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Gruppe 02: Entführung mal anders

von MDU-Story
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
11.06.2013
20.06.2013
10
8.902
 
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11.06.2013 1.133
 
Kapitel 10 -  Sabilein

Langsam verteilten sich SEINE Worte im Raum. Ich brauchte viel zu lange, um ihre Bedeutung zu erfassen. Der Fremde… war sein Bruder?
Lenia sagte besorgt meinen Namen, als sie sah, wie blass ich geworden war, aber ich antwortete ihr nicht, drückte sie nur fest an mich. Ich würde sie nie mehr loslassen. ER würde weder mich noch meine kleine Schwester zu fassen bekommen.
Abwartend starrte ich abwechselnd den Fremden und IHN an. Tatsächlich, sie ähnelten sich. Doch ihre Blicke war ganz anders. Der von IHM war brutal, entschlossen und zum Töten bereit. Blut suchte sich in schmalen Rinnsalen seinen Weg über sein Gesicht und an seinen Armen und Beinen entlang, tränkte seine Kleidung und hinterliess eine Spur aus roten Punkten hinter ihm. Es schien ihm völlig gleichgültig zu sein.
Der Fremde liess den Blick nicht von seinem älteren Bruder. „Ich werde nicht zulassen, dass du den Mädchen etwas antust“, stellte er klar. Ich hatte noch nie so viel Entschlossenheit in einer Stimme gehört.
ER lachte. Es war kein normales Lachen, sein Klang erfüllte den Raum mit dem Geschmack des Wahnsinns. „Du solltest begriffen haben, dass du nichts gegen mich ausrichten kannst, Bruder. Ich war schon immer der stärkere von uns. Ich habe die Eltern der Mädchen getötet, und auch ihr seid nicht vor mir sicher. Ich bekomme immer, was ich will.“
Die Gewissheit schnürte mir die Kehle zu. Meine Eltern waren tot. Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln, und Wut ballte sich in meinem Magen. Wut auf IHN, der mir schon so vieles genommen hatte, und nun alles nehmen wollte.
Ich wartete auf die Reaktion des Fremden und wurde überrascht, als ein leichtes Lächeln sich auf seinem Gesicht abzeichnete. „Du hast nichts, grosser Bruder. Nur eine Pistole und grosse Worte. Schau dich an. Deine Zeit ist schon lange abgelaufen.“
SEINE Augenbrauen zogen sich zusammen und ich konnte Funken des Zornes aus seinen Augen sprühen sehen. „Sei still“, zischte ER und funkelte seinen Bruder an.
„Nein“, lachte der Fremde kopfschüttelnd. Ich verstand nichts mehr. Was für eine merkwürdige Art von Beziehung hatten diese Männer? Was hatten sie erlebt? Warum hassten sie sich so?
Dann passierte alles auf einmal. ER stürzte auf seinen Bruder zu, erhob ein Messer, und die Tür sprang auf. Plötzlich waren da so viele Menschen. Menschen in Uniformen. Ein Durcheinander und Lärm brachem aus, und plötzlich wurde mir unglaublich schwindelig. Ich hielt es nicht mehr aus. Die Last der letzten Tage lag mit ihrem vollen Gewicht auf mir, der Lärm dröhnte in meinen Ohren und meine Knie drohten, nachzugeben. Aber da war meine kleine Schwester. Lenia. Das Mädchen, an dem ich mich festhalten konnte. Ich drückte meine Schwester an mich, schloss meine Augen, atmete den Geruch ihrer Haare ein und klammerte mich so an den einzigen Punkt meiner Welt, der noch nicht in Scherben lag. Die Schwindelgefühle rissen mich mit.


Als ich die Augen zum nächsten Mal aufmachte, befand ich mich in einem Bett. Hatte ich das alles etwa nur geträumt? Nein… nein, das konnte nicht sein. Ich starrte meine Hände an, an denen SEIN Blut klebte. Ich hatte ihn verletzt. Und dann war da der Fremde gewesen, ihr Gespräch, die Menschen in Uniform, der Lärm, Lenia… Lenia. Wo war sie? Panisch sah ich mich in dem Raum um, warf die Decke zurück und schrie den Namen meiner Schwester. Sollte ich sie jetzt etwa auch verloren haben? Sollte der letzte Mensch, der mir noch wirklich etwas bedeutete, auch tot sein? Tränen sammelten sich in meinen Augenwinkeln und ich schrie. Wo waren sie alle? Hatte man mich einfach alleine gelassen?
Die Tür des Raumes ging auf und der Fremde betrat den Raum.
„Wo ist meine Schwester?!“, rief ich ihm entgegen und versuchte, ihn durch den Schleier meiner Tränen zu erkennen.
„Sie ist in Sicherheit“, erklärte der Fremde und kam auf mich zu, nahm beruhigend meine Hand und sah mir in die Augen. „Du brauchst dir keine Sorgen mehr zu machen. Nie mehr. ER ist verhaftet, deiner Schwester geht es gut.“
Langsam sanken die Worte in mein Bewusstsein, aber ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Alles was ich in meinem Inneren finden konnte, waren Scherben und Blut. Meine Eltern waren tot. Ich und meine Schwester waren allein.
„Ich weiss nicht, ob ich stark genug bin für Lenia und mich allein“, flüsterte ich und vertraute dem Mann somit all meine Ängste an. Die Welt war grausam, auch ohne IHN. Ich versuchte, über seine Verhaftung erleichtert zu sein, aber da war so viel anderes, was uns im Wege stand.
Der Mann lächelte liebevoll und schüttelte den Kopf. „Ihr seid nicht allein. Es ist alles in Ordnung. ER kann euch nichts mehr antun, und da sind Menschen, die sich um euch kümmern werden.“
„Wer?“, fragte ich verwirrt und wünschte, er würde aufhören zu reden. Ich wollte meine Schwester sehen. Wollte mich mit meinen eigenen Augen davon überzeugen, dass sie in Sicherheit war.
Er kam nicht mehr dazu, zu antworten, denn im nächsten Moment öffnete sich die Tür des Zimmers erneut und eine Frau trat hinein. Und auf ihrem Arm sass meine Schwester, mit einem Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte. Sie so zu sehen, füllte mein Herz mit so viel Liebe und Erleichterung, dass es beinahe wehtat. „Lenia“, hauchte ich und das Mädchen befreite sich von der Frau, rannte auf mich zu und schlang ihre Arme um mich. Sie brabbelte meinen Namen und wischte mit ihren Patschhändchen meine Tränen weg.
Ich hob den Blick und sah, dass der Fremde seinen Arm um die Frau gelegt hatte.
„Was wird jetzt aus uns?“, fragte ich und mir wurde klar, dass ich alles für meine Schwester tun würde. Meine Welt lag in Scherben, aber da war dieser kleine Sonnenschein in meinen Armen, der doch noch Schönheit in die Welt brachte. Mit ihr gemeinsam würde ich alles schaffen, egal wie schwer es werden würde.
„Wenn ihr wollt, könnt ihr bei mir und meiner Verlobten leben“, sagte der Fremde und in dem Moment wurde mir bewusst, dass es vielleicht gar nicht so schwer werden würde. Es gab Dinge, die ich nicht verstand. Warum war der Fremde zum Beispiel so freundlich? Warum hatten meine Eltern sterben müssen? Wie waren sie gestorben? Würde die Trauer jemals aufhören?
Aber für diesen einen, glücklichen Moment der Erleichterung war das alles in weiter Ferne. Für diesen Moment, in dem die Sonne durch das Fenster schien und meine Schwester wieder lächeln konnte.
Alles würde gut werden.


° ° °



Das war es dann auch schon wieder mit dieser Geschichte - ungalublich irgendwie. Mir hat es riesigen Spaß gemacht, es haben sich zwar auch in die Geschichten ein paar Fehler reingeschlichen, aber das ist so nunmal bei diesem Projekt (:

An dieser Stelle auch noch mal ein Dankeschön an Lilli, die dieses megageniale Projekt ins Leben gerufen hat!

Ganz liebe Grüße!
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