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Eiserner Steg

von Nemain
Kurzbeschreibung
SongficSchmerz/Trost / P12 / Gen
18.06.2013
18.06.2013
1
1.918
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18.06.2013 1.918
 
Projekt: Ohne dich

Genre: Schmerz/Trost

Rating: P16

Disclaimer: Die Handlung ist frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Orten und Personen sind zufällig.

Typus: Songfiktion

Titel: Eiserner Steg (Philipp Poisel)

Kurzbeschreibung: Am Meer, da war sein Lieblingsplatz und sie ist gekommen, um sich zu verabschieden, ein Stück weit loszulassen.

Anmerkung der Autorin: Ich bedanke mich bei meiner Logikbeta Lebenshauch fürs Betalesen.

Eiserner Steg

Sie war barfuß hierher gekommen. Die nackten Füße vergrub sie tief in den nassen Sand, eh sie die Hände in den Seitentaschen ihrer kurzen Hose steckte. Leicht breitbeinig stand sie da, um nicht wegen ihren zitternden Beinen umzufallen. Erst als sie sich wirklich sicher fühlte, begann sie sich umzusehen. Sie war allein hier an dem Stückchen Strand und es war ihr nur Recht. Für das, was sie heute vor hatte, konnte und wollte sie keine Zuschauer gebrauchen. Langsam hob sie den Blick und ließ erst jetzt das Bild auf sich wirken.
Die Sonne war bereits im Begriff unterzugehen. Noch immer war sie über dem Horizont zu sehen, wie sie heiß und lebendig die wenigen Wolken am Himmel mit ihren goldenen Strahlen vertrieb. Um den Feuerball herum hatte sich bereits der Himmel zu einem satten Orange verfärbt, dass so langsam begann, ins Rot überzugehen. Und noch immer spendete sie ihrer Haut ihre Wärme, sodass sie schon wieder leicht ins Schwitzen gekommen wäre, wenn ihre Füße nicht immer wieder von dem Wasser der Ostsee umspült worden wären. Immer wieder trugen die Wellen, die angenehme Kühle an ihre Füße, kitzelte sie leicht mit dem Sand, den sie wieder mitnahmen, wenn sie sich ins Meer zurückzogen. Fasziniert sah sie dem Spiel der Wellen eine Weile zu, beobachtete die Gischt, die ihre Füße mal versteckte und dann wieder zum Vorschein brachte. Und dann das beruhigende Rauschen des Wassers. Sie atmete tief ein, hielt die salzige Meeresluft in ihren Lungen und lauschte nur den Wellen und ihrem Herzen, bevor sie wieder ausatmete. Monoton und gleichmäßig traf Wasser auf Land und erzeugte ein Geräusch, das ihr eine Entspannung brachte, die sie so dringend nötig hatte.
Zum ersten Mal, seit einem halben Jahr, war Ruhe in ihrem Herzen, ihrer Seele und ihrem Geist. Alle schlechten Gedanken schienen fort gewischt, die ihr so manches Mal die Luft zum Atmen nahmen. Alle beunruhigenden Gefühle waren wie weggeblasen, die ihr Herz so oft hatten höher, schneller und kummervoller schlagen lassen. Doch jetzt spürte sie zum ersten Mal, seit einer geraumen Zeit, einen Hauch von Frieden. Und nun verstand sie, warum er immer das Meer aufgesucht hatte, um wieder im Einklang mit sich selbst zu sein. Jetzt verstand sie seine Begeisterung für das Meer und seine endlosen Weiten. Doch nun war es zu spät, ihm das selbst zu sagen und das hier – diesen Moment – mit ihm gemeinsam zu teilen.

Sie versuchte wieder tief einzuatmen und die wieder wach gewordenen Erinnerungen an ihn nie wieder auszuatmen. Diese Erlebnisse traten so real vor ihr inneres Auge, dass sie ihn förmlich vor sich sah. Wie er die Hand nach (ihr) ausstreckte, um sie in eine feste Umarmung zu ziehen, die nie enden sollte. Doch die Hand seines geisterhaften Ichs griff durch sie hindurch und ihr wunderbarer, kleiner Tagtraum zerplatzte – wie schon so oft – wie eine Seifenblase.
Wieder einmal schossen ihr die Tränen in die Augen und kaum, dass sie registriert hatte, dass sie gleich weinen würde, liefen ihr auch schon die Tränen über die Wangen. Wenn es doch nur ginge, hätte sie schon längst zu seinen Lebzeiten einen lebenden, atmenden Teil von ihm genommen und in ihr eigenes Herz geschlossen, ohne das je wieder abzugeben. Ohne gänzlich ohne ihn zu sein, um ihn immer wieder hervorholen zu können und sich in seiner Liebe, Zuneigung und Wärme einzubetten.
Natürlich war auch er auch jetzt immer noch in ihrem Herzen, war bei ihr geblieben, um sie nicht allein zu lassen. Doch seine körperliche Nähe fehlte schmerzlich, tat ihr selbst schon fast leibhaftig weh. Sie trug ihn bei sich, ja – aber wie sollte sie die Lücke füllen, die er hinterlassen hatte? Wie sollte sie verkraften, dass er weg war? Einfach so. Von heute auf morgen. Sie hatte sich so viel mit ihm ausgemalt. Gemeinsames Haus, gemeinsame Kinder, Enkelkinder, alt werden. Zusammen alt werden. Jetzt musste sie das alleine tun. Ohne ihn.

Und wie so oft kamen wieder diese widersprüchlichen Vorwürfe in ihr hoch. Wenn sie doch nur etwas geahnt hätte. Wenn sie doch nur mehr auf seine Gesundheit geachtet hätte. Wenn sie ihm öfter ans Herz gelegt hätte, dass er zum Arzt gehen soll. Wenn sie die Vorzeichen und Symptome eher erkannt hätte. Wenn sie in ihrem Erste-Hilfe-Kurs besser aufgepasst hätte, dann würde er bestimmt noch leben. Wenn er doch nur eher von seinem Leiden gesprochen hätte, man hätte ihn sicherlich retten können. Sie hätte ihn retten können. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie alle Wege verändert, die sie hätte verändern können, wenn sie denn das Ergebnis gewusst hätte oder erahnen können.
Doch jetzt stand sie hier am Strand und ihr altes Leben hinter ihr war sprichwörtlich zu einer Klippe mutiert. Und die Zukunft vor ihr war das endlose Meer. Wenn sie nicht an sich selbst, an der Vergangenheit kaputt gehen wollte, musste sie sich ins Wasser wagen. Und so hatte sie ein paar kleine Schritte nach vorn gemacht, doch die Flut an Ängsten hatte sie fast von den Füßen gerissen. Wie sollte sie ihr Leben denn jetzt wieder neu geregelt bekommen? Wie sollte sie mit seinen Eltern klar kommen, die ihr das Leben seit seinem Tod zur Hölle machten? Wie sollte sie denn mit ihnen auskommen, wenn sie es ihr so schwer machten? Sie hatten doch alle Drei das gleiche Päckchen zu tragen. Gaben sie ihr die Schuld daran? War sie nie gut genug für ihren Sohn gewesen und ließen sie sie das jetzt spüren? Und was war, wenn die Zwei dann mal das Zeitliche segneten? Wer unterstütze sie dann? Wie, verdammt noch mal, sollte sie das alles geregelt bekommen? Oder wie sollte sie noch länger in der Wohnung bleiben, in denen sie jetzt fast zehn Jahre gelebt hatten? Wie sollte sie das denn alles schaffen? Sie hatte das Gefühl, dass ihr das Wasser bis zum Hals stand und sie sich einfach nicht befreien konnte. Wo war ihr Freund, Geliebter, Ehemann? Er konnte sie doch nicht mit all den Problemen alleine lassen. Egal, was auch passiert war, sie hatten das doch alles gemeinsam durchgestanden. Jetzt ging das nicht mehr. Sie musste das schaffen. Alles schaffen. Allein. Ohne ihn.

Zitternd sog sie die Luft ein, versuchte sich und ihre Gedanken zu beruhigen, die wie in einem Karussell durcheinander wirbelten und doch immer die gleiche Richtung nahmen. Sie fühlte sich einsam, alleingelassen von ihm. Er hatte ihr doch versprochen, sie nie alleine zu lassen. Er hatte ihr doch gesagt, dass sie nichts trennen würde. Aber der Tod war nicht Nichts. Er war endgültig und unwiderruflich. Sein Tod warf sie auf einen Weg, eine Straße die sie noch nie betreten hatte. Sie kannte sich hier nicht aus, wollte das auch gar nicht. Sie hatte nie vorgehabt, diese Straße zu nehmen und sich dabei so mutterseelenallein zu fühlen. Sie wollte nicht diese Straße nehmen, bei der sie abends allein zu Hause war. Niemand wartete mehr auf sie, kochte so himmlisch gut für sie, nahm sie zur Begrüßung in die Arme und hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen. Niemand antwortete ihr mehr auf ein „Liebling, ich bin zu Hause.“
Gab es überhaupt noch eine Heimat für sie? Immerhin war er ihr zu Hause gewesen. Überall wo er war, hatte sie sich geliebt und geborgen gefühlt. Hatte sich ganz gefühlt. Eben eine wunderbare Einheit, die niemand auseinander bringen konnte. Jetzt musste sie allerdings von vorne anfangen. Sich etwas aufbauen. Aber konnte sie das? Konnte sie bei Null beginnen und beobachten, was daraus wurde? So gänzlich ohne ihn?

Mit einem Schluchzen ließ sie sich auf den feuchten Sand gleiten, zog die Beine eng an ihren Körper, umschlang diese mit ihren Armen und bettete ihre Stirn auf ihre Knie. Ganz sacht wiegte sie sich vor und zurück. Sie entkam ihren düsteren Gedanken einfach nicht und die Sehnsucht nach ihm wuchs von Sekunde zu Sekunde, sammelte sich in ihrem Herzen und ihrer Seele und schwappte schließlich über.
„Warum hast du mich alleine gelassen?“, wisperte sie mit tränenerstickter Stimme und umklammerte ihre Knie noch fester. Sie konnte sich selbst einfach nicht ohne ihn vorstellen. Ohne ihn fühlte sie sich als Nichts. Mit ihm war auch sie gestorben und ihre Seele unvorstellbar entstellt. Natürlich hatte sie die Beerdigung mit Hilfe ihrer Freunde überstanden, aber bekanntlich musste ja das Leben weiter gehen. Und für alle um sie herum war das Leben weiter gegangen. Nur für sie nicht. Sie wusste einfach nicht, wie es weiter gehen, wo sie anknüpfen sollte, wenn doch alles weg war, was ihr Halt gab. Was sie ausmachte. Ihr blieb ja nichts, außer dem Alleinsein.
Was gäbe sie nicht alles dafür, um ihn noch einmal zu lieben. Zu lieben, wie nur sie es gekonnte hatte. Wie oft hatte er ihr gesagt, dass nur sie diese gewissen eine Saite in ihm zum klingen brachte? Das nur sie wusste, was sein Herz und seine Seele brauchten? Oft. Und doch war es, im Nachhinein, zu wenig.
Was gäbe sie nicht alles dafür, ihn zu küssen, als wäre es das allererste Mal? Sie hatte es doch immer so sehr genossen, wenn er ihr Gesicht in seine großen Hände nahm, um ihr tief in die Augen zu blicken und sie dann zu küssen, dass ihr Hören und Sehen verging. Dass sie sich bei solchen Küssen fallen lassen, sie selbst sein konnte.
Und auch er hatte sie geliebt. Geliebt wie nur er es konnte und wohl niemand anderes nach ihm. Durch ihn hatte sie, wie eine Blume, aufblühen und sich der Sonne entgegen strecken können. Nun fühlte sie sich verdorrt, tot. Ohne ihn.

Was gäbe sie nicht alles dafür, noch einmal neben ihm einzuschlafen? Einzuschlafen mit der Gewissheit, sich geborgen, gebraucht und geliebt zu fühlen? Seine Wärme, seine Nähe noch einmal in sich aufsaugen, um für ihr restliches Leben davon zehren zu können. Um wenigstens ein kleines bisschen Halt zu haben in der Welt, die ihr jetzt nur noch trist und grau vorkam.
Was gäbe sie nicht alles dafür die kleinen, alltäglichen Dinge, die sie für selbstverständlich gehalten und nun nur umso schmerzlicher vermisste? Sie vermisste sein Lachen, seine Augen, seine Stimme, seine Witze zu den unpassendsten Zeitpunkten. Selbst sein so nervtötendes Schnarchen, wenn er einen zu viel über den Durst getrunken hatte, vermisste sie und ihr einziger Wunsch war nur noch ein einziger Tag. Ein einziger Tag bewusst mit ihm erleben, bevor sie ihn für immer verlor. Doch dieser Wunsch würde ihr nie erfüllt werden. Er war fort. Für immer. Und nichts und niemand, brachte ihn ihr wieder.

Schniefend hob sie den Kopf und sah auf die helle Scheibe, die nun fast gänzlich am Horizont verschwunden war.
„Warum hast du mich alleine gelassen?“, wollte sie noch einmal wissen, eh sie sich etwas die Tränen aus dem Gesicht wischte. „Warum hast du dich einfach so, klammheimlich, aus meinem Leben geschlichen? Warum hast du dich aus unserem Leben geschlichen? Wer passt denn jetzt auf, dass ich mich nicht in irgendetwas verrenne, wenn nicht du? Wer fängt mich denn jetzt auf, wenn ich falle, wenn nicht du? Wie soll ich das denn schaffen? So völlig ohne dich?“, fragte sie in die Stille hinein.
Niemand antwortete ihr. Nur ein leichter Wind kam auf, der ihr das Haar aus dem Gesicht wehte und sanft über die tränennassen Wangen strich.
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