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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 12.210
 
Kapitel 24 – Eine fast gelungene Rettung



Der fensterlose Raum im Innern des Heilerquartiers war in das gleißende Licht mehrerer Lichtkugeln getaucht. Zwischen den Anwesenden herrschte eine Stille, die das Resultat sowohl von Konzentration als auch von Angespanntheit war.

„Skalpell“, murmelte Lord Kiano.

Trassia wählte vom Instrumententisch ein Messer, das scharf genug war, um durch Haut und Fleisch zu schneiden und reichte es dem Heiler. Ihr Gesichtsausdruck war ungewöhnlich ernst. Trotz der Schwere der bevorstehenden Operation wirkte sie indes nur wenig nervös. Lord Kiano nahm das Instrument mit einem Nicken entgegen.

„Ich beginne jetzt mit dem Eingriff“, verkündete er. „Lady Indria, überwacht seine Vitalfunktionen. Sonea, halte dich bereit, die Blutung zu stoppen.“

Sonea nickte und griff nach der Hand des Patienten. Auf der anderen Seite des Operationstisches tat Lady Indria es ihr gleich. Bei dem Mann mittleren Alters war vor einigen Wochen ein gefährliches Geschwür nahe der Wirbelsäule entdeckt worden. Zunächst hatten die Heiler eine Therapie, bei der das befallene Gewebe systematisch mit Magie abgetötet wurde, versucht. Das Geschwür hatte bei seiner Entdeckung jedoch bereits eine Größe erreicht, die es unmöglich machte, den kompletten Bereich abzutöten, ohne Schaden anzurichten. Wo diese Behandlung bei kleineren Tumoren meist erfolgreich war, hatte sie bei diesem Patienten keine ausreichende Wirkung gezeigt. Stattdessen war der Tumor gewachsen und drückte auf die Wirbelsäule. Eine Operation, wenn auch beinahe so gefährlich wie den Tumor unbehandelt zu lassen, war für den Patienten die letzte Chance.

Lord Kiano beugte sich über den entblößten Rücken des Mannes. Etwa auf halber Höhe war eine unregelmäßige Erhebung zu erkennen. Als er das Skalpell eine halbe Handbreit darüber in der Haut versenkte und langsam nach unten schnitt, hörte Sonea wie ihre Freundin scharf die Luft einsog.

Obwohl Trassia zu Beginn des Sommerhalbjahres die Heilkunst als Disziplin gewählt hatte, hatte sie erst bei wenigen Operationen assistiert. Sonea war dank ihres Privatunterrichts bei Lady Vinara bereits mehrfach in den zweifelhaften Genuss gekommen. Nicht alle Operationen waren angenehm gewesen. Anfangs hatte es sie Überwindung gekostet das Innere eines Menschen zu sehen und sie hoffte, ihre Freundin würde diese Phase bald hinter sich lassen.

Während der Heiler aus Vin tiefer in den Rücken des Mannes schnitt, sandte Sonea ihren Geist in seinen Körper und verschloss die verletzten Gefäße mit Magie. Am Rande ihres Bewusstseins registrierte sie, wie Trassia silberne Klammern in die Wundränder steckte und diese auseinanderzog, um den Tumor freizulegen. Für einen Augenblick war Soneas Arbeit getan. Sie sah auf.

Der Heiler runzelte die Stirn.

„Der Tumor grenzt dichter an die Wirbel, als ich dachte“, stellte er fest. „Ich fürchte, ich werde einen Teil der Dornfortsätze ebenfalls entfernen müssen, um einen Befall der Wirbelsäule zu verhindern.“

Sonea warf einen Blick auf den Tumor und erschauderte. Im Gegensatz zu dem gesunden Fleisch war das Gewebe von einem kränklichen Weiß. Die Oberfläche des Geschwürs war merkwürdig unregelmäßig und länger als ihr Zeigefinger.

„Das sehe ich ebenso.“

Lady Vinara war vorgetreten und hatte sich über den Patienten gebeugt. Nachdem Sonea den versäumten Stoff in ihren neuen Kursen aufgeholt hatte, hatte das Oberhaupt der Heiler zu ihrer Freude eingewilligt, ihr wieder an allen vier Nachmittagen Lektionen in fortgeschrittener Heilkunst zu erteilen. Und daher war sie nun hier.

„Trassia, gib mir das große Skalpell.“

Trassia griff nach einem anderen Skalpell und reichte es Kiano. Alle beobachteten gebannt, wie der Heiler mit beneidenswert ruhiger Hand den Tumor entfernte. Sonea wusste, nicht jeder Heiler verfügte über dieses Talent und durfte Operationen durchführen.

Für eine Weile gab Sonea sich der Vorstellung hin, solche Operationen eines Tages selbst durchzuführen, hätte sie die Heilkunst gewählt. Es war so viel aufregender als Strategie oder Geschichte der Kriegskunst. Sie verspürte ein leises Bedauern, weil ihr diese Möglichkeit nun verwehrt war. Dennoch bereute sie ihre Entscheidung keinen einzigen Augenblick, auch wenn sie statt der Verantwortung für ein einzelnes Menschenleben nun die Verantwortung für ein ganzes Volk trug.

„Knochensäge Größe neun.“

Trassia reichte Kiano ein anderes Instrument. Sonea beugte sich vor, um besser zusehen zu können, wie der Heiler den ersten Dornfortsatz kürzte. Als Kiano sich dem nächsten Dornfortsatz zuwandte, zuckte Lady Indria plötzlich zusammen. Und da spürte Sonea es auch.

„Wir verlieren ihn“, hauchte die Heilerin. „Der Druck in seinem Blut sinkt und sein Puls ist viel zu schnell.“

Sofort erhöhte Sonea den Druck, mit dem sie die Blutgefäße verschlossen hielt, damit das Blut durch die erhöhte Fließgeschwindigkeit nicht in die Wunde sickerte. Sie spürte Panik in sich aufsteigen. So etwas war noch nie bei einer Operation geschehen, bei der sie assistiert hatte.

„Wie viel Zeit bleibt uns?“, fragte sie und zwang sich, ruhig zu bleiben.

„Nicht viel“, antwortete der Kiano. „Ich werde das umliegende Gewebe säubern so gut ich kann und dann die Wunde schließen. Indria, versucht ihn möglichst zu stabilisieren. Trassia, Skalpell Größe sechs.“

Während Sonea spürte, wie Lady Indrias Magie den Patienten durchströmte, schabte Kiano mit einem weiteren Skalpell die Wunde aus. Sollten nach der Operation noch krankes Gewebe im Körper des Mannes gefunden werden, würde dieses leicht mit Magie zu behandeln sein.

„Ich kann ihn nicht halten“, rief Indria.

Kianos Augen blitzten zu der jungen Heilerin.

„Klammern entfernen“, wies er Trassia an. „Sonea, du kannst aufhören.“

Ihre Freundin löste die Klammern, während Sonea die Blutgefäße freigab. Verlief eine Operation gut, so wurde für gewöhnlich ein assistierender Novize zum Schließen der Wunde gewählt. In diesem Fall übernahm Lord Kiano die Heilung jedoch selbst. Rasch heilte er die Wunde, bis nur noch eine rosafarbene Narbe zurückblieb.

Lady Indria trat vom Operationstisch zurück. Ihr Gesicht hatte jegliche Farbe verloren.

„Er ist tot.“

„Nein“, flüsterte Sonea. Der Tod des Patienten weckte Erinnerungen, die sie in diesem Moment überhaupt nicht gebrauchen konnte.

„Wie konnte das passieren?“, fragte Trassia.

„Manchmal übersteht der Körper den Eingriff nicht“, antwortete Kiano. „Dieser Mann war von kräftiger Statur, aber sein Körper war durch die Krankheit schon sehr geschwächt. Er hatte nicht mehr die nötige Kraft.“

… nicht mehr die nötige Kraft …

Soneas Brust zog sich schmerzvoll zusammen. Der Raum um sie schien sich aufzulösen. Sie zwang sich, tief und ruhig zu atmen.

„Sonea kann ihn retten.“

Der Klang ihres Namens ließ sie zusammenzucken. Sie sah auf und blickte Trassia an.

„Das kannst du doch, oder?“

„Uhm“, machte Sonea. Sie hatte es ein einziges Mal geschafft. Aber das war etwas anderes gewesen. Ihre Verzweiflung und ihre Furcht, Akkarin zu verlieren, hatten sie dazu getrieben, über sich hinauszuwachsen. Und sie hatte etwas getan, was ihr im Heilerquartier mit Sicherheit niemand erlauben würde.

Sie hatte schwarze Magie benutzt.

„Es ist einen Versuch wert“, entschied Lady Vinara. „Wir können dabei nicht verlieren.“ Ihre grauen Augen wandten sich Sonea zu. „Sonea, wärst du bereit, den Patienten wiederzubeleben?“

Sonea zögerte. Es gefiel ihr nicht, das zu tun, doch sie würde sich noch schlechter fühlen, würde sie es nicht versucht haben. Sie entschied, es war besser, ihre persönlichen Gefühle beiseitezuschieben.

„Ich mache es“, sagte sie. „Aber dafür muss ich schwarze Magie benutzen.“

Lady Indrias Augen weiteten sich. Das Oberhaupt der Heiler und Kiano tauschten einen ernsten Blick. Ihre Freundin hingegen machte ein hoffnungsvolles Gesicht.

Sonea betrachtete die Heiler gespannt. Mit einem Mal schien es, als würde das Leben des Patienten plötzlich mehr von deren Entscheidung, als von ihrem Erfolg abhängen.

„Ich billige nicht, dass diese finstere Form von Magie im Heilerquartier praktiziert wird“, sagte Lady Vinara schließlich. „Wenn ihre Ausübung jedoch dazu dient, ein Leben zu retten, so bin ich bereit, darüber hinwegzusehen.“

Ihre Worte machten deutlich, dass sie und nicht die höheren Magier im Heilerquartier das Sagen hatte. Sonea fragte sich, ob sie Balkan überhaupt um Erlaubnis gefragt hätte, wäre er hier gewesen. Sicher nicht, überlegte sie, denn dadurch würden sie nur wertvolle Zeit verlieren.

Lord Kiano nickte. „Dann fang an.“

Sonea stieß den Atem aus, den sie unbewusst angehalten hatte, und trat zu vor den Operationstisch. Sie begriff, dass sie ab sofort Befehlsgewalt in diesem Raum innehatte. Das war seltsam und ungewohnt, doch sie begrüßte es, weil sie sich keinen Machtkampf leisten durfte, wenn sie den Patienten retten sollte.

„Ich brauche ein Skalpell“, sagte sie. „Egal welches. Und jemanden, der sein Herz zum Schlagen bringt.“

„Ich mache das“, erbot sich Lady Indria.

Überrascht sah Sonea auf. Die junge Heilerin wirkte nervös, doch sie schenkte ihr ein Lächeln, das bis zu ihren Augen reichte. Das erfüllte Sonea mit neuer Zuversicht.

„Und jemand muss einen inneren Schild auf seiner Haut errichten, sobald ich in ihm bin“, erklärte sie.

„Das übernehme ich“, sagte Lord Kiano.

„Danke, Mylord“, erwiderte Sonea und lächelte leicht.

Sie nahm das Skalpell, das Trassia ihr reichte, entgegen. Dann hob sie den Patienten mit Magie an, drehte auf den Rücken und bettete ihn wieder auf den Operationstisch.

Vorsichtig ritzte sie einen kleinen Schnitt auf die Haut in seiner Brust. Dann gab sie Trassia das Skalpell zurück und legte ihre Hand auf die Wunde. Sie nickte Lady Indria zu und die Heilerin legte ihre Hand neben die Soneas. Der Vindo tat es ihr nach.

Sonea schloss die Augen und wiederholte, was sie am Tag der Schlacht bei Akkarin getan hatte. Sie dehnte sich in ihrer eigenen Kraftquelle aus und konzentrierte sich auf den Schnitt in der Haut des Mannes. Sie sammelte sich einen Augenblick, bevor sie losließ und sich in die Leere hinter der Wunde saugen ließ.

Sofort erkannte Sonea, dass es anders als bei Akkarins Rettung war. Dieser Mann hatte kein magisches Potential und somit auch keine magische Quelle, die sie visualisieren konnte.

Es muss auch ohne gehen, sagte sie sich. Die Kraftquelle war nur eine Visualisierung, aber was sollte sie visualisieren, wenn überhaupt kein magisches Potential vorhanden war?

Sonea dachte fieberhaft nach. Magie, Energie oder was es auch immer war, durchdrang den ganzen Körper. Ja, das war es! Sie musste den gesamten Körper als Kraftquelle betrachten, sie würde dafür nur ein wenig umdenken müssen.

Sich konzentrierend begann Sonea, ihre Magie in jedes Organ und jede Zelle des Mannes zu leiten. Als sie ein paar Atemzüge tat, bemerkte sie, wie sich sein Brustkorb langsam hob und senkte.

Hoffentlich kann ich ihn rufen, obwohl er kein Magier ist, dachte sie. Nun, wie auch immer, sie würde erst dann aufhören, wenn es aussichtslos war.

- Nolen!, rief sie. Kommt zurück! Ihr seid geheilt.

Nichts geschah. Vielleicht brauchte er einen stärkeren Anreiz. Ihr fiel wieder ein, wie groß die Angst des Mannes vor Beginn der Operation gewesen war, hinterher nicht mehr laufen zu können.

- Nolen!, rief sie erneut. Ihr seid geheilt. Ihr werdet wieder laufen können.

Wieder nichts.

Und dann dämmerte Sonea, was fehlte. Natürlich! Warum war sie nicht gleich darauf gekommen?

Sie löste sich von den Patienten und kehrte zurück in ihren Körper. Mit einem geräuschvollen Atemzug öffnete sie die Augen. Überrascht stellte sie fest, dass jemand sie von hinten stützte.

„Funktioniert es nicht?“, fragte eine Lady Vinara hinter ihr.

„Es kann nicht funktionieren“, antwortete Sonea heiser. „Nicht so. Ich kenne diesen Mann nicht. Es braucht eine persönliche Bindung von jemandem, der ihm nahe steht …“ Sie zögerte. „Jemanden, der ihn liebt.“

Lord Kiano und Lady Indria betrachteten sie aufmerksam.

Soneas Wangen wurden heiß. Bemüht, gleichgültig zu wirken, zuckte sie die Schultern.

„Nur so habe ich Akkarin zurückgeholt.“

Auf ihre Worte hin herrschte Schweigen. Sonea brauchte nicht den Kopf zu drehen, sie konnte förmlich spüren, wie Lady Vinara missbilligend die Lippen schürzte. In dem Bericht, den sie über Akkarins Rettung hatte verfassen müssen, hatte sie dieses Detail ausgelassen, um ihre Beziehung zu ihm nicht zu offenbaren. Damals wäre sie nie auf die Idee gekommen, dass sie das, was sie im Anschluss an die Schlacht getan hatte, jemals wiederholen müsste.

„Seine Frau Melia wartet im Aufenthaltsraum“, antwortete das Oberhaupt der Heiler. „Trassia, wenn du so nett wärst, sie zu holen …“

„Ja, Mylady.“

Trassia hastete aus dem Raum. Keine Minute später kehrte sie mit einer Frau in einem feinen Gewand zurück. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen stand sie unter Schock. Als sie ihren Mann reglos auf dem Operationstisch liegen sah, erbleichte sie.

„Ist er tot?“

„Ja“, antwortete Lord Kiano. „Aber wir können ihn retten. Dazu brauchen wir jedoch Eure Hilfe.“

„Was soll ich tun?“, fragte sie seltsam tonlos.

„Kommt her“, sagte Sonea.

Zögernd trat die Frau näher.

Sonea zog ihre Hand von Nolens Brust. „Legt Eure Hand auf die Wunde“, wies sie Melia an.

Melia gehorchte verwirrt.

„Gut“, sagte Sonea und legte ihre Hand auf die der Frau. „Ich werde jetzt gleich versuchen, Euren Mann wiederzubeleben. Aber ich kann ihn nicht zurückrufen. Das ist etwas, das nur ihr tun könnt.“

„Wie?“

Sonea überlegte, wie sie sich der Frau am besten verständlich machen konnte. Nichtmagier hatten keine Vorstellung von magischen Techniken wie Gedankenrede. Und das, was sie tun würde, war ähnlich.

„Denkt an ihn und was Ihr für ihn empfindet“, antwortete sie. „Stellt Euch vor, Ihr würdet mit ihm reden. Sagt ihm, wie sehr Ihr ihn liebt. Und schreckt nicht davor zurück, wenn es von privater Natur ist.“

Melias Augen weiteten sich. „Werdet Ihr meine Gedanken lesen, Mylady?“

Sonea betrachtete die andere Frau ernst. „Es lässt sich nicht vermeiden, dass ich eure Gedanken hören kann, wenn ich sie an Euren Mann weiterleiten soll. Aber ich werde diese Dinge selbstverständlich vertraulich behandeln.“

Die Frau runzelte die Stirn als überlege sie, ob sie einer Fremden ihre intimsten Gedanken und Gefühle anvertrauen sollte. Dann huschte der Anflug eines Lächelns über ihr Gesicht.

„Dann lasst uns lieber anfangen“, sagte sie entschlossen.

Sonea schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln und wiederholte, was sie zuvor getan hatte.

- Nolen!, rief sie erneut. Eure Frau ist hier. Sie hat Euch etwas zu sagen.

Zuerst spürte sie Melias Gedanken und Gefühle nur zaghaft. Es war nicht so definiert, wie bei einem Magier. Um sie komplett zu erfassen, hätte Sonea die Gedanken der anderen Frau lesen müssen. Aber Gedankenlesen und den Patienten retten, war unmöglich. Stattdessen übertrug sie alles, was sie von Melia empfing an ihren Mann, so als würde Melia ihn selbst rufen.

Es kostete Sonea all ihren Willen, sich von der Gedankenflut der anderen Frau distanzieren und sich zugleich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. All die Erinnerungen an schöne Stunden, die Hochzeit, die Geburt ihres ersten Kindes und leidenschaftliche Liebesnächte drohten sie zu ersticken. Melia kämpfte mit allem, was sie aufbieten konnte, um ihren Mann, und Sonea konnte eines gewissen Stolzes für die andere Frau nicht entbehren. Sie hatte nichts anderes getan.

Und dann spürte sie plötzlich, wie eine Kraft sie aus Nolens Körper verdrängte. Sie war nicht so stark und bestimmend, wie damals bei Akkarin, doch sie genügte, dass sie sich plötzlich in ihrem eigenen Körper wiederfand. Sie sog tief die Luft ein und richtete sich auf.

„Sie hat es wieder geschafft“, hörte sie Lord Kiano murmeln. „Unglaublich!“

Sonea betrachtete Nolen. Er atmete tief und regelmäßig und sah aus, als würde er schlafen. Es hatte tatsächlich funktioniert. Als sie aufsah, bemerkte sie Anerkennung in den Gesichtern der anderen. Sie fand, sie sollten sie nicht so ansehen. Nicht, wenn sie Nolen mit einer Methode gerettet hatte, die sie insgeheim verachteten.

„Gut gemacht, Sonea“, sagte Lady Vinara.

„Vielen Dank, Mylady“, erwiderte Sonea verlegen.

Die Heilerin ließ ihre Schultern los und trat neben sie. Ihre Hand berührte Nolens Stirn. „Er ist schwach, aber er lebt.“

Die plötzliche Erleichterung war überwältigend.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Euch danken soll, Lady Sonea“, sagte Melia. Ihre Wangen waren feucht von Tränen, die sie geweint haben musste, während Sonea ihren Mann gerettet hatte.

„Das ist schon in Ordnung“, winkte sie ab. Sie würde nie eine Heilerin sein, dafür beherrschte sie eine Technik, die kein Heiler jemals durchführen können würde. Wenn sie anderen auf diese Weise helfen konnte, war ihr das Dank genug.

Nolen begann sich zu regen.

„Er wacht auf“, sagte Indria.

Melia schluchzte und wandte sich zu ihrem Mann.

Nolen schlug die Augen auf. Als er seine Frau erblickte, huschte ein schwaches Lächeln über sein Gesicht. „Melia, meine Liebste“, sagte er mit kaum hörbarer Stimme. „Es ist so schön, dich zu sehen.“

„Und es ist so schön, dass du lebst.“ Seine Frau zog ein Taschentuch aus ihrem Gewand und begann sich die Tränen von ihren Wangen zu tupfen.

„Ist das Geschwür fort?“

Melia nickte. „Ja. Und du wirst weiterhin laufen können.“

Nolen lächelte und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, war er mit einem Mal ernst.

„Melia …“, begann er. „Du bist die wundervollste Ehefrau, die ich mir nur vorstellen kann. Ich liebe dich über alles …“

„Ich dich auch“, schluchzte sie. „Ich werde dich immer lieben.“

Weder der Frau, noch den Heilern, war die plötzliche Veränderung in Nolens Gesichtsausdruck entgangen. Sonea wagte kaum zu atmen. Bitte nicht, flehte sie.

„… sag bitte den Kindern, wie sehr ich sie liebe …“

„Das werde ich“, versprach seine Frau.

Nolen streckte eine Hand aus und berührte ihre Wange. „Melia, bleib bei mir.“

„Ich werde nicht fortgehen, Liebster“, erwiderte sie. Ihre Tränen tropften auf die Brust ihres Mannes, als sie sich hinab beugte und ihn küsste.

Und dann hörte Nolen auf zu atmen.

„Nein“, wisperte Sonea. „Nicht schon wieder.“

Sie griff nach seiner Hand und sandte ihren Geist in seinen Körper. Sein Herz hatte aufgehört zu schlagen.

Sie hatte versagt.

„Ich muss es erneut versuchen“, sagte sie. „Lord Kiano, Lady Indria …“

„Nein“, schritt Lady Vinara dazwischen. „Er hat genug gelitten.“

Nicht begreifend schüttelte Sonea den Kopf. „Ich kann ihn retten“, beharrte sie. Irgendetwas musste schiefgelaufen sein. Wenn sie es noch einmal versuchen könnte …

„Sonea, er war zu schwach“, sagte Lord Kiano ungewöhnlich sanft. „Er ist kein Magier, dessen Kraftquelle du auffüllen kannst, und sein Körper war durch die lange, schwere Krankheit bereits geschwächt. Würdest du ihn erneut zurückholen, würdest du dasselbe Resultat erzielen. Wir müssen seinen Tod akzeptieren und ihn gehenlassen.“

Unwillig schüttelte Sonea den Kopf. „Das kann ich nicht akzeptieren“, erklärte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie wandte sich zu Nolens Frau. „Was ist mit Euch? Ihr wollt doch sicher, dass ich es noch einmal versuche?“

Melia löste sich von ihrem toten Mann und wandte sich ihr zu. Ihre Augen waren gerötet, doch sie wirkte überraschend gefasst. „Nein“, antwortete sie. „So weh es tut, Lord Kiano hat recht. Aber ich danke Euch, dass ich mich von ihm verabschieden konnte.“

Sonea konnte es nicht glauben. Das sollte alles gewesen sein? Sie hatte das Gefühl, nicht genug für Nolen gekämpft zu haben und fühlte sich schuldig. Sie hatte noch genug Magie, um es erneut zu versuchen, wenn die anderen sie nur lassen würden.

Eine sanfte Berührung auf ihrem Unterarm ließ sie zusammenzucken.

„Du hast alles getan, was du konntest“, sagte Trassia leise. „Du kannst nicht jeden retten.“

Vielleicht haben Trassia und die anderen recht, dämmerte es Sonea widerwillig. Vielleicht konnte sie wirklich nicht jeden retten. Aber wozu hatte sie diese Macht dann? Und warum fühlte sich ihr gescheiterter Wiederbelebungsversuch dann so sinnlos an?


***


Mit einigen wenigen geschickten Schlägen seines Hammers vollendete Dorrien die Anfertigung des Holzgeheges in der Ecke neben dem Herd. Da es ihm widerstrebte, die Dorfbewohner für Tätigkeiten einzuspannen, die er genauso gut selbst erledigen konnte, hatte er sich unter anderem ein paar handwerkliche Kenntnisse angeeignet.

„Was meinst du, Bordas? Lässt es sich darin überwintern?“

Der Enka grunzte.

„Gut, ich gebe zu, es ist noch ein wenig unbequem.“

Dorrien erhob sich und verließ das Haus. Aus dem Unterstand seines Pferdes holte er einen Arm voll Stroh und verstreute dieses auf dem Boden des Geheges. Er sah zu Bordas.

„Besser?“

Der Enka betrachtete ihn, als würde er am Verstand seines Herren zweifeln. Dorrien lächelte und hob Bordas mit Magie in sein neues Zuhause. Enka überwinterten für gewöhnlich im Stall, da sie kalte Temperaturen nicht gut vertrugen. Obwohl dieser Winter gerade erst begonnen hatte, war es schon ungewöhnlich kalt und Dorrien brachte es nicht übers Herz, Bordas im Garten zu lassen.

Er warf seinem Haustier eine Tugorknolle und eine Handvoll Tironüsse in sein neues Gehege, dann füllte er eine Schale mit frischem Wasser und stellte sie dazu.

Als er damit fertig war, begann er mit seiner eigentlichen Arbeit. Einige Tage zuvor hatten sich die ersten Fälle von Winterhusten in Windbruch ereignet. Solange kein Fieber dazu kam, war diese Erkrankung eher lästig als gefährlich. Es bedurfte eines speziellen Hustensaftes aus Huswurz und Marinessenz, um den Schleim auf den Bronchien zu lösen. Während Huswurz hauptsächlich zur Desinfektion von Wunden verwendet wurde, wurde seine Wirkung bei Winterhusten unter den Heilern kontrovers diskutiert. Dorrien hatte jedoch festgestellt, dass der Extrakt dieser Wurzel auch die Entzündung der Bronchien linderte. In Kombination mit Marin war der Saft besonders effektiv und steigerte die körpereigene Abwehr.

Von beiden Zutaten besaß Dorrien einen Vorrat, mit dem er selbst eine schwere Winterhusten-Epidemie hätte behandeln können. Huswurz gab es in der Gegend reichlich. Für Marin war das Klima in den Bergen dagegen zu rau, weswegen er eine größere Menge der roten Früchte von Imardin mitgebracht und ihre Essenz bereits vor einigen Wochen extrahiert hatte.

Nachdem er seinen Tisch mit Magie sterilisiert hatte, holte Dorrien das Gefäß mit der Marinessenz aus dem Regal und stellte es auf die Arbeitsfläche. Dann griff er zu einem Mörser und sterilisierte ihn ebenfalls. Aus einem anderen Gefäß entnahm er eine genau abgewogene Menge zerkleinerter Huswurzeln und gab sie in den Mörser. Er wollte gerade damit beginnen, die Wurzeln zu pulverisieren, als jemand an seiner Tür klopfte.

Dorrien erhob sich und öffnete. Er hatte sich angewöhnt, dies ohne Magie zu tun, weil sich die meisten Dorfbewohner auch nach sechs Jahren noch immer vor seiner Magie fürchteten. Vor ihm stand eine schlanke Gestalt, ganz in einen Umhang gehüllt. Er oder sie trug einen Korb auf dem Arm.

„Guten Tag, Lord Dorrien“, sagte eine vertraute Stimme. „Ich hoffe, ich störe nicht.“

„Viana!“, rief er überrascht. „Nein, du störst nicht. Komm herein.“ Er trat zur Seite und ließ Kullens Tochter eintreten. „Wie geht es dir?“, erkundigte er sich.

„Gut, Mylord“, antwortete sie. „So langsam gewöhne ich mich wieder an alles.“

Erfreut stellte Dorrien fest, dass sie den Schrecken ihrer Entführung gut zu verarbeiten schien. Nach ihrer Rückkehr nach Windbruch war dies noch anders gewesen. Bei ihrer Befragung durch den Hohen Lord hatte Viana mit Entsetzen berichtet, was ihr als Ikaros Gefangene widerfahren war. Zögernd hatte sie erzählt, wie der Sachakaner Sina vergewaltigt und Bal gezwungen hatte, dabei zuzusehen. Als ihr Mann eines Nachts versucht hatte, den schwarzen Magier zu töten und von dessen Sklaven daran gehindert worden war, hatte der Sachakaner ihn auf ähnlich brutale Weise wie Morvan getötet. Anschließend hatte er Selbiges mit Sina getan. Nur mit Dorriens Unterstützung hatte Viana dem Hohen Lord schließlich von Ikaros Plänen bezüglich ihr und Lina berichtet. Zu Dorriens Erleichterung hatte der Sachakaner sich die beiden Schwestern jedoch aufgespart, bis er wieder in seiner Heimat war. Damit waren sie wirklich glimpflich davongekommen, was man von den meisten Bergbewohnern, die das Pech gehabt hatten, dem Sachakaner zu begegnen, nicht sagen konnte.

Dorrien hoffte, Viana würde sich weiterhin erholen. Die Menschen in den Bergen waren es gewohnt, dass ihnen das Leben nicht viel schenkte, weswegen sie traumatische Erlebnisse besser verarbeiteten als die wohlhabenden und verwöhnten Menschen in der Stadt. Dennoch hatte Dorrien entschieden, sich regelmäßig nach dem Wohlergehen von Viana und ihrer kleinen Schwester zu erkundigen. Dass es ihnen jetzt gutging, bedeutete nicht, dass es so blieb.

„Wo kann ich das abstellen?“, fragte Viana, den Korb fest umklammert, während sie sich neugierig in seiner Stube umsah.

„Gib mir den Korb“, sagte Dorrien plötzlich verlegen ob der Unordnung in seinem Haus. Er nahm Viana den Korb ab und stellte ihn neben die Tür. „Auf dem Tisch ist leider kein Platz. Ich bereite gerade eine Medizin gegen Winterhusten vor.“

Viana schlug ihre Kapuze zurück. Ihr tennblondes, zu Zöpfen geflochtenes Haar schimmerte golden im Licht des Kaminfeuers. „Der Korb ist für Euch“, sagte sie. „Also, sein Inhalt. Den Korb selbst möchte ich wieder mit heim nehmen.“

Dorrien war für einen Augenblick sprachlos. „Für mich?“, fragte er. „Warum?“

„Weil Ihr meine Schwester und mich gerettet habt“, antwortete sie lächelnd. „Ich hätte mich auch gerne bei dem Magier bedankt, der Lina gefunden hat. Aber leider war er schon mit den anderen aufgebrochen.“

Bei der Erinnerung an Akkarin verspürte Dorrien einen kalten Zorn in sich aufsteigen. Nachdem der schwarze Magier und die Krieger mit dem Sachakaner nach Imardin aufgebrochen waren, hatte Dorrien sich in die Arbeit gestürzt, um nicht darüber nachdenken zu müssen, dass Akkarin und Sonea jetzt verlobt waren. Es war ihm gelungen, diesen Gedanken erfolgreich abzuwehren. Bis Viana ihn wieder daran erinnerte hatte.

Es ist gut, dass ich nicht mit den Kriegern nach Imardin gereist bin, dachte er. Denn dann hätte ich sie wiedergesehen. Das war indes nicht der einzige Grund, warum Dorrien zurückgeblieben war und Balkan einen umfangreichen Bericht über die Entführungen und die Jagd gegeben hatte, während Loken Ketten für den Sachakaner geschmiedet hatte. Er wollte hier sein, wenn seine Schutzbefohlenen ihn brauchten. Zudem häuften sich die saisonbedingten Krankheitsfälle.

„Mach dir deswegen keine Sorgen, kleine Viana“, sagte er. „Dass Lord Akkarin die Gilde verlassen durfte, wird ihm Belohnung genug gewesen sein.“

Viana starrte ihn erschrocken an. Schuldbewusst erkannte Dorrien, dass seine schroffe Antwort sie verschreckt haben musste.

„Es tut mir leid“, sagte er ein wenig sanfter. „Ich wollte nur sagen, dass er sicher keine Gegenleistung verlangt. Ebenso wie ich.“ Als er die Enttäuschung auf ihrem Gesicht sah, fügte er rasch hinzu: „Was nicht heißen soll, dass ich mich nicht freue.“

Er stellte den Korb auf den Boden und packte seinen Inhalt aus. Es waren ein grün gefärbter Umhang aus Reberwolle und ein Krug, der wie sich herausstellte, mit Weißwasser gefüllt war.

„Den Schnaps hat mein Vater selbst gebrannt“, erklärte Viana stolz. Als sie fortfuhr, huschte ein Anflug von Verlegenheit über ihr Gesicht. „Und den Umhang habe ich angefertigt, passend zu Eurer Robe. Damit Ihr nicht erfriert, wenn Ihr das nächste Mal einen Sachakaner jagen geht.“

Dorrien betrachtete die Tochter des Reberhirten überrascht. Ihre Dankbarkeit bewegte und beschämte ihn. Hätte er die Gefahr früher erkannt, hätte er viel Leid verhindern können.

Dann sah er auf und begegnete Vianas Blick braunen Augen, die ihn erwartungsvoll ansahen.

„Viana …“, begann er, „ … ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich danke dir.“

Sie schlug die Augen nieder. Ihre Wangen färbten sich rosa. „Ich habe zu danken, Mylord.“

Eine peinliche Stille entstand, in der Dorrien nicht wusste, was er tun sollte. Viana schien den Zweck ihres Besuchs noch nicht als vollständig erfüllt zu sehen und er wollte sie nicht aus dem Haus scheuchen, nur weil sie ihn gestört hatte, als er einen Heiltrank brauen wollte.

„Möchtest du dich vielleicht setzen und etwas trinken?“, fragte er. „Ich kann dir Sumi, Raka, Bol, Quellwasser und ...“, er grinste dümmlich, „seit eben auch Weißwasser anbieten.“

„Sehr gern, Mylord“, sagte sie erfreut. „Ich denke, ich nehme Wasser. Ich möchte Euch keine Arbeit machen.“

Dorrien nahm ihr den Umhang ab und hing ihn einen Haken hinter der Tür. Dann streckte er seinen Willen aus und ließ zwei der Stühle von seinem Ess- und Arbeitstisch zum Kamin schweben.

„Das tust du nicht“, sagte er und bedeutete Viana, deren dunkle Augen den Stühlen neugierig folgten, Platz zu nehmen.

Dorrien befüllte zwei Becher mit Wasser und reichte ihr einen davon.

„Wieso habt Ihr einen Enka in der Stube?“, fragte sie.

Er lachte verlegen. „Das ist Bordas. Mein Haustier.“

Vianas Augen weiteten sich. „Haustier?“, wiederholte sie ungläubig.

Er nickte. „Eigentlich lebt er in meinem Garten. Aber jetzt ist es draußen zu kalt geworden. Deswegen lasse ich ihn hier drinnen überwintern.“

Sie lachte. „Ihr Magier seid wirklich seltsam!“, rief sie. „Oh, verzeiht, ich meinte das nicht böse.“

„Das habe ich auch gar nicht angekommen“, erwiderte Dorrien. Genaugenommen hatte sie damit gar nicht mal so unrecht. „Wie geht es deinen Eltern? Und wie geht es Lina?“

„Oh, meinen Eltern geht’s gut“, antwortete Viana. „Vater hat nicht viel zu tun, jetzt wo die Reber im Stall sind.“ Sie seufzte leise. „Er lässt mich und Lina kaum noch aus dem Haus, obwohl die Gefahr ja nun vorbei ist. Mutter spinnt Wolle und macht Kleidung und Decken daraus. Und Lina spricht dauernd von Lord Akkarin. Sie ist völlig verrückt nach ihm.“

Überrascht hob Dorrien die Augenbrauen. „Wirklich?“ Er hatte gehofft, Lina würde Akkarin vergessen, sobald er fort war. Doch anscheinend hatte der schwarze Magier einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aus irgendeinem Grund gefiel das Dorrien nicht.

„Naja, es ist doch ganz normal, dass ein Mädchen von ihrem Retter schwärmt“, sagte Viana mit einem Anflug von Verlegenheit.

Er schnitt eine Grimasse. Sie etwa auch?

„Es gibt sicher bessere Männer zum Schwärmen als Lord Akkarin“, entgegnete er schärfer als beabsichtigt.

Viana betrachtete ihn neugierig. „Wer zum Beispiel?“, fragte sie.

Dorrien zuckte die Achseln. „So ziemlich jeder andere“, antwortete er ausweichend. Lina ist fünf, redete er sich ein. Wenn sie älter ist, wird sie sich für die Jungs aus dem Dorf interessieren und Akkarin vergessen. Hätte sie für Balkan oder einen der Krieger geschwärmt, so hätte Dorrien das nicht gekümmert. Nicht einmal, wenn es Kayan gewesen wäre, der die unheimliche Begabung hatte, jedem weiblichen Wesen den Kopf zu verdrehen. Bewunderung gehörte jedoch auch zu der langen Liste von Dingen, die er Akkarin nicht zugestand. Und das nicht nur, weil er sie nicht nachvollziehen konnte.

„Ihr mögt Lord Akkarin nicht, kann das sein?“, riss Viana ihn aus seinen Gedanken.

„Nicht besonders.“

Sie schüttelte den Kopf. „Aber warum? Er hat so viel für uns getan. Ohne ihn wären wir jetzt alle Sklaven.“

Dorrien seufzte. Es widerstrebte ihm, Viana die Wahrheit zu sagen. Bevor er gewusst hatte, was Akkarin war und dieser ihm Sonea genommen hatte, hatte er ihn respektiert und geschätzt. In diesem Sommer war seine Achtung jedoch in Verachtung umgeschlagen. Ja, Dorrien hatte ihm und Sonea geholfen, als er sie am Südpass gefunden hatte. Doch er hatte das hauptsächlich wegen der Ichani und für Sonea getan. Er würde Akkarin nie verzeihen, dass er Sonea auf seine finstere Seite gezogen hatte, und er machte ihn dafür verantwortlich, dass sie kein Paar geworden waren.

„Lord Akkarin hat einige … unerfreuliche Charaktereigenschaften“, erklärte er. „Zudem ist er ein schwarzer Magier, so wie der Sachakaner, der euch entführt hat. Er ist gefährlich, unberechenbar und böse.“

Viana nahm diese Worte in sich auf. Sie schien sich nicht vorstellen zu können, dass der Mann, dem sie ihr Leben und ihre Freiheit zu verdanken hatte, ein schlechter Mensch sein sollte.

„Zu seinen Feinden sollte er das auch“, sagte sie hart.

Dorrien erwiderte nichts darauf. Er trank einen Schluck Wasser und betrachtete Kullens Tochter. Irgendetwas schien sie zu beschäftigen. Er überlegte, ob er sie fragen oder lieber abwarten sollte, bis sie von selbst damit kam. Für gewöhnlich begegnete sie ihm ohne übertriebene Furcht. Aber wenn man sie verschreckte, war sie plötzlich so scheu wie eine Jarikuh.

Seinen Blick spürend, sah sie auf. „Lord Dorrien“, begann sie zögernd. „Darf ich Euch etwas fragen?“

„Natürlich“, erwiderte er und schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. „Alles, was du willst.“

„Auf dem Rückweg nach Windbruch hörte ich einen der Magier sagen, dass der Sachakaner uns diese Schnittwunden zugefügt hat, weil er unsere Magie wollte. Heißt das, Lina, ich und die anderen sind Magier?“

Das hatte sie also beschäftigt! Für jeden jungen Menschen aus einfachen Verhältnissen musste die Entdeckung des eigenen magischen Potentials ungeahnte Träume und Hoffnungen erwecken.

„Richtig“, antwortete Dorrien. „Das heißt nicht ganz. Ihr alle habt magisches Potential. Aber es muss entfesselt werden, damit ihr es benutzen könnt.“

Vianas Augen leuchteten auf. „Könnt Ihr mir beibringen, meine Magie zu benutzen?“, fragte sie aufgeregt.

Dorrien zögerte. Nachdem der Schlacht im Sommer brauchte die Gilde Nachwuchs. Wahrscheinlich würden sie Viana sogar aufnehmen. Ihre Aussprache und ihre Manieren waren für eine junge Frau vom Land recht gut und sie war intelligent, was ihr den Einstieg erleichtern würde. Trotzdem würde es alles andere als einfach werden.

„Das darf ich nicht“, beantwortete er ihre Frage. „Wenn du Magierin werden willst, müsstest du nach Imardin und dort deine Ausbildung machen. Das Studium dauert fünf Jahre und ist sehr anstrengend. Aber zunächst müsstest du Lesen, Schreiben und die Grundrechenarten lernen.“

„Würdet Ihr mich Lesen und Schreiben lehren?“

Der Ausdruck in ihren Augen berührte etwas in Dorrien, das es ihm unmöglich machte, ihre Bitte abzulehnen. „Wenn du das wirklich willst, dann ja“, antwortete er.

Viana strahlte. „Das wäre wundervoll!“ Sie hielt einen Moment inne. „Ich würde so gerne das machen, was Ihr auch macht.“

„Andere Menschen heilen?“

Sie nickte erneut.

Dorrien lächelte ob ihres Eifers. Er war der einzige Heiler weit und breit und wünschte sich nicht selten Hilfe. Doch es war unwahrscheinlich, dass ein weiterer Magier aus der Stadt in diese Gegend ziehen würde. Es wäre besser, Unterstützung von jemandem zu erhalten, der die Berge und die Menschen kannte, selbst wenn die Ausbildung einige Jahre dauern würde.

Wenn er Viana beibrachte, was sie beherrschen musste, um an der Universität zu studieren, verstieß er damit nicht gegen seinen Eid. Er würde nicht einmal dagegen verstoßen, wenn er sie die nichtmagischen Aspekte der Heilkunst lehrte. Damit würde Viana qualifizierter sein, als jene Leute in den Hüttenvierteln, die sich Kurierer schimpften.

„Ich werde dich ausbilden“, sagte er. „Doch zunächst nur in den Grundlagen, für die du keine Magie brauchst. Wenn du dann immer noch Heilerin werden wirst, werde ich mich dafür einsetzen, dass die Gilde dich aufnimmt.“

„Danke, Lord Dorrien!“, rief Viana erfreut. „Wann können wir anfangen?“

„Sobald du deine Eltern um ihr Einverständnis gefragt hast. Sie können dir nicht verbieten, der Gilde beizutreten, aber vielleicht brauchen sie deine Hilfe im Haushalt.“

Viana nickte ernst, aber ihre braunen Augen leuchteten vor Vorfreude. „Ich werde sie gleich heute Abend fragen.“


***


Rothen eilte den Korridor entlang. Ein paar Heiler, die ihm entgegenkamen, warfen ihm verstörte Blicke zu. Wahrscheinlich passiert es nicht häufig, dass Alchemisten leicht panisch durch das Heilerquartier rennen, fuhr es ihm durch den Kopf. Zugleich konnte er das jedoch nicht so ganz glauben. Wurde ihm und seinesgleichen nicht nachgesagt, sich bei Experimenten allenthalben Verbrennungen und andere Verletzungen zuzuziehen?

Vor der Tür des Aufenthaltsraumes kam er schnaufend zum Stehen. Er atmete einmal tief durch und trat ein. Lady Vinara stand mit hinter dem Rücken verschränkten Händen am Fenster. Sie wirkte nachdenklich und besorgt. In einem Sessel saß Sonea umringt von ihrer Freundin Trassia und Lady Indria. Sie trug eine grüne Schürze, wie sie die Heiler bei Operationen trugen. Als Rothen eintrat, sah Sonea auf. Ihre Augen waren gerötet.

„Was ist passiert?“, fragte er atemlos.

„Heute Nachmittag hat Lord Kiano eine gefährliche Operation an einem Patienten durchgeführt“, teilte Vinara ihm mit. „Sonea, Trassia und Lady Indria haben ihm assistiert. Der Patient wäre ohne die Operation in jedem Fall gestorben.“

„Aber er hat nicht überlebt“, folgerte Rothen.

Das Oberhaupt der Heiler nickte. „Sein Körper hat die Strapazen der Operation nicht überstanden. So etwas kommt vor. Wir sind dagegen machtlos.“

„Ich weiß“, sagte Rothen nur.

Selbst nach so vielen Jahren tat es oft noch so weh, als habe er Yilara gerade erst verloren. Jetzt verstand er auch, warum Sonea so aufgewühlt war. Der Tod des Patienten musste Erinnerungen an die Schlacht in ihr wachgerufen haben.

„Lord Kiano und ich haben Sonea erlaubt, den Patienten wiederzubeleben“, fuhr die Heilerin mit ernster Miene fort.

Fassungslos starrte Rothen das Oberhaupt der Heiler an. Hatte sie tatsächlich das Praktizieren schwarzer Magie im Heilerquartier erlaubt?

„Aber es hat nicht funktioniert?“ Als er zu Sonea sah, glaubte er jedoch, die Antwort zu kennen.

„Doch“, antwortete Lady Vinara mit überraschender Bewunderung in der Stimme. „Es ist unglaublich, dass es ihr ein zweites Mal gelungen ist und das sogar bei einem Nichtmagier. Jedoch ist er kurz darauf endgültig gestorben.“

Jetzt verstand Rothen.

Arme Sonea, dachte er. Es musste wie ein alternativer Ausgang der Schlacht von Imardin für sie gewesen sein. Er trat zu den Sesseln und ging vor ihr in die Hocke.

„Sonea“, sagte er leise.

„Oh, Rothen“, wisperte sie. „Ich habe versagt.“

„Nein“, sagte er sanft. „Das hast du nicht. Lady Vinara hat gesagt, du wärst toll gewesen. Dass der Mann trotzdem gestorben ist, war nicht deine Schuld.“

„Doch“, widersprach sie. „Ich habe ihm nicht genug Kraft gegeben.“

„Sein Überlebenswille war zu schwach“, versuchte Lady Indria sie zu trösten. Ihre Augen blitzten zu Rothen. „Er war sehr krank und das schon seit längerer Zeit. Viele Patienten möchten dann einfach nur noch in Frieden sterben. Du hast ihm das ermöglicht.“

„Aber er wäre wieder gesund gewesen! Er hätte wieder laufen können!“

„Sonea, du warst wirklich toll“, sagte ihre Freundin. „Du hast alles getan, was du konntest.“

Sonea vergrub das Gesicht in ihren Händen. Rothen betrachtete sie voll Mitgefühl. Er wollte nicht daran denken, wie es ihr ergangen wäre, wäre ihr das mit Akkarin passiert. Er war indes sicher, Sonea würde weniger heftig auf den Tod des Patienten reagieren, hätte sie Akkarin bei der Schlacht nicht fast verloren.

„Wahrscheinlich ist es besser, dass ich keine Heilerin mehr werden kann“, murmelte sie.

„Selbst die besten Heiler verlieren Patienten“, erwiderte Lady Vinara ungewöhnlich sanft. „Man lernt mit der Zeit, besser damit umzugehen.“

Rothen streckte eine Hand aus und strich über Soneas Haar. „Sonea, was meinst du? Soll ich dich nach Hause bringen?“

Sie sah auf, ihr Blick war unendlich müde. „Ich weiß nicht, Rothen“, antwortete sie zögernd.

„Wir können auch zu mir gehen“, schlug er vor. „Du kannst mit mir und Farand zu Abend essen. Wir werden dich schon wieder aufmuntern. Irgendwo habe ich sogar noch eine Flasche Pachiwein.“

Seit Akkarins Abreise hatte er diesen Vorschlag mehrfach gemacht, Sonea hatte ihn indes mit ihrer üblichen Sturheit abgelehnt. Jetzt huschte indes der Anflug eines Lächelns über ihr Gesicht.

„Danke, Rothen“, sagte sie. „Aber wenn ich mit Euch esse, wird Takan beleidigt sein. Er hat sicher schon angefangen zu kochen.“

Rothen lächelte. „Ich bin sicher, er wird es verstehen.“

Eine Weile saß Sonea einfach nur da und starrte ins Leere. „Ich komme mit Euch“, sagte sie schließlich. In ihrem Blick lag eine Dankbarkeit, die mehr sagte, als sie in Worten ausdrücken konnte.

Rothen erhob sich lächelnd und reichte ihr dann eine Hand, um ihr aufzuhelfen.

„Bis morgen“, hörte er Trassia sagen.

„Bis morgen“, erwiderte Sonea. Sie streifte ihre Schürze ab und hing sie an einen Haken an der Wand.

Den Weg zu Rothens Apartment legten sie schweigend zurück. Sonea wirkte noch immer sehr mitgenommen. Die frische Luft auf dem kurzen Weg durch den Park brachte jedoch ein wenig Farbe in ihr Gesicht zurück.

In seinem Gästezimmer angekommen, lotste Rothen sie zu einem Sessel. Er trat zu einem Kabinett und holte eine Flasche Pachiwein und zwei Gläser heraus.

Sonea sah sich verwirrt um. „Ist Farand noch nicht da?“

„Er hat noch Unterricht. Aber das braucht uns nicht davon abhalten, vorab ein wenig Wein zu trinken.“

Er wusste, Alkohol war niemals eine Lösung. Es würde Sonea jedoch über den ersten Schock hinweghelfen und sie hoffentlich ein wenig entspannen. Wenn sie sich beruhigt hatte, würde ihre Welt gleich wieder besser aussehen und sie würde wieder zugänglicher für vernünftige Argumente sein.

Sonea war zum Fenster getreten und sah hinaus in die Dämmerung. Die Arme vor der Brust verschränkt und mit dieser ernsten Miene wirkte sie erwachsener denn je. Rothen bemerkte, dass sie zitterte. Er schuf eine Wärmekugel und sandte sie hinter einen Wandschirm, von wo aus sie zugleich ein sanftes Licht verströmte.

Er befüllte zwei Gläser und reichte eines an Sonea weiter. Sie nahm es mit einem schwachen Lächeln entgegen. Rothen setzte sich in seinen Sessel und bedeutete ihr, ebenfalls Platz zu nehmen.

Nachdenklich nippte sie an ihrem Getränk. „Ich frage mich, ob jeder den ich zurückhole, früher oder später stirbt“, begann sie zögernd. „Bei Nolen ging es schnell, weil er schwach und ein Nichtmagier war. Aber wenn jemand stärker ist, dann dauert es vielleicht ein paar Wochen oder Monate, bevor es passiert.“

Ahnend, was sie dachte, unterdrückte Rothen ein Seufzen. Aus Soneas Perspektive war diese Schlussfolgerung vermutlich logisch.

„Akkarin ist nicht gestorben“, sagte er und sah ihr in die Augen. „Davon bin ich fest überzeugt.“

„Es könnte jederzeit passieren. Was, wenn es passiert, wenn ich nicht da bin, um ihn erneut zu retten?“

„Sonea“, sagte er sanft. „Akkarin wird eines Tages sterben und das weißt du. Aber wenn das passiert, dann nicht, weil du damals auf den Stufen vor der Universität versagt hast.“

Sie nahm seinen Worte in sich auf. Dabei legte sie ihre Stirn in Falten und drehte das Weinglas in ihrer Hand, so wie Rothen es bei Akkarin beobachtet hatte.

„Es ist nur … ich wünschte, er könnte hier sein. Seit Tagen habe ich nichts von ihm oder den Kriegern gehört. Wenn ich wenigstens wüsste, dass es ihm gutgeht.“

Rothen trank einen Schluck Wein. „Es geht ihm gut“, versicherte er ihr. „Wenn es nicht so wäre, dann wüssten wir es längst. Es ist wie mit Dorrien oder Dannyl. Wenn bei ihnen alles in Ordnung ist, höre ich monatelang nichts von ihnen.“

Ihre Lippen verzogen sich zu einem widerwilligen Grinsen. „Nur, dass die keine Sachakaner jagen!“, rief sie. „Zumindest Dannyl nicht.“

„Nein“, stimmte Rothen lachend zu. Dann wurde er wieder ernst. Sein Sohn hatte ihm einen gewaltigen Schrecken eingejagt, als er Jagd auf den schwarzen Magier aus Sachaka gemacht hatte. Auch er hatte seit dem Tag, an dem Akkarin und die Krieger den Mann gestellt hatten, nichts mehr von Dorrien gehört. Er war indes sicher, es ging ihm gut. Und das beruhigte ihn, während er zugleich nicht wusste, ob er wütend oder stolz sein sollte, weil sein Sohn bei der Verfolgung und der Festnahme des Sachakaners so viel Mut bewiesen hatte.

„Sie sind schon viel zu lange weg“, sagte Sonea. „Sie müssten längst zurück sein.“

„Es wird bestimmt nicht mehr lange dauern“, erwiderte Rothen. „Sicher sind sie nur in einen Schneesturm geraten. In den Bergen gehen die um diese Jahreszeit los.“ Dass der Sachakaner vielleicht dabei war, Akkarin und den Kriegern Schwierigkeiten zu bereiten konnte, wollte Rothen jedoch nicht aussprechen. Sonea machte sich auch so schon genug Sorgen.

„Rothen?“

Er sah auf. Sonea hatte diesen Gesichtsausdruck, der sie sehr zerbrechlich wirken ließ. In ihren Augen glomm indes ein fiebriges Feuer.

„Was ist?“, fragte er.

„Ihr seid für mich, wie ich mir meinen Vater gewünscht hätte, wäre er nicht fortgegangen“, begann sie. „Ihr habt so viel für mich getan. Ich weiß gar nicht, wie ich Euch jemals dafür danken soll …“

Rothen war zutiefst bewegt. „Ich bin gerne für dich da, Sonea.“

Ein zaghaftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Angenommen, er kommt wirklich zurück und wir heiraten … würdet Ihr dann mein Brautvater sein?“

Rothen war überwältigt. Er hatte nicht gedacht, dass Sonea an dieser kyralischen Tradition festhalten würde, weil sie keinen Vater mehr hatte. Ihre Tante und Onkel, bei denen sie aufgewachsen war, hatten versucht, ihr die Eltern so gut es ging zu ersetzen. Trotz aller Zuneigung, die Sonea für sie empfand, würden sie für sie jedoch immer nur Tante und Onkel bleiben. Eigentlich war es nur folgerichtig, dass sie ihn fragte. Mit einem Mal empfand er sie mehr denn je als seine Tochter.

„Es wäre mir eine Ehre“, sagte er.

Sonea lächelte schief. „Das bedeutet mir sehr viel, Rothen.“

Ein Klopfen unterbrach sie.

„Das muss Farand sein.“ Rothen wandte sich zur Tür und streckte seinen Willen aus. „Herein!“

Draußen stand sein Novize. „Guten Abend, Lord Rothen“, sagte er und verneigte sich.

„Guten Abend, Farand“, erwiderte Rothen. „Komm herein. Ich möchte dir jemanden vorstellen.“

Zögernd, aber nicht ohne eine gewisse Neugier betrat der junge Elyner den Raum. Als er die junge Frau in einem von Rothens Sesseln erblickte, weiteten sich seine Augen.

„Farand, das ist Sonea“, stellte Rothen vor. „Meine frühere Novizin. Sie wird heute mit uns zu Abend essen.“ Er wandte sich zu Sonea. „Sonea, das ist Farand von Darellas.“

„Es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen“, sagte Sonea förmlich. Zu Rothens Erleichterung schien sie jedoch ehrlich erfreut.

„Die Ehre ist ganz meinerseits, Lady Sonea“, erwiderte Farand ehrfurchtsvoll.

Sie runzelte leicht die Stirn. „Auch wenn ich Magierroben trage, so bin auch ich noch Novizin“, sagte sie und stellte damit klar, dass sie es nicht wünschte, von anderen Novizen so förmlich angesprochen zu werden.

„Ich bitte um Verzeihung“, sagte Farand. Er schien verunsichert.

Ich hätte ihr sagen sollen, dass er Fremden gegenüber sehr schüchtern ist, dachte Rothen. Solange Sonea es nicht beabsichtigte, wirkte sie im Gegensatz zu ihrem zukünftigen Mann alles andere als furchteinflößend. Nach diesem Nachmittag war sie jedoch nicht ganz sie selbst.

„Farand, möchtest du auch ein Glas Pachiwein?“, fragte er. „Es wird noch eine Weile dauern, bis Tania das Abendessen serviert.“

Das Gesicht des jungen Elyners hellte sich auf. „Sehr gern, Lord Rothen.“


***


Cery blätterte durch seine Buchhaltung der letzten zwei Jahre und seufzte. Darin waren genug Einträge vermerkt, die das Potential hatten, ihn an den Galgen zu bringen. Er würde sie irgendwie verschleiern müssen, bevor Captain Commander Worril seine erste Durchsuchung durchführte.

Er vertraute auf Mirkens Versprechen, den Dieben ein Strafverfahren bezüglich ihrer früheren Gesetzesverstöße zu erlassen, jetzt wo sie sich zu einer Zusammenarbeit bereit erklärt hatten. Aber Cery und die meisten seiner Kollegen waren an Geschäften beteiligt, die sich nicht sofort beenden ließen oder die sie nicht beenden wollten. Sie durften auf keinen Fall in seinen Büchern auftauchen. Worril würde auf alles, was er fand, ein Auge haben. Und wahrscheinlich wird er noch sehr viel mehr ein Auge auf alles haben, was er nicht findet, dachte Cery düster.

Er und die anderen Diebe hatten bereits erste Pläne geschmiedet, um ihre Geschäfte heimlich weiterzuführen. Ironischerweise würde das die von Worril geforderte Zusammenarbeit aller Diebe erfordern. Ein Teil würde außerhalb der Stadt abgewickelt. Gorin und Zill hatten im Umland von Imardin leerstehende Gehöfte aufgekauft, die sie als Umschlagplatz für ihre Schmuggelware benutzten. Dorthin würden die Diebe die heißesten ihrer Geschäfte auslagern, während die harmloseren weiterhin im Untergrund der Stadt geführt würden. Es würde nicht leicht werden, aber es war möglich. Sie mussten nur jeden Hinweis auf die Existenz dieser Grundstücke in ihren Büchern auslöschen, und ihre damit verbundenen Einnahmen und Ausgaben von den legalen zu trennen.

Cery spielte mit dem Gedanken, sich ebenfalls ein Gehöft außerhalb der Stadt zu kaufen, wo er seine weniger heiße Ware verstecken würde. Dort würde sie schneller verfügbar sein, als wenn er sie an dem Ort auslagerte, wo er bereits jetzt die Schmuggelware deponierte. Die anderen Diebe würden von seinem Hauskauf jedoch nichts erfahren. Er war immer besser, sich abzusichern.

Er fuhr sich über die Stirn. Die Bücher neu zu schreiben verhieß eine Menge Arbeit. Cery würde seine eigene Schrift fälschen müssen, weil sie sich im Laufe der Zeit verändert hatte. Er würde unterschiedliche Tinten verwenden und das Pergament und den Einband der neuen Bücher benutzt aussehen lassen und er würde genau darauf achten, seine Buchhaltung korrekt aufzuteilen.

Es klopfte kurz, dann trat Gol ein. „Faren’s hier“, teilte er ihm mit. „Er sagt, es wär’ dringend.“

Cery sah auf. „Bring ihn herein.“

Sein Leibwächter verschwand und wenig später betrat der Dieb aus Lonmar den Raum.

„Faren.“ Cery klappte das vor ihm liegende Buch zu und lehnte sich zurück. „Setz dich. Was kann ich für dich tun?“

Der andere Dieb setzte sich auf den Stuhl vor Cerys Schreibtisch. „Ceryni, ich brauche deine Hilfe“, begann er ohne Umschweife. „Ich hab’ sehr heiße Schmuggelware erhalten, die ich vor der Stadtwache verbergen muss.“

Cery musterte den anderen Dieb eingehend. „Und wieso denkst du, ich könnte dir dabei helfen?“

„Du hast’n Boot. Du kannst mir helfen, sie aus der Stadt zu schaffen.“

Er wirkt verzweifelt, erkannte Cery. „Wenn ich dir helfe, werden die anderen Diebe kommen und auch meine Hilfe wollen“, sagte er. „Ich hab’ schon genug damit zu tun, mich um meine eigenen Geschäfte zu kümmern.“

„Komm schon, Cery. Ich hab’ dir auch mit Ravi geholfen.“

Das war ein Argument, das Cery nicht von der Hand weisen konnte. Allerdings hatten sie beide von der Aktion mit dem Raka profitiert. Er betrachtete Faren mit schmalen Augen.

„Was für Schmuggelware ist das, die du so dringend loswerden musst?“, fragte er.

„Myk.“

„Hai!“, rief Cery. „Das ist wirklich heiße Ware!“

Sowohl der Handel als auch der Konsum dieser bewusstseinsverändernden Droge waren in Kyralia verboten. Es gab einen Schwarzmarkt in der Unterwelt, wo unter anderem mit Myk ein reges Geschäft betrieben wurde. Obwohl man durch den Verkauf gutes Geld machen konnte, hatte Cery davon Abstand gehalten, sich daran zu beteiligten. Er besaß lediglich einen kleinen Vorrat, der zur Folter und zum Verhör von Squimps gedacht war.

Das Weiß von Farens Zähnen blitzte auf. „Das ist inzwischen eine meiner besten Einnahmequellen. Das Geschäft mit Myk ist so gut, dass ich sofort das Land verlassen müsste, wenn Worril Wind davon kriegt. Es wundert mich, dass du dich noch nicht dran versucht hast.“

„Es ist nicht meine Art, das Elend der Hüttenleute zu vergrößern“, entgegnete Cery hart. Er beugte sich vor und blickte Faren an. „Um wie viel Myk geht’s bei dir?“

„Ich hab’ Rohware im Wert von viertausend Gold erhalten.“

„Hai! Das ist ’ne ganze Menge!“

Faren grinste.

„Und du brauchst meine Hilfe, um sie weiterzuverkaufen, ohne dass es wer merkt“, folgerte Cery.

Der andere Dieb schüttelte den Kopf. „Ich muss die Ware an ’nen sicheren Ort bringen, bis ich sicher sein kann, dass Worril nicht danach sucht.“

„Warum gehst du damit nicht zu Gorin oder Zill?“, fragte Cery. „In ihren Häusern vor der Stadt ist genügend Platz für heiße Ware. Zufällig weiß ich, dass Sevli auch mit Myk handelt. Er könnte dir dabei besser helfen als ich.“

„Das reicht mir nicht“, sagte Faren. „Ich dachte da eher an’n Versteck, das nur schwer zu erreichen ist … sagen wir mit ’nem Boot.“

„Ah!“ Jetzt wurde Cery klar, warum Faren zu ihm gekommen war und wieso er auf sein Boot angespielt hatte. So betrachtet war Cery sogar die bessere Wahl. „Es gibt’n paar Inseln nicht weit von der Küste“, teilte er dem anderen Dieb mit. „Auf einigen leben Bauern. Das Ufer ist aus hohen Felsen, in denen es mehrere Höhlen gibt, die perfekt für Schmuggelware sind.“

Faren lachte. „Ich dachte mir schon, dass du was vor den anderen geheim hältst“, bemerkte er. „Damit bist du fein raus, sollten wir auffliegen.“

Obwohl das nicht der Grund war, warum die Höhlen auf den vorgelagerten Inseln sein Geheimnis waren, sah Cery keinen Grund, Farens Feststellung zu leugnen. Die Unterbringung von illegalem Gut auf den Inseln war sicherer als in der Stadt oder einem nahen Gehöft, aber es war auch umständlicher.

„Es ist besser, immer ’nen Fluchtweg offen zu haben“, erwiderte er. Auch wenn die Diebe sich im Geheimen gegen die Stadtwache verbündet hatten, war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Dieb die Gelegenheit nutzte, um die anderen zu verraten. Nicht jeder brauchte von Cerys Beziehungen zu den vor der Küste gelegenen Inseln wissen.

„Ich werde dir helfen, dein Myk zu verstecken“, teilte Cery dem anderen Dieb mit. „Wenn wir das sorgfältig planen, können wir morgen Nacht mit der Flut auslaufen. Dafür schuldest du mir aber ’ne zusätzliche Gefälligkeit.“

Das Weiß von Farens Zähnen blitzte auf, als er ihm ein strahlendes Lächeln schenkte. „Ich wusste, dass ich auf dich zählen kann.“


***


„Also Farand“, begann Sonea, nachdem sie an Rothens Esstisch Platz genommen hatten. Rothen entkorkte zur offenkundigen Begeisterung seines Novizen gerade eine Flasche elynischen Weins von einem Weingut namens Porreni. Ein Teil von ihr begann sich zu fragen, ob sie nach zwei Gläsern Pachiwein wirklich noch weiter trinken sollte, da sie die Wirkung allmählich nicht mehr ignorieren konnte. „Rothen hat mir schon viel über dich erzählt …“

Rothen entfuhr ein Kichern. „Aber nur Gutes“, warf er ein.

Sonea war einen Augenblick lang irritiert. „Gibt es denn auch Schlechtes?“

Farands Augen weiteten sich. Sofort erkannte Sonea, dass ihr Versuch einen Scherz zu machen, fehlgeschlagen war. Rothens Novize war der schüchternste Mensch, dem sie je begegnet war. Zudem schien sie ihm Angst einzujagen, was ihr unangenehm war. Sie wollte nicht, dass er sie fürchtete, und sie fand, er hatte in seiner Vergangenheit bereits genug durchgemacht.

„Tut mir leid“, sagte sie. „Ich wollte dich nicht kränken. Ich bin sonst nicht so unsensibel.“

„Du hattest einen schlimmen Tag“, wandte Rothen ein. Er schenkte ihr und Farand Wein ein und befüllte dann sein eigenes Glas.

„Das ist eine sehr diplomatische Formulierung“, bemerkte Sonea. Der Schrecken über die fehlgeschlagene Operation am Nachmittag saß ihr noch immer in den Gliedern. Doch sie spürte, wie sie hier in Rothens Apartment allmählich etwas emotionale Distanz gewann.

„Was ist denn passiert?“, fragte Farand mit sichtlicher Betroffenheit.

Rothen warf Sonea einen fragenden Blick zu.

„Das ist schon in Ordnung“, winkte sie ab. „Spätestens morgen wird es die ganze Universität wissen und dann wirst du wahrscheinlich mindestens eine haarsträubende Variante der Wahrheit zu hören bekommen, Farand.“

Bei dem Gedanken verspürte Sonea eine leise Resignation. Als wenn das Getuschel und die mitleidigen Blicke der anderen Novizen in den vergangen Tagen nicht bereits schon schlimm genug gewesen wären! In wenigen Worten berichtete sie dem jungen Mann, was bei der Operation am Nachmittag geschehen war. Inzwischen fiel es ihr leichter darüber zu sprechen, woran der Wein nicht ganz unschuldig war. Was dabei in ihr vorgegangen war, verschwieg sie jedoch.

„Ich finde bewundernswert, was du da getan hast“, sagte Farand. „Du hast es erst zum zweiten Mal versucht. Du verlangst zu viel von dir, wenn du erwartest, dass es dir immer gelingt.“

„Und du verlangst zu viel von dir, wenn du erwartest, dass Sonea auf dich hören würde, nachdem heute drei Heiler, ihre beste Freundin und meine Wenigkeit ihr bereits dasselbe gesagt haben“, warf Rothen ein. Seine blauen Augen blitzten kurz zu Sonea. „Sie kann unglaublich stur sein“, raunte er Farand zu, so laut, dass Sonea es hören konnte.

Sie schnaubte. „Wirklich Rothen, genau das wollte ich von Euch hören!“

Farand begann in sein Weinglas zu lachen und auch Rothen brach in Gelächter aus.

„Darauf sollten wir trinken!“, erklärte Rothen. Sie hoben ihre Gläser und stießen an.

Tania erschien mit einem Tablett, das mit mehreren Schüsseln und Platten beladen war. Als der köstliche Duft von frisch zubereitetem Essen in Soneas Nase stieg, begann ihr Magen bedenklich zu rumpeln und sie realisierte, dass sie seit dem Frühstück nichts mehr gegessen hatte.

Während Rothens Dienerin die Speisen auf dem Tisch anrichtete, musterte Sonea den Inhalt der verschiedenen Schüsseln. Es gab Rassookkeulen, Tugorklöße, verschiedene Gemüse und zwei Soßen. Sie tat sich von allem auf. Wie Sonea herausfand, war die eine Soße hell und fruchtig, wohingegen die dunkle eher kräftig war und nach Monyo schmeckte.

„Farand“, begann Sonea erneut, während sie aßen. „Stimmt es, dass du eine Vorliebe für Alchemie hast?“

Rothens Novize nickte erfreut. „Ja. Alchemie ist eine wirklich spannende Wissenschaft. Lord Rothen lehrt mich Dinge, die ich eigentlich erst im vierten oder fünften Jahr lernen würde.“

„Dann wirst du Alchemie sicher als Disziplin wählen“, folgerte sie.

„Ja“, sagte er erneut. „Obwohl die Heilkunst inzwischen auch einen gewissen Reiz auf mich ausübt.“

„Das kann ich verstehen.“ Sonea lächelte. „Wenn die Sachakaner nicht wären, dann hätte ich auch diese Disziplin gewählt.“

„Bedauerst du deine Entscheidung?“, wollte Farand wissen.

„Nein“, antwortete Sonea, ohne zu überlegen. „Keinen Augenblick.“

Rothen runzelte fragend die Stirn. „Ich dachte immer, diese Entscheidung wäre dir schwergefallen“, bemerkte er.

„Es ist nicht so, als wenn ich nicht lange darüber nachgedacht hätte, Rothen. Aber die Gründe für Kriegskunst waren die vernünftigeren.“

„Also war es keine Herzensentscheidung“, stellte Farand fest. „Wenn Heilkunst deine Leidenschaft ist …“

Sonea zögerte. Wie sollte sie das jemandem erklären, der sie kaum kannte?

„Meine Leidenschaft ist es, den Menschen zu helfen“, antwortete sie. „Ganz besonders denen in den Hüttenvierteln. Als Heilerin hätte ich sehr viel für sie tun können. Doch was nützt es, für ihre Gesundheit zu sorgen, wenn sie nicht in Sicherheit vor den Sachakanern leben können? Lord Akkarin und ich sind die einzigen schwarzen Magier, die die Verbündeten Länder gegen Sachaka aufbieten können. Wenn ich daran denke, dass die Sachakaner den Menschen, die mir etwas bedeuten, etwas antun, verliert die Heilkunst für mich ihre Bedeutung.“

Sie konnte nicht verhindern, dass bei ihren Worten ihr Herz schwer wurde. So viel Verantwortung lastete auf ihr. Sie griff nach ihrem Glas und trank einen Schluck Wein, um ihr Unbehagen zu überspielen.

„Insofern war es eine Herzensentscheidung“, fügte sie leise hinzu.

Farand nickte langsam. „Ich verstehe.“

Sonea fand, es war Zeit das Thema zu wechseln. Dieser Abend sollte zu ihrer Ablenkung dienen und nicht dafür sorgen, dass sie erneut an das dachte, was sie quälte. „Erzähl mir, was dich an Alchemie so fasziniert“, forderte sie Farand auf. „Ich bin wirklich neugierig.“

Farand legte sein Besteck zur Seite und faltete seine Serviette. Zu Soneas Erstaunen schien er bereits satt zu sein.

„Zunächst gefiel mir die Alchemie nur deswegen, weil ich nicht mit anderen Menschen zu tun haben brauchte“, begann er. „Der Privatunterricht ist nicht nur in dieser Hinsicht ein wahrer Segen. Ich habe in all meinen Kursen sehr schnell gelernt, doch keiner konnte mein Interesse so sehr wecken, wie die Alchemie. Die Beschaffenheit der uns umgebenden Materie fasziniert mich. Aber es gibt noch so viel zu erforschen. Ich möchte dazu beitragen, diese Geheimnisse zu enthüllen.“

Sonea entging das Leuchten in seinen Augen nicht. Sie war beeindruckt, weil ihm diese Disziplin so sehr zusagte. Er verstand sich als Forscher. So wie Akkarin auf seinem Gebiet es tat. Vielleicht konnte sie ein wenig von seinem Enthusiasmus auf sich übertragen. Wenn Akkarin zurückkehrte, würde sie ihm bei seinen Experimenten assistieren. Ein Teil von ihr brannte darauf, die noch unentdeckten Geheimnisse der schwarzen Magie zu erforschen. Ihr war jedoch bewusst, dass dies sehr viel schwieriger sein würde, weil es im Gegensatz zur Alchemie kaum Aufzeichnungen darüber gab.

Wenn er zurückkehrt ...

„Farand, das ist wirklich toll“, sagte sie. „Ich habe nie verstanden, was einen Magier dazu bewegt, Alchemist zu werden. Selbst Rothen ist bei dem Versuch gescheitert. Aber dir ist das heute Abend gelungen.“

Rothen hüstelte. „Das lag daran, dass du damals alles, was mit Magie zu tun hatte, abgelehnt hast“, sagte er. „Einzig die Heilkunst konnte dein Interesse wecken.“

Sonea verzichtete darauf zu erwähnen, dass selbst Kriegskunst mehr Spaß machte. Alchemie wäre so viel interessanter, wenn es sich in der Arena verwenden ließe ...

Sie hielt inne, als eine Idee Gestalt annahm. „Ist es möglich, Alchemie in einem Kampf gegen einen anderen Magier zu verwenden? Zum Beispiel indem man einen gefährlichen Stoff zur Explosion bringt, um den Schild eines Gegners zu durchbrechen?“

Rothen runzelte die Stirn. „Du sprichst vom Kampf gegen schwarze Magier?“ Seine Frage war vielmehr eine Feststellung.

Sonea nickte. „Falls die Sachakaner uns eines Tages tatsächlich angreifen, würde das Akkarin und mir sehr helfen. Ohne schwarze Magie ist es so gut wie unmöglich, einen schwarzen Magier besiegen. Selbst wenn es nur so viele wie im Sommer wären, würden wir dazu sehr viel Magie benötigen.“ Und der Rest der Gilde würde kaum eine Chance haben ...

„Ich war bei der Schlacht von Imardin dabei“, sagte Farand. „Es brauchte mehr als dreißig Gildenmagier um einen Ichani zu erledigen. Allerdings hatten sie sich danach erschöpft.“

„Genau“, stimmte Sonea zu. Sie und Akkarin konnten nicht mehrere Sachakaner auf einmal bekämpfen. Selbst die Ichani hatten sie einzeln besiegt.

Alle, bis auf die letzten drei ...

Rothen und Farand tauschten einen Blick.

„Von einer solchen Idee habe ich bisher noch nie gehört“, sagte Rothen schließlich. „Aber seit die Gilde besteht, gab es auch keinen Anlass eine solche Waffe zu entwickeln. Wenn man bedenkt, dass die Novizen sich bei gefährlichen Experimenten mit Magie schützen müssen und man die dabei verwendeten Substanzen ein wenig abwandelt, könnte es möglich sein.“ Mit nachdenklicher Miene trank er einen Schluck Wein. Dann blickte er zu seinem Novizen. „Farand, was hältst du davon, bei diesem Projekt mein Assistent zu sein?“

Farand strahlte. „Sehr gern, Lord Rothen“, antwortete er. „Es gefällt mir nicht, anderen Schaden zuzufügen. Aber ich habe gesehen, wozu die Sachakaner fähig sind. Natürlich werde ich Euch dabei helfen.“

Sonea lächelte. Sie hatte nicht erwartet, dass die Idee, die eigentlich Regins war, auf solch positive Resonanz stoßen würde.


***


„Vielen Dank für den schönen Abend.“ Sonea stand in Rothens Wohnungstür. „Ich wäre wirklich gern länger geblieben, doch ich hatte noch keine Zeit, meine Hausaufgaben für morgen zu machen.“

Rothen lächelte. „Das verstehe ich. Es freut mich, dass du und Farand euch versteht.“

„Er ist sehr nett. Wir können gerne öfter zusammen essen.“

„Wenn du magst, wird er uns ab und an bei unseren Mittagessen Gesellschaft leisten.“

Ihre Augen verengten sich. „Aber nur ab und an“, stellte sie klar. Als sie fortfuhr, wurde ihre Stimme ein wenig weicher. „Ich brauche diese Essen. Es gibt Dinge, über die ich nur mit Euch reden kann.“

„Ich weiß.“ Rothen trat auf seine ehemalige Novizin zu und schloss sie in seine Arme. „Gute Nacht, Sonea.“

„Gute Nacht, Rothen“, erwiderte sie. „Ihr habt mir heute wirklich sehr geholfen.“

„Das freut mich zu hören.“ Rothen konnte nicht in Worte fassen, wie froh er war, dass sie wieder fröhlicher wirkte, wie als er sie aus dem Heilerquartier abgeholt hatte. Er fürchtete indes, ihr Kummer würde zurückkehren, sobald sie im Bett lag und zu schlafen versuchte. Sonea sprach nicht darüber, doch Rothen hatte so eine Ahnung, dass sie zurzeit nicht viel schlief. Seit Akkarin fort war, wirkte sie blass und müde, doch Rothen konnte ihr das nicht verübeln. Er wünschte nur, er könne irgendetwas daran ändern.

Sonea schenkte ihm ein letztes Lächeln, dann wandte sie sich ab und schritt den Korridor entlang. Ihre schwarze Robe wallte hinter ihr. Es wirkte beinahe so ehrfurchtgebietend wie bei Akkarin.

Als sie fort war, schloss Rothen die Tür hinter sich und kehrte zurück ins Wohnzimmer. Sein Novize saß in einem Sessel, inzwischen bei seinem vierten Glas Wein.

Und er hat von uns Dreien noch am wenigsten getrunken, fuhr es Rothen durch den Kopf. Er war kein Freund von Trinkgelagen, doch dieser Abend schien ihnen allen gut getan zu haben.

Er schritt zu einer Anrichte, auf der immer ein Krug Wasser und eine Dose mit getrockneten Sumiblättern standen. Für heute hatte er genug vom Wein. Er goss Wasser in eine Tasse, erhitzte sie mit Magie und fügte einige Blätter Sumi hinzu. Dann setzte er sich zu seinem Novizen.

„Was hältst du von ihr?“, fragte er.

Farand strahlte. „Zuerst wirkte sie sehr grimmig“, antwortete er. „Aber nachdem ich den Grund dafür erfahren hatte, konnte ich das verstehen. Jetzt würde ich sagen, sie ist das, was wir in Elyne eine Perle nennen.“

Rothen runzelte die Stirn. „Perle?“, wiederholte er verwirrt. War das ein Kompliment oder eine Beleidigung?

„Sie ist intelligent, stark, schön, selbstständig, gefühlvoll und hat Humor. Selbst elynische Frauen verfügen oft nicht über alle diese Eigenschaften zugleich.“ Mit nachdenklicher Miene schwenkte Farand den Wein in seinem Glas leicht hin und her. „Zu schade, dass sie bereits vergeben ist.“

Rothen kicherte. „Du tätest besser daran, dich nicht in sie zu verlieben“, riet er seinem Novizen. „Du würdest nur unglücklich.“

Farand sah auf. „Warum?“

„Weil Sonea Lord Akkarin niemals verlassen würde“, antwortete er. „Nicht einmal der Tod vermag sie zu trennen.“

Selbst wenn Akkarin die Jagd nach dem Sachakaner entgegen allen Erwartungen nicht überlebt haben sollte, bezweifelte Rothen, Sonea würde jemals einen anderen Mann wählen. Die meisten jungen Frauen würden sich irgendwann neu verlieben. Bei ihr konnte Rothen sich das indes nicht vorstellen. Sonea liebte den ehemaligen Hohen Lord mit einer Sturheit, die fast einer Besessenheit gleichkam.

„Oh, ich habe nicht vor, mich in sie zu verlieben“, sagte Farand. „Sie wäre wohl kaum die Richtige für mich.“

Rothen atmete leise aus. Es genügte, dass Dorrien nicht über sie hinwegkam.

„Lord Rothen, habt Ihr schon eine Idee für die Experimente, die Sonea vorgeschlagen hat?“, riss sein Novize ihn aus seinen Gedanken.

„Noch nicht“, antwortete Rothen. „Wenn du magst, dann treffen wir uns am nächsten Wochenende und diskutieren darüber.“ Er würde seine Bücher konsultieren müssen, um ein paar vielversprechende Experimente zu finden, die er dann mit Farand weiterentwickeln würde. Soneas Idee war interessant. Wenn sich das umsetzen ließe, dann könnte jeder Magier eine Chance gegen die Sachakaner haben.


***


„Botschafter Dannyl, der erste Botschafter Errend ist hier und wünscht Euch zu sprechen.“

Dannyl sah von seinem Protokoll der letzten Kabinettssitzung auf. Nachdem die Sitzung der wichtigsten Dems und Bels von Elyne den gesamten Tag gedauert hatte, war er erst am Abend dazu gekommen, das dort Diskutierte in ganzen Sätzen zu Papier zu bringen. Er war überrascht, dass Errend ihn so spät noch sprechen wollte.

„Bring ihn herein“, wies er seinen Diener an.

Eland verneigte sich und verließ Dannyls Arbeitszimmer. Wenige Augenblicke später kehrte er mit dem massigen Mann zurück.

„Einen schönen guten Abend, Dannyl“, grüßte Errend und schwebte in den Raum.

„Das wünsche ich Euch auch“, erwiderte Dannyl das Protokoll zur Seite legend. „Weswegen habe ich die Ehre?“

Ohne Aufforderung ließ Errend sich in einem Sessel nieder, der unter seinem Gewicht leise ächzte. Dannyl verließ seinen Schreibtisch und setzte sich ihm gegenüber.

„Seit Eurer Rückkehr aus Arvina hatten wir noch keine Zeit für ein persönliches Gespräch“, erklärte Errend.

Dannyl wandte sich an seinen Diener. „Bring uns Wein und zwei Gläser.“

„Sehr wohl, Mylord“, sagte Eland. „Wünscht Ihr dazu ein wenig Gebäck?“

Dannyl warf einen kurzen Blick zu Errend, dessen Augen bei diesen Worten aufleuchteten.

„Ja, bitte.“

Sein Diener verschwand und kehrte wenig später mit dem Gewünschten zurück. Er schenkte ihnen beiden Wein ein und richtete eine Platte mit kleinen Kuchen auf einem Tisch zwischen ihnen an.

„So spät noch mit Arbeit beschäftigt?“, fragte Errend, nachdem Dannyls Diener sich zurückgezogen hatte.

„Es war Euer Wunsch, dass ich das Protokoll bis morgen fertig habe“, erinnerte Dannyl.

Errend blinzelte. Er nahm ein Stück Gebäck und schob es sich ganz in den Mund. Eine Weile kaute er mit geschlossenen Augen.

„Ah, richtig!“, sagte er dann.

Dannyl überlegte, den anderen Mann darauf hinzuweisen, dass er neben seiner eigenen Arbeit beinahe Errends komplette Aufgaben erledigen musste, entschied sich jedoch dagegen. Errend neigte zur Vergesslichkeit. Dannyls Erfahrung nach würde es ein paar Tage, vielleicht auch Wochen gutgehen, dann würde Errend ihn erneut mit Arbeit überhäufen.

„Ihr sagtet, Ihr wolltet ein persönliches Gespräch“, nahm er den Grund für Errends Besuch wieder auf.

„Richtig.“ Errend bediente sich ein weiteres Mal an den Kuchen. „Ich würde gerne wissen, wie Eure Reise nach Arvina war. Was genau habt Ihr dort eigentlich getan? Habt Ihr gefunden, wonach Ihr gesucht habt?“

Dannyl hatte schon befürchtet, dieses Thema würde irgendwann zur Sprache kommen. Aus diesem Grund hatte er sich während der Rückfahrt eine wie er hoffte befriedigende Antwort zurecht gelegt.

„Meine Reise zu Dem Callenes Landgut hatte mit einem Auftrag zu tun, mit dem der frühere Administrator Lorlen mich beauftragt hat, als ich vor zwei Jahren nach Elyne kam“, antwortete er und dankte sich im Stillen dafür, dass er seine Suche nach Büchern über alte Magie immer als sein Hobby ausgegeben hatte. „Ich kann Euch leider nicht mehr darüber sagen, weil dieser Auftrag streng vertraulich behandelt wird. Meine Suche verlief die meiste Zeit über eher erfolglos. Ironischerweise hatte ich den ersten großen Erfolg erst nach Lorlens Ableben. Allein um sein Andenken zu wahren, musste ich nach Arvina.“

Errend nickte langsam. „Ihr habt Administrator Lorlen sehr geschätzt, nicht wahr?“

Dannyl nickte. „Ja, das habe ich.“

Er griff nach seinem Weinglas und trank einen Schluck. Was Lorlen wohl dazu gesagt hätte, wenn er wüsste, was Dannyl entdeckt hatte und was er damit zu tun beabsichtigte? Immerhin waren er und Akkarin Freunde gewesen. Seufzend schob er diese Gedanken beiseite.

„Und was gedenkt Ihr nun mit Eurem Fund zu tun?“, fragte Errend.

„Das einzig richtige“, antwortete Dannyl.

Errend lächelte. „Ihr macht mich wirklich neugierig, Dannyl.“

„Ich verspreche, eines Tages werde ich Euch davon erzählen“, erwiderte Dannyl unverbindlich. Er hoffte, Errend würde verstehen, warum er über die Bücher geschwiegen hatte, wenn die Wahrheit ans Licht kam.

„Wisst Ihr“, begann Errend. „Ihr wart sehr viel länger fort, als Ihr mich vor Eurer Reise hattet glauben lassen. Ich habe mich zwischenzeitlich gefragt, ob Ihr nicht ein paar Tage als Privaturlaub angehängt habt.“

Dannyl spürte, wie seine Wangen heiß wurden. Er ahnte, worauf der andere Mann hinaus wollte. Rasch vertrieb er die Röte mit ein wenig Magie, in der Hoffnung Errend habe es nicht bemerkt.

„Botschafter Errend, wie Ihr wisst, bin ich auch Forscher“, sagte er. „Der Auftrag, mit dem Administrator Lorlen mich damals betraut hat, hat einen starken wissenschaftlichen Aspekt. Der Umfang einer Forschung lässt sich oft nur schwer im Voraus einschätzen. Hätte ich Euch vor meiner Reise darauf aufmerksam gemacht, so hättet Ihr mich wahrscheinlich nicht gehenlassen.“

Errend begann zu lachen. Das Lachen pflanzte sich wellenartig durch seinen massigen Körper fort. Er leerte sein Weinglas und schenkte sich nach.

„Ah, und ich dachte die ganze Zeit, es wäre wegen Bel Fiore!“

„Bel Fiore?“, wiederholte Dannyl verwirrt. Dann ging ihm auf, worauf der Botschafter anspielte und eine Woge der Erleichterung brach über ihn herein. Errend schien nicht den geringsten Verdacht bezüglich Dannyls Liebesleben zu schöpfen. „Wie kommt Ihr darauf?“

Errend griff nach einem weiteren Kuchen. „Nun, Ihr habt in den letzten Monaten ziemlich viel Zeit mit ihr verbracht. Sie ist eine sehr attraktive Frau. Macht Euch keine Gedanken, weil sie älter ist als Ihr. In unsrem Land sind Beziehungen dieser Art gar nicht so selten.“

„Ich fürchte, Ihr missversteht“, sagte Dannyl. „Bel Fiore ist eine gute Freundin. Ich habe keinerlei romantisches Interesse an ihr.“

„Es wird allmählich Zeit, dass Ihr heiratet, Dannyl“, wandte Errend ein. „Viele Bels würden Euch gerne zu ihrem Ehemann nehmen.“

Dannyl unterdrückte ein entnervtes Seufzen. Geht das schon wieder los? Botschafter Errend hatte in der Vergangenheit des Öfteren versucht, ihn mit einer reichen und einflussreichen Frau zu verkuppeln. Viele Bels schienen zudem ernsthaft an ihm interessiert. Auf den Parties und Empfängen, zu denen er auf Grund seiner Position eingeladen wurde, geschah es immer wieder, dass die mächtigsten Frauen Elynes heftige Flirtversuche starteten.

„Errend, ich weiß Eure Hilfe wirklich zu schätzen“, erwiderte er. „Aber ich habe keine Zeit für eine Ehefrau.“

Der andere Mann winkte ab. „Das sagt Ihr andauernd.“

„Weil es die Wahrheit ist.“

Tatsächlich war es nur ein Teil der Wahrheit. Hätte Dannyl mehr Freizeit, so würde er sie mit Tayend verbringen. Aber wenn er zu den Männern gehören würde, die Frauen begehrten, dann würde er es nicht als fair empfinden, würde er nur zum Schlafen nach Hause kommen, weil er so viel arbeitete.

Dahingegen hatten er und Tayend keine Wahl. Schon weil sie sich heimlich treffen mussten, war ihre gemeinsame Zeit begrenzt. Dannyl bedauerte, dass sie nie das Leben eines richtigen Paares führen würden.

Eine Weile schwiegen beide Männer. Errend hatte seine Versuche, Dannyl zu verheiraten offenkundig für diesen Abend aufgegeben. Er leerte sein Weinglas und erhob sich.

„Es ist spät geworden“, sagte er. „Sicher wollt Ihr auch bald zu Bett gehen.“

Dannyl erhob sich ebenfalls. „Wenn ich den Bericht beendet habe.“

Errend nickte. „Dann gute Nacht, Dannyl“, wünschte er, einen letzten Kuchen von dem Tablett nehmend, bevor er hinaus schwebte.

„Gute Nacht, Botschafter Errend.“


***


Über dem kleinen Tal glitzerten die Sterne an einem blauschwarzen Himmel. Irgendwo in der Ferne sang ein Mullook ein trauriges Lied. Eine kleine Quelle plätscherte in der Nähe. Obwohl die Nacht lau war, verspürte Sonea ein seltsames Prickeln.

Akkarin saß vor ihr im Schatten eines Felsüberhangs. In der Dunkelheit konnte sie nur seine Umrisse erkennen. Obwohl sie ihm gerade ihre Kraft gegeben hatte, hielt er ihre Handgelenke noch immer umschlungen. Seine Hände waren ungewöhnlich warm, beinahe angenehm. Sein Griff war indes viel zu sanft.

Das erklärte auch, warum sie dieses Prickeln verspürte. Es war immer da, wenn er sie berührte.

„Ich bedaure, dich von Rothen getrennt zu haben“, sagte er. „Ich weiß, er war wie ein Vater für dich.“

Seine plötzliche Entschuldigung überraschte sie. Aber sie fand, er hatte keinen Grund das zu tun. Plötzlich wusste sie, dass sie ihm schon längst verziehen hatte.

„Ich weiß“, flüsterte sie. „Ich verstehe.“

„Aber trotzdem hasst du mich.“

„Ich hasse Euch nicht“, widersprach sie. „Im Gegenteil. Ich …“

Ihre Stimme versagte. Sie konnte ihm das unmöglich sagen. Die Gilde hatte sie beide ausgestoßen. Doch für sie war er noch immer der Hohe Lord, ihr Mentor.

Akkarin beugte sich vor. Seine Hände berührten ihre Wangen.

„Sag nichts“, murmelte er und dann drückte er seine Lippen behutsam auf ihre.

Sonea spürte, wie ihr Puls sich beschleunigte. Sie erwiderte seinen Kuss begierig. Als er von ihr abließ, rang sie nach Atem.

„Nicht“, flüsterte sie. „Ich bin Eure Novizin.“

Akkarin lachte leise. „Das hält dich doch sonst auch nicht zurück.“

Seine Worte verwirrten sie. Doch ihr blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Er küsste sie erneut und zog sie hinab auf das Bett aus Gras, das sie wenige Stunden zuvor vorbereitet hatte. Sie schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn an sich. Plötzlich war ihr egal, wer oder was sie waren. Sie beide empfanden dasselbe. Sie wollte ihm zeigen, was sie fühlte, wollte ihm zeigen, dass sie ihm gehörte.

Ihre Hände nestelten an seinem Hemd, so dass sie die Haut darunter küssen konnte. Akkarin rollte sich herum, bis er über ihr war, und streifte sein Hemd ab. Dann begann er sie auszuziehen. Sonea war so überwältigt von dem Gefühl von seiner Haut auf ihrer, dass sie jeden Widerstand aufgab. Es fühlte sie so vertraut an. Fast so, als wäre es schon immer so gewesen. Mit einem Mal bereute sie, dass sie so viel Zeit damit vergeudet hatte, ihn zu hassen und zu fürchten. Nein, das war nicht richtig. Sie fürchtete ihn selbst jetzt noch. Doch auf eine merkwürdige Art und Weise gefiel ihr das jetzt.

Plötzlich hörte sie Stimmen und Kampfgeräusche. Auf der Lichtung bewegten sich Schatten.

Die Sachakaner!

Akkarin ließ von ihr ab. Die Luft vibrierte, als er einen Schild um sie beide errichtete und nur einen Augenblick später prallte Magie darauf. Dann wurde ihre Welt in Schwarz getaucht.

„Akkarin!“

Sonea schlug die Augen auf.

Akkarin war fort. Das Gefühl von seinen Händen auf ihrer Haut war indes noch immer da. Ebenso wie ihr Verlangen. Ihre Wangen waren feucht, so als habe sie geweint. Für einen Augenblick wusste Sonea nicht, wo sie war, dann erkannte sie ihr Studierzimmer wieder.

Es war noch immer Nacht. Alles war friedlich.

Es war nur ein Traum.

Aber warum hatte er sich dann so real angefühlt?
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