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Schwarzfeuer (Bergelfen III)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
09.06.2013
18.06.2013
6
21.967
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09.06.2013 5.289
 
Schwarzfeuer saß unter einer buschigen Kiefer, hatte den Kopf auf die Knie gelegt und starrte in die Dämmerung. Stürmer stand neben ihr, immer wieder stieß er sie auffordernd mit der Schnauze an. Es war Abend, Zeit zu Jagen! Aber Schwarzfeuer schob seine Schnauze jedesmal wieder zur Seite, wurde allmählich fast grob dabei.
”Laß mich!”, knurrte sie. ”Geh selber jagen!”
Stürmers Verletzung war fast abgeheilt, inzwischen konnte er das bestimmt wieder allein. Schwarzfeuer jedenfalls stand der Sinn nicht nach einer Jagd. Schon seit Tagen nicht, obwohl sie das auch der letzten Ablenkung beraubte. Nun hatte sie noch mehr Zeit zum Nachdenken -  viel zu viel Zeit.
Seit Felsenspringer und seine Stammesgefährten das Lager verlassen hatten, war sie immer weniger Herr ihrer Gedanken und Gefühle. Sie haßte es, daß ihr Körper und ihre Seele nach ihm verlangten, nach diesem sturen, großen Elf, der kein bißchen Wolfsblut besaß und der sie zurückwies, wann immer er konnte. Immer seltener gelang es ihr inzwischen, die Erinnerung an Läufer und Sternblüte zurückzudrängen. Warum mußte ausgerechnet ihr genauso etwas passieren?!?
Aber obwohl Schwarzfeuer immer fahriger und unaufmerksamer wurde und sich gar nicht mehr recht erinnern konnte, wann sie das letzte Mal etwas gegessen hatte, weigerte sie sich entschieden, über das ”Aufgeben” nachzudenken.
Sie wußte zwar, daß es nicht ewig so weitergehen durfte und daß sie nicht von hier fortgehen konnte, ohne der Erkenntnis Folge zu leisten. Aber noch einmal würde sie Felsenspringer gewiß nicht nachlaufen!

Felsenspringer saß auf einem Felsplateau außerhalb des Berglagers, weit genug entfernt, um von einem Senden nicht erreicht zu werden. Die Hänge und Gipfel hoben sich im Mondlicht scharf gegen den schwarzen Himmel mit seinem Sternenmuster ab, aber der Elf sah nicht auf. Sein Blick hing an dem Trinkschlauch, den er in den Händen hielt, aber so richtig klar sehen konnte er ihn langsam auch nicht mehr. Er hob ihn an - nur um festzustellen, daß kaum noch Blaubeerwein darin war.
Felsenspringer seufzte - er hätte noch einen aus Blausterns geheimem Lager mitnehmen sollen. Er hob die Öffnung zum Mund und leerte den Beutel ganz. Das süße Getränk, das erst lustig machte, dann berauschte und schließlich den Kopf angenehm schwer und gedankenlos werden ließ, rann ihm die Kehle hinab. Nicht mehr denken - das war genau das richtige. Schwarzfeuer sollte aus seinem Kopf, der Streit mit Zwei Raben sollte aus seinem Kopf - und am besten auch Windfeders fragender Blick, dem er sich unweigerlich würde stellen müssen, wenn er in diesem Zustand zurückkam.
Felsenspringer blickte erneut auf den Lederschlauch, der vor seinen Augen verschwamm. Er warf ihn fort und bemerkte, daß schon diese Bewegung ihn schwanken ließ. An Laufen oder gar Klettern war jetzt nicht mehr zu denken. Sonst würde er wirklich noch das Fliegen lernen.
Felsenspringer fand die Vorstellung, wie er mit ausgebreiteten Armen in eine Schlucht hinuntersegelte, gar nicht erschreckend - so schwerelos, wie er sich im Moment fühlte. Der Wein hatte die quälenden Gedanken aus seinem Hirn gespült und die nagende Sehnsucht für eine Weile betäubt. ”So könnte es bleiben...”, murmelte er, lehnte sich an einen schrägen Felsen und merkte gar nicht mehr, wie ihm die Augen zufielen.

Mondlicht hing zwischen den Stämmen. Stürmer lag am Rande der Lichtung und verschlang die letzten Reste seiner Beute, während Schwarzfeuer ruhelos hin und her lief. ‚So geht das nicht weiter!‘, dachte sie. ‘Wie lange soll ich denn noch hier herumsitzen und darauf warten, daß dieser Sturkopf vernünftig wird?! Bis die ersten Schneestürme hereinbrechen?!‘
Das würde sie nicht durchhalten. Ein unwilliges Knurren drang aus ihrer Kehle, sie blieb stehen und verschränkte mit einer wütenden Bewegung die Arme vor der Brust. ‚Aber ich werde nicht zu dir gehen! Ich nicht!‘ Das ließ ihr Stolz einfach nicht zu. Schon gar nicht, nachdem sie selbst es gewesen war, die ihm zuletzt den Rücken gekehrt hatte. Aber das schmerzhafte Sehnen schien bei diesen trotzigen Gedanken nur noch stärker zu werden.
‚Rim‘, dachte sie. So ein weicher, sanfter Laut ... Sie mußte daran denken, wie sie ihn das erste und einzige Mal laut ausgesprochen hatte, um Felsenspringer damit gehörig aus der Fassung zu bringen.
‚Zwingst du mich dann dazu?‘ hörte Schwarzfeuer in Gedanken die spöttische Frage des Elfen und ihre spontane Anwort darauf: ‚Vielleicht könnte ich es ja - Immerhin kenne ich deinen Seelennamen!‘
Welche Macht dieses kleine Wort über die Seele seines Besitzers hatte! Schwarzfeuer zog nachdenklich die Augenbrauen zusammen. Vielleicht konnte sie es ja wirklich! Vielleicht konnte sie ihn zumindest dazu zwingen, sich noch einmal dem zu stellen, was sie beide miteinander verband, auch wenn es gegen ihren Willen war?
”Kommt der Jäger nicht zur Beute, dann muß die Beute eben zum Jäger kommen”, murmelte Schwarzfeuer mit einem wölfischen Grinsen. ”Wollen doch mal sehen, wer von uns beiden der Stärkere ist!”
Sie rief nach Stürmer, rollte ihr Bündel ein und machte sich kurz entschlossen auf den Weg Richtung Gebirge. Sie hatte sich Nachtauges Senden, das sie zum Lager der Bergelfen hinaufführte, gut eingeprägt. Und die Dunkelheit war für ihre nachtgewohnten Augen kein Hindernis. Als die Morgendämmerung heraufzog, fand Schwarzfeuer die Hänge, an denen die Felsentreppe ihren Anfang nahm. Weiter würde sie nicht gehen – hoffentlich war der Ruf, den sie aussenden wollte, stark genug, um die Entfernung zu überbrücken.
Er mußte es einfach sein.
Während ihr Wolfsfreund die unbekannte Umgebung erkundete und einen lautlosen Kreis um das neue Lager zog, setzte Schwarzfeuer sich nieder, den Rücken an einen Baumstamm gelehnt. Sie blickte die Stufen hinauf und ihr Herz schlug schnell wie vor einer gefährlichen Jagd. Sie drängte ihre Aufregung zurück, ließ in ihren Gedanken nur Platz für einen kleinen, sanften Laut, den sie ständig aufs Neue wiederholte ...  

Felsenspringer erwachte, obwohl er nicht zu sagen wußte, wovon. Bis auf ein paar vereinzelte Vogelstimmen war es still zwischen den Hängen, so still, wie es kurz vor der Dämmerung sein konnte. Felsenspringer stöhnte leise. Sein Kopf fühlte sich an, als wäre eine Steinlawine darauf niedergegangen. Es hämmerte darin, daß es wehtat. Irgendwie war ihm übel. ‚Der Blaubeerwein wird doch nicht schlecht gewesen sein...‘, dachte er sarkastisch, legte sich auf dem Gras unter dem Felsen bequemer hin und versuchte, wieder einzuschlafen. Er war schließlich hundemüde. Aber irgend etwas hielt ihn wach.
... Rim ...
Felsenspringer riß die Augen auf.
Ach, Unsinn. Er träumte.
Er kniff die Augen zu, doch die Unruhe, die dieses leise Wort in sein Inneres gebracht hatte, wollte nicht mehr weichen. Eine Weile lag Felsenspringer noch da, ohne sich zu bewegen, aber er hoffte vergeblich auf den Schlaf. Als es heller wurde und die Vogelstimmen lauter, erhob er sich mühsam und rieb sich die Stirn. So unbequem hatte er lange nicht mehr geschlafen, seine Muskeln ließen ihn das deutlich spüren. Das Hämmern im Kopf war einem dumpfen, tauben Gefühl gewichen, das ihn einhüllte wie Nebel. Seufzend blickte der Bergelf sich um und beschloß, daß eiskaltes Wasser jetzt wahrscheinlich das beste für ihn war. An Schlafen war sowieso nicht mehr zu denken – und in seinem jetzigen Zustand über Felshänge zu klettern war schon beinahe lebensgefährlich.
Zum Glück wußte Felsenspringer einen kleinen Wasserfall gleich um die Ecke. Er schlurfte in die Richtung, blinzelte in das zunehmende Tageslicht und fragte sich mißmutig, womit er das alles eigentlich verdient hatte. Er wollte sein altes Leben zurück – das Leben vor dem ungewollten Erkennen, mit dem er sich nun herumschlagen mußte.
Das Plätschern des Wassers riß den Bergelf aus seinen trüben Gedanken. Er streckte die Hände unter den Wasservorhang, dann den Kopf und zog ihn erst zurück, als das eiskalte Wasser auf seiner Haut zu brennen schien. Er ignorierte die Tropfen auf seiner Kleidung, schüttelte die schulterlangen Haare und atmete tief ein. Jetzt ging es ihm besser!
... Rim! ...
Felsenspringer fluchte. Tatsächlich - sie rief ihn! Er hatte vorhin also doch nicht geträumt, als er glaubte, seinen Seelennamen zu hören. War Schwarzfeuer etwa heraufgekommen oder auf dem Weg zu ihm?
”Ihr Hohen ... ” murmelte Felsenspringer, ließ sich auf den erstbesten Stein sinken und versuchte, Ordnung in sein aufgewühltes Innenleben zu bringen. Er konzentrierte sich auf den Ruf, und bald vernahm er ihn wieder. Weit entfernt und leise, aber eindeutig energisch. Auffordernd. Fast schon befehlend. Er zerrte an ihm wie ein dünnes, straff gespanntes Band, zwickte und zupfte aus der Ferne und ehe Felsenspringer es sich versah, stand er schon wieder auf den Füßen und wäre beinahe nach links hinuntergegangen, Richtung Sanfthands Treppe. Er konnte sich gerade noch zurückhalten.
Ungläubig blickte er abwärts – wie konnte Schwarzfeuers Senden bis hier herauf dringen? Nicht einmal Nachtauge, bei dem diese Fähigkeit am stärksten ausgeprägt war, schaffte es über diese weite Strecke. Oder war sie etwa schon am Schwarzen Felsen, der auf Sanfthands Treppe den Bereich markierte, ab dem man den Versammlungsplatz mittels Senden erreichen konnte?
Felsenspringer fuhr sich mit den Händen durch den braunen Haarschopf. Seine Gedanken schwirrten aufgeregt durcheinander. Er durfte nicht zulassen, daß die Wolfsreiterin den Höhlenberg erreichte – Windfeder sollte sie nicht sehen! Seine Gefährtin war feinfühlig genug, um zu merken, daß sich etwas zwischen ihnen abgespielt hatte.
Es half alles nichts, er mußte ihr entgegengehen, sie aufhalten, irgendwas tun, damit es nicht dazu kam. Und wenn ihm das noch so gegen den Strich ging. Felsenspringer fluchte noch einmal, dann nahm sein Gesicht einen resignierten Ausdruck an, als er sich dem Ruf aus der Ferne überließ, um ihm zu folgen. Er war allerdings gerade erst ein paar Plateaus abwärtsgestiegen, als ihn jemand anrief:
”Hier steckst du also!”
Zwei Raben sprang vom letzten Plateau über ihm herunter. Seine schwarzen Brauen waren mißbilligend zusammengezogen. ”Windfeder machte sich Sorgen, weil du ohne ein Wort der Erklärung fortgeblieben bist!” Er stockte, dann warf er Felsenspringer etwas zu – den leeren Trinkschlauch, den dieser in der Nacht fortgeworfen hatte. Zwei Raben mußte ihn am Morgen aufgelesen haben und seinem Freund dann gefolgt sein. Seine nächsten Worte klangen vorwurfsvoll: ”Ist das jetzt deine Art, mit Problemen umzugehen? Blaubeerwein, bis du umfällst?”
Felsenspringer fiel keine Entgegnung darauf ein. Daran, daß Windfeder und andere sich fragen würden, warum er nicht zurückkam, hatte er gestern nicht einmal mehr gedacht. Er senkte den Blick und bückte sich, um den Lederbeutel aufzuheben. Er roch immer noch nach Blaubeerwein.
”Ich wollte einfach vergessen. An nichts mehr denken müssen, vor allem nicht daran ...”
”Das ist keine Lösung.”
”Weiß ich ...”, seufzte Felsenspringer. ”Am Ende hat man nur einen irrsinnigen Brummschädel.”
”Sieht so aus, als hättest du den auch gerade”, stellte Zwei Raben trocken fest.
”Wenn es nur das wäre...” Felsenspringer schaffte es nicht einmal zu einem schiefen Grinsen. Er blickte sich um, ob außer Zwei Raben niemand in der Nähe war, dann sagte er leise:
”Sie ist hier!”
Zwei Raben zog die Stirn in Falten. Auch er senkte die Stimme: ”Schwarzfeuer? Wo?”
”Keine Ahnung. Aber sie ruft mich und ich kann ... ich kann nicht zulassen, daß sie heraufkommt und Windfeder über den Weg läuft!”
”Ich glaube nicht, daß du ihr irgendwas verbieten kannst, Felsen.” Zwei Raben sah ihn eindringlich an. ”Ich weiß, daß du es nicht gern hörst, aber du mußt ...”
”Ich werde zu ihr runtergehen und sie davon abhalten, herzukommen”, unterbrach ihn Felsenspringer sofort, bevor er das Unvermeidliche aussprechen konnte. ”Könntest du für mich ... ich meine ...”
”Mir eine passende Ausrede für dich einfallen lassen?”
Felsenspringer nickte zögernd. Zwei Raben sah ihn einen Moment lang nachdenklich an.
”Na gut. Aber glaub ja nicht, daß das zur Regel wird. Du weißt, daß ich nicht gern lüge! Ich denk mir was aus, sage oben Bescheid, hol deinen Bogen und warte am Schwarzen Felsen auf dich. Wenn du wiederkommst, werden wir wohl auf die Jagd gehen müssen, eine Alibi-Beute erlegen.”
”Danke. Manchmal weiß ich wirklich nicht, was ich ohne dich machen würde.”
”Ja, das frage ich mich manchmal auch”, seufzte Zwei Raben übertrieben. ”Du schuldest mir was. Nun verschwinde und tu, was du für richtig hältst.” Wer weiß, vielleicht regelte sich die ganze Angelegenheit von selbst, wenn Felsenspringer und Schwarzfeuer sich wieder gegenüberstanden. Aber Zwei Raben hütete sich, das auch nur anzudeuten.
Felsenspringer nickte, insgeheim froh darüber, daß Zwei Raben ihm seine streitsüchtige Stimmung von gestern nicht nachtrug. ”Meine nächste Ration gehört dir”, versprach er, warf Zwei Raben den Trinkschlauch wieder zu und folgte dem nur für ihn hörbaren Ruf, der nicht daran dachte, zu verstummen.  

Schwarzfeuer wußte lange Zeit nicht, ob sie mit ihrem Senden Erfolg hatte. In ihrem Kopf blieb es still, es kam keine Antwort. Hörte Felsenspringer sie nicht oder ignorierte er sie? Es war anstrengend, sich so lange auf dieses kleine Wort zu konzentrieren. Schwarzfeuer war in ihrem Stamm zwar dafür bekannt, daß sie eine besonders ausgeprägte Fähigkeit zum Senden besaß, aber so etwas versuchte sie zum ersten Mal.
Die Sonne stieg höher, erwärmte allmählich die schon herbstlich kühle Luft. Stürmer döste zu Schwarzfeuers Füßen, die plötzlich bemerkte, daß etwas näherkam. Kein Geräusch verriet es, aber dafür ein um so stärker ein Beben in ihrem Inneren, das durch ihren ganzen Körper lief, als wäre eine alte Verbindung erneuert worden.
Felsenspringer kam. Schwarzfeuer fühlte es und gab Stürmer einen  begeisterten Rippenstoß. “Die Beute kommt zum Jäger! Ich habe es geschafft!” Sie bedauerte es nur, daß sie Felsenspringers Gesicht nicht hatte sehen können, als er erkannte, wer ihn da zu sich rief.
Stürmer knurrte ein wölfisches ‘Stör mich nicht, ich schlafe noch!’ und vergrub die Schnauze wieder zwischen den Vorderpfoten. Schwarzfeuer schmunzelte und konzentrierte sich weiter  auf ihren Ruf.

Der Abstieg auf Sanfthands Treppe und die bohrenden Fragen in seinem Kopf hatten Felsenspringers immer noch etwas benebelten Zustand allmählich vertrieben. Noch einmal hatte er unterwegs den Kopf unter einen Wasserfall gehalten, nun war er den Umständen entsprechend fit - und einigermaßen sauer. Wie kam Schwarzfeuer dazu, ihn auf diese Art und Weise durch das halbe Nebelgebirge zu zerren?!
Auch der Bergelf spürte, wie etwas in ihm erzitterte, als er Schwarzfeuers Aufenthaltsort näherkam. Es gelang ihm nicht, das zu verdrängen. Zähneknirschend stieg er Stufe um Stufe abwärts, wäre dabei aber am liebsten umgekehrt und hätte alles vergessen. Endlich erreichte er den Fuß der Treppe, betrat grasbedeckten Waldboden - und sah Schwarzfeuer. Sie hatte an einen Baumstamm gelehnt dagesessen und erhob sich nun, als der Jäger mit verbissener Miene nähertrat.
“Na? Wer ist jetzt stärker?” fragte sie mit einem selbstzufriedenen Grinsen, verschränkte dabei demonstrativ die Arme vor der Brust. “Du hast wohl nicht geglaubt, daß ich dich zwingen kann?”
“Was soll das?!?” fuhr Felsenspringer sie an. Der Spott in ihrer Stimme schürte seinen Ärger nur noch mehr. Ihr schien das ja regelrecht Spaß zu machen. “Hast du nicht gesagt, du läßt dich zu nichts zwingen? Das hindert dich aber wohl nicht daran, das bei anderen zu versuchen!”
Schwarzfeuer ignorierte den zornigen Vorwurf in seiner Stimme, obwohl sie sich eingestand, daß sie an seiner Stelle wahrscheinlich genauso reagiert hätte. “Das fragst du noch, wo du so stur bist wie du groß bist?!” entgegnete sie sofort. “Denkst du wirklich, ich mach das zu meinem Vergnügen?” Gerade, als sie Atem holte, um fortzufahren, mischte sich Stürmer mit einem tiefen, drohenden Grollen ein. Er hatte den Geruch desjenigen erkannt, dem er den Pfeilschuß und die Verletzung verdankte. Glitzernde Augen fixierten den Jäger, der nicht wußte, wie er sich dem Tier gegenüber verhalten sollte - er wollte es ja nicht ein zweites Mal verletzen. Dann sprang der Wolf auf die Füße und wäre wohl auf den Bergelf losgegangen, hätte ihn ein scharfer Befehl von Schwarzfeuer nicht zurückgehalten.
“Stürmer! Laß das! Zurück!”
Stürmers Flanken bebten. Er knurrte noch immer, ließ Felsenspringer nicht aus den Augen. Dem Jäger war das Ganze nicht geheuer. Aber er bezwang sich und blieb reglos stehen, hielt den Blick des Wolfes fest, denn er wollte nicht, daß dieser ihn für schwach hielt.
“Du darfst ihm nicht direkt in die Augen sehen! Damit provozierst du ihn nur”, warnte Schwarzfeuer, um dann langsam auf Stürmer zuzugehen, immer noch beruhigend auf ihn einredend.
“Hör auf, Stürmer! Er tut dir nichts. Und mir tut er auch nichts. Er ist ein Freund.”
Naja, sozusagen. Stürmers Knurren wurde allerdings nur wenig leiser. Erst als Schwarzfeuer begann, ihn zu kraulen und zu streicheln, ließ seine Anspannung nach. Trotzdem blieb sein  Blick weiterhin mißtrauisch auf Felsenspringer gerichtet.
Schwarzfeuer seufzte. So leicht war ihr Wolfsfreund wohl nicht umzustimmen. “Laß uns allein, mein Freund. Ich bin nicht in Gefahr. Geh!” sagte sie mit fester Stimme. Stürmers Blick glitt von ihr zu Felsenspringer und wieder zurück. Dann schüttelte er sich, blaffte kurz, als sei das ganze Spektakel sowieso unter seiner Würde, und verschwand stolz erhobenen Hauptes zwischen den Sträuchern.
“Der war aber grimmig.” Felsenspringer sah dem Wolf nach. “Danke”, sagte er mit einiger Überwindung. Ohne Schwarzfeuers Eingreifen wäre diese Wiederbegegnung wahrscheinlich anders abgelaufen. “Gut zu wissen, daß es deinem Freund wieder besser geht. Auch wenn ich mich ungern von ihm beißen lassen würde.”
“Stürmer ist wohl etwas nachtragender als ich”, antwortete die Wolfsreiterin und hätte dabei beinahe gelächelt.
Als Felsenspringer jedoch schwieg, entstand eine unangenehme Pause.
“Was willst du?” fragte er schließlich.
“Muß ich dir das wirklich erklären?!” Schwarzfeuer hätte ihn am liebsten gepackt und geschüttelt. Sie wechselte ins Senden, vielleicht nahm er dann endlich ernst, was sie sagte: *Es wird uns auffressen, wenn wir uns weiter dem Willen der Hohen verweigern. Timmorns Blut, spürst du es denn nicht selbst?! Ich zumindest tue es! Und wenn du auch meinst, daß es dich noch nicht weiter stört – das wird es, verlaß dich drauf! Ich habe einmal mit ansehen müssen, wohin so etwas führt, bei Elfen aus meinem Stamm. Und ich bin nicht wild darauf, das am eigenen Leib durchzumachen!*
Felsenspringer konnte ihren blitzenden Augen nicht lange standhalten. Er wußte ja, daß sie recht hatte! Es war schleichend gekommen, aber die letzten Tage waren einer schlimmer als der andere gewesen. Die ständige Unruhe, die schlaflosen Nächte, das schmerzhafte Verlangen nach etwas, das er doch weder geben noch annehmen wollte. Und das alles auch noch vor einem ganzen Stamm und seiner Gefährtin zu verbergen ging allmählich über seine Kraft.
“Aber ich kann nicht...”, sagte er ausweichend. “Ich habe schon eine Gefährtin, und das weißt du.”
“In meinem Stamm ist das kein Hindernis, einer Erkenntnis nachzukommen.”
“In meinem schon!” fuhr Felsenspringer sie an, obwohl er damit wohl doch eher für sich selbst als für den Rest der Bergelfen sprach. “Du wärst die Mutter unseres Kindes – und damit meine Gefährtin. Aber ich werde Windfeder ganz bestimmt nicht gegen dich eintauschen!”
“Habe ich das verlangt?!” zischte Schwarzfeuer, in der langsam wieder der Zorn erwachte. “Hast du etwa geglaubt, ich würde bei dir leben wollen?! In diesem Steinhaufen, in dem Stürmer sich die Beine brechen würde? Unser Zuhause ist der Wald, die Jagd, das Rudel!”
“Das Rudel, ja. Ihr und die Wölfe ...” Ein Schauer überlief den Bergelf, als die Erinnerung ihn berührte. “Du trägst ihr Blut in dir. Du denkst wie sie, lebst wie sie. Ich habe es gespürt. Selbst wenn es Windfeder nicht gäbe – wir würden nicht zusammenpassen.”
“Wirfst du mir vor, daß ich bin, was ich bin?” Schwarzfeuer konnte es nicht fassen. “Dann hast du mehr von einem Menschen, als ich je angenommen hätte! Wir Wolfsreiter sind stolz auf die Verbindung zu unseren Brüdern! Unsere Vorfahren hätten ohne sie nicht überlebt. Und ich schätze sie weitaus höher als ein Volk, das vor den Fünffingern auf die Berggipfel flieht!”
“Hör auf, meinen Stamm zu beleidigen! Wir leben in Frieden, ohne uns in Kämpfe zu stürzen oder überfallen zu werden! Und sollte ich jemals ein Kind haben, dann werde ich es ganz sicher nicht in einem Stamm wie deinem aufwachsen lassen!”
Die Stimmen der beiden waren immer lauter geworden und die Spannung zwischen ihnen fast greifbar. Doch als hätten die Hohen beschlossen, die widerspenstigen Fäden noch einmal zu knüpfen, fester, endgültiger, griff es im Moment dieser zornigen Blicke erneut nach ihnen.
Die Umgebung verschwamm vor Schwarzfeuers Augen, wurde unwichtig neben dem schier übermächtigen Verlangen, begleitet von Hilflosigkeit und Resignation, und diesem kleinen Laut, der ihr ganzes Wesen erfüllte.
Gebannt von ihrem Blick war es Felsenspringer unmöglich, sich zu regen. Wie konnte das sein? Jede Faser seines Körpers schrie nach ihr, obwohl er es nicht wollte. Felsenspringer haßte dieses Gefühl - und sehnte sich doch gleichzeitig danach, obwohl er es sich nicht eingestehen wollte. Denn er wollte es mit Windfeder teilen, nicht mit dieser Wolfselfe. Selbst Windfeders Gesicht, das er sich immer zu Hilfe gerufen hatte, wenn der Ruf der Erkenntnis zu stark zu werden drohte, verblaßte, verschwand. Nur noch Schwarzfeuers Augen waren da, groß, tiefgrün wie Walddickicht. Er las in ihnen das gleiche Verlangen, die gleiche schmerzliche Resignation, die er selbst fühlte, stärker vielleicht noch als sie.
Gegen seinen Willen hob sich seine Hand, berührte Schwarzfeuers Gesicht, glitt über ihre Wange, am Hals hinab, über ihre Schulter. Er spürte das Erzittern der Jägerin, dann ihre warme Hand, die nach seiner griff.
*Rim?* Leises, fragendes, bittendes Senden, das die letzten Reste an Widerstand mit der Kraft seines Seelennamens einfach beiseitefegte. Felsenspringer schloß für einen kurzen Moment gequält die Augen, als er spürte, wie er von diesem Sog mitgerissen wurde. Es hatte keinen Sinn, es noch länger hinauszuzögern. Den hatte es nie gehabt. Stumm, ohne auf seinen Seelennamen den ihren zurückzugeben, überließ er sich dem unerwünschten Begehren, als sie einander die Kleider abstreiften und in einer heftigen Umarmung ins Gras sanken.
Die Vereinigung war kurz und leidenschaftslos. Schwarzfeuer spürte die Gleichgültigkeit und den Widerwillen des Jägers nur allzu deutlich. Der Beginn eines neuen Lebens sollte ein Augenblick der Freude sein! Aber Schwarzfeuer empfand nichts dergleichen.
‘Ihr Hohen, warum?’ Ob Sternblüte und Läufer sich auch so leer gefühlt hatten, so betrogen um das, was das Erkennen eigentlich noch ausmachte außer dem reinen Akt der Zeugung?
Schwarzfeuer bezwang sich, bevor ihr wirklich noch Tränen in die Augen stiegen. Das wäre das letzte gewesen: sie, weinend, vor ihm?!?
Schwarzfeuer wagte einen Blick zu Felsenspringer, der neben ihr lag, bewußt oder unbewußt ein Stück von ihr abgerückt war, und sie nicht ansah. Windfeders Gesicht war wieder da in seinem Kopf, und der Bergelf kam sich unter ihrem Blick wie ein Verräter vor.
‘Nein, so habe ich es mir wirklich nicht vorgestellt!’, dachte Schwarzfeuer bitter und wollte den Kopf eben wieder abwenden, als der Jäger den seinen wie unter Zwang zu ihr drehte. In seinen Augen standen genau die gleichen Fragen wie die, die Schwarzfeuer in ihrem Innersten quälten. Wie eine Welle glitten die Empfindungen vom einen zum anderen, und Felsenspringer erkannte betroffen, daß er während der ganzen Zeit fast immer nur an seine eigenen Probleme gedacht hatte und kaum an das, was in Schwarzfeuer vorgehen mochte. Es hatte ihn einfach nicht interessiert. Aber jetzt konnte er sich nicht davor verschließen.
*Es tut mir leid ... du kannst genauso wenig dafür wie ich ... aber mehr kann ich dir nun einmal nicht geben.*
Überrascht spürte Schwarzfeuer das erste Mal so etwas wie Anteilnahme in seinem Senden, und Bedauern, daß es auf diese Art und Weise geschehen war. Und gleichzeitig wieder Wut, die in ihr erwachte. Mehr war sie also nicht wert, ja?!? Aber bevor sie ihm das ins Gesicht schleudern konnte, schloß Schwarzfeuer mit einem inneren Seufzen die Augen. Wieder Streit? Konnte es denn nicht einmal jetzt etwas anderes zwischen ihnen geben?
*Warum nicht? Wir wissen so wenig voneinander, wir haben uns ja nicht einmal die Chance gegeben, einander überhaupt zu verstehen. Warum versuchen wir es nicht endlich?* ‘Wo wir doch nicht mal wissen, wie es weitergeht, wenn wir erst einmal aufgestanden sind’, setzte sie in Gedanken hinzu.
Aber Felsenspringer schüttelte den Kopf. Er wollte Schwarzfeuer nicht in seine Seele blicken lassen. Nicht einmal Windfeder war ihm bisher so nah gewesen. Obwohl es sein größter Wunsch war, hatte sie es immer abgelehnt, ihm ihren Seelennamen zu nennen und seinen anzunehmen. Die Erfahrung, einmal einen Erkenntnisgefährten zu verlieren, hatte eine tiefe Angst in ihr zurückgelassen. Die Angst, wieder jemanden zu verlieren, der ihr so nahestand - und es bis ins kleinste spüren zu müssen. Dabei und - vor allem - danach.
Eigentlich wollte Felsenspringer Schwarzfeuer nicht einmal eine Erklärung dafür geben, aber irgendwie mußte trotz seiner Gegenwehr immer noch eine Verbindung zwischen ihnen bestehen, oder diese Gedanken waren einfach zu intensiv in seinem Kopf. Wie auch immer - die Wolfsreiterin schien sie empfangen zu können. Das aufgebrachte Blitzen in ihren Augen, das seiner Ablehnung gefolgt war, verschwand.
*Ich könnt’s wahrscheinlich auch nicht, wenn ich du wäre...* seufzte sie, und der Jäger merkte erst jetzt, daß er wohl doch mehr gesendet als gedacht hatte. *Das ist noch nicht alles*, setzte er, einer unbestimmten Eingebung folgend, hinzu. *Ihr Gefährte ist gestorben, bevor sie die Erkenntnis vollziehen konnten. Windfeder wird niemals Kinder haben. Und ich weiß, daß sie es niemals wirklich akzeptieren könnte, wenn jemand anderes an ihrer Stelle ... auch wenn sie es versuchen würde. Es würde sie nur unglücklich machen. Weil es nicht das selbe wäre, wenn du ...* Felsenspringer brach ab, aber Schwarzfeuer spürte seine Befürchtungen und kam nicht gegen die Ahnung an, daß er recht damit haben könnte.
*Wie geht es jetzt weiter?*
Felsenspringer war genauso ratlos wie sie. *Wenn ich das wüßte... Das Kind hat doch ein Recht auf uns beide ...*
‘Und was ist mit mir?’, dachte Schwarzfeuer, sprach es aber nicht aus. Es hatte keinen Sinn. Felsenspringer hatte sich schon vor langer Zeit entschieden, mit wem er sein Leben teilen wollte. Sie paßte nicht hinein. Und, wenn Schwarzfeuer ehrlich zu sich selbst war, paßte er auch nicht in ihres. Sie wollte nicht bei seinem Stamm leben, sich vielleicht auf Jahre hinaus das Leben schwermachen mit seiner Geliebten. Wollte nicht geduldet sein nur wegen des Kindes, das in ihr heranwuchs. Und sie brauchte ihren eigenen Stamm - beide, Elfen und Wölfe.
Stumm und in einsames Nachdenken versunken lagen sie nebeneinander, bis sie, von der Erschöpfung der letzten Tage erfüllt, in einen traumlosen Schlaf hinüberdämmerten.

Als Schwarzfeuer erwachte, lagen Dämmerschatten über dem Wald. Der Tag war fast vorbei. Müde wollte sie sich noch einmal an den warmen Körper kuscheln, den sie neben sich spürte. Dann sah sie das braune Haar und blinzelte überrascht. Ohne es zu merken, war der Jäger im Schlaf ganz nah an sie herangerückt und hatte einen Arm um sie geschlungen. Ruhig hob und senkte sich sein Brustkorb und dicht unter ihrer Wange hörte Schwarzfeuer seinen Herzschlag. Ein paar Augenblicke verlor sie sich in dem Gefühl von Geborgenheit, das der Jäger ihr damit gab, ohne es zu wissen.
Aber eigentlich gab er es ja gar nicht ihr, sondern seiner Gefährtin, die oben in den Bergen war und wohl nur in seiner Vorstellung hier neben ihm lag. Dieser Gedanke genügte, um Schwarzfeuers Sinn für die Realität wieder völlig zu wecken. Obwohl sie es fast ein wenig bedauerte ... Aber die Überlegungen vor dem Einschlafen waren noch da, hatten sich nicht verändert. Sie konnte und wollte nicht bei seinem Stamm leben - und er nicht bei ihrem. Aber er besaß trotz seiner Ablehnung dieser Erkenntnis Pflichtbewußtsein und Verantwortungsgefühl genug, um sich Gedanken um das Kind zu machen. Wo sollte es leben, wie sollte es aufwachsen?
Schwarzfeuer drehte sich vorsichtig in Felsenspringers Arm und blickte nachdenklich in sein Gesicht. ‘Du hast schon genug Probleme wegen mir’, dachte sie. ‘Und ich will weder euch noch mich selber unglücklich machen.’
Also gab es wirklich nur die eine Lösung.
Sacht schob die Wolfsreiterin Felsenspringers Arm zur Seite, damit sie freikam, und setzte sich auf. Sie fühlte sich steif vom langen Liegen. Rasch und lautlos schlüpfte sie in ihre Kleider. **Still!** sendete sie Stürmer, der am Rand der Lichtung lag und sie beobachtete hatte. Schwarzfeuer griff nach ihrem Bündel und den Waffen. Ein letztes Mal sah sie auf Felsenspringer herab. Es war besser so, wenn sie ging. Sie wußte, daß er sie nicht so einfach fortlassen würde. Hatte er doch deutlich gesagt, daß er nicht vorhatte, sein Kind - ihren Sohn - bei einem Stamm wie ihrem aufwachsen zu lassen.
Ihr Sohn? Schwarzfeuer konnte es sich nicht erklären, woher sie das jetzt schon so genau sagen konnte. Sie wußte es einfach.
‘Es ist besser für uns alle. Kein Streit mehr, keine endlosen Diskussionen, in denen wir uns doch nicht wirklich einig werden können. Mein Sohn trägt das Erbe der Wolfsreiter in sich. Und wenn er auch keinen Vater haben wird, so wird er bei uns doch niemals ‘unerwünscht’ sein. Du hast wieder deine Gefährtin - und wir unsere Ruhe. Jeder sein eigenes Leben. Fast wie vorher ... Rim.’
Als hätte der Jäger seinen Seelennamen aus ihren Gedanken gehört, regte er sich im Schlaf. Schwarzfeuer hielt den Atem an - aber er erwachte nicht, sondern drehte sich nur herum. Vorsichtig ließ die Wolfsreiterin den angehaltenen Atem entweichen. Sie mußte sich beeilen, damit sie weit genug weg war und er ihr nicht folgen konnte, wenn er munter wurde. Sie riß den Blick von ihm los, huschte zu Stürmer, der sich leise erhob und seine Freundin fragend ansah. **Komm!** befahl Schwarzfeuer ihm, folgte dem Wolf in das Dickicht des Waldes hinein.

Die Luft wurde kühler, je mehr das Licht schwand. Felsenspringer fröstelte, tastete nach seiner Decke, spürte aber nur Grashalme und Erde unter den Fingern. Er schlug die Augen auf, blickte auf zerdrücktes Gras, wo vor kurzem noch jemand gelegen haben mußte, denn es war fast noch ein wenig warm unter seiner Hand.
Schwarzfeuer ...
Wo war sie?
Felsenspringer setzte sich verwirrt auf, sah, daß ihr Bündel fehlte, und die schmale Spur, die zum Waldrand führte.
Sie war gegangen.
„Schwarzfeuer?“ Er rief sie, lauschte, sendete ihren Namen, während er hastig in seine Kleider fuhr und ihrer Spur bis unter die ersten Bäume folgte, wo Nadeln und feste Erde das Gras ablösten und die Fährte verschwand. Er wußte selbst nicht, warum er das tat - sollte er nicht eigentlich froh darüber sein, daß sie fort war?
Aber sie konnte sich doch nicht einfach so ohne ein Wort aus dem Staub machen. Das Kind ... sein Kind! ... verdammt, sie konnte doch nicht ohne ihn entscheiden, daß er damit nichts mehr zu tun haben sollte, und zu ihren Leuten zurückkehren! Er wußte ja nicht einmal wirklich, wo ihr Stamm eigentlich lebte, abgesehen von der Himmelsrichtung und der ungefähren Anzahl an Mondläufen, die ihr „Hain“ von hier entfernt lag.
Wieder sendete Felsenspringer nach ihr, aber es kam keine Antwort. Dabei war Schwarzfeuer längst noch nicht weit genug entfernt, um seine Rufe nicht mehr zu hören. Aber sie biß sich auf die Lippen und schwieg.
Felsenspringer ballte die Fäuste, um sich selbst zu beruhigen. Er hatte es nicht tun wollen, die ganze Zeit über, aber jetzt wußte er sich keinen anderen Rat mehr, sie noch zu erreichen:  **Hi’en, bitte!**  
Schwarzfeuer erzitterte, als sie ihren Seelennamen hörte. Fast hätte sie Stürmer gebeten, anzuhalten. Aber dann schüttelte sie heftig den Kopf und verkrallte die Hände in seinem nachtschwarzen Fell. Aber eine Antwort vielleicht, nur eine kurze ...
**Es ist besser so, Rim. Aber dein Sohn wird wissen, wer sein Vater ist. Leb wohl ...**
Felsenspringers Herz tat einen schmerzhaften Schlag. Sein Sohn.
**Warte! Du kannst doch nicht ...!**
Die Stille dröhnte in Felsenspringers Kopf, als er vergeblich auf eine Reaktion wartete. Er konnte spüren, wie Schwarzfeuer sich immer weiter von ihm entfernte, fast so wie damals, als er Sanfthands Treppe hinaufgestiegen war, wenn auch ungleich schwächer.
Sie schwieg. Und sie kam nicht zurück.
Felsenspringer lehnte sich gegen einen Baumstamm. In seinem Kopf drehte sich alles. Hatte er es sich denn nicht gewünscht, daß Schwarzfeuer aus seinem Leben verschwand? Warum kam es ihm jetzt auf einmal so vor, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen?
Sein Sohn ...
Das hatte er nicht gewollt. Er hatte nicht gewollt, daß sie ihn so aus ihrem Leben und dem Leben ihres gemeinsamen Kindes strich! Vielleicht ... vielleicht hätten sie sich doch irgendwie arrangieren können, er, sie und Windfeder ... wenn sie es gewollt hätten ... vielleicht aber auch nicht.
Aber es war zu spät, das herauszufinden. Felsenspringer starrte in die Dunkelheit, ohne wirklich etwas zu sehen. Es war vorbei. Er hatte es hinter sich gebracht. Er würde einen Sohn haben - und ihn wahrscheinlich nie kennenlernen.
Aber er konnte wieder bei Windfeder sein. Nichts stand mehr zwischen ihnen. Nur seine eigene Erinnerung. Aber die würde Felsenspringer tief in seiner Seele verschließen.
Windfeder sollte nie etwas davon erfahren.

... Ende ...

In der demnächst folgenden Geschichte "Die Lawine" wird es zur Abwechslung mal kalt und eisig ... ;-)
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