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Die Bürde der schwarzen Magier I - Der Spion

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Drama / P18 / Mix
Ceryni Hoher Lord Akkarin Lord Dannyl Lord Dorrien Lord Rothen Sonea
27.06.2013
27.01.2015
60
658.584
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27.06.2013 3.515
 
Prolog



Alles war still. Sonea starrte auf die drei Leichen, die vor der Universität lagen. Eine Woge der Erschöpfung brach über sie herein. Sie verspürte keinen Triumph. Keine Freude. Nur Leere.

Sie wandte sich zu Akkarin.

Ein Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Seine Augen waren auf irgendetwas hinter ihr gerichtet. Als sie sich bewegte, lösten seine Hände sich von ihren Handgelenken und fielen herab.

„Nein“, flüsterte sie. „Akkarin.“

Sie griff nach seinen Händen und sandte ihren Geist in seinen Körper. Nichts. Nicht einmal der kleinste Lebensfunke.

Er hatte ihr zu viel gegeben.

Er hatte ihr alles gegeben.[*]

„Nein“, flüsterte Sonea, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Mit einem Mal war die Stille unerträglich laut. Etwas Heißes rann über ihre Wangen und ihre Sicht verschwamm. Ihre Hände glitten über Akkarins Wangen. „Lass mich nicht allein. Bitte.“

Sie sandte ihren Geist erneut in seinen Körper. Es ging so leicht. Zu leicht. Sie suchte nach seiner Präsenz, doch da war nichts mehr. Grauen erfasste sie.

Es schien, als wären nur wenige Augenblicken vergangen, seit sie in Lorlens Büro über ihre Gefühle gesprochen hatten. Er konnte nicht tot sein.

„Ich habe gesehen, wie die erste Frau, die ich liebte, gestorben ist“, hatte Akkarin gesagt. „Ich könnte nicht weiter leben, würde ich auch die Zweite verlieren.“[*]

Sonea erinnerte sich an die wilde Freude, als sie erkannt hatte, dass sie seine Gefühle am Abend zuvor richtig gedeutet hatte. Sie hatte ihm sagen wollen, dass sie ihn auch liebte, doch dann hatte Akkarin sich zu ihr hinabgebeugt und sie geküsst.

„Nicht“, hatte er gemurmelt. „Sag es mir, wenn das hier vorbei ist.“

„Das ist nicht fair!“, hatte sie protestiert. „Was, wenn einer von uns beiden stirbt?“

Sie hatte gerade erst aufgehört, sich seinen Tod zu wünschen. Sie hätte alles geopfert, um ihn zu retten. Dort in Lorlens Büro hatte sie erkannt, dass sie zu viel Zeit ihres Lebens darauf verschwendet hatte, ihn zu hassen und zu fürchten. Und er hatte jeden ihrer Versuche, ihm das zu sagen, unterbunden.

„Ich kann dir nicht versprechen, dass das nicht passiert“, hatte Akkarin geantwortet. „Aber ich will, dass du Vertrauen hast.“

Sonea hatte ihm vertraut.

Und er jetzt war er tot.

Das Gefühl wilder Freude zerriss ihn nun das Herz.

Sonea weigerte sich, seinen Tod zu akzeptieren. Das konnte nicht alles gewesen sein, nicht nach allem, wofür sie gelitten hatten. So konnte es nicht enden.

So darf es nicht enden!

Es musste doch etwas geben, das sie tun konnte!

Denk nach!, befahl sie sich. Jetzt ist nicht die Zeit zum Verzweifeln! Ihre magischen Reserven prüfend stellte sie fest, dass noch ein kleiner Rest Magie übrig war. Das war besser als nichts. Sie musste Akkarin retten, was auch immer es sie kosten mochte.

Ich habe dir gesagt, ich werde dich nicht verlassen, hatte Sonea ihm am Südpass versprochen. Wenn wir sterben, sterben wir gemeinsam.

Das ließ genau zwei Möglichkeiten: Entweder es gelang ihr, ihn zu retten, oder sie würde bei dem Versuch sterben. Dann würde sie sich wenigstens nicht für den Rest ihres Lebens vorwerfen müssen, nicht alles versucht zu haben.

Mit zitternden Fingern zog sie Karikos Messer aus Akkarins Brust. Dann riss sie die Robe über der Wunde entzwei und legte ihre Hand darauf. Das klebrige Gefühl von frischem Blut ignorierend, streckte sie ihren Geist aus und untersuchte die Verletzung. Das Messer war zwischen zwei Rippen in die Lunge eingedrungen. Nur ein kleines Stück weiter rechts und es hätte sein Herz getroffen. Eine solche Verletzung war tödlich, aber nicht schwierig zu heilen, sofern die Heilung rechtzeitig erfolgte. Es gab jedoch ein Problem: Was tot war, konnte auch mit heilender Magie nicht mehr zusammenwachsen.

Aber sie konnte das Blut, das in die Lunge gelaufen war, entfernen und alles wieder an seinen vorgesehenen Platz bringen. Sonea lächelte grimmig, als ein Plan in ihr zu reifen begann. Sie wusste nicht, ob ein Heiler jemals etwas Vergleichbares versucht hatte. Aber ihr Verstand sagte ihr, es musste möglich sein.

Einen tiefen Atemzug nehmend, begann Sonea mit ihrer Arbeit. Sorgfältig stärkte sie die zerstörten Fasern und Gefäße mit winzigen Barrieren aus Magie, die das Blut daran hindern sollten, ins Gewebe zurückzufließen. Vorsichtig übte sie ein wenig Druck darauf aus. Zu ihrer Erleichterung hielt ihr Konstrukt.

Dann nun zum nächsten Schritt.

Sonea tat einen tiefen Atemzug und sandte ihren Geist ein weiteres Mal in Akkarins Körper. Wenn sie ein Herz zu Stillstand bringen konnte, dann konnte sie es auch wieder zum Schlagen bringen. Ihre Furcht beiseiteschiebend rief sie sich alles ins Gedächtnis, was sie je über Heilkunst gelernt hatte. Es gab Methoden, um einen frisch Verstorbenen wiederzubeleben. Allerdings drehten sich diese Techniken um natürliche Tode, nicht um die vollständige Erschöpfung durch Magie. Was, wenn es nichts gab, das in diesem Fall half?

Denk nicht einmal daran!, wies sie sich zurecht. Ärgerlich fuhr sie sich mit dem Ärmel übers Gesicht und schloss die Augen.

Sich auf den Rhythmus ihres eigenen viel zu schnell schlagenden Herzens konzentrierend, versuchte Sonea diesen auf Akkarins Herze zu übertragen. Aber jedes Mal, wenn sie glaubte, es geschafft zu haben und das Blut durch Akkarins Adern rauschte, stand sein Herz wieder still, sobald sie aufhörte, es zu bewegen. Ein flüchtiger Blick auf ihre magischen Reserven sagte ihr, dass sie gefährlich nahe daran war, die Energiereserven ihres Körpergewebes anzutasten. Es muss funktionieren, redete sie sich ein und schob ihre Verzweiflung in einem Anflug von Trotz beiseite.

„Was auch immer du da versuchst, wird ihn nicht zurückbringen“, erklang eine vertraute Stimme.

Sonea sah auf. Dorrien stand im Eingang der Universität. Als ihre Blicke sich begegneten, eilte er die Stufen hinab. Rothen und Lord Balkan folgten ihm.

„Warum nicht?“, verlangte sie zu wissen.

„Weil er sich vollständig erschöpft hat.“ Der junge Heiler ging neben ihr in die Hocke. „Der menschliche Körper braucht sowohl Energie als auch eine Präsenz, um zu leben. Wenn der Tod eintritt, verlässt die Präsenz den Körper. Keine heilende Magie kann dann noch aufgenommen werden.“

„Dann muss ich das eben verhindern“, sagte Sonea.

Das Blau in Dorriens Augen funkelte hart. „Willst du dich umbringen?“

Sonea starrte ihn trotzig an. „Wenn es der einzige Weg ist, ihn zu retten? Ja.“

Dorriens Miene wurde ein wenig weicher. „Das ist es nicht wert, Sonea.“

„Doch“, gab sie zurück. „Er ist alles wert.“

Rothen fasste sie behutsam am Arm und versuchte sie von Akkarin wegzuziehen. Sie schlug seine Hand beiseite.

„Sonea, es ist vorbei“, sagte er. „Akkarin ist tot. Du musst das akzeptieren.“

Der plötzliche Zorn war überwältigend. Wie konnte er, ausgerechnet er, es wagen …?

„Nein!“ Etwas löste sich in Sonea und Rothen wurde rückwärts durch die Luft geschleudert. „Das werde ich nicht akzeptieren!“

Rothen schlug hart auf dem Boden auf. Aus Dorriens Gesicht wich jegliche Farbe.

„Vater!“ Sein Blick flackerte zwischen Rothen und Sonea hin und her, als sei er hin und hergerissen, wer seine Hilfe dringender benötigte.

„Ich kümmere mich um ihn!“, rief Balkan. „Bleibt Ihr bei Sonea.“

Verschwommen nahm Sonea wahr, wie das Oberhaupt der Krieger Rothen zur Hilfe eilte. „Das habe ich nicht gewollt“, flüsterte sie. „Es tut mir so leid.“ Sie verstand nicht, was da soeben geschehen war. Sie hatte nur verhindern wollen, dass man sie daran hinderte, Akkarin zu retten.

Rothen hielt sich die Schulter als Balkan ihm aufhalf, doch sein Gesichtsausdruck war eher besorgt denn schmerzerfüllt.

Dorrien blickte Sonea ernst an. „Du musst Akkarin loslassen, Sonea“, sagte er ruhig. „Du kannst ihn nicht heilen. Es ist zu spät.“

Das sah Sonea anders.

Wenn die Heilkunst hier versagte, dann blieb ihr noch immer schwarze Magie. Doch je mehr Zeit sie verschwendete, desto mehr schwanden ihre Chancen.

Verärgert sah sie zu Dorrien auf.

„Hilf mir lieber und gib mir deine Kraft!“, befahl sie.

Dorriens Augen weiteten sich. Sonea hielt seinem Blick jedoch mit aller Entschlossenheit stand. Schließlich stieß er einen resignierten Seufzer aus. Dann ließ er sich neben ihr nieder und legte eine Hand auf ihre Schulter.

„Ich helfe dir“, sagte er. „Aber wenn es aussichtslos ist, höre ich auf. Ich setze nicht mein eigenes Leben aufs Spiel.“

Dann werde ich eben alleine weitermachen, dachte Sonea grimmig. Akkarin hatte dieses Ende nicht verdient. Nicht nach allem, was er durchlitten hatte. All die Jahre hatte er nur existiert, um die Gilde zu beschützen, hatte sein Geheimnis niemandem anvertrauen können – nicht einmal seinem besten Freund. Er hatte nie eine echte Chance gehabt, zu lieben. Seine erste Liebe hatte er verloren und sogar sie hätte ihn bis vor kurzem noch zurückgewiesen. Er hatte Besseres verdient als zu sterben, ohne wirklich gelebt zu haben. Sonea wollte sein Leben wieder lebenswert machen.

Und wenn es das Letzte war, was sie tat.

„Sie verliert die Kontrolle“, hörte sie Balkan sagen.

„Wir brauchen Hilfe“, sagte Rothen. „Ich bezweifle, dass Dorrien allein viel ausrichten kann.“

„Ich rufe Lady Vinara.“

Zu Soneas Unmut rief der Krieger das Oberhaupt der Heiler.

- Vinara!

- Balkan?

Ein Bild der sich vor Balkan abspielenden Szene blitzte in Soneas Geist auf. Sie selbst kniete auf dem Boden neben Akkarins leblosen Körper, Gesicht und Hände blutverschmiert, Dorrien an ihrer Seite. Ihr eigener Gesichtsausdruck ließ sie erschaudern. Er sieht mich nur so, weil er mich fürchtet, fuhr es ihr durch den Kopf. Das bin nicht ich.

- Kommt unverzüglich her. Und bringt ein paar Heiler mit. Sonea hat einen Zusammenbruch. Sie hat Lord Rothens Sohn überredet, ihr zu helfen Akkarin wiederzubeleben. Ich fürchte, sie verliert die Kontrolle.

- Ich bin unterwegs.

Sonea murmelte einen Fluch. Sie war nicht unzurechnungsfähig, sie hatte einen Plan. Und nur ihr eigener Tod würde sie davon abhalten, ihn zu verfolgen. Anstatt ihr die Handlungsfähigkeit abzuerkennen, sollte Balkan ihr lieber helfen. Tat er es nicht, weil er ihr und Akkarin zürnte, weil sie es gewagt hatten zurückzukehren, oder er hatte seine Magie erschöpft?

Mit Dorriens Magie errichtete Sonea eine künstliche Barriere auf Akkarins Haut. Dann ließ sie die Kraft, die Dorrien ihr sandte, langsam in Akkarins Körper fließen. Für einen Moment sah es so aus, als würde es funktionieren. Doch dann sickerte die Magie aus seinem Körper heraus und sammelte sich unter der Barriere. Verzweifelt zwang Sonea sie zurück – mit demselben Ergebnis.

„Es funktioniert nicht“, sagte Dorrien. „Es ist, wie ich dir gesagt habe: Sein Körper kann die Magie nicht halten.“

„Aber es ist doch eine Barriere da!“, protestierte Sonea, nicht begreifend, warum es nicht funktionierte.

„Die sein Körper nicht annimmt. Sieh doch, Sonea: Ohne natürliche Barriere kann die Präsenz eines Menschen nicht im Körper bleiben, aber die natürliche Barriere existiert nur, wenn eine Präsenz da ist. Das eine kann nicht ohne das andere existieren.“

„Dann erklär mir, wie ich seine Präsenz finden kann!“, verlangte sie.

„Das ist nicht möglich.“ Mit einem bedauernden Lächeln löste Dorrien seine Hand von ihrer Schulter. „Es tut mir leid, Sonea.“

Er wollte sich erheben, doch Sonea bekam seinen Arm zu fassen.

„Bleib“, sagte sie leise. „Du hast noch genug Magie, um mir zu helfen.“ Sie spürte, wie die Tränen zurückkehrten und der Schmerz sie zu überwältigen drohte. Aber sie war noch nicht am Ende. „Es gibt noch etwas, das ich versuchen muss.“

„Sonea, ich würde alles für dich tun“, sagte Dorrien leise. „Aber das hier ist wirklich zu viel verlangt.“

„Je länger wir darüber streiten, desto geringer werden seine Chancen“, entgegnete sie hart.

Dann durchfuhr sie ein entsetzlicher Gedanke. Was, wenn er ihr nicht helfen wollte, weil er sie noch immer liebte? Weil er sie für sich wollte? Aber er wäre dumm zu glauben, er würde ihre Zuneigung gewinnen, indem er ihr seine Hilfe verweigerte. Nicht, dass sie jemals mehr als einen Freund in ihm sehen würde.

„Dorrien“, sagte sie, „wie auch immer du über ihn und mich denken magst, ich bitte dich als mein Freund: Hilf mir!“

Dorrien betrachte sie mit einem Blick, den sie nicht zu deuten wusste. Dann kehrte er wortlos an ihre Seite zurück und legte seine Hand wieder auf ihre Schulter.

„Egal, was passiert, du musst sein Herz bewegen und die Barriere stärken“, erklärte sie.

Ihre Blicke begegneten einander und Dorrien nickte kurz.

Sonea spürte, wie eine seltsame Ruhe sie überkam. Es war der einzige Weg, der ihr noch blieb, und sie hatte nichts mehr zu verlieren, wenn sie ihn betrat.

Ich will, dass du Vertrauen hast, hatte Akkarin gesagt, bevor sie das Büro verlassen hatten, um sich den letzten drei Ichani zu stellen.

Die ganze Zeit sie gedacht, dass sie ihm vertrauen sollte, aber jetzt wurde ihr bewusst, dass sie sich selbst vertrauen musste, wenn das hier gelingen sollte.

Und dann wusste Sonea mit endgültiger Klarheit, was sie tun musste.

Sie holte tief Luft, legte die Hand auf die Wunde in Akkarins Brust und konzentrierte sich auf das Dahinter. Dann schloss sie die Augen und ließ los. Ihre Lungen schienen zu kollabieren und sie glaubte zu fallen. Es fühlte sich so viel anders an, als wenn sie sich in ihrer eigenen Kraftquelle ausdehnte und dann ihren Geist nach einem anderen Körper ausstreckte, um dessen Kraft zu nehmen.

Aber sie hatte ihrem Geist auch noch nie befohlen, ihren Körper zu verlassen.

Sonea glaubte, in eine riesige Leere gesaugt zu werden. Irgendwo in weiter Ferne spürte sie noch immer Dorriens Hand auf ihrer Schulter. Sie prägte sich dieses Gefühl gut ein, um wieder zurückzufinden. Sie wusste nicht, was mit ihr geschehen würde, sie wusste nur, sie musste unbedingt den Ort von Akkarins magischer Quelle finden, wenn sie ihn retten wollte. Irgendetwas ließ sie glauben, dass sie so auch seine Präsenz finden konnte. Und bis dahin musste sie ihm eben ihre eigene leihen.

Obwohl Akkarin ihr die Quelle seiner Kraft nie gezeigt hatte, hatte Sonea eine Ahnung davon erhalten, als sie für einen Augenblick wirklich eins gewesen waren. Auf diesem Felsen hinter dem Wasserfall hatten ihre Präsenzen einander für einen kurzen Moment berührt und sie hatte gefühlt, was er gefühlt hatte.

Ihren Schmerz zurückdrängend beschwor Sonea die Erinnerungen an jenen Tag herauf. An seine Lippen auf ihrer Haut, seinen Duft und an das Gefühl, als er ihn ihr gewesen und seine Präsenz in ihre geglitten war. Hinter dem Gefühlsrausch glaubte sie, einen Hinweis darauf zu sehen, was seine Präsenz, seinen Geist oder was es auch immer war, ausmachte. Davon angetrieben beschwor sie weitere Erinnerungen herauf; an die Nacht in dem kleinen Tal in den Bergen Sachakas; an sein Lächeln, als sie in dieser Höhle erwacht war; an das Gefühl, als er das Stück Sackleinen aus ihren Haar gezogen hatte; und an seinen Blick, als sie gemeinsam zu ihrer Anhörung gegangen waren. Und an sein Geständnis.

Und dann verstand sie. Es war so viel einfacher, als sie gedacht hatte. Doch als sie den großen, leeren Raum visualisierte, der sich wie ein riesiger Abgrund vor ihr auftat, befiel sie Entsetzen. Wie sollte sie das wieder hinkriegen?

Nicht verzweifeln, ermahnte sie sich. Du hast es fast geschafft. Du darfst jetzt nicht aufgeben.

Sonea formte einen kleinen Ball aus ihrer eigenen Magie, umhüllte ihn mit einer Barriere, und sandte ihn in den leeren Raum. Zu ihrer Erleichterung blieb die Kugel stabil und so gab sie nach und nach mehr Energie hinein. Als sie glaubte, dass es genug war, trat sie in den Energieball und dehnte sich darin aus, als wäre es ihre eigene Magie. Jetzt hatte sie die Kontrolle über Akkarins Körper. Es war das seltsamste Gefühl. Es fühlte sich so viel bewusster an, als ihre Versuche, ihn zu heilen.

Nach und nach zog Sonea Energie aus der Kugel und leitete sie in jede Faser von Akkarins Körper. Es war nicht kompliziert, doch es kostete sie eine Menge der Kraft, die Dorrien ihr kontinuierlich sandte. Aber es war, wie sie gehofft hatte, ihr Geist hatte die Kontrolle über Akkarins Körper erlangt.

Jetzt spürte sie, wie Dorrien ihr Herz – Akkarins Herz zum Schlagen brachte. Sonea tat einen tiefen Atemzug. Das Gefühl war überwältigend, als hätte sie zu lange die Luft angehalten und eine berauschende Freude ergriff von ihr Besitz. Sie tat noch einen Atemzug und noch einen weiteren, doch sie traute sich noch nicht, es seinen Körper von sich aus tun zu lassen.

Zuerst musste sie ihn zurückholen.

Hoffentlich habe ich mich nicht in dieser Sache getäuscht.

Ein weiteres Mal beschwor sie die Erinnerungen herauf. Dieses Mal waren sie jedoch weniger schmerzhaft. Da war jetzt eine größer werdende Hoffnung, alles könne sich am Ende doch noch zum Guten wenden.

Von neuem Mut erfüllt, projizierte Sonea ihre Gedanken auf ihren Blutring, den sie über Dorriens Hand auf ihrer Schulter noch in weiter Ferne wahrnehmen konnte. Der Glasstein enthielt einen Abdruck von Akkarins Identität. Wenn sich seine Präsenz noch nicht aufgelöst hatte, würde er sie dadurch hören können.

- Akkarin!, rief sie in die Leere. Kannst du mich hören?

Keine Antwort.

- Akkarin, wo bist du?

Noch immer nichts.

Sonea verdrängte ihre Frustration und die erneut aufkeimende Furcht. Sie durfte nicht aufgeben. Nicht, jetzt wo sie schon so weit gekommen war.

- Bitte komm zurück. Ich brauche dich.

Nichts. Stimmte das denn überhaupt? Brauchte sie ihn wirklich?

Nein. Sie brauchte Akkarin nicht. Sie würde auch ohne ihn zurechtkommen. Und warum sollte ihn das überhaupt kümmern? Es ging nicht darum, ob sie ihn brauchte. Es war die ganze Zeit nicht darum gegangen. Sie würde ihn schon besser von sich überzeugen müssen. So, wie sie es die ganzen letzten Wochen über getan hatte. Der Gedanke daran ließ sie unwillkürlich lächeln.

Sag es mir, wenn das hier vorbei ist.

Und sie verstand. Es war vorbei, sie war am Ende. Es gab jetzt nur noch eines zu tun.

Während sie spürte, wie die Kraft, die Dorrien ihr sandte, schwand, rief sie ihn ein letztes Mal.

- Akkarin! Ich liebe dich!

Und wie sie das tat. Das Gefühl war so schmerzhaft und so süß zugleich, dass es sie zu zerreißen drohte. Ich schenke dir meine ganze Liebe. Für immer.

Sekunden vergingen.

Sekunden, die ihr wie Jahre erschienen.

Sekunden, in denen sie so angespannt auf etwas lauschte, von dem sie nicht wusste, was es war, dass sie darüber das Atmen vergaß.

Dann traf sie eine unsichtbare Kraft von scheinbar überall, machte klar, dass sie nicht hierher gehörte, und trieb sie aus seinem Körper heraus. Ihre eigenen Lungen füllten sich so schnell mit Luft, dass es schmerzte.

Sonea stieß einen heiseren Schrei aus und öffnete die Augen. Sie lag quer über Akkarins Oberkörper. Ihr Herz schlug viel zu schnell und unregelmäßig.

Sie spürte, wie irgendetwas sie emporhob. Sie wollte um sich schlagen, sie wollte nicht erneut von Akkarin weggezogen werden. Doch dann sank sie wieder herab. Und dann begriff sie, dass die Bewegung von unter ihr kam und dass sie nur glaubte, ihr Herz würde unregelmäßig schlagen, weil unter ihr noch ein zweites schlug. Sie richtete sich auf und betrachtete den Mann unter ihr fassungslos.

Akkarin tat einen tiefen Atemzug, seine Augen waren jedoch geschlossen. Sein Gesichtsausdruck war ungewohnt friedlich, so als würde er schlafen.

Bin das wirklich ich gewesen?

Sonea brach erneut in Tränen aus, doch dieses Mal waren es Tränen der Freude.

„Sie hat das Unmögliche geschafft“, hörte sie jemanden sagen. Die Stimme klang, als käme sie aus weiter Ferne.

Hände griffen nach ihr und zogen sie auf die Beine. Plötzlich waren überall Menschen. Dann war Rothen neben ihr und fasste sie sanft am Arm. Als Sonea den Kopf zu ihm wandte, entdeckte sie eine Schramme auf der Stirn. Sein Gesichtsausdruck war gequält, doch er lächelte. Bei seinem Anblick verspürte sie ein plötzliches Schuldgefühl.

„Tut mir leid, dass ich Euch angegriffen habe“, sagte sie mit einem Anflug von Verlegenheit.

„Es ist in Ordnung, Sonea“, erwiderte er und drückte sanft ihren Arm.

„Danke“, flüsterte sie.

Lady Vinara tauchte von irgendwo auf und kniete sich neben Akkarin. „Bringt ihn sofort ins Heilerquartier“, befahl sie.

Zwei Männer in grünen Roben erschienen, hoben Akkarin mit Magie empor und schlugen den Weg zum Heilerquartier ein.

Lady Vinara wandte sich zu Sonea. „Du gehst dich jetzt ausschlafen“, sagte sie streng. „Anschließend werden wir darüber reden, wie du das gemacht hast. Lord Dorrien, Ihr werdet Euch auch sofort hinlegen.“

Sonea warf einen Blick zu Rothens Sohn, der noch immer auf dem staubigen Boden kniete und ins Leere starrte. Benommen wischte sie sich mit dem Ärmel ihrer Robe die Tränen aus dem Gesicht und blinzelte in die tiefstehende Abendsonne.

„Wird Akkarin sich wieder erholen?“, fragte sie mit zitternder Stimme.

„Das kann ich noch nicht sagen“, antwortete Lady Vinara knapp. „Das kommt darauf an, wie lange er tot war.“

Sonea nickte. Sie brauchte nur zu den länger werdenden Schatten zu sehen, um zu wissen, dass zwischen dem Kampf und jetzt mehr als nur ein paar Minuten vergangen waren.

Ich habe getan, was ich konnte, sagte sie sich. Alles andere liegt jetzt nicht mehr in meinen Händen.

„Seine Kraftquelle“, sagte sie. „Ich habe sie geschützt, damit die Magie nicht wieder herausfließt. Und um seine Haut ist eine künstliche Barriere. Wie ein innerer Schild. Das zerfetzte Gewebe und die Gefäße in seiner Brust werden von magischen Barrieren gehalten, weil ich sie nicht heilen konnte.“

„Wir werden uns darum kümmern“, versprach das Oberhaupt der Heiler. „Geh dich jetzt ausruhen.“

„Ja, Mylady.“ Die Welt vor Soneas Augen verschwamm und sie taumelte. Jemand fing sie auf, doch sie schien weiter zu fallen. Das Letzte was sie sah war Dorrien, der ihren Blick mit einer Mischung aus Enttäuschung und Verbitterung erwiderte.

Dann wurde die Welt dunkel.

***


[*] Aus dem Englischen übersetzte Passagen aus „The High Lord“
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