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Flammenvogel

GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P12
12.06.2013
12.06.2013
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Song dazu: Pink Floyd - Shine on you crazy diamond


Die Hitze war überwältigend.
Ich fühlte den rauen Boden unter meinen Füßen. Jeder Schritt führte mich weiter hin zur Freiheit.
Vor mir in den fauchenden Flammenwolken, die den ganzen Tunnel brüllend durchpflügten, sah ich den undeutlichen Schattenriss von Phistomefel Smeik. Der intrigante Antiquar hatte Angst vor mir, hatte endlich erkannt, dass ein Fehler im System, die Unberechenbarkeit seines eigenen Geschöpfes, zu einer Kettenreaktion und dem Zusammenbruch der Ordnung führte.
Er hatte einen Hund gewollt, der für ihn tötete, doch nun biss der Hund ihn selbst.
Ich blieb stehen.

Die Hitze der Flammen war allgegenwärtig, doch dort, wo meine papierene Haut verbrannte, war es kühl wie von fallendem Schnee. Regungslos blickte ich Phistomefel nach, ließ ihn entschwinden.
Meine Reise kam endlich zum Abschluss.
Ich ließ mich auf den Boden sinken, lehnte mich an die Tunnelwand und schloss die Augen.
Mein Atem wurde langsamer, gleichmäßig und ruhig.
Ich träumte.

Vor meinem inneren Auge tauchte meine Familie auf.
Meine Mutter. Mein Vater. Meine Brüder und meine Schwester, alle so, wie sie mir in Erinnerung geblieben waren.
Meine Mutter, graue Strähnen im rabenschwarzen Haar, das Gesicht liebevoll und gütig.
Daneben mein Vater, mit fuchsroten Haaren, einem buschigen Schnurrbart und klugen Augen, die manchmal so streng und oft voller Schalk blitzten.
Meine vier Brüder, alle mit feuerroten Haaren und Rotznasen, so unbändig wie junge Fohlen, drängelten und schubsten daneben.
An den Beinen meines Vaters versteckte sich meine kleine Schwester, blond und blauäugig wie ein Engel und schielte schüchtern zu mir herüber. Dann schien sie mich erkennen, quietschte fröhlich und winkte.
Ich war zu baff, um zu reagieren. Sie schienen so wirklich zu sein, als würden sie direkt vor mir stehen.

Jetzt traten sie auseinander, machten Platz für einen jungen Mann mit hellen, langen Locken, die die Farbe des Fells eines Wildponys hatten. Mir stockte der Atem.
Das war ich selbst.

Mein jüngeres Ich stand vor mir und grinste mich unverschämt an. Ich glotzte mit aufgerissenen Augen und offenem Mund zurück. Dann beugte mein jüngeres Ich sich zu mir herunter und streckte mir die Hand hin.
Zögernd legte ich meine Finger um die seinen und ließ zu, dass Ich mich hochzog.
Und als ich stand, war der Andere verschwunden.

Ich blickte an mir herab und sah, dass ich wieder der Mensch war, der ich gewesen war, bevor ich nach Buchhaim gekommen war.
Ich drehte mich um und sah mich selbst am Boden sitzen, eingehüllt von Flammen, die Augen geschlossen und die Hand erhoben, als strecke ich mich nach jemandem.
Dann drehte ich mich zu meiner Familie um. Meine kleine Schwester legte vertrauensvoll ihre winzige Hand in meine und führte mich mit sich.
Der Boden unter meinen bloßen Füßen wurde eine weiche Blumenwiese, gesäumt von blutrotem Klatschmohn.
Knusperkäfer und Irrlichter summten herum und es roch nach Sommer.

Meine Hand sank herab.
Mit einem tiefen Seufzen verließ ich meinen Körper, überließ ihn den Flammen und stieg auf, folgte meinem Traumbild bis weit, weit hinauf in den Nachthimmel, wo zwischen den Sternen meine Familie auf mich wartete.
Ich war frei...
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