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Schwarzfeuer (Bergelfen III)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
09.06.2013
18.06.2013
6
21.967
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09.06.2013 4.163
 
Schwarzfeuer stürmte durch den nächtlichen Wald, ohne einmal anzuhalten. Die Worte des Jägers erfüllten sie mit Zorn. Jetzt immer noch, obwohl sie sich schon weit vom Lager der fremden Elfen entfernt hatte. ”Dann sieh zu, was du davon hast, du Idiot!”, zischte die Wolfsreiterin. ”Dem Erkennen trotzen! Du bist ja verrückt!” Sie sprang über einen Baumstamm, erhaschte aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Unterholz und wirbelte herum. Der wütende Schwung ihrer Würfe nagelte den Erdwühler gleich mit zwei Dolchen gegen den Stamm.
‚Wenigstens dafür hat sich der Weg gelohnt‘, dachte Schwarzfeuer in grimmiger Zufriedenheit, während sie ihre Beute aufnahm, die Dolche reinigte und zurück in die Lederscheiden schob. ‚Stürmer wird Fleisch bekommen. Hoffentlich ist er auf der Lichtung geblieben, ohne Dummheiten zu machen.‘ Sie warf einen finsteren Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war. ... Rim ...
Mit einer heftigen Bewegung wandte sie sich ab und schritt mit erhobenem Kopf weiter. Felsenspringer würde schon sehen, was ihm seine Weigerung einbrachte. Und sie würde stärker sein als er, das schwor sie sich! Sie hoffte es jedenfalls, denn schon jetzt spürte sie wieder die Macht des Rufes, der ihre Seelen aneinander band. Aber sie würde ihm nicht noch einmal hinterherlaufen, um erneut zurückgewiesen zu werden. Schließlich war sie eine Wolfsreiterin! Und Wolfsreiter hatten ihren Stolz!

Am Morgen gab es überraschte Gesichter, als das Lager der fremden Elfe leer und ihre Waffen verschwunden waren. Aber die Bergelfen wunderten sich nicht lange darüber, daß Schwarzfeuer sie ohne ein Wort des Abschieds verlassen hatte. Sie war ihr eigener Herr und konnte tun und lassen, was sie wollte.
Die Jäger und Sammler traten mit ihrer Last den Rückweg zum Berglager an. Zwei Raben bemerkte, daß sein Freund noch immer in sich gekehrt war. Aber Felsenspringer wehrte seine Frage mit einer ausweichenden Antwort ab, und Zwei Raben nahm an, daß er wohl ein paar ähnliche Befürchtungen hegte wie Nachtauge und Eisgänger, über die er nachdachte.
Der Stammesälteste und sein bester Jäger waren heute auch ernster als sonst, aufgewühlt durch Schwarzfeuers Enthüllung, daß es tatsächlich noch Menschen gab, vor denen man sich in Acht nehmen mußte. Beide waren in ein lautloses Gespräch darüber vertieft, ob sie zur Sicherheit Späher in die Wälder aussenden sollten und wie man den Stamm im Notfall schützen könnte. Zu lange hatten sich die Bergelfen nicht um menschliche Feinde sorgen müssen - und Nachtauge wollte sichergehen, daß diese wirklich nicht zu nah am Nebelgebirge lebten.
Aber über so etwas machte sich Felsenspringer keine Gedanken. Die Erinnerung an Schwarzfeuer ließ es nicht zu. Er wollte froh darüber sein, daß sie fort war, aber es gelang ihm nicht so recht. Die Frage, was nun geschehen würde, begann an ihm zu nagen, kaum daß er am Morgen ihre verlassene Lagerstatt erblickte. Und je weiter sie liefen, desto mehr hatte er das seltsame Gefühl, jeden Schritt zu spüren, der ihn von Schwarzfeuer entfernte.
Felsenspringer wußte, was man sich über die Verweigerung einer Erkenntnis in seinem Stamm erzählte. Und er erinnerte sich nur zu gut daran, wie es Windfeder ergangen war, vor vielen Jahresläufen, als ihr Erkenntnispartner ums Leben kam. Aber Windfeder hatte es geschafft, nach Hoykars Tod ein unvollendetes Erkennen zu überwinden.
Warum sollte es ihm nicht auch gelingen?
Als die Sonne ihren höchsten Punkt überschritten hatte, näherten sich die Jäger dem Höhlenberg. Zwei Raben musterte seinen Freund stirnrunzelnd, als dieser mit einem seltsamen Unbehagen zu ihrer Heimstatt blickte.
**Was ist denn los mit dir, Felsen?** konnte er sich nun nicht mehr enthalten zu fragen. **Du hast den ganzen Weg über kaum ein Wort gesagt. Machst du dir Sorgen wegen dem, was diese Wolfsreiterin erzählt hat?**
Felsenspringer wandte den Blick ab und verdrehte die Augen. Mußte das sein, daß Zwei Raben ausgerechnet jetzt auf Schwarzfeuer zu sprechen kam? Wo er doch die ganze Zeit über genauso krampfhaft wie vergeblich versucht hatte, ihr Gesicht, ihre Worte, ihren Seelennamen aus seinem Gedächtnis zu streichen!
**Oder ist es wegen Ari?** forschte Zwei Raben weiter. **Die da oben hüllen sich wirklich in ein geheimnisvolles Schweigen. Was denkst du, ob es schon so weit ist?**
**Keine Ahnung.**
Das war alles, was er aus Felsenspringer herausbekam. Zwei Raben bedachte seinen Freund mit einem nachdenklichen Blick, zuckte dann aber mit den Schultern.
Endlich lag Sanfthands Treppe hinter ihnen. Wie immer hatten sich alle, die im Berglager geblieben waren, auf dem Versammlungsplatz versammelt, um die Jäger zu begrüßen.
”Wird allmählich Zeit, daß ihr kommt! Mein Kleiner will euch kennenlernen und wird langsam ungeduldig!” klang ihnen Aris übermütige Stimme entgegen. Die Gleiterin stand in der Mitte der Wartenden. Aus dem Fellbündel in ihren Armen schaute ein kleiner Kopf mit weichem, hellem Flaumhaar hervor. Aus blaugrauen Augen blickte das Baby auf die Ankömmlinge, als seine Mutter es ein wenig in die Höhe hob. Ari sah etwas müde aus, aber glücklich. Blitz stand neben ihr und ließ kein Auge von seiner Gefährtin und seinem kleinen Sohn, der kaum zwei Tage alt war.
Nachtauges ernste Miene hellte sich auf, als er nähertrat und unter den Glückwünschen der anderen, die an die jungen Eltern gerichtet waren, das jüngste Mitglied des Stammes betrachtete.
”Sein Name ist Yurin”, verkündete Blitz. Seine dunklen Augen strahlten. Ari lehnte sich an ihn und zwinkerte ihm verschmitzt zu. ”Und ich wette, er fliegt mindestens genauso gut wie ich!”
”Was - jetzt schon? Da wirst du aber deine liebe Not haben, ihn wieder einzufangen, wenn er dir mal ausreißt, Blitz!” Felsenspringer grinste. Er freut sich für die zwei, und für den Moment war der Gedanke an Schwarzfeuer wie weggeblasen.
”Du kannst es nicht lassen, was? Warte nur, ich kann immer noch dich losschicken, wenn ich ihn nicht mehr einhole.”
”Genau!” pflichtete Ari Blitz lachend bei und strich dem Baby zärtlich über die Wange. ”Denk dran, Felsen, du bist jetzt Onkel und mußt Vorbild sein!”
”Du liebe Zeit! Meinst du wirklich, das schafft er?”
Felsenspringer gab Zwei Raben für diese Bemerkung einen Rippenstoß. ”Danke, du hast wirklich Vertrauen in mich, mein Freund.”
”Ich kenne dich einfach zu gut”, versetzte Zwei Raben, wieder beruhigt, da es so schien, als habe Felsenspringer seine düsteren Gedanken abgeschüttelt.
Felsenspringer wollte ihm gerade eine gebührende Antwort geben, als sein Blick Windfeder fand, die dem Wortwechsel amüsiert zugehört hatte. Sein Herz schlug heftiger, und er wünschte sich, es hätte diesen verfluchten gestrigen Morgen nie gegeben. Fast hielt er ihren Blick, ihr frohes Lächeln nicht aus. *Ich hab dich vermißt.* hörte er ihr Senden, als sie ihn umarmte. *Ihr wart so lange fort dieses Mal.*
Wortlos hielt er Windfeder fest, wollte ihren Herzschlag, ihre Wärme spüren und die Unruhe vergessen, die in seinem Inneren saß und ihn nicht losließ.
”Du solltest wieder mitkommen, Federchen”, sagte er leise, wagte nicht zu Senden, denn er fürchtete, Windfeder würde ihn spüren können, diesen kleinen Laut, Hi’en ... Er wollte diesen Namen nicht in seinem Kopf! Und noch weniger wollte er, daß seine Gefährtin ihm etwas anmerkte von dem, was geschehen war.
”Das werde ich. Aber du weißt ja, wie hätte ich meine kleine Schwester diesmal alleinlassen können?”

Natürlich gab es am Abend ein Fest. Obwohl die Bergelfen eigentlich immer, wenn sie Lust dazu hatten, einen Grund zum Feiern fanden, war die Geburt eines Kindes einer der besten, den es dafür gab. Aber Nachtauge nutzte das Zusammensein auch, um von der Begegnung mit jener Wolfsreiterin zu berichten. Und dem, was die fremde Elfe über Menschen erzählt hatte. Wie er selbst hatte keiner der Stammesmitglieder jemals einen Menschen, ihre Spuren oder gar ein Lager von ihnen gesehen. Aber alle erinnerten sich an die Legenden, die Warnungen ihrer Vorfahren. Sie waren einer der Gründe dafür gewesen, daß ihr kleiner Stamm sich an den Hängen des Gebirges niedergelassen hatte - weitab von Feinden, die sich in den Ebenen herumtreiben mochten. Und obwohl es einige ernste Gesichter gab und die ausgelassene Feier mehr und mehr den Charakter einer Beratung annahm, glaubten manche der Elfen nicht an eine Gefahr.
”Ich kann mir nicht vorstellen, daß diese Menschen wirklich so gefährlich sind”, mischte sich Shiya Seetänzer in die lebhafte Diskussion ein. ”Ein Tier wird niemals angreifen, solange man es in Ruhe läßt. Es tötet, wenn es Nahrung braucht, und nicht aus Spaß. Und was sind diese Menschen denn anderes als Tiere?”
”Du mußt es ja wissen”, entgegnete Felsenspringer und zog die Augenbrauen zusammen. ”Du hast Schwarzfeuers Senden nicht gehört und gesehen. Diese Geschöpfe hatten eindeutig Freude daran, Elfen niederzuschlagen!” Und Schwarzfeuer wäre nie mit dem Messer auf ihn losgegangen, als sie ihn für einen Menschen hielt, wenn sie diese Wesen nicht wirklich als Bedrohung einschätzte.
”Wir wissen nicht genau, warum zwischen diesen Wolfsreitern und den Menschen solch eine Feindschaft herrscht”, ließ sich Eisgänger vernehmen. ”Aber wir wissen, daß unsere Vorfahren auch vor ihnen auf der Hut waren. Wir sollten sie besser nicht unterschätzen.”
”Mir wäre es lieber, wenn ich sicher wüßte, daß sie weit weg von uns leben”, sagte Ari mit einem besorgten Blick auf den kleinen Yurin, der in ihren Armen schlief. ”Die Gleiter haben manchmal von ihnen gesprochen. Die wußten sie auch lieber so fern von sich wie möglich.”
”Wenn wir uns nicht mit ihnen anlegen, dann haben sie keinen Grund, uns etwas zu tun”, beharrte Seetänzer.
Felsenspringer fand, daß seine friedliche Ader ihm manchmal ganz schön auf die Nerven gehen konnte. Vor allem, wenn er über einen Sachverhalt redete, den er als überzeugter Sammler bestimmt nicht genauso einzuschätzen verstand wie ein Jäger. Es reichte manchmal schon, daß ein Tier sich nur bedroht fühlte, um es angreifen zu lassen. Die wirkliche Absicht desjenigen, der ihm dann in die Quere kam, war dem Tier egal.
”Wir werden uns nicht mit ihnen anlegen.” Nachtauge blickte in die Runde. ”Aber wir müssen wissen, was uns erwartet. Ob uns etwas erwartet. Viel zu lange haben wir in dem Glauben gelebt, es seinen nur Legenden. Was, wenn diese Legenden plötzlich zum Leben erwachen?”
”Habt ihr sie nicht gefragt, wo diese Menschen genau leben?” wollte Blitz wissen.
”Das haben wir - und wir wissen auch einiges. Die Richtung, die Entfernung ... Schwarzfeuer sprach von mehreren Mondwechseln. Aber ich möchte sichergehen, daß dem Stamm keine Gefahr droht. Wir werden wie immer zuerst die Vorräte aus dem Waldlager heraufholen. Danach entscheide ich alles weitere. Wahrscheinlich werde ich noch vor dem Winter Spähtrupps in die Vorgebirgswälder senden.”
”Warum habt ihr diese Wolfsreiterin nicht eingeladen, zu uns heraufzukommen?” Luchsohr sah neugierig aus. ”Ich wüßte zu gern mehr über sie und ihren Stamm - und ihre Verbindung zu den Wölfen.”
”Sie war verschwunden, als wir am Morgen erwachten, wir wissen auch nicht, warum”, erklärte Nachtauge bedauernd. ”Sie wollte wohl keine Gesellschaft.”
Felsenspringer hätte ihm darauf eine Antwort geben können, aber er hütete sich, auch nur eine Miene zu verziehen. Ihr Seelenname sang bei der Erinnerung an Schwarzfeuer nur noch stärker in seinem Kopf. Kurz sah er Windfeder an, fand auch in ihrem Blick verhaltene Besorgnis und einen Funken Neugier, der jener Fremden galt, von der sie sich nur aus dem Senden der Stammesgefährten ein Bild machen konnte.
”Warum sie wohl allein unterwegs war - so weit entfernt von ihrem Stamm?”, fragte sie ihn flüsternd.
”Davon hat sie nicht gesprochen”, antwortete Felsenspringer leise, während er seine Gefährtin gedankenverloren an sich zog. Er hatte keine Lust, über Schwarzfeuers Beweggründe nachzugrübeln. Aber es dauerte noch ein paar Fragen lang, bis Windfeders Neugier über diese unerwartete Begegnung mit einem weiteren fremden Elfenvolk gestillt war.

Laut und fordernd hallte das Schreien des Säuglings durch die Nacht. Windfeder schmunzelte, als es plötzlich abbrach - offenbar hatte der kleine Yurin bekommen, nach was er verlangte. Sie schmiegte sich eng an ihren Gefährten, der ihr zärtlich durch das Haar strich. ”Es ist lange her, daß es bei uns Kinder gab”, sagte sie leise, und der sehnsuchtsvolle Unterton in diesem Satz entging Felsenspringer nicht. ”Alle sind glücklich über den Kleinen. Kinder sind so selten ...”
”Ich dachte, du freust dich auch für Ari?”
”Das tue ich ja.” Windfeder seufzte kaum hörbar. ”Ich gönne es ihr und Blitz von ganzem Herzen, aber ...” Aber zu wissen, daß es ihr niemals möglich sein würde, Mutter zu werden, tat einfach weh. Sie sprach es nicht aus, das tat sie fast nie, aber Felsenspringer kannte sie gut genug, um das zu erahnen, was sie nicht sagte.
”Du bist für mich wichtiger als alles andere. Auch wenn wir kein Kind haben werden.”
”Wir nicht. Aber du ... Irgendwann wirst du jemanden erkennen, Felsen. Und dann ...” Resignation klang in Windfeders Worten mit, bei denen Felsenspringer ein Schauer über den Rücken lief. Fest preßte er die Kiefern aufeinander und war froh, daß sie in diesem Moment sein Gesicht nicht sah. Es wäre ihm unmöglich gewesen, ihr in die Augen zu blicken. Wenn Windfeder wüßte, wie nah sie mit diesem Satz dem wirklichen Geschehen gekommen war! Aber sie wußte es nicht, konnte es auch gar nicht wissen - solange er es nicht preisgab. Und das würde er nicht tun, niemals!
”Es ist nicht sicher, daß ich jemals erkennen werde”, entgegnete er abwehrend und lauter als beabsichtigt. ”Schau dir Klinge an, der ist schon mehrere hundert Jahresläufe alt und ihm ist es bisher auch nicht passiert!”
”Ja, aber es ist immer noch möglich, oder?”
Felsenspringer suchte fieberhaft nach etwas, das Windfeders Befürchtungen zerstreute, aber seine Gedanken kamen von diesem Thema nicht los, und so fand er nur eine kleine Episode, bei der er damals ins Schmunzeln gekommen war - auch wenn sie seine Gefährtin wohl nicht wirklich ablenken würde. Aber er mußte irgend etwas sagen, und ihm fiel nichts anderes ein.
”Weißt du, was Ari einmal zu mir gesagt hat, als sie noch kleiner war? Wenn sie alt genug dafür wäre, dann würde sie einfach mich erkennen, und dann wäre das genauso ihr Kind wie deins, weil du ihre Schwester und ihre beste Freundin bist und wir dann alle drei eine Familie seien.”
”Das hat sie sich ganz schön einfach vorgestellt, was?” Windfeder drehte sich herum und Felsenspringer sah, daß ein liebevolles, aber auch etwas trauriges Lächeln auf ihrem Gesicht lag. ”Ich glaube, sie wäre die einzige gewesen, auf die ich nicht eifersüchtig sein könnte ...”
Sanft berührte ein Finger ihre Lippen, ließ sie den Satz nicht zu Ende führen. *Egal, was passiert, ich werde dich nie allein lassen!* Wenn er sich nicht schon längst entschlossen hätte, dann hätte Felsenspringer es spätestens in diesem Moment getan. Ein Kind der Erkenntnis von Schwarzfeuer? Die Wolfsreiterin womöglich sogar als seine Gefährtin? Das ging einfach nicht.
*Ich weiß. Und eigentlich will ich über so etwas überhaupt nicht nachdenken.* Windfeder hob eine Augenbraue, reckte plötzlich den Kopf und küßte ihn stürmisch. Als wolle sie sich selbst mit aller Macht aus diesen trübsinnigen Gedanken reißen, fügte sie neckend hinzu: *Du bist mir nun einmal hoffnungslos verfallen - oder?*
*Wie könnte ich da widersprechen?* Felsenspringer mußte sich nicht einmal zum Lachen zwingen, so erleichtert war er, daß Windfeder endlich vom Thema Erkennen abkam. Zärtlich erwiderte er ihren Kuß und spürte, wie das Verlangen in ihnen erwachte. Hände und Lippen, die die Haut des anderen berührten, sanft erst, dann immer fordernder. Doch das Singen dieses kleinen Wortes hing selbst zwischen der leidenschaftlichsten Umarmung und ließ Felsenspringer keinen Frieden finden. Auch später nicht, als Windfeder längst in seinen Armen eingeschlafen war. In ihrer Nähe suchte er Schutz vor dem, was ihn von ihr forttreiben wollte, aber es gelang ihm nicht. Felsenspringer lauschte Windfeders ruhigem Atmen und starrte noch lange Zeit in die Dunkelheit.

”Verdammt, Felsen, was ist denn nur los mit dir?” Kopfschüttelnd kletterte Zwei Raben aus seinem Versteck und beobachtete seinen Freund, der ihm den Rücken kehrte und mit einer wütenden Bewegungen den Pfeil aus dem kurzen Gras des Hochplateaus klaubte. Das Klappern flinker Hufe auf Felsgestein entfernte sich immer weiter. ”Diese Gemse konnte man doch gar nicht verfehlen!”
”Ach, laß mich in Ruhe! Jeder schießt mal daneben!”, knurrte Felsenspringer, als er sich aufrichtete und ihrer fliehenden Beute nachsah.
”Mal? In letzter Zeit triffst du fast nie, falls dir das noch nicht aufgefallen sein sollte. Ohne die Fallen wären wir schon ein paar Mal mit leeren Händen nach Hause gekommen. Was ist los?”
”Nichts!” entgegnete Felsenspringer verbissen und steckte den Pfeil in den Köcher zurück. Er verstand ja, daß Zwei Raben verärgert war, aber er hatte keine Lust, zu diskutieren. Nicht darüber! ”Laß uns die Herde suchen.”
Aber Zwei Raben rührte sich nicht vom Fleck. Aufmerksam sah er seinen Freund an, der nach kurzer Zeit seinem Blick auswich und die Arme vor der Brust verschränkte. ”Was soll das denn jetzt? Wenn wir hier noch länger rumstehen, dann sind sie wirklich über alle Berge!” sagte er unfreundlich und befürchtete zu Recht, daß Zwei Raben sich diesmal nicht ablenken lassen würde.
”Das ist mir heute ziemlich egal.” Zwei Raben sah eher besorgt und nachdenklich als ärgerlich aus. ”Ich erkenne dich in letzter Zeit kaum wieder. Du bist ständig gereizt, man kann ja kaum noch normal mit dir reden. Als ob dir alles egal wäre. Und von drei Schüssen gehen dir mindestens zwei daneben. So unkonzentriert warst du noch nie. - Hast du Streit mit Windfeder?”
”Also wirklich, du hast vielleicht Phantasie! Und ich habe keine Lust, mich von dir ausfragen zu lassen!”
Felsenspringers Miene war eine Mauer aus Abwehr. Es kostete ihn schon genug Mühe, vor Windfeder zu überspielen, was in ihm vorging. Für alle anderen hatte er inzwischen immer weniger Kraft - und die Konzentration schon gar nicht.
Wenn Felsenspringers Worte Zwei Raben verletzt hatten, dann ließ er es sich nicht anmerken. ”So langsam mache ich mir Sorgen um dich. Seit wir von der Herbstjagd zurück sind geht das schon so mit dir. Und jetzt sag mir nicht, daß du dir immer noch Gedanken machst wegen dem, was diese Wolfsreiterin erzählt hat ... Die Späher sind schon seit ein paar Tagen zurück und wir wissen jetzt, daß es im Umkreis nicht eine Spur von Menschen gibt.”
Als Zwei Raben Schwarzfeuer erwähnte, zuckte Felsenspringer zusammen. Sein Blick wurde noch etwas finsterer und Zwei Raben, der ihn keine Sekunde aus den Augen ließ, stutzte. Eine Ahnung stieg in ihm auf. ”Jetzt beiß mich doch einer - das ganze hat nichts mit dem zu tun, was sie gesagt hat, sondern mit ihr! Ich wundere mich schon die ganze Zeit, warum du jedesmal, wenn irgendwo ihr Name fällt, für einen Moment so aussiehst, als wolltest du demjenigen den Mund verbieten oder auf und davonlaufen.”
Felsenspringer schluckte hart. War es ihm wirklich so leicht anzusehen, daß er mit aller Macht dagegen ankämpfte, an diese Elfe erinnert zu werden, und sei es auch noch so flüchtig? Offenbar beobachtete ihn sein Freund wirklich schon eine ganze Weile. ”Ich möchte mal wissen, wie du auf so einen Unsinn kommst?!” versuchte er Zwei Raben zu widersprechen, aber der war sich sicher, auf der richtigen Fährte zu sein.
”Komm schon, mir kannst du nichts vormachen. Irgend etwas ist doch passiert! Weißt du etwas von ihr, das wir nicht wissen? Oder ...” Zwei Raben stockte, einem Verdacht auf der Spur, den er eigentlich sofort wieder zurückwies, aber dann fuhr er doch fort: ”Oder habt ihr ... ich meine ...”
”Nein, haben wir nicht!” fauchte Felsenspringer, ohne darüber nachzudenken, was er da gerade sagte. ”Noch nicht ... Und dabei wird es auch bleiben!” Als er Zwei Rabens ungläubig-fragendem Blick begegnete, fluchte er tonlos, ließ sich auf einen Stein sinken und vergrub den Kopf in den Händen. Hätte er doch bloß seine Zunge im Zaum gehalten! Jetzt war es zwecklos, sich noch eine Ausrede einfallen zu lassen. Ganz abgesehen davon, daß er das inzwischen mehr als leid war.
Zwei Raben war ein wenig erschrocken über diese Reaktion und die Hilflosigkeit, die darin zum Ausdruck kam. Er wartete darauf, daß Felsenspringer noch etwas sagte, aber der schwieg und sah ihn auch nicht an, als Zwei Raben sich zu ihm setzte.
”Willst du reden?” fragte er leise.
‘Eigentlich nicht!’, dachte Felsenspringer und wußte doch, daß er dieses Versteckspiel langsam nicht mehr aushielt und sich wünschte, irgend jemand würde ihm einen Rat geben, wie er mit dieser verdammten Situation klarkommen könnte. Er trug sein Geheimnis nun schon so lange mit sich herum, daß es ihn innerlich fast zerriß.
”Schwarzfeuer und ich ... wir haben uns erkannt.”
Sein Satz klang wie ein Stoßseufzer. Gleich darauf hob Felsenspringer mit einem Ruck den Kopf und sah Zwei Raben scharf an. ”Aber glaub ja nicht, daß ich mich darüber freue! Ich nicht und sie auch nicht!”
”Moment, Moment!” Zwei Raben brauchte ein paar Sekunden, um das zu verarbeiten, was er gerade gehört hatte. ”Willst du jetzt damit sagen, ihr habt euch erkannt, aber ihr weigert euch, das zu akzeptieren?”
”Richtig! Und ich habe nicht vor, das zu ändern!”
Zwei Raben schaute seinen Freund ungläubig an. ”Bist du verrückt?! Du weißt doch ganz genau, daß das nicht geht!”
”Niemand weiß es genau”, korrigierte Felsenspringer sofort. ”Alle sagen es, ja. Aber es haben auch alle gesagt, Menschen sind nur noch Legenden, oder? Windfeder hat es auch überstanden.”
”Weil Hoykar tot war.” Kopfschüttelnd sah Zwei Raben den Jüngeren an. Er konnte sich einfach nicht vorstellen, daß er das ernst meinte. Das war einfach gegen jede Regel und Überzeugung. ”Aber auch an ihr ist es nicht spurlos vorübergegangen! Willst du dir selber so etwas antun? Und die Wolfsreiterin - was ist mit ihr?”
”Das interessiert mich nicht!” Ich habe genug mit mir selber zu tun, als mich nun auch noch mit ihr zu befassen, setzte Felsenspringer den Satz in Gedanken fort. Zumindest schob er solche Überlegungen immer weit von sich.
”Wann ist es passiert?” fragte Zwei Raben, um erst einmal Klarheit in die ganze Sache zu  bekommen. ”Weiß Windfeder davon?”
Nein, wahrscheinlich nicht, beantwortete der Jäger die Frage im selben Moment für sich, als Felsenspringer knapp den Kopf schüttelte. ”Und sie wird auch niemals etwas davon erfahren!” Das, was da in seinen Augen lag, war beinahe eine Drohung.
Zwei Raben erwiderte den Blick mit leicht zusammengezogenen Brauen. ”Es hätte auch gereicht, wenn du mich darum bittest”, sagte er ruhig.
Felsenspringer senkte den Blick und fuhr sich verlegen durch das braune Haar. ”Tut mir leid”, murmelte er. ”Langsam weiß ich selber nicht mehr, was ich machen soll. Ich hasse es, auch nur daran denken zu müssen!” Einige Sekunden lang schwieg er, aber dann konnte er doch nicht anders, als Zwei Raben zu erzählen, was sich zugetragen hatte.
Eine Zeitlang blieb sein Freund stumm und drehte den Pfeil, den er nicht verschossen hatte, nachdenklich zwischen den Fingern. ”Ihr macht es euch beide nicht gerade leicht”, sagte er dann. ”Was aber nichts an der Tatsache ändert. Es wird euch innerlich auffressen, wenn ihr euch dagegen sträubt!”
Felsenspringer erhob sich mit einem Ruck, ging ein paar Schritte fort und drehte sich wieder um. ”Deiner Meinung nach soll ich also zu Windfeder gehen und ihr sagen: Ich habe eine Elfe erkannt, die nicht einmal zu unserem Stamm gehört, sie wird jetzt meine Gefährtin sein und wir beide werden ein Kind haben?!” Er war fast genauso aufgebracht wie vor seiner Erzählung. ”Kannst du dir vorstellen, was in Windfeder vor sich gehen würde, wenn Schwarzfeuer hier im Lager wäre?! Abgesehen davon, daß ich das genausowenig will! Und Schwarzfeuer, sie ist ... anders ... sie hat etwas an sich, das nicht hierhergehört, nicht zu uns, nicht in unseren Stamm!” Felsenspringer wußte selbst nicht, wie er es beschreiben sollte, dieses eigenartige Gefühl, als ihre Seelen einander berührten. Manchmal schien sie mehr Wolf als Elf zu sein - aber wie sollte er das Zwei Raben erklären?
”Also jetzt redest du Unsinn.” Zwei Raben schüttelte den Kopf. ”Ich mag ja die Vorstellung auch nicht besonders, daß sie mit einem Wolf durch die Gegend zieht, aber auch wenn sie nicht zu unserem Stamm gehört - sie ist von unserer Art! Und denk mal daran, daß Windfeder sich nichts mehr wünscht als ein eigenes Kind. Vielleicht verstehen sie sich besser als du denkst, und wenn sie es gemeinsam aufziehen...”
”...bleibt es immer noch Schwarzfeuers Kind und nicht ihres, das wird sie nicht vergessen können! Verdammt, Zwei Raben, du willst es nicht verstehen! Windfeder wird sich immer davon ausgeschlossen fühlen! Das kann ich ihr nicht antun!” Felsenspringer begriff nicht, wie sein Freund ernsthaft von ihm erwarten konnte, daß er sich auf diese Erkenntnis einließ.
”Und was willst du dann machen?” Zwei Rabens Stimme wurde auch lauter. ”Dich weiter stur stellen? Es wird dir keine Ruhe lassen, ganz egal, was du davon hältst! Und außerdem geht es dabei nicht nur um dich, sondern auch um Schwarzfeuer.”
”Auf so einen Rat kann ich verzichten!” Felsenspringer griff nach seinem Bogen, den er ins Gras gelegt hatte, und fixierte Zwei Raben mit einem mehr als verärgerten Blick. ”Und ganz egal, was du davon hältst - die Sache bleibt unter uns! Kein Wort davon zu Windfeder!”
”Ach, tu doch was du willst!” knurrte Zwei Raben und sah Felsenspringer mit offenem Mund nach, als dieser sich brüsk umdrehte und ohne ein weiteres Wort das Plateau verließ. So gereizt und aufbrausend benahm er sich schon die ganzen letzten Tage, und das paßte überhaupt nicht zu ihm. Sonst war Felsenspringer doch wenigstens bereit, über das nachzudenken, was man zu ihm sagte, auch wenn es ihm im ersten Moment nicht gefiel.
Zwei Raben holte tief Atem und beschloß, Felsenspringer für den Rest des Tages aus dem Weg zu gehen - der sollte sich erstmal beruhigen! Zwei Raben hatte keine Lust, sich noch einmal in diesem Ton anfahren zu lassen.
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