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Die Lawine (Bergelfen IV)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
19.06.2013
19.06.2013
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Diese Geschichte spielt einige Zeit nach „Schwarzfeuer“.


Der Tag floß über vor Sonnenschein. Hell glitzerte der Schnee auf den Gipfeln, und die sonst so kalte Winterluft war fast warm. Schon früh am Morgen hatten die beiden Elfen das Lager verlassen. Felsenspringer liebte es seit jeher, auch einmal ohne Pfeil und Bogen in den Bergen umherzustreifen, und Windfeder hätte an diesem herrlichen Tag auch nichts in der Höhle gehalten.
Sie hatten gerade erst den Fuß von Sanfthands Treppe erreicht, als hinter ihnen eine sich überschlagende Stimme erklang: „Nicht gut allein gehen! Flitzer kommt mit lieber!“
Ehe Felsenspringer überhaupt den Mund öffnen konnte, um zu widersprechen, flatterte der kleine Bewahrer auch schon über ihm. Er landete auf seinem Kopf und zwitscherte: „Soll Flitzer singen, ja? Ist schön! Schön wie Morgensinghochding!“
Windfeder lachte auf. Den Gesang ihrer Mutter Morgenlied mit Flitzers wilden Tönen zu vergleichen war bisher noch keinem in den Sinn gekommen.
„Ah! Laß das lieber!“ Felsenspringer griff nach Flitzer, doch der wich seiner Hand geschickt aus. „Was willst du überhaupt bei uns, Käfer? Hat Ari deinen Gesang auch nicht mehr ausgehalten?“
Zack - jetzt hatte er ihn. Verärgert verzog Flitzer das hellgrüne Gesicht, als Felsenspringer ihn von seinem Kopf herunterhob. Er zappelte. „Böses Pfeilschießhochding! Laß Flitzer los!“ Plötzlich grinste er von einem Hütchenrand zum anderen. „Flitzer singt sonst!“ drohte er.
Felsenspringer verdrehte die Augen und öffnete widerstrebend die Hand. Flitzer schwirrte heraus, schüttelte die Flügel und zog sich auf Windfeders Schulter zurück, nicht ohne Felsenspringer noch einen grimmigen Blick zuzuwerfen. „Flieghochding sagt, Flitzer weggehen soll heute. Suchschaut nach Steinspringhorndingern ganz allein.“
„Sie wollte in Ruhe ihren neuen Bogen ausprobieren, ich weiß.“ Windfeder drehte den Kopf, blickte in Flitzers trauriges Gesichtchen, seufzte und lächelte. „Na gut, dann bleib bei uns, wenn du möchtest.“
Felsenspringer war von der Idee weit weniger begeistert als der kleine Bewahrer, aber seine Gefährtin lachte: „Ach, komm schon. Ich kann heute einfach kein betrübtes Gesicht sehen, dafür ist der Tag viel zu schön.“
Typisch Windfeder, dachte Felsenspringer lächelnd, hauchte ihr einen Kuß auf die Wange und nahm ihre Hand. „Dann sollten wir besser weitergehen, ehe du noch den halben Stamm einlädst, uns zu begleiten.“
Bis zum höchsten Stand der Sonne hatten sie einen weiten Weg zurückgelegt. Das Revier der Gemsen lag hinter ihnen, ebenso die Wolfszähne, eine Reihe spitzer Gipfel, die den Reißzähnen eines Raubtieres ähnelten. Die Bergwelt im Winter wurde nie langweilig, egal, wie oft man einen Weg auch schon gegangen war - Eis, Felsen, Bäume und Schnee verbanden sich in den bizarrsten Variationen. An einem kleinen Wildbach, dessen Wasser unter den Eisrändern klickerte, rasteten sie, aßen Dörrfleisch und getrocknete Früchte.
Flitzer hatte ihre Wanderung immer wieder mit seinen schrillen Liedern begleitet, bis Felsenspringer die Geduld verlor. „Kannst du nicht endlich einmal still sein?!“, fuhr er ihn an. „Das hält ja kein normaler Elf aus!“
Flitzer war beleidigt. „Pfeilschießhochding nur neidisch ist weil kann nicht singen so schön!“
„Nein, kann ich nicht! Deswegen gehe ich auch keinem damit auf die Nerven!“, knurrte der Jäger. Er hatte nichts dagegen, wenn Flitzer hin und wieder singend durch das Lager schwirrte. Aber ihn stundenlang neben seinem Ohr erdulden zu müssen - das war einfach zu viel!
„Wenn er so weitermacht, fange ich ihn ein und sperre ihn in meinen Handschuh“, flüsterte er Windfeder zu. „Da drin kann er dann singen, so viel er will.“
Seine Gefährtin schüttelte mit einem Stirnrunzeln den Kopf. In der Höhle ihrer Eltern hatte sie genug Zeit gehabt, sich an die Melodien des Bewahrers zu gewöhnen. Aber allmählich wünschte auch sie, er hätte sich heute ein paar andere „Opfer“ ausgesucht.
„Ein bißchen Ruhe wäre wirklich nicht schlecht, Flitzer“, bat sie freundlich. Der Bewahrer sah sie enttäuscht an. Dann verzog er das Gesicht und drehte sich auf ihrer Schulter nach hinten. Ari und Windfeder waren die einzigen, für die er - zumindest eine Weile - verstummen konnte.
Endlich Ruhe! Felsenspringer atmete auf. Er schirmte die Augen gegen die Sonne ab und betrachtete den Himmel. Den ganzen Vormittag lang war er strahlend blau gewesen - nun schoben sich am Horizont Wolkenberge zusammen. Man konnte direkt zuschauen, wie sie in die Höhe und Breite wuchsen.
Auch Windfeder hatte es bemerkt und sagte etwas beunruhigt: „Wir sollten zurückgehen - ein Wetter kommt. Und ich hoffte, die Schneestürme wären langsam vorüber!“
Felsenspringer nickte. „Wir nehmen wohl besser den Weg durch die Täler, da sind wir geschützter, falls wir es nicht rechtzeitig bis zum Lager schaffen. Und so viel länger ist er auch nicht. Wir müssen noch über den Hang und hinter dem Felsband dort drüben hinunter. Komm!“
Der Schnee, der den weiten Hang bedeckte, war hoch und frisch. Schon beim ersten Schritt würde man bis über die Knie einsinken. Felsenspringer band sich die aus Zweigen geflochtenen Schneeschuhe, die er auf dem Rücken getragen hatte, an die Füße. Mit ihrer Hilfe fiel es ihm leichter, auf lockerem Schnee zu gehen. Windfeder schwebte neben ihm her, den immer noch eingeschnappten Flitzer auf der Schulter tragend.
Sie hatten den zu einer Talmulde abfallenden Hang mit den windschiefen Kiefern schon zur Hälfte überquert, als gar nicht weit über ihnen ein dumpfes Geräusch erklang. Windfeder beachtete es kaum, aber ihr Gefährte hob mißtrauisch den Kopf. Oberhalb der Bergrippe, die sich am Ende des Hanges entlangzog, hing plötzlich eine Wolke aus Schnee. Sie bewegte sich, weitete sich nach beiden Seiten aus.
Nein, keine Wolke! Schneebrocken und Eis! Eine wirbelnde Masse, bereits mehr Raum einnehmend als der Versammlungsplatz.
Und das alles raste genau auf sie zu!
„Eine Lawine!“ Das Herz schlug Felsenspringer bis zum Hals. „Windfeder! Flieg weiter! Mach schon!“ Er selber versuchte, den tiefen Schnee und die Gestelle an seinen Füßen verfluchend, zum rettenden Felsband an der anderen Seite hinüberzuhasten.
Windfeder hatte sich umgeschaut, bleich vor Schreck nun auch die Gefahr erkannt. Sie konnte fliegen, sie würde sich ohne Probleme retten können - aber Felsenspringer?
Die Lawine war noch schneller geworden und offenbarte eine verheerende Kraft. Jeder Schneebrocken riß neue aus dem Hang heraus. Die ersten kleineren Stücke sprangen schon zwischen Felsenspringers Füßen herab, der sich gehetzt umsah, strauchelte, fiel ...
Er würde es nicht schaffen!
Angst preßte Windfeders Herz zusammen. ‘Ihr Hohen, bitte! Nehmt mir nicht auch noch ihn!’
Flitzers Krallen bohrten sich in ihren Winterponcho, als sie aus der Sicherheit der Luft wieder zu ihrem Lebensgefährten herunterglitt.
*Ich trage dich!*, sendete sie und faßte Felsenspringer unter den Achseln. Schneestaub hüllte sie ein, nahm ihr den Atem und die Sicht.
*Das schaffst du nicht!* Felsenspringer duckte sich, als immer größere Schneebrocken auf sie zurollten. In seinem Senden klang Angst - um Windfeder und um sich selbst.
Er hatte recht. Noch nie war es ihr gelungen, gleichzeitig sich selbst und einen anderen Elfen  schweben zu lassen. Aber Windfeder versuchte es trotzdem, atemlos und mit der Kraft der Verzweiflung. Als sie ihre Unfähigkeit erkannte, war es zu spät. Mit donnernder Wucht glitten die Schneemassen heran, schlossen sich über ihren Köpfen. Etwas Hartes, Scharfkantiges traf Windfeder an der Schläfe. Die Geschwindigkeit der Lawine riß die Elfen mit sich.

Felsenspringer hatte die Augen zusammengekniffen. Eine Armbeuge schützend vor das Gesicht gestemmt, um im Schnee Platz zum Atmen zu bekommen, fühlte er Windfeders erschlaffenden Griff um seine Linke. Hastig faßte er zu, bevor die wandernden Schneemassen sie endgültig voneinander trennen konnten, entschlossen, nicht loszulassen, was auch geschah.
Er sah kaum etwas, Schnee verklebte ihm das Gesicht. Es zerrte ihn rückwärts, preßte ihn gegen etwas, der nächste Brocken schob ihn weiter. Ein Schneeschuh riß ihm ab. Fest schloß er die Lippen, um nicht aus Versehen Schnee zu schlucken, und begann, sich mit unbeholfenen Schwimmbewegungen in Windfeders Richtung zu drehen.
Grimmig trat er gegen einen Schneeblock, dessen eisscharfe Kanten ihm ins Bein schnitten, fand die Gegenkraft, die er brauchte, und schob sich an Windfeder heran. Dann wischte er sich den Schnee aus den Augen und spürte, daß die Lawine allmählich zum Stillstand kam.
*Windfeder?*, sendete er besorgt.
Langsam gewöhnten sich Felsenspringers Augen an die Dunkelheit in der engen Schneekammer. Windfeders Füße steckten fest, sie lag mit dem Kopf nach unten. Aber sie regte sich, hustete, spuckte Schnee aus und rang nach Luft.
*F-Felsen?* Ihr Senden zitterte benommen. *Was - oh nein! Sind wir wirklich -?*
*Ja. Mittendrin.* Es sollte sarkastisch klingen, aber es gelang ihm nicht, das Entsetzen zu überspielen, das ihn gepackt hatte, als die Schneemassen über ihnen zusammenschlugen. Er zitterte immer noch.
„Bist du verletzt?“
„An meiner Stirn - irgendwas hat mich getroffen.“
Auch Windfeders Augen nahmen endlich etwas in der Dunkelheit wahr. Sie sah die kleine Höhle und ihre Füße in der Schneewand. Vorsichtig betastete sie die Platzwunde, fühlte warmes Blut und zog die Luft zwischen den Zähnen ein. Dann spürte sie eine Hand, die etwas Kaltes auf die Verletzung legte und den Schmerz damit linderte.
„Hier, Schnee zum Kühlen. Davon haben wir ja genug.“
Langsam zog sie ihre Füße aus der Schneewand und drehte sich auf den Rücken. Der Hohlraum war zu eng, um sich aufzusetzen.
„Und du?“, fragte Windfeder, der die Kälte mit dem Schnee in die Stiefel hineinkroch.
„Mir geht’s gut. Wir müssen uns ausgraben!“ Felsenspringer zerrte sich die Handschuhe herunter und bohrte die Finger in die feste Schneedecke über ihren Köpfen. Aber schon im nächsten Augenblick löste sich ein riesiger Brocken, rutschte knirschend und drohte, auf die Elfen herabzustürzen. Felsenspringer stemmte sich fluchend dagegen. Erst mit Windfeders Hilfe gelang es ihm, den Schneebrocken wieder in der Wand zu verkeilen.
Schwer atmend sahen sich die Elfen an. Beide wußten, daß sie sich nicht befreien konnten, ohne vorher vom Schnee begraben zu werden.
„Hier kommen wir nie wieder raus!“, flüsterte Windfeder tonlos.
Felsenspringers Augen leuchteten in der Dunkelheit ganz nah neben ihr. Sie spürte seine plötzlich aufsteigende Verärgerung. „Ja, weil du verrückt bist! Einfach verrückt! Warum hast du dich nicht in Sicherheit gebracht?“
„Sollte ich vielleicht zusehen, wie du...“
„Aber jetzt stecken wir beide fest! Du hättest Hilfe holen können.“
Der vorwurfsvolle Klang seiner Stimme tat Windfeder weh. „Das hätte zu lange gedauert, das weißt du ganz genau!“
„Jetzt kann uns gar keiner helfen!“
Windfeder verstand seine harten Worte nicht. Warum machte Felsenspringer ihr Vorhaltungen? Ihr Handeln war doch die einzige Möglichkeit gewesen, die ihm hätte helfen können. Wenn sie doch nur stark genug gewesen wäre... Windfeder wandte den Kopf ab und starrte an den Schnee. Tränen stiegen ihr in die Augen. Innerlich bebte sie vor Angst. Gefangen - ohne Aussicht auf Rettung! Was nützten Felsformerkräfte im Schnee?! Es war wie damals, eingeschlossen in der winzigen Höhle im Blauen Berg. Die Schneewände schienen immer näher zu rücken. Die Enge erdrückte Windfeder fast. Schmerzhaft schlug ihr das Herz gegen die Rippen.
Felsenspringer schwieg, die Lippen aufeinandergepreßt, und haderte mit sich selbst. Warum hatte er noch über den Hang gehen wollen, warum nicht den Steig wieder zurück und hinter dem ersten Gipfel der Wolfszähne hinab in die Täler? Gut, er wußte, daß dieser Weg im Winter zu gefährlich war. Aber dann wäre ihnen diese verdammte Lawine erspart geblieben! Der Gedanke, daß Windfeder sich seinetwegen in Gefahr gebracht hatte und jetzt in der gleichen Falle saß wie er, war ihm unerträglich.
Was fiel ihm eigentlich ein, ihr Vorwürfe zu machen? Er kannte doch die Geschichte von der Schneelawine, die vor ungezählten Jahren die Hälfte des Bergelfenstammes unter sich begrub. Schon nach kurzer Zeit waren die Verschütteten tot gewesen. Viel zu wenig Zeit, um zum Berglager zu fliegen und Hilfe zu holen.
Felsenspringer spürte plötzlich, wie Windfeder neben ihm immer stärker zu zittern begann. War es die Kälte, die auch ihm allmählich in die Glieder kroch? Oder etwas anderes? Sie ver­steifte sich, als er zögernd ihre Wange berührte. Dann ruckte ihr Kopf herum. Panik flackerte in ihren Augen.
„Hilf mir! Ich kann nicht ... ich will hier raus!“
Felsenspringer zog sie an sich, streichelte ihre bebenden Schultern und versuchte sie flüsternd zu beruhigen. Dabei war er selbst alles andere als zuversichtlich. Er spürte die Kälte, die die Schneemassen um sie ausstrahlten. Wenigstens blutete Windfeders Stirnwunde nicht mehr. Plötzlich fiel ihm der Bewahrer ein. Suchend blickte er sich um, konnte ihn in dem Hohlraum aber nicht entdecken.
„Flitzer - er ist nicht hier! Er wird Hilfe holen!“
„Flitzer da ist!“, erklang eine nur allzu vertraute Stimme hinter ihnen. Der kleine Bewahrer wuschelte sich durch Windfeders langes Haar - er hatte sich darin verfangen und war ebenfalls mitgerissen worden.
Windfeder erstarrte und vergrub dann das Gesicht in den Händen. „Es ist meine Schuld!“, schluchzte sie auf. „Hätte ich ihn in die Luft geworfen, bevor ich ... Jetzt wird er auch sterben!“
„Nein, hör auf, sowas zu sagen!“, unterbrach Felsenspringer sie energisch. „Es war eine Lawine! Davon gibt es mehr als genug jeden Winter! Niemand kann etwas dafür!“ Er dachte an seine vorwurfsvollen Worte und biß sich auf die Lippen. Sanft sendete er: *Es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Es war nur ... ich hatte Angst um dich. Ich wollte nicht, daß dir etwas zustößt.*
*Und ich konnte doch nicht zulassen, daß ich noch einmal jemanden verliere, den ich liebe.* Windfeder schmiegte sich an ihn, wollte die Berührung ihres Gefährten spüren, auch wenn das den Gedanken an den eisigen Tod nicht vertreiben konnte. Wie lange würde sie noch die Kraft haben, die panische Furcht zurückzudrängen?


Felsenspringer hielt seine Gefährtin fest. Verdammt, warum fiel ihm nichts ein, das ihnen weiterhalf? Es war hoffnungslos. Man würde sie bei der Schneeschmelze finden, tot wie Ruhan Höhlenformer und all die anderen! Nicht einmal sein Vater Eisgänger, der sich mit den Gefahren des Winters am besten auskannte, hätte in dieser Situation einen Ausweg gefunden.
Wie still es unter dem Schnee war. Und es schien immer kälter zu werden. Die beiden Elfen versuchten, sich gegenseitig zu wärmen, aber es gelang ihnen nicht, der eisigen Kälte zu trotzen, die von den Schneewänden ausging. Täuschten sie sich, oder fiel ihnen allmählich auch das Atmen schwerer als sonst?
„Brrrrrrr!“ Flitzer verkroch sich unter Windfeders Poncho und steckte nur das Gesicht hinaus. „Warum Hochdinger in kaltkalt Loch bleiben liegen?“
„Weil wir nicht raus können“, seufzte Felsenspringer. „Wir nicht und du auch nicht. Tut mir leid, Käfer.“
„Kaltkalt nicht gut!“ Flitzer schüttelte sich. „Soll Flitzer Webzeug machen? Hält warm und sicher. Langelangelange.“
Felsenspringer schüttelte den Kopf. „Das hat keinen Zweck. Morgen suchen sie uns bestimmt, aber bis dahin ...“
Er verstummte und strich Windfeder über das glatte Haar. Seine Gefährtin hatte die Augen geschlossen. In ihrer Rechten lag der Kristall mit der Feder, den sie an einem Lederband um den Hals trug und niemals ablegte. Die Erinnerung an Hoykar, ihr Seelenpartner, der sie mit seinem Leben beschützt hatte.
‘Wenn es vorbei ist, dann sind wir wieder vereint, Kryn, wo auch immer das sein mag’, dachte sie mit einem traurigen Lächeln. Sie spürte Felsenspringers sanfte Berührung und drehte ein wenig den Kopf, um ihn anzusehen. Er hatte den Blick gesenkt und grübelte. Ein verbissener Ausdruck lag auf seinen etwas kantigen Zügen. In seinen braunen Haaren hing immer noch Schnee.
Nach Hoykars Tod hatte Windfeder geglaubt, daß ihr Herz nie wieder für jemand anderen schlagen würde. Felsenspringer war damals ein Freund für sie geworden, mit dem sie lachen und auch ihre Trauer teilen konnte - obwohl seine Gefühle für sie längst weit über Freundschaft hinausgingen. Er wußte, daß das Erkennen mit Hoykar noch immer fest in ihr verwurzelt war, und daß kein Elf sich nach dem Tod seines Seelenpartners so schnell wieder an jemand anderen band. Darum hatte er es zuerst vor ihr verborgen, was ihm nicht leicht gefallen war - bis er es schließlich doch nicht mehr aushielt. Und obwohl Windfeder es sich zuerst nicht eingestehen wollte, begann sie seine Gefühle zu erwidern.
Windfeder lächelte, für einen kurzen Moment in der Erinnerung gefangen. Dann riß die Kälte sie in die Wirklichkeit zurück.
*Hat Ari nicht einmal gesagt, daß die Seelen der ... daß die Seelen im verschollenen Palast der Hohen wohnen?*, vernahm sie Felsenspringers Senden. Als sie kaum merklich nickte, schloß sich seine Hand um ihre, die den Kristall mit der Feder umklammerte. Seine Haut war kalt, aber die Berührung hatte etwas seltsam Beruhigendes, fast Aufmunterndes an sich.
*Dann werden wir dort auch zusammen sein. Das ist sicher.*
Windfeder erstaunte es, daß Felsenspringer selbst in dieser Lage noch etwas fand, um das Schreckliche ein wenig erträglicher erscheinen zu lassen. Aber sie war ihm dankbar dafür.
‘Kryn’, dachte sie, kurz tauchte das Gesicht des Gleiters vor ihrem inneren Auge auf. Das enge Band zwischen sich selbst und dem Partner, durch das Erkennen geformt, hatte sie lange Zeit vermißt. Ihre Liebe zu Felsenspringer konnte diese besondere Art der Vertrautheit nie erreichen. Aber jedes Mal, wenn sie erwog, sich ihm ganz zu öffnen, war sie wieder davor zurückgeschreckt. Sie wußte, was es hieß, einen Seelenpartner zu verlieren. Noch einmal wollte sie dieses Gefühl der Einsamkeit nicht ertragen, stieße auch Felsenspringer etwas zu.
Windfeder gab es einen Stich, als sie erkannte, daß es nun fast zu spät dafür war.
Und dennoch ...
Felsenspringer spürte Windfeders Blick und die Unsicherheit darin, die von einem Moment zum anderen verschwand. Ihr Lächeln war traurig und von einem leisen Vorwurf gegen sich selbst erfüllt.
*Ich will nicht, daß uns irgend etwas trennt, Geliebter. Ich bin Finn.*
Felsenspringer hielt den Atem an. Er wußte von ihrer geheimen Furcht. Schon früher einmal hatte er ihr seinen Seelennamen offenbaren wollen, aber sie hatte ihn unterbrochen und gebeten, es nicht zu tun. Nun, endlich, war sie bereit dazu. Und es war ihm egal, daß diese Verbindung nur noch von kurzer Dauer sein konnte. Die Freude und Wärme, die ihn durchströmte, löschte selbst den Gedanken an den eisigen Tod aus.
*Rim*, antwortete er, während er Windfeders Umarmung erwiderte.
Die Zeit schien still zu stehen. Nie zuvor waren die beiden Elfen sich so nahe gewesen. Das Vertrauen, einander ihre Seelen zu öffnen, war das größte Geschenk, das sie sich geben konnten. Tränen liefen Windfeder über die Wangen, aber sie war glücklich, trotz ihrer hoffnungslosen Lage. *Wir gehören doch schon seit langem zusammen. Warum habe ich nur so lange gezögert?!*
Sanft berührten Felsenspringers Lippen die ihren. *Mach dir keine Vorwürfe. Ich bin froh, daß du es jetzt getan hast. Alles andere ist nicht wichtig.*
Eine Zeitlang hatten die beiden Elfen keinen Blick mehr für ihre Umgebung. Der kleine Bewahrer, der sich zum Schutz vor der Kälte in Windfeders Poncho vergraben hatte, wurde langsam ungeduldig.
„Kalt! Kalt! Kalt!“ beschwerte er sich lautstark, arbeitete sich aus dem Poncho hervor und flatterte mit energischen Flügelschlägen um die Köpfe der beiden herum. „Webzeug warm ist! Warmwarm und sicher! Langelangelange!“
„Hör auf, Flitzer, das nützt uns auch nichts mehr“, brummte Felsenspringer.
„Doch! Doch! Doch! Hochdinger müssen warten. Warten in Webzeug! Langelange warm und sicher! Flitzer sagt es! Ist so! Soll Webzeug machen, ja?“
„Was redest du da eigentlich?“ Felsenspringer verstand kein Wort. Aber Windfeder schlug plötzlich die Augen auf, ein hoffnungsvolles Leuchten trat in sie, als sie begriff.
„Ja!“, flüsterte sie heiser. „Flitzer, das ist es! Wir warten im Webzeug!“
„Wie bitte? Meinst du das ernst?“ Es war doch nun egal, ob sie es warm oder kalt hatten, bis sie starben. Lange würde es sowieso nicht mehr dauern. Schon jetzt waren sie so erfroren, daß ihnen selbst das Sprechen Mühe bereitete.
„Warum fällt es mir erst jetzt wieder ein?!“, stieß Windfeder hervor, ärgerlich auf sich selbst. „Aber es ist so lange her, daß ich davon hörte und daß ich es sah! Als ich Flitzer fand, steckte er in einem Kokon. Er schlief darin und erwachte erst wieder, als der Kokon aufgerissen wurde. Sag, Flitzer, wie lange kann man im Webzeug schlafen?“
„Langelange“, zwitscherte der Bewahrer. „Winter und Sommer und langelange.“
Windfeder sah Felsenspringer an, neuer Lebensmut lag in ihrem Senden: *Wir können im Webzeug schlafen und warten, bis unsere Stammesgefährten uns finden. Es können Jahre vergehen, aber uns wird nichts geschehen. Ich habe es bei den Gleitern schon einmal gehört, aber nur flüchtig, und einfach nicht mehr daran gedacht.*
*Gleiter!* Felsenspringers Mißtrauen und Zweifel waren deutlich zu hören. *Mit so etwas wäre ich dann lieber vorsichtig.*
*Aber Ari ist nicht hier, um sie zu fragen. Bitte, Rim, es ist unsere einzige Chance, überhaupt so lange auszuhalten, bis uns jemand findet!*
Felsenspringer seufzte. Dem flehenden Blick ihrer Augen konnte er nichts entgegensetzen. Noch dazu hatte sie ja recht - was würden sie in dieser Situation schon verlieren, wenn sie es versuchten.
„Flitzer sagt es!“ beharrte der kleine Bewahrer. „Soll Flitzer Webzeug machen jetzt?“
Als Windfeder nickte, warf Flitzer Felsenspringer einen schrägen Blick zu, als wollte er sagen: Dir zeig ich’s schon! Dann flatterte er zu ihren Füßen und spann mit beachtlicher Geschwindigkeit seine silbrigweißen Fäden.
*Und du bist sicher, daß das geht?*, sendete Felsenspringer, noch immer nicht ganz überzeugt. Ihm war nicht wohl bei dem Gedanken, in dieses klebrigen Zeug eingewickelt zu werden.
*Ich hoffe es.*
*Hm... dann hoffe ich es auch.* Felsenspringer war die leise Unsicherheit nicht entgangen, die trotz Windfeders Vertrauen in Flitzer in ihrem Senden lag. *Wir sind zusammen, Finn, was soll da schon passieren? Der Schnee wird tauen, spätestens im Neugrün befreien sie uns wieder. Und ausgeruht sind wir dann auch.*
*Das mit Sicherheit.* Felsenspringer schaffte es wirklich jedes Mal, sie wieder zum Lächeln zu bringen. ‘Sie werden uns finden’, wiederholte Windfeder für sich. Ihre Seelen berührten einander, als die Hülle aus Silberfäden sich um sie herum schloß.


- Ende -
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