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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 12.580
 
Kapitel 23 – Der Sachakaner in den Bergen



Die Flüssigkeit im Rundkolben verfärbte sich allmählich von Dunkelblau in ein giftiges Grün. Sonea griff nach einer langen Pipette und führte sie vorsichtig, ohne den glühendheißen Kolben in seinem Schwebezustand zu stören, in die Öffnung ein. Behutsam füllte sie die Pipette mit der grünen Flüssigkeit und zog sie dann langsam wieder aus dem Kolben heraus. Dann träufelte sie ein wenig von der Flüssigkeit auf das Brasiblatt, welches in einer Schale ganz rechts von ihr lag.

Ein zischendes Geräusch erklang, als sich die Flüssigkeit durch das Blatt ätzte und es vollständig auflöste. Sonea wiederholte den Vorgang mit einem Stück Nachtholz in der nächsten Schale. Auf der Oberfläche bildeten sich Blasen. Ein Loch entstand, wo die Säure das Holz berührt hatte.

Jetzt weiß ich wenigstens, was passiert, sollte ich das mit unseren Möbeln versuchen, dachte sie trocken.

Als sie die Pipette zum dritten Mal voll zog, erklang eine Stimme in ihrem Kopf, die sie für einen Augenblick erstarren ließ.

- Sonea!

Sie zuckte zusammen, der Kolben stürzte auf ihren Tisch und zerbarst. Grüne Flüssigkeit spritzte auf den Boden und gegen den Schild, den sie zu ihrem Schutz vor sich errichtet hatte. Die anderen Novizen im Grundkurs Alchemie starrten sie erschrocken und vorwurfsvoll an.

Lord Elben, der gerade Benons Experiment begutachtete, wandte den Kopf.

„Sonea!“, sagte er mahnend. „Was soll das werden?“

„Ich … es tut mir leid“, stammelte sie, das angerichtete Chaos betrachtend. „Ich habe wohl einen Augenblick nicht aufgepasst.“

Sie richtete ihren Willen auf den Ring unter ihrer Robe.

- Akkarin, was soll das?, fragte sie erbost.

Es störte sie nicht, wenn er sie im Unterricht beobachtete. Während der letzten Tage hatte er es allenthalben getan. Meistens hatte Sonea es erst bemerkt, wenn er sie bei ihrem allabendlichen Gespräch nach ihrem Tag gefragt hatte. Doch es störte sie, wenn er sie derart ablenkte.

- Entschuldige diese Unannehmlichkeit, sandte er. Ich hätte dich nicht gerufen, wäre es nicht wichtig. Ich werde deinem Lehrer alles erklären, sobald ich zurück bin.

Sonea sah zu Lord Elben, der sie mit einem finsteren Blick bedachte, als würde er ihr unterstellen, im Unterricht geträumt zu haben. Sie wusste, er gehörte zu jenen Magiern, die ihre Beziehung mit Akkarin missbilligten.

Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung dachte sie grimmig, hoffend, Akkarin habe das gehört. Zu ihrer leisen Enttäuschung ging er jedoch nicht darauf ein.

„Mach das sauber, dann fang noch einmal neu an“, befahl Lord Elben.

„Ja, Mylord“, antwortete Sonea. Zu ihrer Erleichterung waren die Tische und der Fußboden in den Versuchsräumen vor Unfällen dieser Art mit Magie geschützt und sie würde die Überreste ihres Experiments leicht entsorgen können. Sie wollte aufstehen, um ihren Platz zu reinigen und erstarrte mitten in der Bewegung.

- Geh sofort zu Osen. Er soll die höheren Magier zusammenrufen. Ich will, dass du an sie überträgst, was ich dir gleich zeigen werde.

Soneas Puls beschleunigte sich.

- Heißt das, ihr habt den schwarzen Magier?

- Noch nicht. Beeil dich und sorge dafür, dass Rothen dabei ist.

Er zog sich zurück. Sonea stellte fest, dass Lord Elben und der Rest der Klasse sie noch immer anstarrten. Wie musste es auf die anderen wirken, wenn sie plötzlich reglos ins Leere starrte, als würde sie eine Gedankenrede führen, die niemand hören konnte?

Sie holte tief Luft. Ihre nächsten Worte würden auf ihren Lehrer und ihre Klassenkameraden noch seltsamer wirken.

„Ich muss sofort gehen“, erklärte sie. „Ich werde meinen Platz später aufräumen.“

„Wo willst du hin?“, fragte Elben streng.

„Zu Administrator Osen. Ich soll eine Sitzung einberufen.“

Lord Elben betrachtete sie mit einer Mischung aus Missbilligung und Unglauben. Offenbar wusste er nicht, was er darauf erwidern sollte.

Eine Hand fasste Soneas Arm.

„Was ist passiert?“, fragte Regin leise. „Geht es meinem Onkel gut?“

Sonea hob die Schultern. „Sie sind kurz davor, ihn zu fangen, glaube ich.“

„Geh nur“, sagte Trassia sanft. „Wir räumen deinen Platz nachher für dich auf.“

„Danke.“ Sonea verspürte einen jähen Anflug von Zuneigung für ihre beiden Freunde. Rasch packte sie ihre Sachen, verneigte sich vor Lord Elben und hastete hinaus.

Eine Viertelstunde später hatten sich die höheren Magier, die zurückgeblieben waren, im Büro des Administrators versammelt. Administrator Osen saß hinter seinem Schreibtisch und blickte nervös von einem zum anderen. Lord Peakin wirkte aufgeregt, Lady Vinaras Miene war wie immer streng. Lord Telanos Gesichtsausdruck wusste Sonea nicht so recht zu deuten, da sie ihn kaum kannte. Rothen wirkte dagegen eindeutig besorgt. Sonea konnte ihm das nicht verübeln. Schließlich war es sein Sohn, der sich in den Kopf gesetzt hatte, dem schwarzen Magier ganz allein zu folgen.

- Wir sind vollständig, sandte sie an den Ring. Was muss ich tun, damit sie sehen können, was du mir zeigst?

- Ihr müsst einander berühren, antwortete Akkarin. Wie bei direkter Gedankenrede.

Sonea stieß einen erleichterten Seufzer aus. Sie hatte erwartet, irgendwelche Bilder in den Raum projizieren zu müssen und war froh, dass dies nicht notwendig war. Sie gab Akkarins Worte an die höheren Magier weiter.

„Dann sollten wir näher zusammenrücken“, schlug der Administrator vor.

Die übrigen Magier schoben ihre Stühle zu einem engen Kreis zusammen. Osen kam hinter seinem Schreibtisch hervor und setzte sich in einen Stuhl davor. Sonea griff nach Rothens Hand zu ihrer Rechten und der Hand von Lord Telano links von ihr. Sie war erstaunt, wie protestlos die höheren Magier ihrem Aufruf gefolgt waren. Entweder sie begannen allmählich ihr und Akkarin zu vertrauen oder sie taten es, weil ihr Ring die einzige sichere Verbindung zu den Kriegern in den Bergen darstellte und sie wissen wollten, was dort vor sich ging.

Wahrscheinlich ist es Letzteres, dachte sie. Am besten, ich bilde mir nicht allzu viel darauf ein und freue mich, weil sie sich nicht aufregen, dass ich diesen Ring trage. Sonea lächelte humorlos. Sie würde sich von keinem Magier außer Akkarin verbieten lassen, ihren Blutring zu tragen.

„Seid Ihr bereit?“, fragte sie.

Die höheren Magier nickten.

Sonea schloss die Augen.

- Es kann losgehen, sandte sie.

Dann sog sie scharf die Luft ein, als sich ihre Perspektive ausdehnte, bis sie alles sah und hörte, was Akkarin sah und hörte. Die Krieger befanden sich auf derselben Straße, über die sie im Sommer nach Kyralia gekommen waren. Doch die Landschaft war nun von einer dichten Schneedecke bedeckt und die Berge waren unter tiefhängenden Wolken verborgen. Zu beiden Seiten der Straße türmte sich der Schnee mehrere Fuß hoch.

„Sie sind soweit“, sagte Akkarin.

Das Bild wanderte zu einem Mann, den Sonea in der Kleidung eines Bauern und so unrasiert beinahe nicht erkannt hätte. Es war Balkan. Fast hätte sie laut aufgelacht. Dann erblickte sie auch die anderen Krieger in gewöhnlicher Kleidung und mit Bartstoppeln. Zumindest Darren und Kayan schienen Spaß an ihrer Verkleidung zu haben. Die beiden jungen Krieger lachten und alberten herum, als wenn das alles ein Spiel wäre. Garrel hingegen starrte mit finsterer Miene auf die Straße vor ihm.

„Gut“, sagte der Hohe Lord. „Loken, würdet Ihr bitte wiederholen, was Ihr uns vorhin im Dorf mitgeteilt habt?“

Die Perspektive schwenkte zu einem großen stämmigen Mann, der nicht viel älter als Dorrien sein konnte. „Lord Dorrien und ich sind den schwarzen Magier zu zweit jagen gegangen, nachdem er Kalin losgeschickt hat, um die Gilde zu warnen“, berichtete er. „Weil wir die Gefangenen ohne Hilfe nicht befreien konnten, sind wir ihm gefolgt. Ein paar Tage saßen wir wegen eines Schneesturms auf dieser Seite des Passes fest. Als der Sturm vorbei war, hat der Sachakaner zwei Tage lang die Straße zum Pass geräumt. Gestern ist er mit den Gefangenen über den Pass. Lord Dorrien und ich sind ihm hinterher. Aber auf der Passhöhe hat er mir befohlen, zurückzubleiben und in Windbruch auf die Verstärkung zu warten. Er ist dem Sachakaner allein auf die andere Seite gefolgt.“

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Rothens drückte ihre Hand so fest, dass es schmerzte.

„Dieser verfluchte Sturkopf!“, murmelte Rothen. „Er weiß doch gar nicht, was er da tut!“

- Er ist doch hoffentlich nicht in seinen Roben nach Sachaka gegangen?, fragte Lady Vinara.

- Loken sagt, Dorrien habe seine Roben zuvor mit einem Reberhirten getauscht, antwortete Akkarin.

- Es ist nicht Dorriens erste Begegnung mit einem sachakanischen Magier. Bestimmt wird er nichts Leichtsinniges versuchen, versuchte Sonea, ihren ehemaligen Mentor zu beruhigen.

- Das sehe ich auch so, sandte Akkarin.

Neben ihr schien sich Rothen ein wenig zu entspannen.

- Bitte bringt ihn sicher zurück, sandte er.

- Das werden wir, versprach Akkarin.

„Wir sind jetzt auf dem Weg zum Pass“, teilte Balkan ihnen mit. „Lord Dorrien hat uns eine Spur hinterlassen, der wir folgen, doch wir wissen nicht, wie weit er nach Sachaka eingedrungen ist, weswegen wir oberste Vorsicht walten lassen müssen.“

Sonea verkniff sich eine Bemerkung darüber, dass die Krieger in einen Hinterhalt geraten könnten. Denn das wäre, als würde sie Akkarin vor den anderen bloßstellen. Sie hatte ihn bereits bei seiner Abreise auf diese Gefahr hingewiesen und sie war sicher, er war sich dieser Möglichkeit wohlbewusst.

- Wie wollt Ihr den Sachakaner gefangen nehmen?, fragte Lord Peakin.

Akkarin gab ihre Frage an die Krieger weiter.

„Wir haben verschiedene Szenarien diskutiert“, antwortete Balkan. „Je nach Beschaffenheit des Geländes wäre es möglich, ihn in einen Hinterhalt zu locken. Dort wird Lord Akkarin ihn angreifen und dafür sorgen, dass er sich erschöpft.“

- Bist du dafür denn stark genug?, fragte Sonea.

- Elf Magier, die mir über vier Tage hinweg ihre Kraft gegeben haben, sollten ausreichen, antwortete er trocken.

Wollen wir es hoffen, dachte Sonea.

„Die andere Möglichkeit wäre, einen Köder zu benutzen“, fuhr Balkan fort.

- Für mich klingt das ziemlich gefährlich, sandte Osen. Wenn der Sachakaner die List durchschaut … Er erschauderte spürbar.

- Allerdings, stimmte Lady Vinara zu.

- Was, wenn Ihr Euch in der Nacht an ihn heranschleicht und überwältigt?, fragte Rothen.

- Er hat zwei Sklaven aus Sachaka mitgebracht, die ihm treu ergeben sind, antwortete Akkarin. Wenn ihr Meister schläft, würde mindestens einer von ihnen Wache halten und sofort Alarm schlagen. Für welche Variante wir uns auch entscheiden, zunächst müssen wir ihn von seinen Sklaven trennen.

- Das könnte schwierig werden, sandte Sonea. Bei Parika ist es auch nicht so gelaufen, wie wir wollten.

- Ja. Aber es ist immer noch besser, als sie zu töten.

Da musste Sonea ihm recht geben. Sie waren nicht im Krieg. Zudem mussten sie die Kyralier beschützen, die der Sachakaner entführt hatte. Akkarin und die Krieger waren dem Sachakaner sowohl zahlen- als wahrscheinlich auch kräftemäßig überlegen. Es war unnötig, Unschuldige zu töten.

- Was ist mit dem Köder?, fragte sie. Wie genau soll das funktionieren?

- Einer von uns gibt sich als Bergbewohner aus, der nach seinen Leuten gesucht hat, und lässt sich von dem Sachakaner gefangen nehmen. Der Rest von uns hält sich im Hintergrund. Wenn der Sachakaner die Kraft des Köders nehmen will, wendet dieser deinen Trick an. Das wird ihn lange genug außer Gefecht setzen, dass ich ihn unschädlich machen kann, antwortete Akkarin.

- Und wer wird den Köder spielen?, fragte Lady Vinara.

Akkarin gab die Frage weiter.

„Einer der Krieger“, antwortete Balkan. „Wir werden denjenigen auslosen. Lord Akkarin hatte sich angeboten, doch wenn es nicht funktioniert, kann niemand anderes den Sachakaner bezwingen.“

Du hast dich als Köder angeboten?, entfuhr es Sonea völlig vergessend, dass die höheren Magier sie hören konnten. Bist du des Wahnsinns?

- Sonea, ich weiß, was ich tue, entgegnete Akkarin ruhig. Das ist nicht der erste Sachakaner, gegen den ich kämpfe.

- Aber es könnte der Letzte sein, gab sie hitzig zurück.

Wie konnte er so leichtsinnig sein? Mit einem Mal wünschte sie mehr denn je, sie wäre ihm gefolgt. Sie hätte den Köder spielen können. Sie wusste am besten, wie man ein Herz zum Stillstand brachte. Den Kriegern traute sie das nur schwerlich zu. Dennoch war sie erleichtert, dass Balkan entschieden hatte, nicht Akkarin den Köder spielen zu lassen.

„Wollen wir hoffen, dass wir keinen Köder brauchen“, hörte sie Administrator Osen murmeln.

In der Stunde, die auf diese Diskussion folgte, überquerten die Reiter die Passhöhe und ritten auf der anderen Seite weiter. Allmählich fiel der Weg wieder ab und die Schneedecke wurde dünner.

Auf Balkans Kommando rückten die Krieger dichter zusammen und errichteten einen gemeinsamen Schild. Er selbst und Akkarin ritten in der Mitte, während Loken die Gruppe anführte. Sonea konnte sehen, dass er einer Spur im Schnee folgte, die Dorrien zurückgelassen haben musste.

Mit klopfendem Herzen beobachtete Sonea, wie Akkarin und die Krieger die Gegend absuchten. Auch Sonea hielt die Augen offen, obwohl sie nur sehen konnte, was Akkarin sah. Jetzt, wo die Reiter die Grenze überquert hatten, befürchtete sie hinter jeder Wegbiegung den Sachakaner oder einen Hinterhalt, in dem gleich mehrere seiner Landsgenossen lauerten. Sie hatte kein gutes Gefühl bei dieser ganzen Aktion. Wenn sie schon nicht bei Akkarin sein konnte, dann musste sie von hier aus versuchen, alles zu tun, damit diese Mission nicht in einem Desaster endete.


***


Auf dieser Seite der Berge kam die Dämmerung früh. Am Tag zuvor hatte der Sachakaner seine Gefangenen in ein kleines, überraschend grünes Tal, das von einem rauschenden Fluss durchflossen wurde, geführt. Anscheinend, um hier zu kampieren und seine Vorräte aufzufüllen, bevor der die Ödländer erreichte. Die Schneedecke war hier dünner als in Kyralia, unter den Bäumen war der Boden sogar frei von Schnee, was die Nahrungssuche erleichterte. Dorrien hatte an einem der bewaldeten Berghänge ein sicheres Versteck gefunden, von dem aus er den fremden Magier beobachtete.

Die Gefangenen hatten sich um ein Feuer auf der Lichtung im Tal gedrängt. Wie an den vergangenen Tagen wurden sie von den sachakanischen Sklaven bewacht. Vor ungefähr einer Stunde war der Sachakaner auf der anderen Seite des Tals zwischen den Bäumen verschwunden, wahrscheinlich um zu jagen.

Zitternd wickelte Dorrien sich fester in seine Decke. Seit Tagen verzichtete er nun schon auf einen Wärmeschild, fürchtend, der Sachakaner könne es spüren, wenn er seine Magie benutzte. Die Decken, die Loken ihm mitgegeben hatte, als sie sich am Südpass getrennt hatten, schienen kaum gegen die Kälte zu helfen. Es kam Dorrien so vor, als habe er in der vergangenen Woche nichts anderes getan, als zu frieren. Ihm graute davor, eine weitere eisige Nacht lang den Sachakaner zu beobachten. Wenigstens war der Himmel von Wolken verhangen, was eine weniger eisige Nacht verhieß.

Dorrien hoffte, der Sachakaner würde noch eine Weile in diesem Tal bleiben, um seine Vorräte aufzufüllen, bevor er die Ödländer betrat. Er wusste nicht, wann er die Verstärkung aus Imardin erwarten konnte. Oder ob sie überhaupt kam. Hinter den Bergen würde Dorrien dem Sachakaner nicht mehr so unauffällig folgen können.

Der Sachakaner kehrte zurück zur Lichtung. Er schleifte einen erlegten Jari hinter sich her. Rorin und sein Sohn Grogin erhoben sich und nahmen dem schwarzen Magier die Beute ab. Hatte der Sachakaner sie gebrochen, oder hatten sie sich in ihr Schicksal gefügt, weil sie jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben hatten, jetzt wo sie in Sachaka waren?

Angesichts der Brutalität, mit der der Sachakaner seine Gefangenen bestrafte, schienen beide Möglichkeiten nicht unwahrscheinlich. Am vergangenen Abend hatte Morvan zu fliehen versucht. Der Sachakaner hatte ihn daraufhin auf brutalste Weise geschlagen und gefoltert. Dorrien hatte sich beherrschen müssen, um nicht auf die Lichtung zu stürmen und den Sachakaner anzugreifen. Es hätte niemandem geholfen. Am nächsten Morgen war Morvan tot gewesen. Selbst jetzt konnte Dorrien die Erinnerung daran nicht verdrängen. Hoffentlich haben die anderen Entführten aus daraus gelernt, dachte er. Er hätte es nicht ertragen, noch mehr seiner Leute zu verlieren.

Um sich abzulenken, ließ er seinen Blick über das kleine Lager schweifen. Dicht am Feuer erblickte er Kullens Töchter. Viana hatte ihre Arme um ihre kleine Schwester gelegt. Unwillkürlich tastete Dorrien nach dem Tuch unter seinem Umhang. Er war dankbar und erleichtert, weil die beiden Mädchen noch keinen Fluchtversuch gewagt hatten. Er wollte sich die Reaktion des Reberhirten nicht ausmalen, wenn Dorrien ihm erklärte, warum er seine beiden Töchter nicht wohlbehalten zurückgebracht hatte.

Während der Schmied von Wildwasser und sein Sohn den Jari häuteten, ausnahmen, zerlegten und an Spießen über dem Feuer brieten, zog der Sachakaner die juwelenbesetzte Klinge, die Dorrien bereits an den vergangenen Abenden gesehen hatte, aus seinem Gürtel.

Schaudernd wandte er sich ab. Es machte ihn wütend zu sehen, wie das jemand seinen Leuten antat.

Während er versuchte, sich von dem Geschehen auf der Lichtung abzulenken, erklang in der Ferne der Ruf eines Mullooks. Dorrien horchte auf. Als der Ruf ein zweites Mal erklang, antwortete er. Er riskierte einen Blick zur Lichtung. Erleichtert stellte er fest, dass der Sachakaner noch damit beschäftigt war, die Kraft seiner Gefangenen zu nehmen.

Wenige Minuten später hörte er, wie der Schnee hinter ihm unter den Schritten mehrerer Stiefel knirschte. Er wandte sich um, bereit einen Schild zu errichten, falls es die falschen waren.

„Mylord, wo seid Ihr?“, rief eine vertraute Stimme leise.

Loken. Erleichtert stieß Dorrien die Luft aus, die er angehalten hatte. Er erhob sich und trat tiefer in den Schutz der Bäume. „Loken! Hast du die Verstärkung mitgebracht?“

Unter den Bäumen konnte er mehrere Schatten ausmachen, die sich bewegten.

„Ja, Mylord“, antwortete der Schmied. Er trat zwischen den Bäumen hervor und verneigte sich. „Sie sind heute Morgen im Dorf angekommen.“

„Für einen Heiler bist du überraschend draufgängerisch!“

Dorrien blinzelte. Die Stimme war ihm vertraut. „Darren, bist du das?“

Aus der Dunkelheit unter den Bäumen traten zwei Gestalten. Selbst ohne Licht erkannte Dorrien seine alten Klassenkameraden Darren und Kayan. Obwohl sie unterschiedliche Disziplinen gewählt hatten, waren sie Freunde geblieben. Während ihrer Zeit als Novizen waren sie unzertrennlich gewesen, zumindest nachdem Dorrien von seiner Klasse akzeptiert worden war. Sie hatten um Mädchen gebuhlt und genügend Flausen im Kopf gehabt, um allenthalben gegen die Regeln zu verstoßen. Verglichen mit Dorriens ersten beiden Jahren an der Universität war es eine glückliche Zeit gewesen, an die er sich gerne zurückerinnerte.

„Denkst du, wir lassen uns diese Jagd entgehen?“, entgegnete der fröhliche Krieger.

„Schön, euch zwei zu sehen“, sagte Dorrien, während er und seine alten Freunde einander zur Begrüßung auf die Schultern klopften.

„Lord Dorrien“, erklang Balkans dröhnende Stimme. „Es tut gut, Euch wohlauf anzutreffen.“

Halb erfroren würde es eher treffen, dachte Dorrien trocken.

„Euer Vater lässt ausrichten, Euer törichtes Verhalten wird Euch eines Tages noch den Kopf kosten. Doch er ist froh, dass Ihr unversehrt seid.“

Dorrien erstarrte, als er die tiefe Stimme neben Balkan erkannte. Akkarin.

Er blinzelte verwirrt. „Woher weiß Rothen, dass ich hier bin?“

„Ich übertrage alles mittels eines Blutjuwels an die Gilde.“

Jetzt konnte Dorrien die Silhouette des schwarzen Magiers erkennen. Auch die anderen kamen allmählich näher. Dorriens Vorfreude schlug in Enttäuschung um. Sonea befand sich nicht unter ihnen. Er hatte erwartet, sie an Akkarins Seite zu finden. So schmerzvoll es für ihn gewesen wäre, sie zusammen mit ihm wiederzusehen, so bitter war es, dass sie nicht mitgekommen war.

„Wie ist die Lage?“, riss ihn der Hohe Lord aus seinen Gedanken.

Selbst in dem spärlichen Licht, das von dem Feuer unten im Tal heraufdrang, konnte Dorrien erkennen, dass Balkan und seine Begleiter wie Jäger und Bauern gekleidet waren. Den Stoppeln auf ihren Wangen nach zu urteilen, hatten sie sich seit Tagen nicht rasiert. Trotz des Ernst der Lage war der Anblick mehr als erheiternd.

Er wies hinunter ins Tal. „Gestern hat der Sachakaner dort auf der Lichtung sein Lager aufgeschlagen“, berichtete er. „Seitdem jagt er in der Umgebung, um seine Vorräte aufzufrischen. Seine Gefangenen sind erschöpft. Die Kälte und die tagelange Wanderung haben ihnen einiges abverlangt. Der Sachakaner hat in den letzten Wochen vierzehn Männer, Frauen und Kinder aus Windbruch und mehreren Dörfern im Umkreis von zwei Tagesritten entführt. Als Loken und ich ihn vor mehr als einer Woche aufgespürt haben, fehlte jedoch die Hälfte von ihnen. Gestern Abend hat zudem ein Mann aus Hohenklüfte zu fliehen versucht. Der Sachakaner hat ihn daraufhin zu Tode geprügelt …“

Dorrien hielt inne. Die Erinnerungen daran waren noch immer zu frisch. Er fragte sich, ob er je vergessen würde.

„Lord Dorrien, ich denke es ist im Sinne der Gilde, wenn ich Euch unser aller Mitgefühl ausspreche“, sagte Balkan überraschend sanft.

„Vielen Dank, Hoher Lord“, erwiderte Dorrien seltsam berührt.

Balkan nickte. „Gibt es noch etwas, was wir über den Sachakaner wissen sollten?“

„Der Sachakaner hat zwei Sklaven aus seiner Heimat mitgebracht. Sie bewachen das Lager, wenn er jagen ist, und passen auf, dass die anderen nicht fliehen. Jeden Abend nimmt er ihre Kraft und die der kyralischen Gefangenen.“

„Acht Sklaven, die ihm über etwa einen halben Monat als magische Quelle gedient haben“, murmelte Akkarin. „Nun, tatsächlich werden es weniger gewesen sein, da er sie nicht alle zugleich entführt hat. Es ist jedoch unmöglich abzuschätzen, ob er sich an den fehlenden ebenfalls gestärkt hat und wenn ja, wie oft. Nichtsdestotrotz hatte er mehr als genug Gelegenheit sich zu stärken.“ Er runzelte die Stirn und sah zu Dorrien. „Hat er heute schon ihre Kraft genommen?“

Dorrien nickte. Es ärgerte ihn, dass Akkarin von den entführten Dorfbewohnern als Sklaven sprach. Er fühlte sich jedoch zu müde und zu durchgefroren, um sich ernsthaft darüber aufzuregen. „Kurz bevor Ihr eingetroffen seid.“

Balkan wandte sich an Akkarin. „Seid Ihr stark genug, ihn zu besiegen?“

„Das kommt auf die Stärke seiner Sklaven an und wie viel Magie er jeden Tag verbraucht. Ich bezweifle jedoch, dass das allzu viel ist. Sein tagelanger Beutezug durch die Berge und sein offenes Kampieren deuten darauf hin, dass er sich vor einer Entdeckung sicher wähnt. Demnach wird er vermutlich über beträchtliche Stärke verfügen.“

„Er hat zwei Tage gebraucht, um den Südpass wieder freizulegen“, wandte Dorrien ein. „Das hat ihn viel Kraft gekostet. “

Akkarin nickte. „Er hat sich nicht die Mühe gemacht, den Pass wieder hinter sich zu verschließen. Denn das hätte ihn zu sehr geschwächt. Aber wahrscheinlich hätte er das in Kauf genommen, würde er die Verfolgung durch die Gilde fürchten, was wiederum bedeuten könnte, dass er sich stark genug wähnt.“

„Und was heißt das für uns?“, fragte Dorrien verwirrt.

„Dass wir seine gegenwärtige Stärke einschätzen können. Die Magie, die er von seinen Sklaven bezogen hat, seit er in Kyralia umherstreift, ist abschätzbar. Dagegen ist die Magie, die er bereits hatte, als er unsere Grenze überschritt, unmöglich einzuschätzen. Es wäre jedoch leichtsinnig, davon auszugehen, dass er schwächer ist als ich.“

Eine Welle der Enttäuschung brach über Dorrien herein. Der einzige fertig ausgebildete schwarze Magier der Gilde war zu schwach, um einen Sachakaner zu bezwingen? Wenn Akkarin nicht genug Kraft besaß, würden sie alle bei dem Versuch, den Sachakaner zu stellen, sterben.

„Ist es nicht Eure Aufgabe, Euch zu stärken, damit Ihr stark genug seid, falls ein Angriff erfolgt?“, fragte er.

„Die Gilde erlaubt nur in Ausnahmefällen, dass ich mich stärke“, antwortete Akkarin. „Deswegen konnte ich erst damit beginnen, als Eure Nachricht uns ereilt hat.“

„Es besteht immer die Gefahr, dass wir nicht die genaue Stärke unseres Gegners kennen“, fügte Balkan beschwichtigend hinzu. „Wir werden daher nicht die direkte Konfrontation mit dem Sachakaner suchen.“

Dorrien runzelte die Stirn. „Was habt Ihr vor?“

„Wir überlisten ihn mit einem Köder.“

Krieger, dachte Dorrien verächtlich. „Und wie soll das funktionieren?“

„Einer von uns geht in das Lager und versucht die Sklaven zu befreien. Dabei lässt er sich fangen. Wenn der Sachakaner ihn berührt, wird er Soneas Trick anwenden.“

„Und sein Herz zum Stillstand bringen“, folgerte Dorrien.

„Richtig. Doch er darf ihn nicht töten. Wir planen ihn zu verhören. Lord Akkarin wird ihn überwältigen und so weit schwächen, dass er uns nicht mehr schaden kann. Wir anderen halten uns im Hintergrund und greifen nur ein, wenn die Situation eskaliert.“

Ein gefährlicher Plan, dachte Dorrien. Aber besser als alles, was ihm selbst eingefallen wäre.

„Wer wird den Köder spielen?“

„Lord Vorel“, antwortete Balkan.

Dorrien verschränkte die Arme vor der Brust. Wussten diese Krieger überhaupt, was sie da taten?

„Ihr solltet einen Krieger nicht mit etwas betrauen, wofür ein Heiler besser geeignet ist“, sagte er. „Das kann ich nicht zulassen. Ich werde der Köder sein.“

„Lord Dorrien, Eure Leute brauchen Euch“, sagte Akkarin. „Wenn der Sachakaner Euch tötet, habt Ihr ihnen damit nicht geholfen.“

„Ich weiß, was ich tun muss“, beharrte Dorrien. Der schwarze Magier hatte kein Recht, ihm vorzuschreiben, was er zu tun hatte. „Ich kann meine Leute jetzt nicht im Stich lassen.“

Balkan seufzte. „Dorrien, so nehmt doch Vernunft an. Meine Krieger sind im Kampf gegen einen schwarzen Magier ausgebildet. Ihr nicht.“

„Euer Vater lässt ausrichten, er befiehlt, dass Ihr Euch zurückhaltet“, fügte Akkarin hinzu.

Dorrien schnaubte. Es kümmerte ihn nicht, was Balkan, Rothen oder wer auch immer wollte. Es war an ihm, diese Menschen zu beschützen. Er hatte versagt, weil er zu spät in angemessener Weise auf die Entführungen reagiert hatte. Hätte er den Sachakaner früher aufgespürt, hätten Morvan, Tulin, Bal und Sina und viele andere nicht sterben müssen. Während der letzten Tage hatte er nur hilflos zusehen können. Doch jetzt konnte er endlich etwas tun.

„Rothen, es tut mir leid, aber ich muss das tun“, sagte er. „Du würdest an meiner Stelle ebenso handeln.“

Eine angespannte Stille folgte. Dorrien fragte sich, ob sein Vater darauf nichts zu erwidern wusste, oder ob Akkarin entschieden hatte, es nicht an ihn weiterzugeben.

Schließlich räusperte sich der Hohe Lord. „Also gut, Lord Dorrien. Anscheinend seid Ihr nur mit Gewalt von Eurem Vorhaben abzuhalten. Da wir jedoch unsere Kräfte für den sachakanischen Magier brauchen, werden wir Euch den Köder spielen lassen. Im Morgengrauen werden wir beginnen. Solltet Ihr bis dahin zur Vernunft kommen, wird es bei Lord Vorel bleiben. Bevor wir uns jedoch für ein paar Stunden ausruhen, sollten wir unsere Vorgehensweise für den morgigen Tag planen, jetzt wo wir das Gelände und die Mindeststärke des Gegners kennen.“

Die Krieger rückten dichter zusammen und begannen eine hitzige Diskussion.

„Wir sollten die Lichtung umstellen, solange er schläft“, schlug Lord Garrel vor. „Und dann greifen wir ihn an. Während Lord Akkarin gegen ihn kämpft, unterstützen ihn die Krieger aus ihren Verstecken im Unterholz.“

„Eine geschlossene Formation der Krieger wäre effektiver“, entgegnete Akkarin entschieden. „Die Krieger müssen einander Schutz geben und ihre Kräfte vereinen. Wir haben das jeden Vierttag in der Arena trainiert.“

Garrel schwieg betreten.

„Ich schlage vor, wir blockieren die kleine Schlucht, durch die wir gekommen sind“, fuhr Akkarin fort. „Sie ist der einzige Ausgang und wir können getrost davon ausgehen, dass der Sachakaner nicht mit seinen Sklaven über die Berge schwebt, um uns zu entkommen. Ich schlage zudem vor, ihn mittels des Köders in die Schlucht zu locken und ihn dort anzugreifen, indem ich und die Krieger sein Fortkommen von beiden Seiten behindern. Die Schlucht ist so eng, dass ihm kaum Ausweichmöglichkeiten bleiben werden. Zudem können wir ihn zusätzlich schwächen, indem wir Felsbrocken auf ihn herabfallen lassen.“

„Eine gute Idee“, sagte der Hohe Lord.

Die Augen des schwarzen Magiers blitzten zu Balkan.

„Wäre es für den Köder nicht ungefährlicher, wenn wir warten, bis der Sachakaner und seine Sklaven das Tal wieder verlassen?“, fragte Lord Kerrin. „Der Sachakaner könnte den Köder auf der Lichtung überwältigen und töten, bevor wir eingreifen können.“

„Ihr habt recht“, antwortete Lord Vorel. „Doch für die … Sklaven wäre das gefährlicher. Sie können sich nicht vor einem Angriff durch Magie schützen. Das Risiko, dass sie in der Schlucht durch Streifschüsse verletzt werden, ist viel zu groß.“

„Richtig“, stimmte Akkarin zu. „Wir sollten in jedem Fall versuchen, den Sachakaner von seinen Sklaven zu trennen, bevor wir angreifen.“

Balkan strich nachdenklich übers Kinn. In der Dunkelheit wirkte seine Miene grimmiger denn je. „Lord Akkarin, ich erteile Euch das Kommando über diesen Einsatz“, sagte er schließlich.

Der schwarze Magier neigte kaum merklich den Kopf. „Ich danke Euch, Hoher Lord.“

Garrel öffnete protestierend den Mund. „Bei allem Respekt, Hoher Lord, aber sollte das nicht meine Aufgabe sein?“

Kerrin und Iskren stellten sich neben dem Oberhaupt der Krieger auf, als wollen sie ihn unterstützen.

„Ihr besitzt nicht die nötige Erfahrung im Kampf mit schwarzen Magiern aus Sachaka. Lord Akkarin dagegen schon“, antwortete Balkan. „Ihr werdet den Einsatz der Krieger leiten.“ Er machte eine Pause und musterte Garrel abschätzig. „Unter Akkarins Kommando.“

Für einen Augenblick verschlug es Dorrien die Sprache. Zum einen war er überrascht, weil Balkan dem schwarzen Magier so viel Vertrauen schenkte. Zum anderen schien da eine Rivalität zwischen Garrel und Akkarin, die er nicht verstand und die höchstwahrscheinlich Garrels bekanntem Verfolgungswahn verschuldet war. Widerwillig musste Dorrien sich eingestehen, dass Balkans Entscheidung richtig war. Es war ein offenes Geheimnis, dass Garrel als Wahl für das Oberhaupt der Krieger das kleinstmögliche Übel gewesen war.

„Lord Akkarin, bitte erläutert uns nun genauer, wie unser Köder den Sachakaner in die Schlucht locken soll“, sagte Balkan.

Das Weiß von Akkarins Augen blitzte in der Dunkelheit.

„Ah, das ist die leichteste Übung …“


***


Als Sonea aus ihrem Halbschlaf schreckte, glaubte sie, nur wenige Minuten fort gewesen zu sein. Es war dunkel, nur das Licht eine Laterne vor den Magierquartieren sickerte durch die Papierblenden. Zuerst begriff sie nicht, woher die Stimme in ihrem Kopf kam und sie war fest überzeugt, Akkarin sei endlich zurückgekehrt. Als ihr jedoch die Ereignisse des vergangenen Tages wieder einfielen, war sie schlagartig hellwach.

- Sonea, wecke Rothen und ruf die anderen zusammen.

Sie seufzte und vertrieb die Reste ihrer Müdigkeit mit ein wenig Magie. In einer energischen Bewegung schlug sie die Decken zurück und verließ das Bett in ihrem alten Zimmer in Rothens Apartment.

Nachdem sich die Versammlung der höheren Magier spät am vergangenen Abend aufgelöst hatte, hatte Akkarin sie angewiesen, die Nacht in den Räumen ihres ehemaligen Mentors zu verbringen, um bereit zu sein, wenn der Angriff auf den Sachakaner begann. Ungeachtet der Vernunft, die hinter seiner Anordnung gestanden hatte, argwöhnte Sonea, er wollte sie nicht alleine wissen, weil er wusste, sie würde sich um ihn ängstigen.

Rothen war in einem Sessel am Fenster eingeschlafen und schnarchte leise. Fast die ganze Nacht über hatten sie geredet, um sich davon abzulenken, dass irgendwo in den Bergen Sachakas zwei Menschen, die ihnen nahestanden, ihr Leben riskierten. Es hatte etwas Tröstliches gehabt, dass Rothen bei ihr geblieben war. Hätte Sonea die Nacht allein in der Arran-Residenz verbracht, so wäre sie wahrscheinlich verrückt geworden. Trotzdem fühlte sie sich so allein, wie noch nie zuvor in ihrem Leben.

„Rothen“, flüsterte sie und rüttelte sachte seine Schulter. „Wacht auf, es ist soweit.“

Rothen fuhr hoch. „Schon?“, nuschelte er.

„Ja.“

Das schien seine Wirkung nicht zu verfehlen. Ihr ehemaliger Mentor sprang auf und strich die Roben glatt, in denen er geschlafen hatte.

„Gehen wir Osen wecken“, sagte er.

Wenig später waren die höheren Magier erneut in Osens Büro versammelt und berührten einander an den Händen. Die meisten trugen Morgenmäntel über ihren Nachtgewändern, nur der Administrator hatte seine Robe übergestreift.

Als alle bereit waren, gab Sonea Akkarin Bescheid.

- Der Sachakaner ist dabei, das Lager abzubrechen, berichtete er. Wir sind gezwungen, unseren Plan zu ändern. In der letzten Nacht haben die Krieger bereits ihre Stellungen in der Schlucht bezogen. Dorrien und ich gehen dem Sachakaner jetzt entgegen. Wir versuchen, ihn von den Sklaven zu trennen, bevor sie die Schlucht erreichen.

- Er hat es sich also nicht anders überlegt, stellte Rothen fest.

- Nein.

Rothen stieß einen rüden Fluch aus.

„Lord Rothen, ich wusste gar nicht, dass Ihr solche Wörter kennt“, bemerkte Lord Peakin.

Durch die Verbindung mit den anderen konnte Sonea die Erheiterung einiger höherer Magier spüren. Die in Osens Büro fast zum Zerreißen herrschende Anspannung wurde für einen kurzen Moment erträglicher. Sie verkniff sich ein Grinsen.

- Ich werde auf ihn aufpassen, versprach Akkarin.

- Danke, erwiderte Rothen erleichtert.

Sonea beobachtete, wie die beiden Männer von ihrem Versteck ins Tal stiegen. Während es in Imardin noch finstere Nacht war, dämmerte in Sachaka bereits der Morgen. Die tiefhängenden Wolken des letzten Tages hatten sich über Nacht noch tiefer über die Berge herab gesenkt und dämpften jeden Laut.

Der Nebel wird Akkarin und Dorrien zum Vorteil gereichen, erkannte Sonea. Der Sachakaner würde die Gildenmagier erst spät bemerken, wenn es zu spät war.

Nachdem sich die beiden Männer eine Weile schweigend durch das Unterholz geschlagen hatten, flachte der Berghang ab. Wenige Schritte später erreichten sie einen Trampelpfad.

Akkarin blieb stehen.

- Wir werden gleich auf den Sachakaner stoßen, sandte er. Rothen, wenn es etwas gibt, das Ihr Eurem Sohn persönlich sagen wollt, dann soll Sonea Euch eine Weile den Ring aushändigen.

- Nicht nötig, antwortete Rothen, obwohl Sonea seine Besorgnis spüren konnte. Richtet ihm nur bitte aus, er soll nichts Dummes anstellen.

- Gut. Sonea, was ist mit dir?

Sonea unterbrach die Verbindung zu Rothen und Lord Telano.

- Ich habe dir nichts zu sagen, was du nicht bereits wüsstest, sandte sie. Ich möchte dich nicht ablenken.

Sie konnte sein Lächeln beinahe spüren.

- Ich liebe dich auch.

Sonea holte tief Luft und griff wieder nach den Händen ihrer Sitznachbarn. Sie spürte, wie Rothens Daumen sachte über ihren Handrücken strich.

- Er wird zurückkommen.

Sie lächelte und wurde dann wieder ernst, als Akkarin Dorriens Arm berührte.

- Der Sachakaner ist nicht mehr weit entfernt, sagte er. Von jetzt an seid Ihr auf Euch gestellt. Seid Ihr wirklich sicher, dass Ihr das tun wollt?

- Ja, antwortete Dorrien entschlossen.

- Ich werde ganz in der Nähe sein. Der Innere Schild, mit dem ich Euch ausgestattet habe, ist stark genug, um einen tödlichen Treffer abzufangen. Ich muss ihn jedoch auflösen, bevor der Sachakaner Euch berührt, da er ihn sonst spüren wird. Denkt daran, Ihr dürft Euch nicht als Magier zu erkennen geben, bis Ihr nach seinem Herzen greift. Er wird sonst nicht zögern, Euch zu töten.

Dorrien nickte ernst. Dann wandte er sich in Richtung des Tals, während Akkarin hinter einem Dornbeerstrauch am Eingang der Schlucht Deckung suchte.

Alles, was von da an geschah, konnte Sonea nur aus der Distanz beobachten. Bevor der Nebel Dorrien ganz verschluckt hatte, hörte sie die Schritte einer Gruppe von Menschen näherkommen. Dann machte sie mehrere dunkle Schemen aus, die allmählich deutlicher wurden. Dorrien stieß einen übertrieben lauten Schrei aus und rannte in Richtung der Schlucht.

Der Sachakaner rief etwas, das Sonea nicht verstehen konnte.

Dorrien hielt inne und sah zurück. Rote Blitze schossen auf ihn zu. Er wich aus und lief an Akkarin vorbei in den Schutz der Felsen, der Sachakaner war ihm dicht auf den Fersen. Ein Betäubungsschlag traf ihn in den Rücken und Dorrien blieb im Schnee liegen, so wie es jemand tun würde, der ungeschützt war.

In seinem Versteck spannte Akkarin sich an, bereit loszurennen. „Kämpf auf keinen Fall dagegen an“, murmelte er.

Der Sachakaner lachte, zog einen juwelenbesetzten Dolch aus seinem Gürtel und ging auf Dorrien zu. Mit angehaltenem Atem beobachtete Sonea, wie er Dorrien grob auf den Rücken drehte und neben ihm in die Hocke ging. Dann drückte er Dorriens Kopf zur Seite und vollführte einen raschen Schnitt an dessen Hals.

Dorrien bekam das Handgelenk des Sachakaners mit dem Messer zu fassen, bevor dieser seine Hand auf die Wunde legen konnte. Sonea sah, wie sich der Gesichtsausdruck des schwarzen Magiers veränderte, als habe er Schmerzen, dann riss er sich unvermittelt los und ein unsichtbarer Widerstand drückte Dorrien zurück auf den Erdboden. Er versuchte, sich zu befreien, doch das Kraftfeld hielt ihn unerbittlich fest. Entsetzt beobachtete Sonea, wie der Sachakaner sich erneut über ihn beugte.

Der Plan war schiefgelaufen, Dorrien aufgeflogen. Die plötzliche Furcht ließ Soneas Eingeweide gefrieren.

Der Sachakaner lachte höhnisch und sagte etwas in einer zischenden Sprache. Dann presste er seine Hand auf die Wunde an Dorriens Hals.

Akkarin stieß einen rüden Fluch aus und stürzte aus seinem Versteck. Zur gleichen Zeit flog von Links ein Hagel Feuerschläge durch das Sichtfeld, als die Krieger aus der Schlucht angriffen. Die kyralischen Gefangenen, die inzwischen die Schlucht erreicht hatten, flohen in alle Richtungen. Entsetzt hielt Sonea den Atem an, als einige von ihnen von gestreuter Magie getroffen wurden.

Zwei Männer eilten indes an die Seite des Sachakaners. Es mussten die Sklaven sein, die er aus Sachaka mitgebracht hatte. Sonea beobachtete, wie sie unter zwei gezielten Betäubungsschlägen zusammenbrachen. Dann attackierte Akkarin den Schild seines Gegners mit brutaler Gewalt, um ihn von Dorrien abzulenken. Sonea wollte ihm sagen, dass er versuchen musste, unter den Schild des anderen Magiers zu kommen. Doch das wusste er selbst. Nervös biss sie auf ihre Unterlippe. Akkarin würde nicht viel Zeit bleiben, um Dorrien zu retten.

Plötzlich hatte sie eine Idee. Es war waghalsig, aber es konnte funktionieren. Bei Akkarin hatte es das einmal …

- Wirf dein Messer, sandte sie. Und dann mach, was Kariko getan hat.

- Gute Idee, antwortete er zu ihrer Überraschung.

Sonea lächelte grimmig. Ohne einen weiteren Kommentar ließ Akkarin den Schnee zwischen sich und dem Sachakaner aufwirbeln. Dann warf er sein Messer. Der Sachakaner war nun nicht mehr zu sehen, doch Sonea war sicher, Akkarin wusste ganz genau, wo sein Gegner war.

Sie hörte Schreie, ob von den anderen Kriegern oder den Gefangenen konnte sie nicht sagen. Feuerschläge flogen aus allen Richtungen durch das Bild und sie nahm an, dass die Krieger inzwischen sehr nahe waren.

Mit einem Mal verebbte der Schneesturm. Von Akkarins Messer in die Seite getroffen, brach der Sachakaner zusammen. Dorrien wälzte sich stöhnend im Schnee und versuchte, wieder auf die Beine zu kommen. Akkarin rannte auf den Sachakaner zu, das Messer flog zurück in seine Hand. Der fremde Magier sah zu ihm auf, den Mund zu einem höhnischen Lächeln verzogen, während er seine Hände zum Angriff hob.

- Nein!, hörte Sonea sich schreien.

Dann brach die Verbindung ab.


***


Der Schrecken über die soeben gemachte Erfahrung saß Dorrien noch immer tief in den Gliedern. Plötzlich kam er sich unendlich leichtsinnig vor. Er war gerade noch mit dem Leben davon gekommen. Was hatte er sich nur dabei gedacht, als er sich als Köder angeboten hatte?

Stöhnend richtete er sich auf und sah sich um.

Der Sachakaner lag zusammengekrümmt am Boden. Akkarin stand vor ihm, seinen Dolch gezogen. Seine Miene drückte Zorn aus.

Dann geschahen mehrere Dinge nahezu gleichzeitig. Der Sachakaner errichtete einen neuen Schild um sich und seine Sklaven, die noch immer am Boden lagen. Dann hob er seine Hände, weiße Magie züngelte von ihnen. Doch bevor er sie bündeln konnte, löste sie sich auf.

Der Sachakaner zischte wütend und griff Akkarin erneut an. Die Luft zwischen den beiden Männern schien für einige Augenblicke in Bewegung zu geraten, so als würde Akkarin seinen Schild manipulieren. Dorrien blinzelte, sich fragend, ob seine Augen ihm einen Streich gespielt hatten. Doch offenkundig unversehrt antwortete Akkarin mit Hitzeschlag auf den Angriff seines Gegners.

Der Sachakaner machte einen taumelnden Schritt zu seinen beiden Sklaven und beugte sich über sie. Mit einem raschen Schnitt nahm er die Kraft der beiden Männer, während er die Angriffe von Akkarin und den Kriegern ignorierte.

Nur wenige Augenblicke später wandte er sich wieder seinem Gegner zu. Obwohl seine Kleider dort, wo Akkarins Messer ihn getroffen hatte, blutgetränkt waren und sein Gesicht eine ungesunde Blässe angenommen hatte, attackierte er den ehemaligen Hohen Lord mit brutaler Stärke. Akkarin konterte mit ausdrucksloser Miene.

Der Sachakaner rief etwas in seiner Muttersprache. Es klang harsch und höhnisch. Akkarins Antwort war kühl und herablassend.

Endlich gelang es Dorrien, aufzustehen. Den plötzlichen Schwindel ignorierend atmete er einmal tief durch.

„Akkarin!“, rief er. „Braucht Ihr Hilfe?“

„Spart Euch Eure Kraft für Eure Leute auf“, entgegnete der schwarze Magier ohne den Blick von seinem Gegner zu wenden.

Aber Dorrien war wie gelähmt. Der sachakanische Magier hätte ihn fast getötet. Er war so besessen davon gewesen, seinen Leuten zu helfen, dass er dabei beinahe zu weit gegangen war. Und damit hätte ich fast dafür gesorgt, dass ich ihnen niemals wieder helfen kann …

Mittlerweile waren die Krieger nähergekommen und griffen den Sachakaner in geschlossener Formation an. Jemand packte Dorrien grob und zog ihn zur Seite. „Lord Dorrien, schützt Euch gefälligst“, erklang eine barsche Stimme und Dorrien wich einen hastigen Schild errichtend weiter zurück, während die Krieger Akkarin unterstützten.

Die Aufmerksamkeit des Sachakaners war indes unverrückbar auf Akkarin gerichtet, als wüsste er, dass dieser der einzige ernstzunehmende Gegner war. Selbst ohne seine schwarze Robe wirkte Akkarin finster und bedrohlich. Im Gegensatz zu ihm mussten die Krieger wie Sapfliegen wirken.

Er ist verwundet, dachte Dorrien. Wie lange will er das noch durchhalten?

Akkarins doppelte Kraftschläge brachten den Schild seines Gegners zum Erbeben, doch dieser konterte mit der gleichen Stärke. Balkan rief ein Kommando und die Krieger attackierten die Felsen über ihren Köpfen. Mehrere mittelgroße Felsblöcke fielen herab und prallten gegen den Schild des Sachakaners. Entsetzt stellte Dorrien fest, dass Akkarins Angriffe schwächer wurden. Der Sachakaner lachte und griff Akkarin mit Feuerschlag an.

Der Angriff schoss auf Akkarins Schild zu. Plötzlich änderte er die Richtung und schoss zu dem Sachakaner zurück. Akkarin schritt langsam auf seinen Gegner zu, während er den Schild seines Gegners unablässig mit einer Kaskade von Kraftschlägen attackierte. Zu Dorriens Überraschung schien er plötzlich überhaupt nicht mehr erschöpft.

Er hat den Sachakaner glauben lassen, er habe seine Kräfte nahezu aufgebraucht, erkannte Dorrien. Plötzlich verspürte er eine widerwillige Bewunderung für den schwarzen Magier.

Der Schild des sachakanischen Magiers glühte inzwischen unter dem permanenten Einwirken von Magie. Er attackierte Akkarin erneut mit verbissener Miene.

Die Felsbrocken lösten sich vom Boden und schossen auf den Sachakaner zu. Es gelang dem Sachakaner, einige Trümmer zu Akkarin und den Kriegern zurückzuwerfen, die Übrigen prallten gegen seinen Schild, der unter dem Beschuss inzwischen bedrohlich flackerte.

Akkarin sagte etwas auf Sachakanisch und griff erneut an. Endlich brach der Schild des fremden Magiers zusammen. Der Sachakaner taumelte und stürzte zu Boden.

„Angriff einstellen!“, rief Balkan. „Seht nach den Gefangenen!“

Die Angriffe der Krieger erstarben. Akkarin eilte zu seinem Gegner und ging neben ihm in die Hocke. Er presste eine Hand in die blutende Seite des Sachakaners, woraufhin dieser erschlaffte.

Der Hohe Lord trat zu Dorrien. „Geht es Euch gut?“

Dorrien nickte, aus seiner Schockstarre erwachend. Seine kurze Begegnung mit dem Sachakaner war weitaus entsetzlicher gewesen, als jene mit Parika. Das Gefühl der Ohnmacht, als der Sachakaner seine Kraft genommen hatte, übertraf jene Erfahrung um Längen. Ohne das Eingreifen von Akkarin und den Kriegern wäre er gestorben.

„Ihr solltet Euch nicht ungeschützt in der Nähe eines magischen Kampfes aufhalten.“

Dorrien wandte den Kopf zu dem anderen Mann. „Ich weiß“, sagte er, begreifend, dass es Balkan gewesen war, der ihn aus dem Kampfgeschehen entfernt hatte. „Ich weiß auch nicht, wieso …“ Er schüttelte den Kopf. „Danke, dass Ihr mich außer Gefahr gebracht habt.“

Balkan nickte grimmig. „Wie steht es um Eure Kraftreserven?“

Dorrien konzentrierte sich auf seine magische Quelle. „Er hat mir nicht viel gelassen“, antwortete er bemüht, sich sein Entsetzen nicht anmerken zu lassen.

Der Hohe Lord musterte ihn. „Ich werde die Krieger anweisen, sich um die Verletzungen der Gefangenen zu kümmern. Wenn sie dabei auf etwas stoßen, das ihre Fähigkeiten übersteigt, werden sie Euch zu Rate ziehen.“

„Danke“, erwiderte Dorrien, ausnahmsweise einmal froh, dass man ihm seine Arbeit abnahm.

Balkan klopfte ihm auf die Schulter. „Ruht Euch aus.“ Dann verschwand er, um den Kriegern die entsprechenden Befehle zu erteilen.

Seufzend ließ Dorrien sich auf einem Felsen nieder und atmete einmal tief durch. Allmählich verebbte die Panik und seine Nerven beruhigten sich. Das dumpfe Gefühl von Unruhe hielt sich jedoch hartnäckig.

„Du hast dich gut geschlagen.“ Darren und Kayan kamen auf ihn zu und klopften Dorrien auf die Schulter. „Das heißt für einen Heiler.“

Dorrien schnaubte. „Das bedeutet mir wahnsinnig viel.“

Der Hohe Lord kehrte zu ihnen zurück. „Lord Dorrien, ich denke, wir alle sind euch zu Dank verpflichtet“, sagte er. „Es hat immer die Möglichkeit bestanden, dass Euer Trick nicht funktioniert.“

„Es war einen Versuch wert“, sagte Dorrien achselzuckend. Er wies zu Akkarin, der noch immer über den anderen schwarzen Magier gebeugt war. „Wird er ihn töten?“

Balkan schüttelte den Kopf. „Das wird davon abhängen, was Akkarin von ihm erfährt.“

Akkarin nahm seine Hand von der Seite des Sachakaners. Doch anstatt aufzustehen, presste er seine Finger gegen die Schläfen des Mannes. Das Gesicht des Sachakaners wurde aschfahl, doch er wehrte sich nicht. Mit einem Schaudern erkannte Dorrien, dass er dafür zu schwach war.

Nur wenige Augenblicke später ließ Akkarin den Mann los. Die Hand mit dem Ärmel seines Hemdes bedeckt fuhr er in die Brusttasche des Obergewandes des Sachakaners. Dorrien beobachtete, wie er einen roten, glitzernden Stein daraus hervor holte. Akkarin warf ihn zu Boden, starrte einen Moment darauf und der Stein zerbarst.

Dann presste er seine Hände erneut auf die Schläfen des Sachakaners und setzte sein Verhör fort. Dieses Mal verging eine geraume Zeit, bis er endlich von dem anderen Magier abließ. Als er sich erhob und zu Balkan trat, wirkte er finsterer denn je.

„Gute Arbeit“, sagte der Hohe Lord. „Habt Ihr ihn verhört?“

Akkarin nickte. „Ich habe zudem seine Verletzung notdürftig geheilt. Lord Dorrien sollte sich die Wunde jedoch noch einmal ansehen.“

„Konntet Ihr etwas in Erfahrung bringen, das uns von Nutzen ist?“

Akkarin senkte die Stimme. „Seine Name ist Ikaro“, antwortete er. „Er ist ein Ashaki, der zu König Marikas Anhängern gehört. Ich konnte einige interessante Dinge in Erfahrung bringen.“

Balkans Miene wurde wachsam. „Was für Dinge?“

„Ich würde es vorziehen, das erst zu enthüllen, wenn wir zurück in der Gilde sind. Dieses Thema betrifft die Gilde als Ganzes und ich möchte niemanden vorschnell beunruhigen.“

Zu Dorriens Überraschung nickte der Hohe Lord. Wenn ihn diese Neuigkeiten verstörten, so ließ er es sich nicht anmerken. Dorrien war jedoch zutiefst beunruhigt. Was hatte Akkarin erfahren, das die Macht hatte, eine Panik auszulösen? Was führten die Sachakaner im Schilde?

„Wie viel haben die höheren Magier in der Gilde davon mitbekommen?“, fragte Balkan leise.

„Nichts. Ich habe die Verbindung vorher unterbrochen.“

Der Hohe Lord nickte. „Gut. Belasst es vorerst dabei, bis Ihr andere Anweisungen erhaltet.“ Er runzelte die Stirn. „Und die Leute, von denen er das Blutjuwel hatte?“

„Das Blutjuwel gehörte dem König von Sachaka. Es ist einige Tage her, dass Ikaro es zuletzt benutzt hat. Ich konnte es zerstören, ohne mich zu erkennen zu geben. Marika wird ihn für verschollen halten und glauben, er habe sich nach Kyralia abgesetzt.“

„Was ist mit den anderen Entführten?“, verlangte Dorrien zu wissen.

„Aus Ikaros Gedanken konnte ich erfahren, dass er mehr als ein Dutzend weiterer Kyralier getötet hat, weil sie entweder das Pech hatten, ihm zu begegnen, oder er sie gegen Sklaven mit größerem magischen Potential ausgetauscht hat. Ich werde Euch später eine Liste mit Namen und den Orten, wo er die Leichen zurückgelassen hat, aushändigen.“

Obwohl Dorrien nach Wochen der Jagd nicht anderes erwartet hatte, verspürte er Entsetzen ob dieser Nachricht. Und Trauer. Er hatte alles versucht, um diese Menschen zu retten, aber es war von Anfang an ein sinnloses Unterfangen gewesen, weil einige bereits gestorben waren, bevor er von ihrem Verschwinden erfahren hatte.

Lord Garrel trat zu ihnen. „Ist er noch gefährlich?“, fragte er mit einem Nicken zu dem Sachakaner.

„Er hat gerade noch genug Kraft, um zu am Leben zu bleiben“, antwortete Akkarin. „Es wird einige Stunden dauern, bis er sich so weit regeneriert hat, dass er uns gefährlich werden kann. Aber wir sollten wachsam sein. Er wird nicht davor zurückschrecken, einen von uns zu töten, sollte er dazu die Gelegenheit bekommen.“

Dorrien erschauderte. Seine ursprüngliche Vermutung war also gar nicht so falsch gewesen. Der Mann, der die Bergbewohner entführt hatte, war wahrhaftig eine Bestie.

„Lord Akkarin, was schlagt Ihr vor, was wir mit ihm tun?“, fragte das Oberhaupt der Krieger.

„Das Einfachste wäre es, ihn auf der Stelle zu töten. Wir können seine Kräfte nicht ohne die Hilfe der Oberhäupter der anderen Disziplinen blockieren.“

„Wir sind zivilisierte Menschen, wir töten niemanden“, sagte Balkan barsch. „Wir bringen ihn in die Gilde, wo er sich bei einer Anhörung verantworten muss.“

„Ich habe nur gesagt, es wäre die einfachste Möglichkeit“, gab Akkarin kühl zurück. „Er hat mir alle Informationen gegeben, die wir brauchen. Er ist uns jetzt nicht mehr von Nutzen. Ihn laufen zu lassen, wäre töricht, ihn nach Imardin zu überführen birgt ein unkalkulierbares Risiko.“

„Ich gebe Euch recht“, sagte der Hohe Lord. „Dennoch müssen wir ihn in die Gilde bringen. Wir sind keine Barbaren, er hat das Recht auf eine Anhörung. Lord Akkarin, glaubt Ihr es ist möglich, Ikaro nach Imardin zu überführen, ohne dass er zu einer Gefahr für uns wird?“

Zwischen den Augenbrauen des schwarzen Magiers bildete sich eine steile Falte. „Dazu müsste ich mehrmals pro Tag seine Kraft nehmen“, antwortete er schließlich. „Seine Regeneration sollte zudem überwacht werden. Aber ja, es ist möglich.“

Balkan nickte. „Dann werden wir es so machen.“

„Eine gute Idee“, pflichtete Garrel ihm sofort eifrig bei. „Ich halte es für besser, wenn die Krieger diesem Mann nicht zu nahe kommen.“

Der Hohe Lord runzelte die Stirn und wandte sich wieder zu Akkarin. „Ich will, dass Ihr den Gefangenen Tag und Nacht bewacht und ihn keinen Moment aus den Augen lasst.“

„Verstanden, Hoher Lord.“

„Was machen wir mit seinen Sklaven?“, fragte Garrel auf die beiden Sachakaner deutend, die noch immer regungslos im Schnee lagen. „Wir können sie unmöglich zurücklassen.“

Dorrien schritt zu den beiden Männern und untersuchte sie. „Sie sind tot“, sagte er.

„Es ist besser so“, sagte Akkarin. „Hätten sie überlebt, müssten wir sie gefangen halten, um sie davon abzuhalten, ihren Meister zu befreien. Das wäre für sie noch schlimmer, als ihr bisheriges Dasein.“

„Ihr Tod hätte trotzdem vermieden werden können“, entgegnete Dorrien hart.

„Dorrien, er hat recht“, sagte Balkan ungewöhnlich sanft und legte eine Hand auf Dorriens Arm. „Ruft Eure Leute zusammen, wir brechen auf.“

Dorrien nickte und sah sich nach seinen Leuten um. Die meisten hatten zu Beginn des Kampfes im Wald Schutz gesucht, doch inzwischen hatten sie ihre Verstecke wieder verlassen. Einige Krieger kümmerten sich bereits um ihre Verletzungen, die zu Dorriens Erleichterung nur leicht schienen. Er zählte die kleine Gruppe von Nichtmagiern durch, die sich vor der Schlucht versammelt hatten.

„Viana fehlt“, stellte er fest. „Und ihre Schwester. Hat jemand sie gesehen?“

„Sie sind dort zwischen die Bäume gelaufen, als der Kampf losging“, antwortete Rorin. „Ich glaube, sie wurde getroffen.“

Dorrien erstarrte. Als wäre es nicht bereits entsetzlich genug, dass der Sachakaner Unschuldige getötet hatte! Wie sollte er Kullen beibringen, dass seine Töchter bei ihrer Befreiung ums Leben gekommen waren?

Akkarin war bereits in die Richtung verschwunden, in die der Schmied von Wildwasser gezeigt hatte.

„Wartet!“, rief Dorrien und eilte hinter ihm her.

„Diese Viana“, sagte Akkarin, während er voraus schritt und das Dickicht absuchte. „Wie sieht sie aus?“

„Mittelgroß, tennblonde Haare, braune Augen“, antwortete Dorrien knapp. Er verspürte nicht die geringste Lust, sich mit diesem Mann mehr als nötig zu unterhalten. „Ich glaube, sie ist ziemlich hübsch.“

Er runzelte die Stirn, als er erkannte, dass er sich an Vianas Gesicht nicht erinnern konnte. Während der vergangenen Tage hatte er sie wenn überhaupt nur aus der Ferne gesehen. Dafür war der Duft ihres Schals, den er noch immer bei sich trug, umso präsenter. Zudem erinnerte Dorrien sich an sämtliche Krankheiten, wegen derer er sie bereits behandelt hatte. Er schüttelte den Kopf. Werde ich langsam zu der Sorte Heiler, zu der ich nie werden wollte?

„Und ihre Schwester?“

„Genauso. Nur viel jünger.“

Ohne Vorwarnung blieb Akkarin stehen. Dorrien fluchte, weil er fast mit ihm zusammengestoßen wäre.

„Ist sie das?“, fragte der schwarze Magier zu einem Felsen deutend.

Dorrien folgte seinem Blick. Daneben lag der reglose Körper einer Frau halb verborgen unter dem Dickicht. Viana.

Bevor Dorrien reagieren konnte, kniete Akkarin bereits neben ihr. „Sie muss gestürzt sein, als ein Angriff sie traf und sich dabei an diesem Felsen verletzt haben“, stellte der schwarze Magier fest.

Dorrien eilte an die Seite der jungen Frau und untersuchte sie. Die Diagnose des anderen Mannes ärgerte ihn. Er war der Heiler.

Viana war bewusstlos. Im Sturz hatte sie sich das Jochbein gebrochen. Blut sickerte aus einer Platzwunde an ihrem Haaransatz und färbte das Gold ihrer Haare schwarz. Er untersuchte den Rest ihres Körpers und fand eine Brandwunde in der Seite, die von einem Hitzeschlag stammte, jedoch nicht lebensbedrohlich war. Er entschied, die Kopfverletzung zuerst zu behandeln, da von ihr die größere Bedrohung ausging.

Nach seiner Magie greifend stoppte er die Blutung und richtete den Bruch behutsam.

Ich werde dich zurückbringen, dachte er wieder und wieder. Er wusste nicht, wie er Kullen jemals wieder unter die Augen treten sollte, wenn er Viana verlor. Und dann wirst du Loken heiraten können.

„Wir werden beobachtet“, murmelte Akkarin plötzlich. Sein Körper war angespannt wie ein Limek, der sich zum Sprung bereitmachte, während seine dunklen Augen wachsam umherhuschten. „Bleibt ruhig und schützt Euch.“

Dorrien errichtete einen Schild um sich und Viana. Er beobachtete, wie Akkarin um den Felsen herum schlich und sich dann einem anderen Felsen näherte. Dorrien fiel auf, dass das Laub dort seltsam aufgehäuft war.

Akkarin schien das indes nicht zu bemerken. Er schlich an dem Felsen vorbei und auf einen Dornbeerstrauch zu. Dann wirbelte er herum. Der Laubhaufen schwebte empor und enthüllte ein kleines zitterndes Wesen mit tennblondem Schopf, das Akkarin furchterfüllt anstarrte. Lina, Vianas kleine Schwester.

Erleichtert stieß Dorrien die Luft aus, die er angehalten hatte, und ließ seinen Schild wieder fallen.

Akkarin hob überrascht die Augenbrauen. „Hallo, wer bist du denn?“, fragte er überraschend sanft und neben Lina ging in die Hocke.

Das kleine Mädchen schien wie erstarrt.

„Hab keine Angst“, sagte Akkarin. „Du bist jetzt in Sicherheit.“

„Ist der böse Mann fort?“

Linas Stimme zitterte. Sie schien jedoch unversehrt. Erleichtert fuhr Dorrien damit fort, Viana zu heilen, während er der Unterhaltung weiterhin lauschte.

„Wir haben ihn gefangen“, antwortete Akkarin. „Er kann dir nichts mehr tun.“

Lina betrachtete ihn mit großen Augen. „Bist du ein Magier?“

„Ja.“

„Aber du siehst nicht wie einer aus.“

„Ich habe mich verkleidet, weil der böse Mann sonst vor mir weggelaufen wäre“, erklärte Akkarin.

Dorrien verkniff sich ein Grinsen. Die Vorstellung, wie der Sachakaner vor Akkarin in schwarzen Roben die Flucht ergriff, war nur allzu erheiternd.

„Er hat mir weh getan!“, klagte Lina.

Mit einem Mal gewann Akkarins Stimme an Schärfe. „Was hat er mit dir gemacht?“

„Er hat mich in den Arm geschnitten. Es hat weh getan, aber er hat es immer wieder getan. Und dann bin ich immer so müde geworden.“ Das Mädchen brach in Tränen aus.

Ein ungeahnter Zorn erwachte in Dorrien. Dieser Sachakaner hatte sich doch tatsächlich an einem kleinen Kind vergriffen! Er hatte angenommen, der Mann wollte die entführten Kinder später an Sklavenhändler verkaufen, doch das hätte er nie für möglich gehalten. Mit einem Mal schämte er sich, weil er jedes Mal weggesehen hatte, wenn der Sachakaner die Kraft seiner Gefangenen genommen hatte.

Aber was hätte ich überhaupt dagegen tun können?

Inzwischen hatte er Vianas Jochbein wieder zusammenwachsen lassen. Das war nicht üblich und Dorriens Magie war nahezu am Ende, doch Viana würde noch eine anstrengende Heimreise vor sich haben. Einen tiefen Atemzug nehmend kämpfte er gegen den plötzlichen Schwindel an. Seine Magie war aufgebraucht. In seiner Besessenheit, Vianas Schädelverletzung zu heilen, hatte er sogar die Energiereserven seines Körpers angezapft. Aber er war der Einzige, der ihr helfen konnte. Die Krieger waren für solche Behandlungen nicht ausgebildet. Während er sich fragte, ob seine Kraft noch für die Brandwunde ausreichen würde, oder ob er vorher ohnmächtig wurde, blickte er zu Akkarin und dem Mädchen, das noch immer weinte.

Der schwarze Magier streckte eine Hand aus und strich über den Schopf der Kleinen. „Wie ist dein Name?“, fragte er.

Die Kleine hörte auf zu weinen und sah zu ihm auf.

„Lina.“

„Lina“, wiederholte Akkarin. „Gib mir deinen Arm.“

Lina gehorchte ohne Protest. Behutsam schob Akkarin den Ärmel ihres schmutzigen Wams zurück. Als Dorrien die vielen roten Narben auf diesem winzigen Arm sah, sog er scharf die Luft ein.

„Lina, du bist ein sehr tapferes kleines Mädchen …“, begann der schwarze Magier.

„Ich bin schon fünf!“, protestierte sie.

Zu Dorriens Überraschung wirkte der andere Mann erheitert.

„Dann eben ein großes, tapferes Mädchen. Aber es ist vorbei. Alles wird wieder gut werden.“ Er strich sachte über die Schnitte auf Linas Arm, die auf der Stelle verblassten und verschwanden.

Lina kicherte. „Das kitzelt!“, rief sie und betrachtete ihren Arm. Ihre Augen weiteten sich. „Sie sind weg!“

Der Anflug eines Lächelns huschte über Akkarins harsche Züge. „Dann wollen wir dich jetzt zu deinen Eltern zurückbringen“, sagte er und hob Lina hoch. „Ich bin sicher, sie machen sich schon fürchterliche Sorgen um dich.“

Mit Lina auf dem Arm schritt er zurück zu Dorrien. Wortlos legte er eine Hand auf Dorriens Schulter und übertrug ihm seine Magie.

„Danke“, murmelte Dorrien widerwillig und beendete Vianas Behandlung.

„Das da ist meine Schwester“, erklärte Lina und zeigte auf Viana. „Wird sie wieder gesund?“

„Das musst du Lord Dorrien fragen“, erwiderte Akkarin. „Aber ich denke schon. Er ist ein sehr guter Heiler.“

Ein eifersüchtiger Stich durchfuhr Dorrien, als er aufsah. Vianas kleine Schwester hatte ihre Arme vertrauensvoll um den Hals ihres Retters geschlungen und strahlte über ihr ganzes Gesicht.

Er schnitt eine Grimasse. Akkarin hatte nicht das Recht, so mit den Kindern von Dorriens Schutzbefohlenen umzugehen. Besser, wenn er sich ganz von Kindern fernhielt. Und dann kam Dorrien ein ganz anderer Gedanke, der indes nicht weniger entsetzlich war. Was, wenn das nicht die Tochter irgendeines Bauern, sondern Akkarins eigene Tochter wäre? Die Sonea ihm geschenkt hatte … würde er sich dann nicht auch so liebevoll um sie kümmern? Er schüttelte sich. Er konnte sich nicht vorstellen, dass der schwarze Magier zu solch aufrichtigen Gefühlen fähig war.

„Deine Schwester wird wieder gesund, kleine Lina“, versprach er und vertrieb den Gedanken, Sonea und Akkarin könnten eines Tages Kinder haben. „Sie sollte jeden Augenblick aufwachen.“

Lina strahlte.

Dorrien blickte zu ihrer großen Schwester. Auf ihre Wangen kehrte allmählich die Farbe zurück. Ihre Lider bewegten sich und dann schlug Viana die Augen auf. Zum ersten Mal bemerkte Dorrien, dass ihre Augen die Farbe von Tironüssen hatten.

Auch wenn ich ihr Gesicht wieder vergessen sollte, diese Augen werde ich niemals wieder vergessen, fuhr es ihm durch den Kopf.

„Lord Dorrien“, flüsterte Viana überrascht, als sie ihn erblickte. Über ihre noch farblosen Lippen huschte ein Lächeln und ihre Wangen färbten sich zusehends rosa. „Was ist passiert?“

„Es gab einen Kampf zwischen den Magiern der Gilde und dem Sachakaner, der euch entführt hat“, antwortete er. „Du wurdest von gestreuter Magie getroffen. Ich habe dich geheilt.“

„Wo ist Lina?“

„Ich bin hier!“, rief ihre Schwester von Akkarins Arm und winkte fröhlich.

Dorrien war überrascht, wie schnell sich die Stimmung des Mädchens wieder gehoben hatte. Jetzt, wo sie ihre Schwester wieder hatte und der böse Mann ihr nichts mehr tun konnte, schien Linas Welt wieder in Ordnung.

Viana lächelte.

„Kannst du aufstehen, kleine Viana?“, fragte Dorrien.

„Ich denke schon, Mylord.“

Dorrien reichte ihr seine Hand und zog sie auf die Beine. Die ältere Tochter des Reberhirten schwankte leicht. Er fasste sie an den Schultern, um sie zu stützen.

„Ganz ruhig“, sagte er. „Versuche ganz normal weiter zu atmen, dann wird der Schwindel gleich vergehen.“

Viana nickte. Sie hatte ihre Augen geschlossen und wirkte ungewohnt zerbrechlich. Ihr Anblick erinnerte Dorrien indes noch an etwas anderes.

„Als ich dich, deine Schwester und die anderen gesucht habe, habe ich etwas gefunden“, sagte er. Ihre braunen Augen öffneten sich und blickten ihn erwartungsvoll an. Mit einem Mal fühlte er sich seltsam unbeholfen. Er griff unter seinen Umhang und zog ihren Schal hervor. „Du hast ihn in der Höhle verloren, wo ihr während des Schneesturms wart.“

Vianas Augen weiteten sich. „Vielen Dank, Lord Dorrien!“, sagte sie erfreut.

Sie sah zu ihm auf und zögerte einen Augenblick. Dann nahm den Schal entgegen und schlang ihn sich um den Hals.

Dorrien lächelte. „Das habe ich gerne gemacht, kleine Viana.“ Er warf einen Seitenblick zu Akkarin. „Wir sollten zurückgehen“, sagte er, einen Arm um Vianas Taille legend, damit er sie jederzeit auffangen konnte.

Der schwarze Magier nickte. „Das wäre das Beste.“

Während sie zum Eingang der Schlucht gingen, stieg die Sonne über die Berge und ihre Strahlen brannten sich durch den Nebel. Dorrien wandte den Kopf und musterte den anderen Mann eingehend. Er machte sich keine Mühe, seine Neugier zu verbergen. Akkarin würde sie sowieso kaum entgehen.

Lina schien auf dem Arm ihres Retters ihr neues Zuhause entdeckt zu haben. Obwohl Dorrien für die Hilfe des schwarzen Magiers eine widerwillige Dankbarkeit verspürte, war er unsicher, ob ihm Linas Zuneigung gefallen sollte. Sein einziger Trost war, dass Akkarin bald wieder in Imardin unter Bewachung sein würde.

„Ich dachte immer, Kinder würden sich vor Euch zu Tode fürchten“, bemerkte er trocken.

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Ich dagegen habe immer wieder das Gegenteil festgestellt“, erwiderte er. „Im Übrigen sehe ich momentan nicht sehr zum Fürchten aus, fürchte ich.“

Dorrien musterte Akkarin, der im Augenblick eher einem heruntergekommenen Wildhüter als dem stärksten Magier Kyralias ähnelte, und verkniff sich ein Grinsen.

„Das tut Ihr wahrhaftig nicht.“


***


Rothen löste die Verbindung zu Lord Peakin und öffnete die Augen. Erst jetzt bemerkte er, dass seine Hände feucht waren. Vor den Fenstern graute ein trüber, verregneter Morgen. Er ließ seinen Blick zu den anderen Magiern wandern. Allmählich lösten seine Kollegen sich aus der mentalen Verbindung. Osen und Telano wirkten, als wären sie aus einem tiefen Schlaf erwacht.

Dann sah er zu Sonea, deren Hand er noch immer hielt. Ihr Gesicht war bleich und ihre Augen geschlossen. Vorsichtig berührte er ihren Geist.

- Es ist alles in Ordnung. Wenn er es nicht geschafft hätte, hätte Balkan es gemeldet.

Das war zumindest, was er sich selbst einzureden versuchte. Zuletzt hatte er gesehen, wie sein Sohn von dem Sachakaner überwältigt worden war, bevor jener Akkarin angegriffen hatte. Er konnte nur hoffen, dass Dorrien unversehrt war. Über die Alternative wollte er lieber nicht nachdenken.

Sonea reagierte nicht.

Lady Vinara betrachtete seine ehemalige Novizin besorgt. „Ist alles mit ihr in Ordnung?“, fragte sie.

„Ich weiß es nicht“, sagte Rothen.

Als die Verbindung zu Akkarin abgebrochen war, hatte er ihr Entsetzen und ihre Furcht gespürt. Seitdem hatte sie keinerlei Regung gezeigt. Das beunruhigte ihn.

Das war jetzt eine Stunde her. Noch immer hatten sie keine Neuigkeiten von Akkarin und dem Suchtrupp erhalten. Administrator Osen und Lady Vinara hatten schließlich beschlossen, die Versammlung aufzulösen und sich wieder zu treffen, wenn Akkarin Sonea erneut kontaktierte oder Balkan sich per Gedankenrede meldete.

Die Heilerin trat zu ihnen und fühlte Soneas Stirn. „Hat sie heute Nacht geschlafen?“

„Nicht viel.“

„Sorgt dafür, dass sie sich ausschläft. Am besten in Eurem Quartier. So ist sie nicht allein. Sonea sollte heute auch nicht am Unterricht teilnehmen. Morgen ist Wochenende, da kann sie den versäumten Stoff aufholen. Was Soneas heutigen Privatunterricht bei mir betrifft, so wird es nicht schaden, ihn ausfallen zu lassen. Was sie bei mir lernt, hat die Qualität eines Vertiefungskurses. Sie ist den anderen Novizen in ihrem Jahrgang weit voraus.“

Rothen nickte. Es war unverantwortlich, Sonea in diesem Zustand in den Unterricht zu schicken. So aufgelöst, wie sie war, würde sie sich auf nichts konzentrieren können. Sie musste erst wieder zur Ruhe kommen. Und sie würde ihn brauchen. Er entschied, seine Abschlussklasse von Lord Sarrin vertreten zu lassen und seinen Unterricht mit Farand auf den nächsten Tag zu verschieben.

„Ich werde Rektor Jerrik informieren und sie bei ihren Lehrern entschuldigen“, sagte er.

„Ich lasse Euch ein leichtes Schlafmittel für Sonea bringen“, sagte Vinara. „Und Ihr solltet Euch ebenfalls ausruhen.“

„Danke.“ Sonea würde kein Auge zu tun, bevor sie ihren Geliebten nicht unversehrt wusste. Rothen beugte sich zu seiner ehemaligen Novizin und strich über ihren Kopf.

„Sonea“, sagte er leise. „Es ist vorbei. Komm, lass uns gehen.“

Sie öffnete die Augen. Rothen sah, dass sie gerötet waren.

„Er hat auf meine Rufe nicht mehr geantwortet“, wisperte sie.

„Er muss sich um den Sachakaner kümmern“, versuchte er sie zu beruhigen. „Sicher will er nicht, dass jemand dabei zusieht. Wahrscheinlich verhört er ihn gerade.“

„Aber ich weiß doch, wie es ist, jemandem die Kraft zu nehmen oder zu verhören“, widersprach sie.

„Ich bin sicher, Akkarin hat seine Gründe“, sagte Rothen sich zu einem Lächeln zwingend. Er hoffte, mit seiner Vermutung Recht zu haben. Er wollte sich lieber nicht Soneas Reaktion ausmalen, sollte Akkarin tatsächlich ums Leben gekommen sein. „Wenn ihm und den anderen etwas passiert wäre, dann wüssten wir das bereits. Balkan hätte uns mit den abgesprochenen Codewörtern informiert.“ Rothen nahm Soneas Arm. „Komm jetzt“, sagte er sanft.

Sie sah ihn aus großen Augen an. „Seid Ihr sicher, dass ihm nichts passiert ist?“

„Ja. Und Dorrien auch nicht.“

Sonea schloss für einen Moment die Augen. Dann ließ sie sich widerstandslos von ihm zurück in sein Apartment führen.


***


Der Weg zum Südpass zog sich endlos, weil sie wegen der Dorfbewohner nur langsam vorankamen. Denjenigen, die zu erschöpft waren, um noch weiter zu laufen, hatten die Krieger ihre Pferde angeboten.

Dorrien ritt voran, zu erschöpft von Vianas Heilung, um zu laufen. Nachdem er zwei Tage in Sachaka verbracht hatte, konnte er es nicht erwarten, wieder kyralischen Boden zu betreten. Hinter ihm eskortierten die Krieger die Dorfbewohner. Ikaro, der sachakanische Magier, der noch immer bewusstlos war, saß in sich zusammengesunken auf einem Pferd, das von Akkarin und Balkan eskortiert wurde. Er war mit Magie gefesselt. Balkan hatte sich jedoch dafür ausgesprochen, ihn zusätzlich bei der nächsten Schmiede in Ketten legen zu lassen. Loken hatte sich bereit erklärt, diese anzufertigen, sobald sie in Windbruch waren.

Zu Dorriens Erleichterung hatte Viana sich inzwischen wieder von ihrer Kopfverletzung erholt. Sie ritt zusammen mit ihrer kleinen Schwester, die dem schwarzen Magier allenthalben neugierige Blicke zu warf, auf dem Pferd, das Darren zur Verfügung gestellt hatte.

Die Sonne war schon vor einer Weile hinter den Bergspitzen versunken, doch der Pass war immer noch mehrere Stunden entfernt. Dorrien ließ sich zurückfallen, bis er mit Balkan und Akkarin auf einer Höhe ritt.

„Es wird bald dunkel und meine Leute sind erschöpft“, sagte er. „Wir sollten uns einen geschützten Platz suchen, wo wir die Nacht verbringen können.“

„Es ist unnötig, dass diese Menschen eine weitere Nacht in Sachaka verbringen“, entgegnete Akkarin. „Dieses Land birgt zu viele Gefahren. Nach dem Kampf gegen Ikaro können wir ihnen nicht den nötigen Schutz bieten.“

„Wir werden rasten, doch erst wenn wir den Pass überquert haben“, bestimmte Balkan.

Krieger, dachte Dorrien verächtlich. Warum müssen sie immer aus allem eine Kampfstrategie machen?

„Wir alle wollen nach Hause“, sagte er. „Doch nicht alle werden so lange durchhalten. Und es sind nicht genug Pferde da, damit alle sich ausruhen können.“

„Dann sollen sie abwechselnd reiten.“

Dorrien unterdrückte einen Seufzer. „Ich schlage vor, wir fragen sie, ob sie bereit sind, noch heute Nacht den Pass zu überqueren“, sagte er.

„Meinetwegen“, brummte Balkan. Er erhob seine Stimme. „Alle, die bereit sind, bis Kyralia durchzumarschieren, heben ihre Hand.“

Rorin, ein Reberhirt und sechs Krieger hoben die Hand.

„Magier zählen nicht“, rief Balkan unwirsch. „Und wer möchte lieber jetzt gleich rasten?“

Die Mehrheit der Bergbewohner meldete sich.

Balkan seufzte. „Ich gratuliere“, sagte er. „Eure Leute haben mich überstimmt.“

Dorrien verkniff sich ein Grinsen. Was hast du erwartet?

Schon seit einer Weile war die Straße schon zu beiden Seiten von hoch in den Himmel ragenden Felswänden gesäumt. Nach ungefähr einer Viertelstunde fanden sie eine Stelle unter überhängenden Felsen, wo sie einigermaßen geschützt waren. Die Dorfbewohner drängten sich unter den Felsen zusammen, um sich gegenseitig unter den wenigen vorhandenen Decken zu wärmen. Die meisten schliefen ein, kaum dass sie saßen. Balkan schickte jeweils zwei Krieger ein Stück die Straße entlang und postierte einen an der Oberkante der Felswände, um ein Auge auf ihre Umgebung zu halten.

Obwohl Dorrien zum Sterben müde war, wollte der Schlaf nicht kommen. Es gab zu viele Dinge, die ihn beschäftigten.

Nach einer Weile richtete er sich auf und sah sich im Lager um. Seine Leute und die Krieger, die für die zweite Wache eingeteilt worden waren, schliefen bereits. Nur Akkarin war noch wach.

Er seufzte. Das Letzte, was er wollte, war mit diesem Mann über die Frau zu reden, die sie beide liebten. Und doch zwang ihn seine Neugier dazu, genau das zu tun.

Dorrien erhob sich und schritt durch das Lager auf den anderen Mann zu.

„Wie macht sich unser Gefangener?“, fragte er leise.

Akkarin sah auf. „Bis morgen früh wird er nicht aufwachen.“ Er nahm sein juwelenbesetztes Messer und wischte die Klinge an einem Tuch sauber. Dann steckte er es zurück in seinen Gürtel.

Dorrien schauderte, als ihm klarwurde, dass Akkarin gerade wieder die Kraft des Sachakaners genommen hatte. Das war etwas, an das er sich nie gewöhnen würde. Auch dann nicht, wenn es mit der Billigung der Gilde geschah.

In der Dunkelheit konnte er den Blick, mit dem der schwarze Magier ihn durchbohrte, förmlich spüren.

„Ihr seid nicht gekommen, um Euch nach dem Gefangenen zu erkundigen.“

Das war eine Feststellung. Dorrien erstarrte für einen Augenblick. Woher weiß er das?, dachte er. Liest er meine Gedanken?

„Nein“, antwortete er nur.

„Lord Dorrien, setzt Euch.“

Wortlos ließ Dorrien sich dem anderen Mann gegenüber nieder.

„Es geht ihr gut“, sagte der schwarze Magier. „Sie ist nicht mitgekommen, weil keine Notwendigkeit dazu bestand und die höheren Magier es verboten haben. Sie muss zudem eine Menge Stoff für ihre neuen Kurse aufholen, doch sie beklagt sich nicht.“

Dorrien nickte. „Mein Vater schrieb mir bereits vor einigen Wochen, Sonea hätte bei ihren nachgeholten Sommerprüfungen außerordentlich gut abgeschnitten“, sagte er. „Von neuen Kursen hat er jedoch nichts erwähnt.“ Sein Herz setzte einen Schlag aus. „Heißt das, sie hat eine Disziplin gewählt?“

„Ja.“

„Welche?“, fragte Dorrien atemlos.

„Die Kriegskunst.“

Nein!, dachte Dorrien ohnmächtig. Erst schwarze Magie und jetzt das. Sonea war stets so begeistert von der Idee gewesen, Heilerin zu werden und sich um die Bewohner der Hüttenviertel zu kümmern. Das passte so gar nicht zu der jungen Frau, in die er sich einst verliebt hatte. Wie war es Akkarin gelungen, dass sie ihre Ideale verriet? Dann schüttelte er unwillig den Kopf. Vielleicht war es besser, wenn er das niemals erfuhr.

„Es war ihre Entscheidung“, sagte Akkarin leise. „Würde ich mir anmaßen, über ihr Leben zu bestimmen, so würde ich sie für den Rest ihres Lebens von allen Gefahren fernhalten und damit ihren Hass riskieren.“

Dorrien wusste nicht so recht, ob er den Worten des schwarzen Magiers Glauben schenken sollte. Sonea war selbstständig und traf ihre eigenen Entscheidungen, sofern ihr diese Möglichkeit nicht verwehrt war. Doch es war so viel einfacher, Akkarin die Schuld an allem zu geben.

„Warum?“, fragte er verständnislos.

„Weil die Umstände es erfordert haben. Die Macht, über die sie jetzt gebietet, bringt eine große Verantwortung mit sich, die zu ignorieren töricht wäre. Ihr Wunsch, den Hüttenleuten zu helfen, ist dennoch in Erfüllung gegangen, was ihr die Entscheidung sicher erleichtert hat.“

Dorrien erinnerte sich, dass sein Vater in seinem Brief ein neues Krankenhaus im Norden der Stadt erwähnt hatte, das der König kurz nach der Schlacht hatte bauen lassen. Doch wenn Akkarin wirklich die Wahrheit sagte, wunderte er sich nicht mehr über Soneas Entscheidung. Sie tat, was sie tun musste. Der Gedanke, der in ihm Gestalt annahm, gefiel ihm nicht. Aber vielleicht hatte sie das einzig Richtige getan.

„Und wie geht es ihr sonst?“, fragte er. Er schluckte und fügte dann ein wenig zögernd hinzu: „Ist sie glücklich?“

„Ja.“

Das war die Antwort, die Dorrien gefürchtet hatte. Nicht, dass es ihm lieber gewesen wäre, Sonea unglücklich zu wissen. Er hatte sich nie vorgemacht, dass sie eines Tages zu ihm in die Berge ziehen würde. Er wollte nur nicht, dass sie glücklich mit einem anderen Mann war. Und schon gar nicht mit Akkarin. Dorrien hatte sich of gefragt, was Sonea an Akkarin fand. Ebenso wenig wie er Linas Zuneigung für den schwarzen Magier verstehen konnte, war es ihm unmöglich, Soneas Gefühle nachzuvollziehen.

„Ich habe gehört, sie hat Garrels Neffen eine weitere Lektion erteilt“, wechselte der das Thema.

„Es war ein Missverständnis. Seit jenem Vorfall sind Sonea und Regin beste Freunde.“

Das konnte Dorrien sich nun wirklich nicht vorstellen. Aber wenn Sonea bereit war, ihre Meinung über einen ihrer Feinde zu ändern, wieso sollte sie das dann bei ihren anderen Feinden nicht ebenfalls tun?

„Lord Dorrien, wenn ich Euch einen Rat geben darf, hört auf Sonea nachzutrauern. Ihr vergeudet Eure Zeit und verpasst jene Frau, die bereit wäre, Euch auf der Stelle ihre Liebe zu schenken. Sonea wird nicht zu Euch zurückkommen. Schon gar nicht, nachdem sie eingewilligt hat, meine Frau zu werden.“

Ich liebe dich. Ich schenke dir all meine Liebe. Für immer.

Etwas in Dorriens Brust zog sich schmerzvoll zusammen. Mit nur wenigen Worten hatte Akkarin all seine Hoffnungen mit einer Endgültigkeit weggewischt, die ihm die Luft zum Atmen nahm. Ein Teil von ihm hatte damit gerechnet, jedoch niemals so schnell. Er wusste nicht, ob er sich damit abfinden konnte, Sonea endgültig verloren zu haben.

„Ich gratuliere“, sagte er tonlos.

„Danke.“

Einige Minuten schwiegen beide Männer.

„Es ist spät geworden“, sagte Akkarin schließlich. „Ihr solltet zusehen, dass Ihr noch ein wenig Schlaf bekommt.“

Dorrien erhob sich. „Dann gute Nacht“, wünschte er und fragte sich, wie er nach diesem Tag noch Schlaf finden sollte.


***


Sonea saß an ihrem Schreibtisch und versuchte den Unterrichtsstoff von diesem Tag und dem vergangenen Nachmittag nachzuholen. Das Nemmin, das Lady Vinara ihr verordnet hatte, hatte dafür gesorgt, dass sie den kompletten Tag verschlafen hatte. Während sie in ihrem Zimmer in Rothens Apartment gelegen hatte, hatten Regin und Trassia ihre Notizen vorbeigebracht. Es hatte Sonea fast zu Tränen gerührt, wie sehr sich ihre Freunde um sie kümmerten.

Inzwischen war es Abend und sie war zurück in der Arran-Residenz. Da sie den ganzen Tag geschlafen hatte, bezweifelte sie, früh müde zu werden. Wenn sie die Nacht hindurch lernte und den morgigen Tag ebenfalls verschlief, würde das Wochenende zumindest schnell vergehen. Sonea graute davor, den Freitag alleine zu verbringen, doch sie konnte es auch nicht über sich bringen, zum Lernen in die Bibliothek gehen. So schnell, wie sich die Gerüchte um den Sachakaner in den Bergen herumgesprochen hatten, so schnell würden sich auch die Ereignisse der letzten Nacht herumsprechen. Besser, sie blieb zuhause und ging den anderen Novizen aus dem Weg.

Seit sie geschlafen hatte, fühlte sie sich ein wenig ruhiger. Die Furcht, Akkarin könne etwas passiert sein, nagte jedoch noch immer an ihr.

Es klopfte.

„Herein!“, rief Sonea und öffnete die Tür mit ihrem Willen.

Takan trat ein. In seiner Hand trug er ein Tablett mit Essen und einem Glas Wein.

„Ich bringe Euch Euer Abendessen, Mylady.“

Sie war dazu übergegangen, das Abendessen in ihrem Studierzimmer einzunehmen. Ebenso wie die Nacht in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer zu verbringen, kam es ihr seltsam vor, ganz allein an dem großen Tisch im Speisezimmer zu sitzen.

„Danke, Takan. Stell es bitte auf den Schreibtisch.“

Der Diener stellte das Tablett neben ihr ab. Sonea runzelte die Stirn. Schon wieder Harrelragout, Crots in Salzkruste an Chebolsoße und frische Brötchen. Ihr Lieblingsessen.

„Hat Akkarin das angeordnet?“, fragte sie misstrauisch.

Es war bereits das dritte Mal seit Akkarins Abreise, dass Takan ihr dieses Gericht servierte. Allmählich fragte sie sich, ob Akkarin seinen Diener angewiesen hatte, sich während seiner Abwesenheit besonders gut um sie zu kümmern. Rothens Fürsorge war zuweilen schon erdrückend genug. Sonea wusste, sie würde es nicht ertragen, wenn Takan jetzt auch damit anfing.

„Das war nicht nötig“, antwortete der Diener. „Es ist für mich selbstverständlich, die Frau die mein Meister liebt, genauso zu behandeln, wie ihn. Wenn es etwas gibt, um Euren Kummer zu erleichtern, so werde ich es tun.“

Sonea kam nicht umhin, sich geschmeichelt zu fühlen, weil sie in Takans Leben denselben Stellenwert wie Akkarin erreicht hatte. Sie hätte indes nicht ertragen, wenn Takan sie mit „Meisterin“ anreden würde.

„Trotzdem brauchst du nicht so aufwändig zu kochen, wenn er nicht da ist“, erwiderte Sonea. „Da, wo ich herkomme, isst man nur Brei und Eintopf. Ich bin sicher, selbst wenn du einfach kochst, übertriffst du noch immer die Kochkünste der Hüttenleute.“

Mit einem verlegenen Lächeln senkte Takan den Kopf. „Vielen Dank, Mylady.“

„Du kannst jetzt gehen“, sagte Sonea. „Wenn ich etwas brauche, rufe ich dich.“

„Ich wünsche guten Appetit, Mylady.“ Takan verneigte sich und ging zur Tür. Dann hielt er inne, eine Hand auf den Griff gelegt. „Sorgt Euch nicht um den Meister. Er wird zurückkommen.“

Soneas Herz machte einen Sprung. „Hast du etwas von ihm gehört?“

Der Diener schüttelte den Kopf. „Wäre dem Meister etwas zugestoßen, dann wüsste ich das“, antwortete er. „Und Ihr würdet es auch spüren. Gute Nacht, Mylady.“

Seine Worte beruhigten etwas in Sonea, wenn auch die Furcht noch immer an ihr nagte. Vielleicht sollte sie sich bis zu Akkarins Rückkehr einfach einreden, er hätte eine Möglichkeit gefunden, sich zu verabschieden, wäre ihm dort in Sachaka etwas geschehen.

„Gute Nacht, Takan“, erwiderte sie.

Dann wandte sie sich ihrem Abendessen zu und versuchte, etwas davon hinunter zu bekommen.
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