Sterben für Glorfindel - oder: Warum goldblonde Elben immer eine Extrawurst brauchen

KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12
22.06.2013
22.06.2013
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Disclaimer: Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte. Alle bekannten Namen, Figuren, Orte, Ereignisse etc. gehören J.R.R. Tolkien. Die vom Original abweichende Handlung dieser Geschichte und mögliche OCs gehören jedoch mir.

Kurzbeschreibung: Einmal sterben? Kann passieren. Ist auch halb so wild, denn für derlei Versehen wurde die Wiedergeburt eingeführt. Doch zweimal wegen derselben Angelegenheit ins Gras beißen? Das ist Dummheit, findet Námo und beschließt, dass es an der Zeit ist, einem gewissen Noldo in der Vorhalle des Todes eine Lektion zu erteilen.

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~ Für Roheryn ~
Die immer zu den (un-)günstigsten Gelegenheiten mit dem Häschen
ins Schwarze trifft





Sterben für Glorfindel – oder: Warum goldblonde Elben immer eine Extrawurst brauchen

Eigentlich wurden alle Sterbeangelegenheiten anstandslos in der Vorhalle abgewickelt. Dafür hatte er sie schließlich auch in Auftrag gegeben, als es mit der steigenden Anzahl von Todesfällen immer unmöglicher wurde, die anfallende Arbeit allein zu verrichten. Doch ihm als Richter oblag es noch immer, sich einen Überblick über die Seelen in den einzelnen Bereichen seiner Hallen zu verschaffen. Zu prüfen, wem welches Schicksal widerfahren war und ob er – das traf allerdings nur auf die Erstgeborenen zu, so hatte Eru es verfügt – für eine Wiedergeburt bereit war. In der Regel lud er die entsprechende Seele in so einem Fall zu einem Gespräch unter vier Augen vor, um zu klären, welche Variante der Wiedergeburt ihr am meisten zusagte. Nicht jede Seele eignete sich für jeden möglichen Weg. Manche waren empfindlicher als andere oder ihnen war vom Allvater eine Aufgabe zugedacht worden, welche die eine oder andere Möglichkeit definitiv ausschloss.

Glorfindel, Fürst des Hauses der Goldenen Blume in Gondolin, derzeit Seneschall Bruchtals, war ein solcher Fall. Leider ein sehr, sehr spezieller Fall, wenn er genau war. Eine haarige Angelegenheit im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man so wollte.
Normalerweise waren Elben sehr bedacht auf ihre Sicherheit, wenn sie in den Kampf zogen. Eine Maßnahme, die sie dafür ergriffen, war unter anderem sich das lange Haupthaar abzuschneiden, damit es ihnen im Kampf nicht zum Verhängnis werden konnte. Nun gut, es gab auch kluge Ausnahmen von dieser Regel, die sich das Haar eng an den Kopf flochten und unter dem Helm verbargen, sodass der Feind es nicht erreichen konnte. So weit, so gut. Aber dieser Glorfindel war eine Ausnahme von beiden Regeln.

Während sich fast alle vor dem aussichtslosen Kampf um die verborgene Stadt das Haar abschnitten, kümmerte er sich nicht darum, machte stattdessen in den letzten ruhigen Minuten noch einen Rundgang durch seinen Blumengarten! Kein Wunder, dass der Balrog ihn später auf dem Pass mit sich in die Tiefe gerissen hatte! So viel Dummheit gehörte einfach schmerzhaft bestraft, Heldenmut hin oder her! In so einem Fall war es Námo sogar fast schon recht, die Sache mit der Wiedergeburt in die Wege zu leiten, auch wenn es eine Menge Papierkram bedeutete, aber in der Regel hatten die betroffenen Elben dann auch aus ihren Fehlern gelernt. Doch auch hier musste der goldblonde Noldo offenbar eine Ausnahme sein.

Mit einem letzten genervten Blick auf das Fernsprechgerät auf der Schreibtischecke stand er auf, ging zur Tür und wechselte noch unterwegs in eine elbische Gestalt. Er hatte diese Regelung zur Angleichung der Erscheinung eingeführt, also musste er auch als Vorbild fungieren. So einfach war das, auch wenn er gerade Migräne bekam. Das erste Stechen spürte er schon und es wurde schlagartig schlimmer, als er, noch auf dem Flur, Urd brüllen hörte: „Verdandi, Platz!“

Die zweitälteste im Team sollte er wohl doch langsam mal ersetzen. Ihre bedenkliche Neigung zu Maitimo war schon schlimm, aber wenn sie jetzt noch etwas Ähnliches in Bezug auf Glorfindel entwickelte… Nicht auszudenken! Und irgendwo gab es mit Sicherheit noch einen Maia, den man in die Vorhalle komplimentieren konnte. Es musste einfach einen geben, sonst würden bald nicht mal mehr zwei Fässer bester Wein aus Dorwinion gegen die Migräne helfen. Doch das musste er später regeln, dafür hatte er jetzt keine Zeit. Der Anblick, der sich ihm bot, als er die Halle betrat, war nämlich alles andere als friedlich:
Urd schleifte Verdandi gerade lauthals fluchend am Kragen zurück hinter ihren Schalter und stopfte sie dort in den freien Raum zwischen Tischplatte, Fußboden und Stuhl, während Skuld wie erstarrt und noch immer in Zwergengestalt auf ihrem hockte, obwohl weit und breit keiner der Naugrim zu sehen war.

„Was ist hier los?!“, donnerte er spontan. Etwas anderes fiel ihm nicht ein und wäre angesichts der Situation und des ratlos dreinschauenden Noldos in der Halle wohl auch unangebracht gewesen.

„Seht Ihr doch.“, fauchte Urd unbeeindruckt zurück, „Kaum taucht der da hier auf, bricht das Chaos aus!“

Eigentlich sollte er ihr das übelnehmen, doch sie arbeitete schon am längsten hier und er wusste selbst nur zu gut, dass ihr Verhalten eher Berufskrankheit als selbstverschuldet war. Außerdem hatte sie noch nie versucht, eine Versetzung zu beantragen oder war zeitweise strafversetzt worden – das musste er ihr sehr zugutehalten. Also knurrte er nur: „Ja, das sehe ich.“

„Wir haben einen Code R.“, ächzte die Maia.

„Sieh zu, dass du wieder Ordnung in diesen Sauhaufen kriegst.“, wies er sie an. „Ich kümmere mich persönlich um diesen Fall.“ Deswegen war er ja überhaupt hergekommen. Außergewöhnliche Umstände erforderten schließlich ebensolche Maßnahmen.

Urd nickte, zerrte Verdandi wieder unter dem Pult hervor und weiter in Richtung Flur und wahrscheinlich Teeküche. Er hingegen passierte die Tür, die den Bereich hinter den Schaltern mit der eigentlichen Halle verband, und näherte sich dem Noldo, der sich nun mäßig interessiert umsah.

„Guten Tag.“, begrüßte er ihn. Das war immer besser, als sich sofort und direkt als Námo vorzustellen, denn das führte in der Regel nur zu Gestammel oder Ohnmachtsanfällen, was bei eigentlich Toten zwar durchaus beeindruckend, aber hauptsächlich lästig war.

„Mae govannen.“, gab der Elb zurück, wirkte allerdings nicht ganz bei der Sache, wie er gleich darauf auch unter Beweis stellte: „Könnt Ihr mir sagen, wo ich mich hier befinde?“

„Ihr seid in der Vorhalle des Todes, dem Vorhof zu Mandos’ Hallen.“, erklärte er mit erzwungener Ruhe, denn eigentlich wollte er nichts lieber, als dem Krieger gepflegt die spitzen Ohren langziehen und dann zusammenknoten.

„Aha.“ Glorfindel musterte ihn nun eindringlicher. „Und was soll ich hier? Man hat mir gesagt, ich würde wiedergeboren, um eine Prophezeiung auszusprechen, das habe ich bis jetzt noch nicht getan. Ich kann also gar nicht tot sein.“

„Das sehe ich anders.“, grollte er. „Ihr seid so gut wie tot, sonst wärt Ihr nicht hier.“

„Das kann nicht sein, das habe ich Euch doch gerade ge- “

„Erinnert Ihr Euch noch daran, was Námo Euch geraten hat, als Ihr das letzte Mal hier gewesen seid?“, unterbrach er ihn, machte bewusst noch immer keine Anstalten, sich vorzustellen.

Der Noldo kratzte sich am Hinterkopf, ehe er meinte: „Nein. Was sollte er mir denn gesagt haben?“

„Er riet Euch zu einer Kurzhaarfrisur.“

Der Noldo winkte ab: „Ach, das meint Ihr. Ja, da war was. Aber mal unter uns, das kann er nicht ernstgemeint haben. Kein Elb, der etwas auf sich hält, schneidet sich noch das Haar kurz. Sowas sieht furchtbar aus. Jeder Ork hat mehr Klasse als -“

„JEDER ORK HAT MEHR VERSTAND ALS DU!“, brüllte Námo los. Was zu viel war, war zu viel. „Hast du eigentlich eine Ahnung, wen du vor dir hast, du Nichtsnutz von einem Noldo?! Glaubst du, ein Vala erteilt Ratschläge, weil er nichts Besseres zu tun hat? Ganz sicher NICHT!“ Zu seiner großen Zufriedenheit konnte er zusehen, wie der große Balrogtöter Stück für Stück kleiner wurde, erst die Schultern hochzog, dann den Kopf senkte und zum Schluss verlegen errötete und „Vergebt mir, Herr“ murmelte.

„Sei froh, dass Eru deine Aufgabe noch nicht als erfüllt ansieht, sonst würde ich jetzt dafür sorgen, dass du die nächsten Jahrhunderte an einem wirklich unwirtlichen Ort verbringst.“, schnaubte er wie ein gereizter Stier, obwohl er sich langsam beruhigte. Es tat einfach zu gut, seinem Ärger einmal Luft machen zu können und gerade eben war ihm auch eingefallen, was er tun konnte, um solche Vorkommnisse wie heute wenigstens für ein oder zwei Jahre  ganz sicher auszuschließen. Der Noldo wollte offenbar eine Sonderbehandlung, also sollte er sie auch haben, so einfach war das. Er war immerhin ein Vala, für ihn war das ein Kinderspiel, nicht mehr als ein Fingerschnippen. Doch dafür musste er Glorfindel erst durch die grüne Tür schicken.

*** *** ***

„Hast du ihn, Lindir?“

„Ja.“, erwiderte der eigentliche Sänger mit vor Anstrengung zitternder Stimme, während er den goldblonden Elben aus dem Wasser zog und schließlich neben ihn auf den schlammigen Uferstreifen plumpste. „Puh, das hätte echt ins Auge gehen können! Ich hab ihm bestimmt schon hundertmal gesagt, er solle sich die Haare wenigstens zusammenbinden, wenn er sie nicht ein wenig abschneiden will, aber nein! Der Fürst weiß es ja besser.“

Elrond kam kopfschüttelnd näher. Die Späher hatten den Orktrupp zu spät ausmachen können. Schwerer Herbstnebel hatte ihre Sicht stark getrübt, sodass ein Kampf Mann gegen Mann ohne Pferde unausweichlich gewesen war. Dass Glorfindel allerdings sein Haar fast zum Verhängnis werden, er wegen seiner Eitelkeit beinahe ertränkt worden wäre, hatte niemand vorhergesehen. Das war auch einfach zu absurd.
„Aber es sieht so aus, als hätte er heute endlich auf dich gehört.“, stellte er fest. Eher um Lindir zu besänftigen, als dass es ihn wirklich interessierte, welche Streitigkeiten seine Gefolgsleute austrugen, wenn sie unter sich waren.

„Das wurde auch höchste Zeit.“

Währenddessen begann Glorfindel sich wieder zu regen und schrecklich zu husten, bis er schließlich Wasser spuckte, von dem ein Großteil sich quer über Lindirs Brust verteilte. Der Sänger verzog angewidert das Gesicht. „Geht’s noch? Spuck gefälligst woanders hin!“

Es dauerte einen Moment, bis der blonde Noldo reagierte: „Tut mir ja leid. Aber du könntest auch wirklich freundlicher zu mir sein. Ich bin immerhin fast gestorben.“

Elrond verdrehte ein wenig die Augen und beschloss, dass es besser war, die beiden kurz allein zu lassen und nach den anderen Männern zu sehen, sie zu sammeln und dann nach Bruchtal zurückzukehren. Doch ließ es sich nicht vermeiden, dass weitere Gespräch zu belauschen.

„Ja, weil du nicht auf mich hören wolltest.“, schnaubte Lindir.

Glorfindel ließ sich davon nicht beeindrucken: „Weil es auch unsinnig ist, sich einfach die Haare abzuschneiden, weil möglicherweise was passieren könnte.“

„Und deswegen schneidest du sie dir lieber erst dann ab, wenn du zum zweiten Mal kurz davor bist, wegen deiner Eitelkeit draufzugehen?!“

„Ich hab sie mir überhaupt nicht abgeschnitten!“, hörte er den Balrogtöter lautstark protestieren.

Und gleich darauf Lindir kühl erwidern: „Und was ist das dann?“
Er warf einen Blick über die Schulter und sah, wie der Sänger Glorfindel eine der kaum mehr schulterlangen goldenen Strähnen unter die Nase hielt.

„Aber das war ich nicht!“, erscholl es prompt und ein klein wenig panisch.

„Ja, natürlich.“, gab Lindir hörbar genervt zurück. „Wahrscheinlich hast du dir den Kopf an einem Stein im Fluss gestoßen und kannst dich jetzt nur nicht daran erinnern. Ah, schau mal, da ist die Platzwunde ja.“ Der Sänger schob ein paar Strähnen beiseite und darunter kamen rotgefärbte zum Vorschein. „Herr Elrond wird sich darum kümmern, wenn wir wieder in Bruchtal sind, dann bleibst du ein paar Tage im Bett und alles wird wieder gut.“

„Gar nichts wird wieder gut, Lindir! Meine Haare, meine wunderschönen langen Haare sind weg und das ist allein Mandos’ Schul- “

„Sei still und hör auf, andere zu beschuldigen, die gar nichts mit deinen Haaren zu schaffen haben!“, schnappte der Sänger eisig. „Freu dich lieber, dass du halb ertrunken noch so geistesgegenwärtig genug warst, ein paar Haare zu opfern als wieder zu sterben!“

„Aber -“

„Ich hab gesagt, du sollst ruhig sein! Kein Wort mehr von diesem Unsinn oder ich sorge eigenhändig dafür, dass deine Haare noch ein wenig kürzer werden!“

„Das wagst du nicht.“ In Glorfindels Stimme schwang blankes Entsetzen mit.

„Bist du sicher, dass du’s drauf ankommen lassen willst?“, hielt Lindir eisern dagegen – Glorfindel schwieg.
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