Prioritäten

von DParadox
KurzgeschichteDrama, Romanze / P12
Joshua
13.06.2013
13.06.2013
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Eilig lief ich durch einen der kahlen, blendweißen Gänge des Mutterschiffs, welches seit Monaten über New York am Himmel schwebte. Der lange hellgraue Mantel, der mich als Mitglied der medizinischen Einheit kennzeichnete, flatterte mir, jedoch unangenehm steif, um die Beine, und je näher ich meinem Ziel kam, desto schneller lief ich auch.
Nachdem erst vor ein paar Stunden im großen Versammlungsraum unsere ehemalige Königin Diana öffentlich von Anna hingerichtet worden war, hatte sich das geschäftige Treiben, was sonst auf diesen Fluren herrschte, in eine verhaltene Wiederaufnahme des Alltäglichen verwandelt, sodass ich kaum jemanden auf meinem kurzen Weg antraf. Dieser flüchtige Hoffnungsschimmer, mit Diana eine den Menschen friedlich gesonnene Königin zu bekommen, war zwar nur für uns wenige Mitglieder der Fünften Kolonne wirklich nervenaufreibend gewesen, doch es war nicht zu leugnen, dass auch die anderen, welche ihre menschlichen Gefühle den durch die Monarchie Annas vorgeschriebenen Anweisungen unterordneten, merklich beunruhigt durch die kürzlichen Vorkommnisse waren.
Ich atmete geräuschvoll aus. Gerade hatte die Hybridin Amy vollkommen unerwartet Beseelung auf die Menschen, die auf dem blauen Planeten lebten, welcher unter unseren momentan noch 29 Mutterschiffen lag, angewandt – und auch, wenn wir vor kurzem bereits erfahren hatten, dass Anna zu der Beseelung einzelner Menschen fähig war, dass ein Kind welches lediglich halb der Gattung der Besucher angehörte dies bei allen sieben Milliarden Bewohnern der Erde schaffen sollte war schwer zu glauben. Aber ich hatte es mit meinen eigenen Ohren gehört – die hohe, melodische Stimme des kleinen Mädchens war, wie es auch jedes Mal bei Annas Beseelung geschah, dröhnend vom Zentrum des Schiffs her ertönt. Der einzige Unterschied war, dass dies diesmal nicht innerhalb des Schiffs sondern außerhalb passiert war.
Ich bog um eine Ecke und sah an der rechten Wand bereits die Tür, welche mich zu meinem Ziel führen sollte. Vor den beiden großen Flügeln blieb ich stehen und vollführte eine kurze Handbewegung in der Luft, sodass wie üblich die holografische Bedientafel erschien, auf der ich das Kennwort für die Eintrittsautorisierung eingab. Mit einem leisen Zischen des Druckluftmechanismus öffnete sich die Tür vor mir, und ich trat schnell in das Labor, welches ebenso klinisch weiß schien wie die Flure.
„Josh!“, stieß ich erleichtert aus, als ich einen großen, breitschultrigen Mann mit dem Rücken zu mir vor einem weiteren Hologrammbildschirm stehen sah. Kurz schaute er auf meinen Ausruf hin über die Schulter, sodass ich seine in Falten gelegte Stirn und besorgt zusammengekniffene, braune Augen erhaschen konnte, drehte sich dann aber sogleich wieder um. Die Tür hinter mir schloss sich mit einem sanften Luftzug, der meinen Mantel aufbauschte, und ein kurzer Blick durch den Raum mit seinen vielen medizinischen Geräten reichte um zu erkennen, dass wir alleine waren. Ich konnte offen reden.
„Joshua.“, sagte ich nun etwas eindringlicher und trat mit einigen beherzten Schritten so neben ihn, dass ich sein konzentriertes Gesicht betrachten konnte. Es machte mir etwas Sorgen, dass er mich angesichts einer momentan so prekären Situation derart ignorierte.
„Was ist hier los? Hat Amy es wirklich geschafft, die Menschen zu beseelen, oder war der Versuch erfolglos? Und was ist mit der Kolonne? Ich habe niemanden von unseren Leuten mehr gesehen, seit wir Dianas Tot beigewohnt haben. Ich habe keine Ahnung, was gerade vor sich geht, Joshua!“, versuchte ich ihm ein paar Erklärungen zu entlocken. Mein Herz schlug mir schmerzhaft bis zum Hals, und ein unangenehmes Ziehen war in meiner Brust zu spüren.
„Wir haben gerade allerhand Probleme, es würde ewig dauern, sie alle aufzuzählen. Auf jeden Fall sieht es nicht gut aus.“, antwortete er verbissen, aber ruhig, und wischte weiter ununterbrochen über die Tafel vor ihm.
„Schau mich an.“, bat ich, aber er reagierte nicht.
„Joshua!“ Ich fasste ihn an seinem rechten Arm, ohne den er nun nicht mehr arbeiten konnte, und drehte ihn zu mir um. Ich schluckte einen Kloß im Hals hinunter. Stundenlang war ich in Ungewissheit durchs Schiff gelaufen, hatte nach ihm oder irgendwem anders aus der Kolonne gesucht und musste jederzeit Angst haben, dass Anna irgendwie erfuhr, dass wir an Dianas Befreiung beteiligt waren und uns fangen und häuten ließ. Und jetzt, da ich ihn – den Mann, den ich liebte – endlich gefunden hatte, hatte der nicht mal eine Erklärung für mich übrig.
„Ich habe Angst.“, flüsterte ich und spürte Tränen in meinen Augen, die ich schnell weg blinzelte. Mit einer Hand strich ich mir übers Gesicht, und gleichzeitig fühlte ich eine von Joshuas großen Händen über meine Haare fahren.
„Es ist alles okay. Für uns besteht keine unmittelbare Gefahr. Du brauchst dir keine Gedanken zu machen.“, beschwichtigte er mich und drückte mich an sich. Die Dunkelheit und Wärme, die mich durch diese Umarmung umfingen, waren unheimlich beruhigend, und erst jetzt merkte ich, wie kalt mir vorher gewesen war. Ich schluchzte einmal kurz, ein Überschäumen der angestauten Gefühle, aber dann riss ich mich wieder zusammen und genoss einfach nur die Ruhe, die er ausströmte.
„Du hast doch gesagt, wir haben Probleme. Bedeutet das nicht, dass wir in Gefahr sind?“, murmelte ich an seine Brust und sah nach oben, um ihn anschauen zu können.
„Die Pläne der Fünften Kolonne sind in Gefahr. Amy hat es geschafft, die Menschen zu beseelen, und  eines von Annas Königinneneiern ist geschlüpft und hat sich mit Tyler gepaart. Im Moment sieht es nicht gut aus.“ Er klang beunruhigt, versuchte es sich aber nicht anmerken zu lassen. Ich war dankbar dafür.
„Aber“, fügte er hinzu, „Anna schöpft keinerlei Verdacht, dass wir Diana freigelassen haben. Sie denkt zwar an Mitglieder der Fünften Kolonne auf dem Schiff, hat aber keine Verdächtigen. Meine Rolle als erinnerungs- und emotionsloser Besucher spiele ich wohl überzeugend genug.“
Ich lachte kurz auf.
„Du hattest die letzten Wochen schließlich auch genug Zeit, das zu üben. Weißt du eigentlich wie schlimm es für mich war, dass du dich nicht mehr an die Kolonne erinnern konntest? Oder an mich? Ohne Emotionen bist du ziemlich furchtbar, falls ich das noch nicht gesagt habe.“, meinte ich beleidigt und warf ihm einen anklagenden Blick zu. Er seufzte.
„Doch, das hast du sehr deutlich gemacht. Aber wir haben jetzt keine Zeit, um diese vergangenen Dinge wieder aufzuwärmen.“ Er strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht und blickte mich liebevoll aus seinen braunen, treuen Augen an.
„Ich möchte Erica und die anderen auf der Erde kontaktieren, um rauszufinden, was mit ihnen los ist. Wir müssen sofort neue Pläne machen, je mehr Vorsprung Anna vor unseren Gegenschlägen hat, desto geringer wird die Chance, dass wir letzten Endes triumphieren.“
Ich atmete geräuschvoll aus.
„Wieso müssen wir uns wieder da mit reinziehen lassen?“, fragte ich erschöpft und schlang meine Arme um Joshuas Mitte. Er hatte etwas Abstand genommen, um mein Gesicht besser sehen zu können, und die Wärme die von ihm ausging fehlte mir schnell. Er legte die Stirn in Falten.
„Was meinst du? Als Mitglieder der Fünften Kolonne sind wir doch bereits seit langem in den Kampf gegen Anna involviert.“, erwiderte er verständnislos.
„Ja.“ Erneutes Seufzen. „Aber wir haben schon so viele Rückschläge erlitten. Versteh mich bitte nicht falsch, ich will nichts lieber als Anna zu Fall bringen, aber wir haben einfach keine Chance. Es ist hoffnungslos, und ich mache mir Sorgen. Als einer ihrer engsten Vertrauten bist du am meisten in Gefahr, sollte sie von deinem Verrat erfahren.“, gab ich meine Bedenken weiter. Er lachte kurz auf.
„Dafür ist die Chance, dass sie mich verdächtigt, umso geringer. Die Fünfte Kolonne hat ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt – und du weißt, etwas was dich in Gefahr bringen würde, lasse ich nicht zu.“ Er lächelte, und es war diese Art von Lächeln, die mir bis ins Herz ging und mich fast schon körperlich spürbar von innen heraus wärmte. Meine Mundwinkel zuckten und wurden dann endgültig zu einem breiten Grinsen, als Joshua seine Lippen auf meine drückte und ich genüsslich die Augen schloss.
Der Kuss war liebevoll, ruhig und gelassen, so wie der Mann vor mir es eben war, aber trotzdem spürte ich mit jeder Sekunde, die wir uns in den Armen lagen, die Energie und den Tatendrang, die in ihm steckten.
Mich von ihm zu lösen war jedes Mal aufs Neue, als nähme man mir meine gerade erst wiedergefundene, einzige Sauerstoffquelle und ließe mich in einem luftleeren Raum ersticken. Bedauernd legte ich meine Arme um seinen Hals und sah ihm tief in die Augen, um die sich kleine Fältchen gebildet hatten. Ich schmunzelte.
„Vergiss nicht, dass wir eigentlich gar keine Gefühle dieser Art haben sollten.“, mahnte ich scherzend und hauchte ihm noch einen kurzen Kuss auf die Lippen. In seinem Lächeln lag nun auch ein Hauch von Trauer.
„Es ist eine Schande, dass das bei uns so gesehen wird. Mit menschlichen Gefühlen lebt es sich doch wesentlich angenehmer als ohne.“, antwortete er und löste meine Arme dann vorsichtig von sich. Ich versuchte, beleidigt zu schauen, aber er lächelte nur entschuldigend.
„Ja, ja, die Arbeit. Ich verstehe schon.“, seufzte ich schulterzuckend, und wieder machte sich ein enttäuschtes, taubes Stechen in meiner Magengegend breit.
„Gemeinsam werden wir alle Anna besiegen. Und dann werden wir ewig Zeit für uns haben.“, sagte er aufmunternd und drückte mir noch einen Kuss auf den Haarschopf. Dann drehte er sich wieder zu seinem Hologramm zurück und machte weiter, als wäre es nur eine kurze, unbedeutende Unterbrechung gewesen. Als ich nach einigen unschlüssigen Momenten des Nichtstuns den Raum verließ, merkte er das wahrscheinlich nicht einmal mehr.
Die Fünfte Kolonne war eben zur Zeit wichtiger als ich.





Ein kleiner One-Shot von mir zu V - Die Besucher, um wieder ein bisschen ins Schreiben reinzukommen und die Serie für mich zu verarbeiten :) Ich mochte Joshaus Charakter sehr und hoffe, ich hab ihn einigermaßen hinbekommen... Würde mich über jegliches kleines Feedback freuen! :)
LG, Ayu-nyan
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