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Corvus und Serena

GeschichteDrama / P6 / Gen
16.06.2013
16.06.2013
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"Bist... Bist du okay?"
Ich hörte eine nervöse Frauenstimme. Ich fühlte mich so schlapp und mein Körper schmerzte. Ich fühlte mich als hätte ich lange geschlafen und merkte kaum, dass mir ein Ächzen entwich, als ich meine Augen öffnete. Eine junge Frau mit langen violetten Haaren sah mich besorgt an, mit einer Hand auf meiner Schulter. Langsam realisierte ich, dass das eine Dorfbewohnerin von Wurmwald war. Die Stadt die ich hütete. Aber etwas lief ziemlich falsch und ich schauderte bei dem Gefühl des Misstrauens.
Mein Blick blieb ruhig auf ihr haften und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Diese Frau war eine Sterbliche und sie konnte mich sehen, oder irrte ich mich?!
"Du... kannst mich... sehen...?", es war schwer zu reden und meinte Brust schmerzte. Meine Stimme brach ab.
Sterbliche durften Himmliche doch nicht sehen, oder? Was war nur passiert?! Ich konnte mich kaum erinnern und fühlte mich viel zu müde und schlapp, als dass ich weiter darüber nachdenken konnte...

Als ich das nächste Mal meine Augen öffnete lag ich plötzlich in einem Bett. Eine Zeit lang lag ich dort und starrte nur an die Decke. Ich war in einem gemütlichem kleinen Raum mit ein paar regalen und einem Schrank. Ich erinnerte mich schon hier gewesen zu sein, bei meiner Zeit als Hüter. Hier lebte doch diese Frau oder irrte ich mich?
Bei dem Gedanken hatte ich ihr besorgtes Gesicht vor Augen und ich fragte mich, wo sie nun war und wie lange ich hier schon geschlafen hatte.
Wie auf ein Stichwort öffnete Jemand die Tür und die junge Frau trat ein. Ihr Ausdruck strahlte von einer zur nächsten Sekunde, als sie sich zu mir umdrehte.
"Wie schön! Du bist wach!", freute sie sich und beeilte sich zu mir.
"Du hast mich gerettet, stimmt das?", fragte ich. Sie nickte. "...Danke"
Ich lächelte sie an und sie entgegnete mir das Lächeln ebenso. Für einen Moment waren all die Fragen und Sorgen die in meinem Kopf schwirrten still. In mir drang der Wunsch, der Moment sollte nie vergehen. Doch da zuckte sie auch schon zusammen.
"Oh nein, wie unhöflich. Ich habe mich gar nicht bei dir vorgestellt. Ich heiße Serena.", stellte sie sich etwas schüchtern vor. Ich wandte meinen Blick von ihr und setzte mich auf.
"Mein Name ist Corvus."
Sie atmete auf.
"Ich wusste es. Also bist du...", sie brach ab und ich sah sie an. "Du bist der Hüter unseres Dorfs, oder? Also bist du ein Himmlischer?"
Ich nickte.
"Ich wusste du musst jemand besonderes sein. Die Tatsache, dass du so einen Sturz überlebt hast, deine schlimmen Verletzungen." Sie machte eine Pause. "Und deine Flügel..."
Ich sah dass sie bewundernd an mir vorbei schaute und folgte ihrem Blick zu meinen treuen Flügel, die ich mein ganzes Leben lang mit mir schleppte. Ich hatte viele Federn verloren und ein Flügel schien schwer verletzt zu sein, denn es tat weh ihn zu bewegen.
"Schon seitdem ich ein kleines Kind bin, wurden mir viele Märchen über Corvus, den Hüter von Wurmwald erzählt.", setzte sie fort und richtete dabei ihren Blick zum Fenster.
"Aber ich hätte nie geglaubt dass du wirklich existierst. ...Und erst recht nicht, dass ich dich jemals treffen würde!"
Ich wandte meinen Blick von ihr. Es stimmt, dass viele der Bewohner nicht an mich glaubten und irgendwie verletzte mich ihre Meinung manchmal. Ich gab den Bewohnern schließich mein Leben und beschützte sie vor allem. Meine Aufgabe war es schließlich Benefizit zu sammeln und das konnte ich nur bekommen, wenn sie mir dankbar waren. Aber wie sollte mir Jemand dankbar sein, wenn er nicht einmal an mich glaubte? Könnte es sein, dass ich deshalb vom Himmel fiel? Was hatte der Weltenbaum nur mit mir vor?

Ich verbrachte ein paar Tage in dieser Stadt. Die Menschen gewöhnten sich nur schwer an mich. Es war schwer zu akzeptieren, dass sie mich nun sahen. Noch schwerer zu akzeptieren war allerdings, dass ich ihnen nicht mehr so viel helfen konnte. Stattdessen half mir nun ein Mensch... Einer //meiner// Menschen. Die Menschen die ich einst schwor zu beschützen. Wegen der Verletzungen schaffte ich es nicht zum Observatorium zu fliegen. Ich fragte mich, ob die anderen sich wohl schon sorgen machten. Noch viel mehr sorgte ich mich aber um die Frage, wie es nun weiter gehen würde. Würde ich je wieder ein "normaler" Himmlischer werden? Würde eines Tages die Zeit kommen, an denen die Dorfbewohner mich nicht mehr sehen können würden? An dem Serena mich nicht mehr sehen kann...? Ich hatte das Gefühl, ich würde Serena vermissen. Ich war ihr sehr viel schuldig. Ohne sie wäre ich vermutlich nicht mehr am Leben.

Ab und zu besuchte mich Serena. Ich saß auf dem Bett und sie wechselte meine Verbänder. Nach 2 Tagen waren meine Wunden immernoch nicht verheilt. Sie waren mir eine Last, denn ich konnte wegen ihnen nicht zum Observatorium zurück. Serena ermutigte mich jedoch immer, noch etwas geduldiger zu sein.
"Die Zeit heilt alle Wunden.", hatte sie mir eingeprägt.


Eines morgens saß ich alleine im Zimmer und dachte an ihre Worte. ich wollte so gerne wieder zum Observatorium, denn die schlimmste Qual war die Unwissenheit.
Plötzlich hörte ich ein schreien. Es war Serena's Stimme und auch andere Dorfbewohner klangen entsetzt. Sofort sprang ich auf und rannte hinaus.
Schon von weitem sah ich ein paar Truppen und einen General. Ich bremste ab, als ich sah wie der General Serena am Handgelenk gepackt hielt und dabei lachte. Sein blödes Grinsen passte mir überhaupt nicht. Und so fixierte ich einen Soldaten der gerade dabei war, ihren Vater zu schlagen und schoss einen Blitz ab. Nichts würde mich davon abhalten mein Dorf zu beschützen! Ich war immernoch der Hüter von Wurmwald! Nun war ich von Blitzen aufgeladen und mein Körper bebte. Ich streckte meine Flügel weit aus und schoss die nächsten Blitze ab.
Mein nächster Blitz traf den General und schleuderte ihn von Serena weg.
Ein paar weitere Blitze schlugen sofort die restlichen Soldaten in die Flucht. Es dauerte nicht lang und es gab keine Spur mehr von ihnen. Ich ließ meine Flügel wieder sinken, glitt auf den Boden und atmete erleichtert aus. Glücklich darüber, rechtzeitig gekommen zu sein, obwohl ich wusste, dass sie wieder kommen würden.

"Was hast du dir nur dabei gedacht, dass Haus so zu verlassen? Du bist immernoch nicht auskuriert..."
Ich spürte ihren zornigen Blick auf meinem Rücken. Wir standen in der Kirche und ich betrachtete die Hüterstatue, die mich darstellen sollte auch wenn sie mir nicht gerade ähnlich sah. Währenddessen hielt Serena mir eine Standpauke.
"Du bist verwundet, Corvus. Du solltest dich besser schonen!"
Schließlich drehte ich mich zu ihr um.
"Wurmwald ist ein freundliches Dorf, mein Aufenthalt hier hat mich vieles gelehrt." Ich machte eine Pause, während ich Serena's neugierigen Blick musterte.
"Serena, ich werde weiterhin über dich wachen, auch wenn ich fort bin."
Sie sah mich verwirrt an.
"Bitte akzeptiere dies, als ein Andenken an mein Versprechen." Ich gab ihr eine Kette in die Hand, welche sofort aufleuchtete.
"Oh Corvus... Was ist das?"
"Diese Kette wird immer leuchten, wenn ein Himmlischer in deiner Nähe ist. Ich bete, dass sie immer leuchten wird."
"Du... Du meinst du wirst für immer bei mir bleiben?"
ich nickte. Plötzlich wurde mir bewusst, wie sehr ich Serena vermissen würde. Sie würde zwar immernoch bei mir sein, aber sie könnte mich nicht sehen. Und ich könnte auch nicht mit ihr reden. Ich hoffte, die Kette würde uns den Abschied erleichtern.
"Da seid ihr ja!", rief Serena's Vater, der nun zu uns gestoßen war.
"Vater! Was ist denn los?", fragte Serena besorgt.
"Ich fürchte ich habe schlechte Neuigkeiten! Sehr schlechte...!", fing er an zu erzählen.

"Also suchen die Soldaten nach mir? Lernen die denn nie? Scheint, als müsste ich ihnen eine weitere Lektion erteilen."
"Nein warte! Es sind zu viele. Viel mehr als das letzte Mal. Du magst zwar ein Hüter sein, aber mit deinen Verletzungen wirst du nicht in der Lage sein sie alle zu bezwingen.", wiedersprach mir der alte Mann.
"Was soll ich denn sonst tun? Ich muss das Dorf beschützen. Ich muss ihnen entgegentreten!", rief ich fest entschlossen aus.
"Nein du solltest besser zur Höhle in der Nähe der Quelle gehen und dich verstecken. Ich werde den Soldaten sagen, dass der Himmlische wieder zu seiner Heimat zurück geflogen ist."
Ein finsteres Gefühl machte sich in mir breit. Betrübt musste ich feststellen, dass er recht hatte.
"Aber.... Wenn ich das tue...", schmollte ich.
"Bitte Corvus... Tu es für mich. Ich kann es nicht ertragen dich noch einmal verletzt zu sehen.", unterbrach mich Serena's liebevolle Stimme.
Ich drehte mich zu ihr und sah in ihr besorgtes Gesicht. Ihr Blick sagte mir sie meinte es ernst. Dann drehte ich mich wieder um und ballte die Fäuste.
"...In Ordnung", sagte ich und merkte, wie meine Stimme zitterte.
"Serena, geh mit ihm und versteck dich. Nimm diese spezielle Medizin aus der Schublade, Nur für alle Fälle...", fuhr der Mann hinter meinem Rücken fort.
"V-Vater...??"
"Ich werde die Soldaten aufhalten so lange ich kann. Der Rest liegt bei euch."
Als der Mann aufbrach drehte ich mich wieder zu Serena um.
"Komm Corvus, wir müssen uns beeilen!"
Zur Sicherheit versteckte sie noch die Kette hinter der Statue. Aus irgendeinem Grund trübte mich diese Situation nur noch mehr.

"Wir haben es geschafft! Gott sei Dank, hier werden sie uns niemals finden! Jetzt sind wir sicher"
Wir standen vor einer hübschen Quelle in einer Höhle. Überall wuchs weiches Gras und die Höhle barg eine wunderschöne Atmosphäre.Ich war in Gedanken immernoch im Dorf. Ich konnte den gedanken nicht ertragen, dass das Dorf angegriffen wurde. Immerhin war ich schließlich der Hüter des Dorfes.
"...Corvus?", Serena hatte mein besorgtes Gesicht bemerkt.
"Serena, es tut mir leid. Ich muss zurück zum Dorf. Ein Hüter kann dem Platz, den er geschworen hat zu beschützen nicht einfach in zeiten der Not den Rücken kehren."
"Ich... Ich hab mir schon gedacht du würdest das sagen. Aber ich kann dich nicht in diesem Zustand gehen lassen. Hier trink das.", sie gab mir eine kleine Flasche.
"W-was ist das?", fragte ich sie überrascht und musterte die Flasche.
"Es ist eine spezielle Medizin aus unserem Dorf. Mein Vater hat sie gemacht. Sie wird deine Wunden heilen", versprach sie mir. Dann löste ich meinen Blick von der Flasche und fing wieder der ihren.
"Ich weiß nicht wie effektiv sterbliche Medizin für himmlische Wunden ist. Aber ich danke dir. Ich werde sie ganz sicher benutzen."
Ich hatte mich so getäuscht...
"W-Was... ist... das?? Ein... Schlaf... Mittel...? Serena...? Warum...?", meine Stimme wurde immer schwächer. Ich sank zu Boden, ich war so müde...
"Vergib mir... Corvus...", drangen ihre falschen Entschuldigungen zu mir und alles um mich herum wurde schwarz. Das angenehme Gefühl von Schlaf überkam mich.
Doch da dröhnte sie wieder in meinem Ohren. Ihre Stimme... Sie versuchte mich zu wecken.
"Corvus, bitte wach auf!"
"Aaahhhh... Serena...?", ächzte ich.
"Du da! Hör auf!", befahl ihr ein Soldat.
"Wartet! Sie war doch die jenige, die den Himmlischen mit dem Schlafmittel ausgetrickst hat. Sie hat uns geholfen ihn zu bekommen. Du solltest sie besser behandeln, nachdem sie euch geholfen hat", versuchte ihr Vater den Soldaten umzustimmen.
Bei diesen Worten wich mir eiskalt das Blut aus dem Gesicht. Serena... hatte mich ausgetrickst? Sie wollten mich den Soldaten übergeben...? Also war alles gelogen? Sie wollten mich nicht verstecken, sie wollten mich ausliefern! Es war unfassbar...
"Serena... Ist das wahr...? Hast du das wirklich... getan...?", doch da überkam mich wieder die falsche schwarze Nacht. Eine Antwort erhielt ich nicht.
Dafür hatte ich lange Zeit über meinen Verrat nachzudenken... 300 Jahre war ich angekettet in einem Kerker. Ich wusste nicht genau wo ich war. Es gab keine Fenster und besuch bekam ich auch nicht wirklich. Menschen sind erbärmliche Wesen... Man kann ihnen nicht trauen...
"Zeilt heilt alle Wunden", hatte Serena gesagt. Das war also auch eine Lüge. Denn die große Wunde in mir ist nie wirklich geheilt. Sie wurde immer größer.
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