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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
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27.06.2013 12.748
 
Kapitel 26 – Von Stolz zu Vernunft



Rothen war entsetzt. Als der Suchtrupp am vergangenen Nachmittag zurückgekehrt und Bericht erstattet hatte, waren diese Details über Lord Darrens Tod mit keinem Wort erwähnt worden. Selbst der sonst so geschwätzige Lord Garrel hatte sich zurückgehalten. Wie groß musste die Furcht der Krieger gewesen sein, dass sie Akkarin die ganze Arbeit überlassen hatten? In Rothens Augen war das ein Armutszeugnis.

Er warf einen Blick zu Sonea. Sie wirkte nicht überrascht. Stattdessen hatte sie sich vorgebeugt und das Kinn auf ihre Hände gestützt. Er muss es ihr vorher erzählt haben, fuhr es ihm durch den Kopf. Und er verstand, warum. Sonea hätte es besonders nicht geschätzt, wenn sie erst es bei der Anhörung erfahren hätte.

„Wie kann man nur etwas so Unverantwortliches tun!“, hörte Rothen das Oberhaupt der Heiler zischen. „Er hat die ganze Mission gefährdet!“

Lord Telano schüttelte ungläubig den Kopf. „Jeder Novize lernt die Auswirkungen von wochenlangem Schlafmangel im ersten Jahr.“

„Wenn die Öffentlichkeit davon erfährt, wird das ein schlechtes Licht auf die Gilde werfen“, murmelte Peakin. „Wir werden wie Idioten dastehen.“

Und es wirft ein schlechtes Licht auf Balkans Führungsqualitäten, dachte Rothen. Er verstand Balkans Entscheidung, nur Akkarin auf die Suche nach dem schwarzen Magier geschickt zu haben. Der Hohe Lord misstraute seinem Vorgänger und Sonea noch immer, womit er nicht allein war. Warum Balkan das Risiko eingegangen war, den schwarzen Magier über Wochen vom Schlafen abzuhalten, war Rothen jedoch ein Mysterium. Dieser Vorfall würde zeigen, ob Balkan in der Lage war, die Sicherheit Kyralias über sein Misstrauen zu stellen. Und wie die Gilde zu Akkarin stand.

„Ich bitte um Ruhe!“, dröhnte Osens magisch verstärkte Stimme über den Tumult. „Es trägt nicht zu dieser Untersuchung bei, wenn alle durcheinanderreden!“

Allmählich verstummten die Magier.

„Wir werden den Vorfall bei Calia und die Ereignisse, die dazu geführt haben, im Anschluss an diese Anhörung untersuchen“, teilte der Administrator den Anwesenden mit. „Doch zuvor muss das Urteil über den Sachakaner Ashaki Ikaro gefällt werden. Gibt es weitere Verbrechen, die diesem Mann zur Last gelegt werden?“

Niemand meldete sich zu Wort.

Der Administrator machte eine Bewegung mit der Hand, woraufhin der Sachakaner in eine schalldichte Blase eingeschlossen wurde. „Dann möge jetzt Lord Akkarin berichten, was er bei Ashaki Ikaros Verhör in Erfahrung gebracht hat.“

„Worauf wir alle schon sehr gespannt sind“, murmelte Lord Garrel.

Der Hohe Lord räusperte sich leise. „Lord Garrel, ich muss doch sehr bitten.“

Akkarin stand auf und trat vor die Empore. Er beugte das Knie vor dem König und schwor, die Wahrheit zu sagen, dann wandte er sich den Magiern zu. In der Gildehalle kehrte eine von Spannung erfüllte Stille ein, als alle sich ihm zuwandten.

„Entgegen anfänglichen Vermutungen ist Ikaro kein Ichani“, begann er. „Er besitzt ein Stück Land am Rande der Ödländer. Seinesgleichen wird in Sachaka mit dem Titel Ashaki bezeichnet. Die meisten der Anwesenden dürften mit der sachakanischen Gesellschaft nicht vertraut sein, weswegen ich mir dazu einige Erklärungen anmaße, die für das Verständnis meiner Aussage von Bedeutung sind.

„Die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse in Sachaka sind kompliziert. Zu Zeiten des Sachakanischen Imperiums unterstanden alle Ashaki dem Imperator, doch seit dem letzten Krieg gegen Kyralia ist das Land gespalten. Heute gibt es Ashaki, die niemandem unterstehen, sich jedoch durch den Besitz von Land und Eigentum von den Ichani, den Ausgestoßenen, unterscheiden. Und es gibt solche, die dem König Lehenstreue geschworen haben.

„Ashaki Ikaro gehört zu Letzteren. Der sachakanische König sandte ihn kurz nach der Schlacht von Imardin aus, um unsere Grenze zu erkunden, die Ikaro am Südpass überquerte. Da er nur ein Teilstück zwischen Nord- und Südpass erkunden sollte, liegt die Vermutung nahe, dass es noch weitere Spione gibt. Allerdings konnte ich Ikaros Gedanken darüber nichts als Spekulationen entnehmen. Ich vermute, dass man ihn und die anderen Spione darüber mit Absicht im Unklaren gelassen hat, sollte einer von ihnen in Gefangenschaft geraten. Kyralier zu töten oder zu versklaven war nie Bestandteil von Ikaros Auftrag. Der Gefangene hat gestanden, dass er in Versuchung geraten ist, als er starkes latentes magisches Potential in einigen Bergbewohnern gespürt hat. Er hat dieser Versuchung nachgegeben, weil er wie seine Landsleute davon ausging, dass alle Gildenmagier in Imardin leben, was angesichts der mangelhaften diplomatischen Beziehungen unserer Länder nicht überraschend ist.“

Lady Vinara sog scharf die Luft ein. „Das heißt, er hat die Befehle seines Königs missachtet und die Bergbewohner auf eigene Faust entführt?“, fragte sie.

„So ist es.“

„Dann streifen also noch weitere Sachakaner durch das Stahlgurtgebirge“, folgerte Rothen. Er war entsetzt. Dorrien hatte nur von den Entführungen in der näheren Umgebung seines Dorfes erfahren. Wer wusste, wie viele der übrigen Spione ebenfalls Kyralier entführt oder getötet hatten, ohne dass es jemand bemerkt hatte?

„Wir können davon ausgehen, dass sie bereits wieder in ihrer Heimat sind“, sagte Akkarin. „Ashaki Ikaro hat seine Rückkehr aus eigenen Stücken um einige Wochen verzögert. Der König hat ihn nach Beendigung seines Auftrages mehrfach aufgefordert, zurückzukehren. Eine Weile erstattete er seinem König noch regelmäßig Bericht über ein Blutjuwel, welches er jedoch schließlich ablegte und fortfuhr, die Berge auf unserer Seite zu durchstreifen und Kyralier zu entführen.“

Diese Antwort befriedigte Rothen nicht. Es klärte nicht, was sie deswegen unternehmen sollten.

„Was, wenn die anderen Spione dasselbe getan haben?“, wollte er wissen. „Wir können das nicht ignorieren.“

„Das muss in jedem Fall überprüft werden“, stimmte der schwarze Magier ihm zu. Er warf einen Blick zu Balkan. „Ich empfehle daher, einige unserer Leute in die übrigen Dörfer und Siedlungen in Grenznähe zu entsenden und die Pässe zu kontrollieren.“

Der Hohe Lord nickte. „Damit werden wir uns nach dieser Anhörung befassen.“

„Mir ist immer noch unklar, warum Ashaki Ikaro diese Menschen entführt hat, wenn es nicht zu seinem Auftrag gehörte“, wunderte sich Lord Peakin. „Auch wenn er sich vor Entdeckung sicher gewähnt hat, hat er damit riskiert, eine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, die der sachakanische König doch ganz offenkundig vermeiden wollte.“

„Ashaki Ikaro wollte seinen Bestand an Sklaven aufbessern. Jedem Magier in Sachaka verlangt es nach Sklaven mit starkem magischen Potential als Quellen, doch von diesen gibt es nur wenige. König Marika kann nicht all seine Untergebenen vor den Ichani beschützen, die immer wieder seine Lehen angreifen, niederbrennen und plündern. Aus diesem Grund streben die Ashaki, die nicht in Arvice leben, nach möglichst großer Stärke. Auch Ikaro litt in der Vergangenheit unter solchen Überfällen. Sein Ungehorsam seinem König gegenüber dürfte ihn indes zum Ichani gemacht haben.“

„Was erklärt, warum Ihr bei seiner Festnahme den sachakanischen König habt glauben lassen, er hätte sich abgesetzt“, schloss Balkan.

Der schwarze Magier wandte sich zu seinem Vorgänger um. „So ist es.“

„Lord Akkarin, ist das alles, was Ihr von dem Gefangenen erfahren habt?“, fragte König Merin.

„Nein. Die übrigen Informationen, die ich von Ashaki Ikaro erhalten habe, sind weitaus interessanter und sollten unabhängig von Ikaros Verurteilung der gesamten Gilde bekanntgemacht werden.“

„Bitte fahrt fort.“

Rothen spürte, wie seine Anspannung wuchs. Die Stille in der Gildehalle war absolut.

„Die sachakanischen Könige schüren seit dem letzten Krieg zwischen unseren Ländern den Hass auf Kyralia, insbesondere auf die Gilde. Es waren unsere Vorfahren, die das Land verwüstet und in die Armut gestürzt haben. Seitdem hat es in Sachaka mehrere Bürgerkriege gegeben. Es bildeten sich verschiedene Parteien heraus, die um das wenige fruchtbare Land kämpfen, das durch die Erschaffung der Ödländer knapp geworden ist.

„Sachaka ist von der Fläche her ungefähr fünf Mal so groß wie unser Land, doch es besteht weitgehend aus Wüste und den Ödländern. Die Größe der fruchtbaren Regionen entspricht in etwa der Kyralias und reicht nicht aus, um die gesamte Bevölkerung zu ernähren. Während die Ashaki in den fruchtbaren Regionen um dieses Land kämpfen, müssen sich die Ashaki am Rande der Ödländer gegen die Angriffe der Ichani zur Wehr setzen. König Marika arbeitet jedoch an einem Plan, für immer Frieden in Sachaka zu schaffen. Auf unsere Kosten.

„Bis zur Invasion der Ichani in diesem Sommer haben die Sachakaner geglaubt, die Gilde würde ihre Novizen noch immer in höherer, das heißt schwarzer, Magie unterweisen. Aber nun kennen sie die Wahrheit. Ashaki Ikaro hat mir bestätigt, was wir vor einem Monat gerüchteweise von zwei Simba-Matten Händlern erfahren haben. Marika versucht, die verschiedenen Parteien im Land zu einen, indem er einen militärischen Schlag gegen Kyralia plant, dem wir nicht gewachsen sein werden, wenn wir uns nicht ab sofort vorbereiten. Die Kundschafter im Grenzgebiet waren erst der Anfang.“

Die Stille in der Gildehalle war absolut. Auf den Gesichtern nicht weniger Magier spiegelte sich Entsetzen wider. Sie drückten genau das aus, was Rothen in diesem Augenblick empfand.

Der Hohe Lord wirkte beunruhigt. „Wann werden sie uns angreifen?“, fragte er.

„Wohl kaum vor dem Winter, wahrscheinlich wird es mehrere Monate oder sogar ein bis zwei Jahre dauern. Noch verhandelt Marika mit den Parteien. Um uns anzugreifen, braucht er die Mehrheit der Ashaki hinter sich, weil seine Gegner sonst die Gelegenheit nutzen würden, ihn zu stürzen. Auch wenn die Sachakaner mit Freuden gegen uns in den Krieg ziehen, so wird Marika einigen mehr als die Chance auf Vergeltung und ein fruchtbares Lehen bieten müssen. Es wird ihn einige unbequeme Zugeständnisse kosten.“

„Ein Urteil auf Grund dieser Sachlage zu fällen, könnte interessant werden“, murmelte Auslandsadministrator Kito und einige höhere Magier nickten zustimmend.

„Was ist mit den Ichani?“, fragte Rothen. „Es gibt doch noch mehr von ihnen, als jene, die uns im Sommer angegriffen haben, richtig?“

Akkarin bedachte ihn mit einem Blick, der ihn erschaudern ließ. „Sollte Marika ihre Hilfe in Erwägung ziehen, so werden sie versuchen, einen Vorteil daraus zu ziehen und sich wieder einen Platz in der Gesellschaft zu sichern. In diesem Fall bleibt uns mehr Zeit zur Vorbereitung, da nur wenige Ashaki bereit sein werden, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Aber die Stärke unseres Gegners wird ebenfalls größer sein.“

„Lord Akkarin, wie groß schätzt Ihr, wird ihre Streitmacht sein?“, fragte König Merin.

„Wahrscheinlich einige hundert, Euer Majestät.“

„Magier?“

„Schwarze Magier.“

Rothens Herz setzte einen Schlag aus. Hinter ihm knirschte Balkan hörbar mit den Zähnen.

„Einen derart starken Gegner können wir nicht bezwingen“, sagte Lord Vorel.

Rothen sah zu Sonea. Aus ihren Wangen war jegliche Farbe gewichen. Die übrigen Magier in der Gildehalle schwiegen beklommen.

„Warum so viele?“, fragte Lord Peakin. „Ein oder zwei Dutzend von ihnen würden genügen, um uns auszulöschen.“

„Das ist richtig, doch die Sachakaner fürchten, die Gilde hätte schwarze Magie inzwischen erlaubt, oder dass wir das spätestens dann tun, wenn wir von ihren Kriegsplänen erfahren“, antwortete Akkarin. „Sachakaner besitzen kein gesammeltes magisches Wissen wie wir. Jeder Magier gibt sein Wissen nur an seine Nachkommen weiter. Würden wir schwarze Magie erlauben, wären wir ihnen überlegen. Zudem glauben sie, Sonea und ich hätten die Ichani ohne Hilfe in einem einzigen Kampf besiegt. Marika will sichergehen, dass er uns auch wirklich besiegen kann.“

Das waren düstere Aussichten. Rothens Entsetzen über Akkarins Worte war so groß, dass er es nicht in Worte zu fassen vermochte. Den übrigen Anwesenden schien es indes nicht anders zu ergehen. Das übliche Stimmengewirr, das die Gildehalle bei überraschenden Enthüllungen erfüllte, war, seit der schwarze Magier vor die Empore getreten und zu sprechen begonnen hatte, ausgeblieben.

„Woher wissen wir überhaupt, ob das die Wahrheit ist?“ Garrel betrachtete den schwarzen Magier misstrauisch.

Akkarin begegnete seinem Blick kühl. „Welchen Nutzen hätte ich davon, diese Geschichte zu erfinden?“

„Mehr Macht?“, schlug das Oberhaupt der Krieger vor.

„Lord Garrel, glaubt Ihr nicht, Lord Akkarin hätte sich schon vor langer Zeit mehr Macht verschafft, wenn ihm daran gelegen wäre?“, warf Lord Telano ein und Rothen glaubte, einen Anflug von Entnervtsein in der Stimme des sonst so ruhigen Vindo herauszuhören.

Statt einer Erwiderung schwieg Garrel grimmig.

„Warum lassen wir nicht Sonea die Informationen bestätigen?“, fragte Rothen in einem Versuch, wie Wogen zu glätten. „Sie weiß ebenfalls, wie man die Gedanken eines widerstrebenden Geistes liest.“

„Wir wissen nicht, ob er es ihr nicht bereits erzählt hat“, widersprach Lord Garrel.

Lady Vinara stieß einen resignierten Seufzer aus. „Beschränken wir uns doch bitte auf das Wesentliche“, sagte sie. „Und wie mir scheint, sind das im Augenblick die Sachakaner.“

„Sie weiß es nicht“, erklang Balkans Stimme hinter ihnen. „Seht sie Euch an. Sie ist ebenso entsetzt, wie die übrigen der Anwesenden. Sie wäre sicher bereit, Lord Akkarins Behauptungen zu bestätigen.“

Akkarin wandte sich um. „Hoher Lord, Ihr solltet Euch fragen, ob Ihr bereit seid, auf mein Wort zu vertrauen“, sagte er gefährlich leise. Doch Rothen zweifelte nicht, dass selbst die Magier am anderen Ende der Gildehalle ihn verstehen konnten. „Angesichts der Bedrohung aus Sachaka tätet Ihr gut daran, diese Frage für Euch zu beantworten, bevor Ihr weitere Schritte beschließt.“

Osens Blick verfinstere sich für einen Augenblick. „Ich schlage vor, dass die Gilde darüber entscheidet.“ Er warf einen zweifelnden Blick hinauf zum König. „Euer Majestät, wie denkt Ihr darüber?“

„Die Gilde möge entscheiden“, sprach der König.

Der Administrator erhob seine Stimme. „Wer Lord Akkarins Worten keinen Glauben schenkt und eine zweite Wahrheitslesung von Ashaki Ikaro durch Sonea wünscht, möge seine Lichtkugel rot aufleuchten lassen. Wer bereit ist, ihm zu vertrauen, lasse seine Lichtkugel weiß.“


***


Sonea hielt den Atem an, als die Magier ihre Lichtkugeln zur Decke schweben ließen. Sie würde nicht zögern, die Wahrheitslesung durchzuführen, sollte das von ihr verlangt werden. Doch sie hoffte, die Gilde würde endlich anfangen, ihr und Akkarin zu vertrauen.

Zu ihrer Überraschung blieben die meisten Lichtkugeln weiß. Selbst die beiden Berater des Königs, die in seinem Namen abstimmten, hatten ihre Lichtkugeln weiß gelassen. Tatsächlich wunderte Sonea das nach allem, was Merin für sie und Akkarin getan hatte, nicht mehr. Plötzlich realisierte sie, dass der König ihr mächtigster Verbündeter sein konnte.

Osen wirkte erleichtert. Und auch einige andere Magier atmeten auf. Anscheinend war keiner von dem Gedanken einer Wahrheitslesung durch Sonea angetan.

„Dann werden wir nun das Strafmaß für Ashaki Ikaro festlegen“, verkündete der Administrator, nachdem Akkarin auf seinen Platz zurückgekehrt war.

„Er hat nichts von seiner Ausstrahlung verloren“, hörte Sonea Lord Larkin neben sich murmeln. Sie glaubte, Bewunderung in seiner Stimme zu hören.

Sie runzelte verwirrt die Stirn. Dann wurde ihr klar, von wem er sprach.

„Nein, das hat er nicht“, stimmte sie ihm zu. Nicht, was mich angeht.

„Obwohl er nicht mehr Hoher Lord ist, hört die Gilde beinahe mehr auf ihn als auf Balkan.“

Sonea wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte, oder ob Larkin überhaupt eine Antwort erwartete. Sie dachte daran, wie selbstverständlich Akkarin vor Beginn der Anhörung seinen Platz unter den höheren Magiern eingenommen hatte, als habe er immer dort gesessen. Sie wusste, dass er auf Grund seiner Tätigkeit als Berater des Öfteren bei Gildenversammlungen dort saß. Wenn er sprach, wandten sich alle ihm zu und es herrschte absolute Ruhe. Was bei Calia geschehen war, schien ihm eher Sympathien eingebracht zu haben, während Balkan und die Krieger an Ansehen verloren hatten. Sonea fragte sich, ob das für sie beide etwas zum Besseren verändern würde.

„Das Gesetz der Gilde bestraft Mord durch schwarze Magie mit Hinrichtung“, verkündete der Administrator. „Ashaki Ikaros Eindringen in unser Land und die Verbrechen, die er an der Bevölkerung der Bergdörfer Windbruch, Hohenklüfte, Oberjoch, Wildwasser, Klippenhorst und Sturmbann verübt hat, kommen einem kriegerischen Akt gleich. Nicht zu vergessen, der kaltblütige Mord an Lord Darren. Nach Kriegsrecht müssen seine Taten ebenfalls mit dem Tod bestraft werden. Auf Grund der Umstände, die Lord Akkarin uns soeben erläutert hat, sollte dieses Urteil jedoch sorgfältig überdacht werden.“

Einige Magier nickten zustimmend. Sonea verstand nicht viel von Politik. Doch sie verstand genug, um zu begreifen, dass Ikaros Hinrichtung die Spannungen zwischen Kyralia und Sachaka verschlimmern würde.

Osen wandte sich zu Kito. „Auslandsadministrator, wie ist Euer Rat zu dieser … einzigartigen Situation?“

„Wenn wir ihn hinrichten, so wird König Marika früher oder später davon erfahren. Das könnte ihm einen Grund liefern, uns vorzeitig den Krieg zu erklären. Im Falle einer Einkerkerung hingegen können wir mit Sachaka über die Bedingungen von Ashaki Ikaros Auslieferung verhandeln. In jedem Fall sollten wir zunächst versuchen, unsere Lage auf diplomatischem Wege zu lösen, egal wie aussichtslos sie scheinen mag.“

Der Administrator wandte sich zu Akkarin. „Lord Akkarin, was ratet Ihr?“

„Ich stimme Auslandsadministrator Kito bezüglich der Hinrichtung zu.“ Akkarins Blick wanderte zu Ikaro. „Doch ich bezweifle, dass Ikaro seinem König wichtig genug ist, um über eine Auslieferung zu verhandeln. Marika schätzt Ungehorsam nicht besonders. Wie sein Vorgänger ist er schnell darin, Ashaki in die Ödländer zu verbannen.“

„Was, wenn der sachakanische König will, dass Ikaro sich für seinen Ungehorsam verantwortet?“, gab König Merin zu bedenken.

Akkarin wandte sich um. „Diese Möglichkeit dürften wir nicht ausschließen, Euer Majestät. Sollte dies der Fall sein, könnte dies unsere Position stärken.“

„Also soll die Gilde zwischen Hinrichtung und Einkerkerung entscheiden?“, fragte Osen.

Die höheren Magier nickten.

Der Administrator wandte sich zu dem Gefangenen. Die Luft vibrierte, als er die schalldichte Barriere auflöste. „Ashaki Ikaro, durch Lord Akkarins Wahrheitslesung habt Ihr Euer Geständnis bereits abgelegt. Gibt es noch etwas, das Ihr zu Eurer Verteidigung sagen wollt, bevor über Eure Bestrafung entschieden wird?“

Die Lippen des Sachakaners verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln. Während der gesamten Anhörung war er erstaunlich ruhig geblieben. Zu ruhig, fand Sonea. Und als er zu sprechen begann, begriff sie auch warum. Diese ganze Veranstaltung schien einzig zu seiner Erheiterung beizutragen.

„Was auch immer Ihr mit mir machen werdet, Ihr könnt uns nicht mehr aufhalten“, sagte er mit schwerem fremdländischen Akzent. „Eure Gilde ist schwach. Ihr seid zu furchterfüllt, um höhere Magie zu lernen. Eure einzigen beiden höheren Magier haltet Ihr wie zwei zahme Limeks an der Leine. Wenn mein König Euch den Krieg erklärt, dann werdet Ihr keine Chance gegen uns haben.“

Überall schnappten Magier empört nach Luft.

„Dieser verfluchte Bastard!“, zischte Sonea und sprang auf, bereit Ikaro eigenhändig zu töten. „Wie kann er es wagen?“

Sie spürte eine Hand auf ihrem Arm. Unwillig wandte sie den Kopf.

„Du hast recht“, murmelte Lord Larkin neben ihr. „Er aber auch. Es wird Zeit, dass die Führung der Gilde endlich aufwacht.“

Sonea musste widerwillig einsehen, dass der Architekturlehrer Recht hatte. Einen resignierten Seufzer ausstoßend ließ sie sich zurück in ihren Sitz sinken.

„Da Ashaki Ikaro nichts zu seiner Verteidigung zu sagen hat, wird nun das Strafmaß festgelegt“, entschied Administrator Osen. „Wer der Ansicht ist, Ashaki Ikaro solle hingerichtet werden, lasse seine Lichtkugel rot aufleuchten. Alle, die für Einkerkerung sind, lassen ihre Lichtkugel weiß.“

Nur wenige Lichtkugeln färbten sich rot. Sonea glaubte, es waren dieselben, die auch bei der vorherigen Abstimmung rot aufgeleuchtet waren.

„Die Gilde hat ihr Urteil gefällt“, verkündete Osen. Er musterte Ikaro angewidert. „Ashaki Ikaro gilt von nun an als politischer Gefangener von Kyralia. Er wird bis auf weiteres im entsprechenden Trakt des Stadtgefängnisses eingekerkert. Er möge nun abgeführt werden.“

Die beiden Krieger, die Ikaro bewachten, nahmen den Sachakaner in ihre Mitte und brachten ihn aus der Gildehalle.

Der Administrator schlug auf den kleinen Gong vor seinem Platz. „Ich erkläre diese Anhörung hiermit für beendet.“

Das Rücken von Stühlen und das Rascheln von Magierroben erfüllte die Gildehalle. Auch der König und seine Ratgeber erhoben sich. Sonea sah zu den höheren Magiern. Sie waren sitzengeblieben und diskutierten leise.

Neben ihr verließ Lord Larkin seinen Platz. „Trotz allem, was wir heute erfahren haben, wünsche ich dir noch einen schönen Freitag, Sonea“, sagte er.

Sie lächelte. „Ich Euch auch, Mylord.“

Während sich die Gildehalle leerte, blieb Sonea sitzen. Erst als sich die höheren Magier erhoben und Akkarin sie zu sich winkte, verließ sie ihren Platz.

„Wir werden uns jetzt zusammensetzen und unsere nächsten Schritte besprechen“, erklärte er ihr.

Ihr werdet nach Hause gehen und Euch ausschlafen“, widersprach Lady Vinara streng. „Ihr seht nicht viel besser aus als gestern. Es würde mich wundern, wenn Ihr letzte Nacht überhaupt geschlafen habt.“

Erheitert hob Akkarin die Augenbrauen. „Bemessen an den letzten beiden Wochen habe ich letzte Nacht erstaunlich viel geschlafen“, entgegnete er trocken.

Sonea bemerkte, wie Rothen ein Kichern unterdrückte. Sie selbst musste mit sich kämpfen, um nicht zu erröten. Sie war froh, dass niemand außer Akkarin fähig war, ihre Gedanken zu lesen.

„Anscheinend war das nicht ausreichend“, bemerkte die Heilerin.

„Ihr solltet auf sie hören“, riet Balkan ungewöhnlich sanft. „Ich werde Euch berichten, was wir beschlossen haben.“

Zu Soneas Überraschung nahm Akkarin das gelassen auf. „Bevor Ihr entscheidet, was die Gilde bezüglich der Kriegspläne der Sachakaner unternimmt, werdet Ihr Euch über einige grundlegende Dinge klarwerden müssen“, sagte er. „Meine Anwesenheit würde dabei nur stören.“ Er legte eine Hand zwischen Soneas Schulterblätter. „Komm, Sonea, gehen wir nach Hause.“

Sie verabschiedeten sich von den höheren Magiern und verließen die Gildehalle. Erst als sie den Weg zu den Residenzen eingeschlagen hatten, richtete Akkarin wieder das Wort an sie.

„Nun, Sonea, was hältst du von dieser neuen Wendung?“

Sonea überlegte einen Augenblick. Das, was sie an diesem Vormittag erfahren hatte, ließ sich nicht so leicht in Worte fassen. Zuerst hatte sie Entsetzen empfunden. Jetzt indes verspürte sie eine Ruhe, die sie selbst überraschte. Wahrscheinlich kommt die Furcht, wenn es soweit ist, dachte sie trocken.

„Ich bin nicht überrascht“, antwortete sie schließlich. „Irgendwie habe ich so etwas schon seit ein paar Wochen befürchtet.“

Als Akkarin ihr die Gründe erklärt hatte, warum die höheren Magier von ihr wollten, dass sie die Kriegskunst wählte, hatte sie bereits geahnt, dass der Konflikt mit den Sachakanern noch lange nicht gelöst war. Die Aussicht gegen mehrere hundert schwarze Magier zu kämpfen war hingegen alles andere als erfreulich. Ein Krieg mit Sachaka würde höchstwahrscheinlich das Ende der Gilde bedeuten. Selbst wenn es ihr und Akkarin gelang, stärker zu sein, wusste Sonea nicht, wie sie gegen so viele auf einmal kämpfen sollten.

„Dass Marika einen Krieg gegen uns plant, bedeutet nicht zwingend, dass es einen geben wird“, sagte Akkarin. „Oder, dass es bald sein wird. Es wird ihn viel Zeit kosten, die unterschiedlichen Parteien zu vereinen. Viele seiner Vorgänger haben dies bereits vergeblich versucht. Marika könnte jedoch Erfolg haben, weil er jetzt ein starkes Argument hat. Trotzdem werden wir genug Zeit haben, uns vorzubereiten, sofern die höheren Magier von nun an vernünftige Entscheidungen treffen.“

Er nahm ihre Hand und drückte sie leicht. „Ich weiß, es ist nicht leicht. Doch versuche, dich deswegen nicht zu sorgen. Für dich ist deine Ausbildung jetzt am wichtigsten. Mehr kannst du im Augenblick nicht tun.“

Sonea nickte langsam. Sie vertraute darauf, dass Akkarin und die höheren Magier die Gilde auf einen solchen Krieg vorbereiten würden. Aber würde das genügen? Zum wiederholten Male wünschte sie, Akkarin würde die Führung der Gilde an sich reißen und veranlassen, was nötig war, damit sie gegen die Sachakaner bestehen konnten. Doch das war unmöglich. Andere Magier in schwarzer Magie zu unterweisen, brachte unkalkulierbare Risiken mit sich. Sollten sie auf diese Weise die Sachakaner besiegen, so würden sie sich vielleicht bald darauf einem Feind in ihren eigenen Reihen gegenüber finden.

„Warum hast du vorhin nicht darauf bestanden, bei der Besprechung dabei zu sein?“, wollte sie wissen. „Sie werden deine Ansichten zu den Sachakanern brauchen.“

Akkarin bedachte sie mit einem Halblächeln. „Sie kennen meine Ansicht bereits“, sagte er. „Doch zunächst müssen sie einige interne Fragen klären. Meine Anwesenheit würde nur dazu führen, dass sie ihre Entscheidungen nicht frei treffen.“

„Du meinst, welche Rolle wir dabei spielen?“

„Ja.“

Vielleicht kommen sie jetzt endlich zur Vernunft, dachte Sonea. Doch sie wollte nicht allzu sehr darauf hoffen.


***


Zwei Wochen nach der Befreiung der Entführten war der Alltag nach Windbruch zurückgekehrt. Aus Lokens Schmiede ertönte eifriges Hämmern, in der Nähe der Bäckerei duftete es nach frischgebackenem Brot und der Abfallhaufen hinter Forrens Destillerie stank wie eh und je nach vermoderten Tugorwurzeln. Auf dem Dorfplatz veranstalteten ein paar Kinder eine Schneeballschlacht.

Auf Dorrien wirkte die Dorfidylle seltsam unwirklich. Bal, Sina, Korten und Falken hatten eine klaffende Lücke im Leben der Dorfbewohner hinterlassen. Obwohl niemand ihm die Schuld an ihrem Tod gab, fühlte Dorrien sich verantwortlich. Besonders was die letzten beiden Männer betraf, da er sie erst auf die Idee gebracht hatte, ihm bei der Suche nach dem Sachakaner zu helfen.

Wie alle anderen versuchte er, weiterzuleben wie zuvor. Er heilte Winterhusten und kämpfte gegen die zweite Welle von Lungenfieber. Seine Schuldgefühle wurden zudem in regelmäßigen Abständen von einem anderen Schmerz abgelöst, der auf seine Art ebenso unangenehm war.

Ich liebe dich. Ich schenke dir meine ganze Liebe. Für immer.

Indem er sich seit seiner Rückkehr aus Imardin in die Arbeit gestürzt hatte, hatte Dorrien sein Elend vergessen können. Doch sein Gespräch mit Akkarin in der Nacht, als sie auf der Straße zum Südpass kampiert hatten, hatte seinen Schmerz erneut aufleben lassen. Er war überzeugt, Sonea liebte den Falschen. Und er wünschte sich nichts sehnlicher, als sie endlich vergessen zu können.

Ein Seufzen unterdrückend sog er tief die eisige Luft ein. Der Himmel war wolkenverhangen und die Luft roch nach Schnee. Nachdem er ein paar tiefe Atemzüge getan hatte, fühlte er sich ein wenig besser.

Eine Bewegung auf der anderen Straßenseite erregte seine Aufmerksamkeit. Die Tür der Bäckerei öffnete sich und eine vertraute Gestalt mit tennblonden Zöpfen trat heraus. Sie stellte ihren Korb ab und zog die Kapuze ihres Umhangs über.

Viana.

Dorrien hatte sie nicht mehr gesehen, seit sie ihn um Hilfe gebeten hatte, weil sie Heilerin werden wollte. Dorrien hatte ihr gesagt, sie solle zuerst mit ihren Eltern sprechen. Damals hatte er das Gefühl gehabt, hinter Vianas Wunsch steckte eine ernsthafte Absicht, doch seitdem hatte sie nichts mehr von sich hören lassen.

„Viana!“, rief er und winkte.

Viana hob den Kopf. Auf ihrem Gesicht erschien ein gehetzter Ausdruck. Hastig nahm sie den Korb und bog auf die Straße in Richtung Ortsausgang ein. Dorrien zögerte kurz, dann eilte er hinter ihr her.

„Viana“, sagte er atemlos, als er sie eingeholt hatte. „Ich habe dich schon seit einer Weile nicht mehr gesehen. Wie geht es dir?“

„Ich darf nicht mehr mit Euch reden“, sagte sie ohne ihn anzusehen.

„Wieso?“, fragte er entgeistert.

„Vater hat es verboten. Es tut mir leid, Mylord.“

Sie beschleunigte ihre Schritte, den Blick auf die Straße gerichtet. Dorrien konnte jedoch mühelos mit ihr mithalten.

„Warum hat er es verboten?“, verlangte er zu wissen. „Hast du ihn gefragt, ob du der Gilde beitreten darfst?“

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich und sie blickte zur Seite. Augenblicklich verspürte Dorrien Mitleid mit der jungen Frau. Sie war so begeistert von der Vorstellung gewesen, Heilerin zu werden, dass sich in ihm ein Zorn auf Kullen zu regen begann.

„Dein Vater weiß gar nicht, was er dir da verwehrt“, sagte er sanft.

Viana hielt inne und wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren gerötet. „Ich glaube nicht, dass ihn das kümmert“, entgegnete sie ungewöhnlich hart.

„Lass mich mit ihm reden. Ich werde ihm erklären, welche Vorteile es hat, eine Magierin als Tochter zu haben.“

In Vianas Augen glomm ein hoffnungsvolles Leuchten. „Das würdet Ihr für mich tun?“

„Komm, gib mir deinen Korb“, sagte Dorrien. „Ich begleite dich nach Hause und werde das klären.“

Die junge Frau zögerte. Ihre Hände umklammerten den Korb. „Mylord, das wäre unangemessen.“

Dorrien lächelte und streckte eine Hand aus. „Ich bestehe darauf.“

Verlegen reichte sie ihm den Korb.

Auf dem Weg zum Haus des Reberhirten schwiegen sie. Dorrien wusste nicht, worüber er mit ihr sprechen sollte. Er kannte sie kaum und sie war so leicht in Verlegenheit zu bringen. Viana schien es indes nicht anders zu ergehen.

Als Kullens Hof in Sicht kam, blieb Dorrien stehen.

„Viana“, sagte er. „Überlass mir das Reden.“

Sie nickte zögernd.

„Vertraust du mir?“

Sie nickte erneut, doch Dorrien sah Furcht in ihren Augen.

Er lächelte aufmunternd. „Es wird alles gut werden, kleine Viana“, versprach er.

Gemeinsam schritten sie auf die Kate zu. Viana stieß die Tür auf und bedeutete Dorrien ihr zu folgen.

„Ich bin mit dem Brot zurück!“, rief sie und Dorrien kam nicht umhin, sie für ihren Mut zu bewundern. „Und ich hab’ einen Gast mitgebracht.“

Dorrien trat in die Wohnstube. Am Esstisch saß Kullen und schnitzte mit einem groben Messer an einem Holzscheit. Seine Frau Yuna rührte in einem Kochtopf und Lina spielte im Bodenstroh mit ein paar Holzfiguren, die wie Reber aussahen.

„Guten Tag, Kullen“, grüßte Dorrien den Reberhirten. Er nickte Yuna und Vianas jüngerer Schwester zu.

Als der andere Mann ihn erblickte, verfinsterte sich seine Miene. „Viana, was hab ich dir gesagt?“, herrschte er seine ältere Tochter an.

Viana öffnete den Mund, doch Dorrien kam ihr zuvor.

„Ich habe sie im Dorf getroffen und angesprochen“, erklärte er. „Viana trifft keine Schuld.“ Dann wurde er unvermittelt ernst. „Kullen, wir sollten uns unterhalten.“

Der Reberhirt betrachtete ihn ungehalten. „Viana, Lina, raus mit euch!“, blaffte er.

„Viana hat das Recht, dabei zu sein“, sagte Dorrien. „Immerhin geht es um ihre Zukunft.“

„Meinetwegen“, knurrte der Reberhirt unwirsch. Er wies auf einen freien Stuhl. „Setzt Euch.“

Er erhob sich und trat zu einem Schrank, aus dem er einen Krug und zwei Becher hervorholte. Während Dorrien an dem Tisch Platz nahm, schenkte Kullen zwei Becher mit einer klaren Flüssigkeit ein. Weißwasser.

Der Reberhirt nahm einen tiefen Schluck, während Dorrien nur an dem Getränk nippte.

„Verdammt, Mylord!“, fluchte er. „Erst bringt Ihr mir meine Tochter wieder und dann wollt Ihr sie mir wieder wegnehmen?“

Dorrien versuchte, sich von dem Zorn des anderen Mannes nicht beeindrucken zu lassen. Schließlich war er der Magier. „Kullen“, sagte er sanft. „Deine beiden Töchter haben starkes, magisches Potential. Das bietet ihnen ungeahnte Chancen.“

Kullens Kinnlade klappte auf. „Also wollt Ihr Lina auch?“

„Ich will dir deine Töchter nicht wegnehmen“, stellte Dorrien richtig. „Lina ist zudem noch viel zu jung, um der Gilde beizutreten. Über ihre Zukunft können wir reden, wenn sie fünfzehn wird. Viana ist jedoch alt genug, um das Studium an der Universität aufzunehmen. Nach fünf Jahren könnte sie zurückkehren. Weil ich der erste Magier war, der ihr Potential erkannt hat, könnte ich selbst für einen Teil ihrer Ausbildung sorgen. Ich möchte dir nicht zu viel versprechen, aber vielleicht ließe es sich einrichten, dass Viana nicht die ganzen fünf Jahre in Imardin verbringen muss. Sie interessiert sich für die Heilkunst und alles, was sie dafür wissen muss, kann ich ihr ebenso gut hier beibringen.“

„Fünf Jahre“, murmelte Kullen. „Wenn sie fertig ist, wird sie zu alt sein, um zu heiraten. Wenn sie dann überhaupt noch wer will.“

„Vielleicht will ich ja gar nicht heiraten, Vater.“ Viana lehnte mit vor der Brust verschränkten Armen an einem Stützpfeiler und betrachtete den Reberhirten verärgert.

„Loken ist ein anständiger Mann. Er würde dich auf der Stelle nehmen. Und er kann für dich sorgen.“

„Ich mag Loken. Aber ich will ihn nicht als Mann“, schnitt Viana ihm das Wort ab. Der plötzliche Zorn der sonst so ruhigen, jungen Frau überraschte Dorrien. Er fragte sich, wie lange sie das schon zurückgehalten hatte und ob es jetzt herauskam, weil sie sich durch Dorrien sicher genug fühlte, um ihrem Vater die Stirn zu bieten. „Ob und wen ich heirate, ist meine Entscheidung, Vater. Du kannst nicht einfach so über mein Leben entscheiden.“

Kullens Gesicht hatte eine bedenklich dunkle Färbung angenommen.

„Ich denke, für wen auch immer sich deine Tochter entscheidet, jeder Mann in Windbruch und Umgebung, würde sie heiraten wollen, wenn sie eine Magierin wird“, sagte Dorrien beschwichtigend. „Zudem zahlt die Gilde ihren Novizen ein Taschengeld, das über fünf Jahre gerechnet mehr ist als jede Mitgift, die du dir vorstellen kannst.“

Die Augen des Reberhirten weiteten sich. „Nun, wenn das so ist …“, murmelte er.

Dorrien setzte ein verständnisvolles Lächeln auf. Viana war Kullens älteste Tochter. Es war nur natürlich, dass er sie wie seinen Augapfel hütete.

„Du solltest stolz auf Viana sein“, sagte er. „Sie ist eine intelligente junge Frau. Sie nicht auszubilden, wäre eine Verschwendung. Das ganze Dorf wird stolz sein, dass eine von ihnen eine Gildenmagierin ist.“

„Heißt das, ich soll Viana erlauben, zur Gilde zu gehen?“

Dorrien lächelte. „Wenn du das so siehst, ja.“

„Lass sie gehen, Kullen“, fügte Yuna sanft hinzu. „Denk doch nur daran, was sie mit ihrer Magie alles tun kann. Sie könnte uns heilen, wenn wieder einer von uns krank wird.“

Kullen leerte seinen Becher und stieß einen resignierten Seufzer aus. „Ihr habt gewonnen, Mylord“, brummte er. „Nehmt sie mit Euch, wenn Ihr wollt.“

„So schnell geht das nicht, Kullen. Bevor die Gilde überhaupt bereit wäre, sie aufzunehmen, müsste Viana Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten lernen. Das alles würde ich sie hier unterrichten. Sie wäre frühstens im Sommer soweit, ihr Studium zu beginnen. Solange kann sie zuhause wohnen.“

Kullen sah zu seiner Tochter. „Du darfst dich immer hier zuhause fühlen“, sagte er ungewöhnlich weich. Er verzog das Gesicht. „Auch in Magierroben.“

„Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll, Lord Dorrien“, sagte Viana, als sie Dorrien eine halbe Stunde später zur Tür begleitete. „Jetzt stehe ich schon so tief in Eurer Schuld. Wie soll ich das wiedergutmachen?“

Dorrien lächelte. „Es gibt nichts, was du mir als Gegenleistung geben musst, kleine Viana“, erwiderte er sanft. „Wenn du rasch lernst und eine gute Heilerin wirst, so dass du mir bei meiner Arbeit helfen kannst, ist mir das mehr als genug.“

Sie errötete und sah zu Boden.

„Ich erwarte dich morgen nach dem Mittagessen zu deiner ersten Unterrichtsstunde“, sagte er.

Sie nickte. „Dann bis morgen, Mylord.“

„Bis morgen, Viana.“

Während seines Heimwegs dachte Dorrien darüber nach, wie er Vianas Unterricht gestalten sollte. Es wäre einfacher, ihr etwas über Heilkunst beizubringen, als Lesen und Schreiben. Dass er diese Dinge gelernt hatte, lag so lange zurück, dass er sich kaum noch daran erinnern konnte.

Er entschied zudem einen Brief an Administrator Osen zu senden und ihn von seiner Absicht, Kullens älteste Tochter auf die Universität zu schicken, in Kenntnis zu setzen. Dorrien hatte nicht die geringste Ahnung, inwiefern die Gilde inzwischen tatsächlich bereit war, Novizen aufzunehmen, die nicht aus den Häusern stammten.

Wenn sie sich weigern, dann werde ich für ihre Aufnahme kämpfen, dachte er. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit neuer Entschlossenheit. Ich werde dafür sorgen, dass Viana Heilerin werden kann. Was es mich auch kosten mag.


***


Der Tagessaal war erfüllt vom goldenen Licht der Nachmittagssonne, deren Strahlen in der leicht staubigen Luft in dicken Balken schräg durch die hohen Fenster fielen. Der Anblick konnte jedoch nicht über die in dem Raum herrschende Kälte hinwegtäuschen. Administrator Osen schuf mehrere Wärmekugeln und verteilte sie entlang der Wände, während die höheren Magier, König Merin und seine Berater an dem ovalen Tisch aus poliertem Nachtholz in der Mitte des Raumes Platz nahmen. Zwei Diener eilten herbei und brachten Tassen und frisch zubereiteten Sumi.

Rothen wählte einen Stuhl zwischen Lady Vinara und Lord Peakin. Er ließ seinen Blick durch die Runde schweifen. Die Gesichter seiner Kollegen wirkten ernst, doch falls einer von ihnen Furcht verspürte, so ließ er sich das nicht anmerken. Rothen bezweifelte derweil nicht, dass ihm selbst die Angst ins Gesicht geschrieben stand.

Eine Armee schwarzer Magier …

„Ursprünglich sollte diese Besprechung dazu dienen, die Umstände von Lord Darrens Tod zu untersuchen“, begann Osen. „Doch nach allem, was Akkarin bei der Gildenversammlung enthüllt hat, fürchte ich, wir haben dringendere Sorgen.“

Der Hohe Lord räusperte sich. „Ich sehe keinen Grund, warum eine weitere Untersuchung notwendig wäre“, erklärte er. „Der Tod von Lord Darren wurde nicht durch Lord Akkarin, sondern von Ashaki Ikaro verschuldet. Akkarin hat alles in seiner Macht stehende getan, um den Gefangenen zu bewachen. Aber wie wir anderen ist er nur ein Mensch. Es war ein Fehler, ihn nur mit einer Gruppe Kriegern auf die Jagd zu schicken und die Bewachung des Gefangenen ihm allein zu überlassen. Sonea hätte ihn begleiten müssen.“

Die höheren Magier murmelten eine Zustimmung. Akkarin hatte jahrelang gegen sachakanische Spione in der Stadt gekämpft. Diese waren jedoch kampfunerfahrene Sklaven gewesen, die von ihren Ichani-Meistern geschickt worden waren, um ihn zu töten und zu beweisen, dass die Gilde schwarze Magie verboten hatte. Für Akkarin waren sie wahrscheinlich keine große Herausforderung gewesen. Einen Gegner zu überwältigen und zu töten, war zudem etwas anderes, als ihn tagelang ohne Unterbrechung zu bewachen. Akkarin hatte bei der Befragung am Vortag ausgesagt, dass er es vorgezogen hätte, Ikaro auf der Stelle zu töten, hätte Balkan das zugelassen und wären die politischen Konsequenzen nicht so ungewiss. Denn der schwarze Magier hatte von Anfang an um das Risiko, einen feindlichen schwarzen Magier nach Imardin zu überführen, gewusst.

„Hoher Lord, Ihr seid ebenso wenig schuld“, erwiderte König Merin überraschend sanft.

Balkan schüttelte den Kopf. „Doch, Euer Majestät. Ich bin Lord Akkarin schon zu lange mit Misstrauen begegnet. Und das nicht nur auf Grund seines Praktizierens schwarzer Magie, sondern weil er uns all die Jahre hintergangen hat. Viele Magier dulden Akkarin und Sonea nur, weil wir sie brauchen. Es wäre meine Pflicht gewesen, etwas dagegen zu unternehmen und ihre Vertrauenswürdigkeit zu demonstrieren, doch damit hätte ich etwas propagiert, von dem ich selbst nicht überzeugt war.“ Er machte eine Pause, dann sah er Merin direkt an. „Euer Majestät, wenn Ihr die Niederlegung meines Amtes wünscht, so werde ich mit sofortiger Wirkung zurücktreten.“

Der König lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

Rothen hielt den Atem an. Er konnte kaum glauben, dass ein in den Bergen wildernder Sachakaner solch fatale Konsequenzen für die Gilde hatte.

„Abgelehnt.“

Einige Magier stießen erleichterte Seufzer aus. So auch Rothen.

„Hier wird nicht zurückgetreten“, erklärte Merin. „Der Vorfall bei Calia war die Folge von unglücklichen Begebenheiten und menschlichem Versagen. Es nützt niemandem, wenn Ihr oder wer auch immer die Konsequenzen auf sich nehmt. Ihr seid ein guter Anführer und Stratege, Balkan. In Zeiten wie diesen braucht die Gilde einen Mann wie Euch an ihrer Spitze. Wenn Ihr jetzt zurücktretet, so wird das die Sachakaner in ihrem Vorhaben nur bestärken. Also reißt Euch gefälligst zusammen.“

Balkan knirschte hörbar mit den Zähnen. „Wie Ihr wünscht, Euer Majestät.“ Einen Moment sah er aus, als wolle er dem noch etwas hinzufügen, sich dann jedoch eines besseren besann.

„König Merin hat recht“, sagte Auslandsadministrator Kito. „Wir müssen geschlossen auftreten, wenn wir nicht auch den letzten Respekt vor den Sachakanern verlieren wollen.“

„Wenn wir den Respekt der Sachakaner wollen, müssen wir Akkarin wieder zu unserem Hohen Lord machen und ein paar ausgewählte Magier in schwarzer Magie unterweisen“, sagte Lord Telano. „Ich denke angesichts unserer Situation wäre das am Vernünftigsten.“

Lord Peakin sog scharf die Luft ein. Mehrere andere Magier schienen von Lord Telanos Worten zutiefst schockiert.

König Merin nickte jedoch anerkennend.

„Ihr habt selbstverständlich Recht, Lord Telano“, sprach er. „Doch sollten wir diese Möglichkeit nur als letzten Ausweg in Betracht ziehen. Schwarze Magie ist nicht umsonst verboten. Lord Akkarin mag verantwortungsbewusst damit umgehen und seine Novizin zu Selbigem anhalten. Aber jeder neue schwarze Magier birgt ein Risiko für uns. Wir müssen mit dem auskommen, was wir haben.“

Das sah Rothen ebenso. So verlockend Lord Telanos Vorschlag sein mochte, behagte ihm die Vorstellung nicht, schwarze Magier unter seinen Kollegen zu wissen. Würde ich schwarze Magie lernen wollen?, fragte er sich schaudernd.

Nicht einmal, um den Untergang der Gilde zu verhindern, lautete die Antwort.

„Es gibt eine Alternative“, sagte Osen leise, aber eindringlich. Er wirkte alles andere als glücklich. „Sofern alle einverstanden sind.“

„Sprecht“, forderte der König ihn auf.

Osen schluckte. „Wir geben Akkarin eine Position in der Gilde, die seinen Gebrauch schwarzer Magie moralisch legalisiert. Damit würden er und Sonea von dem Vergleich mit den ’Limeks an der Leine’ fortkommen.“

Balkan horchte auf. „Wie genau stellt Ihr Euch das vor?“

„Akkarin und Sonea bekommen alle Freiheiten, die sie für unsere Verteidigung benötigen. Sie erhalten die Erlaubnis, sich jederzeit zu stärken, so dass sie es mit den Sachakanern aufnehmen können. Selbstverständlich ohne, dass dabei Zivilisten zu Schaden kommen …“

„ … was bedeuten würde, dass ihnen sämtliche Gildenmagier von heute an jeden Tag ihre Kraft geben müssen“, brummte Garrel verdrießlich. „Ich denke, jeder von uns hat Besseres zu tun, als Schlange zu stehen, um sich melken zu lassen.“

Rothen kicherte unwillkürlich.

„Dann sollten wir möglichst schnell einen Weg finden, dass Akkarin und Sonea ohne großen Zeitaufwand unsere Kraft erhalten“, sagte Balkan.

„Wir könnten unsere Magie irgendwo zwischenspeichern“, schlug Rothen vor. „Der Dome würde sich anbieten. Er wird nur selten benutzt.“

„Eine gute Idee, Lord Rothen“, sagte der Hohe Lord.

Rothen lächelte erfreut. Er sah zu Osen. „Ihr seht aus, als hättet Ihr noch mehr zu sagen, Administrator.“

Osen nickte zögernd. „Wir sollten Akkarin entgegen den Bestimmungen seiner Wiederaufnahme ein seiner Aufgabe gerecht werdendes Amt geben, um dem Ganzen eine offizielle Note zu verleihen. Das würde ihm und somit der Gilde selbst außerhalb der Verbündeten Länder mehr Respekt verleihen.“

Lady Vinara richtete sich auf. „Das klingt vernünftig. Wer stimmt dafür?“

Rothen hob seine Hand. Als er sich umblickte, sah er, dass die anderen es ihm gleich taten. Sogar Lord Garrel hob seine Hand, wenn auch mit sichtlichem Widerwillen.

Endlich sind sie sich einmal einig und tun das Richtige, dachte Rothen. Für einen flüchtigen Moment fühlte er sich, als hätten sie die Sachakaner bereits besiegt. Doch bis dahin würde es noch ein weiter Weg sein.

„Dann brauchen wir jetzt noch einen Titel für das neue Amt.“ Osen lächelte dünn und sah in die Runde. „Irgendwelche Vorschläge?“

Oberhaupt der schwarzen Magier?“, schlug Garrel vor. „Das wäre wohl das Naheliegendste.“

„Auf keinen Fall!“, rief Vinara. „So etwas kann doch nur ein Krieger vorschlagen! Damit würden wir schwarze Magie zu einer vierten Disziplin erklären. Ich habe nichts dagegen, wenn Sonea schwarze Magie benutzt, um einen Patienten wiederzubeleben. Aber das geht nun wirklich zu weit.“

„Ich denke, niemand von uns will schwarze Magie als vierte Disziplin“, sagte Rothen beschwichtigend.

„Ich bin zwar auch nun ein Krieger“, meldete sich Lord Vorel mit unterdrückter Erheiterung zu Wort, „doch wie wäre es mit Leiter für schwarzmagische Studien? Da wir ihm bereits erlaubt haben, auf diesem Gebiet zu forschen, wäre das recht zutreffend.“

Der Hohe Lord nickte langsam. „Damit könnte ich mich anfreunden. Es zeigt, dass wir sein Tun billigen und ihn akzeptieren. Irgendwelche Einwände?“ Als niemand sich zu Wort meldete, fuhr er fort: „Damit wird Lord Akkarin offiziell ein … höherer Magier. Sein Gehalt wird entsprechend aufgestockt. Angesichts seiner Forschung wird ihn das sicher freuen.“

Rothen bemerkte, dass Balkan sich bei dem Begriff „höherer Magier“ nicht ganz wohl zu fühlen schien. Die Anhörung hatte ihnen allen wieder ins Gedächtnis gerufen, dass schwarze Magie einst als höhere Magie bezeichnet worden war und die Magier, die in ihr Geheimnis eingeweiht waren, als höhere Magier. Insofern hatte Akkarins neuer Status eine doppelte Bedeutung. Er fragte sich, was sein Freund Yaldin zu dieser Entwicklung sagen würde. Das nächste Abendessen bei ihm und Ezrille würde gewiss interessant werden.

„Wir sollten seine Forschung möglichst unterstützen“, sagte Lord Peakin. „Hat er nicht behauptet, es gäbe Anwendungen schwarzer Magie, die sich eventuell zur Verteidigung nutzen lassen?“

„Das hat er“, antwortete Vorel. „Doch er sagte auch, er verfüge über keine brauchbare Literatur.“

„Dann sollten wir ihm mehr Forschungsmittel bewilligen“, sagte Rothen. „Er soll alles bekommen, was er benötigt.“

„Das halte ich für eine gute Idee“, stimmte Peakin zu. „Selbstverständlich mit vorheriger Prüfung durch Lord Sarrin und einer Genehmigung der höheren Magier.“

„Dann soll es so sein“, brummte Balkan.

„Ich wünsche nun unsere Maßnahmen bezüglich der Sachakaner zu diskutieren“, sprach König Merin. „Ich muss bald wieder zurück in den Palast, doch ich wünsche, bei der Diskussion dieses Themas anwesend zu sein.“

Die höheren Magier wandten sich ihm zu.

„Sollten wir Lord Akkarin in diese Überlegungen nicht mit einbeziehen, Euer Majestät?“, fragte Rothen vorsichtig.

Der König musterte Rothen. „Lord Rothen, Ihr habt recht, das sollten wir. Aber diese Angelegenheit kann nicht warten, bis er sich von den Strapazen der vergangenen Wochen erholt hat. Da ich Lord Akkarin recht gut kenne, denke ich, er wird mir verzeihen, wenn ich in seinem Interesse handele.“

Balkan, Garrel und Osen runzelten die Stirn. Diese Entwicklung schien ihnen nicht zu gefallen. Doch gegen den Willen des Königs waren sie machtlos.

Merin ignorierte die Reaktion, die seine Worte hervorgerufen hatte, beflissentlich.

„Ich wünsche Patrouillen entlang der Grenze. Zwei zwischen dem Nordpass und Elyne, zwei zwischen dem Südpass und der Küste und vier Patrouillen zwischen den Pässen, die jeweils ein Teilstück kontrollieren. Jede Patrouille möge aus zwei Kriegern bestehen. Wenn möglich sollen sie von Männern begleitet werden, die des Spurenlesens mächtig sind. Jäger aus der Umgebung könnten das übernehmen. Es darf nicht wieder passieren, dass diese Barbaren Kyralier entführen und wir erst nach Wochen davon erfahren, weil nur einer unserer Magier in den Bergen lebt. Zudem erfahren wir auf diese Weise vielleicht, ob mein Nachbar weitere Kundschafter nach Kyralia geschickt hat.

„Des Weiteren wünsche ich die Reparatur des Forts am Nordpass und den Bau eines zweiten Forts am Südpass. Da wir wissen, wozu die Sachakaner fähig sind, wird Letzteres keiner besonderen Befestigung benötigen. Es sollte jedoch so ausgestattet sein, dass es eine kleine Armee von zwei bis drei Dutzend Magiern beherbergen kann. Die dafür nötigen Mittel werde ich zur Verfügung stellen. Sollten diese nicht ausreichen, erwarte ich die Eigenbeteiligung der Gilde ähnlich wie bei Lord Davins Wetterausguck. Ich erwarte, dass die Gilde einen Weg findet, die erforderlichen Baumaßnahmen über den Winter auszuführen, damit das Fort fertig ist, wenn der Schnee auf den Pässen schmilzt.“

Niemand erhob Einwände. Wäre der König nicht hier, so würden die höheren Magier tagelang über den Sinn und Unsinn von Forts und Patrouillen diskutieren, wusste Rothen. Merin sollte uns öfter mit seiner Anwesenheit beehren. Wir wären so viel handlungsfähiger. Aber wir bräuchten den König dafür nicht, wenn Akkarin wieder unser Anführer wäre ...

„Lord Garrel, als Oberhaupt der Krieger wird Euch die Aufgabe zuteil, diese Patrouillen zusammenzustellen“, sagte Osen. „Danach werdet Ihr die Konstruktion des neuen Forts organisieren. Nehmt Euch dazu ein paar verfügbare Architekten. Nachdem die Häuser im Inneren Ring wiederaufgebaut sind und Davins Wetterausguck kurz vor der Fertigstellung ist, sollten genügend Fachkräfte vorhanden sein.“

Der Krieger nickte. „Ich werde mich sofort nach dieser Besprechung an die Arbeit machen.“

Sich räuspernd richtete Rothen sich in seinem Sitz auf. „Wir sollten darauf achten, nur so viele Magier wie nötig an dem Bau der Forts zu beteiligen. Der Bau wird mehrere Monate dauern. Wir brauchen jetzt jeden verfügbaren Magier hier, um Akkarin und Sonea zu stärken. Zur Unterstützung der Architekten schlage ich daher Arbeiter aus der näheren Umgebung oder jene aus der Stadt vor, die uns beim Wiederaufbau der Villen und der Stadtmauer geholfen haben.“

„Ein guter Punkt“, stimmte der Hohe Lord zu. „Zudem wäre es strategisch unklug, zu viele Magier an der Grenze zu haben. Wenn die Sachakaner kommen, werden sie sie sinnlos niedermetzeln.“

Osen nickte und sah zu Merin und dann in die Gesichter der übrigen Magier. „Was können wir noch tun, um einen Krieg zu verhindern?“

„Bei der Anhörung habe ich mich bereits für eine diplomatische Lösung ausgesprochen“, sagte Kito. „Auch wenn ich mir keine großen Erfolgschancen ausrechne. Aber wir sind in der schwächeren Position, wir müssen alles versuchen, was möglich ist. Solange wir den Sachakanern nicht die Stirn bieten können, sollten wir zumindest versuchen, den Krieg hinauszuzögern.“

„In jedem Fall sollten wir jede unnötige, vorzeitige Provokation vermeiden“, fügte Merin hinzu. „Wenn Ashaki Ikaro nicht zurückkehrt, könnte Marika irgendwann ahnen, dass dieser sich nicht abgesetzt hat und wir seine Pläne kennen. Wir müssen zumindest versuchen, die Wogen zu glätten und zu verhandeln.“

„Dem stimme ich zu“, sagte Lady Vinara.

Alle bis auf die Krieger schienen den Vorschlag des Vindo zu begrüßen. Dabei sind sie die Ersten, die fallen, sollte es wirklich zu einem Krieg kommen, fuhr es Rothen durch den Kopf. Warum wollten sie immer alles auf die brachiale Art lösen?

Der König wandte sich zu Kito. „Auslandsadministrator, wie viel Erfahrung mit solchen Präventivverhandlungen habt Ihr?“

„Keine, die unserem Problem gerecht werden. Die Feindseligkeiten der Kriegerstämme in Lan, mit denen ich die letzten Monate verbracht habe, sind verglichen damit ein harmloser Nachbarschaftsstreit. Ich habe die Sachakaner lediglich studiert und ich spreche ein wenig ihre Sprache.“ Der Vindo lächelte und ließ seine Zähne aufblitzen. „Aber ich weiß, wer die nötige Expertise aufweist.“


***


Cery blickte in die Gesichter seiner Leute. Sie alle trugen das Abzeichen der Stadtwache auf ihren Ärmeln und Kebin an ihren Gürteln. Der Anblick war zugegebener Maßen ziemlich gewöhnungsbedürftig. Jedoch nicht so gewöhnungsbedürftig wie die Tatsache, dass diese Versammlung anstatt in seinem Versteck in dem an diesem Nachmittag fertiggestellten Wachhaus in seinem Territorium stattfand. Das Wachhaus war indes nur ein provisorisch errichtetes Gebäude, das der König aus einem leerstehenden Bolhaus hatte umbauen lassen, damit die Diebe ihre Arbeit möglichst bald aufnehmen konnten. Auch in den anderen Territorien waren leerstehende Gebäude umgebaut worden und ein paar Magier der Gilde waren einen Tag zuvor gekommen, um die Konstruktionen mit Magie zu stärken und feuerfest zu machen. Sollte sich Merins unkonventionelle Idee als Erfolg erweisen, würde nach Ablauf der Probezeit in jedem Territorium ein Wachhaus erbaut werden, das seinen Namen auch wirklich verdient hatte.

Für Cery war dieses Gebäude hingegen das neue Zentrum seiner Macht.

Wer hätte jemals gedacht, dass der große Dieb Ceryni eines Tages die Seiten wechselt und einer anständigen Arbeit nachgeht, dachte er in einem Anflug von Ironie.

Er tauschte einen Blick mit Gol. Der große, kräftige Mann schenkte Cery ein aufmunterndes Grinsen.

Cery holte tief Luft und wandte sich an seine Leute.

„Ab heute sind wir die Stadtwache in den Hüttenvierteln“, begann er. „Der Captain Commander der Stadtwache gibt uns ein Jahr Probezeit. In dieser Zeit wird er unangekündigt Kontrollen unserer Arbeit und unserer Geschäfte durchführen. Und wahrscheinlich auch danach. Wenn Captain Commander Worril was entdeckt, das ihm nicht gefällt, werden wir alle am Galgen landen. Deswegen sag’ ich das Folgende nur einmal: Tut nix, was die beiden Stadtwachen, die Worril uns zugeteilt hat, misstrauisch macht. Wenn mir einer von euch Reibereien beschert, so werd’ ich denjenigen der Stadtwache ausliefern. Wir sind eine Familie und verantwortlich für unser Territorium. Wir dürfen nicht zulassen, dass uns die Stadtwache von hier verdrängt, wenn sie mit unserer Arbeit nicht zufrieden ist. Denn dann haben die Hüttenleute keinen mehr, der sie beschützt.“

„Aber wir benehmen uns doch nicht, wie die richtige Stadtwache, ne?“, fragte Kerran.

„Nein“, antwortete Cery. „Das heißt, in einigen Dingen schon. Aber ich erwarte, dass ihr weiterhin freundlich zu den Hüttenleuten seid. Ganz besonders, wenn sie eure Hilfe brauchen. Die Hüttenleute haben uns all die Jahre vertraut und sie sollen das auch weiterhin tun.“ Er nickte zu seinem Leibwächter. „Gol wird euch jetzt die Regeln erklären.“

Gol grinste. „Jawohl, Chef … ähm, Capt’n.“

Einige von Cerys Leuten lachten. Zu Cerys Erleichterung nahmen sie ihre neue Aufgabe relativ gelassen. Die Aussicht, für ein ordentliches und regelmäßiges Gehalt Stadtwache spielen zu dürfen, schien den meisten sogar zu gefallen. Cery begrüßte das. Auf diese Weise hatten seine Leute einen Anreiz, ihre Arbeit vernünftig zu erledigen. Von Faren hatte er gerüchteweise erfahren, dass das nicht bei allen Dieben so war. Aber er hatte seine Männer auch sorgfältig ausgewählt. Er würde ihnen nicht unbedingt sein Leben anvertrauen, doch für die Helfer eines Diebes waren sie ausgesprochen loyal.

„Eure Hauptaufgabe wird sein, in unserem Territorium zu patrouillieren“, sagte Gol betont grimmig, als versuche er sich damit den Respekt der anderen zu verschaffen. „Die Streifen sind immer zu zweit. Es gibt ’ne Tagschicht und ’ne Nachtschicht. Pro Woche habt ihr abwechselnd ’nen freien Tag. Während der Patrouille müsst ihr auf alles achten, was euch verdächtig erscheint. Wenn ihr’n Verbrechen beobachtet, schnappt den Übeltäter und werft ihn in die Arrestzelle unten im Keller. Die Zeugen müsst ihr befragen und für ihre Aussage auch hierher bringen, damit Ceryni über jeden Vorfall ’nen Bericht schreiben kann. Unnötige Gewaltanwendungen und Drohungen sind verboten und werden von mir oder Ceryni bestraft.

„Es wird öfter passieren, dass wir ein Verbrechen, von dem uns die Hüttenleute berichten, aufklären müssen. Dann werden die Streifen direkt zu den Zeugen oder Verdächtigen geschickt. Auch die bringt ihr hierher. Es kann auch passieren, dass Ceryni oder ich euch losschicken, um Häuser nach ’nem Verdächtigen oder nach Diebesgut durchsuchen. Das bringt ihr ebenfalls zur Wache und nicht zu Cerynis Versteck.

„Einmal im Monat treibt ihr die Steuern ein. Das läuft so ähnlich, wie mit den Schutzgeldforderungen. Aber es gibt’n paar Veränderungen. Alle Hüttenleute zahlen Steuern. Familien zahlen zehn Silberstücke pro Monat. Besitzer von ’nem Gewerbe – also Bolhäuser, Hurenhäuser, Bäcker, Fleischer und so weiter – zahlen’n halbes Goldstück im Monat. Wenn diese Frau und Kinder haben, kommen noch zehn Silberstücke drauf. Das Geld wird immer am letzten Tag eines Monats einkassiert und zur Wache gebracht. Cery und ich zählen es durch und bringen es zum Hauptsitz der Stadtwache.“

„Was machen wir, wenn die Hüttenleute nicht zahlen können?“, fragte Morren. „Dürfen wir ihnen drohen?“

„Nein“, antwortete Cery scharf. „Wenn jemand nicht zahlen kann, müsst ihr das mir und Gol sagen. Wir kümmern uns dann um die Bestrafung nach dem Gesetz. Dasselbe gilt, wenn sie nicht zahlen wollen.“

Einige seiner Leute machten enttäuschte Gesichter.

„Sie werden kriegen, was sie verdienen“, versicherte Cery. „Die Strafen für nicht gezahlte Steuern sind ziemlich hart.“ Wahrscheinlich würden sie sogar härter sein, als das was er selbst für nicht gezahlte Schutzgelder vorsah, denn das Gesetz machte keine Ausnahme, wenn unglückliche Umstände dazu führten, dass jemand nicht zahlen konnte. Cery hatte noch nicht entschieden, wie er das handhaben sollte. Er wollte seine Schutzbefohlenen lieber vor dem Gesetz schützen, als sie ihm auszuliefern.

„Ihr dürft Euch nicht mit Gefälligkeiten zufriedengeben“, fügte er streng hinzu. „Der König will Geld sehen. Alles andere wird als Bestechung aufgefasst und ebenfalls bestraft.“ Er machte eine Pause und blickte seine Leute einen nach dem anderen an. „Habt ihr noch Fragen?“

Seine Männer schüttelten die Köpfe.

„Gut“, sagte Cery. „Falls euch doch noch was einfällt, könnt ihr das mich oder Gol auch später fragen. Tagsüber werdet ihr immer einen von uns hier vorfinden. Die Nachtschicht wird jeweils einer von euch übernehmen. Gol wird euch gleich in die Dienstpläne einführen.“

Sein Leibwächter beugte sich zu ihm. „Du solltest ihnen vielleicht noch erklären, wie sie unsere Geschäfte handhaben sollen“, raunte er Cery zu.

„Ah, richtig!“, fiel Cery ein. Er fand, das Wachhaus war nicht der richtige Ort, um darüber zu sprechen. Aber solange sie unter sich waren, sah er keinen Grund, diesen Teil in sein Versteck zu vertagen.

Er räusperte sich vernehmlich. „Alles, was unsere Geschäfte betrifft, wird außerhalb der Dienstzeit und in meinem Versteck abgewickelt. Wenn ihr Gefälligkeiten oder Schmiergeld von ’nem Klienten einfordert, dann muss das außerhalb eurer Dienstzeit geschehen. Ihr dürft dabei nix tragen, was euch als Stadtwache zu erkennen gibt. Das Gebiet, in dem ’ne Streife ihren Dienst verrichtet, wird ein anderes sein, als in dem sie sich um ein Geschäft kümmert. Damit soll die echte Stadtwache verwirrt werden, falls sie auf die Idee kommt, in den Dienstplänen rumzuschnüffeln. Solltet ihr den Eindruck kriegen, ein Klient will uns bei der Stadtwache squimpen, dürft ihr ihm drohen. Die Klienten müssen wissen, dass sie ebenfalls dran sind, wenn wir auffliegen.“

Cery würde nicht zögern, squimpenden Klienten ein Messer zu schicken. Den Mord würde er in seiner jetzigen Position sogar sehr viel besser vertuschen können, als zu der Zeit, wo er nur ein Dieb gewesen war.

„Seid vorsichtig, die zwei Männer, die Worril uns stellen wird, werden auf alles ein Auge haben“, schloss er.

Die Tür ging auf und ein kleiner Junge stürmte herein. „Die Stadtwachen sind da!“, keuchte er.

„Danke.“ Cery gab dem Jungen ein Kupferstück und schickte ihn fort. Dann wandte er sich wieder an seine Leute. „Wir bekommen gleich Verstärkung von der richtigen Stadtwache“, teilte er ihnen mit. „Also benehmt euch gefälligst.“

Einige Männer verzogen das Gesicht, erhoben jedoch keinen Protest, da ihnen die Alternative wohlbewusst war.

Die Tür öffnete sich erneut und zwei Männer in Uniform der Stadtwache traten ein.

„Captain Ceryni“, sagte der ältere. „Ich bin Correl von Sakin und das ist mein Partner Jorrik von Eran. Wir melden uns zum Dienst.“

„Willkommen“, sagte Cery und stellte seine Männer vor. „Ihr kommt gerade richtig, mein Assistent wird jetzt den Dienstplan erklären.“

Er nickte zu Gol. Sein Leibwächter begann, die Männer in Zweiergruppen einzuteilen und ihnen ihre Patrouillengebiete zuzuteilen. Dann erklärte er ihnen, an welchen Tagen sie wann Dienst haben würden.

Da die Dämmerung bereits hereinbrach, begannen die Nachtpatrouillen sofort mit ihrer Arbeit. Kerran war für die erste Nachtschicht im Wachhaus eingeteilt. Auch Cery würde die Nacht hier verbringen, um den Mann in seine Aufgaben einzuarbeiten.

Er war neugierig, wie es werden würde.


***


Der Himmel hinter den Fenstern war von einem so dunklen Blau, dass er beinahe schwarz wirkte. Das war seltsam. Und wieso trug sie noch ihre Robe? Sonea rieb sich die Augen und schuf eine Lichtkugel und sah sich um. Das Buch, in dem sie gelesen hatte, lag zusammengeklappt auf einem kleinen Tisch neben ihrem Bett. Sie konnte sich nicht erinnern, es dort hingelegt zu haben.

Dann fiel ihr alles wieder ein. Nach der Gildenversammlung hatte Akkarin sich zurückgezogen, um sich auszuruhen. Ihr Angebot, ihm Gesellschaft zu leisten hatte er abgelehnt.

Keiner von uns würde wirklich schlafen, hatte er gesagt. Lady Vinaras Anweisungen sollte man besser Folge leisten.

Also hatte Sonea entschieden, die Zeit bis zum Abendessen mit Lesen und Lernen zu überbrücken. Das war nun Stunden her. Erschrocken sprang sie auf. Sie hatte den ganzen Nachmittag verschlafen! Und sie hatte noch Hausaufgaben für ihren morgigen Unterricht zu erledigen!

Sonea stieß einen frustrierten Seufzer aus. Ob Akkarin noch schlief? Sie verließ ihr Studierzimmer und überquerte den Flur. Leise öffnete sie die Tür zu ihrem Schlafzimmer. Es war verlassen. Lediglich das zerwühlte Bettzeug auf seiner Seite zeugte davon, dass er hier gewesen war.

Hätte er mich nicht wecken können?, dachte sie unwirsch, Es missfiel ihr, den ganzen Tag nichts für ihr Studium getan zu haben. Trotzdem konnte sie ihm keinen Vorwurf machen, da er sie nicht aus böser Absicht hatte schlafen lassen.

Sonea holte eine frische Robe aus dem Kleiderschrank und zog sich um. Dann zog sie die Nadeln aus ihrer Frisur und ließ ihr Haar über die Schultern fallen. Das fühlte sich gleich viel angenehmer an.

Sich im Spiegel betrachtend, verzog sie das Gesicht. In wenigen Monaten würde sie ihre Haare in der Öffentlichkeit nicht mehr offen tragen dürfen, weil sich das für kyralische Ehefrauen nicht gehörte. Dieser Tag hatte ihr einen kleinen Vorgeschmack darauf gegeben. Aber wenn das der Preis ist, um mit dem einzigen Mann verheiratet zu sein, dem ich jemals mein Eheversprechen geben würde, dann werde ich ihn bereitwillig zahlen, dachte sie.

Sie seufzte und trat auf den Flur. Als sie die oberste Stufe der Treppe erreichte, hielt sie inne. Von unten drangen Stimmen herauf. Neben Akkarins tiefer Stimme erkannte sie das dröhnende Organ von Balkan. Neugierig spähte sie über das Geländer.

Akkarin reichte Balkan gerade etwas, das wie ein Umschlag aussah.

„Ich werde dafür sorgen, dass er Euren Brief erhält“, sagte Balkan gerade.

„Danke“, erwiderte Akkarin.

„Ich hoffe unsere Wahl ist in Eurem Interesse.“ Balkans Blick huschte für einen kurzen Moment zum oberen Stockwerk. Hastig wich Sonea in die Schatten des hinter ihr liegenden Flures.

Hoffentlich hat er mich nicht gesehen, dachte sie. Aber was konnte sie dafür, wenn sie zur falschen Zeit am falschen Ort war?

„Wenn es jemanden gibt, der sich für diese Mission eignet, dann er“, erwiderte Akkarin.

Der Hohe Lord schien erleichtert. „Der König sagte bereits, ihr wärt dieser Ansicht.“

Akkarin erwiderte etwas, das Sonea von ihrem Versteck aus nicht verstehen konnte.

„Dann will ich Euch nicht länger aufhalten“, sagte Balkan daraufhin. „Es ist bald Zeit zum Abendessen. Ich wünsche Euch noch einen angenehmen Abend.“

„Ebenso, Hoher Lord.“

„Wir sehen uns morgen in Osens Büro. Ich werde eine weitere Besprechung bezüglich unseres weiteren Vorgehens einberufen, sobald Kito abgereist ist.“

„Ich verstehe.“

Sonea hörte Schritte und die Tür fiel ins Schloss. Dann erklang Akkarins Stimme erneut.

„Du kannst jetzt runterkommen.“

Sonea lächelte und kam aus ihrem Versteck hervor. Woher hatte er gewusst, dass sie dort oben stand? Hatte er ihre Gedanken gehört oder konnte er ihre Präsenz spüren? Die Antworten auf diesen Fragen waren in diesem Moment indes weniger wichtig, als die Details über Balkans Besuch zu erfahren. Rasch eilte sie die Stufen hinab.

Akkarin erwartete sie am Fuß der Treppe. Er musterte sie so durchdringend, dass Sonea unwillkürlich wieder diese vertraute Furcht vor ihm verspürte. Als sie näher kam, streckte er eine Hand nach ihr aus und zog sie zu sich.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte er und küsste sie auf die Stirn.

Sie nickte uns sah zu ihm auf. „Was wollte Balkan?“

„Er hat mir berichtet, was die höheren Magier nach der Anhörung besprochen haben.“

„Warum hast du mir nicht Bescheid gesagt?“, verlangte sie zu wissen. Sie konnte jedoch nicht verhindern, dass dabei ein leiser Vorwurf in ihrer Stimme mitschwang.

„Du hast geschlafen. Ich wollte dich nicht wecken.“

Dann hatte er das Buch auf den Nachttisch gelegt. Er hatte sie tatsächlich schlafen lassen.

„Aber ich muss noch lernen!“, protestierte sie.

„Dazu hast du noch den ganzen Abend Zeit“, entgegnete Akkarin. „Du warst erschöpft. Die letzte Nacht war auch für dich nicht gerade lang.“

Sonea funkelte ihn an und die Hitze stieg in ihre Wangen. Musste er sie jetzt daran erinnern?

Akkarins Stimme wurde streng, als er fortfuhr. „Es ist mir lieber, wenn du den ganzen Abend mit Lernen verbringst, als wenn du es tust, wenn deine Konzentration beeinträchtigt ist.“

Sie seufzte und schob ihre Verärgerung beiseite. Situationen wie diese riefen ihr immer wieder ins Gedächtnis, dass sie seine Novizin war. Vom Standpunkt der Vernunft aus betrachtet, hatte Akkarin recht. Nichtsdestotrotz hätte sie den Abend lieber mit ihm als mit ihren Hausaufgaben verbracht.

„Was war in dem Umschlag?“, fragte sie stattdessen.

„Eine Einladung für Botschafter Dannyl zu unserer Hochzeit.“

Sonea musterte ihn mit schmalen Augen. Sie war sicher, das war nur die halbe Wahrheit. Inzwischen kannte sie ihn gut genug, um zu wissen, wann er ihr etwas verschwieg.

„Und etwas, das er in nächster Zeit sehr nützlich finden wird“, fügte er mit einem vertrauten Funkeln in seinen Augen hinzu.

Also war da wirklich noch etwas anderes gewesen. Sonea verspürte ein Triumphgefühl, weil sie richtig vermutet hatte. Aber sie ahnte auch, dass er nicht gewillt war, ihr mehr darüber zu sagen. Zumindest nicht jetzt.

„Was haben die höheren Magier denn nun beschlossen?“, wollte sie wissen. „Oder darf ich das auch nicht wissen?“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Deine Neugier ist unstillbar“, bemerkte er. „Komm mit. Dann werde ich dir alles erzählen.“

Er führte sie zu der Sitzgruppe in ihrem Speisezimmer. Akkarin starrte kurz auf den Kamin und die Holzscheite darin begannen zu brennen. Während Sonea sich auf das Sofa setzte, schritt er zu einer Anrichte, auf der eine Flasche Wein und Gläser standen.

„Möchtest du etwas trinken?“

Sonea nickte, obwohl sie noch ein wenig benommen von ihrem kurzen Schlaf war. Sie beobachtete, wie er eine Flasche Anurischen Dunkelwein öffnete und zwei Gläser einschenkte. Er trug die Gläser hinüber zum Sofa und reichte ihr eines davon. Dann setzte er sich neben sie. Es fiel ihr schwer, ihre Ungeduld zu unterdrücken. Doch sie wartete, bis er anfing zu sprechen.

„Der Hohe Lord hat sich im Namen aller Krieger, die an der Suche nach Ikaro beteiligt waren, entschuldigt“, begann Akkarin und wandte sich ihr zu. „Von nun an werden sie uns bei solchen Missionen alle Unterstützung geben, die wir benötigen.“

Uns?, dachte sie überrascht.

„Ja, uns.“

Sonea zuckte zusammen und visualisierte die Mauer, die ihre Gedanken und Gefühle vor ihm verbarg. Seit seiner Rückkehr vergaß sie das allenthalben. Auch wenn das in manchen Situationen nützlich ist … so wie gestern Abend …

Sie verscheuchte ihre unanständigen Gedanken und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihr Gespräch.

„Sollten weitere Sachakaner mit feindlichen Absichten nach Kyralia eindringen, werden sie uns beide auf die Jagd schicken“, fuhr Akkarin fort. „Darüber hinaus haben sie noch etwas beschlossen, das sie bereits im Sommer hätten tun sollen.“

„Haben sie das Ausgehverbot aufgehoben?“, fragte Sonea hoffnungsvoll. Trotz oder vielleicht auch auf Grund des Ernstes ihrer Lage verlangte es ihr danach, Jonna und Ranel zu besuchen. Sie hatte sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Und sie vermisste ihren Freund Cery.

Akkarin schüttelte den Kopf. „Da muss ich dich enttäuschen, fürchte ich. Allerdings gestehen sie uns eine sehr wichtige andere Freiheit zu. Damit verbessern sich die Chancen der Gilde, einen möglichen Krieg gegen Sachaka zu gewinnen. Erinnerst du dich, als ich während der Verhandlung über unsere Wiederaufnahme sagte, auf dem Gebiet der schwarzen Magie gäbe es noch immer verlorenes Wissen, das es neu zu entdecken gilt?“

Sie nickte.

„Sie sind bereit, mir alle Mittel zur Verfügung zu stellen, um diese Forschung ernsthaft zu betreiben. Sie verlangen lediglich, dass wir sie über unsere Pläne in Kenntnis setzen, bevor wir damit beginnen. Und sie verlangen regelmäßige Berichte über unseren Fortschritt. Den höheren Magiern ist bewusst, dass wir beide nicht gegen eine ganze Streitmacht sachakanischer Magier antreten können. Selbst wenn wir ihnen magisch überlegen sind, würden sie uns überrennen. Weitere schwarze Magier auszubilden birgt dagegen das Risiko, dass wir nach einem Krieg mit Sachaka gegen Magier aus unseren eigenen Reihen kämpfen müssten. Doch wenn unsere Forschung erfolgreich ist, haben wir vielleicht eine Chance.“

Sonea hatte ihm wie gebannt zugehört. Das ist doch ein Anfang, dachte sie. Bei ihrer Wiederaufnahme hatten die höheren Magier Akkarin nur eingeschränkte Forschung erlaubt. Jedem neuen Experiment wären wahrscheinlich tagelange Diskussionen vorausgegangen, bis man ihnen die Erlaubnis gegeben hätte, es durchzuführen. Aber das konnte sich die Gilde nun nicht mehr leisten.

„Und was genau erhoffst du dir von unserer Forschung, was uns einen Vorteil verschaffen soll?“, fragte sie.

„In den Büchern, die ich unter der Universität gefunden habe, gibt es Hinweise auf Anwendungen schwarzer Magie, die mehr bewirken als nur sich selbst zu stärken.“ Seine Augen funkelten gefährlich. „Ein Buch erwähnt eine Waffe, mit der unsere Vorgänger im letzten Krieg weite Teile Sachakas verwüstet haben sollen.“

„Die Ödländer.“

„Ja.“

Sonea erschauderte. Und wir sollen jetzt etwas bauen, das eine vergleichbare Zerstörungskraft hat? Es war keine angenehme Vorstellung. Doch wenn die Gilde eine solche Waffe gegen eine Armee von Sachakanern einsetzte, hatten sie eine Chance.

„Ja und nein. Unsere Forschung wird zunächst darauf ausgerichtet sein, diese Waffe in einer schwächeren Form herzustellen. Damit würden wir immer noch mehrere Sachakaner mit einem Schlag besiegen. Es macht keinen Sinn, eine Waffe zu konstruieren, mit der wir nicht nur unsere Gegner, sondern auch uns selbst vernichten.“

Eine seltsame Mischung aus Furcht und Erregung verspürend trank Sonea einen Schluck Wein. Wenn es ihnen gelang, diese Waffe herzustellen, dann war die Vorstellung eines Krieges weitaus weniger entsetzlich also noch vor einigen Stunden. Vorausgesetzt, es gelang ihnen rechtzeitig.

„Und sollte die Schlacht auf kyralischem Boden stattfinden, so wäre es schlecht, wenn das halbe Land anschließend für Jahrhunderte unfruchtbar ist“, fügte sie hinzu.

„Richtig.“

„Weißt du, was das für eine Waffe ist?“

„Ich habe eine Vermutung. “

„Was ist es?“, fragte sie aufgeregt.

„Ein Speicherstein.“

„Also ein Stein, in dem sich Magie befindet“, folgerte Sonea. Sie blinzelte verwirrt. Was war daran so schwer herzustellen? War das nicht etwas, das ein Alchemist wissen müsste?

„Niemandem ist es je gelungen, Speichersteine herzustellen“, beantwortete Akkarin ihre unausgesprochene Frage, während er sein Weinglas mit seinen langen Fingern drehte. „Viele haben es versucht und sind gescheitert. Ich selbst habe es eine Weile erfolglos versucht, bis ich die Idee schließlich wieder verwarf.

„Tatsächlich erfreuten sich Speichersteine lange vor dem letzten Krieg großer Beliebtheit. Im Norden Sachakas, gibt es ein Volk, das damals mit diesen Steinen gehandelt hat. In Elyne befindet sich ein Ort, der gleich mehrere hundert dieser Kristalle beherbergt, doch es ist gefährlich, diesen zu betreten, weil er der Hinrichtung von Magiern dient. Er nennt sich die ‘Kammer der Ultimativen Bestrafung’. Tritt man hinein, so werden die Speichersteine aktiviert und senden einen starken Strahl von Magie gegen den Eindringling. Die Entdeckung dieses Ortes hat mich damals dazu veranlasst, nach Sachaka zu gehen.“

„Wie hast du es geschafft zu überleben?“

„Ich habe die Schrift am Eingang der Kammer entziffert und bin nur so weit eingedrungen, wie es gefahrlos möglich war“, antwortete er. „Es ist mir gelungen, die Speichersteine zu einem Angriff zu provozieren, so dass ich sie von außen studieren konnte.“

„Worauf warten wir dann noch?“, fragte Sonea aufgeregt. „Reisen wir nach Elyne und holen uns diese Steine.“

„Sonea, so einfach ist das nicht. Der Ort liegt in den Bergen. Wir bräuchten Wochen, um dorthin zu gelangen. Du würdest mindestens zwei Monate Unterricht versäumen.“

„Die Sachakaner sind doch wohl ein kleines bisschen wichtiger, als mein Unterricht“, gab sie zurück.

„Und weil sie das sind, ist es umso wichtiger, dass du gut ausgebildet bist, wenn es zu einem Krieg kommt.“

„Aber ...“, begann sie.

„Nein“, sagte Akkarin hart. „Es ist zu gefährlich. Das Betreten der Kammer löst die Steine aus und sie hören erst auf, ihre Magie abzugeben, wenn die Personen in der Kammer tot sind. Während die Steine aktiv sind, verhindert eine magische Barriere das Verlassen der Kammer. Mit genügend Magie könnten wir zwar hinein, und während eines Angriffs wieder hinausgelangen, doch bei dem Versuch die Steine zu erreichen würden wir sterben.

„Im vergangenen Jahr ist Dannyl dort fast ums Leben gekommen, als er die Kammer bei einem Ausflug in die Berge entdeckt hat. Es selbst zu versuchen, ist das Risiko nicht wert, Sonea. Ich könnte mir nicht verzeihen, dich bei dieser Unternehmung zu verlieren, oder dich unglücklich zu machen, weil ich nicht überlebe.“

Das musste Sonea einsehen. Trotzdem nagte eine ganz bestimmte Frage an ihr, die sie hoffen ließ, dass sie doch eine Chance hatten, die Speichersteine aus dieser Kammer zu entwenden.

„Wie konnte Dannyl überleben?“

„Er hat sofort versucht, die Kammer zu verlassen und sich gegen die Barriere geworfen, so dass sein Assistent ihn von außen herausziehen konnte. Wir hingegen würden versuchen, an die Steine zu gelangen und dabei direkt in ihre gebündelte Magie geraten ...“

„ … was uns das Leben kosten würde.“

„Ja.“

Sie sahen einander an. Die Lösung für ihr Problem schien zum Greifen nah und war doch unerreichbar. Diese Steine mussten wirklich spannend sein. Sie hatten faszinierende, aber tödliche Eigenschaften und Akkarin war nach Sachaka gegangen, um mehr über sie zu erfahren. Aber Sonea war noch immer nicht klar, woher er das alles wusste. Nachdenklich trank sie einen weiteren Schluck Wein.

„Ich habe fast alle Bücher aus der Truhe gelesen“, sagte sie. „Dort stand nichts darüber, dass die Ödländer durch Speichersteine erschaffen wurden.“

„Du würdest es auch nicht in den Büchern finden, die du noch nicht gelesen hast“, sagte er. „Nicht, wenn du nicht weißt, auf welche Hinweise zu achten musst. Ich kam erst zu dem Schluss, dass ein Speicherstein für die Erschaffung der Ödländer verantwortlich war, nachdem ich das Buch, das Dannyl im Sommer aus Elyne mitgebracht hat, gelesen habe. Vor dem Sachakanischen Krieg besaßen die Elyner Wissen, das sie nicht mit uns teilen wollten, weswegen sich in den Büchern aus der Truhe nur ein paar spärliche Hinweise finden. Bei Gelegenheit solltest du es einmal lesen.“

Sonea nickte. Obwohl sie in den letzten Wochen viel gelesen hatte, hatte sie es noch nicht geschafft, alle Bücher aus der Truhe zu lesen. Das Buch aus Elyne hätte als eines der nächsten auf ihrer Liste gestanden. „Und du glaubst, die Elyner aus jener Zeit wussten, wie man Speichersteine herstellt?“, fragte sie aufgeregt.

„Das ist möglich. Einer könnte das Geheimnis für sich entdeckt und geheim gehalten haben.“

„Weiß Balkan schon davon?“

Akkarin nickte. „Er schien sogar erfreut, dass die Bücher aus der Truhe so wertvolle Informationen enthalten“, sagte er mit einem Anflug von Erheiterung.

Bei dem Gedanken an Balkan fiel Sonea wieder das Gespräch der beiden Männer ein, das sie unfreiwilligerweise belauscht hatte.

„Was ist das für eine Besprechung, von der Auslandsadministrator Kito nichts erfahren darf?“, wollte sie wissen.

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. „Kito wird an einer diplomatischen Mission nach Arvice teilnehmen“, antwortete er. „Er wird noch heute abreisen. Balkan plant jedoch weitere Maßnahmen als Vorbereitung auf einen möglichen Krieg gegen Sachaka und er will verhindern, dass unsere Feinde davon aus Kitos Gedanken erfahren, sollte seine Mission scheitern.“

Sonea starrte ihn an. Dass die höheren Magier endlich begonnen hatten, zu handeln, ließ erahnen, wie ernst ihre Situation war. Hoffentlich würden sie auf diese Weise mehr über die Pläne der Sachakaner erfahren. Mit einem Mal war die Furcht, die sie während der Anhörung verspürt hatte, zurück.

Akkarin streckte eine Hand aus und strich über ihre Wange. „Mach dir dein Leben nicht jetzt schon mit Dingen schwer, die frühestens in einigen Monaten oder vielleicht auch gar nicht eintreffen werden“, sagte er sanft.

„Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, dass das alles unser Ende bedeuteten könnte“, erwiderte sie leise. „Auch wenn die Speichersteine vielleicht eine Chance bieten.“

„So dachte ich auch, als ich Ikaro verhörte. Es wird leichter, hast du den Schrecken erst einmal überwunden.“

Sonea nickte und hoffte, er habe recht. Nur wenn es ihr gelang, einen klaren Kopf zu bewahren, würde sie sich ernsthaft auf einen möglichen Krieg vorbereiten können. Und dann war da noch immer ihr Studium. Sie konnte sich nicht darauf konzentrieren, wenn sie sich allenthalben vor den Sachakanern fürchtete.

Akkarin musterte sie nachdenklich. „Nun, da wäre noch etwas, das die höheren Magier entschieden haben.“ Über seine harschen Züge huschte der Anflug eines Lächelns. „Das wird dich sicher aufheitern.“

„Was ist es?“, fragte sie begierig.

Akkarin lächelte. Sonea hatte den Eindruck, dass es ein wenig selbstgefällig war. „Die höheren Magier haben in einem Anflug von Vertrauen … oder auch Verzweiflung … beschlossen, meine Tätigkeit als Berater auszuweiten und mir ein offizielles Amt zu geben. Sie begründen es damit, dass die Sachakaner uns dann mehr respektieren.“ Seine Mundwinkel zuckten. „Ich bin jetzt Leiter der schwarzmagischen Studien.“

Sonea starrte ihn ungläubig an. „Das ist ja toll!“, rief sie. „Ich freue mich für dich!“

Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Die Gilde muss noch bei der nächsten Versammlung darüber abstimmen, doch Balkan sagte, das wäre nur eine Formsache.“

Sonea dachte an die Anhörung zurück und musste ihm unwillkürlich glauben. Dann runzelte sie die Stirn.

„Warum haben sie dich nicht zum Oberhaupt der schwarzen Magier gemacht?“, wollte sie wissen. „Wäre das nicht mehr wert?“

„Würde die Gilde dieses Amt einführen, müsste sie schwarze Magie als Disziplin anerkennen“, antwortete Akkarin. „In diesem Fall hätte ich Balkans Angebot nicht angenommen.“

Sie nickte. „Ich finde, darauf sollten wir trinken.“

Sie hob ihr Glas und sie stießen an.

„Ich muss dir auch etwas sagen“, begann sie, nachdem Akkarin ihnen nachgeschenkt hatte.

Er runzelte die Stirn. „Sprich.“

„Ich habe mir überlegt, dass ein Krieg wie der, der uns vielleicht bevorsteht, uns wahrscheinlich sehr viel mehr abverlangen wird, als wenn wir in der Arena kämpfen“, begann Sonea. „Schließlich werden wir ganz alleine gegen mehrere hundert Sachakaner antreten. Selbst, wenn die Gilde uns unterstützen sollte, wird die meiste Arbeit an uns hängenbleiben. Wenn wir die körperlichen Anstrengungen heilen, kostet uns das Kraft, die wir besser für unsere Feinde aufsparen. Dir würde das wahrscheinlich kaum etwas ausmachen, aber ich bin nicht so gut trainiert. Ich möchte nicht während der Schlacht feststellen, mich nicht gut genug vorbereitet zu haben.“

Sonea zögerte und begegnete seinem Blick. Besser, sie dachte gar nicht erst über die Befriedigung nach, die sie bei ihren nächsten Worten darin entdecken würde.

„Deswegen und weil ich nicht weiß, wie viel Zeit uns noch bleibt, habe ich mich entschieden, nicht erst ab nächstem Halbjahr Schwertkampf zu belegen. Sondern ab sofort.“

Akkarin nahm das mit einem Nicken zur Kenntnis und starrte mit gerunzelter Stirn in sein Weinglas.

„Was ist?“, fragte Sonea. Das war nicht die Reaktion, die sie erwartet hatte. Ohne sein Zutun hatte er sie schließlich da, wo er sie die ganze Zeit über hatte haben wollen. „Ich dachte, das würde dich freuen.“

Akkarin sah auf. „Sonea, ich begrüße deine Entscheidung“, sagte er. „Jedoch haben die Novizen in Lord Kerrins Kurs dir gegenüber inzwischen einen Vorsprung, der nur schwer aufzuholen ist.“

„Ich weiß.“ Das Sommerhalbjahr war schon mehr als halb verstrichen. Bei Schwertkampf ging es nicht um magische Stärke, sondern um die physischen Voraussetzungen. Diesen Rückstand würde Sonea kaum aufholen können. Ihre neuen Kurse verlangten ihr bereits mehr als genug ab.

„Der gesamte Kurs dauert anderthalb Jahre“, fuhr Akkarin fort. „Ungeachtet der Bedrohung aus Sachaka würdest du unter Zeitdruck geraten, wenn du ihn erst im nächsten Halbjahr belegst. Du wirst all deine Zeit brauchen, um für die Abschlussprüfungen zu lernen. Deswegen war ich ursprünglich dagegen, dass du erst zum nächsten Halbjahr damit beginnst.“

„Wie du weißt, habe ich in meinem ersten Jahr eine Klasse übersprungen. Und dieses Halbjahr war bis jetzt auch nicht anders“, widersprach Sonea. „Ich kann es schaffen.“

„Sonea, das letzte Jahr ist das härteste von allen“, sagte er sanft. „Hätten wir nicht von den Plänen der Sachakaner erfahren, so hätte ich in dieser Hinsicht mit mir reden lassen. Ich bin sicher, dass du trotz der erhöhten Anforderungen dein Lernpensum erfüllen wirst. Doch jetzt hat sich alles geändert. Ich werde deine Hilfe bei meiner Forschung brauchen.“ Seine dunklen Augen bohrten sich in ihre. „Was dein Wahlpflichtfach betrifft, so werde ich dich für den Rest des Halbjahres unterrichten. Wenn du nicht gegen einen anderen Novizen antreten musst, können wir uns das meiste sparen, das zu Beginn des Kurses gelehrt wird. Am Ende des Halbjahres wirst du die Prüfung jedoch bei Lord Kerrin ablegen müssen.“

Sonea unterdrückte ein Stöhnen. Sie hatte gehofft, mit Regin und denjenigen ihrer neuen Klassenkameraden, die ebenfalls Schwertkampf belegt hatten, zusammen zu trainieren. Wenn Akkarin in dieser Kunst genauso hart und unerbittlich war, wie in allen anderen Kursen, in denen er sie unterrichtete, so würde das kein Vergnügen werden.

Als sie aufsah und ihre Blicke einander begegneten, wusste sie, dass sie recht hatte.
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