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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 12.631
 
Kapitel 27 – Pläne für die Zukunft



Rothen gähnte und goss sich die dritte Tasse Sumi an diesem Morgen auf. Am vergangenen Abend hatte er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder Nemmin genommen. Nach den Ereignissen des Wochenendes hatte sein Geist sich geweigert, zur Ruhe zu kommen. Immer wieder hatte er daran denken müssen, was geschehen würde, wenn es dem sachakanischen König gelang, seine Magier gegen Kyralia zu verbünden. Mit dem vergangenen Tag war diese Möglichkeit ein ganzes Stück realer geworden.

Der angenehm-herbe Duft von frisch zubereiteten Sumi stieg in seine Nase. Einen tiefen Schluck nehmend lehnte er sich in seinem Sessel zurück. Die anregende Wirkung des Getränks machte sich an diesem Morgen nur zögernd bemerkbar. Nemmin sorgte zwar dafür, dass man die Nacht durchschlief, doch man wurde am nächsten Tag auch schwerer wach.

Rothen fluchte innerlich. Warum hatte er es überhaupt wieder genommen? Er wusste doch, wie er darauf reagierte. Doch er hatte schlafen und vergessen wollen. Hätte er die Alternative gewählt und sich die halbe Nacht von seinen Sorgen quälen lassen, wäre er nun ebenso müde, dafür jedoch weitaus schlechter gelaunt.

Sollte es während meiner Vormittagskurse nicht besser werden, gebe ich meinen Novizen Aufgaben, die sie in Stillarbeit bearbeiten müssen, dachte er. Er würde keine Experimente in fortgeschrittener Alchemie beaufsichtigen, wenn er am liebsten wieder ins Bett kriechen wollte.

Es klopfte.

„Ich gehe schon!“, rief Tania und eilte zur Tür, bevor er seinen Willen nach dem Türknauf ausstrecken konnte.

„Danke“, murmelte Rothen erleichtert.

Vor der Tür stand Administrator Osen. „Guten Morgen, Lord Rothen“, grüßte er.

Rothen stellte seine Tasse ab. „Guten Morgen, Administrator. Kommt herein. Ihr seid herzlich eingeladen, mit mir zu frühstücken. Möchtet Ihr Sumi?“

Der Administrator setzte sich Rothen gegenüber. „Vielen Dank für das Angebot“, sagte er einen Blick auf den gedeckten Tisch zwischen ihnen werfend. „Doch ich werde nicht lange bleiben.“

„Was führt Euch so früh hierher?“, fragte Rothen. Der Administrator gehörte nicht gerade zu seinen üblichen Besuchern. Wenn er kam, dann musste es sich um eine wichtige Angelegenheit handeln.

„Der Hohe Lord hat mich spät am gestrigen Abend informiert, dass er für heute früh ein Treffen der höheren Magier einberufen will.“

Rothen blinzelte verwirrt. „Schon wieder? Ich dachte, wir wären uns gestern über alles, was zu tun ist, einig geworden.“

Osen zuckte die Schultern. „Ich weiß auch nicht mehr als Ihr. Kommt in einer Stunde in mein Büro.“

Rothen nickte. „Ich werde versuchen, pünktlich zu sein. Zuerst muss ich jedoch eine Vertretung für meine Vormittagsklassen finden, fürchte ich.“

„Lord Sarrin ist bereits informiert. Er richtet Euch seinen Dank aus und freut sich auf den Unterricht.“ Er erhob sich und schritt zur Tür. „Genießt Euer Frühstück.“

Stirnrunzelnd sah Rothen ihm nach. Wenn bereits eine Vertretung für seinen Vormittagsunterricht gefunden worden war, musste der Grund für das Treffen wirklich von bedeutender Natur sein. Er erstarrte. Hatten die Sachakaner schon auf das Verschwinden ihres Spions reagiert?

Eine Stunde später betrat Rothen von unguten Vorahnungen erfüllt das Büro des Administrators. Die meisten höheren Magier waren bereits anwesend und standen sich unterhaltend in der Mitte des Raums. Rothen hielt kurz inne, um die Anwesenden in Augenschein zu nehmen und zu begrüßen.

„Guten Morgen, Lord Rothen“, sagte eine tiefe Stimme neben ihm.

Rothen zuckte zusammen. „Guten Morgen, Lord Akkarin“, brachte er hervor.

„Ihr seht müde aus“, bemerkte der schwarze Magier. „Haben Euch die jüngsten Ereignisse um Euren Schlaf gebracht?“

Was geht ihn das an?, fuhr es Rothen in einem Anflug von Verärgerung durch den Kopf. Als ihm jedoch bewusst wurde, dass der andere Mann wahrscheinlich nur Konversation betreiben wollte, entschied er, darauf einzugehen. In wenigen Monaten würde Akkarin so etwas wie ein Schwiegersohn für ihn sein. Der Gedanke daran beinhaltete noch immer eine gewisse Absurdität, wenn auch diese nicht mehr so extrem war, wie kurz nach Akkarins und Soneas Wiederaufnahme.

„Nachdem ich dem Schlaf ein wenig auf die Sprünge geholfen habe, habe ich außerordentlich gut geschlafen“, antwortete er daher.

Der schwarze Magier musterte ihn abschätzend. „Ich bin sicher, die halbe Dosis hätte ebenfalls ihren Zweck erfüllt und Ihr wärt bereits wieder wach.“

Rothen betrachtete den anderen Mann mit schmalen Augen. War da etwa ein Anflug von Erheiterung in Akkarins Miene?

„Und wie habt Ihr geschlafen?“, fragte er unwirsch. „Ihr seht bereits wieder viel besser aus als gestern.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Wollt Ihr das wirklich hören?“

Rothen schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Besser, er malte sich die Details bezüglich Akkarins Schlafgewohnheiten nicht näher aus, weil er dann über Dinge nachdenken musste, die ihn verstörten. Sonea sprach nicht mit ihm über dieses Thema, aber der Ausdruck in ihren Augen, wenn sie Akkarin ansah, sagte Rothen mehr, als er wissen wollte.

„Wisst Ihr, worum es bei dieser Besprechung geht?“ wechselte er das Thema.

„Nein. Aber ich habe eine Ahnung.“

Bevor Rothen eine weitere Frage stellen konnte, betrat Balkan das Büro.

„Guten Morgen alle miteinander“, dröhnte seine Stimme durch den Raum.

Die Gespräche verstummten.

„Guten Morgen, Hoher Lord“, antworteten die Anwesenden.

Balkan ließ sich in einem Sessel neben Osens Schreibtisch nieder und schlug die Beine übereinander.

„Da wir nun endlich alle versammelt sind, können wir beginnen“, stellte Osen erfreut fest.

Als die übrigen Magier auf Sesseln und Stühlen Platz nahmen, erblickte Rothen den Administrator erstmals. Er hatte die ganze Zeit über verborgen von den übrigen Magiern hinter seinem Schreibtisch gesessen, der so ordentlich war wie eh und je. Darauf standen nun neun Becher und ein großer Krug Sumi.

Rothen steuerte auf zwei Sessel in der Nähe des Fensters zu. Während sich die anderen am Sumi bedienten, ließ er seinen Blick über die Anwesenden schweifen. Zu seiner Erleichterung wirkten auch einige seiner Kollegen übermüdet. Das beruhigte Rothen ein wenig, auch wenn ihm schwante, dass dies nicht von Nemmin resultierte.

„Kein Sumi heute?“ Akkarin ließ sich mit einem dampfenden Becher in der Hand neben ihm nieder. Er schlug seine langen Beine übereinander und lehnte sich zurück.

„Ich hatte heute Morgen schon mehr als ein Heiler als gesund erachten würde“, antwortete Rothen.

Akkarin lachte leise und wandte seine Aufmerksamkeit dann zu Osen und dem Hohen Lord, der hinter dem Schreibtisch an der Wand lehnte.

„Ich habe diese Sitzung so kurzfristig einberufen, weil ich sichergehen wollte, dass Auslandsadministrator Kito Imardin verlassen hat, bevor wir dieses Thema diskutieren“, begann Balkan, als alle außer Rothen an ihrem Sumi nippten. „Dies ist zu seinem eigenen Schutz und zu unserem, sollte er in die Hände der Sachakaner geraten und sie ihn einem Verhör unterziehen.“

Einige Magier sogen scharf die Luft ein.

„Was soll das sein, was die Sachakaner nicht wissen dürfen?“, fragte Lord Peakin verstört.

„Spione“, sagte Akkarin ruhig. „Wir schicken Spione nach Sachaka, die für uns die Lage auskundschaften.“

Rothen und die übrigen höheren Magier wandten sich ihm überrascht zu. Balkans Blick verfinsterte sich für einen Moment.

„Richtig“, stimmte er Akkarin zu. „Wir brauchen Leute in Arvice, die uns regelmäßig über Marikas Pläne Bericht erstatten, damit wir entsprechend darauf reagieren können. Wüsste Kito davon, würde das seine Mission gefährden.“

Rothen blinzelte verwirrt ob der ungewohnten Einigkeit der beiden Männer. Sie schienen sich jedoch nicht über dieses Thema abgesprochen zu haben. Woher weiß Akkarin dann davon? Hat er Balkans Gedanken gelesen oder hat er es erraten? Was auch immer die Antwort war, Balkans Vorhaben war eine gute Idee. Egal, wie Kitos Mission ausging, sie wären dumm, auf einen möglichen Erfolg zu vertrauen, ohne weitere Maßnahmen zu treffen.

„Und wen sollen wir schicken?“, fragte Lady Vinara. „Ein paar Magier als Spione einzusetzen, käme einer Selbstmordmission gleich.“

„Damit habt Ihr Recht, Vinara“, pflichtete Lord Vorel ihr bei. „Wenn uns ein Krieg bevorsteht, werden wir jeden Magier brauchen. Wir brauchen Nichtmagier, die bereit sind, die mit einer solchen Mission verbundenen Gefahren auf sich zu nehmen.“

„Was ist mit den Händlern, die regelmäßig nach Sachaka reisen?“, fragte Osen. „Von ihnen haben wir erstmals von den Absichten der Sachakaner erfahren. Auf den Märkten könnten sie die Gespräche der Besucher überhören und uns weitere Informationen liefern.“

„Aber nur, soweit ihre Sprachkenntnisse das erlauben“, entgegnete Garrel. „Die Sachakaner werden in der Gegenwart von Kyraliern nur in ihrer Muttersprache frei sprechen. Zudem reisen im Winter keine Händler über die Berge.“

„Bis der Schnee auf den Pässen geschmolzen ist, könnte es bereits zu spät sein“, fügte Balkan düster hinzu.

„Nach allem, was wir erfahren haben, während des Winters nicht mit einem Angriff zu rechnen“, sagte Akkarin. „Marika hat Schwierigkeiten, die verschiedenen Parteien in Sachaka zu einen. Es ist unwahrscheinlich, dass er in den nächsten Wochen oder Monaten damit Erfolg hat.“

„Zudem würde Marika sich selbst einen Nachteil verschaffen, wenn er im Winter angreift“, fügte Lord Vorel hinzu. „Seine Truppen würde ihre Magie verschwenden, um Eis und Schnee zu beseitigen und ihre Sklaven würden erfrieren, sofern die Sachakaner nicht auch Magie aufwenden, um sie zu wärmen, was ich nach allem, was ich über dieses Volk erfahren habe, für unwahrscheinlich halte. Wenn sie uns wirklich so sehr fürchten, werden sie sich ihre Magie für uns aufsparen. Zudem wäre es strategisch klüger, im Frühjahr anzugreifen, um die auf den Feldern sprießende Saat zu zerstören oder auch im Sommer, um unsere Ernte zu vernichten.“

„Ein guter Punkt“, stimmte der schwarze Magier zu. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. „Die Winter in Sachaka sind zwar weniger hart als in Kyralia, doch spätestens ab den Bergen würden sie mit diesen Problemen zu kämpfen haben.“

Der Hohe Lord nickte langsam. „Wir sollten diesen Umstand nutzen und unsere Spione sorgfältig auf ihre Mission vorbereiten, was das Risiko einer Entdeckung verringert. Das bietet zudem die Möglichkeit, ihre Sachakanisch-Kenntnisse zu verbessern.“ Er sah zu Akkarin. „Lord Akkarin, wärt Ihr einverstanden, die Spione die sachakanische Sprache zu lehren?“

„Ja.“

Garrel erhob sich und begann in dem kleinen Raum auf und ab zu schreiten. „Warum muss Marika überhaupt eine solch große Armee aufstellen, um uns zu besiegen, wenn einer Handvoll Ichani das bereits fast gelungen wäre?“

„Ich dachte, wir hätten dieses Thema gestern geklärt“, murmelte Lady Vinara entnervt.

Akkarins Augen blitzten zu Garrel. „Weil es nur fast gelungen wäre“, antwortete er ruhig. „Wie ich bereits gestern sagte: Marika rechnet damit, dass die Gilde all ihren Magiern erlaubt, schwarze Magie zu erlernen, wenn sie von seinen Plänen erfährt. Trotz der Verluste, die die Ichani uns beschert haben, wären wir den Sachakanern in diesem Fall überlegen, weil wir über das größere Wissen verfügen. Er wird uns nicht angreifen, bevor er nicht absolut sicher ist, dass er uns auch wirklich besiegen kann. Denn damit würde er den Respekt seiner Anhänger verlieren, was seine Position als König schwächen würde.“

„Also tun wir möglichst nichts, was die Sachakaner dazu verleiten könnte, das zu glauben“, folgerte Osen. „Denn damit würden sich unsere Chancen nicht verbessern, weil sie eine größere Armee gegen uns aufstellen müssen.“ Er runzelte die Stirn. „Es sei denn, wir bilden heimlich ein paar schwarze Magier aus und überraschen sie damit …“ Er schüttelte sich. „Aber das können wir nicht machen.“

„Nein.“ Akkarins Stimme hatte einen gefährlichen Unterton angenommen. „Und ich rate Euch dringend davon ab.“

Lady Vinara sah mit ernstem Gesicht in die Runde. „Diese Möglichkeit sollten wir nur als letzten Ausweg in Betracht ziehen.“

Rothen atmete innerlich auf. Die Gilde mochte sich an ihre beiden schwarzen Magier gewöhnt haben, aber deswegen musste sie noch lange nicht bereit sein, mehr von ihnen zu akzeptieren.

„Doch wir schweifen vom Thema ab“, fuhr das Oberhaupt der Heiler fort. „Wir haben uns getroffen, um über die Spione zu sprechen, die wir nach Arvice schicken wollen.“

Zu Rothens Erleichterung war niemand an weiteren Diskussionen zum Thema schwarze Magier gelegen. „Wie viele Spione benötigen wir?“, fragte er. „Sollen wir sie alle in einer Gruppe nach Sachaka schicken oder teilen wir sie auf mehrere kleine Gruppen auf, damit wir immer noch Spione haben, sollten einige auffliegen? Wie sollen sie mit uns in Verbindung treten? Und wie finden wir verlässliche Leute?“

„Ich schlage vor, wir senden zwei kleine Gruppen von zwei oder drei Leuten nach Sachaka“, sagte Akkarin. „Zu ihrer eigenen Sicherheit sollten sie nichts voneinander wissen. Zudem würde ich empfehlen, jede beide Gruppen mit weiteren Händlern reisen zu lassen.“

Der Hohe Lord runzelte die Stirn. „Eine gute Idee“, sagte er. „Da würde es sich tatsächlich anbieten, ein paar Händler zu rekrutieren, die bereit wären, für uns die Sachakaner auszuspionieren. Für eine angemessene Belohnung versteht sich.“

„Ich kann die Händler, die regelmäßig nach Sachaka reisen, ausfindig machen und eine Liste erstellen“, bot Osen an. „Diejenigen, die als Spione in Frage kommen, sollten anschließend sorgfältig von dieser Liste ausgewählt werden.“

Balkan nickte. „Dann fangt umgehend damit an. Sollten sich nicht genügend Freiwillige finden, müssen wir eine Alternative finden.“

„Falls Ihr bei dieser Sache Unterstützung braucht, stelle ich mich zur Verfügung“, erbot Rothen sich.

Über das an diesem Tag ungewöhnlich ernste Gesicht des Administrators huschte ein Lächeln. „Danke.“ Er fuhr sich über die Stirn und blickte in die Gesichter der anderen. „Dann wäre da noch die Frage der Kommunikation zu klären. Da unsere Spione Nichtmagier sein werden, kommt Gedankenrede nicht in Frage. Selbst bei Magiern wäre das eine denkbar schlechte Lösung, da die Sachakaner sie abhören könnten. Irgendwelche Vorschläge?“

„Sie übermitteln uns die Informationen per Kurier.“ Garrel hatte sein auf und ab Schreiten beendet und lehnte nun an der Tür. „Sie reisen schneller als Händler oder gewöhnliche Reisende. Mit ihnen würden uns die Informationen in der Hälfte der Zeit erreichen. Uns bliebe genügend Zeit zu reagieren.“

„Lord Garrel, habt Ihr eine Ahnung, wie lange ein Kurier von Arvice nach Imardin benötigt?“, fragte Akkarin.

Das Oberhaupt der Krieger schüttelte den Kopf.

„Fünfzehn Tage. Vorausgesetzt, er gerät nicht in die Hände der Ichani, deren Territorium die sachakanische Seite des Stahlgurtgebirges und die Ödländer sind. Eine lange Zeit, die wir für Vorbereitungen nutzen sollten und die unsere Reaktion verzögert.“

„Was wollt Ihr damit sagen?“, fragte Garrel sichtlich nervös.

Akkarin trank einen Schluck Sumi und stellte seine Tasse beiseite. „Eine direkte Übermittlung der Informationen würde uns einen großen Vorteil verschaffen. Eine Armee würde mindestens vier Wochen benötigen, um den Weg von Arvice nach Imardin zurückzulegen. Erfahren wir jedoch früh genug von ihrem Aufbruch, so können wir ihnen entgegenreiten und sie daran hindern, nach Kyralia einzudringen und das Land zu plündern und zu verwüsten.“

„Das sehe ich ein“, sagte Garrel tonlos. „Aber wie … ?“

Akkarins dunkle Augen blitzten. Obwohl Rothen die Antwort bereits ahnte, hielt er gespannt die Luft an.

„Mit Blutjuwelen.“

Einige höhere Magier schnappten erregt nach Luft. Der Rest schwieg entsetzt.

Das Oberhaupt der Krieger hatte sich als Erster wieder gefasst. „Damit Ihr unsere Spione kontrollieren und uns wichtige Informationen vorenthalten könnt?“, rief er. „Vielleicht solltet Ihr selbst nach Sachaka gehen.“

„Lord Garrel, ich muss doch sehr bitten“, wies ihn der Hohe Lord zurecht.

„Eure Unterstellung setzt voraus, dass mein Blut für die Herstellung verwendet würde“, antwortete Akkarin kühl. „Solange nicht alle der hier Anwesenden dem zustimmen, werde ich mich dazu nicht zur Verfügung stellen. Ich werde die Juwelen lediglich herstellen. Mein Vorschlag wäre, dass der Hohe Lord diese Aufgabe übernimmt. So erhält er alle Informationen aus erster Hand. Im Übrigen schlage ich Selbiges für die Patrouillen in den Bergen und die Krieger an den Pässen vor.“

„Lord Akkarin, Euer Vorschlag mag objektiv betrachtet sinnvoll erscheinen, dennoch werde ich mein Blut nicht für die Erschaffung schwarzmagischer Artefakte opfern“, erklärte Balkan. Seine Augen verengten sich. „Wer weiß, was Ihr noch damit vorhabt?“

Wo ist sein Vertrauen hin, dass er Akkarin gestern noch geschenkt hat?, fragte Rothen sich. Oder fürchtet er sich nur zu sehr vor allem, was mit schwarzer Magie zu tun hat? Ja, das muss es sein. Mit einem Schaudern erinnerte er sich daran, wie Kariko bei der Schlacht vor Calia einen solchen Stein mit seinem Blut hergestellt hatte. In den darauffolgenden Tagen hatte er Rothen durch diesen beim Töten Unschuldiger zusehen lassen. In diesem Licht betrachtet, war Balkans Abneigung verständlich. Doch selbst Rothen musste die Nützlichkeit, die Blutjuwelen für die Mission der Spione haben würden, anerkennen.

„Nun, wenn Ihr nicht wollt, dass ich die Blutjuwelen herstelle, kann Sonea das übernehmen“, erwiderte Akkarin glatt. „Sie ist dazu ebenso fähig wie ich.“

„Auf keinen Fall!“, rief Osen. „Sie ist keine fertig ausgebildete Magierin. Sie sollte ihre Fähigkeiten nur dann zum Einsatz bringen, wenn die Gilde sie braucht. So war das bei Eurer Wiederaufnahme vereinbart.“

„Blutjuwelen herzustellen ist Teil ihrer Ausbildung“, sagte Akkarin ruhig und Rothen begann sich zu fragen, ob der schwarze Magier sich insgeheim über die Reaktionen der anderen Magier amüsierte.

Osen betrachtete ihn Akkarin mit offenkundiger Abscheu. „Wenn in Euch auch nur ein Funken Menschlichkeit stecken würde, dann hättet Ihr Sonea das alles gar nicht erst angetan. Als ihr Mentor hättet Ihr sie davon abhalten müssen, schwarze Magie zu erlernen.“

„Gegen Soneas Eigenwillen habe selbst ich keine Chance.“

Der Administrator schnaubte verächtlich. „Vielleicht hättet Ihr die, wenn Eure persönlichen Gefühle Euch nicht beeinflussen würden.“

„Ich sehe keinen Grund, sie mit Gewalt von ihren Idealen abzuhalten.“

„Ihr gebt also zu, dass Ihr schwarze Magie für gut befindet?“

„Meine Herren, das führt doch zu nichts!“, fuhr Balkan dazwischen. „Für Privatkriege ist in der Arena ausreichend Platz.“

„Dem stimme ich zu“, sagte Akkarin.

„Ich bitte um Verzeihung, Hoher Lord“, sagte Osen zerknirscht. „Er hat mich provoziert.“

Akkarin hob kaum merklich die Augenbrauen. Rothen unterdrückte ein Kichern. Irgendwie gelang es dem schwarzen Magier immer wieder, das Missfallen des Administrators zu erregen, was oft zu einer gewissen Erheiterung der Anwesenden führte und jede sich endlos im Kreis drehende Diskussion belebte.

„Es interessiert mich nicht, wer hier wen provoziert hat“, erklärte Balkan. „Wir sollten uns wieder dem eigentlichen Grund unserer Versammlung zuwenden. Die meisten von uns haben heute noch zu unterrichten oder ihre eigentliche Arbeit zu erledigen.“

„Ich schlage vor, die Frage nach der Kommunikation mit unseren Spionen zu vertagen, bis die Kandidaten feststehen“, sagte Rothen. „Es sollte auch ihre Entscheidung sein, ob sie Blutjuwelen mit sich führen wollen oder nicht. Wenn sie es nicht wollen, gibt es keinen Grund, diese Diskussion hier und jetzt weiterzuführen.“

Und ich kann mich noch ein wenig hinlegen, bis Lord Sarrins Vertretung zu Ende ist.

Aus den Augenwinkeln sah er, wie Akkarin ihm einen berechnenden Blick zuwarf.

Lady Vinara stieß einen erleichterten Seufzer aus. „Endlich einmal ein vernünftiger Vorschlag!“

Balkan erhob sich. „Ich werde mir Lord Akkarins Idee bis dahin noch einmal durch den Kopf gehenlassen.“ Er blickte in die Runde. „Gibt es noch irgendwelche sinnvollen Beiträge?“

Als sich keiner zu Wort meldete, nickte der Hohe Lord dem Administrator zu.

„Dann erkläre ich dieses Treffen hiermit für beendet“, sagte Osen mit sichtlicher Erleichterung. „Wir treffen uns wieder, sobald Lord Rothen und ich die Kandidaten für die Spione aufgestellt haben.“

Roben raschelten, als die höheren Magier sich erhoben. Rothen beeilte sich, den kleinen Raum zu verlassen, in dem die Luft inzwischen ziemlich stickig geworden war.

Draußen auf dem Flur hielt er plötzlich inne. Seit der Besprechung am Vortag brannte ihm eine ganz bestimmte Sache auf der Seele. Gegen die Wand neben einem Gemälde gelehnt wartete er, dass seine Kollegen das Büro verließen.

Als die Reihe an Akkarin war, stellte Osen sich mit vor der Brust verschränkten Armen in die Tür, als wolle er ihm den Weg versperren.

„Womöglich hatte der Hohe Lord mit seinen Worten recht“, hörte Rothen ihn sagen. „Wir sollten unsere Differenzen in der Arena austragen.“

„Ich begrüße, dass Ihr zu der Einsicht gekommen seid, dass gewisse Dinge nicht in die Sitzungen der höheren Magier gehören“, erklang Akkarins kühle Stimme. „Ich sehe jedoch keinen Grund, gegen Euch in der Arena anzutreten. Ich fürchte sogar, ich muss Euch von Eurem Vorhaben abraten.“

Der Administrator straffte die Schultern, wie um größer zu wirken. Tatsächlich überragte Akkarin ihn noch immer um einen ganzen Kopf.

„Habt Ihr Angst?“

„Ja. Und zwar um Euch. Überlegt Euch lieber noch einmal gründlich, ob Euer Anliegen eine Niederlage gegen mich aufwiegt. Denn es würde nichts an den Tatsachen ändern. Wenn Ihr dann noch immer gegen mich antreten wollt, werde ich Eure Herausforderung annehmen. Guten Tag, Administrator.“

Mit diesen Worten ließ Akkarin den Administrator stehen, der ihm völlig verunsichert Platz machte.

Rothen stieß sich von der Wand ab und beeilte sich, den schwarzen Magier einzuholen. „Was war das denn?“

Akkarin bedachte ihn mit einem berechnenden Seitenblick. „Anscheinend glaubt Administrator Osen, mit altmodischen Methoden das Unmögliche zu erreichen“, sagte er. „Ich wäre Euch jedoch dankbar, wenn dieser Vorfall nicht die Runde in der Gilde macht.“

„Natürlich nicht“, sagte Rothen verwirrt und fragte sich, wie Akkarin das meinte. Als er jedoch wieder über den Anlass des Streits der beiden Männer vorhin in der Besprechung nachdachte, verstand er plötzlich. „Es ging um Sonea, nicht wahr?“

Für die Dauer eines Augenblicks zögerte Akkarin. „Ja.“

Diese Antwort überraschte Rothen. Er hatte stets geglaubt, Osen mochte den schwarzen Magier nicht, weil dieser in seinen Augen eine unbedarfte Novizin verdorben hatte. Für einen kurzen Moment fragte er sich, ob Akkarin sich nicht irrte, bis ihm wieder einfiel, dass der schwarze Magier nur Osens Gedanken hatte lesen müssen, um das herauszufinden.

Arme Sonea, dachte er. Sie wird nicht sehr glücklich sein, wenn sie erfährt, dass sie einen weiteren Verehrer hat.

„Weswegen wolltet Ihr mich sprechen, Rothen?“, riss Akkarin ihn aus seinen Gedanken.

Rothen hatte Mühe, mit dem schwarzen Magier Schritt zu halten. Er beschleunigte seine Schritte, um wieder zu Akkarin aufzuschließen. „Tatsächlich wollte ich mit Euch über Dannyl sprechen …“


***


Sonea ging in die Hocke und betrachtete die vor ihr frisch aufgehäufte Erde. Sie konzentrierte sich auf den Pachizweig in ihrer Hand. Wenige Augenblicke später sprossen aus den Enden der Verästelungen Knospen, aus denen zarte weiß-rosa Blüten brachen.

Ruhe in Frieden, Darren, dachte sie und steckte den Zweig in die Erde. Dann erhob sie sich und betrachtete ihr Werk.

„Es hätte nicht sein müssen“, flüsterte sie. „Er hatte es nicht verdient zu sterben. Nicht so.“ Mit einem Mal erkannte sie, sie würde ihn mehr vermissen, als sie für möglich gehalten hatte. Darren hatte sie ebenfalls gemocht. Vielleicht wären sie eines Tages sogar Freunde geworden. Es war nicht fair, dass er hatte sterben müssen.

„Nein, das hatte er nicht.“

Akkarin legte einen Arm um ihre Schultern. Auch er schien in düsterer Stimmung.

„Er war einer der wenigen, die wirklich zu dir halten“, sagte sie leise.

„Sonea, er wäre auf der Stelle bereit gewesen, für jeden von uns beiden zu sterben“, erwiderte er ebenso leise.

Sonea erschauderte. Sie brauchte nicht zu fragen, woher er das wusste. Wenn sie an Darren und seinen Freund Kayan dachte, dann war das etwas, das sie erraten konnte, ohne ihre Gedanken gelesen zu haben.

„Er hat sicher nicht damit gerechnet, dass es so passieren würde“, sagte sie. Der junge Krieger hätte einen ehrenvolleren Tod verdient, als im Schlaf von einem Sachakaner getötet zu werden.

„Sonea, so etwas passiert“, sagte Akkarin sanft. „Ich habe auch nicht damit gerechnet, durch ein in den Sand geworfenes Messer zu sterben.“ Bei der Erinnerung zuckte Sonea unwillkürlich zusammen. Akkarin machte eine Pause und strich behutsam über ihren Arm. Als er fortfuhr, konnte sie den Schmerz in seiner Stimme beinahe hören. „Und ich bin sicher, Lorlen hätte niemals gedacht, durch die Trümmer eines einstürzenden Hauses zu sterben.“

Für seine Verhältnisse zeigt er heute erstaunlich viel von seinen Gefühlen, stellte Sonea fest. Sie rückte ein wenig dichter an ihn heran. Erst jetzt erkannte sie, wie nahe ihm Darrens Tod wirklich ging. Nicht nur, weil Akkarin den jungen Krieger geschätzt hatte. Es riss auch gerade verheilte Wunden wieder auf.

„Da ist eine Sache, die ich nicht verstehe“, sagte sie nach einer Weile. „Wieso ist er gestorben, wenn noch ein Rest Magie in ihm war, während Ikaro sich erholen konnte? War Darren schwächer?“

„Bei der Entnahme von Magie gibt es zwei Schwellen“, antwortete Akkarin. „Überschreitet man die erste, fällt das Opfer in einen Zustand magischer Erschöpfung. Er oder sie kann sich jedoch wieder regenerieren. Beim Überschreiten der zweiten Schwelle folgt unwiderruflich der Tod. Selbst wenn noch ein winziger Rest Magie übrig ist, ist der Körper dann zu geschwächt, um die Kontrolle über seine Magie aufrechtzuerhalten.“

Sonea wandte den Kopf. „Wieso hast du mir das nie erzählt?“

„Weil das zu den Dingen gehört, die ich dich nicht lehren werde. Ich habe dir gezeigt, wo die erste Schwelle liegt und du weißt, wie man mit schwarzer Magie tötet. Jemanden in den Bereich zwischen den Schwellen gefangen zu halten, so wie ich es mit Ikaro tat, ist grausam und barbarisch. Du solltest dich hüten, das jemals zu tun, solange ich dir nichts anderes befehle.“

Sie nickte. Allein der Gedanke war zu entsetzlich, als dass sie das jemals freiwillig tun würde. Seine Worte brachten sie jedoch zu einer ganz anderen Frage.

„Wenn noch etwas Magie in ihm war, wieso war seine Leiche dann so unversehrt?“

„Was glaubst du, warum?“

Die Art, wie er das fragte, ließ nur einen einzigen Schluss zu. Er hatte Darrens restliche Magie genommen. Ein eisiger Schauer lief Soneas Rücken hinab.

„Sonea, es war zu spät um ihn zu retten“, sagte Akkarin sanft. „Hätte ich es nicht getan, wäre er bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Ich musste ihm und seinen Angehörigen diesen Dienst erweisen.“

Sonea nickte. Sie verstand, warum er das getan hatte. Nicht jedem Magier behagte der Gedanke an den eigenen Tod. Der Gedanke an das, was geschah, wenn man die Kontrolle über die eigene Magie verlor, war zu entsetzlich. Sie starrte auf das frische Grab zu ihren Füßen. Hätte Akkarin nicht den Rest von Darrens Kraft genommen, hätten weder sie noch seine Kollegen oder seine Familie die Möglichkeit erhalten, sich von ihm zu verabschieden.

„Was ist mit Balkan und den anderen?“, fragte sie. „Wissen sie davon?“

„Ja“, antwortete er nur.

Sonea schwieg. Weder bei der Anhörung, noch sonst war auch nur ein Wort darüber verloren worden. Aber die anderen Magier wussten zu wenig über schwarze Magie, als dass sie dieses Detail bemerkt hätten. Akkarin hatte ihr nur davon erzählt, weil sie gefragt hatte. Sein Tun wäre nicht ohne Konsequenzen geblieben, wäre Balkan damit nicht einverstanden gewesen.

„Sonea, in der Nacht, in der Darren starb, habe ich von dir geträumt“, sagte Akkarin plötzlich.

Überrascht sah sie zu ihm auf. „Von mir?“

Der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht. „Wäre es dir lieber gewesen, ich hätte von einer anderen Frau geträumt?“

Sonea schnaubte. Dann wurde sie wieder ernst, als sie mit einem Mal etwas begriff, das ihr seit einer Woche Rätsel aufgab.

„Deswegen hat es sich also so real angefühlt“, wisperte sie.

Akkarin runzelte die Stirn. „Was?“

„Mein Traum.“ Wenn es überhaupt ihrer gewesen war. Der Angriff, den sie darin gesehen hatte, musste von Kayan gekommen sein. Bei der Anhörung hatte der junge Krieger ausgesagt, er hätte Akkarin mit einem schwachen Kraftschlag gewarnt. In ihrem Traum hatte Sonea nur geglaubt, es wären Sachakaner gewesen, weil sie und Akkarin darin in Sachaka gewesen waren. „Wir waren in diesem kleinen Tal in Sachaka. Das Tal, in dem wir uns das erste Mal geküsst haben. Aber alles war irgendwie anders … so verdreht.“

Du hast das geträumt?“

Sonea nickte. „Wie ist das möglich?“

Akkarin antwortete nicht. Eine Weile starrte er nachdenklich ins Leere.

„Es muss durch den Blutring geschehen sein“, antwortete er schließlich. „Als ich einschlief, muss ich auch darüber die Kontrolle verloren haben. Vielleicht hatte ich unbewusst auch die Absicht, dich zu beobachten …“

„Bist du früher schon in den Traum von jemandem eingedrungen, der dein Blutjuwel trägt?“

Er schüttelte den Kopf. „Allerdings habe ich zu keinem der anderen Blutjuwelenträger eine so intime Beziehung wie zu dir.“

Sonea war entsetzt. Es hätte sie glücklich stimmen müssen, dass sie beide einander so nahe waren, selbst wenn viele Meilen sie trennten. Aber jetzt fühlte es sich an, als trüge sie einen Teil der Schuld an Darrens Tod. Obwohl sie wusste, das war völlig absurd, würde sie von nun an immer denken müssen, Darren wäre ihretwegen gestorben.

Waren sie beide so selbstsüchtig, dass sie ihre Beziehung doch über alles andere stellten? Was, wenn es wieder geschah? Würden sie das verantworten können? Würde sie das verantworten können? Oder wäre es besser, wenn sie kein Paar waren, weil sie sonst immer in einem Konflikt mit ihrer Verantwortung für die Gilde stehen würden?

Nein, das würde nichts ändern, erkannte Sonea. Sie und Akkarin gehörten zusammen, sie waren eine Einheit – in jeder Hinsicht. Sie hatten mehrfach bewiesen, dass es Wichtigeres als ihre Liebe gab, so schwer ihnen das auch gefallen sein mochte. Die Konsequenz war indes nicht weniger schrecklich.

Es war ein Unfall, rief sie sich ins Gedächtnis. Es war weder meine noch Akkarins Schuld. Es waren die Fehlentscheidungen der höheren Magier, die Darren umgebracht haben. Und Ikaro.

Sonea tat einen zitternden Atemzug und schloss die Augen. Dann spürte sie, wie Akkarin seine Arme um sie schlang und sie an sich drückte.


***


Geduldig beobachtete Dorrien, wie Kullens ältere Tochter mit unbeholfener Hand Buchstaben zu Wörtern und Wörter zu Sätzen zusammenfügte, wobei sie den Autors des vor ihr liegenden Buchs zu kopieren versuchte. Ihre Schrift war indes so krakelig wie die eines Kindes, das gerade Schreiben lernt. Dorrien störte das nicht. Mit der Zeit würde ihr Schriftbild leserlicher werden.

Als sie den Absatz beendet hatte, legte sie die Schreibfeder zur Seite und rieb sich das Handgelenk.

„Es ist ungewohnt, nicht wahr?“, fragte Dorrien. Sie saßen an dem Tisch, an dem er sonst aß, Medizin herstellte oder sein Essen vorbereitete. Heute befanden sich darauf ein Buch über Heilkräuter, mehrere Bögen Papier, ein Tintenfass und eine Schreibfeder.

„Sehr, Mylord“, antwortete sie. „Ich bin harte Arbeit gewohnt. Aber das hier ist etwas völlig anderes.“

„Weil es eine andere Bewegung für deine Muskeln ist.“ Dorrien befand, es war Zeit für eine Pause. „Gib mir deine Hand.“

Viana gehorchte und streckte ihm ihre Hand entgegen. Für die Hand einer jungen Frau, die auf dem Land lebte, war sie erstaunlich zart. Dorrien berührte ihre Handfläche. Er brauchte indes keine Magie, um zu erkennen, dass Vianas Hand völlig verkrampft war.

„Das hier sind die Muskeln deiner Hand“, sagte er und strich mit seinen Fingern verschiedene Partien ihre Handfläche entlang. Ihre Nase kräuselte sich leicht, als er die verspannten Muskelstränge entlang strich. „Du hast insgesamt dreiunddreißig davon. Einige davon befinden sich eigentlich in deinem Unterarm. Nur ihre Verlängerungen, die Sehnen, reichen bis in die Hand hinein. Deswegen verspürst du auch in deinem Arm Schmerzen. Diese ganzen Muskeln dienen dazu, die siebenundzwanzig Knochen deiner Hand zu bewegen. An die Tätigkeiten, die du sonst damit ausführst, sind sie bereits gewöhnt. Die Bewegung, die sie ausführen, wenn du schreibst, kennen sie dagegen noch nicht.“

„Ich hätte nicht gedacht, dass meine Hand aus so vielen Teilen besteht“, erwiderte Viana mit echter Faszination.

„Warte erst einmal ab, bis du lernst, woraus der menschliche Körper alles besteht“, entgegnete Dorrien erheitert. „Und bis du das auswendig lernen musst.“

Ihre braunen Augen funkelten aufgeregt. „Wann werde ich das lernen?“

Was sollte er darauf antworten? Er hatte nicht mit solch großer Wissbegierde gerechnet. Es sprach nichts dagegen, Viana die Grundlagen der Anatomie zu lehren, bevor sie ihr Studium an der Universität begann. Damit würde sie einen Vorteil gegenüber den anderen Novizen haben, wenn sie anfingen, mit Magie den menschlichen Körper zu erkunden. Viana war intelligent und neugierig. Doch Dorrien fand, es war noch zu früh für solch komplexe Themen.

„Sobald du gut genug Lesen und Schreiben kannst“, sagte er. Er streckte Vianas Finger. Dann nahm er ihren kleinen Finger. „Versuche, ihn einzurollen und konzentriere dich darauf, wie dein Körper reagiert. Ich halte dagegen.“

Er spürte einen leichten Druck, als Viana gegen seine Hand arbeitete.

„Gut“, sagte er und berührte ihren kleinen Finger von der anderen Seite. „Und jetzt wieder zurück.“

Erneut drückte Viana gegen seine Finger und versuchte den ihren wieder zu strecken.

„Was hast du gespürt?“, fragte er, nachdem er von ihr abgelassen hatte.

„Eine Spannung von hier bis hier.“ Sie deutete von ihrer Fingerspitze bis zu kurz vor ihrem Ellenbogen. „Sind das alles unterschiedliche Muskeln?“

Dorrien nickte. „Sie sind miteinander verbunden. Anders wären Bewegungen gar nicht möglich.“

Vorsichtig begann er ihre Hand zu massieren. Viana sog scharf die Luft ein und schloss die Augen.

„Was ist, kleine Viana“, fragte er. „Ist das nicht gut?“

„Doch.“ Ihre Wangen färbten sich rosa. „Es ist nur … so etwas hat noch nie jemand bei mir getan. Und Ihr seid ein Lord …“

Dorrien lächelte ihr aufmunternd zu. Ihre Berührungsängste waren verständlich, aber er musste dafür sorgen, dass Viana sie ablegte. Wenn er die Verantwortung für ihre Ausbildung auf sich nahm, würde ihr Kontakt noch viel intimer. Angefangen davon, sie Kontrolle zu lehren bis hin zu einfachen Übungen, um sie in die Heilkunst einzuführen, wofür er in ihren Geist eindringen musste. Doch er machte sich deswegen keine Sorgen. Viana schien ihm zu vertrauen. Mit der Zeit würde sie ihre Furcht ablegen.

„Das ist schon in Ordnung, kleine Viana“, sagte er sanft. Er hielt ihre Hand fest und strich mit seiner anderen Hand ihren Unterarm entlang. „Entspann dich einfach und versuche in Zukunft deine Hand beim Schreiben etwas lockerer zu lassen.“

Viana gehorchte. Sie schloss die Augen. Allmählich nahmen ihre Wangen wieder eine normale Farbe an. Erfreut stellte Dorrien fest, dass sie lächelte.

„Lord Dorrien, was bedeutet der Abschnitt, den ich abgeschrieben hatte?“, fragte sie, nachdem er die Massage beendet hatte.

„Auf Grund ihrer schwellungshemmenden Eigenschaften findet Briskborke zahlreiche Anwendungen“, las Dorrien, wobei er auf das jeweilige Wort deutete. Er wusste nicht, ob die Methode sinnvoll war, um jemanden Lesen und Schreiben zu lehren, doch es war das Beste, was ihm eingefallen war, nachdem er sich vergeblich daran zu erinnern versucht hatte, wie er es gelernt hatte.

Er wusste nur eines: Er hatte es nicht aus Büchern über Heilkunst gelernt. Seine Kinderbücher befanden sich jedoch alle in Imardin bei seinem Vater. Er hatte bis jetzt Abstand davon gehalten, Rothen einen Brief zu schreiben und ihn zu bitten, ihm die Bücher zu schicken. Rothen würde sofort misstrauisch werden. Dorrien wollte ihn jedoch erst mit seinem Vorhaben konfrontieren, wenn er mit Viana die ersten Fortschritte gemacht hatte. Sein Vater würde sehen, dass es ihm ernst war und nicht versuchen, es ihm wieder auszureden.

„Kocht man einen Sud aus Briskborke und tränkt Tücher damit, so hilft sie gegen Prellungen und Blutergüsse. Inhaliert man Selbigen, so lindert es Halsentzündungen und Schnupfen. Eine Salbe …“

Ein Klopfen unterbrach ihn.

„Herein!“, rief Dorrien und streckte seinen Willen nach der Tür aus, völlig vergessend, dass er dem Besucher damit wahrscheinlich einen Schrecken einjagte. Vianas Mund klappte bei diesem Gebrauch von Magie auf.

Draußen stand eine Bäuerin. Ihr Gesicht war hochrot, ihr Atem ging schwer und ihre Augen waren schreckgeweitet. Dorrien sprang auf und eilte zu ihr.

„Mein Mann ist vom Heuboden gestürzt, Mylord“, brachte sie atemlos hervor. „Er kann nicht mehr aufstehen.“

„Yul!“ rief Dorrien. „Ist er bei Bewusstsein?“

Die Bäuerin schüttelte den Kopf.

„Blutet er?“

„Ich glaube nicht.“

Dorrien überlegte nicht lange. Er hastete zu einem Schrank, holte verschiedene Arzneien heraus und stopfte sie in seine Tasche. Dann fiel ihm wieder ein, dass Viana noch bei ihm war. Er wandte sich ihr zu.

„Viana, ich fürchte wir müssen unseren Unterricht auf morgen verschieben“, teilte er ihr mit.

Die Enttäuschung in ihren Augen ließ ihn seine Worte sofort wieder bereuen. Doch Dorrien hatte keine Ahnung, was dem Mann der Bäuerin fehlte und wie lange es dauern würde, ihn zu heilen.

„Dann bis morgen, Lord Dorrien.“ Viana erhob sich und warf sich ihren Umhang um die Schultern. „Vielen Dank für Euren Unterricht.“

Sie schritt zur Tür.

„Viana, warte!“

Sie hielt inne und wandte sich um.

„Wenn du möchtest, kannst du mich begleiten und mir assistieren.“ Auch ohne Magie konnte sie bei Dorriens Einsatz einiges lernen. Manche Heiler schworen sogar darauf, die Behandlungen, die auch ohne Magie möglich waren, auf die altmodische Art auszuführen. So konnten sie im Falle eines großen Unglücks oder einer Seuche die eigenen Kräfte sparen und mehr Menschen helfen. Als einziger Heiler in den Bergen griff Dorrien selbst häufig darauf zurück.

Die Tochter des Reberhirten strahlte. „Es wäre mir eine Freude, Mylord.“

Dorrien lächelte. Sie verließen das Haus und folgten der Bäuerin zu einem Karren, vor den ein Pferd gespannt war. Dorrien half Viana auf die Sitzfläche und dann fuhren sie los. Es war der erste Tag seit Wochen, an dem sich die Sonne wieder zeigte, wenn auch die Luft eisig war. Der Schnee auf den Bäumen und Hausdächern glitzerte und rieselte herab, wo Squimps durch die Baumwipfel tollten.

Nachdem sie ein kurzes Stück durch den Wald gefahren waren, teilten sich die Bäume und gaben den Blick auf ein Bauernhaus mit einem spitzen, bis zum Boden reichenden Giebeldach, frei. Daneben erblickte Dorrien einige Wirtschaftsgebäude, die im Gegensatz zu dem Haus ganz aus Holz erbaut waren. Hinter dem Hof erstrahlte der Schnee auf Feldern und Weiden in der Nachmittagssonne. Die Bäuerin steuerte den Karren auf die Scheune zu. Kurz vor den Toren hielt sie an und stieg ab. Dorrien und Viana taten es ihr gleich und folgten ihr in die Scheune.

Auf dem Boden inmitten mehrerer Strohballen lag Yul. Drei halbwüchsige Jungen hatten ihn umringt und starrten mit ratlosen Mienen auf ihn herab.

Dorrien nahm seinen Beutel von der Schulter und ging neben dem Bauern in die Hocke. Er warf einen Blick nach oben. Im Dachgebälk oberhalb des Heubodens war ein kleines Loch zu erkennen, durch das Schnee tropfte, der in der Sonne getaut sein musste.

„Habt jemand ihn bewegt?“, fragte er und sah in die bleichen Gesichter der Jungen.

„Nein, Mylord“, antwortete der Älteste. Die anderen schüttelten stumm die Köpfe. „Wir wollten warten, bis Ihr kommt.“

„Das war richtig von euch“, sagte Dorrien. „Und jetzt lasst mich und meine Assistentin allein.“

Die Jungen nickten und trollten sich zusammen mit ihrer Mutter.

Er sah zu Viana. Die junge Frau stand ein wenig unschlüssig ein Stück abseits. Sie hat noch nie einen Patienten behandelt, rief Dorrien sich ins Gedächtnis. Ihre Kenntnisse beschränkten sich auf das Verbinden harmloser Wunden und das Behandeln diverser Leiden mit Hausmitteln – Methoden, die die Bergbewohner für gewöhnlich versuchten, bevor sie zu ihm kamen.

„Komm her.“

Sie gehorchte und ließ sich neben ihm auf den Knien nieder. „Was soll ich tun, Mylord?“

„Sieh nach, ob er noch atmet.“

Viana streckte ihre Hand aus und hielt sie unterhalb von Yuls Nase. „Er atmet noch“, antwortete sie. „Aber nur sehr schwach, glaube ich.“

Dorrien überprüfte ihre Worte. „Das ist richtig, Viana. Gut gemacht. Falls du dir einmal nicht sicher bist, beuge dich über ihn. Die Haut auf deiner Wange ist ganz besonders empfindlich. Damit kannst du selbst die schwächste Atmung erspüren.“ Er überlegte kurz, ihr zu zeigen, wie sie Yuls Vitalfunktionen ohne Magie überprüfen konnte, verwarf diese Idee jedoch wieder. Besser er zeigte es ihr, wenn er zu einem Patienten gerufen wurde, der nicht gerade aus einer Höhe von fünfzehn Fuß gestürzt war.

Während er Yul behandelte, erklärte er Viana, was er tat. Sie hörte ihm aufmerksam zu und stellte hin und wieder eine Frage, die mehr von Interesse als von Dummheit zeugte, was Dorrien erfreute.

Der Bauer war bewusstlos, schien jedoch keine ernsthaften Verletzungen zu haben. Sein Arm war durch den Sturz gebrochen, sowie einige seiner Rippen. Er hatte innere Blutungen, die ihm hätten gefährlich werden können, wäre seine Frau nicht so rasch zu ihm gekommen. Dorrien heilte die inneren Blutungen und brachte Yuls Körper dazu, die Flüssigkeit im Gewebe abzubauen. Anschließend blockierte er die Nerven, die durch die Verletzungen in Mitleidenschaft gezogen worden waren, damit Yul keine Schmerzen hatte, wenn er aufwachte.

„Und jetzt hilf mir ihn umzudrehen“, wies er Viana schließlich an. Er zeigte ihr, wo sie den Bauern festhalten musste und auf sein Kommando drehten sie ihn auf den Rücken.

„Jetzt werde ich seine Rippen heilen“, fuhr Dorrien fort. „Ohne Magie wäre das sehr schmerzvoll und gefährlich, weswegen ich dich das jetzt nicht lehren werde.“

„Ich verstehe“, erwiderte Viana ernst.

„Achte darauf, dass er weiterhin atmet. Dazu musst du seinen Kopf überstrecken, und zwar so.“ Er legte eine Hand unter Yuls Kinn, die andere auf seine Stirn und schob seinen Kopf nach hinten, bis der Nacken gerade war. Unter anderen Umständen hätte er seine Magie zur Stabilisierung der Atmung genutzt, doch so würde Viana etwas lernen. „In seiner vorherigen Position konnte er ohne Hilfe atmen, weil er das Glück hatte, so zu fallen, dass seine Atemwege freilagen“, erklärte er. „Wenn er auf dem Rücken liegt, braucht er dafür jedoch Hilfe.“

Mit sanften Fingern übernahm Viana die Lagerung von Yuls Kopf. „Warum ist das so?“, fragte sie.

„Weil sämtliche Muskeln erschlaffen, wenn man bewusstlos ist. Die Zunge rutscht dann in den Hals und blockiert die Atmung.“

Ihre Augen weiteten sich und sie warf einen besorgen Blick zu dem Bauern. „Dann kann er froh sein, dass er so gefallen ist, dass er atmen konnte.“

„Allerdings.“ Eine Hand auf Yuls Brust gelegt, griff Dorrien nach seiner Magie und brachte die gebrochenen Rippen wieder in ihre ursprüngliche Position. Anschließend ließ er die Knochen zusammenwachsen.

„Und jetzt“, sagte er mit einem Lächeln zu Viana, „bringe ich dir bei, wie man einen gebrochenen Arm richtet.“ Er fixierte Yuls Kopf mit seiner Magie. „Du kannst ihn jetzt loslassen.“

Für gewöhnlich lernten Novizen das Richten von Knochenbrüchen erst, nachdem sie die Anatomie des menschlichen Körpers verstanden hatten. Doch das hier war nicht Imardin. Das Leben in den Bergen war anstrengend und gefährlich und Dorrien konnte nicht überall zugleich sein. Je schneller Viana ihn unterstützen konnte, desto mehr Menschen konnte er helfen.

Viana starrte ihn an, auf ihrem Gesicht spiegelten sich zugleich Überraschung und Unsicherheit. „Was soll ich tun?“

„Nimm Yuls Arm“, wies Dorrien sie an. „Aber vorsichtig. Er hat im Augenblick keine Schmerzen, aber wir wollen den Schaden nicht vergrößern.“

Sie nickte ernsthaft. Behutsam hob sie Yuls Arm empor.

Dorrien zeigte ihr, wie sie die Bruchstelle ertasten und die Knochen richten konnte. Viana stellte sich, wenn auch noch etwas ängstlich, nicht ungeschickt an. Tatsächlich zeigte sie ein Feingefühl, auf das manch ein Heiler neidisch sein konnte. Als sie fertig war, untersuchte er Yul ein letztes Mal, um zu überprüfen, ob in seinem Arm nun alles wieder seine Ordnung hatte.

„Herzlichen Glückwunsch, kleine Viana“, sagte er. „Du hast gerade deinen ersten Bruch erfolgreich behandelt.“

Ihre blassen Wangen färbten sich schlagartig Dunkelrosa. „Danke, Mylord. Aber wirklich gut wäre ich erst, hätte ich es mit Magie getan.“

„Das wirst du alles noch lernen“, versprach Dorrien. Er zog eine Holzschiene aus seinem Beutel. „Jetzt muss Yuls Arm noch geschient werden“, teilte er ihr mit. „Damit die Knochen in Ruhe wieder zusammenwachsen können.“

Er zeigte ihr, wie sie die Schiene anlegen musste und wie sie den Arm mit einer Schlinge fixierte. Zu seiner Freude gelang ihr auch das ohne Schwierigkeiten.

Zwischen ihnen begann sich Yul zu regen. Er stöhnte und schlug die Augen auf. Dorrien und Viana wandten sich dem Bauern zu.

„Yul“, sagte Dorrien. „Was machst du für Sachen? Wochenlang durchstreifst du mit mir die Berge auf der Suche nach einem Ungeheuer und dann fällst du von deinem eigenen Heuboden?“

„Das Dach war undicht und Schnee ist reingetropft. Da bin ich drauf ausgerutscht“, antwortete der Bauer verlegen. „Danke, dass Ihr mich geheilt habt, Mylord.“ Sein Blick fiel auf Viana und er runzelte verwirrt die Stirn. „Was macht sie hier?“

„Sie hat mir geholfen.“

„Dann danke euch beiden“, brummte der andere Mann verwirrt.

„Schon gut, Yul“, erwiderte Dorrien. „Du hattest wirklich großes Glück. Dein Arm ist geschient. Du musst ihn ein paar Wochen schonen und solltest solange nicht arbeiten.“

„Aber ich muss das Dach reparieren!“, protestierte Yul. „Sonst wird das ganze Heu nass und gammelig und meine Tiere haben nix zu fressen!“

„Lass das den Zimmermann machen.“ Dorrien erhob sich und half dem Bauern auf. „Morgen werde ich noch einmal nach deinem Arm sehen. Jetzt geh dich ausruhen. Falls du Schmerzen hast und dein Arm anschwillt, solltest du ihn kühlen.“

„Meinetwegen, Mylord“, murmelte Yul. „Schnee gibt’s hier ja genug.“

Dorrien lächelte. Er wollte sich erneut bücken, um seine Utensilien einzupacken. Doch Viana hatte das bereits für ihn erledigt.

„Hier, Mylord“, sagte sie ihm die Tasche reichend.

Für einen Augenblick war er sprachlos. „Danke, Viana“, sagte er dann erfreut.

Sie lächelte scheu und sah zu Boden.

„Du warst wirklich gut“, sagte Dorrien auf dem Rückweg zum Dorf.

„Vielen Dank, Mylord.“ Viana zog die Augenbrauen zusammen und ihre Nase kräuselte sich. „Warum habt Ihr seinen Arm nicht auch geheilt? Das hättet Ihr doch gekonnt, oder?“

„Weil Yul dann sofort wieder auf seinen Heuboden geklettert wäre, kaum dass wir seinen Hof verlassen hätten“, antwortete Dorrien. „Magie hilft leider nicht gegen Leichtsinn.“

Sie lachte. „Wahrscheinlich macht sie eher noch leichtsinniger, weil er weiß, dass Ihr kommt und ihm helfen würdet!“

Dorrien grinste und wandte sich ihr zu. Ihre tennblonden Zöpfe schimmerten golden in der schrägstehenden Nachmittagssonne. Ihre Augen indes waren erfüllt von einem Feuer, das von innen zu kommen schien. Er hatte sie noch nie so erlebt. Der Unterricht schien ihr wirklich Spaß zu machen.

„Was ist, Mylord?“, fragte sie und wurde mit einem Mal wieder ernst. „Habe ich etwas Falsches gesagt?“

Dorrien schüttelte den Kopf. Er war es gewohnt, sich allein um seine Patienten zu kümmern. Auch wenn er Hilfe dringend gebrauchen konnte, so hatte er stets gefürchtet, das würde seine Arbeit eher behindern oder in endlosen Diskussionen um die richtige Behandlung enden. Bis Viana zu ihm gekommen war, hatte er nicht einmal daran gedacht, sich einen Novizen zu nehmen. Aber er hatte sie ohne zu zögern bereits zu seiner inoffiziellen Novizin gemacht.

Plötzlich fragte er sich, was ihn dazu gebracht hatte. Viana war intelligent, wissbegierig und sanftmütig. Er mochte sie und es machte ihm Spaß, sie zu unterrichten. Ist es, weil ich in ihr etwas sehe, das ich mir immer bei Sonea gewünscht habe?, fragte er sich. Dass sie mit mir in den Bergen leben würde, um sich gemeinsam mit mir um die Menschen dort zu kümmern?

Wenn dem so war, dann war das Viana gegenüber nicht fair. Aber wenn Kullens Tochter wirklich Heilerin werden wollte, dann war es seine Pflicht an, ihr dies zu ermöglichen, egal was seine Motive waren. Sie hatte Talent und Begeisterung und ein nicht geringes magisches Potential. Das ungenutzt zu lassen, wäre eine Verschwendung.

„Ich dachte nur gerade darüber nach, dich zu fragen, ob du morgen mit mir kommen möchtest, wenn ich erneut nach Yuls Arm sehe“, sagte er dann.

Viana strahlte. „Das wäre wunderbar!“


***


„ … und dann hat der eine meinen Mann von hinten gepackt. Der and’re hat ihm’s Messer in den Bauch gerammt.“ Die Frau brach in Tränen aus. Cery fühlte sich hilflos. Er wusste, es gab nichts, was er sagen konnte, um den Schmerz dieser Frau zu lindern. Nichts, was er tun konnte, würde ihr ihren Mann zurückbringen.

„Wir werden die beiden Täter schnappen“, versicherte er ihr und legte eine Hand auf ihren Arm.

Sie sah auf. In ihren Augen lag eine Verwüstung, die Cery zurückschrecken ließ.

„Sie soll’n auf dieselbe Weise verrecken, wie er!“, brachte sie hervor.

„Sie werden kriegen, was sie verdienen“, sagte Cery vorsichtig. Wäre sie eine seiner Klienten, so hätte er diesen beiden Kerlen seine übelsten Messer auf den Hals gehetzt. Doch für die Bestrafung würde nun ein Gericht sorgen. Zumindest der Mörder würde für sein Vergehen hingerichtet werden. Sein Komplize musste in jedem Fall das Gefängnis fürchten.

„So, jetzt beruhig dich erstmal“, fuhr er behutsam fort. „Wenn ich deine Aussage fertig geschrieben hab’, machen wir weiter.“

Die Frau nickte und nippte an dem Raka, den Cery ihr gebracht hatte.

Die Schlägerei hinter dem Bolhaus Schmugglerhöhle hatte in der vergangenen Nacht stattgefunden. Die Nachtstreife hatte die über ihren toten Mann gebeugte Frau entdeckt und zum Wachhaus gebracht. Sie hatte jedoch unter Schock gestanden und war zu keiner Aussage fähig gewesen. Cery hatte sie daher in einem Raum untergebracht, der eigentlich als Ruheraum für die Wachen diente. Zwischen dem Protokollieren anderer Verbrechen hatte er immer wieder nach ihr gesehen. Sie hatte jedoch bis zum Abend gebraucht, um wieder sprechen zu können.

Nach nur einem Tag als Stadtwache hatte er bereits mehr zu tun, als er sich hatte vorstellen können. Seine Leute hatten einige Verbrecher auf frischer Tat ertappt und zum Verhör ins Wachhaus gebracht. Hüttenleute, die Zeuge oder Opfer eines Verbrechens geworden waren, waren gekommen, um auszusagen. Es freute Cery, dass sie die neue Aufgabe der Diebe so gut annahmen, doch er begann sich zu fragen, wie er und seine Leute all die Arbeit auf Dauer bewältigen sollten.

Seine Hand war verkrampft und schmerzte von dem permanenten Halten seiner Schreibfeder. Nach nur einem Tag stand fest, er würde ein paar Schreiber einstellen müssen. Von seinen Leuten war er der Einzige, der die Aussagen und Berichte verfassen konnte und er konnte diese Arbeit unmöglich allein bewältigen.

„Geht es wieder?“, fragte er, als er die Aussage der Frau fertiggestellt hatte.

Sie nickte.

„Hast du zuhause Kinder?“

„Fünf.“

„Kümmert sich jemand um sie?“

„Sanna’s elf. Sie achtet auf ihre Geschwister.“

Cery nickte. Für die Kinder würde der Tod ihres Vaters hart sein. Aber die Hüttenleute waren hart und anpassungsfähig. Die Kinder würden den Verlust bald überwinden. Ebenso wie ihre Mutter.

„Wie sahen die beiden Kerle aus?“, fragte er weiter. Er nahm einen neuen Bogen Papier und tauchte seine Schreibfeder in das Tintenfass. „Erzähl mir alles, woran du dich erinnern kannst.“

„Der mit’m Messer war sehr groß und kräftig. Er musste sich unter der Tür des Bolhaus durchbücken. Er war unrasiert, hatte aber keinen richtigen Bart.“

Cery notierte ihre Worte. „Wie trug er seine Haare?“

„Lang und offen. Sie gingen bis zu den Schultern.“

„Kyralier?“

„Ja. Beide.“

„Ist dir noch was bei ihm aufgefallen?“

„Er hatte ’ne Hakennase.“ Sie zögerte. Als sie weitersprach, waren ihre Augen geschlossen. „Die Ärmel von seinem Hemd waren hochgekrempelt. Deswegen konnt’ ich sehen, dass er ’ne lange Narbe auf dem Unterarm hat. Links. Mit dem hat er auch das Messer gehalten.“

Cery horchte auf. Nur wenige Männer hielten das Messer in der linken Hand. Das würde die Suche nach dem Mörder erleichtern.

„Und der andere?“, fragte er.

„Der Dicke war kleiner. Vielleicht ’nen Kopf kleiner, als der and’re. Er war wirklich sehr dick, aber auch sehr stark. Er hatte ’ne Glatze.“ Sie runzelte die Stirn. „An mehr kann ich mich nicht erinnern. Tut mir leid, Ceryni.“

„Schon in Ordnung“, erwiderte Cery. „Du hast deine Sache sehr gut gemacht. Wenn dir noch etwas einfällt, dann komm wieder her und erzähl’s mir oder einem meiner Leute.“ Er machte sich eine Notiz. Dann fiel ihm noch etwas ein. „Weißt du, ob dein Mann Feinde hatte? Oder ob er in irgendwelche Reibereien geraten ist?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Wir sind Schuhflicker. Das Geld reicht gerade so zum Leben. Wer sollte uns deswegen hassen?“

Ihre Worte brachten Cery auf eine andere Idee. Er mochte es nicht, das Elend der Frau zu vergrößern, aber er musste die Frage stellen. Schließlich geschahen die meisten Verbrechen in den Hüttenvierteln aus genau diesem Grund.

„Hat sich dein Mann in letzter Zeit mit Gaunern eingelassen, weil er mehr Geld brauchte, um die Familie zu ernähren?“

Ihre Augen weiteten sich. „Niemals!“, rief sie entsetzt. „Dafür war er viel zu anständig.“

Und wahrscheinlich hätte Cery dann bereits irgendwie davon erfahren. Natürlich bestand noch immer die Möglichkeit, dass das Ehepaar einfach zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen war.

„Sollte da doch etwas sein, dann hab keine Angst, es uns zu sagen.“ Cery setzte das Lächeln auf, das immer dann zum Einsatz kam, wenn er dabei war, ein Geschäft abzuschließen. „Wir werden für deinen Schutz sorgen, bis wir die Kerle geschnappt haben.“

„Was verlangst du dafür?“

Das Lächeln wurde breiter. „Nur, dass du deine Steuern immer schön brav bezahlst.“

„Das werd’ ich“, versprach sie.

„Gut.“ Cery legte seine Schreibfeder zur Seite. „Du kannst jetzt gehen. Warte unten in der Halle, ich werd’ dir jemand schicken, der dich nach Hause bringt.“ Zudem würde er dafür sorgen, dass seine Leute bei ihrem Haus verstärkt patrouillierten, bis der Fall aufgeklärt war.

„Danke, Ceryni“, erwiderte sie. Trotz ihrer Traurigkeit schien sie aufrichtig erfreut, weil er sich dem Mord an ihrem Mann annahm. Das war ein gutes Gefühl, das Cery darin bestärkte, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, als er Mirkens Angebot angenommen hatte.

„Keine Ursache.“

Er erhob sich und verließ das Vernehmungszimmer. Er überquerte den Flur und steuerte auf den Aufenthaltsraum zu. Es kam ihm vor, als hätte er in seinem ganzen Leben nicht so viel Raka getrunken wie an diesem Tag, doch er berauchte unbedingt noch einen.

„Hai! Chef!“

Cery fuhr herum.

Sein Leibwächter eilte auf ihn zu. „Endlich!“, rief er. „Draußen wartet wer auf dich.“

„Dann bring ihn in mein Büro.“

Gol grinste dämlich. „Ich bin mir nicht sicher, ob sie das interessiert.“

Cery runzelte die Stirn. „Wer ist es?“

„Deine kleine Gefälligkeit.“

Nenia! Durch die Aufregung der letzten Wochen hatte Cery sie völlig vergessen. Er verspürte ein jähes Schuldgefühl, aber er hatte jetzt unmöglich Zeit für Privatangelegenheiten.

„Ich muss noch meine Leute über ein neues Verbrecherpaar informieren“, begann er. „Und ich muss … “

„Du machst jetzt nix mehr“, schnitt Gol ihm das Wort ab.

„Hai!“, rief Cery. „Wer’s hier der Captain?“

„Du bist seid gestern Morgen auf. Nimm deine kleine Gefälligkeit und verschwinde.“

„Aber … “

„Lass mich die Nachtschicht übernehmen. Sag mir, was ich über diese Kerle wissen muss. Ich werd’ mich um sie kümmern.“

Cery seufzte resigniert. Er wollte sein Wachhaus nur ungern dem Chaos überlassen, das er befürchtete, wenn er erst einmal fort war. Andererseits fühlte er sich zum Sterben müde. Er würde nicht immer hier sein können. Wahrscheinlich sollte ich wirklich für heute Feierabend machen, dachte er. Wenn einer für Ordnung sorgen kann, dann Gol.

„Also schön“, sagte er. In wenigen Worten berichtete er dem anderen Mann von dem Fall, den er gerade bearbeitet hatte. „Die Frau’s unten in der Wartehalle. Schick jemand zu ihr, der sie nach Hause bringt, und sorg dafür, dass die Streifen ein besonderes Auge auf ihr Haus haben. Und besorg mir zwei Schreiber.“

„Wird gemacht, Chef … äh Capt’n.“ Gol zögerte. „Aber was mit den beiden richtigen Stadtwachen?“

„Du meinst Correl und Jorrik?“, fragte Cery verwirrt. „Was soll mit denen sein?“

„Na, die sind doch aus’n Häusern. Die können doch sicher Lesen und Schreiben.“

„Hai!“ Cery schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn. „Du hast recht, Gol!“

Sein Leibwächter grinste selbstgefällig. „’Türlich hab ich das.“

Cery achtete jedoch nicht auf ihn, eine Idee hatte in ihm zu reifen begonnen. „Ich denke, das mit den Schreibern hat Zeit“, sagte er dann. „Sag’ Correl und Jorrik, sie sollen die Aussagen der Zeugen aufnehmen und Protokolle schreiben. Ich werde sie morgen aus dem Dienstplan der Streifen rausnehmen und ins Wachhaus versetzen.“

„Das wird dem Capt’n Commander nicht gefallen“, wandte Gol ein.

„Und wenn schon“, gab Cery schulterzuckend zurück.

„Hauptsache, du hast sie dort, wo du ein Auge auf sie haben kannst, was?“

Cery nickte. Er hegte keinen Groll gegen die beiden Männer. Sie konnten nichts dafür, dass Worril sie in seinen Bezirk abkommandiert hatte, um ihn und seine Leute zu kontrollieren. Aber es gefiel ihm nicht, wenn sie in seinen Straßen herumstreiften.

„Und jetzt geh zu deiner kleinen Gefälligkeit“, drängte Gol. „Ich werd’ den Laden schon schmeißen.“

„Hai! Das glaub’ ich dir auf’s Wort!“

Ein wissender Ausdruck huschte über Gols grobschlächtiges Gesicht. „Viel Spaß mit deiner Kleinen.“

Cery schüttelte unwillkürlich den Kopf. „Dir auch.“

Den anzüglichen Ton in Gols Stimme ignorierend wandte Cery sich zur Empfangshalle. Verglichen mit jener im Hauptquartier der Stadtwache war es ein großzügig geschnittener Raum, der daran erinnerte, dass sich hier einst die Schankstube eines Bolhauses befunden hatte. Wo früher die Theke gewesen war, stand nun ein Tisch, der permanent mit einem von Cerys Leuten besetzt war. Davor waren zwei Reihen gepolsterter Bänke aufgestellt, auf denen die Leute warteten, die wegen eines bestimmten Anliegens gekommen waren.

Fast hätte er sie nicht erkannt. Sie hatte die Kapuze ihres Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Darunter erhaschte Cery einen Blick auf das feine Kleid, das er ihr geschenkt hatte. Als sie ihn erblickte, schlug sie die Kapuze zurück.

„Hallo, Ceryni“, sagte sie lächelnd. „Oder soll ich jetzt Captain Ceryni sagen?“

Cery verdrehte die Augen. „Bloß nicht!“, rief er und schritt auf sie zu.

Nenia verzog das Gesicht zu einem hinreißenden Schmollmund. Cery fand, sie war hübscher denn je. Er überlegte, sie hier zu küssen, entschied sich jedoch dagegen. Dazu würde noch genug Zeit sein, wenn sie in seinem Versteck waren.

„Auch nicht, wenn’s mir gefällt?“, fragte sie keck.

„Vielleicht in ’nem halben Jahr“, antwortete er. „Wenn ich ’ne Uniform tragen muss.“

Nenia musterte ihn. Ihre Augen funkelten bedeutungsvoll. „’Ne Uniform wird dir gut stehen.“

Er zuckte die Schultern. Es war das Letzte, was er anziehen wollte.

Nenia machte einen Schritt auf ihn zu. Ihr Finger fuhr über seine Brust. „Darf ich sie dir ausziehen, wenn’s soweit ist?“

Plötzlich fragte Cery sich, wie er die letzten Wochen nur auf sie hatte verzichten können. Ich werde nicht zulassen, dass wir uns noch einmal so lange nicht sehen, schwor er sich. Egal wie viel Arbeit ich zu erledigen habe.

„Das darfst du“, antwortete er heiser. Er würde sie sowieso nicht davon abhalten können. „Aber nur bei mir zuhause.“

„Ich mag Männer in Uniform“, fügte sie mit einem verspielten Lächeln hinzu.

Cery entschied, dieses Thema nicht zu vertiefen. Es erinnerte ihn daran, dass sie nicht ausschließlich ihm gehörte. Er gab oft vor, dass ihn das nicht stören würde. Tatsächlich wollte er der Einzige sein, der sich mit ihr vergnügte. Wenn die Probezeit vorbei ist und ich mich ruhigen Gewissens Captain nennen kann, dann werde ich das ändern, entschied er. Und wenn er einen Grund erfinden musste, um sie Corbin wegzunehmen.

Einen tiefen Atemzug nehmend vertrieb er seine besitzergreifenden Gedanken. „Lass uns gehen“, sagte er und nahm ihre Hand.

Nenia nickte und folgte ihm hinaus.

„Du hast dich lang’ nicht mehr bei Corbin blicken lassen“, begann sie, als sie durch die dunkler werdenden Gassen zum nächsten Eingang zur Straße der Diebe gingen. Cery hatte den Eindruck, sie versuche, den Vorwurf ihrer Stimme fernzuhalten.

„Ich hatte viel zu tun“, antwortete Cery. „In den letzten Wochen hat sich für uns Diebe viel getan. Meine Leute mussten auf ihre neue Arbeit vorbereitet werden. Und es gab da so’n paar Dinge zu regeln.“

„Das kann ich mir denken.“

„Bist du mir böse?“

„Nein“, antwortete sie zu rasch. Ihr Blick glitt zu den Häusern auf ihrer Seite der Straße. „Du hast mir nur gefehlt“, fügte sie leise hinzu.

Cery wusste nicht, was er darauf erwidern sollte. Er wollte nicht, dass sie dachte, er mache sich mehr aus ihr, aber er wollte sie auch nicht verletzen.

„Wie läuft’s mit Corbin?“, fragte er. „Hat er dir in letzter Zeit Ärger gemacht?“

„Nein“, antwortete Nenia. „Er hat richtig Angst vor dir, weil du ja jetzt das Gesetz verkörperst.“

Cery lachte. „Hai! Das geschieht ihm recht!“

Er trat in den Schatten eines Hauses und hob das Gitter an, das an der dahinterliegenden Mauer befestigt war. Er stieg durch die Öffnung und entzündete die im Tunnel versteckte Laterne. Dann half er Nenia in den Gang. Er band ihr ein dunkles Tuch um die Augen und drehte sie dann mehrmals im Kreis. Es war eine reine Vorsichtsmaßnahme und er war sicher, sie würde sich den Weg nicht merken können oder sich in den Tunneln verlaufen, sollte sie auf eigene Faust darin herumstreifen.

„Wenn Corbin es trotzdem wagen sollte, dich schlecht zu behandeln, dann sag mir das“, nahm Cery ihr Gespräch wieder auf, als sie durch die Tunnel zu seinem Versteck wanderten. „Dann werd’ ich ihm ’nen Besuch abstatten.“

Nenia kicherte.

„Was ist daran so lustig?“, fragte Cery verwirrt.

„Auch wenn du Stadtwache spielst, wirst du immer’n Dieb bleiben“, erwiderte sie.

Du weißt gar nicht, wie recht du damit hast.


***


Sonea rieb sich die Schläfen und versuchte, ihre Kopfschmerzen ohne den Einsatz von Magie zu vertreiben. Sie wusste nicht, wie viel davon sie noch für den verbleibenden Unterricht brauchen würde. Während Akkarin mit quälender Langsamkeit ihre Kraft genommen hatte, hatte sie vergeblich versucht, gegen die Trägheit anzukämpfen. Ihr Kopf dröhnte wie an dem Tag, als sie eine ganze Unterrichtsstunde lang Gedankenschlag in der Arena trainiert hatten.

Die Tür der Bibliothek ging auf und Takan trat mit einem Tablett beladen mit einem Krug und zwei Gläsern ein. Er stellte das Tablett auf dem Tisch ab und verneigte sich. „Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?“

Akkarin räumte ihre juwelenbesetzten Messer zurück in den Schrank und wandte sich um.„Danke, Takan. Das wäre alles.“

„Sehr wohl, Meister“, erwiderte der Diener und entfernte sich.

„Sonea, du solltest etwas trinken“, sagte Akkarin. „Dann wirst du dich besser fühlen.“

Sie nickte und griff nach dem Krug, um sich ein Glas Wasser einzugießen. Ihr ausgestreckter Arm zitterte unter dem Gewicht des Gefäßes. Vor dem Abendessen hatte sie ihre erste Stunde Schwertkampf in ihrem Garten gehabt. Sonea hatte die Wahl des Ortes begrüßt, da sie so von den üblichen Schaulustigen verschont geblieben war. Besonders zu Beginn der Stunde war sie sich mit dem Übungsschwert reichlich albern vorgekommen. Auf das Gelächter der anderen Novizen konnte sie getrost verzichten.

An diesem Abend hatten sie jedoch noch nicht gekämpft. Akkarin hatte ihr gezeigt, wie man ein Schwert hielt und einfache Bewegungen damit ausführte. Zu jedem Bewegungsablauf gehörte eine bestimmte Schrittfolge, was dem ganzem etwas Tänzerisches verlieh. Vorausgesetzt man war nicht kurz davor, unter der Last des Schwertes zusammenzubrechen. Zumindest bei Akkarin hatte es elegant und anmutig und irgendwie einfach ausgesehen. Sonea hingegen war überzeugt, alles andere als die Eleganz in Person gewesen zu sein, während sie sich mit den Übungen abgemüht hatte. Als sie mit einigem Widerwillen entdeckt hatte, dass ihr diese Kunst Freude bereiten könnte, wenn sie erst einmal die Grundlagen gelernt hatte, hatte ihr Körper zu protestieren begonnen und ihr jede weitere Freude am Schwertkampf wieder genommen.

Inzwischen schien jeder Muskel ihres Oberkörpers zu schmerzen und sie musste dem Drang widerstehen, sich zu heilen. Akkarin hatte ihr verboten, das zu tun, weil sie ihren Körper an die ungewohnte Anstrengung gewöhnen musste. Ihre körperliche Konstitution würde nicht besser werden, wenn sie die Strapazen mit Magie linderte. Obwohl Sonea wusste, dass sie sich in einigen Wochen daran gewöhnt haben würde, hätte sie im Augenblick alles dafür gegeben, ihre Schmerzen los zu sein.

Akkarin schwebte zur obersten Reihe eines Bücherregals empor und zog mehrere Bücher heraus. Sonea wusste nicht, ob er die Bücher über schwarze Magie aus reiner Gewohnheit oder aus einer übermäßigen Vorsicht heraus dort aufbewahrte, wo sie niemandem sofort ins Auge fielen. Die Bibliothek war stets mit einem magischen Schloss belegt, das nur sie beide öffnen konnten.

Wenig später kehrte er mit einem Stapel Bücher zurück und legte sie auf den Tisch. Soneas Stimmung hob sich ein wenig. Jetzt würde der angenehmere Teil ihres Unterrichts beginnen. Die wenigen Stunden in schwarzer Magie, die sie gehabt hatte, seit er wieder begonnen hatte, sie zu unterrichten, hatten hier stattgefunden. Akkarin hatte jedoch angekündigt, dass er den Unterricht in den Keller verlegen würde, sobald sie mit dem Experimentieren anfingen.

„Wir werden mit diesen beginnen“, erklärte er und setzte sich in den Sessel ihr gegenüber. „Die Hinweise stehen in einem dieser Exemplare.“

Sonea betrachtete die Bücher. Nur zwei davon hatte sie bis jetzt gelesen. Sie blinzelte verwirrt.

„Ich dachte, dort sei nicht viel zu finden.“

„Das ist richtig. Doch wir sollten zunächst alle Informationen zusammentragen, die wir finden können. Es wird uns helfen, unsere Forschung zu planen. Und“, fügte er mit einem Halblächeln hinzu, „die meisten dieser Bücher wirst du ohnehin noch lesen müssen. Sobald du mit diesen fertig bist, werde ich dir das Buch von Botschafter Dannyl geben.“

Sonea nickte griff sich das erste Buch des Stapels. Bisher hatte sie nur Experimente durchgeführt, deren Resultat bereits wohlbekannt war. Akkarin hatte ihr erklärt, dass Forschung eine gründliche Vorbereitung erforderte. Wäre es dabei um Alchemie gegangen, hätte Sonea dies womöglich als langweilig empfunden. Sie und Akkarin würden jedoch nach einem Weg forschen, Speichersteine herzustellen.

„Worauf soll ich achten?“, fragte sie eifrig.

„Auf alles, was in irgendeiner Form mit Steinen oder den Ödländern zu tun haben könnte.“ Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen und er starrte nachdenklich ins Leere. „Eine dieser Passagen befindet sich in einem Kapitel über den Sachakanischen Krieg, wenn ich mich recht entsinne. Als ich die Bücher entdeckte, versuchte ich, weitere Hinweise zu finden, weil ich hoffte, die Gilde mit einer solchen Waffe besser beschützen zu können. Da ich jedoch nichts fand und ich keine Verwendung einer solchen Waffe im Kampf gegen die Spione hatte, verwarf ich die Idee schließlich wieder. Erst durch die Lektüre von Botschafter Dannyls Buch fielen mir im Nachhinein einige Textstellen ein, die ich damals nicht einordnen konnte.“

Sonea schüttelte ungläubig den Kopf. „Wann hättest du diese Waffe eingesetzt? Wenn sie mächtig genug ist, um die Ödländer zu erschaffen …“

„Ich hätte sie nur eingesetzt, wenn alles bereits verloren gewesen wäre“, antwortete er. „Als letzten Ausweg.“

Sie nickte. Tatsächlich hatte sie nichts anderes von ihm erwartet.

„Sonea“, sagte Akkarin ernst.

Sie sah auf.

„Sollte es uns gelingen, eine solche Waffe herzustellen, werden wir sie nicht in Kyralia einsetzen. Nicht, solange wir die Sachakaner in ihrem eigenen Land schlagen können und es noch eine andere Möglichkeit gibt. Ich vermute, dass die Zerstörungskraft eines Speichersteins von der Menge der Magie, die er enthält, abhängt. Wir würden sie in einer schwächeren Form erzeugen, einige Speichersteine könnten wir sogar an die Gilde geben, damit die Magier sich gegen die Sachakaner verteidigen können. Es besteht keine Notwendigkeit, unser eigenes Land zu verwüsten.“

„Natürlich“, sagte sie.

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis. Dann griff er sich eines der Bücher und blätterte darin. Sonea schlug ihr Buch auf und begann zu lesen. Sofort erkannte sie Akkarins elegante Handschrift. Das Buch war also eine seiner Kopien. Natürlich würden sie nicht die Originale durchforsten, weil diese zu alt und wertvoll waren.

Das Buch war in Alt-Kyralisch geschrieben. Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Bisher hatte sie nur in ihrem Geschichtsunterricht und neuerdings auch in Strategie einige Texte in dieser Sprache gelesen. Sie war dem heutigen Kyralisch nicht unähnlich, aber viele Begriffe wurden heute anders verwendet als vor mehreren hundert Jahren und die Wörter bestanden zum Teil aus anderen Buchstaben, was das Lesen zu einem Akt der Anstrengung machte.

Der Autor war ein Lord Dakon von Aylen, einer Länderei im Nordosten Kyralias, der in diesem Buch sein gesamtes Wissen für die Nachwelt festgehalten hatte. Dem Vorwort entnahm Sonea, dass der Mann dieses Werk in den Jahren nach dem Sieg der Kyralier über Sachaka in Arvice verfasst hatte. Seinen Worten zufolge lebte er dort in der ständigen Furcht, zum Opfer eines Mordanschlags zu werden. Kein Wunder, dass er sein Wissen vorher in irgendeiner Form konservieren wollte, dachte sie.

Die meisten seiner Entdeckungen waren für die heutige Zeit unspektakulär und hatten nur selten mit schwarzer Magie zu tun. Sonea musste sich ins Gedächtnis rufen, dass es zu jener Zeit noch keine Gilde gegeben hatte und viele Magier ihr Wissen nur mit ihren Lehrlingen geteilt hatten. Lord Dakon schien jedoch eine seltene Ausnahme zu sein. Sein Schreibstil hatte etwas Erheiterndes, das sie an Rothen erinnerte. Nachdem Sonea die ersten drei Kapitel gelesen hatte, begann sie jedoch zu gähnen. Wenn sie nicht bald etwas über Speichersteine fand, würde sie bei dieser Lektüre noch einschlafen.

Ungeduldig blätterte sie weiter, nur die Illustrationen betrachtend. Lesen konnte sie das Buch immer noch, wenn sie wieder in besserer Verfassung war. Sie wollte nicht mit dem Gefühl zu Bett gehen, nichts gefunden zu haben, das sie und Akkarin für ihre Forschung verwenden konnten. Zu ihrer Enttäuschung hatte jedoch keine der Zeichnungen Ähnlichkeit mit einem Stein oder einem verwüsteten Landstrich.

Als sie das Buch zu mehr als zwei Drittel durchblättert hatte, erregte eine Kapitelüberschrift ihre Aufmerksamkeit. „Konservierung von Magie“, las sie auf Alt-Kyralisch. Der Absatz war nur kurz und es gab kein Bild dazu. Neugierig geworden begann Sonea zu lesen.

Es ist moeglich, Gesteyn mit Magie aufzuladen, las sie. Manch eyner behauptet, manches Gesteyn habe magische Eygenschaften oder haette gar magisches Potential. Waehrend dies ungeahnte Moeglichkeiten und gar den Verzicht auf hoehere Magie bietet, ist eben dies in den Haenden eynes Wahnsinnigen eyne gefaehrliche Waffe.

Das ist es!, dachte sie. Aufgeregt blätterte Sonea zur nächsten Seite, diese enthielt jedoch ein neues Kapitel, das dem Beziehen von Energie aus Pflanzen gewidmet war, wie Akkarin es sie einst gelehrt hatte. Verwirrt überflog das davorliegende Kapitel, das ebenfalls einem anderen Thema gewidmet war.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden“, sagte sie. „Aber das ist ziemlich seltsam.“

Akkarin sah von dem Buch auf, in dem er mit gerunzelter Stirn gelesen hatte. „Wie meinst du das?“

„Es ist nur ein ganz kurzer Abschnitt, der mehr Fragen aufwirft, als er beantwortet.“

„Lies vor.“

Sonea las den Abschnitt laut. „Hättest du mir nicht von den Speichersteinen erzählt, wäre ich nicht darauf gekommen, dass es sich darum handeln könnte“, schloss sie.

„Als ich das Buch zum ersten Mal las, erging es mir ähnlich. Ich hielt es für einen gescheiterten Versuch, Magie zum Hausbau zu verwenden und ein allgemeines Unverständnis der gemachten Entdeckung.“ Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Gut gemacht“, murmelte er.

„Danke, Lord Akkarin“, erwiderte Sonea erfreut. „Aber ich verstehe nicht, was uns das nützen soll. Es gibt doch gar keine Steine mit magischem Potential, nicht wahr?“ Außer vielleicht in irgendwelchen Märchen, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Nun, das gilt es, herauszufinden.“ Akkarins Augenbrauen zogen sich zusammen und er starrte auf einen Punkt hinter ihr. „Dazu werde ich jedoch die Alchemie-Abteilung in der Magierbibliothek konsultieren müssen. Nichtsdestotrotz werden wir die Bücher nach weiteren Hinweisen durchforsten. Ich würde nur ungern mit den ersten Versuchen beginnen, bevor wir nicht jedes Detail gefunden haben, das uns nützen könnte.“

Sonea nickte. Auch ihr war nicht daran gelegen, dass ihnen irgendein wichtiges Detail entging. Nicht, wenn sie sich auf ein Gebiet vorwagten, das derart gefährlich war und wo sie völlig auf sich gestellt sein würden.

Als sie den Kopf hob, bemerkte sie, dass Akkarin sie durchdringend musterte.

„Wir beenden den Unterricht für heute.“

„Aber wir haben doch gerade erst angefangen“, protestierte sie. Sie hatte erwartet, sie würden erst dann aufhören, wenn sie die entsprechende Textstelle wiedergefunden hatten. Oder zumindest bis weit nach Mitternacht danach suchen.

„Du hattest einen anstrengenden Tag“, sagte er. „Es ist Zeit, ins Bett zu gehen.“

Sonea wollte einwenden, dass er nicht darauf bestehen würde, wären sie kein Paar, doch Akkarin ließ sie nicht zu Wort kommen.

„Es ist spät“, fuhr er streng fort. „Du hast dich völlig erschöpft. Und das meine ich sowohl im magischen, als auch im körperlichen und geistigen Sinne. Ich erwarte, dass du morgen ausgeruht bist.“

Sonea unterdrückte ein Seufzen. Ja, der Tag war anstrengend gewesen und sie sehnte sich nach ihrem Bett. Doch sie hatte diesen Teil des Tages von allen am meisten herbeigesehnt. Sie brannte darauf, das Geheimnis der Speichersteine zu enthüllen. Aber wenn Akkarin so hart und unerbittlich war wie jetzt, gab es nichts, was sie dem entgegensetzen konnte.

„Ja, Lord Akkarin“, erwiderte sie, ihre Resignation unterdrückend.

„Wir werden morgen Abend hier weitermachen. Bis dahin werde ich nicht mit unserer Suche fortfahren“, versprach Akkarin. Er legte sein Buch zur Seite und erhob sich.

Sonea fühlte sich geschmeichelt, weil er sie so sehr in diese Sache mit einbezog. Aber es war zu wichtig, als dass er auf sie Rücksicht nehmen durfte. Egal, wie gerne sie mit ihm gemeinsam herausfinden wollte, wie diese Waffe hergestellt wurde. Wer wusste schon, wie lange sie dafür brauchen würden? Oder ob es ihnen überhaupt gelang, bevor die Sachakaner angriffen.

„Wir sollten keine Zeit verschwenden“, sagte sie.

„Sonea, ich habe genug andere Arbeit, als den ganzen Tag Bücher zu wälzen“, erwiderte Akkarin sanft. „Die höheren Magier brauchen mich jetzt mehr denn je. Außerdem habe ich eine zuweilen widerspenstige Novizin, die ich in drei Kursen unterrichte.“

Sonea verkniff sich ein Grinsen. „Das ist natürlich ein Argument!“

Sie merkte sich die Seite, die sie zuletzt gelesen hatte, und schlug das Buch zu. Dann ergriff sie Akkarins ausgestreckte Hand und ließ sich auf die Füße ziehen. Als sie aufstand, taumelte sie leicht. Wahrscheinlich ist es wirklich besser, schlafen zu gehen, dachte sie trocken.

Sie verließen die Bibliothek. Akkarin belegte die Tür mit einem magischen Schloss und führte sie den Flur entlang.

„Bin ich wirklich widerspenstig?“, fragte Sonea, als sie das Treppenhaus umrundeten und den Flur mit den privaten Räumen betraten.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Du widersprichst mir oft genug.“

„Aber ich gebe dir auch sehr oft nach.“

„Nachdem du eingesehen hast, dass ich recht habe.“

Sonea schnaubte leise. Sie war indes froh, dass ihn das zu erheitern schien, wenn es dabei nur um Belanglosigkeiten ging. In wichtigen Angelegenheiten war es ihr bisher immer gelungen, sich durchzusetzen. Obwohl sie ahnte, er hatte ihr dann nur nachgegeben, weil er erkannte hatte, dass er im unrecht gewesen war, fand sie, es könne nicht schaden, hin und wieder eine etwas gehorsamere Novizin zu sein. Ihre persönliche Beziehung machte alles schon oft genug kompliziert.

Im Schlafzimmer war es eiskalt. Akkarin schuf eine Wärmekugel und ließ sie hinter einen Wandschirm schweben, von wo aus sie ein gedämpftes Licht abgab. Sonea tauschte die Robe gegen ihr seidenes Nachthemd. Dann löste sie die Flechten aus ihrem Haar und kämmte es, bis glatt war und glänzte.

„Sonea, komm her.“

Sie wandte sich um. Akkarin lehnte die langen Beine angewinkelt am Kopfende des Bettes, ein Kissen im Rücken. Der Blick, mit dem er sie bedachte, ließ sie erschaudern. Lächelnd verließ sie die Kommode und schlüpfte zu ihm unter die Decken.

Akkarin zog sie zu sich, so dass er hinter ihr war. „Schließ deine Augen“, murmelte er.

Sie nickte und gehorchte. Behutsam legte Akkarin seine Finger auf ihre Schläfen. Sie lehnte sich an ihn und ließ zu, dass er in ihren Geist eindrang.

- Entspann dich, sandte er.

- Ich bin entspannt!

- Nein. Du denkst an Strategie.

- Wir schreiben nächste Woche einen Test, antwortete sie und hoffte, er würde nicht weiter bohren.

Wie kann er das wissen, wenn es mir nicht einmal selbst bewusst war?, fragte Sonea sich verstört. Entschlossen leerte sie ihren Geist von allem, was sie beschäftigte. Ganz besonders von diesem ungeliebten Kurs. Sie hatte noch immer keinen Weg gefunden, ihm zu erklären, wie schrecklich sie dieses Fach fand. Er würde eine Wahrheitslesung durchführen müssen, um etwas über Strategie in Erfahrung zu bringen.

- Deine Gedanken sind für mich wie er offenes Buch, antwortete Akkarin als habe er ihre stille Frage ebenfalls gehört.

- Das liegt daran, dass ich mich dir nicht widersetze. Sonst beschwerst du dich immer, wenn ich das tue, gab sie zurück.

Am Rande ihres Bewusstseins nahm sie seine Erheiterung wahr.

- Wir werden ein anderes Mal über Strategie reden.

Das verhieß nichts Gutes. Nicht so, wie er das sagte und ganz bestimmt nicht bei dem, was sie hinter seinen Worten wahrnahm. Wahrscheinlich würde er früher darauf zurückkommen, als ihr lieb war. Und sie war sicher, das würde unangenehm werden.

Dann verdrängte sie all ihre unerfreulichen Gedanken und ließ zu, dass seine Magie sie durchströmte. Sie heilte nicht ihre überbeanspruchten Muskeln, doch sie bewirkte, dass Sonea sich entspannte. Zugleich sandte er ihr ein Gefühl von solcher Wärme und Zuneigung, das all ihre Zweifel wegwischte und ihre Furcht vor den Sachakanern und den am Nachmittag verspürten Schmerz über die Umstände von Darrens Tod linderte.

Als er von ihr abließ, fühlte Sonea sich so selig, als sei sie aus einem Traum erwacht. „Ist es wahr, dass Administrator Osen dich zu einem Duell herausgefordert hat?“, fragte sie.

Akkarin seufzte. „Rothen“, murmelte er. „Ich hätte es wissen müssen.“

„Warum hat er das getan?“, verlangte Sonea zu wissen. „Was ist mit ihm?“

„Ist das nicht offensichtlich?“

Sonea schüttelte den Kopf. Der ernste Klang seiner Stimme verwirrte sie. „Bitte erkläre es mir.“

„Abgesehen von seiner Abneigung gegen meine Person, scheint er dich mehr zu mögen als mir lieb ist.“

„Oh“, machte Sonea. Das erklärte, warum Osen sich ihr gegenüber oft so merkwürdig verhielt. Der Gedanke, dass der Administrator romantische Gefühle für sie haben könnte, erfüllte sie mit Unbehagen. Wie sollte sie ihm jetzt noch unbefangen gegenübertreten? „Bist du eifersüchtig?“

Akkarin antwortete nicht.

Also doch, dachte Sonea. Aber er wusste doch, was sie für ihn empfand! Das Gespräch hatte eine unerfreuliche Wendung genommen. Sonea war indes sicher, Akkarin hatte das ebenso wenig beabsichtigt wie sie.

„Sonea, ein flüchtiger Blick in deine Gedanken ist mehr als genug, um mir deiner sicher zu sein“, sagte Akkarin leise. Seine Hand strich ihre Halsbeuge entlang. Sonea erschauderte unter seiner Berührung. „Das verhindert jedoch nicht, dass es mich nicht tangiert, wenn mir jemand streitig machen will, was mir gehört.“

Sie lächelte und lehnte sich zurück, seine Berührung genießend.

„Das kann ich nachvollziehen.“
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