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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 10.518
 
Kapitel 19 – Entscheidungen



„Was sagen deine Klassenkameraden dazu, dass du deinen Mentor heiratest?“ Ein Kichern unterdrückend betrachtete Rothen seine ehemalige Novizin, die an ihrem Pachiwein nippte. Der silberne Verlobungsring glitzerte an ihrer Hand. Er war nicht gerade das, was eine an Gold und Klunker gewöhnte Frau aus den Häusern beeindrucken würde, doch er war von einer schlichten Schönheit, die hervorragend zu Sonea passte.

Dieser Ring musste Akkarin ein kleines Vermögen gekostet haben. Die Goldschmiede in der Stadt stellten solch prunklosen Schmuck wenn überhaupt nur auf Anfrage her und einen so winzigen Diamanten zu schleifen erforderte sehr viel Geschick. Rothen schob alle weiteren Gedanken an dieses Thema beiseite. Wenn er noch länger darüber nachdachte, würde er ernsthaft beginnen sich zu fragen, ob Akkarin für diesen Ring heimlich die Gilde verlassen hatte. Und das gehörte zu den Dingen, die er nicht wissen wollte.

„Einige waren ziemlich verwirrt“, antwortete sie. „Sie haben tatsächlich geglaubt, ich wäre mit Regin zusammen.“

Sie kicherte in ihr Weinglas. Rothen hoffte, sie habe nicht bereits zu viel von dem süßen Wein getrunken. Er hatte entschieden, ein Glas zum Mittagessen würde nicht schaden, um die jüngsten Ereignisse zu feiern. Sowohl er als auch Sonea mussten nach der Mittagspause wieder in die Universität. Ein einziges Glas war indes kaum ausreichend, um betrunken werden.

„Sie dachten, das mit Regin habe nur eine Woche gedauert. Ich wette, jetzt fragen sie sich, wie lange das mit Akkarin halten wird.“

Rothen hatte gerade von ihr die richtige Version der ziemlich wilden Geschichte um den Kuss mit Regin gehört. Es hatte ihn beeindruckt, wie unnachgiebig Sonea wegen dieser Sache bei Akkarin gewesen war. An ihrer Stelle wäre er über Akkarins Reaktion mindestens ebenso wütend gewesen wie sie.

„Denken deine Schatten das auch?“

Sie sah auf. „Sie haben eingesehen, dass sie gegen Akkarin keine Chance haben“, antwortete sie mit offenkundiger Erheiterung. Dann wurde sie plötzlich ernst. „Als ich ihnen nach Heilkräuter begegnet bin, sahen sie ziemlich mitgenommen aus. Eigentlich tun sie mir ein wenig leid ...“

„Aber du freust dich viel zu sehr, weil du sie endlich los bist“, folgerte er.

Sonea nickte. „Manchmal waren sie nicht auszuhalten.“

Mit einem zufriedenen Lächeln legte sie das Besteck zur Seite und lehnte sich zurück.

Sie scheint endlich satt zu sein, stellte Rothen erfreut fest. Nach drei Portionen war das eigentlich zu erwarten. Irgendwie war Sonea immer hungrig. Allerdings neigte sie dazu, sich in Kriegskunst zu erschöpfen. Rothen wusste, sie war besessen von dem Gedanken, in dieser Disziplin möglichst gut zu sein. Nicht, um Akkarin zu gefallen oder weil er so hohe Ansprüche an sie stellte, sondern weil sie sich die Schuld dafür gab, ihren Geliebten fast verloren zu haben.

„Aber ich will nicht zu viel darauf geben, die Schatten los zu sein“, fuhr Sonea fort. „Nach dem Angriff auf Regin haben sie nicht lange gebraucht, um mir wieder auf Schritt und Tritt zu folgen. Und nach dem Kuss waren sie nur wenig gekränkt ...“

Sie zog die Augenbrauen zusammen und starrte finster auf die abgenagten Harrelknochen auf ihrem Teller. „Wahrscheinlich wird meine Verlobung mit Akkarin sie auch nicht lange davon abhalten, mir weiter nachzustellen.“

„Nun, mit Akkarin zusammen zu sein, ist etwas anderes als mit Regin“, wandte Rothen ein.

„Weil er mein Mentor ist?“

Er schüttelte den Kopf. „Weil er ehrfurchtgebietend und gefährlich ist. Deine Schatten wären dumm, würden sie eure Verlobung nicht ernst nehmen.“

Niemand, der noch halbwegs bei Verstand war, würde sich freiwillig mit Akkarin anlegen. Der schwarze Magier hatte sich für Sonea entschieden. Und obwohl er nicht mehr Hoher Lord war, wagte es niemand, seine Entscheidungen in Frage zu stellen.

„Also manchmal halte ich sie schon für ein wenig dumm“, entgegnete Sonea lachend.

Tania kam und brachte den Nachtisch, gebackene Pachi mit Sirup in kleinen Schalen. Als sie Soneas Portion vor ihr abstellte, lächelte sie strahlend. Seit sie erfahren hatte, dass Sonea und Akkarin heiraten würden, war Rothens Dienerin außer sich vor Freude. Die Verehrung, die sie seit der Schlacht für die beiden schwarzen Magier empfand, schien durch diese Neuigkeit noch größer geworden zu sein.

„Glaubt Ihr, die anderen Magier werden sich mit der Zeit an uns gewöhnen?“, fragte Sonea, nachdem sie wieder alleine waren.

Rothen nahm sich die Zeit, über eine Antwort nachzudenken. Diese Frage schien ihr ernsthafte Sorgen zu bereiten. Am vergangenen Abend war Balkan aus dem Palast zurückgekehrt und hatte die höheren Magier zusammengerufen. Mit grimmiger Miene hatte er ihnen mitgeteilt, dass Akkarin die Wahrheit gesprochen hatte. Der König war verärgert gewesen, weil die Gilde seine Anordnung in Frage stellte. „Ich habe lieber zwei skandalöse schwarze Magier als zwei unkooperative schwarze Magier“, hatte Balkan den König zitiert. Garrel hatte zudem eine Verwarnung erhalten, weil er versucht hatte, Akkarin durch eine Intrige loszuwerden, was er freimütig bei seiner Befragung am Vormittag gestanden hatte. Rothen hätte es lieber gesehen, wäre Garrels Bestrafung härter ausgefallen, weil der Krieger während der Befragung erneut versucht hatte, die höheren Magier für sich zu gewinnen. Er wusste indes, dass eine Amtsenthebung auf Grund des herrschenden Mangels an guten Kriegern unmöglich war. Balkans Pflichten ließen ihm keine Zeit, zwei Ämter zugleich auszuführen, doch nun, wo die höheren Magier Bescheid wussten, würden sie ein besonderes Auge auf das Oberhaupt der Krieger haben. Sollte Garrel erneut versuchen, mit seinen gefährlichen Ideen Akkarin oder der Gilde zu schaden, würde er es ziemlich schwer haben.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Rothen. „Doch ich denke, mit der Zeit werden sie das.“

Er schenkte Sonea ein aufmunterndes Lächeln. Während einige von Rothens Kollegen sich inzwischen mit der eklatanten Tatsache abgefunden hatten, dass der ehemalige Hohe Lord der Magiergilde beabsichtigte, seine Novizin zu heiraten, hatten einige Oberhäupter der Häuser mit Entsetzen reagiert. Und auch von Yaldin hatte er am vergangenen Nachmittag so einiges zu hören bekommen. Doch das brauchte Sonea nicht zu kümmern. Sowohl Magier als auch Häuser mussten sich dem Willen ihres Königs beugen.

Sonea aß ein Stück gebackene Pachi und kaute mit nachdenklicher Miene darauf herum „Ich kenne mindestens einen, der sich nie daran gewöhnen wird“, sagte sie trocken.

„Du meinst Dorrien?“

„Oh, ich dachte vielmehr an Administrator Osen.“ Sie runzelte die Stirn. „Es ist ziemlich offensichtlich, dass er Akkarin nicht leiden kann. Ich glaube, er denkt, Akkarin wäre nicht gut für mich. Nun ich bin sicher, Garrel wird unsere Beziehung auch nicht so leicht akzeptieren, weil es seine ganzen Pläne zunichtemacht.“

Sie kicherte. Rothen fragte sich, ob das eine Glas Pachiwein vielleicht doch keine so gute Idee gewesen war.

„Aber Ihr habt recht. Dorrien wird sich ganz bestimmt nicht daran gewöhnen!“, rief sie dann.

„Vielleicht schlägt er sich dich dann endlich aus dem Kopf“, überlegte Rothen.

Sonea starrte ihn an. „Trauert er mir noch immer hinterher?“

„Wenn Dorrien sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, dann gibt es nichts, was ihn noch aufhalten könnte“, antwortete Rothen. „Diese Eigenschaft hat er von seiner Mutter.“

Sonea seufzte und stützte das Kinn auf ihre Hand. „Das alles ist meine Schuld“, sagte sie leise. „Ich hätte niemals zulassen sollen, dass Dorrien sich in mich verliebt. Wenn ich das alles damals schon gewusst hätte, hätte ich mich von ihm ferngehalten. Obwohl ich für eine kurze Zeit wirklich glaubte, in ihn verliebt zu sein, war er für mich eigentlich nie mehr als ein guter Freund. Ich wollte ihm niemals weh tun. Nicht so.“

„Sonea, wenn dir damals jemand erzählt hätte, was passieren wird, dann hättest du kein bisschen davon geglaubt“, sagte Rothen.

„Nein“, antwortete sie und runzelte die Stirn. „Allein die Vorstellung, dass Akkarin und ich jemals ein Paar würden, wäre damals völlig absurd gewesen!“

Sie lachten. Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet schienen alle Sorgen und Ängste von damals albern und bedeutungslos.

„Trotzdem tut Dorrien mir leid“, sagte sie, als sie sich wieder beruhigt hatte.

„Er wird darüber hinwegkommen. Meiner Meinung nach ist er sowieso nicht der Richtige für dich.“

„Rothen, wie könnt Ihr so etwas sagen!“, rief Sonea. „Er ist Euer Sohn!“

Rothen lächelte. „Das ist richtig“, sagte er. „Aber eine Beziehung zwischen euch beiden würde nicht lange gutgehen. Du brauchst jemanden, der dir an Stärke mindestens ebenbürtig ist. Jemanden, der mit deinem Temperament zurechtkommt und dem du freiwillig gehorchst. Ganz besonders jetzt, wo du eine schwarze Magierin bist.“

Er schauderte, als er das aussprach. Es wäre ihm lieber, wäre Sonea noch immer die liebe, aber sture Novizin, die Heilerin werden wollte. Wenn er nicht daran dachte, was sie geworden war, dann war sie für ihn noch immer diese Sonea. Aber ihm war nur allzu schmerzlich bewusst, wie gefährlich sie auf Grund der Macht über die sie gebot werden konnte.

„So habe ich das noch nie betrachtet“, sagte sie nachdenklich. Als sie aufsah, bemerkte Rothen, dass sie lächelte. „Wenn den anderen das klarwird, müssen sie unsere Beziehung akzeptieren.“


***


„Nein Mylord, in den letzten Tagen sind hier keine Fremden durch“, sagte Kel. „Nicht aus Eurem Windbruch, noch von anderswo.“

Kel war der Dorfälteste von Felsenfeste. Wie Klippenhorst, wo sie am Tag zuvor gewesen waren, lag die kleine Ansammlung von Katen hoch im Gebirge und war nur schwer zugänglich.

Dorrien sah von seinem Raka auf. „Gab es in dieser Gegend in den letzten zwei Wochen Unwetter?“

Kel schüttelte den Kopf und sog an seiner Pfeife. Der Geruch von Iker stach in Dorriens Nase. Seit er Kel dieses Kraut verordnet hatte, um seine Gicht zu lindern, rauchte der alte Mann es regelmäßig. Als Heiler wusste Dorrien, dass man dieses Kraut in rauen Mengen konsumieren musste, damit es seine angebliche potenzsteigernde Wirkung entfalten konnte. Viel wahrscheinlicher würde Kel vorher ersticken, sollte er das versuchen.

„Sind in der letzten Zeit Leute aus Felsenfeste fortgegangen und nicht mehr zurückgekehrt?“, fragte er. „Oder des Nachts aus ihren Häusern verschwunden?“

Der Dorfälteste sah ihn an, als wäre er nicht mehr ganz bei Trost. „Hier ist niemand verschwunden.“

Erleichtert stieß Dorrien die Luft aus, die er angehalten hatte. Dann war die Bestie also noch nicht nach Felsenfeste gekommen. In Klippenhorst hatten er und seine Männer von zwei weiteren Vermissten erfahren. Sehr wachsam waren sie daher weiter nach Felsenfeste geritten. Unterwegs war ihnen nichts Verdächtiges aufgefallen, aber Dorrien war dennoch wachsam geblieben. Die Bestie konnte ebenso gut einen anderen Weg genommen oder ihren Beutezug in eine andere Richtung fortgesetzt haben. Solange sie nicht wussten, womit sie es zu tun hatten, war die Bergbevölkerung in Gefahr.

Während sie vor dem Herdfeuer in Kels Haus saßen und der Dorfälteste nachdenklich am Stiel seiner Pfeife kaute, erzählte Dorrien, was in den Dörfern weiter im Norden geschehen war. Und dass der Suchtrupp, den er nach Felsenfeste geschickt hatte, ebenfalls vermisst wurde. Als Dorrien seinen Bericht beendete, hatten sich die Augen des alten Mannes vor Entsetzen geweitet.

„Das ist ja entsetzlich, Mylord“, brachte er hervor „Ich werde heute noch für eine Wache sorgen. Auch wenn wir hier oben vor wilden Tieren ziemlich sicher sind.“

„Tu das“, sagte Dorrien. „Doch ich fürchte, eine Wache allein wird nicht reichen. Diese Bestie ist sehr intelligent. Nehmt euch in acht.“

Das schien Kel zu missfallen. „Könnt Ihr ein paar von Euren Männern zu unserem Schutz hier lassen?“

Dorrien dachte über die Frage nach. Zusätzlich zu seinem eigenen Suchtrupp waren ihm die Männer gefolgt, die zuvor mit Kalin und Loken unterwegs gewesen waren. Sein ursprünglicher Plan war gewesen, mit ihnen das Gelände abzusuchen, nachdem sie sich in den beiden Dörfern nach dem Rechten erkundigt hatten. Nun, wo er wusste, dass Felsenfeste bis jetzt von der Bestie verschont geblieben war, konnte es nicht schaden, ein paar Männer als Verstärkung zurückzulassen. Sollte die Bestie tatsächlich noch hier herkommen, so hatten sie die Möglichkeit, sie hier zu fangen. Das Dorf trug seinen Namen nicht umsonst. Bis auf einen schmalen Zugang war es von steilen Felsen umgeben und somit leicht zu verteidigen.

„Ja“, antwortete er. „Sollte die Bestie hierher kommen, können wir sie vielleicht einfangen und töten. Wenn all deine Männer und die Verstärkung, die ich dir geben werde, den Zugang zum Dorf bewachen, sollte das gelingen.“

„Was ist ihre Beute?“

Das war eine gute Frage. „Die Bestie hat kein erkennbares Beuteschema“, antwortete Dorrien. „Sie hat sich Männer und Frauen, aber auch Kinder geholt. Meistens, wenn diese fernab ihres Dorfes waren. Aber sie hat auch nicht davor zurückgeschreckt des Nachts in zwei Häuser in Windbruch einzudringen, während meine Leute und ich die Gegend nach ihr abgesucht haben.“

Kel runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, Mylord. Die Bestie hinterlässt keine Spuren, sie überwältigt vier starke Männer auf einmal, sie zieht keine bestimmte Beute vor ... Das klingt alles eher nach dem Sakan König als nach einem wilden Tier.“

Dorrien verdrehte entnervt die Augen. Wenn er noch einmal diesen Namen hörte …

„Diese Möglichkeit konnte ich bereits ausschließen“, sagte er. „Es gibt viele gefährliche Kreaturen in diesen Bergen, aber ich habe noch nie etwas gesehen, was so etwas anrichtet. So auch die Leute, die ich bisher befragt habe.“

„Was, wenn sie nicht von hier ist?“, fragte Kel.

„Wie meinst du das?“

„Sie könnte aus Elyne gekommen sein. Oder aus Sachaka. In den Ödländern lebt nicht viel, ich bin selbst als junger Mann einmal hinter der Grenze gewesen. Vielleicht war das Tier hungrig und ist deswegen über die Berge gekommen.“

„Möglich“, überlegte Dorrien. Das würde erklären, warum die Bestie bei ihrer Beute nicht wählerisch war. Aber warum drang sie dann nachts in Häuser ein, wenn es viel einfacher gewesen wäre, die Wachpatrouille anzugreifen? Warum jagte sie Menschen? Wäre es nicht in der Natur eines Tieres von einer solchen Gefährlichkeit, Tiere zu jagen, die ihm ebenbürtig waren? Jede mögliche Erklärung brachte Dorrien zu unzähligen neuen Fragen. Er versuchte sich zu konzentrieren und auf das zu beschränken, was er wusste. Doch allmählich gingen ihm die Ideen aus.

„Ich lasse dir vier meiner Männer als Verstärkung zurück“, sagte er. „Mit den übrigen werde ich die Gegend absuchen. Wenn du und deine Leute einverstanden sind, werden wir versuchen, die Bestie hierher zu treiben, aber ich kann dir nicht versprechen, dass es uns gelingt. Die Bestie könnte bereits weitergezogen sein.“

Oder uns selbst überfallen, fügte er in Gedanken hinzu. Doch er sprach es nicht aus, um den alten Mann nicht noch mehr zu beunruhigen. Stattdessen überlegte er, welche seiner Männer für die Jagd unverzichtbar waren. Borgin und Yul waren furchtlos, aber keine besonders guten Jäger. Auch Jal und Fargen aus Lokens Gruppe konnte er getrost zurücklassen. Beide waren Tennbauern und ihr Talent im Spurenlesen war nicht allzu herausragend. Auf Kalin und Loken wollte er dagegen nicht verzichten. Ebenso wie auf Gaden und Forren. Kullen hingegen war ein anderes Thema. Am liebsten hätte Dorrien ihn in Felsenfeste zurückgelassen, doch er würde den Reberhirten davon nur mit Gewalt überzeugen können.

Dorrien leerte seinen Raka und erhob sich. „Komm mit“, sagte er. „Ich stelle dir die Männer vor, die dir helfen werden, die Bestie zu fangen, sollte sie nach Felsenfeste kommen.“

Sie verließen die kleine Kate. Ein scharfer von den Berggipfeln kommender Wind blies ihnen entgegen und kündete von Schnee, während sie den Dorfplatz überquerten, um den sich die wenigen Häuser der kleinen Siedlung drängten. Kel steuerte auf das Bolhaus zu, das jetzt nach Ende der Ernte- und Jagdsaison schon tagsüber gut besucht war.

Als Dorrien die Tür aufstieß und in die Schankstube trat, hoffte er inständig, seine Männer noch halbwegs nüchtern vorzufinden. Er hatte sie hierher geschickt, damit sie sich aufwärmen konnten, während er mit dem Dorfältesten sprach, da in dessen Haus nicht genug Platz war.

Die Bauern und Reberhirten aus Windbruch nahmen gerade an einem Trinkspiel mit einigen Reberhirten aus dem Dorf teil. Loken unterhielt sich angeregt mit dem hiesigen Schmied. Dorrien schwante jedoch, dass die Krüge auf ihrem Tisch nicht die ersten waren, die sie an diesem Tag tranken. Kalin und der Rest seiner Truppe tranken mit einigen Dorfbewohnern, wobei sie laut lachten und lärmten.

Dorrien schüttelte ungläubig den Kopf. Er hatte mehr Disziplin erwartet. Er räusperte sich vernehmlich.

Sofort kehrte Stille ein.

Sämtliche Gesichter im Bolhaus wandten sich ihm zu. Es widerstrebte Dorrien, die Macht, die ihm seine grünen Roben verliehen, auf diese Weise einzusetzen, aber nur so konnte er sich Gehör verschaffen.

„Da bin ich keine Stunde fort, um den Dorfältesten vor der Bestie zu warnen und schon habt ihr nichts Besseres zu tun, als euch volllaufen zu lassen“, sagte er missbilligend.

„’Tschuldigung, Mylord“, murmelten Kalin, Loken und einige andere.

Dorrien seufzte. „Wir werden gleich unsere Suche fortsetzen“, teilte er ihnen mit. „Also sorgt dafür, dass ihr schnell wieder nüchtern werdet.“

„Ich bin nüchtern, Mylord“, erklärte Kullen. Der Reberhirt erhob sich unsicher. Als er auf Dorrien zu schritt, hatte er sich jedoch wieder unter Kontrolle.

Dorrien runzelte die Stirn. Dann erklärte seinen Männern und den übrigen Gästen in knappen Worten, was er mit Kel besprochen hatte.

„Jal, Borgin, Fargen und Yul – ihr bleibt hier und helft den Dorfbewohnern, den Zugang zu Felsenfeste zu sichern, sollte es uns gelingen, die Bestie hierher zu treiben. Kel wird für eure Unterkunft sorgen.“

„Mylord, was wenn die Bestie nicht hierher kommt?“, fragte Jal lallend. „Sollen wir dann für immer hier bleiben?“

Ein paar Männer lachten.

Dorrien unterdrückte einen weiteren Seufzer. „Ich werde jemand schicken, der euch abholt, wenn alles vorbei ist. Und ihr anderen lasst euer Bol stehen und kommt mit.“

Dorriens Männer murrten, weil sie die behagliche Wärme des Bolhauses der beißenden Kälte draußen vorzogen, folgten ihm jedoch nach draußen. Kel brachte Jal, Borgin, Fargen und Yul zu ihren Unterkünften. Sie würden bei Familien wohnen, deren Häuser groß genug waren, um einen Gast für ein paar Tage aufzunehmen.

Während seine Männer ins Freie wankten, beobachtete Dorrien sie genau. Nur zwei von ihnen schienen ihr Bol nicht ganz verkraftet zu haben. Die Kälte würde allerdings dafür sorgen, dass auch sie bald wieder nüchtern waren. Trotz seiner Verärgerung konnte er ein gewisses Mitgefühl nicht leugnen. Während er sich mit einem Wärmeschild vor der Kälte des Hochgebirges schützen konnte, waren sie ihr permanent ausgesetzt, weswegen er ihnen ihr Vergnügen im Bolhaus nicht allzu übelnehmen konnte. Die nächsten Tage würden für sie alle sehr anstrengend werden.

Und sie hatten keine Zeit mehr zu verlieren. Er wollte die Vermissten finden, bevor der Winter seinen Einzug in den Bergen beendet hatte.


***


„Du hast Besuch.“

Sonea sah auf und blickte in Lady Vinaras sauertöpfisches Gesicht. Offenkundig schien sie diese Art der Unterbrechung ihres Unterrichts zu missbilligen. Das konnte Soneas Stimmung indes nicht trüben. Seit Akkarins Heiratsantrag fühlte sie sich auf eine seltsame Weise unbesiegbar. Weder Veilas hasserfüllte Blicke, wenn sie einander auf den Fluren der Universität begegneten, noch Lord Elbens missbilligende Bemerkungen in Alchemie konnten etwas daran ändern.

Bisher hatte niemand gewagt, sie für ihre Beziehung mit Akkarin offen zu verurteilen oder sie in irgendeiner Weise anzugreifen. Es schien als würden sich alle vor den Folgen fürchten, die dies haben könnte, jetzt wo der König offiziell seine schützende Hand über sie und Akkarin hielt. Sonea kam das sehr gelegen, weil es ihr Leben wesentlich angenehmer machte. Und sie würde endlich auf ihre Eskorte verzichten können, zumindest sobald sich die Aufregung um sie und Akkarin gelegt hatte.

„Wenn du hier fertig bist, komm in mein Büro.“

„Ja, Mylady“, antwortete Sonea.

Sie legte ihrem Patienten eine Schiene an sein rechtes Bein. Er war bei einem Reitturnier am Wochenende vom Pferd gestürzt und hatte sich dabei den Unterschenkel gebrochen. Der Knochen hatte Haut und Muskeln durchdrungen, wobei Schmutz in die Wunde gelangt war. Anscheinend war das Bein nicht richtig desinfiziert worden, denn die Wunde hatte sich entzündet. Sonea hatte den Mann zunächst von seinen Schmerzen erlöst und dann seine Körpersäfte dazu angeregt, den Eiter abzutransportieren.

Nachdem sie die Schiene befestigt hatte, reichte sie ihrem Patienten ein kleines Fläschchen. „Rührt dreimal täglich einen Löffel von diesem Heiltrank in Euren Sumi“, wies sie ihn an, während sie sich an einem Waschbecken die Hände wusch. „Damit sollte die Entzündung in wenigen Tagen abgeklungen sein. Es darf auch ein anderes Getränk sein, aber kein Alkohol, denn das würde die Wirkung aufheben.“

Der Mann nickte. Er erhob sich und belastete vorsichtig sein verletztes Bein. „Habt vielen Dank, Mylady“, sagte er erfreut und verneigte sich.

„Sollte es in drei Tagen noch nicht besser sein, so kommt noch einmal her.“

„Das werde ich.“

„Gute Besserung“, wünschte Sonea und verließ das Behandlungszimmer.

Auf dem Weg zu Lady Vinaras Büro fragte sie sich, wer sie sehen wollte und warum das nicht bis nach ihrem Unterricht warten konnte. Für gewöhnlich verlief ihr Unterricht ohne Störungen. Dass jemand sie aufsuchte, konnte nichts Gutes bedeuten. Während sie sich dem Büro der Heilerin näherte, wuchsen ihre Neugier und ihre Aufregung und so war sie umso erfreuter, als sie den großen schwarzgewandeten Mann erblickte, der in Lady Vinaras Büro auf und ab ging.

„Lord Akkarin!“

Sonea unterdrückte ihren ersten Impuls, ihn zu umarmen und verneigte sich stattdessen. Sein Besuch war wohl kaum privater Natur. Zudem empfand sie es noch immer als seltsam, ihm außerhalb ihres Zuhauses ihre Gefühle zu zeigen.

„Hallo, Sonea“, sagte er und der Anflug eines Lächelns huschte über sein Gesicht.

Sie konnte nicht verhindern, dass sie errötete, und fand sich zugleich albern, weil sie noch immer so auf ihn reagierte.

Hinter dem Schreibtisch erklang ein Räuspern. Lady Vinara hatte die Arme vor der Brust verschränkt und musterte die beiden schwarzen Magier in ihrem Büro mit kritischem Blick.

„Dein Mentor ist hier, um sich ein Bild von deinem Privatunterricht zu machen“, erklärte sie mit säuerlicher Miene und stellte damit klar, dass Akkarins Erscheinen nicht von persönlicher Natur war und dass sie keine Intimitäten zwischen ihnen in ihrem Reich wünschte.

Überrascht sah Sonea zu Akkarin. „Ist das wahr?“

Bisher hatte es ihm immer genügt, wenn sie ihm von ihrem Unterricht erzählte oder wenn er direkt mit ihren Lehrern sprach. Dass er jedoch in ihren Unterricht kam, war neu.

Akkarin nickte. „Ich wünsche zu sehen, was du hier lernst.“

Obwohl Sonea das freute, lösten seine Worte zugleich eine leise Nervosität aus. Was wohl daran lag, dass es Akkarin war. „Ich mache Visite bei einigen Patienten, die hier einquartiert sind“, sagte sie. „Ihr könnt mich begleiten.“

„Dann geh voraus.“

Lady Vinara schürzte missbilligend die Lippen. „Das kommt nicht in Frage. Ihr werdet unsere Patienten verschrecken.“

„Ich denke, das können Eure Patienten selbst entscheiden, sofern sie nicht an einer Krankheit leiden, die ihr Sprachvermögen beeinträchtigt“, entgegnete Akkarin kühl. „Sonea kann sie vorher fragen.“

„Genau“, stimmte Sonea zu und blickte Lady Vinara herausfordernd an.

Die Heilerin seufzte resigniert. Es schien, als fühle sie ihre Autorität untergraben.

„Meinetwegen.“ Sie warf Akkarin einen finsteren Blick zu. „Unter einer Bedingung: Ihr sprecht mit keinem und Ihr fasst auch nichts an.“

Akkarins Mundwinkel zuckten. „Selbstverständlich, Lady Vinara.“

Lady Vinara bedachte Akkarin mit einem weiteren finsteren Blick und nickte dann.

Sonea unterdrückte ein Kichern. „Kommt, Lord Akkarin“, sagte sie und ging zur Tür. „Ich zeige Euch alles. Aber vorher müsst Ihr Euch die Hände waschen und desinfizieren.“

Er runzelte die Stirn. „Selbst wenn ich nichts anfassen darf?“

Sonea verdrehte hinter seinem Rücken die Augen. Stellte er sich absichtlich so dumm? Oder sollte das hier ein Test werden?

„Auch dann“, antwortete sie streng. „Für den Fall, dass Ihr Keime mit Euch tragt.“

Während ihrer Runde erzählte Sonea ihm, woran die Patienten litten, wie man es diagnostizierte und welche Therapie sie dagegen anwandte. Erfreut stellte sie fest, dass Akkarin sich für das, was sie hier tat, ernsthaft interessierte. Hin und wieder stellte er Fragen, die sie allesamt beantworten konnte. Zu ihrer Freude erhob keiner der Patienten Einwände gegen Akkarins Anwesenheit in seinem Krankenzimmer, was die Führung erheblich erleichterte. Sonea fand, es war so viel einfacher, ihm den Inhalt ihres Privatunterrichts direkt zu zeigen, als wenn sie es beim Abendessen zu erklären versuchte.

Schließlich blieb sie vor einer Tür stehen.

„Und jetzt kommen wir zu meinem kleinen Freund.“

Akkarin hob fragend die Augenbrauen. „Dein kleiner Freund?“

Sonea lächelte geheimnisvoll. „Ihr werdet schon sehen.“

Sie betrat das Krankenzimmer. An der gegenüberliegenden Wand lag ein kleiner, blasser Junge in einem Bett so groß, dass er darin zu verschwinden schien.

„Hallo, Tristin“, sagte sie freundlich. „Wie geht es dir heute?“

„Schon viel besser, Lady Sonea“, antwortete er und strahlte sie an.

„Das ist schön. Mein Mentor ist heute hier, um meine Leistungen zu beurteilen. Macht es dir etwas aus, wenn ich ihn hereinbitte?“

Der kleine Junge schüttelte den Kopf.

Sonea lächelte und bedeutete Akkarin, hereinzukommen. „Tristin, darf ich dir Lord Akkarin vorstellen?“, fragte sie unfähig, den Stolz in ihrer Stimme zu unterdrücken.

Tristins Mund klappte auf und sein blasses Gesicht färbte sich rosa.

„Guten Tag, Tristin, es ist mir eine Ehre, dich kennenzulernen“, sagte Akkarin.

„Guten Tag … Lord Akkarin“, brachte Tristin hervor.

„Ist Sonea auch immer nett zu dir?“

Sonea funkelte Akkarin an. Sie war sicher, er stellte mit Ansicht solche Fragen. Glücklicherweise hatte er sich bis jetzt zurückgehalten. Ihr kleiner Patient schien sich indes aus seiner Starre zu lösen.

„Meistens ja, aber manchmal ist sie auch gemein“, beklagte sich Tristin.

„Ja und zwar jedes Mal, wenn du dich weigerst, deine Medizin zu nehmen“, gab Sonea zurück.

„Weil sie eklig schmeckt!“

„Das ist kein Pachisaft. Diese Medizin soll dich heilen“, sagte Sonea streng. „Und nun setz dich auf, damit ich dich untersuchen kann.“

Tristin gehorchte ohne weiteren Protest. Sonea trat neben sein Bett. Sie fühlte seine Stirn und sandte ihren Geist in den Körper des Jungen, um ihn zu untersuchen. Das Resultat erleichterte sie.

„Das Fieber ist zurückgegangen und die Entzündung auch“, teilte sie ihrem kleinen Patienten mit.

Tristin schien beleidigt. „Ich habe doch gesagt, dass es mir bessergeht!“

„Ich weiß. Aber ich muss mich trotzdem davon überzeugen, dass du die Wahrheit sagst“, antwortete Sonea. „Denn sonst musst du noch länger hierbleiben.“

Der Junge verzog das Gesicht. Es war offenkundig, dass er wieder nach Hause wollte.

„Was ist mit deiner Narbe?“, fragte Sonea. „Tut sie noch weh?“

Er schüttelte den Kopf.

Beruhigt wandte Sonea sich zu Akkarin. „Sein Blinddarm musste entfernt werden. Aber irgendwie hat sich die Wunde entzündet und er hatte tagelang hohes Fieber, weswegen er noch nicht entlassen wurde. Ich versuche, die Entzündung mit ...“

„Lady Sonea, werdet Ihr und Lord Akkarin heiraten?“, unterbrach Tristin sie.

Sonea runzelte die Stirn. „Wer hat dir denn davon erzählt?“

„Die Frau, die gestern hier war“, antwortete er. „Lady Trassia. Sie war deswegen ganz aufgeregt.“

Sie spürte, wie Akkarin eine Hand auf ihre Schulter legte.

- So, Trassia, sandte er. Sagtest du nicht, sie sei vertrauenswürdig?

- Jetzt ist es doch ohnehin kein Geheimnis mehr.

Akkarin erwiderte nichts darauf.

„Es ist wahr“, sagte sie zu Tristin. „Wir werden heiraten.“

Sie hätte es schlimmer gefunden, hätte ihre Freundin es überall in der Universität herumerzählt, bevor sie und Akkarin es offiziell bekanntgegeben hatten. Doch über das Wochenende hatte sich diese Nachricht von selbst in der Gilde verbreitet. Sonea war nur überrascht, dass ihre Freundin es den Patienten erzählt hatte. Wahrscheinlich hat sie es nur getan, weil sie weiß, wie begeistert Tristin von mir ist, überlegte sie.

„Lord Akkarin, ist es wahr, dass man Euch und Lady Sonea nach Sachaka verbannt hat?“, fragte Tristin weiter. Er war so aufgeregt, dass Sonea sich zu wünschen begann, er habe noch Fieber. „Und dass Ihr trotzdem zurückgekommen seid, um uns zu retten?“

„Das ist richtig.“

Tristin strahlte. „Wenn ich groß bin, will ich auch ein schwarzer Magier werden“, erklärte er ernsthaft.

„Hast du denn magisches Potential?“

„Ja.“

„Nun, dann sollten wir darüber reden, wenn du in die Gilde aufgenommen wirst“, sagte Akkarin.

„Werdet Ihr mich ausbilden?“, fragte Tristin hoffnungsvoll.

„Das werden wir dann sehen. Schwarze Magie zu erlernen bedeutet eine große Verantwortung. Es ist sehr gefährlich. Das muss dir bewusst sein.“

Tristin nickte ernst.

Sonea schüttelte verärgert den Kopf. Lady Vinara hatte recht gehabt. Es war alles andere als eine gute Idee gewesen, Akkarin auf die Patienten loszulassen. Sie nahm ein kleines Fläschchen vom Nachttisch.

„Deine Medizin ist aufgebraucht, Tristin“, stellte sie fest. „Ich gehe dir neue machen.“

„Aber es geht mir doch schon wieder besser!“, protestierte Tristin.

„Es mag dir vielleicht wieder gut genug gehen, dass du meinst, du könntest frech zu mir sein, aber du bist noch lange nicht gesund“, widersprach Sonea. „Also wirst du deine Medizin schön weiter nehmen.“

„Du solltest ihr besser gehorchen“, stimmte Akkarin ihr zu.

Sonea warf ihm einen weiteren vernichtenden Blick zu. „Lord Akkarin, möchtet Ihr zusehen, wie ich Tristins Medizin herstelle?“, fragte sie, hoffend, er würde zustimmen. „Das ist etwas, das Ihr Euch nicht entgehen lassen solltet.“

„Dann sollte ich das wohl tun“, erwiderte Akkarin. „Auf Wiedersehen, Tristin.“

„Kommt Ihr mich bald wieder besuchen?“, fragte der Junge.

„Vielleicht. Aber nur, wenn du versprichst, Lady Vinara nichts von unserem Gespräch zu erzählen. Oder Lady Trassia.“

„Versprochen“, sagte Tristin feierlich.

Sonea verdrehte innerlich die Augen. Mit einer energischen Handbewegung scheuchte sie Akkarin aus dem Krankenzimmer.

„Lady Vinara hat genau gewusst, warum sie nicht wollte, dass du mit den Patienten sprichst“, bemerkte sie säuerlich, als sie einen Raum im ersten Stock betraten, in dem die Medikamente hergestellt wurden. „Was ist nur in dich gefahren? Wie kannst du dem Jungen solche Flausen in den Kopf setzen? Er ist sieben!“

„Richtig, er ist sieben.“ Akkarin verschränkte die Arme vor der Brust und musterte sie kühl. „Ein Alter, in dem die Kinder aus den Häusern die absurdesten Träume haben. Wäre es dir lieber gewesen, hätte ich ihn enttäuscht?“

Sonea öffnete einen Schrank und holte ein paar Flaschen und eine Dose mit einem gelblichen Pulver heraus. Sie betrachtete ihn unwirsch.

„In diesem speziellen Fall? Ja!“

„Er wird früh genug erwachsen und herausfinden, dass diese Welt nicht so funktioniert, wie er sich das wünscht, Sonea.“

„Für ihn bist du ein Held, weil du ihn vor den bösen Männern aus Sachaka gerettet hast“, gab Sonea zurück. Sie ging zu einem anderen Schrank und nahm eine Pipette und einen kleinen Spatel heraus. „Er sieht nicht, was du Schreckliches getan hast, um für seine Sicherheit zu sorgen“, fuhr sie fort, während sie mit dem Spatel Pulver aus der Dose in eine leere Flasche gab. „Er weiß nicht, wie es sich anfühlt, einen anderen Menschen zu töten. Und ihm das zu verschweigen ist falsch.“

Akkarin ließ die Arme sinken. „Sonea, selbst Erwachsene neigen dazu, das zu übersehen“, sagte er sanft. „Weil sie es nicht sehen wollen. Du weißt, ich bin nicht gerade stolz auf das, was ich getan habe.“

Sonea seufzte. „Ich weiß“, erwiderte sie leise. „Ich für meinen Teil bin es auch nicht. Trotzdem hättest du ihn nicht dazu ermuntern dürfen, ein schwarzer Magier werden zu wollen.“

„Ah, ich bin sicher, er wollte das schon, bevor er mich kennengelernt hat.“

Sie funkelte ihn an. Hatte er etwa Tristins Gedanken gelesen?

„Sonea, es liegt nicht in meiner Absicht, Tristin zu rekrutieren“, sagte Akkarin. „Das ist eine Entscheidung, die wir beide mit Zustimmung der Gilde und dem König treffen werden. Doch das wird frühestens in zwanzig Jahren passieren. Ich bin sicher, bis Tristin sein Studium beginnt, wird er seinen Berufswunsch noch mehrfach geändert haben“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil alle Jungen aus den Häusern so sind.“ Er runzelte die Stirn. „Nebenbei bemerkt, ich bin auch nicht das geworden, was ich werden wollte, als ich in Tristins Alter war.“

Sonea sah auf.

„Und was war das?“, fragte sie unwirsch. „Prinz? Drachentöter?“

Sie kannte die Abenteuergeschichten, die die Kinder aus den Häusern lasen. Sie hatte sie selbst gelesen, als Rothen ihr das Lesen beigebracht hatte und später, als Zeitvertreib während der Ferien. Viele handelten von einem Helden von meist königlichem Geblüt, der verschiedene Abenteuer bestehen musste, um das Herz seiner Angebeteten zu erobern. Der geistige Anspruch war dabei eher gering, da solche Geschichten der reinen Unterhaltung dienten. Sie war sicher, es musste etwas derart Albernes sein.

Akkarins Mundwinkel zuckten leicht.

„Pirat.“

Sonea starrte ihn an. Dann brach sie in lautes Gelächter aus.

„Es wäre besser gewesen, hätte ich dir das nicht gesagt“, bemerkte Akkarin trocken.

„Oh, das sehe ich anders!“, rief sie nach Luft schnappend. Ihre Finger gruben sich in die Tischkante, als ihr Körper von schmerzhaften Lachkrämpfen geschüttelt wurde. Jetzt hatte sie etwas, womit sie ihn aufziehen konnte. „Pirat! Das passt zu dir!“

„Sonea, dir ist doch hoffentlich bewusst, dass dein Unterricht noch nicht vorbei ist“, sagte Akkarin mit einem Anflug von Strenge.

Schlagartig wurde sie wieder ernst. „Natürlich, Mylord“, sagte sie und wandte sich wieder der Zubereitung von Tristins Medizin zu. Diese ganze Diskussion wäre nicht nötig gewesen, hätte sie sich nicht so über ihn geärgert. Wenigstens beruhigte es sie, dass er nicht wirklich beabsichtigte, Tristin auszubilden. Für einen kurzen Augenblick hatte sie das tatsächlich geglaubt.

Während sie mit ihrer Arbeit fortfuhr, erklärte sie ihm, welche Zutaten sie für Tristins Medizin verwendete und was sie genau bewirkten. Zwischendurch stellte Akkarin einige schwierige Fragen. Zu ihrer Erleichterung wusste sie jedoch auf alle die richtige Antwort. Akkarin schien zufrieden.

„Du trägst deinen Ring nicht“, stellte er plötzlich fest.

„Es ist verboten, Schmuck im Heilerquartier zu tragen“, erklärte Sonea. „Daran könnten sich Krankheitserreger heften, die ich dann zu anderen Patienten trage.“

„Ich verstehe.“

Es läutete zum Unterrichtsende.

„Oh, ist es schon so spät?“, sagte Sonea eine leise Enttäuschung verspürend. In Akkarins Gegenwart war die Stunde viel zu schnell vergangen. „Dann beeile ich mich, damit wir rechtzeitig mit Kriegskunst beginnen können.“

„Wir gehen nicht in die Arena“, sagte Akkarin. „Nicht heute.“

Sonea ließ den Spatel sinken. „Warum nicht? Ist sie schon belegt?“

Akkarin betrachtete sie ernst. „Dein Unterricht fällt heute aus. Wir gehen nach Hause. Es gibt etwas, das wir besprechen müssen.“

Seine Worte lösten eine leise Panik in ihr aus. Irgendetwas musste passiert sein, sonst würde Akkarin Kriegskunst nicht ausfallen lassen. Dieser Kurs war ihm so wichtig, dass er jedes Mal überzog, wenn sie wieder zu spät aus dem Heilerquartier kam. Was also konnte so wichtig sein, dass sie es jetzt besprechen mussten?

„Das war ein sehr aufschlussreicher Einblick in deinen Unterricht in Heilkunst“, fuhr er fort. „Ich habe alles gesehen, was ich wissen muss. Lass dir mit der Herstellung der Medizin so viel Zeit, wie du brauchst. Ich muss noch einmal mit Lady Vinara sprechen, bevor wir gehen.“

Er lächelte ihr aufmunternd zu, doch Sonea entging nicht, dass das Lächeln seine Augen nicht erreichte.

„Was ist los?“, fragte sie. Das ungute Gefühl verstärkte sich. „Bitte sag es mir.“

„Nicht hier“, sagte er entschieden.

Eine unangenehme Ahnung, worüber er mit ihr sprechen wollte, drängte sich Sonea auf. Sie hatte indes immer gewusst, dass es eines Tages soweit sein würde.

„Muss ich mir Sorgen machen?“

Mit zwei Schritten durchmaß Akkarin die Distanz zwischen ihnen. „Darauf kann ich dir keine eindeutige Antwort geben.“ Er streckte eine Hand aus und strich kurz über ihre Wange. „Warte vor Lady Vinaras Büro auf mich.“

Er verließ den Raum und Sonea sah ihm verstört nach. Mit einem Mal fühlte sie sich alles andere als unbesiegbar.


***


„Werd’ ich dich eigentlich noch sehen, wenn du für den König arbeitest?“ Nenia rollte sich auf die Seite und fuhr spielerisch mit einem Finger über Cerys entblößte Brust.

Cery lachte. „Denkst du, ich will dann nix mehr mit dir zu tun haben, weil ich mich für was Besseres halte?“, fragte er erheitert.

Sie zögerte. Cery beobachtete wie sich ihre Augenbrauen zusammenzogen als überlege sie, wie sie ihre Worte am besten wählen sollte.

„Es ist nur ...“, begann sie. „Ich meine, wenn du in Merins Auftrag für Recht und Ordnung in den Hüttenvierteln sorgst, werden Gefälligkeiten doch überflüssig, oder?“

Der Ausdruck in ihren Augen war furchtsam und traurig zugleich. Bei ihrem Anblick zog sich etwas in Cerys Brust schmerzvoll zusammen.

„Das Geld, das Corbin mir für seinen Schutz zahlt, wird er als Steuern an den König zahlen“, erklärte Cery. Auch jetzt musste Corbin Steuern wie alle anderen Hüttenleute zahlen. Um die neue Stadtwache zu finanzieren, hatte der König jedoch ein neues, aber gerechteres Steuersystem eingeführt, bei dem sich die monatlichen Abgaben nach dem Einkommen der Hüttenleute und der Anzahl ihrer Kinder richteten. Arme Familien wurden dabei entlastet, während die Besitzer der Bolhäuser und Hurenhäuser nun mehr Steuern zahlen mussten, wohingegen das Schutzgeld für die Diebe entfallen würde. „Aber der König wird mir für meine Arbeit natürlich auch Geld zahlen.“

Und das würde nicht gerade wenig sein. Der Plan, den die Diebe bei ihrem Treffen geschmiedet hatten, ließ zudem Raum für Gefälligkeiten. Ein weiteres Treffen war für den nächsten Tag angesetzt, um weitere Einzelheiten ihres Plans und die Reaktion ihrer Klienten zu besprechen, die von der Veränderung in Mitleidenschaft gezogen würden. Cery war nicht der einzige Dieb mit Klienten, die ihr Tun lieber vor dem Gesetz verborgen hielten und die bereit waren, alles zu tun, um diesen Zustand beizubehalten. Inwiefern er tatsächlich Gefälligkeiten einfordern würde, um ihnen dabei zu helfen, hatte er noch nicht entschieden. Sicher würde der König ihn und seine Leute genau beobachten lassen.

Aber das war es nicht, was das junge Mädchen in seinem Bett bedrückte. Sie wusste nichts von den geheimen Abmachungen unter den Dieben.

Nenia fürchtete, Cery würde sie nicht mehr wollen, wenn er für ihre Dienste bezahlen musste.

„Ich weiß nicht, wie viel Geld das sein wird“, fuhr er daher fort. „Bestimmt mehr als ’ne einfache Stadtwache kriegt. Der König muss den Dieben schon ein ordentliches Gehalt zahlen, wenn er will, dass wir für ihn arbeiten. Aber es wird ausreichen, um dich für ganze Nächte zu haben.“ Er betrachtete Nenia und lächelte. „Ich könnt’ dich Corbin sogar abkaufen.“

Hoffnung glomm in ihren Augen auf. „Das würdest du tun?“

Cery wusste, sie mochte Corbin nicht besonders. Bevor sie Cerys Gefälligkeit geworden war, hatte der Bordellbesitzer sie regelmäßig in sein Bett geholt. Aus dem, was er ihr gelegentlich entlockte, ahnte Cery, dass der Mann schlimmer gewesen war als Nenias übliche Freier.

„Vielleicht“, antwortete er. „Ich will dir nicht zu viel versprechen.“

Er hatte keine Ahnung, wie viel er Corbin für das ihm liebste seiner Mädchen bieten musste. Sicher würde sich der Bordellbesitzer weigern, Nenia herzugeben. Zudem hatte Cery nicht die geringste Ahnung, was er mit ihr anstellen sollte, wenn sie ihm gehörte.

„Willst du dann, dass ich für dich arbeite?“, fragte sie.

Cery musterte sie. Sie schien diese Frage ernst zu meinen. Er schüttelte den Kopf.

„Wenn ich dich eines Tages wirklich Corbin abkaufe, dann wirst du nie wieder als Hure arbeiten müssen. Du könntest alles tun, was du möchtest. Ich würde dir helfen, irgendwo ’ne anständige Arbeit zu finden.“

„Und wenn ich einfach nur hierbleiben möchte? Hier bei dir?“

Cery runzelte die Stirn. „Du würdest lieber in ’nem Diebesnest leben, anstatt ’nen Beruf zu ergreifen, zu heiraten und Kinder zu kriegen?

„Es wär’ ja dann kein Diebesnest mehr. Ich könnt’ für dich kochen, einkaufen, deine Kleider waschen und so. Und du könntest mich weiterhin ficken.“

Cery missfiel der Verlauf, den dieses Gespräch allmählich nahm. Fast wünschte er, nicht ihre Hoffnungen geweckt zu haben, als er laut überlegt hatte, sie Corbin abzukaufen. Sie war jetzt schon mehr auf ihn fixiert, als er gutheißen konnte. Er mochte ihre Gesellschaft, aber der Gedanke sie in seinem Haushalt zu haben, hatte den Beigeschmack einer Beziehung, die er nicht wollte. Es lag nicht an ihr. Er fürchtete sich davor, sich erneut an eine Frau zu verlieren.

Er setzte sich auf. „Nenia“, sagte er. „Du könntest so viel mehr aus deinem Leben machen, wenn du die Chance hättest. Du könntest ’ne Lehre machen, oder als Dienerin in ’nem Herrenhaus im Inneren Ring arbeiten. Ich hab viele gute Verbindungen, ich könnte dir so ziemlich jeden Traum ermöglichen.“

Nenia biss sich auf die Unterlippe und schwieg. Ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, hatte Cery sie verletzt. Er war verwirrt, weil er nicht wusste, was er getan hatte. Jedes Mädchen an ihrer Stelle hätte glücklich über so eine Aussicht sein müssen.

Während er noch darüber nachdachte, schlug sie das Laken zurück und stand auf.

„Wo willst du hin?“, fragte er.

„Ich muss zurück, bevor der Abendbetrieb losgeht“, antwortete sie ungewöhnlich kurz angebunden. Sie hob ihr Kleid vom Boden auf und streifte es über.

Anscheinend hab’ ich wirklich was falsch gemacht, dachte Cery in einem Anflug von Schuldgefühl. Aber ich versteh’s nicht.

Er erhob sich ebenfalls. „Nenia, warte.“

Sie hielt inne. Der Blick, mit dem sie ihn bedachte, verstärkte Cerys Schuldgefühle. Er wusste, sie tat das nicht, um ihn zu manipulieren. Seine Worte hatten sie wahrhaftig getroffen.

Rasch schritt er auf sie zu und schloss sie in seine Arme.

„Wenn ich was Falsches gesagt hab’, tut mir das leid“, murmelte er und strich über ihren Rücken.

„Schon gut“, sagte sie. „Es ist meine Schuld. Ich war einfach nur dumm, weil ich geglaubt hab’, dass du dir wirklich was aus mir machst.“ Sie drückte ihre Nase in eine Vertiefung an seiner Schulter, während sie weitersprach. „Ich meine, ich bin doch nur ’ne Hure. Also wieso solltest du … ?“

Cery nahm ihr Gesicht zwischen seine Hände und zwang sie, ihn anzusehen. „Natürlich mache ich mir was aus dir. Sonst würde ich doch nicht wollen, dass du ein besseres Leben hast.“

Nenia schwieg. Ihre Augen glitzerten jedoch verräterisch. Einem plötzlichen Impuls folgend beugte Cery sich vor und küsste sie. Zuerst wehrte sie sich, doch dann öffneten sich ihre Lippen und sie erwiderte den Kuss. Cery zog sie fester in seine Arme. Das Verlangen kehrte zurück. Er wusste, es war falsch, sie ausgerechnet jetzt erneut zu verführen, doch ihr weicher Körper drängte sich ihm entgegen, bis er an nichts anderes mehr denken konnte, als es mit ihr zu tun.

„Hör auf“, flüsterte sie und schob ihn von sich. „Ich muss gehen.“

„Du willst doch gar nicht gehen“, entgegnete erheitert.

Sie neigte den Kopf zur Seite und blickte ihn an. In ihren Augen glitzerten noch immer ein paar Tränen, aber sie wirkte bereits wieder fröhlicher.

„Nein“, stimmte sie zu. „Das will ich nicht. Aber es wär’ für uns beide besser.“

Sie löste sich von ihm und schlüpfte in ihre Schuhe. Ein Seufzen unterdrückend reichte Cery ihr den Mantel. Mit einem schiefen Lächeln nahm sie ihn entgegen. „Danke.“

Cery griff nach seiner Hose und seinem Hemd.

„Mach dir keine Umstände“, sagte sie. „Gol kann mich zurückbringen.“

Sie drückte ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand durch die Schlafzimmertür.

Von einem unguten Gefühl erfüllt, sah Cery ihr hinterher. Er wusste noch immer nicht, was er soeben falsch gemacht hatte. Er ahnte jedoch, er musste sich etwas einfallen lassen, um ihre Gunst wiederzugewinnen.

Seufzend stand er auf und zog sich an. Vor dem nächsten Treffen der Diebe hatte er noch einiges an Arbeit zu erledigen. An diesem Tag erwartete er noch mehrere Klienten, die mit ihm über die Zukunft ihrer Geschäfte reden wollten. Er würde sich ihre Probleme anhören und Strategien ersinnen, um ihnen zu helfen, und diese mit den anderen Dieben bei ihrem nächsten Treffen diskutieren. Wenn Cery an all das dachte, was es noch zu erledigen galt, bevor er Lord Mirken informierte, würde sein Problem mit Nenia warten müssen.

Auf dem Weg zu seinem Büro begegnete er Kerran.

„Hai, Chef! Ich hab’ schon nach dir gesucht!“

„Ich wollte nicht gestört werden“, sagte Cery. „Was gibt’s?“

„Gerade kam ’ne Nachricht aus der Gilde. Wie’s aussieht, hat Sonea ’nen Heiratsantrag von ihrem Magier bekommen.“

Cery starrte seinen Gehilfen ungläubig an. „Hai! Von Akkarin?“

„Hat sie noch ’nen anderen?“

Erheitert schüttelte Cery den Kopf. „Nein. Hat mein Kontakt von den Dienern das mit dem Antrag gehört?“

„Ja. Ist wohl schon’n paar Tage her. Die ganze Gilde und die Häuser sind deswegen wild.“

Das konnte Cery sich vorstellen. Er lachte. Dass ein Mädchen aus den Hüttenvierteln einen Magier aus einem reichen und einflussreichen Haus heiratete, würde für Aufregung sorgen. Erst recht, wenn dieser der ehemalige Anführer der Magier war. Doch die beiden hätten diesen Schritt nicht gewagt, wären sie nicht absolut sicher, sie würden damit durchkommen.

So, Sonea heiratet also, dachte er. Er verspürte einen leisen Neid, weil sie mehr Glück in der Liebe hatte, als er. Doch je tiefer die Bedeutung von Kerrans Worten in sein Bewusstsein durchsickerte, desto mehr freute er sich für sie. Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hatte sie es verdient, glücklich zu sein. Und er hatte so eine Ahnung, dass Akkarin dafür genau der Richtige war.

„Danke, Kerran“, sagte er. „Ich werde den beiden ’ne Nachricht schicken und …“ Er hielt inne und schüttelte den Kopf. Sonea war seine beste Freundin aus Kindertagen, ihr eine Nachricht zu schicken, in der er ihr gratulierte, war mehr als nur unpersönlich. „Nein, vergiss es. Ich geh’ die beiden besuchen, sobald ich hier alles wieder im Griff hab’.“

Insgeheim fragte er sich jedoch, wann das sein würde.


***


Den Heimweg legten sie in absolutem Schweigen zurück. Es war, als wüssten sie beide, dass alles was zu sagen war, besser dort ausgesprochen wurde, wo sie ungestört waren. Sonea hatte eine leise Ahnung, von welcher Art das Gespräch war, das Akkarin mit ihr führen wollte. Und ihr graute davor. Akkarin hatte ihre Hand genommen, doch die beruhigende Wirkung blieb dieses Mal aus. Sonea wusste, er konnte sie nicht vor allem beschützen. Erst recht nicht vor Dingen, die sie beide betrafen.

Das herrliche Herbstwetter schien sie zu verhöhnen. Die Luft war kühl und die Sonne strahlte von einem tiefblauen Himmel auf sie hernieder. In ihrem Licht schimmerte das Laub an den Bäumen golden, wo es von ihren Strahlen berührt wurde. Auch die Wolken, die Türme der Universität, sogar die Luft selbst waren von einem sanften Goldton durchtränkt. Der Wind raschelte leise in den Wipfeln der Bäume und löste hin und wieder gelbe Blätter von den Zweigen, die beinahe lautlos zu Boden taumelten.

Als Sonea an diesem Morgen auf den Balkon ihres Schlafzimmers getreten war und den Herbstwald im Licht der aufgehenden Sonne bewundert hatte, hatte sie noch geglaubt, dieser Tag würde wundervoll werden. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr seit Akkarins Heiratsantrag anhaltendes Hochgefühl ein so jähes Ende finden würde. Jetzt erschien es ihr unwirklich, für ein paar Tage so glücklich gewesen zu sein. Der Morgen lag mit einem Mal in weiter Ferne, so wie alles andere, was sie an diesem Tag bis hin zu Akkarins Besuch im Heilerquartier erlebt hatte.

Seltsam, wie schnell sich alles ändern kann, dachte sie. Immer wenn sie glaubte, alles würde endlich gut werden, geriet ihre Welt stattdessen aus den Fugen. War ihnen kein dauerhaftes Glück vergönnt? War das der Preis dafür, dass sie Akkarin gerettet hatte?

Für ihren Geschmack erreichten sie die Arran-Residenz viel zu schnell. Akkarin verlor keine Zeit und führte sie direkt in die Bibliothek.

„Setz dich“, sagte er streng und wies auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch, während er auf der anderen Seite Platz nahm, als wolle er eine räumliche Distanz zwischen ihnen schaffen.

Sonea gehorchte, eingeschüchtert von der plötzlichen Autorität in seiner Stimme. Jetzt würden sie also das Gespräch führen, vor dem sie sich seit Wochen fürchtete und das sie auf Grund ihrer Prüfungen, ihrem Küchendienst und ihrer plötzlichen Verlobung in die hinterste Ecke ihres Bewusstseins verdrängt hatte. Sie betrachtete den Mann, der in diesem Augenblick mehr denn je ihr Mentor war, furchterfüllt.

Akkarin lehnte sich zurück, die Ellenbogen auf den Armlehnen, die Fingerspitzen aneinandergelegt.

„Ich nehme an, du weißt, worüber ich mit dir sprechen möchte.“

Sonea nickte stumm. Ihr Sprachvermögen schien ihr mit einem Mal abhandengekommen.

Akkarin musterte sie einen langen Augenblick durchdringend. Sie versuchte, seinem Blick standzuhalten.

„Sonea, ich habe dich bewusst mit diesem Thema solange es mir möglich war verschont“, begann er. „In den letzten Wochen ist genug geschehen, was dich aufgewühlt hat, doch ich kann die höheren Magier nicht mehr länger hinhalten. Sie verlangen, dass du bis in spätestens einer Woche eine Disziplin wählst, da dir andernfalls bis zum Winter nicht mehr genügend Zeit bleibt, den Stoff in den neuen Kursen aufzuholen. Du würdest ein halbes Jahr verlieren. Ich gebe den höheren Magiern darin recht, denn es besteht kein Grund, deinen Abschluss hinauszuzögern. Was den anderen Teil ihrer Forderungen betrifft, so werde ich mich über ihre Wünsche hinwegsetzen. Es wird dich sicher freuen zu hören, dass Rothen in dieser Sache als Einziger auf meiner Seite ist.“

Sonea starrte ihn an. Welche Dummheit begingen die höheren Magier jetzt schon wieder? Dass Rothen zu ihr hielt, war ihr zumindest ein kleiner Trost.

„Die höheren Magier verlangen, dass du eine bestimmte Disziplin erwählst“, fuhr Akkarin fort. „Zudem erwarten sie von mir, dass ich dir ihre Gründe verschweige, was ich für kurzsichtig und verantwortungslos halte. Damit missbrauchen sie ihre Macht, was sie mit den Bedingungen unserer Wiederaufnahme begründen. Es ist dein Recht, jede Disziplin zu erwählen, die du ausüben möchtest und die deine Noten erlauben. Wenn du dir deiner Entscheidung unsicher bist, kannst du mich selbstverständlich um Rat bitten. Sollte die Wahl deiner Disziplin nicht den Wünschen der höheren Magier entsprechen, so werde ich dafür sorgen, dass sie deine Wahl akzeptieren. Hast du das verstanden?“

„Ja, Mylord“, antwortete Sonea. Dachten die höheren Magier wirklich, sie könnten derart respektlos mit ihr verfahren? Sie und Akkarin waren nicht ihre Werkzeuge. Wenn die Gilde ihren Schutz wollte, dann musste sie aufhören, ihnen unsinnige Vorschriften zu machen. Sie fühlte sich indes auch geschmeichelt, weil Akkarin ihr diese Dinge erzählte, auch wenn sie den Grund für seine Entscheidung nicht verstand. Wenn er nicht wollte, dass sie sich den höheren Magiern beugte – würde es dann nicht genügen, ihr zu sagen, dass jede Disziplin ihr offen stand?

Er sollte das nicht tun, nur weil ich für ihn mehr als seine Novizin bin, dachte Sonea ein Seufzen unterdrückend. Dabei fiel auch ihr es schwer, manchmal nur den Mentor in ihm zu sehen.

Einen tiefen Atemzug nehmend versuchte sie, eine emotionale Distanz zwischen ihnen zu schaffen, was ihr selbst jetzt, wo er so streng und ehrfurchtgebietend war, schwerfiel.

„Was verlangt Ihr von mir?“

„Ich verlange, dass du, nachdem du alle Fakten kennst, dich für die Disziplin entscheidest, die du gewillt bist, für den Rest deines Lebens auszuüben.“

Selbst das kann unter Umständen sehr schwierig werden, dachte Sonea. Fast wünschte sie, Akkarin würde ihr die Entscheidung abnehmen und sie vor vollendete Tatsachen stellen. Doch so war er nicht. Er war streng und erwartete Respekt und Gehorsam. Aber er würde sich niemals anmaßen, sie zu einer bestimmten Disziplin zu zwingen oder dahin zu manipulieren. Ja, er war manipulativ, aber nicht so.

„Es ist dein Wunsch, Heilerin zu werden und den Menschen zu helfen, besonders jenen in den Hüttenvierteln“, fuhr Akkarin fort. „Heute hast du bewiesen, mit wie viel Gewissenhaftigkeit, Begeisterung und Hingabe du dieser Aufgabe nachkommst. Das hat mich sehr beeindruckt.“

Soneas Wangen wurden heiß. „Vielen Dank, Lord Akkarin“, sagte sie.

Der Anflug eines Lächelns huschte über Akkarins Gesicht. „Du hast die Begabung, eine ausgezeichnete Heilerin zu werden. Deine Patienten vertrauen dir und sie fühlen sich bei dir wohl. Lady Vinara hat mir zudem mitgeteilt, dass die meisten Heiler ihre anfängliche Furcht vor dir abgelegt haben und es schätzen würden, dich in zwei Jahren als Kollegin zu begrüßen. Wenn das noch immer dein Wunsch ist, dann werde ich dich in jeder Hinsicht dabei unterstützen.“

„Danke“, erwiderte Sonea, während sie innerlich mit sich rang, um dieses Lob annehmen zu können.

„Bevor du deine Entscheidung triffst, solltest du jedoch die Gründe erfahren, aus denen die höheren Magier die Wahl für dich treffen wollen“, sagte Akkarin dann. „Ich möchte nicht, dass du deine Wahl bereust, weil dir wichtige Informationen vorenthalten wurden“

Akkarin machte eine Pause und blickte sie ausdruckslos an.

Sonea erwiderte seinen Blick herausfordernd. Bitte sag es mir!

„Seit dem Angriff der Ichani wissen die Sachakaner, dass wir schwach sind. Viele sehen darin eine Chance auf Rache für den letzten Krieg. Vor einigen Wochen hat ihr König aus diesem Grund seine Ashaki versammelt, um mit ihnen darüber zu debattieren, ob sich ein Krieg mit Kyralia lohnt.

„Glücklicherweise sind König Marikas Verhandlungen an der komplizierten politischen Lage in Sachaka gescheitert. Die verschiedenen Parteien der Ashaki bekämpfen einander; einige sind dem König wohlgesonnen, andere arbeiten gegen ihn. Und dann sind da noch die Ichani, die die Ashaki im Grenzgebiet der Ödländer überfallen. Das Land ist politisch zu instabil, als dass es sich einen Krieg leisten kann. Der König würde nicht dulden, dass seine Gegner eine Invasion Kyralias wagen, und es würde ihn seine Macht kosten, sollte er den Versuch ohne ausreichende Unterstützung wagen. Der Hass der Sachakaner auf die Gilde ist jedoch groß genug, dass sie sich früher oder später gegen uns zusammentun werden. In diesem Fall hätten wir es nicht nur mit einer Handvoll schwarzer Magier zu tun, sondern mit Hunderten. Wir beide wären dem nicht gewachsen.“

Soneas Herz setzte einen Schlag aus. Ihr größter Albtraum schien mit einem Mal wahr geworden. „Was können wir tun? Werden wir weitere schwarze Magier ausbilden?“

Akkarin schüttelte den Kopf. „Zu dieser Lösung werde ich nur greifen, wenn uns keine andere Wahl mehr bleibt. Das Risiko, dass einer der von uns ausgewählten Kandidaten dieser Verantwortung nicht gewachsen ist, ist zu groß. Die höheren Magier vertrauen uns inzwischen – nun sie vertrauen uns nicht wirklich, aber weit genug, um sich einigermaßen sicher vor uns zu wähnen, was vermutlich mehr aus Verzweiflung als aus Erfahrungswerten resultiert. Deswegen haben mir erlaubt, die Bücher aus der Truhe zu behalten und dich weiterhin in schwarzer Magie zu unterweisen. Das eröffnet uns vielleicht eine Alternative zum Ausbilden weiterer schwarzer Magier und ich würde es begrüßen, wenn du mir bei ihrer Erforschung behilflich bist.“

Sonea brauchte eine Weile um das zu verdauen. Tatsächlich hatte sie etwas Derartiges seit ihrer Wiederaufnahme befürchtet. Sie hatte ihre Ängste jedoch beiseitegeschoben, weil sie näherliegende Sorgen gehabt hatte. Das alles schien nun bedeutungslos angesichts dessen, was noch immer in Sachaka lauerte.

„Ist das der Grund, warum der König den Bau des Wetterausgucks genehmigt hat?“, fragte sie.

„Es ist einer der Gründe. Die übrigen haben vor allem mit Steuereinnahmen und Wohlstand zu tun. Der Wetterausguck hätte nur für Imardin einen strategischen Nutzen. Es wäre sinnvoller, die Grenze besser zu schützen, aber dazu fehlen uns erst recht die Zeit und die Mittel.“

„Die Sachakaner bereiten sich also auf einen Krieg vor“, sagte Sonea, „oder haben zumindest diese Absicht.“ Sie runzelte die Stirn. „Aber wieso weiß die Gilde darüber Bescheid? Hat sie Spione nach Sachaka geschickt?“

„Vor ungefähr zwei Wochen kehrte eine Karawane kyralischer Händler aus Sachaka zurück. Während sie in Arvice waren, fand die Versammlung der Ashaki statt. Einige der dort besprochenen Details sind nach draußen gedrungen.“

Sonea war entsetzt. Das alles war geschehen, während sie sich den Kopf über Banalitäten wie ihre Nachprüfungen, ihre Beziehung, Veila oder Lord Garrel zerbrochen hatte. Die ganze Zeit über hatte sich in der Welt außerhalb der Universität ein sehr viel schlimmeres Übel zusammengebraut.

„Wie viel Zeit haben wir?“, fragte sie.

„Das weiß ich nicht. Ein paar Jahre möglicherweise. Das hängt davon ab, wie bald es Marika gelingt, die Sachakaner gegen uns zu verbünden und wie stark sich die Gilde derweil nach außen präsentiert. Allerdings sind sich die höheren Magier seit einer Weile in den meisten Fragen uneins. Und das schwächt uns.“ Er runzelte die Stirn und fixierte ihren Blick. „Es wäre besser, du fragst nicht nach dem Warum.“

Sonea schwieg. Innerlich brannte sie jedoch vor Neugier, den Grund zu erfahren. War es nur das Ergebnis der letzten Gildenversammlung? Oder steckte noch mehr dahinter? Ihr schwante, dass sie und Akkarin mehr oder weniger unfreiwillig zu dieser Spaltung beigetragen hatten. Und den Sachakanern kommt das natürlich mehr als gelegen … Plötzlich wünschte sie sich mehr denn je, dass Akkarin wieder Hoher Lord war und seine Macht benutzen würde, um die Gilde wieder zu einen.

„Nach der Schlacht hatte ich gehofft, das alles wäre vorbei“, sagte sie. Aber in ihrem Herzen wusste sie, dass sie sich etwas vorgemacht hatte. Irgendwie hatte sie immer geahnt, dass die Ichani nicht die letzten Sachakaner gewesen sein würden, die versuchen würden, Kyralia zu erobern.

„Warum habt Ihr mir das alles nicht schon viel eher gesagt?“, verlangte sie zu wissen.

„Weil es dich zu sehr abgelenkt hätte“, antwortete Akkarin überraschend sanft. „Aber wenn das dein Wunsch ist, dann werde ich dich von nun an über solche Dinge sofort informieren.“

„Ja, das will ich.“

Er nickte kaum merklich.

Sonea hob den Kopf und sah in Akkarins dunkle Augen.

„Sie wollen, dass ich mich für die Kriegskunst entscheide. So ist es doch, nicht wahr?“

„Ja“, sagte Akkarin leise. „So ist es.“

Die Stille, die sich daraufhin über sie herabsenkte, schien absolut. Sonea dachte über Akkarins Worte nach. Sie dachte an ihren Traum Heilerin zu werden und an den eigentlichen Grund, weswegen sie der Gilde überhaupt beigetreten war. Irgendwie schien das alles nun zu einem anderen Leben zu gehören.

Ihr gesamtes Studium über hatte sie die Heilkunst als eine Art Berufung angesehen. Aber sie hatte auch die andere, die dunkle Seite kennengelernt. Sie hatte Parika getötet, indem sie sein Herz zum Stillstand gebracht hatte und diese Disziplin damit auf die denkbar schlimmste Weise missbraucht. Es zählte nicht, ob sie das getan hatte, um zu überleben oder wie viele Sachakaner sie getötet hatte. Sie hatte etwas Gutes genommen, um damit etwas sehr Böses zu tun. Jedes Mal, wenn sie einen Patienten heilte, musste sie an das denken, was sie am Südpass getan hatte. Und dann zählte nicht, ob ihr Mentor, ihre Lehrerin oder ihre Patienten sie für ihre Arbeit lobten. Nicht, wenn Sonea nie vergessen würde, wozu sie fähig war.

Doch selbst, wenn es ihr gelingen würde, damit zu leben, wusste sie, dass sie nicht mehr ins Heilerquartier gehörte. Trotz der Freude, die sie an ihrem Unterricht bei Lady Vinara hatte, hatte der Sommer etwas verändert.

Dass sie die Kriegskunst wählte, war nur die logische Konsequenz aus den Ereignissen der letzten Monate und des Weges, den sie eingeschlagen hatte, als sie entschieden hatte, Akkarin bei seinem Kampf zu unterstützen. Sie würde ihr Ziel, den Hüttenleuten zu helfen, nicht mehr verfolgen können, wenn sie ihm weiter folgte. Sie würde damit noch immer für das Wohl dieser Menschen kämpfen, wenn auch nicht so, wie sie ursprünglich beabsichtigt hatte. Aber indem sie für sie die Hüttenleute vor den Sachakanern beschützte, würde sie ihnen ein noch viel größeres Gut als Gesundheit geben können: Leben und Freiheit.

Sonea verstand, warum Akkarin wollte, dass sie die ganze Wahrheit kannte. Ohne dieses Wissen hätte sie vielleicht die falsche Wahl getroffen. Und sie hätte ihre Wahl bereut, kaum dass die Sachakaner der Gilde den Krieg erklärten.

„Ich mache es“, sagte sie.

Akkarin musterte sie durchdringend.

„Sonea, du musst das nicht tun“, erwiderte er sanft. „Ich erwarte, dass du die Disziplin wählst, die du ausüben willst und nicht die, die von dir erwartet wird. Selbst als Heilerin kannst du mich weiterhin unterstützen. Du würdest meine Kraftquelle bleiben und ich würde dich weiterhin in schwarzer Magie unterweisen, so wie es mein Plan vorsah. Aber mit der Wahl deiner Disziplin bietet sich dir auch die Möglichkeit zu einem normalen Leben zurückzukehren, wenn das dein Wunsch ist. Du brauchst nur einen Eid schwören, niemals wieder schwarze Magie zu praktizieren, damit du deinen Traum leben kannst. Den Rest werde ich für dich arrangieren.“

Sonea schüttelte den Kopf. Das konnte er unmöglich ernst meinen!

„Nein“, widersprach sie heftiger als beabsichtigt. „Es ist an uns, Kyralia zu beschützen. Ich muss … nein … ich will das tun. Selbst wenn wir zu zweit nicht viel gegen die Sachakaner ausrichten können. Wir sind die einzigen schwarzen Magier, die die Gilde hat, und deswegen bleibt ist es meine Pflicht, mein Potential voll und ganz für diese Sache einzusetzen, denn ich werde es nie mit meinem Gewissen vereinbaren können, wenn ich das nicht tue. Wir beide wissen, was beim letzten Mal passiert ist. Es wäre mehr als leichtsinnig, wenn wir das nächste Mal nicht besser vorbereitet sind.“

Er runzelte die Stirn. „Sonea, es muss nicht so sein. Ich weiß, dass du dir ein Leben in Sicherheit für dich und die, die du liebst, wünscht.“

„Ja, das tue ich. Aber es liegt an mir, ihnen das zu garantieren“, erwiderte sie unnachgiebig.

„Sonea“, sagte er sanft. „Willst du dir das nicht in Ruhe überlegen? Die höheren Magier erwarten deine Entscheidung erst in der nächsten Woche. Du solltest deine Wahl nicht unüberlegt treffen.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich habe meine Entscheidung bereits getroffen, als ich mich Euch angeschlossen habe“, gab sie zurück. „Meine Meinung hat sich seitdem nicht geändert. Für ein Zurück ist es längst zu spät, denn ich habe diesen Weg eingeschlagen, als ich mich dafür entschieden habe, schwarze Magie zu erlernen, um Kyralia zu verteidigen. Also versucht nicht, mich zu beschützen.“

Akkarin musterte sie eine Weile kühl, doch Sonea hielt seinem Blick trotzig stand. Dann erhob er sich und begann, mit nachdenklicher gerunzelter Stirn hinter dem Schreibtisch auf und ab zu gehen. Er wirkte so finster wie an dem Tag, an dem Sonea ihm erklärt hatte, sie wolle von ihm in schwarzer Magie unterwiesen werden. Doch er würde ihr nicht ausreden können, was seit der Invasion der Ichani in ihr schlummerte. Was er auch versuchen würde, er würde sie nicht umstimmen können. Ihre Entscheidung stand.

„Nun, ich muss sagen, ich bin nicht überrascht“, sagte er schließlich. „Und ich begrüße deine Entscheidung. Auch wenn ich es lieber gesehen hätte, wenn du dich nicht mehr in Gefahr begibst. Doch ich sehe ein, dass in dieser Sache nicht mit dir zu verhandeln ist.“

Sonea starrte ihn an. Warum hatte er dann versucht, sie davon abzubringen?

„Ich musste sichergehen, ob es auch wirklich das ist, was du willst“, beantwortete er ihre unausgesprochene Frage. „Und ich wollte dir die Chance bieten, das alles hinter dir zu lassen, um das zu tun, was du tun willst, und nicht, was du meinst, tun zu müssen.“

„Ich will tun, was ich tun muss“, entgegnete Sonea hart. Sie würde die Alternative niemals mit ihrem Gewissen vereinbaren können. Als sie diese Worte aussprach, erkannte sie, dass es wirklich das war, was sie wollte. Kriegskunst und schwarze Magie … Sie verspürte eine seltsame Erregung bei diesem Gedanken. Sie wusste, sie tat das Richtige, auch wenn sie jetzt schon wusste, dass es alles andere als leicht werden würde.

Akkarins Gesichtsausdruck wurde ein wenig weicher. „Ich habe mit Lady Vinara eine Vereinbarung getroffen. Wann immer es deine Zeit und deine Noten erlauben, darfst du im Heilerquartier aushelfen, solltest du dich für die Kriegskunst entscheiden. Wenn deine Leistungen in deinen übrigen Kursen mich zufriedenstellen, wird sie dich mehr lehren, als sie in einem Grundkurs für Heilkunst verpflichtet ist. Je nachdem, wie sich die Dinge entwickeln, wäre es sogar möglich, dass du eines Tages die Heiler im Krankenhaus in der Stadt unterstützen darfst.“

Sonea war überwältigt. „Danke“, stammelte sie. Wahrscheinlich würde sie nicht viel Zeit haben, um zusätzliche Stunden in Heilkunst zu nehmen. Aber allein die Tatsache, dass Akkarin ihr diese Chance ermöglichte, bedeutete ihr mehr, als sie je geahnt hatte. Entgegen ihren Befürchtungen hatte sie ihren Traum nicht vollständig aufgeben müssen.

„Wie wird es jetzt weitergehen?“

„Nun, zunächst sollten wir die höheren Magier informieren. Selbstverständlich wirst du einen neuen Stundenplan erhalten mit weitaus mehr Stunden in Kriegskunst als bisher. Und ich werde dich von nun an wieder in schwarzer Magie unterrichten.“

Sonea erschauderte. Sie wusste, was das bedeutete. Nicht alles, was auf sie zukommen würde, würde angenehm sein. Aber ein wenig freute sie sich auch. Sie würden mehr Zeit miteinander verbringen, wenn auch nicht als Paar. Es war so viel besser, dies gemeinsam durchzustehen, als wenn sie auf sich allein gestellt wäre oder sie nicht so vertraut miteinander geworden wären.

„Es wird nicht einfach werden“, warnte Akkarin. „Ich werde Dinge von dir verlangen, die du nicht tun willst, doch das wird mir egal sein. Ich werde dich wenn nötig bis an deine Grenzen treiben. Doch vor allem erwarte ich von dir bedingungslosen Gehorsam. Hast du das verstanden?“

Ihre Blicke begegneten einander. Sonea erschauderte ob der Strenge in seinen Augen. Sie versuchte, entschlossen zu wirken und sich ihre Furcht nicht anmerken zu lassen. Wenn sie nicht wollte, dass Kyralia eines Tages in die Hände der Sachakaner fiel, dann musste sie das aushalten.

„Ja, Lord Akkarin“, sagte sie, das Beben in ihrer Stimme unterdrückend. „Ich verspreche, Euch zu gehorchen.“
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