immer mit gerunzelter Stirn auf die Karte starrte.

Als Sonea die Karte näher betrachtete, erkannte sie auch die beiden Pässe. Das Gebiet, wo die Berge jenseits des Nordpasses abflachten, war mit Ettkriti-Ebene bezeichnet. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Wäre diese Ebene für einen offenen Kampf nicht hervorragend geeignet?

Während der nächsten Stunde lauschte sie der Diskussion der beiden Männer. Nicht immer waren sie sich über die Informationen der Händler einig, doch zu Soneas Überraschung gelang es ihnen, nicht zu streiten. Das war beinahe noch seltsamer, als Soneas permanentes Gefühl, aus einer einzigen Person wären auf wundersame Weise plötzlich zwei geworden.

„Ich sollte nun gehen. Es ist bald Zeit zum Abendessen“, sagte Balkan, als die Karte um die Namen einiger Dörfer und Gegenden reicher geworden war.

Akkarin legte einen Arm um Soneas Taille. „Ihr könnt mit mir und Sonea speisen. Mein Diener Takan ist ein hervorragender Koch. Wir könnten unsere Diskussion fortsetzen, sofern Sonea das nicht langweilt.“ Mit einem Lächeln sah er zu ihr.

„Aber nein“, wehrte Sonea ab. In einer Stunde hatte sie mehr gelernt, als in den letzten drei Wochen Strategie. „Das vorhin war sogar sehr interessant.“

„Lord Akkarin, das ist sehr großzügig von Euch“, lehnte Balkan ab. „Doch Luzille wird es nicht schätzen, wenn ich schon gegessen habe.“ Er wandte sich zum Gehen. „Ein anderes Mal vielleicht.“

„Ihr könnt Luzille selbstverständlich mitbringen.“

„Ich werde sie fragen.“ Balkan wirkte seltsam unbehaglich. „Doch nun sollte ich wirklich gehen. Ich finde selbst nach draußen. Einen angenehmen Abend wünsche ich Euch. Dir auch, Sonea.“

„Vielen Dank, Hoher Lord“, sagte sie überrascht.

Balkan eilte aus dem Raum, als müsse er die Arran-Residenz unbedingt verlassen. Sonea war verwirrt. Während der vergangenen Stunde hatte er keine Zeichen von Furcht oder Ablehnung gegenüber ihr und Akkarin gezeigt.

„Seit wann versteht ihr euch so gut?“, fragte sie.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Seit Balkan eingesehen hat, dass es besser ist, wenn er meinen Rat befolgt.“

„Dann hätte er doch auch zum Essen bleiben können.“ Sonea runzelte die Stirn. „Wieso kümmert es ihn so sehr, ob seine Dienerin für ihn gekocht hat?“

Zu ihrer Verwirrung lachte Akkarin. „Das würde Luzille gar nicht gefallen! Sie wäre tödlich beleidigt, wenn sie wüsste, dass du sie gerade als Balkans Dienerin bezeichnet hast.“

Sonea blinzelte verwirrt. Sie beschlich das Gefühl, irgendetwas von Bedeutung verpasst zu haben.

„Warum?“

„Luzille ist seine Frau.“

Sie starrte ihn ungläubig an. „Balkan ist verheiratet?“

„Seit etwa einem Jahr. Die Ehe wurde arrangiert.“

Das passte überhaupt nicht zu dem mürrischen Krieger, fand Sonea. Sollte jemand, der erst so kurz verheiratet war, nicht glücklich sein?

Luzille konnte keine Magierin sein. Denn dann hätte sie sicher schon von ihr gehört. Aber in dem einen Jahr hätte es auch so genügend Gelegenheiten gegeben, bei denen sie sich an Balkans Seite hätte präsentieren können. „Warum hat er sie dann nicht zum Bankett mitgenommen?“

„Weil sie da noch in Elyne bei ihrer Familie war. Er hat sie wegen des drohenden Angriffs der Ichani nach Hause geschickt.“

„Hast du sie schon einmal gesehen?“, wollte Sonea wissen. „Wie ist sie so?“

„Ganz anders als du. Sie ist nur ein paar Jahre älter als du. Sie hat elynisches Temperament, wobei sie auch sehr charmant sein kann.“ Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Ich möchte dennoch nicht mit ihr verheiratet sein“, fügte er mehr für sich hinzu.

Sonea runzelte die Stirn. „Wieso nicht?“

Akkarin zögerte. „Nun, Balkan hat nicht viel bei ihr zu sagen“, antwortete er mit einem Anflug von Verlegenheit. „Sie ist herrisch und redet ohne Unterlass. Sie lässt sich keine Vorschriften machen. Begriffe wie Respekt oder Gehorsam sind ihr fremd.“

Sonea lachte. „Der arme Balkan! Jetzt verstehe ich, warum er immer so griesgrämig ist!“

Dann wurde sie wieder ernst. Wenn er weder zuhause noch in der Gilde das Sagen hat, muss das ziemlich frustrierend für ihn sein, überlegte sie. Sie bedauerte Balkan. Aber wieso überhaupt ließ er sich von einer Frau herumkommandieren, die zwanzig Jahre jünger war, als er selbst? Sie schüttelte den Kopf. Musste sie das verstehen?

„Das ist sicher einer der Gründe“, sagte Akkarin und fügte dann trocken hinzu: „Um meinetwillen hoffe ich, dass du und Luzille niemals Freundinnen werdet.“

„Oh ich habe ganz bestimmt nicht vor, mich mit ihr anzufreunden, wenn sie wirklich so schrecklich ist, wie du sagst“, beruhigte Sonea ihn. Sie bezweifelte, dass er ihr ein solches Verhalten durchgehen ließ. Wahrscheinlich würde er es nicht einmal Luzille durchgehen lassen, wäre sie seine Frau. „Wenn ich jemals anfangen sollte, dich so zu behandeln, dann hätte ich schon lange aufgehört, dich zu lieben. Und dann wäre es nicht fair, wenn ich noch bei dir bliebe.“

„Nein, das wäre es nicht“, stimmte er zu.

Sonea wandte sich ihn zu. „Und du verbesserst deine Chancen, dass ich bei dir bleibe, deutlich, wenn du aufhörst, mich ’Liebes’ zu nennen“, sagte sie und drohte ihm spielerisch mit dem Finger.

Akkarin hielt ihre Hand fest und musterte sie erheitert.

„Damit kann ich leben.“


***


Cery zog einen losen Stein aus der Tunnelwand und betätigte den dahinterliegenden Mechanismus. Ein Stück Mauer glitt zur Seite und gab den Blick auf einen Lagerraum frei. Er stieg durch die Öffnung und verschloss die Tür hinter sich. Dann durchquerte er das Lager und trat durch eine weitere Geheimtür in die Wohnräume seines Verstecks.

Er fand seinen Leibwächter damit beschäftigt, wie er unruhig auf und ab schritt. Das verhieß nichts Gutes.

„Was ist passiert?“, fragte Cery alarmiert.

„Deine kleine Freundin hat sich gelangweilt, während du auf der Wache warst“, antwortete Gol. „Sie wollt’ unbedingt raus in die Stadt zum Einkaufen. Ich konnt’ sie nicht aufhalten. Tut mir leid, Chef.“

Cery fluchte höchst unanständig. Bis jetzt war der Tag erfreulich gut verlaufen. Es war ihm und seinen Leuten gelungen, die beiden Männer festzunehmen, die vor einigen Wochen einen Mann hinter dem Bolhaus Schmugglerhöhle erstochen hatten. Nach einem gründlichen Verhör, dessen Methoden die Stadtwache vermutlich nicht erlaubte, hatten die Männer den Mord an dem Schuhflicker schließlich gestanden. Zuerst hatten sie das Ehepaar nur ausrauben wollen. Als sie jedoch bemerkt hatten, dass es bei ihnen nichts zu holen gab, waren sie wütend geworden und hatten den Mann getötet. Jetzt schmorten die beiden Kerle im Stadtgefängnis, eine Anhörung war für die nächste Woche angesetzt. Weil ihre Festnahme der erste große Erfolg in seiner Karriere als Captain der Stadtwache war, hatte Cery geplant, dieses Ereignis am Abend mit seinen Leuten zu feiern.

Warum muss sie wieder alles zerstören?

„Du kannst nix dafür, Gol“, sagte er. „Wenn sie raus will, kann keiner von uns sie aufhalten. Sie macht, was sie will. Ich mach’ dir keinen Vorwurf.“

„Danke, Chef“, sagte Gol sichtlich erleichtert.

„Ist sie wieder zurück?“

Sein Leibwächter nickte. „Sie’s in ihrem Zimmer.“

„Dann wird sie jetzt was erleben“, knurrte Cery. Es gefiel ihm nicht, dass Savara sich ohne sein Wissen in der Stadt herumtrieb. Wenn sie ihm die Wahrheit über ihren Aufenthalt in Imardin erzählt hatte, dann brachte sie ihn und die Familie mit ihren Streifzügen in Gefahr.

Er betrat das Gästezimmer, wo dem er sie untergebracht hatte, um sie möglichst auf Abstand zu halten. Trotz der Gefühle, die er noch immer für sie hegte, kam es ihm nicht richtig vor, mit ihr zu schlafen. All ihre Bemühungen, ihn zu verführen, hatte er bis jetzt erfolgreich abgeblockt.

So auch jetzt.

Savara saß in einer Holzwanne, das lange schwarze Haar bis auf ein paar lose Strähnen hochgesteckt. Alles unterhalb ihrer entblößten Schultern war mit Schaum bedeckt. Als sie Cery erblickte, schenkte sie ihm ein anzügliches Lächeln.

„Hallo, Ceryni. Möchtest du dich zu mir setzen?“

Cery verschränkte die Arme vor der Brust. Das Angebot hätte verlockend sein können, wäre er nicht so wütend und hätte sie nicht gerade sein Leben völlig durcheinandergebracht.

„Was fällt dir ein, dich in die Stadt zu schleichen?“, verlangte er zu wissen.

Sie machte ein Gesicht, wie ein Kind, das gerade gescholten wurde. „Es war hier so langweilig ohne dich. Seit Tagen sperrst du mich in einen dunklen Raum unter der Erde ohne jegliches Tageslicht. Die meiste Zeit bist du unterwegs und lässt mich hier allein. Ich habe das nicht mehr ausgehalten.“

Cery seufzte. Er musste ihr gegenüber jetzt hart bleiben. Auf ihre Schmeicheleien einzugehen, würde ihr nur in die Hände spielen.

„Savara, langsam fang’ ich wirklich Feuer. Wenn ich und meine Leute auf dich achten sollen, kannst du nicht einfach draußen rumspazieren, wie’s dir gefällt. Ich kann mich nicht ständig um dich kümmern. Ich hab jetzt ’ne sehr verantwortungsvolle Arbeit. Was, wenn du da draußen deinen Feinden direkt in die Arme läufst?“

„Wenn die, die hinter mir her sind, die Stadt erreichen, so werden deine Leute das erfahren. Bis dahin bin ich hier sicher.“

„Sie könnten aus den Gedanken der Stadtbewohner erfahren, dass du dich in Imardin versteckst, wenn sie hierher kommen“, sagte Cery. War ihr diese Gefahr denn nicht bewusst? Gerade sie musste das doch wissen! „Man sieht, dass du nicht von hier bist.“

„Ich kann auf mich aufpassen“, gab sie stur zurück. „Ich weiß, wie viel ich riskieren kann.“

„Hai!“, rief Cery. „Wenn das so ist, dann kannst du deine Sachen packen und dich anderswo vor den Leuten deines Königs verstecken. Du scheinst mich ja nicht zu brauchen.“

Er erschrak ob der Härter seiner Worte. Hätte er früher so mit ihr gesprochen, hätte er das auf der Stelle bereut. Doch er wurde das Gefühl nicht los, dass sie mit ihm spielte. Und wenn es nur war, um mehr von seiner Aufmerksamkeit zu erhaschen.

Wahrscheinlich stimmte ihre Geschichte und Savara wurde wirklich von ihren Landsleuten gejagt. Die Angst, die stets in ihren Augen stand, wenn dieses Thema aufkam, konnte nicht vorgetäuscht sein. Aber sie nutzte ihre Situation schamlos aus, damit sie beide sich wieder näher kamen.

„Es tut mir leid, Ceryni“, beteuerte Savara. „Bitte schicke mich nicht fort. Ich brauche dich. Wirklich.“

„Dann tu, was ich dir sage“, entgegnete er schroff. „Ich will dich nicht hier einsperren. Aber wenn du raus gehst, dann nur mit mir oder einem meiner Männer. Haben wir uns verstanden?“

Ein hinterhältiges Funkeln glomm in ihren Augen auf, verschwand dann jedoch sofort.

„Ja.“

Cery beschloss, Savara unter permanente Bewachung zu stellen, selbst wenn er seinen Leuten dafür eine Belohnung zahlen musste, weil sie es zusätzlich zu ihrer Arbeit als Stadtwachen taten. Solange es Savara nicht gelang, zu entwischen, konnte sie ihre Bewacher getrost bemerken. Cery hatte Wichtigeres zu tun, als den ganzen Tag persönlich auf sie aufzupassen.

„Vielleicht besänftigt es dich, wenn ich dir zeige, was ich mir bei meinem Ausflug Schönes gekauft habe“, sagte Savara mit einem unwiderstehlichen Lächeln.

Cery schnaubte. „Selbst, wenn ich’s nicht sehen will, würdest du’s mir zeigen.“

„Da könntest du recht haben.“

Sie griff nach dem Handtuch, das auf dem Stuhl neben der Badewanne lag, und erhob sich, ihm den Rücken zugewandt. Schaum rann die Rundungen ihres Körpers hinab. Ihre Rückseite war genauso verlockend wie ihre Vorderseite und Cery war sicher, sie war sich dessen wohlbewusst. Es kam ihm vor, als ließe sie sich absichtlich Zeit, das Handtuch um ihren Leib zu wickeln. Cery versuchte, sich davon nicht beeindrucken zu lassen. So leicht würde sie ihn nicht ins Bett kriegen.

Savara stieg aus der Wanne und trat zu einem Schrank. Ihm noch immer den Rücken zugedreht, ließ sie das Handtuch zu Boden gleiten. Sie nahm etwas Purpurfarbenes von einem Bügel und streifte es über. Zuletzt löste sie die Haare an ihrem Hinterkopf und ließ sie über die Schultern fallen.

Dann wandte sie sich zu ihm um.

Cery stockte der Atem. Sie sah hinreißend aus. Der Stoff war so dünn, dass die Konturen ihres Körpers darunter zu erkennen waren. Die Schultern waren unbedeckt und das Dekolleté sehr freizügig geschnitten. Der Saum reichte gerade einmal bis über ihr Gesäß.

Cery hatte Nenia bereits zwei dieser Nachthemden gekauft für, wenn sie über Nacht bei ihm blieb. Er musste jedoch zugeben, dass Savara darin weitaus besser aussah. Er musterte sie von oben bis unten. Wie hatte er nur vergessen können, dass sachakanische Frauen sämtliche überflüssige Körperbehaarung zu entfernen pflegten?

„Gefällt es dir?“

Er konnte nur nicken.

„Das hatte ich gehofft“, hauchte sie und machte einen Schritt auf ihn zu.

Cery verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wann willst du’s anziehen?“

„Im Bett“, antwortete sie, als sei das die natürlichste Sache der Welt. „Was hast du denn gedacht?“

Er zuckte die Schultern. „Keine Ahnung.“

Lass dich nicht von ihr um den Finger wickeln, ermahnte er sich, während sie langsam näher kam. Sein Verstand sagte ihm, dass es besser wäre, zu gehen. Doch er fühlte sich unfähig, sich zu bewegen. Ein Teil von ihm wollte seinem Verlangen einfach nachgeben und sie sich nehmen.

„Savara, lass das“, wies er sie zurecht, als sie vor ihm stand und seine Wange berührte.

„Warum?“, fragte sie mit unschuldiger Miene.

„Wir beide wissen, wo das endet.“

„ … und wir beide wollen, dass es so endet.“

„Nein!“, sagte er scharf. „Ich fall’ nicht nochmal auf deinen Charme rein.“

Sie schenkte ihm ein weiteres unwiderstehliches Lächeln. „Dafür ist es jetzt ein bisschen zu spät.“ Sie schlang die Arme um seinen Nacken und drängte sich ihm entgegen.

Cery spürte, wie ihm seine Argumente ausgingen. Sein Wille war ihm bereits abhandengekommen, wie er in einem Anflug von Resignation erkannte.

„Ich bin aber noch verärgert“, wandte er hilflos ein.

„Oh, gerade dann soll es am besten sein, habe ich gehört.“ Ihre Augen funkelten, als sie zu ihm aufsah. „Zeig mir, wie unartig ich war.“

„Du bist noch immer unartig“, murmelte er. Als er seine Lippen auf ihre drückte, nahm er sich vor, sie das auch spüren zu lassen. Wenn sie ihn herausforderte, dann hatte sie auch nichts anderes verdient.


***


Es war den ganzen Tag über so kalt gewesen, dass der Frost auf den Sträuchern und dem Rasen in ihrem Garten nicht getaut war. Eine kraftlose orangefarbene Sonne sandte ihre schwachen Strahlen durch die Gerippe der Bäume und diese trafen hier und da auf das Gras und die Hinterfront der Arran-Residenz.

Sonea stand auf der Mitte des Rasens, den Griff ihres Übungsschwertes fest mit beiden Händen umschlossen. Noch glaubte sie, sein Gewicht eine Weile gut aushalten zu können. Sie wusste indes, bis zum Ende ihrer Unterrichtsstunde würde sich das ändern. In der kalten Luft konnte sie ihren Atem sehen. Ohne Wärmeschild hatte sie längst zu frösteln begonnen und so musste sie sich auf ihre wollene Unterwäsche verlassen. Wenn diese Stunde jedoch so wie die letzte werden würde, würde sie schon bald ins Schwitzen geraten.

Sie warf einen Blick zu ihrem Mentor. In ihrem verwilderten Garten wirkte Akkarin in seiner schwarzen Robe wie ein finsterer Schatten und erinnerte Sonea an einen der Antagonisten aus den Abenteuergeschichten, mit denen sie Lesen gelernt hatte. Finster, aber elegant, fuhr es ihr durch den Kopf. Die Anmut, mit der er sein Schwert führte und es komplizierte Bögen und Schleifen in der Luft beschreiben ließ, als würde er gegen einen imaginären Gegner kämpfen, ließ erahnen, dass er nicht nur in dieser Kunst bewandert war, sondern auch über eine Kraft verfügte, die ihm die erforderliche Kontrolle seiner Bewegungen erlaubte.

Hätte Sonea nicht gewusst, dass auch er seine Grenzen und Schwächen hatte, hätte sie sich gefragt, ob es überhaupt etwas gab, was dieser Mann nicht konnte. In diesem Moment verspürte sie jedoch neben dem üblichen Respekt und ihrer Ehrfurcht tiefe Bewunderung.

Und einen leisen Neid.

Obwohl Sonea seine Entscheidung, diese Kunst zu lernen, anfangs nur zähneknirschend akzeptiert hatte, weil sie den Nutzen dahinter begriff, hatte sie nach wenigen Unterrichtsstunden begonnen, Gefallen daran zu finden. Akkarins Unterricht war anstrengend und anspruchsvoll und oft glaubte sie anschließend, ihre Arme nicht mehr gebrauchen zu können. Aber er überforderte sie auch nicht mit übertriebener Überlegenheit, wofür Sonea dankbar war.

„Konzentrier dich auf deine Übungen.“

Sonea zuckte zusammen. Wie hatte er ihre Blicke bemerkt, wenn er die ganze Zeit auf den imaginären Gegner vor sich konzentriert war?

„Ja, Mylord“, sagte sie unwillkürlich. „Aber ich habe das Gefühl, es nicht ganz richtig zu machen.“

„Das wird auch nicht besser, wenn du dir die Übung von mir abschaust. Du musst ein Gefühl für deine Waffe bekommen.“ Akkarin ließ sein Schwert sinken und wandte sich ihr zu. „Schließe deine Augen und fühle die Bewegungen“, wies er sie an.

Sonea gehorchte. Ohne ihre Augen konnte sie sich nur noch auf ihre übrigen Sinne verlassen. Als sie sich auf ihre Arme und deren stählerne Verlängerung, als die sie sich ihr Schwert vorstellte, konzentrierte, konnte sie allmählich spüren, welche Bewegungen ihr leicht fielen und sich richtig anfühlten und mit welchen sie sich schwertat. Sie spürte, wann sie ihr Schwert zu schnell fallenließ, wenn sie einen senkrechten Streich damit ausführte, und wie sein Gewicht ihr Mühe bereitete, wenn sie es von unten nach oben führte. Doch auch einige der schrägen Bewegungen fühlten sich irgendwie nicht geschmeidig an, wenn auch sie nicht hätte sagen können, warum.

„Genug.“

Sie öffnete die Augen. Akkarin stand vor ihr und musterte sie mit nachdenklich gerunzelter Stirn. „Was hast du gefühlt?“

„Die senkrechten Bewegungen sind entweder zu schnell oder zu langsam“, antwortete sie. „Wenn ich das Schwert nach unten führe, ist es, als hätte ich nicht genug Kontrolle darüber.“

Er nickte. „Das wird besser, wenn deine Muskeln sich an das Gewicht gewöhnt haben.“

Das klang einleuchtend, fand Sonea. Trotzdem befriedigte seine Antwort sie nicht. „Wie lange wird das dauern?“

„Das ist schwer zu sagen. Bei dir wird es vermutlich länger dauern, als bei deinen Klassenkameraden, weil du klein und zierlich bist. Jedoch hast du einen Vorteil, weil du an zwei Tagen pro Woche üben kannst. Was ist dir sonst noch aufgefallen?“

„Manche Bewegungen sind nicht flüssig, obwohl die Ausführung an sich richtig ist. Ich glaube aber nicht, dass es etwas mit dem Gewicht des Schwertes zu tun hat.“

„Das hat es auch nicht. Deine Haltung ist nicht ganz korrekt. Anstatt deinen Oberkörper gerade und aufrecht zu halten, bewegst du ihn mit dem Schwert mit. Das nimmt dir ein Stück deiner Beweglichkeit, die du auf Grund deiner Statur dringend brauchst.“

„Oh“, machte Sonea.

„Und du ziehst deine Schultern nicht zurück.“

Akkarin trat hinter sie und korrigierte ihre Haltung. Sonea spürte, wie er ihre Schultern nach hinten zog und mit einer Hand einen leichten Druck zwischen ihren Schulterblättern ausübte, woraufhin sie unwillkürlich ihre Brust herausdrückte.

„Und jetzt wiederhole die Übung.“

„Mit geschlossenen Augen?“

„Ja.“

Einen tiefen Atemzug nehmend schloss sie ihre Augen erneut. Dann hob sie ihr Schwert und begann die Übung erneut.

Während sie die Bewegungen ausführte, hielt Akkarin ihre Schultern weiterhin umfasst und stabilisierte sie, wenn sie drohte, ihren Oberkörper erneut zu viel zu bewegen, und lies sie auch dann nicht los, als sie Ausfallschritte nach vorne oder zur Seite machte.

„Spürst du den Unterschied?“, fragte er.

Sie nickte.

„Und fühlen deine Bewegungen sich jetzt besser an?“

„Ein wenig“, antwortete sie. „Aber auch ungewohnt.“

„Denk immer an deine Haltung, bis du die Übung im Schlaf beherrscht.“

Sonea wollte einwenden, dass sie sich in einem Duell nicht zugleich auf ihre Körperhaltung und die Ausführung ihrer Bewegungen konzentrieren konnte, hielt sich jedoch zurück. Sie kannte Akkarins Ansichten zu diesem Thema, er würde ihre Argumente nicht gelten lassen, weil sie für ihn nur Ausflüchte waren. Also richtete sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Übung.

Akkarin ließ sie los. Sonea konnte das Knirschen des gefrorenen Grases unter seinen Stiefeln hören, als er um sie herum schritt und sie wusste, dass er sie beobachtete. Irgendwo vor ihr blieb er stehen. Sie versuchte, sich nicht davon verunsichern zu lassen und sich weiter auf ihr Schwert zu konzentrieren.

„Vergiss nicht, deinen Oberkörper aufrecht zu halten“, ermahnte er sie.

Erkennend, dass sie wieder begonnen hatte, sich mitzubewegen, richtete sie sich auf und zog ihre Schultern zurück. Ohne seine Unterstützung war das schwieriger und sie musste sich wieder und wieder daran erinnern, die korrekte Haltung zu bewahren. Es wird noch lange dauern, bis ich das kann, fuhr es ihr durch den Kopf.

Plötzlich hörte sie das Geräusch von Metall auf Metall und im gleichen Augenblick spürte sie einen Widerstand. Sie hielt inne.

„Mach weiter.“

Sonea gehorchte. Akkarins Schwert traf erneut auf ihres, jedoch ohne große Kraft und nach und nach begann sie, den Sinn dieser Übung zu begreifen. Indem er nur auf ihre Bewegungen reagierte, zeigte er ihr, wo sie angreifen konnte und wo sie blocken musste. Zuerst machte sie die zu der Übung gehörenden Schritte nur zögernd, doch allmählich wurde sie sicherer. Als Antwort darauf wurden seine Hiebe allmählich kraftvoller.

„Du kannst deine Augen nun wieder öffnen.“

Sonea tat wie geheißen. Akkarin hatte sein Schwert sinken lassen und musterte sie anerkennend. „Das war schon viel besser, Sonea.“

„Vielen Dank, Mylord“, erwiderte sie plötzlich verlegen.

Akkarin sah hinüber zum Wald. Die Sonne war inzwischen hinter den Bäumen versunken, der Himmel im Westen war jedoch noch mit ihrem Leuchten erfüllt.

„Es ist noch Zeit, das heute Gelernte mit dem von letzter Stunde zu verknüpfen“, sagte er. „Was hältst du von einem kleinen Duell?“

Sonea betrachtete ihn zweifelnd. „Dass ich verlieren werde?“

„Das ist wahrscheinlich, aber ich werde es dir nicht allzu schwer machen.“

„Gegen dich zu verlieren?“

Akkarins Mundwinkel zuckten. Dann trat er zu ihr und legte eine Hand auf ihre Schulter. Sonea spürte, wie seine Magie sie durchströmte und einen Inneren Schild auf ihrer Haut errichtete. Sie wusste, sie würde ihn brauchen. Auch wenn ihre Schwerter stumpf waren, ging von den Hieben eine Wucht aus, die ziemliche Blessuren nach sich zog. Sonea fand, darauf konnte sie getrost verzichten.

Nachdem sie sich aufgestellt hatten, gab Akkarin das Kommando und sie begannen ihr Duell. Bisher hatten sie nur einzelne Techniken und Bewegungsabläufe im Kampf geübt. Mehrere davon miteinander zu verbinden, war indes neu und Sonea hoffte, sie würde dabei nicht völlig versagen.

Doch gleich Akkarins erster Angriff ließ ihren Mut schwinden. Nachdem sie die komplette Stunde über ein und dieselbe Übung gemacht hatte, hatte Sonea den Bewegungsablauf so sehr verinnerlicht, dass sie sich unfähig fühlte, einen anderen auszuführen.

„Versuch es noch einmal.“

Er wiederholte seine letzte Angriffstechnik. Sich wieder erinnernd machte Sonea einen Schritt nach vorne, als wolle sie in sein Schwert hineinlaufen und duckte sich im letzten Moment darunter weg. Sie sah sich jedoch außerstande, seine freie Seite zu treffen, weil die Ausweichbewegung ihr Schwert in eine ungünstige Position gebracht hatte.

„Nicht ducken“, sagte er. „Dadurch verlierst du dein Gleichgewicht.“

„Und wie soll ich dann unter dem Angriff hindurchkommen?“

„Geh in die Knie. Aber halte deinen Oberkörper dabei aufrecht.“

Er wiederholte den Angriff ein weiteres Mal. Ein Stöhnen unterdrückend ging Sonea in die Knie, darauf bedacht, ihren Oberkörper aufrecht zu halten. Jetzt konnte sie seine ungeschützte Seite erreichen, doch bevor es ihr gelang, ihr Schwert zu heben und ihre Beine zu strecken, hatte er sich weggedreht.

Sie wirbelte herum und versuchte, ihm nachzusetzen, ihr Schwert mit beiden Händen fest umschlossen. Doch sie war zu langsam. Akkarin blockte ihren Angriff. Sein nächster Hieb erfolgte mit einer Wucht, die Sonea instinktiv zurückweichen ließ. Sie war dankbar, dass Takan das lange Gras geschnitten hatte, nachdem Akkarin entschieden hatte, ihr Wahlpflichtfach in ihrem Garten zu unterrichten. Der Boden war auch so schon uneben genug, doch in einem richtigen Kampf würde das nicht anders sein. Die damit verbundene Herausforderung an Soneas Gleichgewichtssinn würde ihr indes im nächsten Halbjahr einen Vorteil bringen, wenn sie gegen ihre Klassenkameraden antrat.

Es dauerte nicht lange bis Sonea begriff, dass sie kaum Gelegenheit hatte, über ihre Techniken nachzudenken. Oft glaubte sie, dass Akkarin Angriffe führte, die er sie noch nicht gelehrt hatte, um ihre Kreativität zu testen, aber vielleicht sahen sie auch einfach nur anders aus, weil ihr Duell an Dynamik gewonnen hatte.

„Warum wehrst du dich nicht?“, fragte er, während er ihr nachsetzte. „Wir haben das doch vorhin geübt.“

Sonea wich zur Seite aus. „Du bist zu schnell“, keuchte sie.

„Und du lässt dich davon verunsichern.“ In einer eleganten Bewegung holte Akkarin aus, so schnell, dass es Sonea gerade noch gelang, ihr Schwert zu heben, bevor er sie in die Seite treffen konnte.

„Heh!“, entfuhr es ihr. „Das haben wir nicht geübt!“

„Du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass hin und wieder ein Angriff kommt, mit dem du nicht gerechnet hast.“ Er holte erneut aus. Sonea blieb keine Zeit, sich einen Weg einfallen zu lassen, wie sie sein Schwert blocken konnte, und wich weiter zurück. Ihr Rücken stieß gegen etwas Hartes und ein paar welke Blätter rieselten herab. Ihr entfuhr ein Laut der Überraschung und sie musste eine Hand von ihrem Schwertgriff lösen, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden.

„Ich würde sagen, die Runde geht an mich.“ Akkarin stand dicht vor ihr, die Spitze seines Schwertes war auf ihr Herz gerichtet. Er beugte sich vor und nahm ihr mit seiner freien Hand das Schwert ab. „Du bist entwaffnet.“

„Du hast unfair gekämpft!“, protestierte sie.

Er lachte leise. „Das solltest du doch inzwischen kennen.“

„Wie könnte ich das vergessen, wenn du mich jeden Tag daran erinnerst“, gab sie zurück.

Die eiskalte Spitze seines Schwertes berührte sachte ihre Kehle. „Ergibst du dich?“

Sonea starrte ihn an. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und auf ihrer Stirn hatte sich trotz der Kälte ein dünner Schweißfilm gebildet. Der Rausch, in dem sie sich während ihres Duells gewähnt hatte, verebbte und machte einem anderen Gefühl, das nicht minder berauschend war, platz und sie erkannte, das kam daher, dass es ihm gelungen war, sie in eine Situation zu bringen, in der sie ihm völlig ausgeliefert war.

„Ich bin dir doch schon völlig ergeben“, brachte sie hervor.

Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. „Ja, das bist du.“ Er ließ sein Schwert sinken. Für einen Augenblick glaubte Sonea, er würde die Gelegenheit nutzen, um sie gegen den Stamm des Pachibaumes zu drücken und zu küssen, doch dann trat er einen Schritt zurück. „Doch genug davon. Dazu werden wir später noch Zeit haben. Es wird dunkel und wir sollten uns noch darüber unterhalten, was du heute in Strategie gelernt hast, bevor Takan das Abendessen serviert.“

Er reichte ihr das Schwert zurück. Sonea nahm es entgegen und folgte ihm zur Veranda. Sie hatte keine Lust auf ihre allabendliche Diskussion über diesen ungeliebten Kurs, doch allmählich kroch die Kälte in ihre Glieder und sie sehnte sich danach, sich aufzuwärmen.

„Du würdest einen guten Piraten abgeben“, sagte sie, während sie den Rasen überquerten.

„Und was bringt dich zu diesem Schluss, Sonea?“

„Du scheinst ziemlichen Spaß zu haben, wenn wir mit dem Schwert kämpfen.“

„Es ist eine andere Art des Kämpfens als das Kämpfen mit Magie“, antwortete er. „Es erfordert eine andere Form der Kontrolle und schult die Sinne und Reflexe auf eine Weise, wie es der Kriegskunst nicht möglich wäre.“ Er lachte leise. „Tatsächlich glaube ich, den meisten Magiern würde diese körperliche Betätigung guttun.“

„Ist es dir denn nicht zu langweilig, gegen jemanden zu kämpfen, der dir hoffnungslos unterlegen ist?“, fragte sie.

Akkarin legte einen Arm um ihre Schultern. „Nein“, antwortete er. „Ich sehe es vielmehr als eine Herausforderung, mich mit jemandem zu duellieren, der so klein ist, wie du. Wenn mein Plan aufgeht, wird jeder ausgewachsene Krieger seine Schwierigkeiten mit dir haben.“

Sonea dachte daran, wie es wäre, einen Schwertkampf mit Garrel zu machen und lachte. „Also wenn das nicht ein Grund ist, besser zu werden!“
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