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Elisabeth Brightshore

von Apheliane
GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Achilles Davenport Clipper Wilkinson Connor Kenway
13.06.2013
30.12.2018
288
1.176.980
49
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
59 Reviews
 
 
13.06.2013 4.069
 
Hallöchen zusammen. Dies ist meine erste Fanfiktion. Ich hoffe es gefällt euch ein wenig. Wenn das der Fall sein sollte, stelle ich noch weitere Kapitel ein.
So ich möchte natürlich darauf hinweisen, dass die Chars aus ACIII nicht mein Eigentum sind, ich hab sie mir nur ausgeliehen. ;)
Über Reviews würde ich mich freuen.  Na dann - ... Schüsselchen mit Gummibärchen hinstell.
Wer einen Fehler findet, darf ihn selbstverständlich behalten.





Davenport, 1815

Versteht mich bitte nicht falsch, doch das was ich euch hier berichten möchte, ist eine Art Tagebuch. Ein kleiner Auszug aus meinem Leben. Mag es nun dem einen gefallen und dem anderen nicht.
Mein Leben verlief nicht immer reibungslos und doch hatte es viele wunderschöne Momente.
Nun da ich alt bin, möchte ich euch einiges davon erzählen. Euch ein Bild malen, von den Ereignissen die damals geschahen und die mein Leben prägten, sowie das der Menschen die mich umgaben, die ich liebte und die meine Freunde waren. Einige von ihnen sind es auch heute noch, doch viele gingen bereits und ihr Verlust schmerzt mich noch immer, haben wir doch vieles gemeinsam erlebt. Freud und Leid.
Mein Weg war weit, doch am Ende fand ich meine Bestimmung, meinen Platz in dieser Welt und eine Liebe, die mich vollkommen umfangen hält, auch heute noch.
Mein Name ich Elisabeth Brightshore und ich sitze hier vor dem Kamin in meinem Zimmer, in meiner Hand ein gutes Glas Portwein und auf meinem Schoss mein Tagebuch.
Meine Ohren lauschen auf das leise Gleiten von Schritten. Wir sind zusammen alt geworden, doch seine Agilität ist bei weitem noch größer als die meine. Er wird wohl bald wieder zu Hause sein und so will ich mich sputen und erzählen, denn sobald er hier zur Tür hineinkommt....... verzeiht, doch dann möchte ich meine Zeit mit ihm verbringen. Weiß ich doch nicht, wie viel uns davon noch bleibt. Also setzt euch nur geschwind, nehmt euch ein Kissen und macht es euch bequem. Wollt ihr ein Glas Port?
Oh wo soll ich nur anfangen? Ach ich weiß, ich beginne am besten ganz von vorne...........


 
1. Kapitel
                                                                                       

1. Kapitel

"Elisabeth ich bitte dich"
Tante Charlotte sah mich verzweifelt an und  Base Sophie kicherte hinter vorgehaltener Hand, belustigt über meinen genervten Tonfall und die Verzweiflung ihrer Mutter.
"Ich sagte nein."
Wie ein verzogenes Kind stampfte ich mit dem Fuß auf und zog schmollend eine Schnute. Sollten sie doch erneut versuchen mich meistbietend unter die Haube zu bringen, so würde ich auch dieses Mal ihre unfähigen Bemühungen umschiffen, wie eine Fregatte einen trügerischen Felsen. Ich war mittlerweile fast 18 und hatte somit wohl auch schon bald die besten Chancen auf dem Heiratsmarkt hinter mir. Mit zornfunkelnden Augen, verschränkte ich ganz undamenhaft die Arme vor der Brust und machte dem kleinen Strauß frischer Veilchen, welcher dort dekorativ meinen Busen schmückte, damit endgültig den Gar aus.
"Er ist ein feiner Bursche und ein stattlicher dazu."
"Stattlich?"
Fragte ich mit hochgezogener Augenbraue. Sophie lachte glucksend und erntete damit ein entrüstetes Seufzen von ihrer Mutter. Mein Blick fixierte grimmig meine Base, die eigentlich nur eine Base dritten Grades war. Nicht jedem Waisenkind war jedoch wie mir das Glück vergönnt, hier im Hause meines Großonkels aufwachsen zu können, nachdem meine Eltern so spurlos verschwanden und nach einer Zeit von 10 Jahren, endgültig für tot erklärt worden waren. Mein Onkel Karl hatte daraufhin die Verwaltung des Vermögens übernommen und sich, mit väterlicher Fürsorge, um meine Erziehung bemüht. Und das, wie Tante Charlotte immer bemerkte, wohl vergebens.
Nach etlichen Versuchen, mir höfisches Benehmen und Etikette beizubringen, war meine größte Freude immer noch das Reiten und der Umgang mit Degen und Pistole. Tantchen schüttelte immer wieder streng ihr stark gepudertes Haupt und ließ sich ausgiebig über meine schlechten Manieren aus. Konnte sie doch nicht wissen, dass mein Onkel extra einen Schwertmeister aus Frankreich hatte kommen lassen, um mir den Umgang mit dem Degen beizubringen.
Mein Onkel schmunzelte stets amüsiert, wenn mein Weg  zu ihm ins Studierzimmer führte, mit Laub im Haar und aufgelösten Flechten. Er bestätigte dann stets Tantchens Bemerkungen über den Zusammenhang von Haarfarbe und Temperament. Mein Haar war rot,  tiefes dunkles Rot.
"Elisabeth bitte - er ist sehr bemüht um deine Aufmerksamkeit - wie du sicherlich schon bemerkt haben wirst. Er wird einmal ein stattliches Vermögen sein Eigen nennen und einen Titel dazu. Du solltest es dir nicht zu lange überlegen mein Kind."
O - mein - Gott. Wenn meine Tante diesen Ton anschlug und mich dann auch noch 'mein Kind' nannte...
Sie war dieses Mal wohl fest entschlossen, mich an einen dieser Lackaffen zu verscherbeln. Ich seufzte.
"Ich sagte nein. Wenn er doch so ein stattlicher Bursche ist und solch ein großes Vermögen erben wird, warum hat er dann ausgerechnet an mir so ein großes Interesse?"
Meine Nase kräuselte sich und ich kniff meine Augen höchst undamenhaft zusammen.
"Wo doch so viele 'wohlerzogene' junge Damen zu haben sind?"
Ich betonte das wohlerzogen extra deutlich. Meine Tante starrte mich entgeistert an und war sich durchaus bewusst, dass sie mich nicht gegen meinen Willen und den meines Onkels zwingen konnte.
"Geh bitte auf dein Zimmer Lisbeth"
"Arg "
Ich stampfte erneut mit dem Fuß auf und verdrehte genervt die Augen.
"Du sollst mich nicht so nennen."
Sophie schluckte, sie kannte mein Temperament und  zog nun behutsam den Kopf ein.
"Lisbeth!"
Tantchen legte es wohl darauf an mich explodieren zu sehn.
Ich tat ihr nicht den Gefallen, stattdessen drehte ich mich mit einem Grinsen und einer schwungvollen Bewegung in den Hüften um und stolzierte aus dem Zimmer. Nun hatte ich einen wundervollen Grund zum schmollen. Die Tür hatte mir zwar nichts getan, aber dennoch musste sie laut krachend mit dem Türrahmen Bekanntschaft schließen. Ich hörte meine Tante noch empört aufschreien und nach dem Fläschchen mit dem Riechsalz verlangen, doch das Interesse an dem Streit war bei mir bereits verhallt.  Mit einem breiten Grinsen raffte ich die Röcke meines Kleides und flitzte die breite Treppe hinauf. Oben angekommen, bekam ich gerade noch so die Kurve. Der Weg geradeaus hätte in einem der großen Zierspiegel geendet und das empfand ich als äußerst unpassend. Ich rannte den Gang entlang, bog um die nächste Ecke und dort lief ich fast in Nelly hinein. Die Ärmste gab einen spitzen Aufschrei von sich und legte sich dann prustend die Hand auf die Brust.
"Beth was um Himmels Willen?"
"Ganz ruhig mein Schatz"
Ich grinste sie an und küsste sie auf die Wange. Nelly war für mich eine Schwester und wir hingen zusammen wie Zwillinge. Sie war die Tochter meines Kindermädchens und wir waren zusammen aufgewachsen. Wir gingen zusammen durch dick und dünn und ich konnte stets ihrem klaren Menschenverständnis trauen, denn damit hatte ich ein klitzekleines Problem.
Nun sah sie mich heftig nach Luft ringend an. Dann lächelte sie wie ein Engel.
"Sie hat es dir gesagt?"
Ich nickte mit einem sehr gewichtigen Gesichtsausdruck, legte mir die flache Hand auf die Brust und bemerkte dabei die traurigen Überreste des kleinen Blumenbuketts. Mit einem wehmütigen Lächeln entfernte ich das kleine Geschenkt und versenkte es stielvoll in einer chinesischen Bodenvase.
"Natürlich hat sie das. Wilhelm ist so charmant und gebildet. Er ist reich und wird einen Titel erben."
Mein Seufzen war theatralisch und ich fuchtelte mir mit der Hand vor der Nase herum. Dabei verdrehte ich die Augen, als ob ich nur noch Sekunden bis zur nächsten Ohnmacht bräuchte.
"Er ist stink langweilig, verzogen und ein durch und durch gieriger und bösartiger Mensch."
Nelly fing an zu lachen und ich fiel nur zu gern in ihren Heiterkeitsausbruch ein.
Wie zwei kleine Mädchen hakten wir uns nun unter und liefen gemeinsam zu meinem Zimmer. Kaum dort angekommen, entledigte ich mich zuerst meines Kleides. Ich betrachtete dieses Paradebeispiel höfischer Eleganz mit einem angeekelten Blick und warf das Kunstwerk aus Seide, Schleifchen, Rüschen und Satinröschen mit spitzen Fingern einfach auf das Bett. Ich hasste Rüschen und Flitterkram.
Das Panier folgte umgehend und landete mit einem protestierenden Knarren neben meinem Bett.
Mein verzweifelter Versuch, meine Lungen nun mit einem tiefen Luftzug zu füllen, wurde vehement vereitelt.
"Bitte Nelli - hilf mir."
Ich japste wie ein junger Hund und verzog das Gesicht zum herzerweichen, bis Nelli wieder lauthals lachte. Sie begann die Schnüre an meinem Rücken zu lösen und befreite  meinen malträtierten Körper von der allseits gerühmten Enge des Korsetts. Erleichtert versuchte ich erneut meinen Lungen mit frischer Luft zu verwöhnen und seufzte befreit auf da es mir gelang. Mit einem kurzen Schnaufen, gefolgt von einem bösen Blick, warf ich das Foltergerät auf einen Stuhl und schlüpfte behände in ein von Nell dargereichtes Hemd. Mein Kopf fragte sich ständig, warum Tante Charlotte darauf bestand, das ich dieses Gebilde aus steifen Leinen und Fischbein überhaupt trug.
David hatte während des Tanzens mit beiden Händen meine Taille umspannen können, als wir letztes Jahr das Fest zur Sommersonnenwende besucht hatten. Tantchen durfte davon natürlich nichts wissen, den David war so überhaupt nicht das, was sie sich für ihre Nichte wünschte. Er war ja nur der Sohn des Sekretärs meines Onkels.
Aber er konnte wunderbar küssen. Ich schmunzelte im Stillen.
Mit einigen Handgriffen waren auch die Schleifchen und Nadeln verschwunden, die mein Haar zu einem feinen, kleinen Kunstwerk aufgetürmt hatten. Mit den Nägeln meiner Finger rieb ich mir stöhnend die Kopfhaut, bis ich spürte, dass sie angenehm kribbelte.
"Wie kann man das nur freiwillig erdulden?"
Nelli lachte.
"Nun, von uns Frauen wird das erwartet."
Ich starrte sie entgeistert an.
"Sagt wer?"
Ich Lächeln wurde schelmisch.
"Wollen Männer nicht schöne Frauen mit seidigem Haar und zarter Haut? Mit schmalen Taillen und kleinen Füßen? Sie bewundern uns, weil wir all diese Qualen ertragen um ihnen zu gefallen."
Mein Blick musste ins Bodenlose entglitten sein, denn sie lachte plötzlich schallend auf, bevor sie sich überrascht die Hand auf den Mund legte. Sie legte ihren Kopf schief, bis ihre blonden Seidenlöckchen um ihren Kopf wippten und schmunzelte frech.
"Sagt zumindest deine Tante."
Unser Lachen musste im ganzen Haus zu hören sein. Ich strubbelte mir ordentlich mit gespreizten Fingern durch mein welliges Haar und brachte es so in ein wundervolles, geordnetes Chaos. Ich liebte es so.
Hose und Stiefel folgten nun dem Hemd und als ich nach einem dunkelgrünen Justaucorps griff, kicherte meine Freundin erneut.
"Ein Ausritt gnädiges Fräulein?"
Ich nickte
"Ein ausgedehnter Ausritt meine Liebe- auf, auf..."


Den ganzen Nachmittag  war ich mit Nelli ausgeritten. Ich liebte es, wenn ich frei wie der Wind über die Felder und Wiesen des Anwesens galoppierte, wenn ich durch den Wald streifen und im See baden konnte. Der Wald duftete so herrlich nach feuchtem Holz, Wildkräutern und Pilzen. Die Sonne, die durch die Wipfel der Bäume schimmerte und sich am Boden mit den Schatten mischte,  verzauberte schmale Wege und kleine Lichtungen in ein Feenreich. Meine Augen blinzelten in das Licht und ich holte tief Luft. Meine Lider schlossen sich nun ganz und ich atmete kräftig ein, um diesen herrlichen Geruch tief in meine Lungen aufzunehmen. Wir hörten das feine Piepsen eines Goldhähnchens und lauschten dem kräftigen Gesang eines Gimpels. Die Vögel tollten in den Ästen herum, verfolgten sich im Balztanz oder flohen vor ihren Feinden. Einige Rehe sprangen über unseren Weg und unser Blick folgte ihnen, bis die weiße Fahne ihrer Kehrseite wieder im Dickicht verschwunden war. Ich ließ Mauricio langsam gehen und streckte die Arme weit von mir. Die Spitzen meiner Finger berührten das Laub der uralten Buchen und die Blätter streichelten meine Haut. Es war so wunderbar hier im Wald, ohne Zwänge und Standesdünkel. Ohne Etikette und Benimm. Meiner Brust entrang sich ein tiefes Seufzen.
"Tsch Beth sie nur."
Nelli hatte ein Eichhörnchen entdeckt, sofort war ich hellwach und wie zwei Jäger auf der Pirsch, verhielten wir uns eine Weile still, um es zu beobachten. Ich seufzte auf im Angesicht solch einer Freiheit. Doch ich wusste auch, dass eben diese Freiheit oft auch ihre Gefahren mit sich brachte. Mein Blick glitt zu den schmalen, kleinen Dolchen in meinen Stiefeln, von denen nur die fein gearbeiteten Endstücke der Griffe hervor lugten. Ich hatte gelernt damit umzugehen. Mein Onkel hatte darauf bestanden und hatte sie mir auch geschenkt. Diese kleinen Preziosen waren wunderbar. Die Griffe glichen einem Greif im Flug und der Knauf stellte den Kopf dar. Die Augen waren aus Echten Smaragd und feine Silberstreifen wanden sich wie Blütenranken um die Griffe. Ich liebte diese Dolche. Warum mein Onkel mir jedoch den Umgang damit beibringen ließ, konnte ich lange nur vermuten.
Nelli trieb Besari plötzlich zu einem wilden Galopp an, lachte und warf einen Blick über ihre Schulter.
"Na los träum nicht, - wer zuerst an der alten Linde ist."
Ich lachte hell auf und nahm die Herausforderung an. Wir preschten durch den Wald, um zu dem Weg zu kommen, der die große Straße mit dem Haupthaus des Anwesens verband. Dort, an einer kleinen Weggabelung, stand eine uralte Linde umgeben von einer üppigen Wiese von hunderten bunter Sommerblumen. Der Sturm letzten Winter hatte unserer alten Freundin aus Kindertagen stark zugesetzt und auch das Sommergewitter davor, hatte ihr einen Blitz gesandt, der einen Teil der Krone zerrissen hatte. Nun stand dieser uralte Baumriese dort schweigend und wartete. Wartete auf den nächsten Sturm oder das nächste Gewitter.
Wir kamen fast gleichzeitig dort an und Nelli lachte japsend, ich keuchte und grinste sie an. Besari kam schlitternd neben mir zu stehen und meine Freundin versuchte, keuchend Luft zu holen.
"Du wirst dir eines Tages noch den Hals brechen Beth wenn du weiter so machst. Ich habe noch nie eine Frau gesehen die so reitet wie du."
Sie blinzelte zu mir hinüber und grinste.
Mein Blick huschte zu den Hosen und dem Männerrock den ich trug. Von weitem hätte man mich gewiss für einen jungen Mann gehalten, wenn ich nicht während des Rittes meinen Dreispitz verloren hätte und mein rotes Haar nun offen und frei über meine Schultern schwang.
Ich lachte und Nelli kicherte mit.
"Oh ich aber schon und ich denke, es wäre durchaus weiter zu empfehlen."
Mein Schmunzeln wurde breiter, mit ausgestreckten Beinen ließ ich die Füße kreisen und legte mich dann einfach rückwärts auf Mauricios Kuppe. Der Himmel war voller kleiner Wölkchen, die von einem Westwind stürmisch vorangetrieben wurden. Ich blinzelte in die Sonne und dachte wehmütig an jene stolze und wunderschöne Frau aus meinen Erinnerungen. Sie hatte mich stets auf Ihren Schoß gezogen, mit mir Bilder in den Wolken gesucht und mich mit Liebe überschüttet. Meine Mutter. Sie war frei gewesen in allen ihren Entscheidungen und so wollte ich auch sein. Mein Vater hatte mir stets erzählt, dass es wichtig sei die Freiheit zu bewahren. Die eigene und die anderer Menschen.  Niemand sollte unterdrückt werden oder gegen seinen freien Willen etwas tun müssen. Meine Mutter hatte ihn immer darin unterstütz und ich hatte bei ihr das erste und einzige Mal in meinem Leben eine Frau gesehen, die Hosen trug, die wie ein Mann fechten konnte und zielsicher schoss.
Doch dann waren sie von einer Reise nicht zurückgekehrt. Sie blieben verschwunden. Ich hatte wochenlang nach ihnen gefragt und sie in jeder Ecke des Hauses gesucht. War tagelang über das Grundstück gelaufen und hatte mir mit Tränen in den Augen,  die Seele aus dem Leib geschrien.
"Mama - Papa."
Ich war damals 5 und konnte nicht begreifen, was es hieß, jemanden für immer zu verlieren.
Sie hatten mich wie ein Häufchen Elend eingesammelt, herausgeputzt und in eine Kutsche gesteckt. Mit dem kleinen Holzschwert in meiner Hand, hatte man mich zu Onkel Karl gebracht. Tante Charlotte hatte das 'Mordinstrument' wie sie es nannte, sogleich gegen eine Puppe ausgetauscht. Diese jedoch war seltsamerweise aus dem Fenster gestürzt und ich hatte nach der vierten, zerschmetterten Puppe und meinem wahrscheinlich fünften Schreikrampf wieder mit meinem Holzschwert zu Bett gehen dürfen.
Das einfache Stück Holz hatte für mich einen unvorstellbaren Wert, - ich hatte es von Papa bekommen.

Man hatte mir damals gesagt, das Meer habe meine Eltern verschlungen, weit im Süden sei ihr Schiff von Piraten aufgebracht und versenkt worden. Meine Tränen waren wochenlang nicht versiegt.
Doch Onkel Karl holte Anni zu mir und diese Frau schaffte es mich mit der Zeit zu beruhigen, was vielleicht auch an dem kleinen blonden Mädchen lag, das ihre Tochter war und meine Freundin wurde. So hatte ich damals bei meinem Onkel ein neues Zuhause gefunden.

Jetzt erst - fast 13 Jahre später und um einiges Wissen reicher, verstand ich was meine Eltern mir damals vermitteln wollten. Ich schwor mir jedes ihrer Worte in die Tat umzusetzen.

"Elisabeth, Nelli  was um Himmels Willen tut ihr hier draußen? Und dann auch noch in diesem Aufzug."
Mein Onkel lehnte aus den offenen Verschlag seiner Kalesche und starrte mich mit höchst pikierter Miene an. Er runzelte die eh schon faltenreiche Stirn und einige Herren in seinem Gefolge, die auf müden Pferden saßen, taten es ihm gleich. Nur einer zeigte eine arrogante Miene, als er mich von Kopf bis Fuß musterte und dabei den Mund zu einem süffisantem Grinsen verzog.
Ich schnippte hoch, zog meine linke Augenbraue möglichst arrogant empor und funkelte zurück.
Wilhelm.

"Elisabeth mein liebes Kind, du solltest wenigstens etwas die Form waren und nicht vor unseren Gästen den Eindruck eines rechten Wildfangs erwecken."
Mein Onkel seufzte und schüttelte lächelnd seinen, mit einer edlen, gepuderten Perücke umhüllten Kopf. Eine kleine Mehlwolke rieselte auf seine Schultern und bedeckte diese mit einer feinen Schicht.
"Ich wünschte nur ich hätte einen Sohn mit deinen Gaben, ich wäre stolz auf ihn.
Die meisten Herren in seinem Gefolge hüstelten amüsiert über den offensichtlichen Scherz meines Oheims. War mein geliebter Onkel doch ein Mann der Kirche und somit nicht in der Lage, zumindestens offiziell, einen Sohn zu haben.
"Nun Elisabeth mein Kind, du bist eine junge Dame und als diese solltest du vielleicht ein klein wenig Zurückhaltung an den Tag legen. Ich werde meine Gäste nun zum Haupthaus begleiten, danach würde ich gern ein paar Worte mit dir unter vier Augen wechseln."
Er zwinkerte mir verschwörerisch zu und legte in Sekundenbruchteilen wieder eine gestrenge Maske auf. Ich spielte mit, gab die Zerknirschung in Person und verneigte mich im Sattel so gut ich es vermochte.
"Wie ihr wünscht mein Oheim."
Die Zügel in der Hand lenkte ich mein Pferd etwas zur Seite, um Onkels Berline und auch die Gruppe der Reiter vorbei zu lassen. Dabei fiel mein Blick wieder auf Wilhelm. Ich konnte seinen berechnenden Blick erspähen und sah das gierige Funkeln in seinen Augen.
Jaja, träum nur weiter von Gold und Juwelen du Aasgeier, durch mich wirst du deinen maroden Ruf und deine arg gebeutelte Geldschatulle nicht auffüllen können, dass habe ich mir fest vorgenommen.

Erst am Abend dieses Tages dann, hatte ich die Gelegenheit meinem Onkel in seinem Arbeitszimmer zu besuchen. Er hatte sich in einem Sessel ausgestreckt und ließ genüsslich einen guten Tropfen im Glas kreisen. Man hatte mir angeraten, mich wieder standesgemäß zu kleiden und so stand ich nun, wieder artig in limonengrüne Seide gehüllt, mit Schleifchen und Rüschen verziert, vor meinem Onkel und starrte ihn entgeistert an.
"Aber Onkel."
Er schmunzelte vergnügt und schaute mir belustigt entgegen.
"Eines muss man diesen Briten lassen, sie verstehen es einen vorzüglichen Brandwein herzustellen. Sie nennen ihn Whiskey."
Er nahm erneut einen kleinen Schluck und ließ ihn im Mund zergehen.
"Setz dich doch Elisabeth, ich muss dringend mit dir reden mein Kind denn wir haben ein Problem."
Die Stirn in Falten gelegt nahm ich ihm gegenüber Platz, zuckte leicht genervt zusammen, als ein knarrendes Geräusch ertönte, welches die Anwesenheit meines Fischbeinkorsetts verraten hatte.
Ich seufzte leise und sah in abwartend an.
"Was meint ihr Onkel? Was für ein Problem?"
Er seufzte und stellte das Glas auf den kleinen chinesischen Beistelltisch, nachdem er noch einen tiefen Schluck der bernsteinfarbigen Flüssigkeit gekostet hatte.
"Es geht, wie du sicher schon vermuten wirst, um Wilhelm. Dieser verdammte Aasgeier versucht doch tatsächlich, mir deine Hand abzuzwingen und besitzt auch noch die Dreistigkeit, es als politische Verbindung hinstellen zu wollen. Ich habe bereits alle meine Kontakte spielen lassen mein Kätzchen doch ich weiß mittlerweile fast nicht mehr weiter. Verflucht soll er sein."
Mein Onkel seufzte und mir wurde der Ernst der Lage bewusst. Mein Onkel hatte geflucht- oh mein Gott der Erzbischof von Mainz hatte geflucht. Ich erschauderte.
"Mittlerweile droht er mir - er sagt er habe belastende Dokumente, die mich mit dem Zeitvertreib deiner Eltern in Verbindung bringen würden."
Ich zuckte zusammen.
"Das ist so gut wie unmöglich und das wisst ihr auch. Bei allem was sich in der Zwischenzeit über meine Eltern in Erfahrung bringen ließ, bezweifle ich sehr das es irgendetwas Schriftliches gibt was euch belasten könnte."
Mein Onkel nickte nur bedächtig und schmunzelte daraufhin wieder verschmitzt.
"Wie dem auch sei mein Kind. Wenn das Objekt seiner Begierde aus seinem Blickfeld verschwindet, wird er wohl erstmal still halten müssen. Ich habe bereits alles genauestens vorbereitet. Dein Vermögen wurde in Pfandbriefe umgewandelt, diese kannst du fast überall einlösen. Ich habe bereits eine Passage für dich auf der "La Bella" besorgen können. Sie ist ein kleines aber feines Schiff. Nur ist ihr Heimathafen Venedig und so bist du wohl gezwungen, einen kleinen Ausflug nach Italien zu machen, bevor du an Bord gehst."
Ich schluckte. Nach Italien? Es war bereits fast Herbst.
"An Bord? Wohin?"
Er schmunzelte erneut und zwinkerte mir verschwörerisch zu.
"Auf in die Freiheit, in ein neues Leben mein Kind- in die neue Welt - nach Amerika."

Die Reise nach Italien konnten wir erst vier Wochen später antreten und war mehr als anstrengend. Die Pässe über die Alpen waren durch frühen Schneefall zum größten Teil unpassierbar und für die Schönheit der berühmten wilden Alpennatur und atemberaubenden Felsmassive hatten wir freiwillig nicht  einen einzigen Blick übrig.
Dick eingehüllt in Pelz und Wolle schafften wir es nur schleppend nach Österreich und von dort dann im zeitigen Frühling 1773 nach Venedig.

Bella Venezia  - mit einen kleinen Anflug von Freudentaumel hatten wir die Stadt aus der Ferne betrachtet und uns dann mit energischem Schritten von Bord der Fähre begeben, nur um uns gegenseitig  geschockt anzustarren.
Venedig - ach was für eine wundervolle, strahlende, im italienischen Sonnenlicht träumende und.... stinkende Stadt. Mit gerümpften Nasen, mit Händen und Fächer verzweifelt nach Frischluft wedelnd, bahnten wir uns unseren Weg zum Anleger der "La Bella" im Hafen. Die Sonne Italiens wärmte uns etwas, auch wenn es erst Februar war. Um uns herum herrschte reges Treiben und Nellis Augen würden immer größer bei dem Anblick der sich uns bot.
Rund um uns her, tobte der Carnevale. Mir war jedoch nicht nach Feiern zumute, war ich nicht gerade im Begriff einen Schritt zu wagen, der mich in eine fremde Welt führen würde.
Eine Welt, die ich nur von Bildern aus Journalen und von Erzählungen kannte.
Amerika - meine Gedanken kreisten um diesen Mythos, der es für mich war. Würde ich überhaupt dort ankommen? Ich hatte noch nie eine Seereise unternommen.

Die "La Bella" war ein schlankes und unscheinbares Schiff. Ich stand am Kai und betrachtete den geschmeidigen Rumpf, der in einem mausgrauen Ton gestrichen und so sicherlich kaum im Zwischenraum von Himmel und Wogen auszumachen war. Das ganze Schiff machte den Eindruck einer kleinen Maus, die sich wieselflink zwischen Katzen und Raubvögeln unbemerkt hindurchschlängeln und ihr Ziel erreichen konnte.
Wie sich später herausstellte, war dies durchaus beabsichtigt und rettet uns 2 Mal davor, mit Korsaren und einer englischen Fregatte engere Bekanntschaft machen zu müssen. Als wir den Hafen von Venedig verließen warf ich noch einen Blick zurück und hörte Nelli neben mir unterdrückt schniefen. Die bunten Masken und ihre Träger verschwanden im Dunst der vom Meer her aufstieg und mit jedem Meter, den wir auf die See hinaustrieben, zog sich die Stadt wieder in ihre geheimnisvolle Aura zurück.

Wir begaben uns ins Ungewisse. Was würde uns in Amerika erwarten? Würden wir dort überhaupt jemals ankommen? Ich erlaubte mir ein wehmütiges Lächeln. Lebe wohl Venedig, lebe wohl Europa... lebe wohl Heimat.





Hallöchen^^

ich möchte euch  auch auf zwei wirklich gute FFs aufmerksam machen, die mir bis jetzt hier aufgefallen sind  :)
http://www.fanfiktion.de/My-new-life-/s/50eeedd70002ca8106a06d60/1
http://www.fanfiktion.de/Mit-dir-an-meiner-Seite/s/51a2569c00030e7a2d5d9a48/1
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