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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 10.544
 
Kapitel 28 – Der Geheimauftrag



Obwohl der Herbst bereits fortgeschritten war, waren die Tage noch immer angenehm warm. Die Winter in Elyne waren so mild, dass es Dannyl schien, als würde der Herbst direkt in den Frühling übergehen. Lächelnd blickte er vom Balkon seines Apartments in den terrassenförmig angelegten Garten der Botschaft der Gilde zu Capia, wo die Gan-Gan Büsche noch immer in voller Blüte standen.

In Kyralia wären sie längst verblüht, fuhr es ihm durch den Kopf, dankbar, in diesem Land eine neue Heimat gefunden zu haben. Sein Blick wanderte den sorgfältig gepflegten Rasen entlang und über die Gartenmauer zu der Stadt, die sich unterhalb der Botschaft ausbreitete. Zu jeder Jahreszeit verströmte Capia eine ganz besondere Ästhetik. Um diese Zeit war das Licht gedämpft, nahezu golden. Der blassgelbe Stein der Hauswände schimmerte im sanft gewordenen Sonnenschein und die Abende waren lang und dunsterfüllt.

Jetzt war jedoch später Nachmittag. Vom Meer zog ein feiner Nebel die Hänge herauf und das Licht der schrägstehenden Sonne färbte die an den Hügeln hängenden Wolken ockerfarben. Der Anblick bewegte etwas in Dannyl, was es ihm schwermachte, sich wieder seiner Arbeit zuzuwenden. Seufzend griff er nach seinem Weinglas und richtete seine Aufmerksamkeit dann wieder auf die Aussagen zweier benachbarter Dems, zwischen denen ein Streit um ihre Grenze entbrannt war. Streitigkeiten zwischen Nichtmagiern gehörten eigentlich nicht zu den Aufgaben eines Botschafters, doch das Gericht, vor dem dieser Streit ausgetragen wurde, hatte Dannyl auf Grund seines Verhandlungsgeschicks zu Rate gezogen. Er bemühte sich, diese Arbeit rasch hinter sich zu bringen, da er später noch mit Tayend in der Großen Bibliothek verabredet war.

Obwohl das Geheimnis um Lord Sadakane noch immer nicht gelüftet war, hatten sie inzwischen eine Theorie, wie die Bücher in den Besitz von Bel Fiores Familie gelangt waren. Die Rekonstruktion des Stammbaums der Bel hatte ergeben, dass einer ihrer Vorfahren ein Gildenmagier gewesen war. Das Interessante daran war, dass dieser Magier zu jener Zeit gelebt hatte, als die Gilde schwarze Magie verboten hatte. Dannyl und Tayend vermuteten, dass er Lord Sadakanes Bücher in weiser Voraussicht in Sicherheit gebracht und seinen Nachfahren vermacht hatte, welche die Bücher nur in den seltensten Fällen an ihre direkten Nachkommen weitervererbt hatten, sondern an das Familienmitglied, dem sie am meisten vertrauten.

Während die Bel sich mit unverwüstlichem Eifer mit ihrer Familiengeschichte beschäftigt hatte, hatte Tayend den Großteil seiner Zeit damit verbracht, die Abschriften der Bücher anzufertigen. Inzwischen hatte er fast die Hälfte der Bücher kopiert. Sobald er damit fertig war, würde Dannyl Originale und Kopien nach Imardin bringen.

Ein Teil von Dannyl bedauerte es, seinen Gefährten und die Bel nur noch in seiner Freizeit unterstützen zu können. Während ihm die Sitzungen der einflussreichsten Politiker Elynes im Jahr zuvor Freude bereitet hatten, ertappte er sich dieses Mal allenthalben dabei, wie er über sein Vorhaben nachdachte. Bei seiner Rückkehr von Dem Callenes Landgut hatte er sich gefragt, ob er sich eine aus einem weltverbesserlichen Idealismus resultierende Dummheit in den Kopf gesetzt hatte. Doch je mehr er alles durchdachte, desto sicherer war er. Es war seine Pflicht, die Bücher demjenigen auszuhändigen, der ihren Inhalt verantwortungsvoll behandeln würden.

Sein Diener Eland erschien in der Tür. „Botschafter Dannyl, Ihr habt Besuch“, sagte er und verneigte sich. „Er ist ein Magier und sagt, er sei gerade aus Kyralia eingetroffen.“

„Hat er seinen Namen genannt?“

„Nein, Botschafter.“

Dannyl runzelte die Stirn. Die Gilde hatte ihn nicht im Voraus über einen solchen Besuch informiert. Er fragte sich, was das zu bedeuteten hatte. Sie konnten unmöglich von den Büchern erfahren haben. Oder, sein Herz setzte einen Schlag aus, hatten sie herausgefunden, dass er und Tayend ein Paar waren?

Aber hätten sie mich dann nicht sofort nach Imardin beordert?

„Bring ihn zu mir“, wies er Eland an.

Sein Diener verschwand und kehrte wenig später mit einem Mann von kleiner Statur, der in rote Roben und eine dunkelblaue Schärpe gekleidet war, zurück.

„Auslandsadministrator Kito!“ Dannyl erhob sich, um seinen Gast zu begrüßen. „Ich grüße Euch. Euer Besuch kommt überraschend.“

Der Vindo neigte leicht den Kopf. „Ich hoffe, er kommt nicht ungelegen“, erwiderte er und lächelte.

Wie man es nimmt, dachte Dannyl. Sicher war Kito nicht den weiten Weg nach Capia gereist, um ihm einen Höflichkeitsbesuch abzustatten und über diplomatische Angelegenheiten zu plaudern.

„Bitte setzt Euch doch“, forderte er den Vindo auf und wies auf einen freien Stuhl. „Mein Diener wird Euch eine Erfrischung bringen, wenn Ihr wünscht.“

Der Auslandsadministrator blickte zu Eland. „Ein Glas Wasser, bitte.“

„Sofort, Mylord.“

„Also, Auslandsadministrator“, begann Dannyl, nachdem sein Diener das Gewünschte gebracht hatte und sie höfliche Belanglosigkeiten ausgetauscht hatten. „Was führt Euch nach Elyne? Und warum hat die Gilde mich nicht über Euer Kommen informiert?“

„Die Angelegenheit, wegen der man mich zu Euch geschickt hat, ist streng vertraulich“, antwortete Kito. „Ich habe eine diplomatische Mission zu erfüllen. Da Eure Fähigkeiten als Botschafter von allen Seiten gelobt werden, hat die Gilde angeordnet, dass Ihr mich bei dieser Mission begleitet.“

So, ich werde also für einen guten Botschafter gehalten, dachte Dannyl amüsiert. Angesichts der sich hartnäckig haltenden Gerüchte überraschte ihn das. Die Anerkennung in Kitos Stimme erschien ihm seltsam unpassend, da er von Kitos Ablehnung gegenüber seiner Neigung wusste. Die Worte des Auslandsadministrators hatten indes Dannyls Neugier erregt.

„Worum geht es bei dieser Mission?“, fragte er.

„Unsere Aufgabe ist es, einen Krieg zu verhindern.“

Lächelnd trank Dannyl einen Schluck Wein. „Dann kann ich Euch helfen.“

Kitos Miene wurde ernst. „Botschafter Dannyl, ich habe Eure Berichte über den Streit zwischen dem Großen Clan Koyhmar und den anderen Clans von Lonmar, den Ihr vor zwei Jahren erfolgreich geschlichtet habt, studiert“, sagte er. „Ich bin über Eure Fähigkeiten als Schlichter im elynischen Parlament im Bilde. Doch, diese Mission wird Eure bisherigen Taten in den Schatten stellen.“

Dannyl runzelte die Stirn. Wie meinte Kito das? Was konnte so viel bedeutsamer sein, als die Streitigkeiten zweier Clans? Plötzlich kam ihm ein entsetzlicher Verdacht. Nachrichten über das Geschehen in Imardin erreichten Capia seit dem Verbot der Gedankenrede mit einigen Wochen Verzögerung. Doch der Grund, weswegen die Gilde Kito zu ihm geschickt hatte, konnte nur ein einziger sein.

Dannyl wurde kalt. „Kito, was ist das für ein Krieg, den wir verhindern sollen?“, fragte er, obwohl er die Antwort bereits zu kennen glaubte.

Kito beugte sich vor und begegnete Dannyls Blick. Seine darauffolgenden Worte machten sämtliche von Dannyls Plänen für die nächsten Wochen und Monate zunichte.

„Ein Krieg zwischen Kyralia und Sachaka.“


***


Osen stöhnte gequält und hielt einen Moment inne. Rothen ahnte, dass er gerade dabei war, die Blasen unter seinen Füßen ein weiteres Mal zu heilen.

„Wie viele stehen noch auf unserer Liste?“

Rothen zog einen Zettel unter seinem Umhang hervor und warf einen Blick darauf. „Zwei sind noch übrig“, antwortete er. „Es freut Euch sicher zu hören, dass sie ihr Geschäft gemeinsam betreiben.“

Der Administrator stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Beim nächsten Mal nehmen wir eine Kutsche.“

Rothen unterdrückte ein Kichern. „Ihr solltet öfter hinter Eurem Schreibtisch hervorkommen“, riet er. „Etwas Bewegung tut jedem gut.“

„Dafür habe ich keine Zeit.“

Rothen betrachtete den Administrator mitleidig. Seit sie von den Plänen der Sachakaner erfahren hatten, wirkte er gestresster denn je. Er überlegte, Osen zu erklären, dass Bewegung auch eine heilende Wirkung auf ein gestresstes Gemüt hatte, entschied sich jedoch dagegen. Sein Gefühl sagte ihm, dass das dem Administrator nicht helfen würde.

„So schlecht, wie ich in Form bin, sollte ich vielleicht dankbar sein, dass Akkarin sich nicht auf das Duell eingelassen hat“, hörte Rothen seinen Begleiter murmeln.

Es war ein offenes Geheimnis zwischen ihnen, dass der Administrator den ehemaligen Hohen Lord zu einem Duell herauszufordern versucht hatte. Zu Rothens Erleichterung hatte dieser Vorfall nicht die Runde in der Gilde gemacht. Allerdings waren nur er, Akkarin und Osen selbst bei der Herausforderung anwesend gewesen und keinem von ihnen war daran gelegen, dass Osens plötzlicher Anflug von Jähzorn in der Gilde die Runde machte. Rothen hatte einzig Sonea davon erzählt, weil sie der Anlass für die Herausforderung gewesen war.

„Man weiß immer erst hinterher, ob und wofür etwas gut gewesen ist, wenn es sich nicht so entwickelt hat, wie man es gewollt hat“, sagte Rothen.

Der Administrator schüttelte leicht den Kopf. „Ich weiß auch nicht, was mich dazu getrieben hat“, sagte er mehr zu sich selbst als zu Rothen. „Er macht mich immer so wütend.“

Dann hätte er seinem Ärger zumindest in der Arena Luft machen können, dachte Rothen. Nur, dass die ganze Gilde dabei zugesehen hätte.

„Dafür hat er wahrhaftig ein Talent“, stimmte Rothen zu.

Sie bogen in eine Straße ein, die von einer der betriebsamen Haupteinkaufsstraßen, abzweigte. Rothen atmete auf, als er sah, dass die Straße zu eng für größere Vehikel war und sämtliche Passanten zu Fuß unterwegs waren. Die meisten Fahrer nahmen auf Passanten keine Rücksicht, wenn sie nicht offenkundig zur Gilde gehörten. Er und Osen hatten ihre Roben jedoch unter Umhängen verborgen, um unerkannt zu bleiben, weswegen sie mehrmals fast überfahren worden wären.

Seit dem Vormittag durchstreiften sie die Stadt, um regelmäßig nach Sachaka reisende Händler als Spione zu rekrutieren. Entgegen Rothens Erwartungen waren sie dabei überraschend erfolgreich gewesen. Da sie auf Grund ihrer Tarnung auf eine Kutsche verzichteten, forderte der Ausflug allmählich seinen Tribut. Besonders der Administrator war längere Fußmärsche offenkundig nicht gewohnt, doch auch Rothen war nach dem langen Tag müde und freute sich auf sein Zuhause und eine Tasse Sumi.

„Vielleicht sollte ich mir einen Assistenten zulegen“, überlegte Osen gerade halblaut.

„Dann hättet Ihr in jedem Fall mehr Freizeit.“ Der junge Administrator schien nur für seine Arbeit zu leben. Wenn er nicht bald etwas daran änderte, würden seine besten Jahre an ihm vorbeiziehen. Allerdings hatte sein Vorgänger es ihm nicht anders vorgelebt.

Vor einem kleinen Geschäft blieben sie stehen. Im Schaufenster waren Simba-Matten in den verschiedensten Größen und Farben ausgestellt. Über der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift Tonvar & Perril.

Osen stieß die Tür auf und sie traten in das Dunkel des Ladens.

Ein Mann mittleren Alters eilte auf sie zu. „Guten Tag, meine Herren, was kann ich für Euch tun?“, fragte er.

„Solstan von Perril“, sagte der Administrator seinen Umhang ein Stück öffnend. „Ich wünsche Euch einen guten Tag. Sicher erinnert Ihr Euch noch an mich und meinen Kollegen.“

Der Händler kniff die Augen zusammen und betrachtete die beiden Männer in seinem Geschäft. Dann weiteten sich seinen Augen. „Der Administrator der Gilde und Lord …“, er zögerte.

„Rothen“, half Rothen mit einem Lächeln nach.

„Ah richtig, Lord Rothen!“ Solstan verneigte sich übertrieben. „Wie komme ich zu der Ehre? Sicher seid Ihr nicht hier, um Simba-Matten für die Gilde zu kaufen.“ Er runzelte die Stirn und seine Augen leuchteten hoffnungsvoll auf. „Oder doch?“

„Wir sind hier, um Euch ein Geschäft anzubieten“, sagte Osen. „Ist Euer Kollege Jarrel hier?“

„Er ist hinten im Lager.“ Der Händler wies nach hinten. „Ich gehe ihn holen.“

„Ich denke, wir sollten alle nach hinten gehen“, schlug Rothen vor. „Dort lässt es sich besser reden.“

„Ist sonst noch jemand im Laden?“, fragte Osen.

Solstan schüttelte den Kopf.

„Dann schließt bitte den Laden.“

Der Händler zögerte verunsichert. Dann blitzte Neugier in seinen Augen auf. „In Ordnung.“ Er sperrte die Ladentür ab und hing ein Schild mit der Aufschrift geschlossen ins Fenster. Dann bedeutete er den beiden Magiern, ihm zu folgen.

Rothen und Osen traten in einen engen Flur, von dem mehrere Türen abzweigten. Eine Treppe wand sich hinauf in das obere Stockwerk.

„Jarrel!“, rief Solstan. „Komm ins Büro! Wir haben Besuch!“

Schritte erklangen und Solstans Kollege tauchte aus einer der Türen auf. Solstan erklärte ihm mit wenigen Worten, wer sie waren. Die Augen seines Partners weiteten sich, dann verneigte er sich vor Rothen und Osen.

Solstan bedeutete den ihnen, ihm ins Obergeschoss zu folgen. Sie durchquerten einen kurzen Flur und betraten einen Raum, der offenkundig als Büro diente.

„Setzt Euch“, sagte der Händler auf eine Gruppe von Sesseln deutend. „Kann ich Euch etwas zu Trinken anbieten?“

Die beiden Magier verneinten und setzten sich den Händlern gegenüber.

„Als Ihr vor etwas mehr als einem Monat bei uns wart, habt Ihr erwähnt, Euer Sachakanisch wäre nur mäßig gut“, begann Osen.

„Das ist richtig, Administrator“, antwortete Solstan.

„Die Gilde bietet Euch einen Sachakanisch-Kurs an, der von einem unserer Magier geleitet wird, der die Sprache fließend beherrscht. Ihr werdet davon bei Eurer nächsten Reise profitieren.“

„Und was kostet dieser Kurs?“, fragte Jarrel misstrauisch.

„Nichts“, antwortete der Administrator. „Einzig einen Gefallen, den Ihr uns tun müsst, wenn Ihr das nächste Mal nach Arvice reist.“

Die beiden Händler blickten ihn und Osen jetzt voll Neugier an.

„Kommt darauf an, was für ein Gefallen das ist“, sagte Solstan glatt.

„Alles, was Ihr tun müsst, ist Euch ein wenig umzuhören, wie Ihr es bei Eurem letzten Besuch getan habt“, erklärte Osen. „Die Gilde möchte mehr über die Absichten der Sachakaner erfahren. Ob sie noch immer planen, uns anzugreifen, wie viele Ashaki König Marika bereits für diese Idee begeistert hat, wann sie uns angreifen und dergleichen.“ Er lächelte schief. „Ihr versteht schon.“

„Ihr wollt also, dass wir für Euch die Sachakaner ausspionieren?“, fasste Solstan zusammen.

„Richtig“, antwortete der Administrator. „Für die Gilde sind diese Informationen sehr wichtig, damit wir uns auf einen möglichen Krieg vorbereiten können. Ich muss sicher nicht erwähnen, was passiert, wenn die Sachakaner uns tatsächlich angreifen?“

Die beiden Simba-Matten Händler schüttelten ihre Köpfe.

„Um uns zu helfen, müsst Ihr Eure Kenntnisse der sachakanischen Sprache verbessern. Die Sachakaner werden, wenn überhaupt, nur in ihrer Sprache über dieses Thema sprechen. Wir brauchen diese Informationen jedoch unbedingt.“

„Könnt Ihr nicht ein paar Eurer Magier entsenden?

„Wir brauchen jeden unserer Leute für die Vorbereitungen“, sagte Rothen bedauernd. „Zudem ist das Risiko der Enttarnung für einen von uns zu groß.“

„So ein Auftrag ist doch sicher gefährlich“, sagte Jarrel zögernd.

„Nicht gefährlicher als die Reise nach Arvice es für Nichtmagier ist“, entgegnete Osen glatt. „Zumindest, solange Ihr Eure Absichten nicht offenbart. Zu Eurer Sicherheit werdet Ihr zudem in den Grundlagen des Spionierens unterrichtet, sofern Ihr einwilligt.“

„Ihr würdet Euch auf ein paar Veränderungen einstellen müssen“, fügte Rothen hinzu. „Ihr würdet nach Arvice aufbrechen, sobald Eure Ausbildung beendet ist und solange dort bleiben, wie die Gilde Euch dort benötigt, oder Euren Aufenthalt verantworten kann. Selbstverständlich wird der dadurch entstehende Ausfall Eurer Geschäfte großzügig entlohnt.“

„Wie viel würde uns das einbringen?“, fragte Solstan.

„Vierhundert Goldstücke“, antwortete der Administrator. „Für jeden. Nach der erfolgreichen Ausführung des Auftrags.“

Die beiden Simba-Matten Händler tauschten einen bedeutungsvollen Blick. Rothen konnte beinahe erraten, was sie dachten. Diese Summe war der Gewinn eines ganzen Jahres. Ohne die Unterstützung des Königs hätte die Gilde ihre Spione nicht mit solch großen Summen ködern können. Niemand wusste, wie lange dieser Mission dauern oder wie gefährlich sie werden würde. Die Händler würden länger als sonst in Arvice bleiben, um möglichst viel über die Pläne der Sachakaner zu erfahren.

„Warum wir?“, fragte Solstan.

„Weil Ihr schon mehrfach in Arvice wart“, antwortete Osen. „Niemand würde zwei Simba-Matten Händler als Spione verdächtigen.“

Solstan und Jarrel tauschten einen weiteren Blick. „Wir machen es.“

Der Administrator lächelte. „Das freut mich zu hören. Es versteht sich von selbst, dass Ihr niemandem von Eurem Auftrag erzählt. Nicht einmal den anderen Teilnehmern des Sprachkurses. Denn die Sachakaner könnten durch sie erfahren, was Ihr für die Gilde tun sollt.“

„Es werden noch andere an dem Sprachkurs teilnehmen?“, fragte Solstan.

„Es gibt auch andere Händler, die ihr Sachakanisch verbessern wollen“, antwortete Osen. „Die Gebühr, die sie für den Kurs bezahlen, wird in Eure Bezahlung einfließen.“

Das war eine glatte Lüge. Doch die beiden Händler schienen sie jedoch nicht zu durchschauen. Sie waren viel zu aufgeregt von der Vorstellung, für so viel Geld ein wenig in Sachaka zu spionieren. Tatsächlich hatten Rothen und Osen diese Geschichte auch den anderen Rekruten erzählt. Es fehlte ihnen die Zeit, sie getrennt voneinander Sachakanisch zu lehren. Die höheren Magier hatten dieses Thema zu Rothens Frustration lange diskutiert. Nur widerwillig waren sie schließlich zu dem Schluss gekommen, jeder Gruppe vorzugaukeln, die einzige zu sein. Merins eigene Spione würden die Gruppen separat an unterschiedlichen Orten in ihrem Handwerk unterrichten.

„Jeder Magier in Sachaka ist ein schwarzer Magier und kann Eure Gedanken lesen“, fügte Rothen warnend hinzu. „Wenn Ihr mit jemandem über Euren Auftrag sprecht, bringt Ihr dadurch nicht nur Euch selbst in Gefahr, sondern auch die anderen Händler. Von Kyralia ganz zu schweigen.“

Und das war ein Argument, das immer funktionierte.


***


Die Strahlen der Abendsonne fielen fast waagerecht durch die kahlen Gerippe der Bäume und ließen den Schnee hier und da aufleuchten. In den tiefen Tälern hatte sich weißer Dunst gebildet, der allmählich die Hänge hinauf kroch und eine eisige Nacht verhieß.

Dorrien schüttelte sich und gab ein wenig mehr Energie in seinen Wärmeschild. Er war auf dem Heimweg von einem Krankenbesuch in Oberjoch, wo er die letzte Nacht verbracht hatte. Der Bilddarm des achtjährigen Sohnes eines Wildhüters hatte sich entzündet gehabt. Als Dorrien eingetroffen war, war der Blinddarm bereits geplatzt. Es hatte viel Magie und Heilkunst gebraucht, um den Jungen zu retten. Anschließend war Dorrien zu erschöpft gewesen, um zurückzureiten und die Familie des Waldhüters hatte ihn daher in ihrem Haus übernachten lassen. Am Morgen hatte Dorrien seinen Patienten noch einmal untersucht und nachdem feststand, dass er wieder genesen würde und kein anderer in Oberjoch seiner Dienste benötigte, war er nach Windbruch zurückgeritten.

Sein Aufbruch am vergangenen Morgen war in aller Eile erfolgt. Inzwischen fragte er sich, ob es nicht besser gewesen wäre, Viana mitzunehmen. Sie hätte ihm assistieren können. Auch ohne den Einsatz von Magie hätte sie bei diesem Ausflug etwas gelernt. Aber dazu hätte er Kullen Bescheid sagen müssen. Der Reberhirt wäre nicht sehr begeistert von der Idee gewesen, dass Dorrien seine Tochter zu einem Patienten außerhalb von Windbruch mitnahm. Nicht nach ihrer Entführung durch einen schwarzen Magier. Es hätte eine hitzige Diskussion gegeben und Dorrien hätte wertvolle Zeit verloren.

Es ist besser so, dachte er. In Windbruch kann Viana genug lernen. Das Dorf war klein, aber oft genug wurden Leute oder ihr Vieh krank oder verletzten sich bei ihrer Arbeit. Solange Viana noch nicht der Gilde beigetreten war, musste Dorrien die Wünsche ihres Vaters respektieren.

Hoffentlich zürnt Viana mir nicht, weil ich ohne ein Wort verschwunden bin, dachte Dorrien dann. Beim nächsten Mal würde er eine kurze Notiz für sie hinterlassen. Ihre Kenntnisse im Lesen würden bald dazu ausreichen.

Vor ihm tauchten die ersten Häuser von Windbruch auf. Aus den Schornsteinen auf den schneebedeckten Dächern stieg Rauch senkrecht in den blauen Himmel auf. Die Dorfbewohner, denen Dorrien begegnete, grüßten ihn freundlich. Er hatte damit gerechnet, dass Viana vor seiner Tür auf ihn warten würde. Auf die beiden rotgewandeten Männer war er indes nicht vorbereitet.

Was könnten zwei Krieger hier wollen?, fragte er sich. Noch nie hatte jemand aus Imardin gekommen ihn hier besucht. Nicht einmal sein Vater. Dann setzte sein Herz einen Schlag aus. Wilderte wieder ein Sachakaner in den Bergen?

„Guten Tag“, grüßte er und stieg von seinem Pferd.

„Dorrien!“, rief einer der Krieger.

Dorrien erkannte seinen alten Freund Kayan. Der andere Magier war ihm indes fremd. Er runzelte die Stirn. Er hatte erwartet, Kayan in Begleitung von Darren zu sehen, da die beiden für gewöhnlich unzertrennlich waren.

„Die Dorfbewohner sagten uns, du wärst gestern in aller Eile fortgeritten.“ Sein Freund wies auf den anderen Mann. „Das ist übrigens Lord Solkin.“

„Es gab einen Notfall.“ Dorrien nickte dem anderen Krieger zu. „Wollt ihr mit ins Haus kommen? Dann können wir uns in aller Ruhe unterhalten.“

Die beiden Krieger nickten. Dorrien öffnete die Haustür und, nachdem er sein Pferd fortgebracht hatte, folgte er ihnen ins Haus. Kayan und sein Begleiter hatten sich bereits an seinen Tisch gesetzt.

„Seid ihr hungrig?“, fragte Dorrien, während er eine Wärmekugel schuf, um die eisige Luft in seiner Stube aufzuwärmen.

Kayan und Solkin nickten.

„Ich kann euch Suppe und Brot anbieten – leider beides von vorgestern. Und heißen Würzwein, wenn ihr wollt.“

„Klingt gut“, sagte Kayan.

Das Essen und der Wein waren rasch erwärmt. Auch Dorrien war nach dem langen Ritt hungrig und tat sich eine große Portion Suppe auf.

„Was treibt euch her?“, fragte er, nachdem er und die Krieger ihren größten Hunger gestillt hatten.

„Die Gilde schickt uns, um in deiner Gegend zu patrouillieren“, erklärte Kayan. „Für den Fall, dass die Sachakaner wieder versuchen, uns auszuspionieren.“

Dorrien runzelte die Stirn. „Ausspionieren? Die Sachakaner wissen, dass die Gilde schwarze Magie verbietet. Wozu brauchen sie noch Spione?“

„Es geht um unsere Grenze. Der Magier, den wir vor ein paar Wochen gefangen haben, war nur einer von mehreren Spionen, die der sachakanische König geschickt hat, um unser Grenzgebiet auszukundschaften. Nur haben wir von den anderen nichts mitbekommen, weil sie nicht auf die Idee gekommen sind, Kyralier als Beute mit nach Hause zu nehmen. Aber davon weißt du noch gar nichts, oder?“

„Nein.“ Die Neuigkeiten verstörten Dorrien. „Hätte ich das?“

Kayan schlug sich vor die Stirn. „Stimmt!“, rief er. „Du bist damals ja gar nicht mit nach Imardin gekommen.“

„Weil ich mich um meine Leute kümmern musste“, erinnerte Dorrien. Doch das war nur die halbe Wahrheit.

Ich liebe dich. Ich schenke dir meine ganze Liebe. Für immer.

Er trank einen Schluck Würzwein. „Hat die Gilde herausgefunden, warum der König von Sachaka unsere Grenze ausspioniert?“

„Weil er Krieg will“, antwortete Solkin. „Soweit wir wissen, versucht er die Ashaki zu vereinen, um eine Armee gegen uns aufzustellen. Angeblich spielt er sogar mit dem Gedanken, sich mit den Ichani zu verbünden. Nachdem Lord Akkarin und Sonea im Sommer gleich acht von ihnen erledigt haben, will er sichergehen, dass er uns auch wirklich besiegen kann. Er sieht dies als seine Chance, sich für die Erschaffung der Ödländer zu rächen.“

Der bittere Stich, den Dorrien sonst immer bei der Erwähnung von Sonea und dem Mann, der sie ihm weggenommen hatte, verspürte, blieb dieses Mal aus. Die Neuigkeiten, die Kayan und sein Gefährte brachten, verstörten ihn zutiefst. Über einen möglichen Krieg war bereits nach der Schlacht von Imardin gemunkelt worden, aber damals hatte er geglaubt, die Furcht der Magier vor den Sachakanern würde diese Gerüchte schüren. Nachdem die Gilde den Sachakaner namens Ikaro gefangen hatte, war Dorrien sicher gewesen, die Bergbewohner könnten nun wieder in Sicherheit leben. Jetzt musste er indes feststellen, dass der Frieden, in dem er sich gewähnt hatte, nur Schein gewesen war.

„Dann werde ich von jetzt an die Augen offenhalten“, versprach er. Und Viana nicht zu Visiten in anderen Dörfern mitnehmen, fügte er in Gedanken hinzu. Nicht, solange diese Gefahr nicht gebannt ist. Sie soll nicht noch einmal das gleiche Schicksal erleiden. Dorrien würde diese Neuigkeiten den Menschen von Windbruch nicht vorenthalten. Wenn die Sachakaner kamen, würden die Siedlungen in der Nähe der Pässe zuerst in Gefahr sein. Wahrscheinlich würden sie diese Neuigkeiten mit der sturen Gelassenheit der Bergbewohner aufnehmen und sich darauf vorbereiten, sich tiefer ins Gebirge zurückzuziehen, wo sie einer Entdeckung für längere Zeit entgehen konnten.

„Dorrien, wir sind nicht nur hergekommen, um dir davon zu erzählen“, sagte Kayan. „Wir wollten dich fragen, ob du einen guten Spurenleser kennst, der uns begleitet.“

„Der Beste, den ich kenne, ist unser Dorfschmied Loken“, antwortete Dorrien. „Er ist ein sehr guter Jäger. Ich kann euch gerne zu ihm bringen, aber ich weiß nicht, ob er entbehrlich ist. Sicher werdet ihr nicht nur ein paar Wochen durch die Berge ziehen.“

„Wir werden solange patrouillieren, wie die Gilde es wünscht“, sagte Solkin.

„Dann wären ein paar richtige Jäger vielleicht besser. Die Besten auf dieser Seite des Passes findet ihr in Hohenklüfte. Sie sind sowieso die meiste Zeit unterwegs. Wenn ihr Leute braucht, die sich im Hochgebirge auskennen, seid ihr dort genau richtig.“

„Kannst du uns den Weg dorthin beschreiben?“, fragte Kayan.

„Ja. Ich kann euch auch erklären, wie ihr die anderen Dörfer findet, die in eurem Gebiet liegen.“

„Das wäre gut“, sagte Solkin. „Wir haben zwar eine Karte von der Gegend, aber sie enthält nur die größeren Siedlungen.“

„Das ist noch besser!“, rief Dorrien. „Dann werde ich euch die Dörfer darauf einzeichnen. Doch nun erzählt, was es sonst noch Neues aus Imardin gibt. Und was ist mit Darren? Patrouilliert er in einem anderen Gebiet?“

Das Gesicht seines Freundes verdüsterte sich. Und Dorrien befiel eine böse Vorahnung.

„Auf dem Rückweg nach Imardin hat der Sachakaner ihn getötet“, antwortete Kayan. „Ich weiß, ich hätte es dir sofort sagen sollen. Aber ich bin nicht gut in solchen Dingen.“ Er zog einen Brief aus seiner Robe. „Das hat dein Vater mir für dich mitgegeben. Ich soll dir von ihm ausrichten, dass es ihm leidtut.“

„Aber …“, begann Dorrien fassungslos. Er konnte nicht glauben, was sein Freund da sagte. „Akkarin hat den Sachakaner doch bewacht …“ Dann wurde ihm der Sinn seiner eigenen Worte bewusst. „Dieser Bastard!“, zischte er. „Die Gilde hat ihn dafür doch hoffentlich bestraft, oder?“

„Es war unsere Schuld“, sagte Kayan beschwichtigend. „Wir hatten eine solche Angst vor dem Gefangenen, dass wir Akkarin die ganze Arbeit überlassen haben. Er – lies einfach den Brief, Dorrien.“

Wortlos nahm Dorrien den Brief entgegen und studierte ihn. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Darrens Tod traf ihn zutiefst. Sie waren Freunde gewesen, wenn auch nicht so eng wie Darren und Kayan. Wie schrecklich musste Kayan sich jetzt fühlen? Musste er sich nicht die Schuld geben, weil er glaubte, seinen Freund im Stich gelassen zu haben?

„Deine Angst vor dem Sachakaner ist völlig verständlich“, versuchte er seinen Freund zu trösten. „Ich habe ihn tagelang verfolgt und weiß, was für eine Bestie er war. Gib dir nicht selbst die Schuld an seinem Tod.“

„Das versuche ich“, sagte Kayan. Als er aufsah, war sein Blick hart. „Es ist nur so, dass ich den Sachakaner am liebsten eigenhändig getötet hätte.“


***


Sonea räumte die letzten Utensilien, die sie für das Experiment benötigt hatte, in das Regal an der Kellerwand. Etwas Seltsameres hatte sie noch nie zuvor getan. Aber sie hatte auch noch nie zuvor ein Experiment durchgeführt, für das schwarze Magie benötigt wurde.

Für den Anfang war es nur ein einfaches und wenig gefährliches Experiment gewesen. Nachdem sie aus den Büchern einige erste Informationen über die Eigenschaften von Speichersteinen zusammengetragen hatten, hatte Akkarin begonnen, sie mit den Unterschieden schwarzmagischer Experimente gegenüber denen der Alchemie vertraut zu machen. Sonea musste diese Grundlagen lernen, bevor sie ihm ernsthaft helfen konnte.

„Soll ich protokollieren, was wir gemacht haben?“

„Selbstverständlich.“

Akkarin lehnte an der gegenüberliegenden Wand, die Arme vor der Brust verschränkt, und musterte sie mit zusammengezogenen Augenbrauen. Die Strenge in seiner Stimme ließ Sonea aufhorchen. Sie begegnete seinem Blick.

„Habe ich etwas falsch gemacht?“

„So würde ich das nicht ausdrücken.“

Sie schüttelte verständnislos den Kopf. Wenn sie in der vergangenen Stunde einen Fehler gemacht hatte, warum hatte er ihr das dann nicht sofort gesagt? Sie hatte schwarze Magie noch nie auf diese Weise benutzt. Er konnte unmöglich von ihr verlangen, dass sie auf Anhieb wusste, was zu tun war!

„Sonea, ich habe heute mit Lord Daron gesprochen“, begann Akkarin. „Deine Noten in Strategie lassen zu wünschen übrig. Den Test vergangene Woche hast du nur knapp bestanden. Kannst du mir das erklären?“

Sonea erstarrte. Damit hatte sie am allerwenigsten gerechnet. Auch wenn sie geahnt hatte, dass dieses Thema irgendwann zur Sprache kommen würde. Spätestens zu den Winterprüfungen wären ihm ihre Schwierigkeiten in diesem Kurs aufgefallen.

Sie wusste, die Gilde nahm Akkarins Zeit momentan sehr in Anspruch. An den Vormittagen war er oft in mehrstündigen Besprechungen, in denen die höheren Magier Maßnahmen gegen die Sachakaner diskutierten. Nach allem, was er darüber erzählte, drehten sich die Diskussionen im Kreis. Er sah es dennoch als seine Pflicht daran teilzunehmen wohl, damit die höheren Magier nicht irgendeine Dummheit planten.

Inzwischen unterrichtete Akkarin sie in drei verschiedenen Kursen, die alle eine gewisse Vorbereitung erforderten. Dasselbe galt für den Sprachunterricht für die Spione der Gilde. Jeden Abend nahmen Sonea und Akkarin einander ihre Magie, um zu lernen, den Kraftfluss aufzuhalten, und diskutierten über die Bücher aus der Truhe. Nichts davon lief sehr erfolgreich, auch wenn Akkarin inzwischen die Gedankenrede benutzen konnte, wenn Sonea seine Kraft nahm.

Trotz all dem hatte er offenkundig nicht vergessen, sich bei ihren Lehrern nach ihren Leistungen zu erkundigen. Sonea war nie wirklich bewusst gewesen, dass er das tat. Aber sie war auch noch nie so schlecht in einem Kurs gewesen. Sie fühlte sich, als habe er sie bei dem Bruch einer Regel ertappt.

„Es tut mir leid“, sagte sie. Mit einem Mal fürchtete sie ihn wieder, jedoch auf eine unangenehme Weise, die nichts mit der Furcht zu tun hatte, die ihn für sie so attraktiv machte. „Strategie ist so … schwer. Ich verstehe es einfach nicht. Diese ganzen Feldzüge sind so verwirrend, ich begreife nicht, wo die Unterschiede sind. Die meisten Texte sind auf Alt-Kyralisch geschrieben. Ich weiß, einige Bücher aus der Truhe sind auch in Alt-Kyralisch, doch ich verstehe sehr viel mehr, wenn ich sie lese. Und der Unterricht … nun, das wisst Ihr selbst.“

Akkarin seufzte. „Sonea, all diese Dinge hätte ich dir erklären können. Warum hast du mich nicht gefragt?“

Sie kniff die Lippen zusammen und schwieg.

„Dein Stolz. Natürlich. Das hätte ich mir denken können.“ Akkarins Stimme klang amüsiert, doch als er fortfuhr, war sie umso strenger. „Beim nächsten Mal wirst du dich sofort an mich wenden.“

„Ja, Lord Akkarin“, sagte sie leise.

„Ich hätte dir helfen können, deine Noten bis zu den Winterprüfungen zu verbessern“, fuhr er unbeirrt fort. „Jetzt wird das auf Grund der mangelnden Zeit schwierig. Die Prüfungen sind bereits in einem Monat.“

„Ich finde es nicht richtig, unsere persönliche Beziehung auszunutzen, um gute Noten zu bekommen“, protestierte Sonea. Es würde kein Geheimnis bleiben. Die Novizen, mit denen sie inzwischen gut auskam, würden sie auslachen und verachten, weil ihr Verlobter ihr Nachhilfe gab. Und jeder würde es als einen Beweis ansehen, dass intime Beziehungen zwischen Mentor und Novize nicht funktionieren konnten. Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Konnte der König seine Erlaubnis wieder rückgängig machen, wenn er davon erfuhr?

„Als dein Mentor ist es meine Aufgabe, deine Lernschwächen aufzudecken und sie zu beheben“, entgegnete Akkarin ungerührt. „Täte ich das nicht, dürften die höheren Magier meine Kompetenz anzweifeln.“

„Früher wäre Euch das nicht eingefallen“, gab sie zurück.

„Nein“, stimmte er zu. „Es wäre reine Zeitverschwendung gewesen, das auch nur zu versuchen. Du wärst vor Furcht wie gelähmt gewesen. Der Lerneffekt dabei wäre gleich null gewesen.“

Sonea funkelte ihn an. Musste er sie daran erinnern?

„Ich werde tun, was nötig ist, damit du bei den Winterprüfungen akzeptabel abschneidest. Es wird mich nicht kümmern, ob dir das gefällt. Wenn es wirklich zu einem Krieg zwischen Kyralia und Sachaka kommt, dann solltest du Strategie beherrschen.“

Sonea zuckte zusammen. In all ihrem Ärger über diesen ungeliebten Kurs hatte sie nie darüber nachgedacht, dass ihr dieses Wissen nützlich sein könnte.

Wenn dieses verfluchte Fach wirklich so wichtig war, dann tat sie wahrscheinlich besser daran, es zu verstehen. Sonea hatte auf schmerzhafte Weise gelernt, dass man sich in einem Kampf keine Fehler leisten durfte. Jede falsche Entscheidung, jede verspätete Reaktion, jedes unangemessene Gefühl hatte das Potential ein Leben zu kosten. Trotzdem hätte sie jeden anderen Kurs der Strategie vorgezogen.

Sie erinnerte sich an das Versprechen, das Akkarin ihr zu Beginn des Halbjahres gemacht hatte. Wir dürfen nicht ausschließen, dass einer von uns in einem Kampf gegen einen schwarzen Magier stirbt, hatte er gesagt. Aber ich werde mein Möglichstes tun, um das zu verhindern. Auch wenn du mich von nun an hasst, weil du mich in Kriegskunst ertragen musst.

Dann werde ich freiwillig durch diese Hölle gehen, hatte sie erwidert. Anscheinend schloss diese Hölle auch das hier mit ein.

Akkarin nickte kaum merklich. „Ich habe nichts gegen deinen Stolz“, sagte er. „Im Gegenteil, er macht dich zu etwas Besonderem. Aber ich erwarte, dass du deinen Stolz ablegst, wenn er unangemessen ist.“

Sonea sah herausfordernd zu ihm auf. Er hatte einen wunden Punkt getroffen und das gefiel ihr nicht. Sie ärgerte sich, weil er im Recht war.

Akkarins Miene wurde missbilligend. „Und ich erwarte etwas mehr Respekt mir gegenüber, Sonea. Sonst werde ich darüber nachdenken, ob ich nicht strenger zu dir sein sollte und das wirst du nicht wollen.“

Nein, das wollte Sonea nicht. Akkarin war zu gut darin, seine Gefühle beiseitezuschieben, wenn es um ihre Ausbildung ging.

„Ich bitte um Verzeihung, Lord Akkarin“, sagte sie förmlich.

Akkarin ließ die Arme sinken. „Geh deine Hausaufgaben machen“, wies er sie an. „Danach werden wir uns um deine Lernschwierigkeiten kümmern.“

Sonea nickte und beeilte sich den Keller zu verlassen. Während sie die Stufen zum Obergeschoss erklomm, verfluchte sie Akkarin innerlich. Mit nur wenigen Worten hatte er sie daran erinnert, dass er trotz allem noch immer ihr Mentor war. Für Sonea war es leicht, das zu vergessen, solange sie keine Schwierigkeiten mit ihrem Studium hatte und zu ihrer Erleichterung brauchte er sie nicht allzu oft daran zu erinnern. Wenn er es tat, war es indes umso unangenehmer und dann kümmerte es ihn nicht, wie sie darüber dachte. Und am Ende bekam er seinen Willen.

Sie seufzte. Was hatte er nur an sich, dass sie sich ihm immer wieder so bedingungslos fügte?

Du tust es, weil du ihm vertraust, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Weil du ihn liebst. Und weil du ihn trotz allem fürchtest.

Mit viel zu schnell schlagendem Herzen ließ Sonea sich auf ihren Schreibtischstuhl fallen. Sie allein hatte sich in diese Situation manövriert. Wochenlang hatte sie ihre Schwierigkeiten in Strategie ignoriert und ihrem Mentor verschwiegen, weil sie geglaubt hatte, sie würde ein besseres Gefühl für dieses Fach bekommen, wenn sie ihren Rückstand aufgeholt hatte. Doch dem war nicht so gewesen.

Sie hätte es ihm gleich an dem Abend sagen müssen, als er vom Südpass zurückgekehrt war. Aber das hatte sie nicht, weil sie sich dessen geschämt hatte und nicht gewusst hatte, wie sie ihm das beibringen sollte. Und dann hatten die auf seine Rückkehr folgenden Ereignisse ihre eigenen Probleme in den Hintergrund gedrängt. Nach ihrem schlechten Abschneiden bei dem Test in der vergangenen Woche hatte sie es erst recht nicht über sich bringen können, ihm von ihren Schwierigkeiten zu berichten. Und überhaupt war ihr durch den Test erst wirklich bewusst geworden, wie schlecht sie in diesen Kurs war.

Jetzt musste sie mit den Konsequenzen leben. Akkarin war hart und unerbittlich, jedoch niemals grausam oder verletzend. Er hatte hohe Ansprüche und das nicht nur, weil Sonea seine Novizin war oder weil er der Gilde beweisen wollte, dass ihre Beziehung ihre Leistungen nicht beeinflusste. Sie waren dabei, sich auf einen Krieg vorzubereiten.

Sonea fuhr sich über die Stirn, dann öffnete sie ihre Tasche und holte ihre Notizen und Bücher heraus. Sie hatte keine Wahl. Sie würde das hier ertragen müssen.


***


Der Abend war eindeutig gelaufen. Nein, nicht der Abend, korrigierte Dannyl sich. Die ganzen nächsten Wochen. Vielleicht sogar alles.

Nachdem Kito ihm den Grund für seinen Besuch erklärt hatte, hatte Dannyl eine Nachricht zur Großen Bibliothek geschickt, um Tayend auszurichten, dass er es heute nicht mehr schaffen würde, ihn zu sehen. In einem langen Gespräch mit dem Auslandsadministrator hatte Dannyl die komplette Geschichte über den sachakanischen Spion Ikaro und was die Gilde von ihm erfahren hatte, gehört. Kito hatte ihn ebenfalls über die daraufhin entstandenen Veränderungen in der Gilde in Kenntnis gesetzt.

Die Nachricht über die Pläne der Sachakaner hatte Dannyl mehr entsetzt, als er für möglich gehalten hatte. Seit dem Sommer hatte er etwas Derartiges befürchtet, wenn auch es ihm reichlich unwahrscheinlich erschienen war. Er hatte jedoch nie ganz ausgeschlossen, dass die Sachakaner sich gegen Kyralia zusammentun würden.

Aber er hatte nicht damit gerechnet, dass es so schnell geschehen würde.

Neben all diesen schlechten Neuigkeiten begrüßte Dannyl die dadurch in der Gilde entstandenen Veränderungen. Er hoffte, die Magier würden mit der Zeit auch in anderen Dingen toleranter. Dingen, die vielleicht ähnlich skandalös waren wie das Praktizieren schwarzer Magie, aber für niemanden schädlich. Dieser Gedanke machte Dannyl Hoffnung für die Zeit, nachdem der Konflikt mit Sachaka gelöst war. Sollte es ein Danach geben.

Als Kito sich in das Quartier, das man ihm zugeteilt hatte, zurückgezogen hatte, war es bereits spät gewesen. Am nächsten Tag würden er und Dannyl sich erneut treffen, um ihre Reise zu planen. Dannyl würde zudem Botschafter Errend informieren müssen, dass die Gilde ihn auf eine geheime Mission schickte und er für unbestimmte Zeit nicht verfügbar sein würde. Der beleibte Botschafter würde alles andere als begeistert sein, weil er seine Arbeit dann wieder allein erledigen musste. Vielleicht legt er sich dann endlich einen Assistenten zu, dachte Dannyl.

Trotz der Aussicht auf einen anstrengenden nächsten Tag war er noch nicht zu Bett gegangen. Er hatte sich eine Flasche Wein aus seinem Empfangszimmer gegriffen, eine Kutsche geordert und war zu Tayends Haus gefahren. Er bereute, dem Gelehrten eine Absage für diesen Abend erteilt zu haben, doch in wenigen Tagen würden sie für eine lange Zeit voneinander Abschied nehmen müssen. Der Gedanke war Dannyl unerträglich.

„Also Botschafter, wirst du mir nun endlich sagen, worin dieser Geheimauftrag besteht?“ Tayend rollte sich auf die Seite und stützte sich mit dem Ellenbogen auf. Das rotblonde Haar, das er sonst immer zu einem Zopf gebunden trug, fiel offen über seine Schultern.

Dannyl lachte. „Dann wäre es ja kein Geheimauftrag mehr“, sagte er. „Es wäre nur noch ein Auftrag.“

„Aber dann könnte ich mit dir kommen.“

„Nicht dieses Mal, Tayend.“

„Das hat mich beim letzten Mal auch nicht aufgehalten.“

Dannyl seufzte und sah seinen Gefährten ernst an. „Nein“, sagte er. „Dieses Mal ist es viel gefährlicher.“

Menschen mit latentem magischen Potential wie Tayend würden in Sachaka ein leichtes Opfer für Sklavenhändler sein. Zudem befand sich das schwarzmagische Wissen eines halben Dutzends Büchern in Tayends Kopf. Sollte Dannyl in Schwierigkeiten geraten, würde er seinen Gefährten nicht beschützen können. Ihn mitzunehmen war verantwortungslos.

Der Gelehrte verzog das Gesicht.

„Ich möchte nicht, dass dir etwas passiert“, fügte Dannyl ein wenig sanfter hinzu. Er zog Tayend zu sich und küsste ihn. „Außerdem musst du etwas für mich tun, während ich fort bin.“

„Was denn?“

„Du musst mit unseren Recherchen über Lord Sadakane fortfahren. Wenn ich nicht da bin, kann ich dir deine Entdeckungen nicht vorwegnehmen. Und was noch viel wichtiger ist: Du musst die Abschriften fertigstellen und sie für mich nach Imardin bringen.“

Tayend machte einen Schmollmund. „Das sagst du doch nur, um mich zu trösten!“

Dannyl musste wider Willen lachen. „Das hättest du gerne. Doch tatsächlich ist es ein Auftrag, den Lord Akkarin uns gegeben hat.“

Tayend sah ihn mit großen Augen an. „Ist das wahr?“

Dannyl stand auf und griff in seiner Robe, die er eine Stunde zuvor achtlos auf den Boden geworfen hatte. Er zog einen Brief heraus und kehrte damit zum Bett zurück.

„Hier, lies selbst.“

Während Tayend neugierig das Schreiben studierte, teilte Dannyl den Rest Wein, der noch in der Flasche war, auf ihre beiden Gläser auf und reichte eines davon an seinen Freund weiter.

„An den zweiten Botschafter der Gilde in Elyne, Lord Dannyl“, las Tayend vor. „Wenn Ihr diesen Brief lest, wird Auslandsadministrator Kito Euch bereits von Eurem Auftrag in Kenntnis gesetzt haben. Unabhängig davon habe ich einen zweiten Auftrag für Euch und Euren Assistenten Tayend von Tremmelin. Ich bin auf der Suche nach einem Buch über schwarze Magie, welches aus der Zeit des Sachakanischen Krieges oder früher stammt. Weil ich davon ausgehe, dass es sich nicht an dem Ort befindet, den Ihr für Euren Auftrag aufsuchen müsst, bitte ich Euch, diese Suche Tayend zu übertragen. Sollte Euer Auftrag scheitern, so wird dieses Buch von größter Wichtigkeit sein. Ich vermute, dass sich dieses Buch, sofern es nicht zerstört wurde, in Elyne befindet …“

Das Gesicht des Gelehrten hellte sich auf. „Die Bücher von Dem Callene!“, rief er. „Was er sucht, befindet sich bestimmt in ihnen. Aber woher weiß er davon?“

„Lies weiter“, antwortete Dannyl.

Der Gelehrte vertiefte sich mit gerunzelter Stirn wieder in den Brief. „… Hinweise in dem Buch von Dem Marane und in einigen, die er unter der Universität gefunden hat …“, murmelte er. Dann nahm das zweite Blatt zur Hand. Plötzlich leuchteten seine Augen. „Er lädt uns beide zu seiner Hochzeit im nächsten Frühjahr ein!“, rief er. „Hör nur, er schreibt: Selbstverständlich erwarte ich, dass Ihr Euren Freund Tayend von Tremmelin mitbringt.“

Dannyl lächelte. „Ich weiß, ich habe die Einladung bereits gelesen.“

„Ich habe die ganze Zeit gewusst, dass er eine Affäre mit seiner Novizin hat“, hauchte Tayend verzückt. „Und jetzt heiratet er sie. Das ist so romantisch!“

„Und es ist vor allem sehr viel anständiger, als es die ganze Zeit heimlich zu tun“, fügte Dannyl erheitert hinzu. „So wie wir.“

Die Augen des Gelehrten weiteten sich vor Überraschung. „Du hast es gewusst?“, entfuhr es ihm.

„Ja, das habe ich.“

„Warum hast du mir nichts gesagt?“

„Weil ich es Rothen versprochen habe. Außerdem widerstrebt es mir, die Beziehung der beiden zu unserem persönlichen Tratsch zu machen.“ Dannyl mochte Sonea zu sehr und verspürte zu viel Respekt vor Akkarin, um so etwas auch nur in Erwägung zu ziehen.

„Aber …“, begann Tayend und wurde wieder ernst. „Wir können da doch nicht einfach gemeinsam hingehen, oder?“

Dannyl hob die Schultern. „Wieso nicht? Jeder in der Gilde weiß, dass ich Junggeselle bin. Warum also sollte ich nicht mit meinen besten Freund mit zu der Hochzeit gehen?“ Wie er dem Schreiben entnommen hatte, würde die Hochzeit in einem eher privaten Rahmen stattfinden. Das schloss die Möglichkeit aus, Bel Fiore und Tayends Schwester als Begleiterinnen mitzunehmen, um den Gerüchten zuvorzukommen.

„Bester Freund!“, rief Tayend den Beleidigten spielend. „Also wirklich, Botschafter! Mehr bin ich nicht für dich?“

Dannyl lachte. „Als ob du das nicht wüsstest. Akkarin erwartet, dass wir gemeinsam kommen. Sonst hätte er dir eine separate Einladung geschickt. Wir können ihm vertrauen.“

Es war seltsam, das zu sagen. Doch Dannyl spürte, dass es die Wahrheit war.

Nachdenklich nippte er an seinem Weinglas. Er hoffte, er würde bis dahin wieder zurück aus Sachaka sein und seine Mission erfolgreich ausgeführt haben. Die Hochzeit von Akkarin und Sonea wollte er sich auf keinen Fall entgehen lassen. Doch bei dem Gedanken, nach Sachaka zu reisen, hatte er kein gutes Gefühl. Was, wenn er nicht mehr zurückkam?

Mit einem Schaudern dachte Dannyl an das rote Juwel, das er in dem Umschlag gefunden hatte. Dabei war eine Notiz gewesen, auf der in Akkarins eleganter Handschrift gestanden hatte: Benutzt dieses Blutjuwel, um die Informationen, die Ihr erhalten habt, an die Gilde zu übermitteln, wenn Euch keine andere Möglichkeit mehr bleibt. Es versteht sich von selbst, dass Ihr die Existenz dieses Artefakts vertraulich behandelt.

Es schien, als rechnete die Gilde nicht mit dem Erfolg dieser Mission, oder mit Dannyls und Kitos Rückkehr. Dannyl hatte den Stein in einer kleinen Schachtel verstaut und bis zum Beginn seiner Reise in seinem Schreibtisch eingeschlossen.

„Was ist?“, fragte Tayend.

Dannyl zuckte zusammen. „Oh, ich habe nur gerade daran gedacht, was ich für meine Reise vorbereiten muss“, log er.

Doch so leicht konnte er seinem Freund nichts vormachen.

„Sag mir, wo du und der Auslandsadministrator hingehen werdet“, forderte Tayend.

„Tayend, das kann ich dir nicht sagen.“

Der Gelehrte betrachtete ihn aufmerksam. „Ihr werdet nach Sachaka gehen“, riet er.

Dannyl unterdrückte ein Seufzen. „Selbst, wenn es so wäre, würde ich dir das nicht sagen. Vertrau mir, wenn ich dir sage, dass es sicherer ist, wenn du es nicht weißt.“

Wenn er Tayend das Ziel seiner Reise und die genaue Zeit, wann er und Kito die Stadt verlassen würden, mitteilte, würde Tayend alles daran setzen, mit ihm zu kommen. So schwer es Dannyl auch fiel, er musste seinen Freund um jeden Preis davon abhalten.

Er leerte sein Weinglas und stand auf. „Ich muss jetzt gehen.“ Er streifte seine Robe über und schlüpfte in seine Stiefel. Auch in einem so toleranten Land wie Elyne konnte er es sich nicht leisten, die Nacht bei seinem Gefährten zu verbringen und zu riskieren, dabei entdeckt zu werden.

„Schon?“, fragte Tayend enttäuscht. Er erhob sich und schritt zu Dannyl.

Dannyl nickte. „Es war schon viel zu spät, als ich herkam.“

„Ich wünschte, du könntest bleiben“, seufzte Tayend und lehnte sich an ihn.

„Wenn ich zurück bin, besuchen wir Mayrie für ein paar Tage“, versprach Dannyl und zog Tayend in seine Arme. „Oder fahren auf Bel Fiores neues Landgut.“

Wenn du zurückkehrst“, wandte Tayend ein.

„Ich werde zurückkommen“, sagte Dannyl und versuchte, zuversichtlich zu klingen. „Schon allein, weil ich nicht will, dass du für den Rest deines Lebens unglücklich bist, muss ich das.“ Er legte seine Hände auf Tayends Wangen. Dann beugte er sich hinab und küsste ihn. „Mach dir keine Sorgen. Ich kann auf mich aufpassen.“


***


Cerys Hände fuhren verlangend über Nenias große, weiche Brüste. Sie schloss die Augen und stöhnte genussvoller, als es sich seiner Meinung nach für eine Hure gehörte. Hoffentlich hat sie kein Auge auf mich geworfen, dachte er in einem Anflug von Panik. Nicht, dass mir das nicht schmeicheln würde. Sie ist süß. Aber was mache ich dann mit ihr?

Er hatte bereits Pläne geschmiedet, um sie Corbin abzukaufen. Diese dienten jedoch einzig zu dem Zweck, dass sie dann ihm allein gehörte. Wenn seine Befürchtungen wahr wurden und Nenia tatsächlich dabei war, romantische Gefühle für ihn zu entwickeln, würde sie eines Tages mehr wollen. Cery wusste nicht, ob er ihr das geben konnte.

Oder ob er sich dazu überhaupt bereit fühlte.

Doch als er das junge sich unter ihm windende Mädchen betrachtete, schob er seine Furcht beiseite. Er begehrte sie. Er wollte sie.

Ein wenig grob drehte er sie auf den Bauch und stieß in sie hinein. Eigentlich war das nicht seine Art, doch Nenia schien das zu mögen und Cery tat ihr den Gefallen, weil er nicht mit einer Frau schlafen wollte, die keinen Spaß dabei hatte. Er wollte nicht wissen, was ihre üblichen Freier mit ihr taten. Gefragt hatte er sie nie. Tatsächlich sprachen sie nur über Belanglosigkeiten, wenn sie zu ihm kam.

Aber worüber sollten sie auch reden? Seine Geschäfte waren ebenso wie die meisten seiner Ermittlungen geheim und über ihre Arbeit zu reden erschien ihm seltsam unangemessen.

In dem Augenblick, in dem seine Lust kurz davor war, sich zu entladen, klopfte es an der Tür.

Cery fluchte.

„Warte kurz“, murmelte er und küsste Nenias Schulterblatt.

Er warf eine Decke über ihre Blöße und stieg in seine Hose.

„Was ist?“, fragte er ungehalten und öffnete die Tür einen Spaltbreit. „Hab’ ich nicht klar gemacht, dass ich nicht gestört werden will, wenn ich ’ne Frau da hab’?“

Draußen stand Gol. Er grinste seltendämlich. Cery hasste es, wenn er das tat.

„Dann schick’ ich die Dame, die in deinem Büro wartet, das nächste Mal direkt in dein Schlafzimmer“, sagte er kichernd.

Cerys Herz setzte einen Schlag aus. Die Erregung, die er bis vor wenigen Sekunden noch verspürt hatte, hatte sich in Nichts aufgelöst.

„Eine Frau sagst du? Wer?“

„Die kleine Schwarzhaarige.“

„Sonea?“

Gol kicherte erneut. „Fast richtig.“

Cery war wie gelähmt. Das konnte nur eines bedeuten. Und das passte ihm ganz und gar nicht.

Warum jetzt?, fragte er sich. Und was mache ich mit Nenia? Er kam sich vor wie eine Figur aus einem dieser Theaterstücke, die manchmal auf dem Markt aufgeführt wurden.

„Ich bin gleich da. Bring Nenia sicher von hier weg.“ Er betrachtete Gol mit schmalen Augen. „Ohne, dass mögliche andere Besucher was von ihrer Gegenwart merken.“

Sein Leibwächter nickte. „Wird gemacht, Chef.“

Cery kehrte zurück in sein Schlafzimmer. „Tut mir leid, aber du musst jetzt unbedingt gehen“, sagte er zu Nenia, während er sich anzog. „Gol bringt dich raus.“

Nenias Augen weiteten sich. „Was ist passiert?“, fragte sie.

„Ich hab’ ziemlich schweren Besuch bekommen“, antwortete Cery. „Ich weiß nicht, wie lange er bleiben wird. Komm erst wieder her, wenn ich nach dir schicke.“

Sie streifte das Kleid über, das er ihr geschenkt hatte, und schlüpfte in ihren Mantel. Als sie sich ihm zuwandte, wirkte sie beleidigt.

„Und wenn ich dich vorher sehen will, Ceryni?“

„Das wird nicht gehen.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Nenia, bitte tu einfach, was ich dir sage.“ Er küsste sie auf die Stirn, da er sich in diesem Augenblick zu mehr nicht fähig fühlte, dann schob er sie von sich. Er konnte ihr ansehen, dass seine plötzliche Kälte sie verletzte, aber er konnte das nicht ändern. Die Frage, ob sie dabei war, romantische Gefühle für ihn zu entwickeln, war mit einem Mal unwichtig geworden. Wahrscheinlich war es sogar besser, wenn sie es nicht tat.

Mit einer energischen Bewegung schob er sie von sich.

„Dann bis irgendwann“, sagte Nenia mit unverhohlener Enttäuschung. Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand durch die Tür, hinter der Gol auf sie wartete.

Cery seufzte. Er bedauerte, dass der Abend so enden musste. Nicht nur für ihn, sondern auch für Nenia. Er war vielleicht der einzige Freier, der sie gut behandelte und sie hatte es nicht verdient, dass er sie zurückwies. Aber er konnte die andere Frau, die plötzlich wieder in sein Leben getreten war, nicht ignorieren.

Er trat zu seiner Kommode, spritzte sich etwas kaltes Wasser aus einem Krug ins Gesicht und trocknete sich mit einem Handtuch ab. Dann betrat er durch eine andere Geheimtür sein Büro.

Sie saß in einem Sessel, ihre langen, wohlgeformten Beine übereinandergeschlagen. Ihre langen, schwarzen Haare waren zu einem strengen Zopf geflochten. Trotz ihrer einfachen Kleidung sah sie hinreißend aus.

„Hallo, Ceryni“, sagte sie mit ihrem fremdländischen Akzent und erhob sich.

„Savara“, brachte er hervor.

Er ging auf sie zu und schloss sie in seine Arme. Es tat gut, sie wieder zu riechen und zu spüren. Auf die plötzlichen Schuldgefühle war er indes nicht vorbereitet. Es fühlte sich an, als hätte er Nenia und Savara gleichzeitig betrogen. Cery fand es idiotisch, überhaupt so zu empfinden. Er war über Savara hinweg. Was konnte er dafür, wenn sie ausgerechnet dann wieder auftauchte, wenn er sich mit einer anderen Frau vergnügte?

Oder hatte er Savara noch nicht überwunden? Liebte er sie noch immer?

„Ich hoffe, ich störe nicht“, sagte sie, als sie sich voneinander lösten.

„Nein, du störst nicht.“ Du hast nur gerade meinen kompletten Abend ruiniert. Und meine einzige Chance auf gewisse Freuden.

Savara betrachtete ihn zweifelnd. „Du siehst gut aus.“

„Du auch.“

„Der Bart steht dir.“

Verlegen fuhr Cery sich über die Stoppeln an seinem Kinn. „Danke.“

Sie lächelte und Cerys Puls beschleunigte sich. Er bedeutete ihr, sich zu setzen. Er selbst lehnte sich gegen die Kante seines Schreibtischs und sah zu ihr hinab, die Arme vor der Brust verschränkt.

„Verzeih, dass ich mich nicht angekündigt habe“, fuhr sie fort. „Aber das war nicht möglich gewesen.“

„Schon in Ordnung“, winkte er ab. „Wenn ich den König von Elyne in das Zimmer des Abgesandten der Seefahrergilde von Vin einquartiere, hab’ ich noch’n Gästezimmer für dich frei.“

„Oder ich schlafe einfach in deinem Bett“, sagte Savara mit einem anzüglichen Lächeln, das Cerys Erregung zu neuem Leben erweckte. Er kam sich wie ein Verräter vor. Unmöglich konnte sie dort schlafen, solange noch der Geruch von Nenias süßem Parfum daran haftete.

„Savara, ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, begann er vorsichtig. „Wir haben uns nicht gerade wie Freunde getrennt.“

„Nein“, stimmte sie zu. „Aber vielleicht habe ich es mir ja anders überlegt.“

„Bist du deswegen hier?“

Savara schüttelte stumm den Kopf. Mit einem Mal wirkte sie sehr zerbrechlich. „Oh, Cery“, hauchte sie. „Ich wusste nicht, wo ich sonst hin sollte.“ Sie sah zu ihm auf. Die plötzliche Furcht in ihren Augen alarmierte ihn, „Kann ich eine Weile bei dir bleiben?“

„Savara, was ist passiert?“

Sie zögerte. „Ich weiß nicht, ob ich dir das sagen kann.“

„Wenn du in irgendwelchen Reibereien steckst, dann muss ich das wissen, wenn ich dich bei mir aufnehmen soll.“

Und ich muss wissen, wofür ich mein Leben auf den Kopf stelle, fügte er in Gedanken hinzu. Dank Nenia war es ihm gelungen, Savara zu vergessen. Ihre Rückkehr hatte jedoch all seine Bemühungen mit einem Schlag zunichtegemacht, wie ihm plötzlich bewusst wurde. Aber Savara war auch eine Freundin. Er konnte sie jetzt nicht im Stich lassen.

„Hast du etwas zu trinken?“, fragte sie.

„Klar“, sagte er, sich wieder an das Mindestmaß von Manieren erinnernd. „Was willst du? Bol? Wein?“

„Bol würde mir schon reichen“, antwortete sie ungewöhnlich bescheiden.

Cery schritt zu einem Schrank, wo er immer eine Flasche Bol und ein paar Becher aufbewahrte. Er goss etwas von dem starken Likör in zwei Becher und reichte Savara einen.

„Raus damit, Savara“, sagte er, nachdem sie einen vorsichtigen Schluck von dem starken Likör getrunken hatte. „Sag mir, was los ist.“

„Ich bin auf der Flucht vor dem sachakanischen König“, begann sie stockend. „Er hat seine Leute auf mich angesetzt, weil er denkt, ich hätte etwas Schlimmes getan. Deswegen musste ich mein Land verlassen.“

„Und hast du es getan?“, fragte er.

„Natürlich nicht!“, entgegnete sie einen hinreißenden Schmollmund ziehend. „Ich halte mich an die Regeln jener, denen ich Loyalität geschworen habe.“

Cery verschränkte die Arme erneut vor der Brust und betrachtete sie mit schmalen Augen. „Savara, du hättest überall hin verschwinden können. Warum bist du ausgerechnet zu mir nach Imardin gekommen?“

„Weil du mich verstecken kannst.“ Savara trank einen weiteren Schluck Bol und fügte mit einem hinterhältigen Lächeln hinzu. „Weil ich dir vertraue, Ceryni von den Dieben.“

Cery lachte trocken. „Auf einmal? Hast du etwa schon vergessen, was es heißt, Dieb zu sein?“

„Naja, vielleicht vertraue ich dir nicht in allem“, gestand sie. „Aber zumindest darin.“

„Und erzählst du mir auch, was dein König denkt, was du angestellt hast?“

Savara schüttelte stur den Kopf und schenkte ihm ein schiefes Lächeln. „Es ist besser, wenn du das nicht weißt. Was das angeht, musst du wohl mir vertrauen.“

Cery runzelte die Stirn. Genau daran war ihre Beziehung gescheitert. „Würde dein König dafür auch in Kyralia nach dir suchen lassen?“, wollte er wissen.

„Ja, das würde er.“ Als Savara ihn anblickte, waren ihre mandelförmigen Augen vor Furcht fast rund. „Bitte Cery, hilf mir“, wisperte sie. „Ich flehe dich an.“

Sie ist wirklich verzweifelt, erkannte Cery. Er wusste, wozu Savara fähig war; sie konnte auf sich aufpassen. Wenn sie gezwungen war, unterzutauchen, musste sie in wirklich üblen Reibereien stecken. Und wenn es Dinge gab, für die man aus den Verbündeten Ländern verbannt wurde, dann gab es sicher auch Dinge, die es rechtfertigten, jemanden kreuz und quer durch die Verbündeten Länder zu jagen.

Cery ahnte, er täte besser daran, sie auf der Stelle wieder fortzuschicken, aber er brachte das nicht übers Herz. Er konnte nur hoffen, dass niemand in Sachaka von ihm wusste, denn sonst würde er nicht nur sich, sondern auch seine ganze Familie in Gefahr bringen, indem er Savara half.

Er seufzte und ließ die Arme sinken. „Also gut, Savara“, sagte er. „Ich werde dich verstecken. Aber sobald ich erfahre, dass auch nur einer deiner Landsleute nach Imardin kommt, wirst du mir erklären, weswegen du gesucht wirst.“

Savara sah ihn an, als würde sie vor Dankbarkeit fast in Tränen ausbrechen. „Du glaubst gar nicht, wie tief ich in deiner Schuld stehen werde, wenn das hier vorbei ist, Ceryni.“


***


Sonea betrat die Bibliothek der Arran-Residenz, ihre Unterlagen für Strategie an die Brust gedrückt. Sie fühlte sich, als würde sie gerade die Niederlage ihres Lebens einstecken und sie wusste, dass sie dies ganz allein ihre Schuld war.

Akkarin sah von seinem Buch auf. „Nun, Sonea. Wirst du meine Hilfe jetzt annehmen?“

Sie senkte den Kopf, unfähig seinem durchdringenden Blick standzuhalten. „Ja, Lord Akkarin.“

Er ist noch immer streng, stellte sie voll Unbehagen fest. Wahrscheinlich macht er seine Drohung schon früher wahr, nur um sicherzustellen, dass so etwas nicht noch einmal passiert.

Akkarin wies auf den freien Sessel ihm gegenüber. Dort hatte sie während der vergangenen Abende oft gesessen, wenn sie in den alten Büchern nach Hinweisen auf Speichersteine gesucht hatten. Das, was nun folgen würde, würde weitaus düsterer für sie werden und sie hätte es vorgezogen, stattdessen gegen eine Armee von Sachakanern zu kämpfen.

Sie setzte sich und legte ihre Unterlagen auf den Tisch.

Akkarin legte sein Buch zur Seite und wandte sich ihr zu. „Bis zum Ende des Halbjahres wird Lady Vinara dich in Heilkunst nur den Grundkurs für Krieger lehren“, eröffnete er ihr. „Das heißt, eine Doppelstunde pro Woche jeden Ersttag. Ich habe Lady Vinara und Rektor Jerrik bereits über meine Entscheidung informiert. Während der übrigen Stunden werde ich dir Nachhilfe in Strategie erteilen.“

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Das konnte er nicht tun! Sie öffnete protestierend den Mund, schloss ihn dann jedoch wieder. Sie wusste, es würde nichts helfen.

„Unsere Vereinbarung war, dass du zusätzliche Stunden in Heilkunst nehmen darfst, wenn deine Noten es erlauben“, fuhr Akkarin fort. „Sollte es dir gelingen, deine Winterprüfung in Strategie mit mindestens gut abzuschließen, so werde ich diese Maßnahme wieder aufheben. Nutze die Zeit, die du dadurch gewinnst, um deine Noten zu verbessern.“

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie.

Akkarin betrachtete sie eine Weile durchdringend. „Nun, Sonea. Damit ich dir helfen kann, muss ich genau wissen, was in Lord Darons Kurs du nicht verstehst“, sagte er dann.

Sonea unterdrückte ein Seufzen. Es schien, als fing es gerade erst an, unangenehm zu werden. „Ich verstehe rein gar nichts von seinem Unterricht“, sagte sie und zwang sich ihn anzusehen.

Akkarin hob eine Augenbraue. „Gar nichts?“, wiederholte er. „Das glaube ich dir nicht, Sonea. In diesem Fall hättest du den Test in der vergangenen Woche kaum bestanden“

„Das, was ich richtig hatte, wusste ich von Regin“, gab sie zurück.

„Regin hat bei diesem Test deutlich besser abgeschnitten als du. Wenn auch nicht so gut, wie du ihn hättest bestehen können.“

Sonea zuckte zusammen, weil er in dieser Wunde bohrte. Eigentlich kümmerte es sie nicht, ob Regin in diesem Kurs besser war als sie. Nicht solange es Akkarin nicht kümmerte. Und er war über ihre Leistungen alles andere als erfreut. In einem Anflug von Rebellion wollte sie ihm vorwerfen, dass es bei dieser Sache nur um einen Privatkrieg zwischen ihm und Garrel darüber, welcher Novize der bessere war, ging. Sie verkniff sich diese Bemerkung jedoch, da es Akkarin gegenüber respektlos gewesen wäre und weil sie spürte, dass es der falsche Zeitpunkt war, um aufsässig zu sein. Es gab Situationen, in denen Akkarin diese Eigenschaft an ihr überhaupt nicht schätze und das hier war eine solche. Sonea entschied, dass sie ihn an diesem Abend bereits genug verärgert hatte.

Es war nicht seine Schuld, dass ihre Noten in Strategie so schlecht waren und er erfüllte nur seine Pflicht als Mentor, indem er sich um ihre Lernschwierigkeiten kümmerte. Sie fand, sie sollte ihm das nicht schwerer als nötig machen, auch wenn sie ihn insgeheim verfluchte. Ihre Beziehung war auch ohne das schon kompliziert genug.

„Das waren die einzigen Dinge, die ich gut genug verstanden habe, um sie mir merken zu können“, verteidigte sie sich.

Akkarin runzelte die Stirn und schwieg.

„Vielleicht war es ein Fehler, Kriegskunst zu wählen“, fuhr Sonea fort. „Denn anscheinend bin ich nicht dafür geeignet.“

„Sonea, das ist Unsinn!“, wies Akkarin sie zurecht. „In all deinen anderen Kursen schlägst du dich trotz der Schwierigkeiten der letzten Monate hervorragend. Du kannst auch Strategie meistern. Alles, was dir fehlt, ist etwas, das deinem Verständnis einen Durchbruch gibt.“

So wie er das sagte, sagte er das nicht, weil er so verrückt nach ihr war, dass es sein Urteilsvermögen trübte, erkannte Sonea. Aber sie fühlte sich nicht so intelligent, wie er sie sah. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie nur einen „Durchbruch“ brauchte, um Strategie zu verstehen.

Aber wenn es nicht an meiner Intelligenz liegt, dann kann es nur an meinem Lehrer und an dessen Unterricht liegen, fuhr es ihr durch den Kopf.

„Wir brauchen hier nicht über Lord Darons Unterricht zu diskutieren“, sagte Akkarin. „Er hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren nicht geändert und wird es auch nicht in den nächsten fünfzehn Jahren tun.“

„Bekomme ich einen anderen Lehrer?“, fragte Sonea hoffnungsvoll.

„Der einzige andere Lehrer für Strategie ist beim Angriff auf das Fort gestorben: Lord Makin.“

„Oh“, machte Sonea. Sie war sicher, nicht solche Schwierigkeiten mit diesem Kurs gehabt zu haben, hätte Lord Makin sie unterrichtet. Sie verfluchte die Ichani im Stillen. Wären sie nicht auf die Idee gekommen, Kyralia anzugreifen, wäre Lord Makin noch am Leben und könnte sie unterrichten. Aber dann wären sie und Akkarin noch immer in Sachaka und sie müsste viel Schlimmeres fürchten als die Selbsterniedrigung, wenn sie Akkarins Hilfe annahm.

Akkarin hat recht, dachte sie, ich bin stolz. Selbst in den unmöglichsten Situationen. Aber sie wusste auch nicht, wie sie das ändern konnte.

„Warum gibt es so wenige Lehrer für diesen Kurs?“, wollte sie wissen.

„Weil es ein sehr spezielles Fachgebiet ist. Mehr als zwei Lehrer werden nicht benötigt, um alle Novizen zu unterrichten, die Kriegskunst wählen. Lord Daron ist ein sehr fähiger Mann. Die meisten Novizen kommen jedoch nicht mit seiner Art zu unterrichten zurecht.“

„Wie hast du Strategie überstanden?“, wollte sie wissen.

„Ich hatte Glück. Ich war einer der wenigen in meiner Klasse, die den Stoff verstanden haben.“

Oder einfach sehr viel intelligenter als der durchschnittliche Magier, dachte Sonea. Sie versuchte, sich deswegen nicht zu ärgern. Dass Akkarin ihr auch in dieser Hinsicht überlegen war, brachte ihr keinen Nachteil, im Gegenteil. Es war nur ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, wegen der sie ihn respektierte.

Akkarin nahm ihre Notizen und blätterte sie durch. Er begann ihr Fragen zu stellen, die sie alle nur ungenügend beantworten konnte. Ihre Antworten ließ er indes unkommentiert. Doch Sonea konnte an der steilen Falte zwischen Augenbrauen erahnen, dass er nicht zufrieden war. Sie fühlte sich wie in einem Verhör. Die Demütigung, die sie dabei empfand, war alles andere als angenehm. Sie löste einen irren Drang zu rebellieren in ihr aus, dem sie nur schwer widerstehen konnte.

Sie wusste, sie brauchte nicht auf sein Mitgefühl hoffen.

Schließlich sah er auf. „Ich verstehe dein Problem jetzt.“

Sonea starrte ihn an. „Was ist es?“

„Wie ich bereits annahm, hast du ein falsches Verständnis von deinem Unterrichtsstoff“, erklärte er. „Ich werde mir bis morgen Abend deine Notizen genauer durchsehen und mir überlegen, wie wir vorgehen werden.“

Sonea erstarrte. Sie sah auf ihre Hände, die sie in ihrem Schoß gefaltet hatte. Der Gedanke, dass er all ihre Mitschriften und Hausaufgaben lesen würde, erfüllte sie mit Scham.

„Ihr werdet enttäuscht von mir sein.“

„Sonea, ich bin einzig enttäuscht, weil du mit diesem Problem nicht von selbst zu mir gekommen bist“, erwiderte Akkarin streng.

Sie schob ihr Kinn vor. „Es wird nicht wieder vorkommen.“

„Ich habe nichts anderes erwartet.“

Das bedeutete so viel wie, dass sie sich hüten sollte, ihm noch einmal etwas so wichtiges Detail ihrer Ausbildung zu verschweigen. Aber nach diesem Abend würde Sonea ihre Schwierigkeiten im Unterricht sofort ansprechen, da es zu viele Unannehmlichkeiten mit sich brachte, wenn sie es aufschob.

Akkarin nimmt seine Aufgabe als Mentor sehr ernst, erkannte sie. Auch wenn das zu Situationen wie dieser führte, war sie dafür dankbar. Sie brauchte seine Herablassung nicht fürchten und sie vertraute ihm bedingungslos. Also konnte sie auch aufhören, sich dagegen zu sträuben. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich darauf einzulassen, weil ihr Stolz ihr wieder einmal im Weg stand. Sonea ahnte, das war eine Lektion, die sie erst noch lernen musste.

Nun, was das angeht, lässt er mir kaum eine Wahl, dachte sie trocken.

„Danke, Lord Akkarin“, sagte sie und meinte es so.

Seine Lippen verzogen sich zu dem Halblächeln, das sie so sehr an ihm liebte. „Lass uns schlafen gehen“, sagte er ein wenig sanfter. „Es ist fast Mitternacht und ich will nicht, dass du morgen im Unterricht einschläfst.“

Sonea nickte und erhob sich. Plötzlich spürte sie, wie müde sie wirklich war, und sehnte sich nach ihrem Bett und seiner Nähe mehr denn je. Akkarin legte seinen Arm zwischen ihre Schulterblätter und führte sie ins Schlafzimmer. Kaum, dass sie in ihr Nachthemd geschlüpft war und sich an ihn angekuschelt hatte und er für sie nichts anderes war als der Mann, den sie liebte, war sie auch schon eingeschlafen.
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