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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 8.709
 
Kapitel 21 – Was sie niemals tun wollte



Sonea starrte auf das Messer, das vor ihr auf dem Tisch lag. Es war das Messer, das Akkarin vor den Stufen der Universität in die Brust getroffen hatte. Karikos Messer, das nun ihr gehörte. Auf dem Tisch befanden sich außerdem eine Schüssel mit Wasser und ein Handtuch.

Akkarin saß ihr gegenüber und betrachtete sie mit einem Gesichtsausdruck, der bar jeder Emotion war. Es kostete Sonea all ihren Willen, ihn nicht zu fürchten. Wieder und wieder redete sie sich ein, dass er sich nur deswegen so verhielt, weil sie sich sonst weigern würde, zu tun, was er von ihr verlangte. Aber das war immer noch besser, als wenn er sie dazu zwingen musste und sie zweifelte keinen Augenblick, dass er sie bestrafen würde, wenn sie ihm nicht gehorchte. Was sie hier taten, war zu wichtig, als dass sie auf ihre persönlichen Gefühle Rücksicht nehmen durften. Es konnte eines Tages ihrer beider Überleben sichern.

„Ein kleiner Schnitt sollte ausreichen“, sagte er. „Für den Anfang wirst du mir meine Kraft nur ganz langsam nehmen.“

Er reichte ihr das Messer. Von Grauen erfüllt nahm Sonea es entgegen. Diesen Augenblick hatte sie seit Wochen gefürchtet. Alles in ihr schrie danach, sich zu weigern. Aber sie wusste zugleich, es würde nichts helfen. Akkarin würde dafür sorgen, dass sie es tat.

Wenn er seine Gefühle für sie ausblenden konnte, dann musste sie das jetzt auch tun.

Ihre Blicke trafen sich.

„Bist du bereit?“, fragte er.

Niemals, dachte sie, nickte aber.

„Dann fang an.“

Er schlug den rechten Ärmel seiner Robe zurück und legte seinen Arm auf den Tisch. Sonea starrte auf die Narben, mit denen sein Unterarm übersät war. Sie sah sie jeden Abend, wenn sie im Bett lagen. Das hier war jedoch etwas völlig anderes.

„Soll ich eine bestimme Stelle wählen?“, fragte sie.

„In meinem Fall ist das wohl kaum nötig“, bemerkte Akkarin trocken.

„Es wird weh tun“, wandte sie vorsichtig ein.

„Sonea.“ Akkarin wirkte ungehalten. „Ich weiß, du willst das nicht tun. Doch du willst mich noch weniger verärgern.“

Nein, das wollte sie wirklich nicht.

Sonea unterdrückte ein Seufzen. Allmählich gingen ihr die Ideen aus, um diese unangenehme Sache hinauszuzögern. Sie hatte entschieden, diesen Weg weiterhin zu beschreiten. Sie hatte versprochen, Akkarin zu gehorchen. Dennoch schrie jede Faser ihres Körpers ihm das nicht anzutun.

Sie holte tief Luft. Dann beugte sie sich über den Tisch und drückte Karikos Messer ganz sachte auf eine dünne Narbe dicht unterhalb von Akkarins Handgelenk. Als sie ihre Hand zurückzog, war dort nicht mehr zu sehen, als ein haarfeiner Schnitt, in dem sich hellrotes Blut sammelte. Sie legte das Messer zur Seite und umschloss seinen Unterarm mit ihrer Hand.

„Wie viel Kraft soll ich nehmen?“

„So viel, wie nötig.“ Seine dunklen Augen durchbohrten sie. „Es versteht sich von selbst, dass du mich nicht dabei tötest. Inzwischen solltest du wissen, wie viel Magie du nehmen kannst. Und jetzt hör auf, Zeit zu schinden.“

Sonea funkelte ihn an. „Dann fange ich jetzt an“, sagte sie, ihre Verärgerung unterdrückend.

Akkarin nickte nur. Er lehnte sich zurück und schloss die Augen.

Sonea nahm das als Startzeichen. Sie dehnte sich in ihrer Kraftquelle aus und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Wunde unter ihrer Hand, die wie ein Fenster zu einer fremden Energie war, und konzentrierte sich auf das Dahinter. Sofort wurde sie sich Akkarins starker Präsenz bewusst. Für einen kurzen Moment war sie versucht, ihn mit ihrem Geist zu berühren. Doch sie widerstand der Versuchung, weil sie ihn damit vielleicht abgelenkt hätte. Stattdessen visualisierte sein magisches Potential und sog überrascht die Luft ein.

Sonea wusste nicht, was genau sie erwartet hatte. Akkarins magisches Potential war noch einmal gewachsen, nachdem er sich im Kampf gegen Kariko vollständig erschöpft hatte und von Sonea wiederbelebt worden war. Doch Sonea hatte nicht damit gerechnet, dass es so stark gewachsen war. Es schmerzte sie, das auch nur anzutasten.

Entschlossen drängte sie ihre Zweifel beiseite und begann dann ganz langsam seine Kraft zu nehmen. Sonea glaubte, noch nie etwas getan zu haben, was ihr mehr widerstrebt hätte. Es fühlte sich so unglaublich falsch an!

Nach einer Weile begann sie sich zu wundern, dass nichts geschah. Würde sie es denn nicht bemerken, wenn Akkarin sich wehrte?

- Funktioniert es?, sandte sie.

Keine Antwort.

- Kannst du mich hören?

Noch immer nichts. Vielleicht war es nicht möglich, dabei Gedankenrede zu benutzen.

Sonea öffnete die Augen und betrachtete Akkarin. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine steile Falte gebildet und auf seiner Stirn glänzten Schweißtropfen. Er wirkte absolut konzentriert. Sie entschied, ihn in Ruhe zu lassen.

Vielleicht bin ich zu schnell, überlegte sie und verlangsamte den Kraftfluss. Sie wartete und hoffte auf eine Reaktion von ihm, doch nichts geschah. Als sie kurz davor war, ihn zu erschöpfen, brach sie ab. Langsam öffnete Akkarin die Augen und blickte sie an.

„Es hat nicht funktioniert, nicht wahr?“, fragte sie, eine vage Enttäuschung verspürend, weil er sich geirrt hatte.

„Nein. Aber ich habe auch nicht erwartet, dass es bereits beim ersten Versuch gelingt.“

Akkarin beugte sich über den Tisch. Er tauchte eine Spitze des Handtuchs in die Wasserschale und wischte das Blut von seinem Arm.

„Und jetzt heile meine Wunde“, wies er sie an.

Sonea nickte und heilte seinen Arm, bis der Schnitt ganz verschwunden war. Akkarin verzog das Gesicht und rieb sich den Arm.

„Warum hast du nicht geantwortet?“, fragte Sonea.

„Dabei Gedankenrede zu benutzen während einem die Magie genommen wird ist schwieriger, als ich erwartet habe. Offensichtlich erfordert auch das Übung. Es ist … nun, du wirst es gleich selbst erfahren.“

Er wischte die Klinge an dem Handtuch sauber und nickte dann zu ihr.

„Mach deinen Arm frei.“

Sonea gehorchte und legte ihren Arm auf den Tisch. „Dort bitte“, sagte sie auf eine Narbe in ihrer Handfläche deutend, wo sie sich als Kind an einem Abflussrohr geschnitten hatte.

Vorsichtig ritzte Akkarin die Narbe auf. Der Schmerz, der daraufhin ihren Arm durchschoss, ließ sie zusammenzucken.

„Geht es?“, fragte er.

„Ja“, antwortete Sonea unwirsch und verkniff sich eine Bemerkung darüber, dass er bloß nicht auf die Idee kommen sollte, sie plötzlich sanft zu behandeln.

Akkarin legte eine Hand auf ihre Wunde, während er mit der anderen ihre Schläfe berührte.

„Ich werde dir zeigen, was ich versucht habe.“

Sonea nickte nur. Ihre einzige Erfahrung dieser Art war kurz und entsetzlich gewesen. Sie war so sehr in Panik geraten, dass sie keinen klaren Gedanken hatte fassen können. Wenn das hier genauso wurde, dann würden viele lange und frustrierende Abende auf sie zukommen.

Eine unendliche Trägheit überkam Sonea und ihre Muskeln erschlafften. Mit einem Mal war es ihr absolut unmöglich, irgendetwas anderes zu tun, als sich dieser Trägheit hinzugeben. Wenigstens blieb die Panik dieses Mal aus.

- Versuch wach zu bleiben, sandte Akkarin.

Ich kann nicht, wollte sie erwidern. Aber die Gedankenrede funktionierte bei ihr ebenso wenig. Es war als wäre ihr der Zugriff auf ihre Magie in jeder Hinsicht verweigert. Ob es sich so anfühlte, wenn die eigenen Kräfte blockiert waren?

- Du musst dich wehren. Versuch einmal das.

Akkarin sandte ihr eine Folge von Eindrücken, die zu kompliziert waren, um in Worte gefasst zu werden.

Klingt interessant, dachte Sonea. Sie konnte sich jedoch nicht dazu bewegen, es auszuprobieren. Sie fühlte sich viel zu müde. Akkarin war bei ihr. Alles war in Ordnung, ihr würde nichts geschehen.

Plötzlich löste er sich von ihr. Sonea blinzelte, als die Trägheit wich.

„Was ist?“, fragte sie verwirrt. „Warum hörst du auf?“

„Wenn ich weitermache, werde ich dich völlig erschöpfen“, antwortete er, während er ihre Wunde heilte.

Sonea zog ihren Arm zurück und kratzte sich verärgert. Sie konnte nicht glauben, dass das alles gewesen sein sollte. Er hatte doch gerade erst angefangen.

„Ich habe noch genug Kraft für einen zweiten Versuch“, protestierte sie.

„Nein“, sagte Akkarin entschieden. „Schluss für heute. Wir machen morgen weiter. Für den Rest der Stunde werde ich dich etwas anderes lehren. Doch zuvor, gib mir deine Hände.“

„Warum?“

„Damit ich dir deine Kraft zurückgeben kann.“

„Nein.“ Sonea verschränkte die Arme vor der Brust. „Die kannst du behalten. Ich würde sie dir sowieso nachher geben.“

Akkarin musterte sie eine Weile schweigend. „Du hast recht“, sagte er dann. Er begann, die Klinge zu säubern. „Wenn wir das hier morgen Abend wiederholen, sei etwas weniger sanft. Einen echten Gegner würde das nicht interessieren.“

„Dann sei du aber auch weniger sanft.“

Akkarin stand auf und ging zu einem Schrank. Er öffnete ihn und legte das Messer in eine Schatulle. Daneben befand sich eine weitere Schatulle, von der Sonea wusste, dass sie ihre Blutringe enthielt. Seit der Schlacht hatten sie sie nicht mehr getragen, weil Akkarin darauf bestand, sie nur einzusetzen, wenn sie wirklich darauf angewiesen waren. Sonea starrte auf die Schatulle, unfähig etwas zu tun oder zu denken. Mit einem Mal fühlte sie sich unendlich leer.

Akkarin wandte sich um. „Sonea, ist alles in Ordnung?“

Sie schüttelte stumm den Kopf. Akkarin trat zu ihr und ging neben ihren Stuhl in die Hocke, so dass sie auf Augenhöhe waren.

„Ich weiß, es ist ein entsetzliches Gefühl, wenn einem die eigene Kraft genommen wird“, sagte er sanft. „Man will sich dagegen wehren, aber es geht nicht.“

Wenn es doch nur das gewesen wäre, dachte Sonea. Sie hatte nicht einmal versucht, sich dagegen zu wehren. Sie senkte den Kopf, weil sie es nicht ertragen konnte, ihn anzusehen.

„Sonea, sieh mich an“, sagte Akkarin.

Seine kühle Hand fasste sanft ihr Kinn und hob es an. Sonea begegnete seinem Blick mit aller Entschlossenheit, die sie aufbringen konnte.

„Wir haben das heute zum ersten Mal versucht“, sagte er. „Du hast einen sehr starken Willen. Wenn meine Theorie stimmt und es möglich ist, wirst du es schaffen. Aber ich erwarte nicht, dass es dir bis zu den Winterprüfungen oder einem anderen Termin gelingt. Du bekommst keine Noten in schwarzer Magie. Ich erwarte von dir einzig, es zu versuchen.“

Sonea verstand, dass er sie nur damit quälte, weil es notwendig war. Wenn es ihr gelang, sich gegen das Abfließen ihrer Magie zu wehren, konnte das ihr Leben retten. Das einzige Problem war nur:

Sie hatte es gar nicht versuchen wollen.


***


Loken zügelte sein Pferd und blickte hinauf zu den finsteren Wolken, die die Berge vor ihnen verhüllten. „Ich fürchte, der Südpass ist dicht.“

„Sieht ganz so aus.“ Dorrien unterdrückte einen Fluch. „Dann reiten wir so weit wir können.“

Sie hatten eine kleine Hügelkuppe erreicht und starrten hinauf zum Pass. Dunkle Wolken verhüllten die Gipfel, die gelegentlich daraus zuckenden Blitze zeugten von dem in ihnen tobenden Unwetter. Ein eisiger Wind wehte ihnen einzelne Schneeflocken von der Passhöhe entgegen und stach wie feine Nadeln in ihre Gesichtshaut. Die Saison der Winterstürme hatte begonnen. In einem Schneesturm umherzuirren, konnte selbst für Magier lebensgefährlich enden. Im eisigen Schneegestöber konnte man sich leicht verirren und bei dem Versuch, Wind und Kälte fernzuhalten durch Erschöpfung sterben.

Dorrien seufzte frustriert. Der Sturm konnte Tage andauern und den Pass unpassierbar machen. Es würde viel Magie erfordern, den Schnee auf der Straße bis hinauf zum Pass zu schmelzen. So geschwächt wollte Dorrien dem Sachakaner nicht in die Arme laufen.

„Es gibt ein paar Höhlen weiter oben“, sagte Loken. „Dort können wir Unterschlupf finden. Das heißt, sollten wir’s dahin schaffen.“

„Dann bring uns zu den Höhlen“, sagte Dorrien.

Der Schmied straffte die Zügel seines Pferdes. „Folgt mir, Mylord.“

Sie durchquerten ein flaches Tal und ritten dann weiter hinauf in Richtung des Südpasses. Nach etwa einer Stunde wurde der Weg steiler und beschwerlicher. Mit jedem Schritt wurde es spürbar kälter und dunkler und das Brüllen des Sturms nahm zu. Dorrien warf einen Blick zum Himmel. Sie hatten das Unwetter beinahe erreicht.

Schaudernd hüllte er sich fester in seinen Umhang, der gegen den eisigen Wind kaum etwas auszurichten schien. So nah am Pass wagte er es nicht, Magie zu verwenden. Was, wenn der Sachakaner ihn spürte, weil das Unwetter ihn auf dieser Seite der Berge gefangen hielt?

Dorrien schloss zu Loken auf. „Diese Höhlen“, fragte er. „Wie groß sind sie?“

„Es gibt mehrere im Umkreis von einer halben Meile. Manche sind klein, andere groß genug, dass ganz Windbruch darin Platz hätte.“

„Das heißt, wenn der Sachakaner es vor dem Unwetter nicht über den Pass geschafft hat, könnte er dort Unterschlupf gesucht haben?“

„Möglich. Einen besseren Platz, um Schutz zu suchen, gibt es hier oben nicht.“

„Dann bring uns zu einer kleinen Höhle. Am besten zu einer, die sich nahe von einer oder mehreren großen Höhlen befindet. Aber führe uns unauffällig dorthin. Mit etwas Glück finden wir den Sachakaner dort.“

„Ja, Mylord.“

Es begann zu schneien. Obwohl sie nun weniger sehen konnten, kam Dorrien das gelegen. Der Schneefall ersparte es ihm, ihre Spuren mit Magie zu verwischen.

Er und Loken zogen die Kapuzen ihrer Umhänge über und folgten der Straße weiter zum Pass hinauf. Nachdem sie etwa eine halbe Stunde in völligem Schweigen geritten waren, bog Loken nach links in den Wald ab.

Dorrien folgte ihm durch das Unterholz. Auf dem Boden lagen allenthalben größere Felsblöcke, Überreste vergangener Gerölllawinen. Als sie den Wald verließen, wurde das Schneetreiben so dicht, dass sie kaum noch den Weg vor sich erkennen konnten. Der Sturm schien jedes Geräusch zu schlucken.

Wenigstens kann uns der Sachakaner jetzt auch nicht mehr sehen, dachte Dorrien grimmig.

Loken wandte sich zu ihm um. „Wir sind bald da, Mylord.“

Dorrien nickte erleichtert. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nie so durchgefroren gefühlt. Er hoffte, in den Höhlen würde sich eine Gelegenheit bieten, unbemerkt Feuer zu machen. Sonst würden er und Loken erfroren sein, bevor sie den Sachakaner gefunden hatten.

Nach einem kurzen Ritt steil bergauf, machten Dorriens Augen schließlich etwas Dunkles hinter dem Vorhang aus Schnee aus. Als sie näher kamen, erkannte er, dass es eine Felswand war. Loken hielt darauf zu. Nachdem sie ein Stück daran entlang geritten waren, tat sich vor ihnen eine Öffnung in der Wand auf.

Der Schmied zügelte sein Pferd und stieg ab. „Wir sind da.“ Munter schritt dieser, sein Pferd am Halfter gefasst, auf die Höhle zu und verschwand darin.

Erleichtert löste Dorrien sich vom Rücken seines Pferdes. Seine Glieder waren steifgefroren und schlotterten vor Kälte. Loken schien die Kälte indes weniger auszumachen. Dorrien beneidete ihn insgeheim dafür. Obwohl er seine Magie nur selten auf Wärmeschilde verschwendete, war er weitaus schlechter abgehärtet, als Windbruchs Schmied.

„Mylord, worauf wartet Ihr?“, rief der Schmied aus dem Innern der Höhle. „Hier ist genug Platz für uns zwei und die Pferde.“

„Ich komme“, antwortete Dorrien.

Kaum, dass er das Innere der Höhle betreten hatte, wurde die Luft wärmer. Der Eindruck trog jedoch, da der Wind fehlte. Anerkennend sah Dorrien sich um. Nach hinten öffnete sich die Höhle zu einem Raum etwa so groß wie die Wohnstube einer Bauernkate.

„Was glaubst du, Loken?“, fragte er. „Können wir hier ein kleines Feuer wagen?“

Der Schmied nickte. „Wir sind weit genug weg von den größeren Höhlen und der Wind weht in die andere Richtung. Außerdem wäre der Sachakaner wahnsinnig, wenn er bei diesem Wetter draußen herumläuft.“

Dorrien bezweifelte insgeheim, dass dem Sachakaner der Schneesturm viel ausmachen. Allerdings er würde seine Gefangenen nicht unbeaufsichtigt lassen wollen. Ohne seine wertvolle Beute würde er wahrscheinlich nicht zögern, den Pass während des Unwetters zu überqueren.

„Ich gehe Brennholz sammeln“, erklärte der Schmied.

„Dann komme ich mit.“

„Ihr habt kalt, Mylord“, widersprach Loken. „Und ich bin ersetzbar.“

„Nein, das bist du nicht“, beharrte Dorrien. „Nicht für Windbruch.“

Und nicht für Kullen und seine älteste Tochter, fügte er in Gedanken hinzu.

„Mylord, ich bin Jäger. Ich weiß, was ich tun muss, damit er keine Witterung aufnimmt. Ich werde von den Höhlen weggehen.“

Dorrien seufzte. In einer Sache hatte Loken recht, er fror bis auf die Knochen. Aber er wollte nicht das Risiko eingehen, den loyalsten seiner Männer zu verlieren, weil er versehentlich dem Sachakaner begegnet war.

„Wenn der Sachakaner dich wittert, dann kann er das auch gegen den Wind“, wandte er ein.

Loken schnaubte. „Und dann würde er uns beide schnappen. Ich kann auf mich aufpassen, Mylord.“

Dorrien musterte den anderen Mann eine Weile. Schließlich entschied er, dass es besser war nachzugeben.

„Dann beeil dich.“

Der Schmied nickte und verschwand im Schneegestöber. Beunruhigt sah Dorrien ihm nach. Dann schüttelte er sich und sattelte die Pferde ab. Er packte die Satteltaschen aus und bereitete zwei Lager vor. Als er damit fertig war, wickelte er sich fest in seine Decke aus Reberwolle und wartete auf Lokens Rückkehr.

Während er wartete, dachte er wie so oft in den vergangenen Tagen darüber nach, ob sie auf der richtigen Spur waren. Was, wenn der Sachakaner weiter nach Süden gezogen war? Doch auch in diesem Fall musste er irgendwann zum Südpass zurückkehren, um in seine Heimat zurückzukehren. Wiederholt ging Dorrien im Kopf die Orte durch, in denen Menschen verschwunden waren. Es hatte zwei Tagesritte nördlich vom Südpass in Oberjoch begonnen und von dort aus hatte sich der Sachakaner nach Süden vorgearbeitet. Von allen Dörfern, in denen Personen vermisst wurden, lag Windbruch am nächsten am Pass; die letzten Menschen waren indes in Felsenfeste zwei Tagesritte weiter südlich entführt worden und alles deutete daraufhin, dass der Sachakaner nicht bis zum noch weiter entfernten Klippenhorst vorgedrungen war. Früher oder später musste er hier entlang kommen.

Aber was, wenn nicht? Was, wenn Dorrien sich irrte? Was, wenn der Sachakaner einen anderen Weg über die Berge gefunden hatte oder den Südpass bereits vor Beginn des Schneesturms überquert hatte? Wie sollte er dann in Sachaka nach den Vermissten suchen?

Für Dorriens Geschmack dauerte es viel zu lange, bis der Schmied wieder auftauchte. Inzwischen war er bis auf die Knochen durchgefroren und seine Gedanken hatten düstere Gestalten angenommen. Der Anblick von Brennholz hob seine Stimmung jedoch.

„Das sollte bis morgen reichen“, sagte Loken, während er ein paar Äste in der Mitte der Höhle aufschichtete.

„Danke, Loken“, erwiderte Dorrien. „Hast du da draußen irgendetwas bemerkt?“

Der Schmied schüttelte den Kopf. „Da draußen ist absolut nichts“, antwortete er, während er das übrige Brennholz an der Rückwand der Höhle deponierte. „Selbst die Tiere haben sich verkrochen.“

„Hast du Hunger?“

„Und wie!“

Dorrien lächelte. Er selbst verspürte keinen Hunger, aber er musste etwas essen, wenn er bei Kräften bleiben wollte. In seine Decke gewickelt erhob er sich und holte Brot, Käse und getrocknetes Fleisch sowie einen Weinschlauch aus dem Sack mit ihrem Proviant.

Loken hatte derweil erfolgreich ein kleines Feuer mit den Zweigen entfacht. „Es könnte etwas Rauch geben, weil das Holz nass ist“, sagte er. „Aber der Wind wird es von den großen Höhlen weg wehen.“

Dorrien reichte dem Schmied seine Hälfte ihrer kalten Mahlzeit und sie aßen schweigend. Zwischendurch hielten sie den Weinschlauch über das Feuer, damit sich die Flüssigkeit darin erwärmte. Dorrien war dankbar, dass er seine Magie aufsparen konnte. Ohne zu wissen, ob der Sachakaner in der Nähe war, fühlte er sich damit sicherer. Mit dem Feuer und dem Wein kehrte allmählich Leben in seine Hände und Füße zurück.

„Loken, würdest du dich hier im Dunkeln zurechtfinden?“, fragte er, als sie beide satt waren und in ihre Decken gewickelt am Feuer saßen.

„Ja, Mylord. Selbst bei dem Wetter.“ Der Schmied runzelte die Stirn und sah Dorrien direkt an. „Habt Ihr vor, den Sachakaner heute Nacht zu suchen?“

Dorrien nickte. „Ich muss wissen, ob er sich wirklich hier in den Höhlen versteckt, oder ob wir an der falschen Stelle suchen.“

„Oder ob er bereits über den Pass ist?“

Dorrien schauderte, als Loken seine schlimmste Befürchtung aussprach. Selbst der schwerste Schneesturm würde nicht anhalten, bis die Verstärkung aus Imardin eintraf. Wenn der Sachakaner noch auf dieser Seite der Berge war, dann würde er den Pass überqueren, sobald sich das Wetter besserte. Und dann würde Dorrien ihm folgen müssen.

Er sah auf und blickte Loken ernst an.

„Ja.“


***


Der Unterricht hatte unlängst begonnen, als Rothen endlich das Klassenzimmer betrat. Offenkundig war es nicht möglich, eine Besprechung der höheren Magier pünktlich zu beenden. Dieses Mal war Rothen sogar gezwungen gewesen, auf sein Mittagessen zu verzichten. Nicht zum ersten Mal in den vergangenen beiden Wochen hatten sie über die Absichten der Sachakaner diskutiert und darüber, ob Lord Davins Wetterausguck aus diesem Grund noch vor dem Winter erbaut werden sollte.

Eigentlich war es beschlossene Sache gewesen, den Turm noch in diesem Jahr fertigzustellen, doch nachdem der König sich mit einer großzügigen Spende an dem Projekt beteiligt hatte, hatte Davin erneut versucht, seine verqueren Konstruktionspläne durchzusetzen. Rothen fand, es wäre einfacher gewesen, den Wetterausguck einfach zu bauen, anstatt erneut darüber zu streiten, ob ein Entwurf von Lord Loren dazu verwendet werden sollte. Denn je länger die höheren Magier über dieses Thema diskutierten, desto wahrscheinlicher würde der Bau erst im nächsten Frühjahr stattfinden.

Seine Gedanken an diese überflüssige Sitzung vertreibend sah er sich in seinem Klassenzimmer um. Das Bild, das sich ihm bot, war höchst seltsam. Die einzigen drei Mädchen, die diesen Kurs belegten, hatten sich am Fenster versammelt. Ihrer Körperhaltung nach zu urteilen hatte draußen etwas ihre Aufmerksamkeit erweckt. Die männlichen Novizen machten dagegen allesamt entnervte Gesichter. Als Rothen ihnen zunickte, spiegelte sich auf ihren Mienen unendliche Erleichterung wider.

„Das mit den beiden ist ja so romantisch!“, rief Trisha. „Seht mal, jetzt er für sie diesen Zweig zum Blühen gebracht!“

„Ich wünschte, mein Freund würde so etwas auch für mich tun“, sagte Yannia.

„Dein Freund ist so begabt wie ein Gorin“, sagte Veila verächtlich. „Aber er …“

Neugierig geworden trat Rothen neben die Mädchen und sah hinunter in den Garten. Seine Überraschung war nur mäßig, als er Sonea und Akkarin auf einer Bank sitzen sah. Sie hielt etwas in den Händen, das aussah wie der blühende Zweig eines Pachibaums. Für einen Moment fragte Rothen sich, warum sie nicht im Unterricht war. Dann fiel ihm wieder ein, dass sie um diese Zeit immer eine Freistunde hatte. Anscheinend hatte sie das schöne Wetter genutzt, um draußen zu lernen. Akkarin sagte gerade etwas zu ihr, woraufhin ihr Gesicht erstrahlte und sie ihm um den Hals fiel. Rothen lächelte unwillkürlich.

„Wie mag er das bloß gemacht haben?“, wunderte sich Yannia laut. „Es ist doch Herbst.“

„Wahrscheinlich hat er schwarze Magie benutzt“, sagte Trisha. „Aber wen kümmert das schon! Für mich spielt das jedenfalls keine Rolle, denn ich würde ihn auch so nehmen ...“

Einen hingebungsvollen Seufzer ausstoßend sah sie hinab in den Garten.

„Er sollte mir gehören!“, sagte Veila kalt. „Wenn hier schon jemand Anspruch auf ihn erhebt, dann ich.“

Das ist also der Grund für ihre ständige Aggressivität, fuhr es Rothen durch den Kopf. Offenkundig konnte Veila es nicht ertragen, dass Akkarin sich für Sonea entschieden hatte. Veila war nicht die einzige Novizin, die ein Auge auf den schwarzen Magier geworfen hatte. Seit seiner Wiederaufnahme erfreute sich Akkarin besonders unter den Novizinnen großer Beliebtheit. Aber vielleicht war Veila die Eifersüchtigste von allen.

„Du bist eine weit entfernte Kusine von ihm“, erinnerte Yannia ihre Freundin.

„Weit genug, dass einer Heirat nichts im Wege steht“, widersprach Veila. „Ich verstehe einfach nicht, was er an ihr bloß findet. Sie ist noch nicht einmal hübsch.“

„Sie ist klein. Das ist nicht dasselbe wie hässlich“, wandte Trisha ein, ohne den Blick von der Szene im Park zu wenden.

„Ich wette, sie hat ihn irgendwie dazu gebracht, sie zu heiraten“, sagte Veila finster. „Und sie hat dafür ganz bestimmt schwarze Magie benutzt.“

„Du glaubst doch nicht im Ernst, dass er das mit sich machen lässt?“, rief Yannia. „Er ist viel stärker als sie.“ Der Seufzer, den sie ausstieß, stand dem ihrer Klassenkameradin in nichts nach. „Nein, ich glaube, er ist einer von denen, die sich nehmen, was sie wollen.“

„Das glaube ich auch“, hauchte Trisha. „Seht doch nur!“

Unten im Park küsste Akkarin seine Verlobte gerade und erhob sich dann. Sonea sprang auf und hielt ihn am Ärmel fest. Akkarin wandte sich um und zog sie zu sich, um sie erneut zu küssen und Yannia und Trisha stießen einen weiteren hingebungsvollen Seufzer aus.

Anscheinend lag ich mit meiner Vermutung falsch, dachte Rothen. Als er Sonea am Vormittag auf einem Flur begegnet war, hatte sie blass und verstört gewirkt. Seiner Frage, ob etwas passiert sei, war sie ausgewichen. Sie hatte ihm jedoch versprochen, es ihm bei ihrem nächsten Mittagessen zu erzählen.

Rothen hatte geglaubt, sie und Akkarin hätten sich gestritten. Doch in diesem Fall hätte ein blühender Pachizweig nicht genügt, um sie wieder zu besänftigen. Wenn es Akkarin gelang, ihren Zorn zu erregen, dann ließ Sonea ihn das auch spüren.

„Und deswegen solltest du ihn dir lieber aus dem Kopf schlagen, Veila“, fuhr Yannia fort. „Es gibt so viele andere nette und attraktive Männer.“

Rothen unterdrückte ein Kichern und räusperte sich. Die drei Novizinnen fuhren erschrocken zu ihm herum.

„Nun meine Damen, ich denke, das solltet ihr alle“, sagte er. „Wie ihr zweifelsohne sehen könnt, hat Lord Akkarin sich bereits genommen, was er will. Zudem hat der Unterricht schon vor einigen Minuten begonnen.“


***


Sonea saß auf einer Gartenbank und las Regins Notizen der letzten beiden Monate Strategie durch. Sie hatte die gesamte Mittagspause mit ihren Freunden verbracht. Nun hatten beide Unterricht, während sie vor Heilkunst bei Lady Vinara eine Freistunde hatte.

Für einen Tag so spät im Herbst war es noch einmal überraschend warm geworden. Die Sonne schien, eine schwache Brise raschelte in den Bäumen, von denen allenthalben welke Blätter zur Erde taumelten. Obwohl ihr der Schrecken über ihren Unterricht am vergangenen Abend noch immer in den Gliedern saß, hob der warme Sonnenschein ihre Stimmung ein wenig.

Sie seufzte, als ihr bewusst wurde, dass von Regins Notizen kein einziges Wort verstanden hatte. Sie blätterte zurück zur ersten Seite und versuchte es erneut, als ein dunkler Schatten auf sie fiel.

„Ich dachte mir schon, dass ich dich hier finde“, sagte eine vertraute Stimme.

Soneas Kopf fuhr hoch. „Akkarin!“, rief sie und sprang auf.

„Untersteh dich das zu tun“, warnte er und drückte sie wieder zurück auf die Bank. Seine Stimme klang streng, doch Sonea glaubte, eine gewisse Verlegenheit herauszuhören. „Jeder kann uns sehen.“

Er ließ sich neben ihr nieder.

„Ich weiß“, erwiderte sie. „Deswegen wollte ich es ja tun.“

Akkarin nahm ihre Hand. „Sonea, wir werden heiraten. Niemand erwartet noch, dass du dich vor mir verneigst.“

Sie wollte erwidern, dass es nicht gerade einfach war, alle paar Wochen ihr Verhalten ihm gegenüber ändern zu müssen, verkniff sich diese Bemerkung jedoch. Schließlich würde sich von nun an nichts mehr ändern. Akkarin erwartete von ihr, dass sie sich weiterhin respektvoll verhielt, wenn er sie unterrichtete, um die emotionale Distanz zu schaffen, die sie beide brauchten, um sich auf ihren Unterricht zu konzentrieren. Allerdings schien er selbst das nicht immer ganz so genau zu nehmen.

Und jetzt gerade hatte sie sowieso keinen Unterricht bei ihm.

„Was machst du hier?“, wollte sie wissen.

„Ich hatte eine Besprechung in der Gilde. Und ich wollte dir einen Vorschlag machen.“

Sonea runzelte die Stirn. So, einen Vorschlag also, dachte sie. Wollte er sie überreden, Schwertkampf als Wahlpflichtfach noch in diesem Halbjahr zu belegen? Weil es ihr so sehr widerstrebte, diese Kunst zu lernen, hatten sie sich darauf geeinigt, dass sie erst zum Winterhalbjahr damit beginnen brauchte. Sie hatte beschlossen, sich ihm mit allen Mitteln zu widersetzen, sollte er sie dazu bringen wollen, den Kurs schon früher zu belegen. Wenn er nicht bereit war, ihr diese Schmach zu erlassen, dann wollte sie ihm das zumindest nicht allzu leicht machen.

Akkarin zog einen kleinen Ast aus seiner Robe hervor.

Soneas Verwirrung wuchs. „Was ist das?“, fragte sie.

„Das ist ein Zweig von einem Pachibaum aus unserem Garten. Takan hat heute Vormittag die Äste geschnitten. Er behauptet, wenn man sie vor dem Winter schneidet, würden die Bäume im nächsten Jahr mehr Früchte tragen.“

Sonea starrte ihn ungläubig an. „Ist das wahr?“

„Nun, wir werden es im nächsten Jahr herausfinden.“

„Und was wolltest du mir vorschlagen?“

„Das hier.“

Akkarin starrte einen Augenblick auf den Ast. Dann plötzlich sprossen winzige weiß-rosa Blüten aus den Ansätzen der kleinen Verzweigungen.

Sonea war hingerissen. „Wie hast du das gemacht?“

„Das erkläre ich dir heute Abend, wenn du willst.“

Er reichte ihr den Zweig. Sonea nahm ihn entgegen, ihre Verwirrung hatte sich nicht verringert. Eher im Gegenteil.

„Als Takan auf die Idee kam, die Bäume zu beschneiden, hatte ich eine Eingebung“, fuhr Akkarin fort. „Es gibt eine Zeit im Frühling, in der die Pachibäume immer blühen, egal wie früh oder spät der Frühling beginnt. Dieser Zeitraum beträgt ungefähr zwei Wochen. Wir könnten in dieser Zeit heiraten. Vorausgesetzt du bist einverstanden.“

„Das wäre wundervoll!“, rief Sonea und umarmte ihn. Sie hätte nicht gedacht, dass sie so schnell einen Termin für ihre Hochzeit finden würden. Die Zeit der Pachiblüte schien nahezu perfekt. Allein die Tatsache, dass er diese Idee gehabt hatte, überwältigte sie.

Verglichen mit den anderen Dingen, die sie organisieren mussten, war das vermutlich die leichteste Übung. Sie hatten weder eine Idee, wo sie feiern wollten, noch wen sie einladen wollten – doch das größte Problem überhaupt war: Wer sollte ihr zweiter Trauzeuge werden?

Sie hatten beschlossen, dass Akkarin denjenigen benennen sollte. Aber wen sollte er mit dieser Aufgabe betrauen, wenn der, der es hätte sein sollen, nicht mehr in Frage kam?

Was Lorlen wohl dazu sagen würde, dass wir heiraten?, fragte Sonea sich. Würde er sich für sie freuen oder würde er Akkarin vorwerfen, dass er eine Beziehung mit seiner Novizin begonnen hatte? Hätte er Akkarin den Verrat ihrer Freundschaft überhaupt verziehen?

Sonea fand, es war müßig darüber nachzudenken, sie würde nie die Antwort auf diese Fragen erhalten. Und was die Organisation ihrer Hochzeit betraf, so konnten sie sich getrost Zeit lassen, weil es bis zu diesem Tag noch ein halbes Jahr war.

Ein halbes Jahr … Sie runzelte die Stirn. „Aber da sind keine Ferien.“

„Dann heiraten wir einen Freitag. Da die meisten unserer Gäste Magier sein werden, wäre das die beste Lösung. Ich kann dafür sorgen, dass du den nächsten Tag vom Unterricht befreit bist.“

Soneas Herz machte einen Sprung. „Du bist großartig!“

Akkarin bedachte sie mit seinem Halblächeln. Dann zog er sie zu sich und küsste sie. „Wir sehen uns später“, sagte er und erhob sich. „Genieß deine Freistunde.“

„Warte!“ Sonea griff nach ihm und bekam seinen Ärmel zu fassen. „Du kannst doch jetzt nicht einfach wieder verschwinden.“

„Doch“, erwiderte er und zog sie auf die Füße. „Ich habe noch etwas zu erledigen und du möchtest sicher lernen.“

In einer rebellischen Geste sah sie zu ihm auf. „Verabschiede dich wenigstens anständig.“

Er lachte und schlang einen Arm um ihre Taille. Mit seiner freien Hand griff er sanft, aber bestimmt in die Haare in ihrem Nacken. Sonea erschauderte. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und verschränkte die Hände hinter seinem Kopf. Sie küssten sich ein weiteres Mal, dieses Mal jedoch länger.

„War das anständig genug?“, fragte er.

„Für’s Erste schon“, neckte sie ihn. „Es ist sicher noch verbesserungswürdig.“

Akkarin lachte leise. „Ich fürchte, ich habe dich zu sehr verwöhnt.“ Seine Hand strich über ihre Wange und ihre Halsbeuge hinab.

Sie erschauderte erneut.

„Und deswegen werde ich jetzt gehen.“

Sonea widerstand dem Drang, ihn für seine Unverschämtheit zurechtzuweisen. Denn das hätte ihn nur noch weiter herausgefordert. Während sie ihm den Pachizweig in der Hand haltend hinterher sah, musste sie sich jedoch wiederholt eingestehen, dass sie ihn gar nicht anders wollte.


***


Auf Großvaters Schreibtisch fand ich einen Umschlag, auf den mein Name geschrieben stand. Ich erbrach das Siegel. In dem Umschlag befanden sich ein Schlüssel und ein Brief. Ich entfaltete den Brief und begann zu lesen:

An dieser Stelle fand Dannyl ein in einer fremden Schrift geschriebenes Pergament an die Seite geheftet.

Mein lieber Ralend,

Wenn Du diesen Brief erhältst, werde ich diese Welt bereits verlassen haben. Dieser Umschlag enthält den Schlüssel zu meiner verborgenen Bibliothek. Und doch ist er mehr als das. Er ist der Schlüssel zu einem längst verlorengegangenen Wissen. Du musst diese Bücher an einem Ort aufbewahren, den nur Du kennst. Wenn Du dich entscheidest, sie zu studieren – was ich Dir nahelege, damit Du um Deine Verantwortung weißt – dann behalte, was Du erfährst, für Dich.
Von allen meinen Enkeln trage ich Dir diese Aufgabe zu, weil Du unter ihnen der verantwortungsbewussteste und derjenige mit der größten Weitsicht bist. Ich vertraue darauf, dass Du die Existenz dieses Wissens nur in Zeiten größter Not enthüllst.

Dein Dich liebender Großvater.


Darunter wurde der Text in Dem Callenes Schrift fortgeführt:

Ich konnte meine Enttäuschung kaum verbergen, hatte Großvater mir nichts als diese seltsamen Bücher vererbt. Meine Großvettern und Großkusinen erbten allesamt wertvolles Essgeschirr aus Gold, Silber und Kristall, Gemälde oder Schmuck. Das Anwesen ging an meine Tante Ilya. Er hätte mir wenigstens noch den Rest seiner Bibliothek, seinen Weinkeller (den übrigens Onkel Valend erhielt – also ob der nicht schon genug trinken würde!) oder eines seiner Rennpferde vererben können. Die Rennpferde hat er übrigens meiner Großkusine Teslie vermacht. Ich habe mir sagen lassen, dass das nicht das Einzige ist, das sie gerne reitet.

Auch auf den nächsten Seiten klagte Dem Callene mit oft bissigen Bemerkungen über seine lasterhafte Verwandtschaft und darüber, wie sehr er sich bei der Verteilung von Dem Semelins Erbe übergangen fühlte. Leise seufzend blätterte Dannyl ein paar Seiten weiter. Über das, was er las, konnte er nur den Kopf schütteln. Jeder Gelehrte hätte sich über ein solches Erbe gefreut. Bel Fiores Großonkel war allerdings alles andere als ein gewöhnlicher Gelehrter gewesen. Er war intelligent und neugierig, aber er war auch reich, habgierig und missgünstig gewesen. Endlich kam Dem Callene wieder auf das Thema zurück, das Dannyl so brennend interessierte.

Doch ich konnte Großvaters Letzten Willen nicht ignorieren, schrieb er. Egal, wie sehr mich seine Entscheidung traf, so hatte mich doch an jenem Abend, wo er mir seine geheime Bibliothek zeigte, die Neugier gepackt. Also nahm ich schließlich den Schlüssel und ritt zu seinem Anwesen, um die Bücher nach Arvina zu bringen.

Es folgte eine lange und ausführliche Beschreibung derselben Reise, die Dannyl bereits ein Mal durch Dem Callenes Erinnerungen erlebt hatte. Dieses Mal reiste er ohne seine Frau und der Detailreichtum seiner Ausführungen ließ erahnen, wie sehr er die Abwesenheit Freyries genoss.

Nach Dem Callenes Rückkehr folgte mehrere Tage kein einziger Eintrag, was angesichts des sonstigen Schreibeifers dieses Mannes bemerkenswert war. Doch dann stieß Dannyl auf eine Passage, die erneut sein Interesse weckte.

Mein Wissen über die Magie ist begrenzt, aber das, auf was ich in Großvaters Büchern gestoßen bin, ist die finsterste – ja schwärzeste Form der Magie überhaupt. Die Art, wie sie praktiziert wird, ist abstoßend und barbarisch. Ich gestehe, diese Bücher haben mich in ihren grausigen Bann gezogen. Seit Tagen schon lese ich darin, bis tief in die Nacht. Freyrie keift derweil, da ich ihr ihrer Meinung nach nicht genügend Aufmerksamkeit schenke. Sie beklagt sich, ich würde nicht mehr sie, sondern diese Bücher lieben. Sie versteht einfach nicht, wie wichtig das, was ich hier in meinen Händen halte, ist. Manche Anwendungen dieser Magie scheinen nützlich für die Allgemeinheit. Andere dagegen scheinen gefährlich. Man könnte damit ganze Städte, ja sogar Landstriche verwüsten.

Nichtsdestotrotz verstehe ich jetzt auch, warum Großvater sagt, ich müsse den Besitz dieser Bücher geheim halten. Es geht nicht darum, dass die Magiergilde mich für den Besitz dieser finsteren Bibliothek bestrafen wird, sollte sie es jemals herausfinden. Nein, diese Bücher sind auch ein Schatz von Wissen, der nicht verlorengehen darf – egal wie finster und entsetzlich dieses Wissen ist. Solange diese Bücher nicht in Zeiten größter Not in die Hände der Magiergilde fallen, würden sie vernichtet. Jetzt, wo ich die Wahrheit kenne, wäre dies ein Akt der Verantwortungslosigkeit. Nicht nur an der Magiergilde selbst – nein an der Gesamtheit der Verbündeten Länder.

Zu unserer aller Sicherheit habe ich beschlossen, die Bücher dort aufzubewahren, wo niemand sie vermutet: im alten Brennholzkeller unter unserem Wohnzimmer. Dort verstecke ich auch die bizarren Artefakte, die ich in einer Kiste in Großvaters geheimer Bibliothek fand. Einige scheinen mir Instrumente zu sein, wie man sie für magische Experimente verwenden könnte, andere sind möglicherweise das Ergebnis eben dieser oder dienten einem Zweck, der sich mir nicht erschließen will.

Den Schlüssel zu jenem Kellerraum verwahre ich fortan an einem Ort, an dem weder Freyrie noch unsere Dienerschaft ihn finden können.


An dieser Stelle beendete Dem Callene seinen täglichen Eintrag. Dannyl sah auf und sog tief die warme Luft ein. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er beim Lesen den Atem angehalten hatte.

Die halbe Nacht hatte er in dem Tagebuch aus dem Jahr, in dem Dem Semelin verstorben war, gelesen. Kaum, dass das erste Licht des Tages ihn geweckt hatte, war er leise aufgestanden, um weiter zu lesen. Tayend war deswegen beleidigt gewesen, doch Dannyl hatte ihm versprochen, es am Abend wiedergutzumachen.

Dem Semelin und sein Enkel hatten trotz ihres mangelnden Wissens über Magie den Wert dieser Bücher erkannt. Trotzdem war das Geheimnis um Dem Callenes Büchersammlung nicht einmal ansatzweise geklärt. Sie wussten weder, woher sein Großvater die Bücher hatte, noch wer dieser Lord Sadakane war. Befanden sich die Bücher seit Lord Sadakanes Lebzeiten im Familienbesitz? Gehörte Lord Sadakane vielleicht selbst zur Familie und hatte diese Tradition begonnen? Nein, das konnte nicht sein. Sadakane hatte lange, bevor die Gilde schwarze Magie verboten hatte, gelebt.

Eines wusste Dannyl nach dieser Lektüre jedoch mit absoluter Sicherheit: Dem Callene hatte nichts mit den Rebellen um Royend von Marane zu tun gehabt. Er hatte diesen verbotenen Schatz ganz für sich allein gehortet. Und auch wenn er damit gegen das Gesetz verstoßen hatte, kam Dannyl nicht umhin, die Voraussicht des Dems und seines Großonkels zu begrüßen. Inzwischen hatte er sogar aufgehört, ob seiner Einsicht Entsetzen zu verspüren. Mit dem in den Büchern enthaltenen Wissen würde die Gilde einem neuen Angriff aus Sachaka trotzen können.

Dannyl rieb sich die Schläfen und unterdrückte ein Stöhnen. Sein Kopf schmerzte vom Entziffern der fremden, verschnörkelten Handschrift. Das Denken fiel ihm schwer. „Ich brauche eine Pause“, murmelte er und legte das Buch zur Seite.

„Dann ruh dich ein wenig aus“, sagte Tayend. „Niemand erwartet von dir, dass du das Geheimnis ganz allein und noch heute lüftest.“

Lachend streckte Dannyl sich neben seinem Gefährten im Gras aus. Der Baum über ihnen spendete angenehmen Halbschatten in der Nachmittagshitze in Bel Fiores Garten. Vom Meer wehte eine laue Brise heran und ließ das Laub über ihren Köpfen leise rascheln.

„Das sagst du doch nur, damit mehr Arbeit für dich bleibt“, sagte er.

„Oh, ich werde noch früh genug in Arbeit ertrinken, wenn ich Abschriften dieser Bücher anfertige“, erwiderte der Gelehrte.

Sie hatten sich bereits beim Frühstück darauf geeinigt, dass es das Beste wäre, von allen Büchern Abschriften zu erstellen. Egal, wie Dannyl entschied, wie er wegen der Bücher verfahren würde. Die meisten Bücher waren so alt, dass sie beim Lesen auseinanderzufallen drohten. Sie nicht zu kopieren war allein aus einer Vielzahl wissenschaftlicher und historischer Gründe undenkbar.

„Wenigstens wirst du dann endlich einmal anständig arbeiten“, gab Dannyl zurück.

„Also wirklich, Botschafter“, rief Tayend empört. „Als ob deine Arbeit anständig wäre! Sie besteht nur aus Empfängen, Bällen und Geburtstagsfeiern bei den Dems und Bels.“

„Du vergisst die Parlamentssitzungen und den ganzen Papierkram“, erinnerte Dannyl. „Botschafter zu sein, bedeutet sehr viel mehr, als sich nur auf Festen herumzutreiben.“

„Und du wirst dafür auch noch fürstlich bezahlt!“

„Das liegt daran, dass ich ein Gildenmagier bin.“

Tayend schnaubte hörbar.

„Ich dachte, deswegen liebst du mich“, bemerkte Dannyl erheitert.

„Ja, ich liebe dich auch deswegen“, gab Tayend zu. Er legte sich neben Dannyl und wandte sich ihm zu. „Trotzdem bist du manchmal ganz schön eingebildet, Botschafter.“

Dannyl lachte. „Und ich liebe dich, weil …“ Er brach ab, vergeblich nach den richtigen Worten suchend. Hätte ihn jemand gefragt, warum er Tayend liebte oder welche Eigenschaft er an ihm besonders schätzte, so hätte er diese Frage nicht beantworten können. Was er empfand, ließ sich nicht in Worte fassen. „… weil du so bist, wie du bist“, sagte er schließlich.

Sie sahen einander an. Dannyl griff nach Tayends Hand und lächelte. Eine Weile sahen sie einfach nur in das Geäst des Baumes über ihren Köpfen und genossen den warmen Nachmittag.

„Ich lese soviel in diesen Büchern, weil ich neugierig bin“, vertraute Dannyl seinem Gefährten an. Er musste zugeben, ein wenig wie Dem Callene auf diese Bücher zu reagieren. Was sie enthielten, war abstoßend und fesselnd zugleich. Doch jetzt, wo er begonnen hatte, dieses Geheimnis zu ergründen, musste er es zu Ende bringen. Denn nur so konnte er herausfinden, ob diese Bücher es wirklich wert waren, gegen das Gesetz der Gilde zu verstoßen. Dannyl würde diese Frage jedoch erst dann für sich beantworten können, wenn er alles über diese Bücher und Lord Sadakane herausgefunden hatte.

„Ich muss unbedingt wissen, was hinter all dem steckt“, fuhr er fort. „Aber zugleich habe ich das Gefühl, ich müsste schnell damit fertig werden, weil Errend mich im Parlament braucht.“

Tayend betrachtete ihn nachdenklich. „Du weißt, ich mag es nicht, wenn wir getrennt sind“, begann er. „Aber wenn du meinst, du musst zurück, dann überlass die Arbeit Bel Fiore und mir. Wir werden dir alles berichten, was wir herausgefunden haben. Und bei den Abschriften kannst du mir ohnehin nicht helfen.“

„Danke“, sagte Dannyl tief bewegt von der Loyalität seines Gefährten. „Das weiß ich zu schätzen. Trotzdem werde ich noch solange bleiben, wie ich vor Errend und meinem Gewissen verantworten kann.“

Der Gelehrte grinste. „Ich habe nichts anderes von dir erwartet.“

„Das ist gut, denn ich könnte es niemals über mich bringen, dich zu enttäuschen.“

„Nein, das könntest du nicht.“

Lächelnd schloss Dannyl die Augen und genoss den warmen Wind auf seiner Haut. Er war dankbar für Tayends Nähe und seine Einfühlsamkeit. Auch wenn der Gelehrte ihm seine Entscheidung nicht abnehmen konnte, so war es gut, dass er da war und Dannyl ihm seine Sorgen anvertrauen konnte.

„Dannyl?“

Dannyl wandte den Kopf und sah seinen Gefährten an, milde überrascht, weil er ihn bei seinem richtigen Namen nannte.

„Ja?“

„Hör auf, dir etwas vorzumachen. Du hast dich doch längst entschieden.“


***


Die Dunkelheit war absolut. Außer dem dicht fallenden Schnee und dem Schemen von Lokens Rücken konnte Dorrien nichts von seiner Umgebung erkennen. Er fragte sich, wie es dem Schmied gelang, sich so zurechtzufinden. Er selbst hätte jetzt alles für eine Lichtkugel und einen Wärmeschild gegeben.

Während sie auf den Einbruch der Nacht gewartet hatten, hatten sie sich in der Höhle ausgeruht und aufgewärmt. Dann hatte Dorrien den Schmied aufgefordert, ihn zu den Höhlen zu bringen, die nach Lokens Meinung das beste Versteck für den Sachakaner und seine Gefangenen boten.

Obwohl die nächste Höhle weniger als eine Viertelmeile entfernt war, erschien Dorrien der Weg endlos. Der eisige Wind hatte im Laufe des Tages weiter an Stärke gewonnen. Er heulte unheilschwanger um die Felsen, zwang die Bäume in eine besorgniserregende Verneigung und drang Dorrien bis in die Knochen. Der Gedanke, dass ihm bis vor einer halben Stunde noch behaglich warm gewesen war, erschien ihm wie ein ferner Traum.

Vor ihnen machte die Felswand einen Knick. Loken blieb stehen und wandte sich um. Er beugte sich zu Dorrien, um nicht laut gegen den Wind schreien zu müssen.

„Es ist nicht mehr weit, Mylord. Hinter dieser Ecke ist eine der größeren Höhlen. Wir sollten jetzt vorsichtig sein, falls der Sachakaner die Gegend bewacht.“

Dorrien nickte. Eine leise Furcht ergriff von ihm Besitz. Zum ersten Mal, seit er zu dieser Mission aufgebrochen war, hatte er das Gefühl, ganz nah an seinem Ziel zu sein.

„Geh du voran“, sagte er. „Langsam.“

Loken nickte nur und bog um die Ecke. Dorrien hielt sich dich hinter ihm, bereit einen Schild um sie beide zu errichten, und wäre fast in den anderen Mann gerannt, als dieser plötzlich stehenblieb. Ein Laut der Überraschung entfuhr ihm.

„Sschh!“, machte Loken. „Seht Ihr nicht dort vorne?“

Dorrien blinzelte den Schnee von seinen Wimpern. Dann setzte sein Herz einen Schlag aus. Etwa vierzig Schritt vor ihnen war eine Lichtquelle.

„Ich denke wir haben ihn, Mylord“, raunte Loken ihm triumphierend zu. „Kein normaler Mensch geht bei dem Wetter hier oben jagen.“

Wahrscheinlich nicht, dachte Dorrien. Die Menschen in dieser Gegend waren mit den Wetterverhältnissen der Berge vertraut. Wenn sie bei einem solchen Unwetter ihre sicheren Behausungen verließen, dann nur, wenn es einen guten Grund dafür gab. Er verspürte eine grimmige Befriedigung, weil er richtig vermutet hatte, dass der Sachakaner in den Höhlen Schutz suchen würde.

„Wie dicht kommen wir an ihn heran?“, fragte Dorrien. Er wollte sichergehen, dass es auch wirklich der Sachakaner war und nicht Jäger aus einem der Dörfer. Zudem würde er keine Ruhe haben, bevor er sich nicht vom Wohlergehen seiner Leute überzeugt hatte.

Der Schmied warf einen prüfenden Blick in das Schneegestöber.

„Fünfundzwanzig Schritt vielleicht.“ Er wies zu der Lichtquelle. „Der Schnee fällt sehr dicht und seine Augen werden nicht an die Dunkelheit gewöhnt sein, wenn er innerhalb der Höhle ist.“

Vorsichtig pirschten sie näher. Allmählich konnte Dorrien die Umrisse der Höhle ausmachen. Als sie noch näher kamen, erkannte er die Silhouetten von Menschen. Einige saßen um ein Feuer, die übrigen kauerten zu zweit oder zu dritt im hinteren Teil der Höhle.

Dorrien entdeckte Rorin, den Schmied von Wildwasser. Die etwas kleinere Gestalt neben ihm musste sein Sohn Grogin sein. Auch Tulin war noch am Leben, während von Hen keine Spur zu sehen war. In einer Felsnische hockte Viana, ihre kleine Schwester fest an sich gedrückt. Sie wirkte blass und verstört. Bei ihrem Anblick verspürte Dorrien einen Stich. Es kostete ihn all seinen Willen, nicht in die Höhle zu stürmen und diese Menschen zu befreien. Wenn er sich jetzt zu impulsiven Handlungen hinreißen ließ, war damit niemandem geholfen.

„Bal und Sina fehlen“, murmelte Loken.

Dorrien zählte die Menschen in der Höhle durch. Es waren zehn. Bal und Sina waren nicht unter ihnen.

„Du hast recht“, sagte er. „Und es fehlen fünf weitere.“

„Vielleicht konnten sie fliehen“, überlegte der Schmied.

„Das hoffe ich auch“, sagte Dorrien, obwohl er nicht daran glaubte. Wenn Bal und Sina versucht hatten zu fliehen, dann hatte der Versuch sie das Leben gekostet Der Gedanke ließ seine Eingeweide zusammenkrampfen.

„Seht Ihr die beiden Männer am Höhleneingang?“, fragte Loken. „Das sind nie im Leben Kyralier.“

Dorrien folgte seinen Blick und betrachtete die beiden Männer genauer. Sie lehnten auf jeder Seite des Eingangs an der Wand. Sie trugen einfache, aber bunte Kleidung. Nicht wie die Leute in den Bergen, deren Kleidung meist braun war. Ihre Haare waren schwarz, ihre Haut zu dunkel, um kyralisch zu sein, und ihre Stirn war breiter als die eines Kyraliers.

„Sachakaner“, sagte Dorrien und erschauderte, während allenthalben Schneeflocken dicht vor den beiden Männern an einer unsichtbaren Barriere zischend verdampften. „Anscheinend haben wir es mit zwei schwarzen Magiern zu tun. Sie bewachen die anderen. Und sie haben die Höhle mit einem Schild verschlossen, damit niemand hinaus oder hinein kann.“ Er unterdrückte einen Fluch. „Und damit wären nur acht von unseren Vermissten hier.“

Was war mit den anderen sieben geschehen? War ihnen, wie Loken vermutet hatte, die Flucht gelungen oder lagen sie irgendwo tot in den Bergen so wie Korten und Falken und waren von den Suchtrupps nicht gefunden worden, weil sie an Orten lagen, die für Menschen nicht zugänglich waren?

„Der eine von ihnen sieht immer wieder nach draußen“, murmelte Loken und wies auf den Sachakaner an der rechten Seite des Eingangs. „Der andere beobachtet dagegen nur die Gefangenen. Glaubt Ihr, er spürt, dass wir ihn beobachten?“

Dorrien runzelte die Stirn. Jetzt wo der Schmied es ansprach, kam es ihm vor, als wäre der Mann ein wenig nervös. Dabei sollten zwei schwarze Magier nicht viel Grund zu Furcht haben. Ganz besonders, wenn die Einzigen beiden, die Jagd auf sie machen konnten, wie Gefangene in Imardin gehalten wurden.

„Das sind keine Magier“, sagte er schließlich. „Das müssen seine Sklaven sein, die er aus Sachaka mitgebracht hat, um ihn unterwegs zu stärken.“

„Außer ihnen sehe ich keinen Sachakaner in der Höhle“, bemerkte Loken.

„Nein“, stimmte Dorrien zu. Plötzlich verspürte er eine Kälte, die nicht von den eisigen Temperaturen rührte. „Vielleicht ist er jagen gegangen oder erkundet die Gegend. Wir sollten verschwinden.“

„Gleich hier gibt’s eine kleine Höhle, wo wir uns verstecken können“, schlug Loken vor. „Dann sehen wir, wenn er zurückkommt.“

„Eine gute Idee.“ Dorrien wollte nur ungern zurück zu ihrem Lagerplatz, wenn der Sachakaner sich trotz des Schneesturms draußen herumtrieb. Das alles gefiel ihm überhaupt nicht.

„Dann folgt mir, Mylord.“

Loken machte ein paar Schritte rückwärts, bis die Höhle nur noch schemenhaft zu erkennen war, und wandte sich dann nach rechts. Dorrien beeilte sich ihm zu folgen. Nach wenigen Schritten hielt der Schmied auf die Felswand zu. Erst als sie dicht davor waren, erkannte Dorrien die Öffnung.

Die Höhle war so winzig, dass sie ihren Namen kaum verdient hatte, doch sie erfüllte ihren Zweck. Dorrien und Loken hockten sich so in den Eingang, dass sie die andere Höhle im Blick hatten. Dorrien hoffte, der Sachakaner würde bei seiner Rückkehr ihre Fußspuren nicht bemerken. Der Schnee fiel noch immer dicht und würde jeden Hinweis darauf, dass sie und Loken hier waren, verschwinden lassen. Nichtsdestotrotz verspürte Dorrien eine gewisse Nervosität.

„Wenn diese beiden Sachakaner seine Sklaven sind, warum versuchen sie dann nicht zu fliehen, solange er fort ist?“, wunderte sich Loken. „Ich meine jetzt nicht wegen dieses Schildes vor der Höhle. Sie schienen sich eher wie seine Gehilfen zu verhalten.“

Das meiste, was Dorrien über die sachakanische Kultur wusste, hatte er von Akkarin erfahren, als er ihn und Sonea im Sommer nach Imardin begleitet hatte. Für die meisten Kyralier war das Verhältnis von Meister und Sklave nicht einfach zu verstehen. Und es entzog sich auch seinem Verständnis.

„Sie sind ihm treu ergeben“, antwortete er. „So wie wir dem König ergeben sind.“

„Oder Euch, Mylord“, fügte Loken hinzu.

Dorrien lächelte verlegen. Ihm war nie bewusst gewesen, wie sehr die Menschen in den Bergen zu ihm aufsahen. Trotzdem war er alles andere als ein sachakanischer Sklaventreiber.

„Ja und nein“, sagte er. „Im Gegensatz zu einem Sklavenhalter brauchst du von mir keine Strafe zu fürchten. Diese Sklaven fürchten ihren Meister. Sie wollen sogar bestraft werden, wenn sie ihm einmal nicht gehorchen. Sie kennen es nicht anders.“

Der Schmied machte ein ungläubiges und entsetztes Gesicht. „Sie wollen bestraft werden?“

„Ja“, sagte Dorrien und versuchte vergeblich, die richtigen Worte zu finden, damit Loken ihn verstand. „Sie …“

Er brach ab. Nur wenige Schritte vor ihnen war ein Licht zu erkennen, das im Schneegestöber zu tanzen schien und stetig größer wurde. Dorriens Herz setzte einen Schlag aus.

Der Sachakaner.

Dorrien erkannte die Silhouette eines Mannes hinter seiner Lichtkugel. Über seine Schulter hatte er etwas geworfen, das verdächtig nach einem erlegten Mullook aussah.

Der Sachakaner passierte die Stelle, an der Dorrien und Loken wenig zuvor noch gestanden hatten. Instinktiv wichen die beiden Männer tiefer in die Höhle zurück. Zu Dorriens Erleichterung hielt der schwarze Magier jedoch weiter auf die andere Höhle zu. Er sagte etwas in einer zischenden Sprache zu den beiden Männern am Eingang. Für einen Augenblick flackerte der Schild, dann verschwand der Sachakaner im Innern der Höhle. Dorrien und Loken schlichen zu ihrem ersten Posten zurück.

Der Sachakaner warf seine Beute auf den Boden der Höhle. Er sagte etwas und lachte. Sofort eilte einer der Männer, die Wache gehalten hatten, herbei und begann, den Vogel zu rupfen.

Währenddessen hatte der Sachakaner einen juwelenbesetzten Dolch aus seinem Gürtel gezogen. Mit einem kalten Lächeln strich er über die Klinge. Dann sah er sich in der Höhle um. Die Gefangenen waren mit einem Mal wie erstarrt und warfen ihm furchterfüllte Blicke zu.

Schließlich zerrte der Sachakaner Rorins Sohn vor. Grogin wehrte sich, woraufhin ihm der Sachakaner eine schallende Ohrfeige gab. Dann zwang er den jungen Mann auf die Knie. Er entblößte sein Handgelenk und drehte es mit der Innenseite nach oben.

„Was hat er vor?“, hauchte Loken entsetzt, als der Sachakaner die Klinge auf die Haut des halbwüchsigen Jungen drückte.

„Er nimmt seine Kraft“, antwortete Dorrien finster. „Um sich selbst zu stärken.“

Es war, wie er befürchtet hatte und es erfüllte ihn mit einem Grauen, für das er keine Worte fand.

„Aber“, begann Loken verständnislos. „Wird das den Jungen nicht umbringen?“

„Das kommt darauf an, wie viel er nimmt. Lässt er ihn am Leben, kann er jeden Tag seine Kraft nehmen. Sicher hat er nur die mit dem größten magischen Potential entführt.“

Mit wachsendem Grauen sah Dorrien zu, wie der Sachakaner Grogins Kraft nahm. Es widerte ihn an und doch war er unfähig, den Blick von dieser Szene wenden.

„Mylord?“

Dorrien zuckte zusammen, als Loken eine Hand auf seinen Arm legte.

„Wir sollten zurückgehen, solange er beschäftigt ist“, sagte der Schmied ungewöhnlich sanft. „Ihr könnt nichts für Grogin und die anderen tun.“

„Du hast recht“, stimmte Dorrien widerwillig zu.

Während sie zurück zu ihrem Unterschlupf gingen, versuchte er sich einzureden, dass sie heute etwas sehr Wichtiges herausgefunden hatten. Zumindest einige der Entführten waren noch am Leben. Und sie hatten es nur mit einem schwarzen Magier zu tun.
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