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Only Teardrops

OneshotSchmerz/Trost / P16 / Gen
Kimi Räikkönen
14.06.2013
14.06.2013
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1.725
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Dieses Kapitel
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.
Lyrics stammen aus Only Teardrops von Emmelie De Forest.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Keine Ahnung, warum ich mitten im Sommer über Weihnachten schreibe. Vielleicht ist es einfach schon wieder zu warm.
Feedback ist erwünscht, es wird auch niemand gefressen.





Only Teardrops

The sky is red tonight
We’re on the edge tonight
No shooting star to guide us

Es ist spät, es ist dunkel. Nicht nur draußen, auch drinnen. Eigentlich sollte er aufstehen, irgendetwas tun, wenigstens das Licht anschalten. Oder den Fernseher. Oder das Radio. Die Lichterkette am Weihnachtsbaum, den er nicht hat. Warum hätte er auch einen besorgen sollen? Er hatte ja nicht einmal geplant, während der Festtage überhaupt hier zu sein, doch das Wetter hat ihm in letzter Minute einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wäre er nur letzte Woche schon nach Finnland geflogen, es wäre so leicht gewesen, diesen einen einzigen Termin ins neue Jahr zu verschieben. Alles kein Problem, aber nein, nein! Altlasten über Silvester hinaus mit sich herumzuschleppen, das ist unangenehm, er hatte ihn abgehakt wissen wollen – und das hat er nun davon.
Er ist hier, in dem Gebäude, das ein Zuhause sein soll, aber sich an Tagen wie diesen plötzlich nur noch wie ein Haus anfühlt. Ein Ding aus Stein, Beton, Wasserrohren und Leitungen, mit funktionierender Heizung, doch ohne Wärme. Dabei hat alles so einfach ausgesehen…

Eye for an eye, why tear each other apart?
Please tell me why, why do we make it so hard?
Look at us now, we only got ourselves to blame
It’s such a shame

Als sie es Anfang des Jahres ausgesprochen, beschlossen, öffentlich gemacht hatten, hatte er nicht darüber nachgedacht, wie es weitergehen würde. Es war klar gewesen, glasklar. Einvernehmliche Scheidung, keine große Sache. Wenn man sich schlicht auseinanderlebt, kommt man irgendwann an einen Punkt, an man nicht mehr streiten muss, um getrennte Wege zu gehen. Man hat keine Schuldfrage zu klären , denn es sind die äußeren Umstände, denen man sich im Laufe der Zeit anpasst, und die machen es unmöglich, etwas zu verändern, wenn man den Beruf oder die Berufung nicht aufgeben will, und den Partner dazu zu zwingen, um an etwas festzuhalten, das nur noch ein Schatten seiner selbst ist? Das kommt nicht in Frage. Weder für sie – wofür ich ihr dankbar bin –, noch für mich. Wir sind beide erwachsene Menschen, wir hatten keinen nennenswerten Streit, wozu also am Ende noch damit anfangen? Man regelt alle Angelegenheiten wie es zivilisierte Menschen tun, oder lässt sie regeln, unterschreibt ein paar Papiere und dann ist es vorbei, ganz ohne Rosenkrieg und Schlammschlacht. Sauber. Zack, ein glatter Schnitt. Ein Neuanfang ohne schlechtes Gewissen, nur mit dieser seltsamen, gewissen Erleichterung. Und dann ab in die neue Saison. Neues Auto, neuer Anfang, neue Chance, erstes Rennen, erster Sieg. Alles fühlt sich richtig an, keine Gedanken mehr an Vergangenes. Das Alte ruht, ruht in Frieden irgendwo unter dem endlosen schwarzen Himmel der Winternacht und dem wachsamen Blick des Polarlichts.

Und jetzt? Die Saison ist vorbei und durch das butterdicke Schneetreiben vor dem Fenster schimmert das schleimige Orange einer Straßenlaterne. Er lauscht. In der Küche brummt der Kühlschrank, vielleicht liegt er auch in den letzten Zügen, auf jeden Fall klingt es so, als müsse demnächst ein neuer her. Von der Heizung leises Rauschen und von draußen? Nichts. Stille Nacht, heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht…

So hast du es dir nicht vorgestellt, was? Weihnachten so ganz allein zu sein.

Sein Blick streift die Digitaluhr. Hellgrün glimmen die Ziffern in der Dunkelheit. Anderswo beginnen sie nach der Bescherung jetzt gerade mit dem Essen. Er seufzt leise, doch in der Stille dröhnt es wie ein Lawinenabgang.

Zu dumm, dass du deinen Bruder nicht als Weihnachtsmann gesehen hast.
Du hast echt was verpasst.

Hat er nicht. Es wird noch Weihnachtsfeste geben, an denen er ihn sehen, stumm über ihn lachen, ihn damit aufziehen kann. Alles andere ist Quatsch, Kinderkram. Etwas, womit er sich nicht abgeben sollte, nicht jetzt, nicht heute. Hat er doch in den letzten Jahren auch nicht getan. Es hätte keinen Sinn, ausgerechnet jetzt damit anzufangen. Er versucht, die fiese Stimme in seinem Kopf kleinzureden, aber es will nicht gelingen. Kommt ihm stattdessen so vor, als würde er genau das Gegenteil erreichen.

Gib es zu, lieber ein Weihnachtsfest mit ihr in Schweigen als allein. Das ist es doch, was du willst.
Hauptsache, du musst hier nicht länger wie ein Häufchen Elend rumliegen.
Komm, gib es endlich zu! Du weißt, dass das die Wahrheit ist.

How many times can we win and lose?
How many times can we break the rules between us?
Only teardrops
How many times do we have to fight?
How many times till we get it right between us?
Only teardrops

Ist es nicht, ist es niemals. Es ist einfach nur dumm gelaufen, aber das Wetter macht eben, was es will. Da kann man sich auf den Kopf stellen. Ist so, ist Fakt. Alles andere ist -

So come and face me now
Here on the stage tonight
Let’s leave the past behind us

Was ist es? Was willst du sagen? Kindisch? Albern?
Du weißt doch genau, dass du nicht ehrlich zu dir bist. Dass du dir nicht eingestehen kannst, dass ich recht habe. Das kannst du nie.
Aber ich weiß genau, was du willst, was du dir wünschst, ganz tief drin, was du nie zugeben, niemals laut aussprechen würdest. Nicht mal dann, wenn es dir helfen würde, sie wirklich hinter dir zu lassen.
Nur das traute, heilige Paar. Holder Knabe im lockigen Haar: Schlafe in himmlischer Ruh! Schlafe in himmlischer Ruh!

(Tell me now) What’s gone between us has come between us
Only teardrops
(Tell me now) What’s gone between us has come between us

Er kneift die Augen zusammen, versucht die Dunkelheit auszusperren und den beißenden Spott. Die Heizung, der Kühlschrank, beides schweigt plötzlich. Kann er es wirklich nicht zugeben? Nicht mal hier in der Stille? Nicht mal, wenn er allein ist mit sich und der Dunkelheit? Mitten im Winter, wenn die Nächte am längsten, am hoffnungslosesten sind? Ist das so? So schlimm?
Stille Nacht, heilige Nacht! Hirten erst kundgemacht durch der Engel…

Ist es so schlimm? Sag schon! Ach, du traust dich eh nicht. Feigling!

Ist es nicht. Es ist nicht schlimm, stumm in die Nacht hinauszuschreien, was ihm die Brust schon seit Saisonende immer wieder zusammenschnürt. Die Angst vor dem ersten Weihnachtsfest ohne sie, ohne die Frau, von der er geglaubt hat, sie sei diejenige, die Eine, mit der er eine Familie gründen würde. Dass sie irgendwann gemeinsam mit ihren Kindern hier sitzen, Bescherung feiern würden. Doch nun ist sie weg, weg für immer. Längst mit Ihm zusammen. Und eigentlich wundert es ihn nicht mal. Die beiden haben jetzt viel mehr gemeinsam als sie es Anfang des Jahres noch hatten. Es ist so offensichtlich, dass er nicht mal wütend sein kann. Da ist nur Enttäuschung, Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.

Aber besser als nichts, oder? Du bist wohl doch nicht so emotionstot, wie immer behauptet wird.

How many times can we win and lose?
How many times can we break the rules between us?

Only teardrops

Ein schwacher Trost, aber wirklich besser als nichts. Wenn man weiß, was fehlt, kann man mit der Lösungssuche beginnen.

How many times do we have to fight?
How many times till we get it right between us?
Only teardrops, only teardrops
Only teardrops
Only teardrops

Man kann die Vergangenheit exhumieren, obduzieren und sie dann zu Grabe tragen, endgültig mit ihr abschließen. Er setzt sich auf, wischt sich mit einer Hand übers Gesicht und öffnet die Augen. Im Straßenlaternenlicht wirkt die Hand fremd, wie ein Alien, das sich an seinem Arm festgeklammert hat. Langsam dreht und wendet er sie. Auf der Haut schimmert Feuchtigkeit. Erneut fährt er sich mit ihr durchs Gesicht, über die Augen, verschmiert Tränen. Die ersten seit letztem Jahr. Die ersten seit der Trennung. Die ersten, die er zulässt. Hier, in der Stille des Weihnachtsabends. Jetzt, als Nacht am längsten ist. Heute, wenn die Einsamkeit am schwersten wiegt und man glaubt, es wird nie wieder Morgen werden. In einem Haus, das früher ein Zuhause war und jetzt in Trümmern liegt.

Na und? Dann baust du es wieder auf.
Von Rückschlägen hast du dich doch nie kleinkriegen lassen. Warum solltest du jetzt damit anfangen?

Ja, warum sollte er? Energisch trocknet er sein Gesicht mit dem Ärmel. Es ist Weihnachten, zwar ein Familienfest, aber was soll’s? Dann kann er eben erst zu Silvester in Finnland sein. Umbringen wird es ihn nicht. Man muss die Dinge so nehmen, wie sie kommen. Besonders das Wetter. Er wirft einen Blick aus dem Fenster. Es schneit immer noch so dicht, dass man sich den Weg draußen wohl mit einer Machete freischlagen müsste. Ein wackliges Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht.
In der dunkelsten Stunde des Winters…

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern…

Zuerst wird er sich einen neuen Hund kaufen. Mit einem Tier ist es nicht mehr so still, nicht mehr so kalt. Dann wird wieder jemand auf ihn warten, wenn er nach Hause kommt. Na gut, nicht immer. Er muss jemanden finden, der auf den Hund aufpasst, sich um ihn kümmert, wenn er unterwegs ist. Überallhin wird er ihn nicht mitnehmen können. Doch wo ein Wille ist… Und er konnte schon immer gut stur sein.

Noch manche Nacht wird fallen…

Sei still, fährt er die Stimme stumm an – und sie schweigt. Zum ersten Mal seit Saisonende. Vermutlich, weil er jetzt einen Plan hat. Ein Ziel, das größer ist als die nächste Saison, als 2014 Rennen zu fahren. Stärker als alle Zweifel, alles Selbstmitleid, als die Einsamkeit.

Halleluja tönt es laut von fern und nah: Christ der Retter ist da! Christ der Retter ist da!

Er klappt das Notebook auf dem Couchtisch auf. Einer neuer Hund zum neuen Jahr. Eigentlich hält er nicht viel von Neujahrsvorsätzen, doch das hier ist anders. Und in der Ferne, ungehemmt und unbeeindruckt vom Schneetreiben, läuten Kirchenglocken.


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