Morgen, ganz sicher

KurzgeschichteFamilie / P6
Feanor Maedhros Maglor Nerdanel
21.06.2013
21.06.2013
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Ehrlich, Freunde, ich bin mir nicht sicher, was ich hier tue. Silmarillion-FFs zu schreiben stand auf der Liste, die ich niemals tun wollte, eigentlich ganz oben. Aber who cares? Ein Hoch auf meine Inkonsequenz! Die trägt übrigens auch Schuld daran, dass ich 1500 Wörter geschrieben habe, denn eigentlich wollte ich nur ein Drabble schreiben. Dann hatte ich knapp mehr als 300 Worte und dachte "Okay, mach 500". Und dann dachte ich "Na gut, dann 1000." Und dann: "Bei 1.500 machst du wirklich Schluss, koste es, was es wolle." xD Wie gesagt: Inkonsequenz.

Ich glaube, ich muss ein paar Dinge vorweg sagen, bevor wir anfangen können:

Maedhros ist ungefähr 10 Jahre alt in dieser Story und das ist für Elben ungefähr gar nichts. Er ist also noch sehr, sehr klein. (In meinem Headcanon sind die Brüder alle nicht viel auseinander - besser, alle Windeln auf einmal zu wechseln und es dann für immer hinter sich zu haben. xD)

Ich bediene mich der Quenya-Namen, weil ich es kann weil es einfach besser in den Kontext passt. Wir kommen deshalb auf folgende Namen:
x Feanáro als Quenya-Form von Feanor
x Nelyo, als Kurzform von Nelyafinwe, Maedhros' Vatername
x Cáno, als Kurzform von Canafinwe, Maglors Vatername.

Widmen möchte ich diese Story einfach mal all jenen, die wie ich der Meinung sind, dass Feanor ein guter Vater war, der seine Kinder sehr geliebt hat.

Das Silmarillion und damit auch die in dieser Geschichte vorkommenden Charaktere sind geistiges Eigentum von J.R.R. Tolkien.

~

Als Nelyo das erste Mal davon hörte, dass er einen Bruder – oder eine Schwester, doch er hoffte inständig auf einen Bruder – bekommen würde, war er sich nicht sicher, ob er sich darüber freuen konnte. Eigentlich hatte er sich einen Bruder gewünscht, seit er sich erinnern konnte, aber als die Erfüllung seines Wunsches in eine so greifbare Nähe rückte, wurde er plötzlich unsicher, denn ein Baby würde alles verändern. Dann wären sie nicht mehr drei, sondern vier, und es gäbe jemanden, der in den Nächten schrie und der die Aufmerksamkeit seiner Eltern mehr forderte als Nelyo es mit seinen 10 Jahren tat.
Dabei war es nicht Nelyos Angst, die Liebe seiner Eltern teilen zu müssen – für einen Bruder nahm er dies gern in Kauf – sondern vielmehr, dass das Baby ihn nicht mögen könnte. Dass er kein guter großer Bruder wäre und dass seine Eltern dann keinen Grund mehr hatten, stolz auf ihn zu sein. Diese Gedanken verunsicherten ihn und er entwickelte eine seltsame, dumpfe Angst vor dem Baby. Aber er sprach mit niemandem darüber, und fast ein ganzes Jahr lang konnte er durch sein Schweigen seine Gedanken bei sich behalten, denn er fürchtete, dass Feanáro auf seine Ängste mit Ablehnung reagieren würde.
Doch je mehr Zeit verstrich und desto näher die Geburt des Babys rückte, desto aufmerksamer war Feanáro geworden und irgendwann hatte er Nelyo darauf angesprochen. Es war noch gar nicht so lange her, dass Nelyo deswegen geweint und alles erzählt hatte, was ihm Kummer bereitete, und er hatte auf seines Vaters Schoß gesessen und war getröstet worden. Feanáro konnte immer gut mit Worten umgehen, wusste immer das richtige zu sagen, und seitdem konnte Nelyo es kaum mehr erwarten, dass sein Bruder endlich das Licht der Welt erblicken würde.
Er wusste, dass es ein Bruder sein würde, obwohl Nerdanel ihm erklärt hatte, dass man so etwas vorher nicht wissen konnte. Aber er fühlte es. Und er fieberte dem Moment entgegen, noch immer mit einem Schatten der Unsicherheit in seinem Herzen, aber glücklich. Nur die Zeit schien einfach nicht vergehen zu wollen.


„Nelyo.“
In der Dunkelheit flüsterte eine Stimme seinen Namen, und obwohl er sie hörte, wehrte er sich gegen das Aufwachen. Murmelnd rollte er sich auf die andere Seite, zog die Beine an den Körper und vergrub sein Stoffhäschen unter seinem Kopf und seinen zerzausten Haaren.
„Nelyo“, flüsterte die Stimme eindringlicher und eine Hand strich ihm vorsichtig einige Haare aus dem Gesicht. Er zog die Nase kraus. „Du musst aufwachen, Nelyo.“
„Ada?“, murmelte er im Halbschlaf, weil er sich nicht mehr gegen das Aufwachen sperren konnte, und rollte sich auf den Rücken. Das Stoffhäschen lag auf seiner Brust, als er sich mit den Fäusten die Augen rieb. Er war müde. Und es war mitten in der Nacht. Er wollte eigentlich nicht aufwachen.
Dachte er.
Feanáros Stimme flüsterte ein paar Worte, die wie ein Geheimnis klangen, und Nelyo benötigte einen Moment, um sie zu verstehen. Und noch einen Moment mehr, um sich ihrer Tragweite bewusst zu werden.
„Einen Bruder?“, echote er fassungslos und saß binnen Sekunden aufrecht im Bett, das Stoffhäschen mit zitternden Fingern umklammernd. „Wirklich?“
„Ja.“ Feanáro wirkte sehr ernst und sein Gesicht verriet kaum eine Regung, doch Nelyo kannte ihn gut genug, um seine Freude dennoch zu erkennen. Er selbst konnte es kaum wahrhaben. Er hatte es sich so sehr gewünscht, dass es ein Bruder würde, einer, mit dem er spielen und den er Dinge lehren konnte, wie Feanáro es vorausgesagt hatte, und sein Wunsch hatte sich wirklich erfüllt. Aufgeregt fragte er nach dem Namen des Jungen.
Canafinwe, nach dem Großvater, wie er selbst auch. Cáno.
Umständlich rutschte er aus dem Bett, presste sein Häschen mit einer Hand an seine Brust und griff mit der anderen nach der seines Vaters.
„Ich möchte ihn sehen“, bat er leise, und Feanáro nickte und führte ihn hinaus. Der Weg ins elterliche Schlafzimmer war ihm nie so lang erschienen, nicht einmal nach dem schlimmsten Alptraum, wenn er sich in das Bett seiner Eltern geflüchtet hatte – etwas, das er lange nicht mehr getan hatte, stellte er jetzt fest, und kam sich für einen kurzen Moment unglaublich groß vor.
Und im nächsten Moment wieder unglaublich klein, als er ins Schlafzimmer trat, in dem es warm und fast ein wenig stickig war, und wo seine Mutter auf dem Bett saß und ihre Arme um ein winziges Bündel aus Stoffen gelegt hatte, aus dem ein kleiner Kopf herausragte.
Nelyo hielt inne und umklammerte sein Häschen.
Er hatte Angst.
Aber Feanáro ging neben ihm in die Knie, legte einen Arm um ihn und flüsterte ihm etwas ins Ohr, und Nelyo nickte und machte einen sehr mutigen Schritt vorwärts. Nerdanel lächelte warm, als er schließlich zu ihr auf das Bett krabbelte und sich neben sie setzte. Das Baby blinzelte ihn an. Nelyo blinzelte zurück.
Cáno hatte helle Augen, wie Feanáro, und dünne Strähnen dunklen Haares – auch wie Feanáro. Nelyo tastete nach seinen eigenen, kupferroten Haaren und schluckte.
„Er sieht ganz anders aus als ich“, wisperte er in die Stille des Zimmers und presste die Lippen aufeinander. Ganz, ganz anders. Er sah aus wie Nerdanel. Das Baby wie Feanáro.
„Das stimmt.“ Sein Vater strich ihm langsam über das kupferrote Haar, das Nelyo manchmal sehr gerne mochte und manchmal gar nicht. In diesem Moment gar nicht „Und dennoch ist er dein Bruder. Möchtest du ihn halten?“
„Ich… weiß nicht.“ Nelyo wusste nicht viel über Babys, aber er wusste, dass sie zart und zerbrechlich waren, und er hatte Angst, dass er ihm wehtun würde. Doch Feanáro zerstreute seine Ängste und zeigte ihm, wie er die Arme halten musste, und dann legte Nerdanel das Baby in seinen Schoß und die großen, hellen Augen blinzelten zu Nelyo hinauf. Er schluckte.
Da war ein merkwürdiges Brennen hinter seinen Augen, das er sich nicht erklären konnte, und er blinzelte ein paar Mal, damit es besser wurde. Cáno blinzelte zurück und Nelyo lächelte schwach.
„Er ist so winzig“, stellte er fest und betrachtete die kleinen Fäuste seines Bruders, die reglos auf dem Stoffbündel lagen, in das er gewickelt war.
„Er wird wachsen“, versicherte Nerdanel mit einem Lächeln. „Du warst auch so klein, als du so alt warst wie er.“
Nelyo versuchte sich daran zu erinnern, aber die frühste Erinnerung, die er hatte, war der Moment, als er sein Häschen geschenkt bekommen hatte. Keine Erinnerung daran, wie klein er als Baby gewesen war, aber wenn Nerdanel das so sagte, dann stimmte es sicherlich. Es war nur unglaublich seltsam, dass er einmal so winzig gewesen sein sollte, obwohl er jetzt schon so groß war, dass Cáno in seinem Schoß liegen konnte.
Für einen kurzen Moment empfand er es als ungerecht, dass ihn niemand gefragt hatte, ob er überhaupt so groß sein wollte, doch dann kam ihm der Gedanke, dass Cáno viele Dinge würden lernen müssen, die er selbst schon lange konnte – und plötzlich war es gar nicht so schlecht, jemanden zu haben, dem man etwas beibringen konnte.
Dennoch. Als Nerdanel das Baby aus seinen Armen nahm und in die Wiege neben dem Bett legte – die Wiege, die Feanáro hergestellt hatte, bevor Nelyo geboren worden war – beschloss er, dass er heute noch ein letztes Mal klein sein wollte und rutschte in die Mitte des Bettes.
„Darf ich hier schlafen?“, bat er zögernd. Feanáro lächelte. Ein seltener Anblick, denn meistens war sein Gesicht ernst und verschlossen, und Nelyo lächelte zaghaft zurück, als sein Vater die Decke über ihn zog.
Es tat gut, noch einmal klein zu sein, überlegte er, und drückte sein weiches, geliebtes Häschen erst an seine Brust, dann an sein Gesicht. Es roch gut und vertraut und danach, ohne Albträume schlafen zu können, doch irgendwie… Er war doch kein Baby mehr. Und nur Baby schliefen mit Kuscheltieren.
Ein wenig umständlich rutschte er aus dem Bett, turnte dabei erstaunlich geschickt über Feanáros Beine und tapste eilig an die Wiege heran, wo das Baby lag und ihn anblinzelte. Nelyo betrachtete sein Häschen. Dann seinen Bruder. Dann wieder sein Häschen. Und dann entschied er, dass er das Richtige tun würde und legte sein geliebtes und treues Kuscheltier neben den Kopf seines Bruders in die Wiege. Gewissenhaft strich er die langen Ohren glatt; und dann fasste er genügend Mut, um auch über die weiche Stirn seines Bruders zu streicheln.
„Schlaf jetzt, kleiner Cáno“, flüsterte er. „Du musst dich ausruhen, damit du bald groß wirst.“ Das Baby machte ein merkwürdig gurgelndes Geräusch, als würde es antworten. Nelyo lächelte. Dann tapste er wieder zurück, kletterte wieder über die Beine seines Vaters und schlüpfte in der Mitte des Bettes unter die Decke. Weil es das erste Mal überhaupt war, dass er ohne sein Häschen zu schlafen versuchte, rutschte er so nah wie möglich an Feanáro heran und schloss erst zufrieden die Augen, als sein Vater ihn in den Arm nahm.
Es war schon merkwürdig und seltsam ohne sein Häschen, überlegte er, als er dort lag und in die Stille lauschte, aber eigentlich war es gar nicht schlecht, nicht mehr klein zu sein. Und er nahm sich vor, ab jetzt wirklich groß zu sein.
Morgen.
Ganz sicher.