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Gruppe 02: Entführung mal anders

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
11.06.2013
20.06.2013
10
8.902
 
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11.06.2013 728
 
Kapitel 3 - EmmaLisa

Fast schaffe ich es, pünktlich zu sein. Um zwei Minuten nach elf sehe ich die Brücke vor mir. Ich hole einmal kurz Luft und schieße wieder los, renne bis auf die Mitte der Brücke und bleibe stehen. Aber weit und breit ist niemand zu sehen.
Ich warte. Um fünf nach elf werde ich unruhig. Hatte in der SMS nicht etwas von Punkt elf gestanden? Ich schaue noch einmal nach, aber die SMS hat sich nach zwanzig Minuten, seitdem ich sie gelesen habe, nicht verändert. Natürlich nicht, wie denn auch.
Da mir im Moment nichts Besseres einfällt, tippe ich kurzerhand eine weitere SMS in mein Handy.
„Ich bin an der Brücke. Was soll ich machen?“
Die Antwort kommt beinahe postwendend.
Leg den Teddy auf den Boden und geh nach Hause. Halte uns nicht für blöd, wir werden es merken, wenn du uns beobachtest.
Schweren Herzens, da ich den Teddy meiner kleinen Schwester nicht gerne einfach irgendwo liegenlasse, lege ich den braunen Bären auf die Pflastersteine und mache mich langsam auf den Weg zurück nach Hause.
Eine Stunde später sitze ich wieder in meinem Zimmer und warte. Warte auf eine neue Nachricht, damit ich irgendetwas unternehmen kann, um Lenia zu helfen. Alles ist besser, als untätig hier herum zu sitzen und von nichts zu wissen. Schließlich greife ich nach dem Babyphone. Vielleicht habe ich ja Glück und kann durch das Gegenstück, was in den Teddy eingenäht ist, irgendetwas hören.
Und tatsächlich. Wenn auch undeutlich und mit lautem Gerausche höre ich doch eine Stimme. Das heißt, sie können nicht allzu weit von hier weg sein – sonst hätte ich keinen Empfang mehr. „Hier ist dein Teddy“, raunzt eine brummende, tiefe Stimme, und gleich darauf höre ich ein Schluchzen.
Lenia. Sie muss es sein. Ich kann sie vor mir sehen, wie sie den Teddy an sich drückt und weint. Zu gerne würde ich einfach in das Babyphone sprechen, ihr sagen, dass alles gut wird, dass sie keine Angst zu haben brauch, dass ich sie schon dort rausholen werde – wo immer sie ist. Aber ich kann es nicht. Das Risiko ist zu groß, dass auch sie mich dann hören – und wer weiß, was sie dann mit Lenia anstellen.
Du musst einen kühlen Kopf bewahren, sage ich mir. Wenn du jetzt durchdrehst und etwas Unüberlegtes tust, dann hilft das auch niemandem weiter.
Aber das ist leichter gesagt als getan. Soll ich es wagen, jemanden einzuweihen? Aber auch hier ist das Risiko mir zu groß. Immerhin muss derjenige, der sie entführt hat, uns auch irgendwie kennen. Nein, es ist mir wirklich zu riskant
Aber was dann? Mir fällt einfach nichts ein, was ich im Moment unternehmen könnte. Nicht, bevor die nächste SMS kommt – die irgendwann ja kommen muss. Aber bis dahin komme ich mir einfach nur hilflos vor. Und die Polizei kann ich nicht verständigen, denn dann würde die ganze Geschichte herauskommen.
Mein Handy vibriert. In der Hoffnung auf die nächste SMS nehme ich es in die Hand – aber es ist keine SMS. Es ist ein Anruf. Es ist Mum.
Mit zitternden Händen gehe ich dran. „Hallo?“, krächze ich und hoffe, dass es nicht auffällt. „Hallo Schätzchen!“ Mum klingt fröhlich. Ich schlucke. „Bist du noch wach?“ Das ist doch offensichtlich, oder? „Ja, aber ich wollte gleich ins Bett gehen“, antworte ich hastig. „Oh, dann will ich dich mal nicht stören. Wie geht’s eigentlich Lenia?“ Ich zucke heftig zusammen. Wenn Mum wüsste, was hier vorgeht – sie würde mich lynchen. „Äh…sie schläft natürlich schon. Aber ansonsten geht es ihr…gut.“ „Ist irgendetwas passiert?“, hakt Mum nach. Sie klingt besorgt. „Du hörst dich so traurig an!“ „Ich bin nur müde“, erkläre ich und gähne einmal demonstrativ. Und es funktioniert tatsächlich.
„Oh, dann lasse ich dich lieber mal schlafen“, sagt Mum, und die Besorgnis aus ihrer Stimme ist wieder verschwunden. „Und wir sehen uns ja übermorgen schon wieder. Pass gut weiter auf deine kleine Schwester auf, ja?“ „Natürlich“, beteuere ich, verabschiede mich von ihr und lege dann auf. Das ist ja gerade so noch einmal gut gegangen. Aber nichtsdestotrotz bleiben mir nur zwei Tage, um Lenia irgendwie zu finden – und zu befreien.
Mein Blick fällt auf meine Uhr. Es ist kurz nach eins. Langsam müssten sie sich doch wieder melden, oder?
Und tatsächlich vibriert mein Handy genau in diesem Moment. Und der Inhalt der SMS lässt mir das Handy aus der Hand rutschen.
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