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Schwarzfeuer (Bergelfen III)

von SilviaK
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
09.06.2013
18.06.2013
6
21.967
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09.06.2013 3.408
 
Als sie das Baumrund betraten, huschte Schwarzfeuers Blick aufmerksam umher. Gut geschützt lag es - ein Versteck, aber bei einem Angriff auch eine Falle, da es in dem Dickicht nur eine Lücke zur Flucht gab. Sie entdeckte die Eingänge zu zwei Höhlen im Erdboden - offenbar Lagerräume oder ein Unterschlupf für Regentage. Ihr war nicht wohl bei dem Gedanken, von allen Seiten im Erdreich eingeschlossen schlafen oder leben zu müssen.
Schwarzfeuer hob den Blick und sah in acht und sechs weitere neugierige Gesichter. Sie konnte nichts gegen das Gefühl des Unbehagens tun, das sie ergriff. Alle Elfen dieses Stammes waren größer als sie - groß wie Menschen. Und älter! Sie wußte nicht, um wie viele Jahreswechsel, aber sie fühlte es, wenn sie in ihre Augen sah. Kein Wolfsreiter, den sie kannte, war älter als einige hundert Sommer geworden! Unter ihren Blicken fühlte Schwarzfeuer sich plötzlich fast wie ein Kind.
Der Anführer lehnte seinen Speer an einen Baum, blickte in die Runde und stellte den überraschend aufgetauchten Gast vor. Schwarzfeuer ärgerte sich über ihre Befangenheit, war aber froh, daß Felsenspringer neben ihr stehengeblieben war, obwohl er schwieg und sich in seiner Haut auch nicht besonders wohl zu fühlen schien.
”Komm, setz dich doch!” Die Elfe, die Schwarzfeuer entdeckt hatte, als sie vom Fluß zurückkam, lächelte und zog die Wolfsreiterin einfach mit ans Feuer. ”Bist du hungrig?”, fragte sie, auf das Reh über dem Flammen deutend.
Schwarzfeuer starrte es an. Der Geruch verursachte ihr Übelkeit. Wie konnten sie nur ...?!
”Davon rühre ich nichts an. Ihr verbrennt es ja! Wie die Menschen!”
Die Worte waren schärfer herausgekommen, als Schwarzfeuer es beabsichtigt hatte. In einigen Gesichtern las sie Befremden.
”Eßt ihr es etwa roh?”, fragte jemand verblüfft.
”Natürlich”, antwortete Schwarzfeuer selbstbewußt. Allmählich verschwand ihre Unsicherheit. Ihr Blick streifte Felsenspringer - auch er hatte die Stirn gerunzelt. Plötzlich schien es, als gäbe er sich einen winzigen Ruck.
”Das nenne ich praktisch - man spart die Kocherei”, sagte er mit einem Grinsen, das ein bißchen gezwungen wirkte, aber das fiel nur Schwarzfeuer auf.
”Sowas kannst auch nur du von dir geben”, ließ sich eine Elfe mit hochgesteckten blonden Locken vernehmen, die bei seiner Bemerkung die Augen verdreht hatte.
”Oh, Felsen, du kannst dir gern etwas Ungebratenes aus der Vorratshöhle holen”, stichelte ein anderer, dessen Augen amüsiert aufblitzten.
”Nein - danke!”, entgegnete der Jäger ungerührt. Die Elfen am Feuer schmunzelten, und Schwarzfeuer spürte, daß die leichte Anspannung, die nach ihren Worten über der Runde gelegen hatte, wieder verflog.
”Jeder, wie er es mag”, sagte Nachtauge. Sein Angebot, etwas von dem erlegten, bisher nicht gebratenen Wild anzunehmen, lehnte Schwarzfeuer dankend ab. Irgendwie hatte sie immer noch keinen Hunger.

Felsenspringer war froh, daß Schwarzfeuer neben Nachtauge Platz nahm. Er wußte nicht, wie er sich ihr gegenüber verhalten sollte - hier im Kreis seiner Stammesgefährten, die nicht ahnten, was zwischen ihnen geschehen war. Und die, wenn es nach ihm ging, auch nie etwas davon erfahren sollten!
Ohne großen Appetit aß er ein paar Bissen von dem Fleisch, das Blaustern ihm reichte. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Schwarzfeuer. Obwohl sie sich Nachtauge zugewandt hatte, schien es ihm, als würde auch sie ihn verstohlen im Blick behalten.
*Wolfsreiter!*, vernahm er plötzlich das mißbilligende Senden von Zwei Raben, der neben ihm saß. *Das würde mir ja noch fehlen - so ein Biest freiwillig näher als eine Speerlänge an mich heranzulassen! Ob es ihr Wolf war, der dir heute früh über den Weg gelaufen ist? Ein Glück, daß du ihn verfehlt hast. Möchte nicht wissen, was sie sonst mit dir angestellt hätte.*
*Ich stell’ es mir lieber auch nicht vor.* Felsenspringer warf seinem Freund einen raschen Seitenblick zu. Wenn er wüßte ... *Deinen Winterpelz können wir vergessen.*
*Schade.* Zwei Raben zog ein betrübtes Gesicht.
Felsenspringer schlug ihm tröstend auf die Schulter und fragte sich, wie lange er vor ihm und den anderen so würde tun können, als sei alles wie immer.

Schwarzfeuer entspannte sich ein wenig - soweit die seltsam beunruhigende Nähe zu Felsenspringer es zuließ. Unauffällig musterte sie die Elfen am Feuer. Es waren einige Pärchen da-runter, aber Felsenspringers Gefährtin schien nicht hier zu sein. Der Jäger saß allein zwischen dem Schwarzhaarigen und seinem Vater, der, wie sie inzwischen wußte, den Namen Eisgänger trug.
Endlich überwand sie sich. *Wir müssen reden!*, sendete sie Felsenspringer.
*Später*, antwortete er, ohne in ihre Richtung zu sehen.
*Sie ist nicht hier, oder?*
Felsenspringers Blick zuckte kurz zu der Elfe mit den blonden Locken hinüber. *Nein.*
Dann starrte er in die Flammen.
Schwarzfeuer hätte ihn gern gefragt, was diese Elfe damit zu tun hatte - war sie mit seiner Gefährtin verwandt oder gar ihre Tochter? Aber die Bergelfen, die ihr Mahl beendet hatten, begannen nun, ihre Neugier über den Gast in Fragen zu kleiden, und lenkten sie ab.
”Nun überfallt sie nicht alle auf einmal”, mischte sich Nachtauge ein, der Schwarzfeuer ansah, daß sie nicht wußte, wem sie zuerst antworten sollte. ”Der Abend ist noch lang, und vielleicht möchte sie erst einmal selbst erfahren, welchem Stamm sie da begegnet ist.” Er lächelte bei seinen Worten. ”Wenn du möchtest, dann zeige ich dir, wo wir leben.”
”Gern”, nickte Schwarzfeuer, deren Neugier allmählich erwachte. Sie schloß die Augen, um sich besser auf die Bilder konzentrieren zu können, die Nachtauge ihr sandte.
Er führte sie eine Flanke des Großen Gebirges hinauf, an dessen Fuß sie gerade lagerten, auf einem seltsamen, steilen Weg, der wie eine Baumrindentreppe aussah, aber aus totem Gestein geformt war. Ein Berggipfel erschien über dem Hangwald, in dessen Fels Wohnhöhlen geformt waren - wie in den Vaterbaum.
Schwarzfeuer lächelte leicht, als in Nachtauges Erinnerungen ein paar Elfen auftauchten, deren Gesichter sie wiedererkannte. Aber die rauhe Umgebung war ihr fremd. Das Grün der Blätter um sie und über ihr fehlte, die Bäume, die hier wuchsen, trugen meist Nadeln und wurden längst nicht so groß und mächtig wie in ihrer Heimat. Sie vermißte den Atem und die Gerüche des Waldes. Zu weit war der Blick über die fernen Gipfel und Grate. Schwarzfeuer kam sich seltsam verloren und ungeschützt in dieser Bergwelt vor.
‚Sie wohnen im Stein wie die Trolle‘, dachte sie, ein wenig abgestoßen von dieser Vorstellung. Sie spürte lieber die lebendige Rinde eines Baumes als kalten Fels. Aber das Leben dieses Stammes schien friedlich zu sein – und frei von Menschen.
Sie öffnete die Augen und nickte dem Anführer dankend zu. ”Eure Heimat unterscheidet sich doch sehr von meiner”, sagte sie leise.
Der Elf mit den kurzen, schwarzen Haaren, der neben Felsenspringer saß, beugte sich vor. Aufmerksam sah er sie an. ”Woher kommst du? Und was sind das für seltsame Waffen, die du trägst?” Er wies auf die Wurfdolche, die an ihren Unterschenkeln befestigt waren. ”Gehst du damit etwa auf die Jagd?”
In Felsenspringers Gesicht zuckte es amüsiert – er wußte, wie sie damit umzugehen verstand. Schwarzfeuer jedoch blieb ernst. ”Zuweilen auch das. Aber ich verteidige mich auch damit. Gegen Menschen.”
Alle Blicke richteten sich auf die Fremde. Einen Moment lang herrschte ungläubiges Schweigen. Dann runzelte Wildbach, die Wasserträgerin, die Stirn. ”Menschen – das sind doch nur noch Legenden”, warf sie ein wenig unsicher ein.
”Ach ja?” Schwarzfeuer maß sie mit einem scharfen Blick. ”Nur, weil ihr keine mehr gesehen habt, heißt es noch lange nicht, daß es keine mehr gibt! Dankt den Hohen, daß ihr abgeschieden genug lebt, um die Fünffinger nicht kennenzulernen! So unvorsichtig, wie ihr seid, hätten sie euch im Handumdrehen...”
”Unvorsichtig?”, wiederholte Nachtauge.
”Ich roch das Feuer und das Fleisch schon von weitem und hörte euch. Ihr habt nicht einmal Wachen!”
”Warum auch? Der Wald ist sicher”, wiederholte Felsenspringer, was er schon einmal zu ihr gesagt hatte. ”Und sollte es Raubtiere geben – die wagen sich an ein Feuer nicht heran.”
”Von den Menschen haben wir seit unzähligen Zeitenwechseln weder Spuren noch sie selbst gesehen”, erklärte Nachtauge. ”Der einzige Feind, den unser Stamm hat, ist der Winter.”
”Dann hoffe ich für euch, daß das so bleibt. Denn wir leben ständig in der Gefahr, mit den Fünffingern aneinander zu geraten.”
”Warum zieht ihr dann nicht fort?”
”Fortziehen?!” Schwarzfeuer blickte Nachtauge entrüstet an. ”Ihr würdet das tun an unserer Stelle? Nein, wir geben unseren Hain nicht auf!”
”Lieber akzeptiert ihr Kampf und Tod?”, fragte Felsenspringer ungläubig.
”Und ernennt Wölfe zu euren Verbündeten?”, brummte sein Nachbar. ”Ausgerechnet Wölfe!” Schwarzfeuer hörte es genau, sollte es wohl auch hören.
”Hast du etwas gegen Wölfe?”, fragte sie gefährlich freundlich und bedauerte, daß Stürmer nicht bei ihr war, um diesen Elf ein wenig Respekt zu lehren.
”Nur, wenn sie etwas zu wild danach sind, mir die Kehle durchzubeißen, wie der letzte, den ich traf!”
”Dann wirst du ihn wohl gereizt haben”, erwiderte Schwarzfeuer mit selbstsicherer Gelassenheit. ”Auch wenn ihr älter seid als alle in meinem Stamm – vom Umgang mit Wölfen versteht ihr wenig!”
”Du urteilst immer sofort, was?”, fragte Felsenspringer scharf. ”Vielleicht solltest du Zwei Raben erst einmal anhören!”
Schwarzfeuer, die es nicht dulden wollte, daß irgend jemand schlecht über Wölfe redete, warf ihm einen unfreundlichen Blick zu. Fast war sie versucht, sich ein wenig über seine Urteilskraft auszulassen, was das Verständnis von Wölfen betraf. Aber dann mußte sie an ihr Erwachen am Mittag denken – und ihre eigene unüberlegte Reaktion dabei – und preßte die Lippen aufeinander.
”Wenn das nächste Mal ein ausgehungerter Wolf unsere Bergziegen anfällt und mich dazu, dann soll ich ihn wohl gewähren lassen?”, fragte Zwei Raben ungehalten.
Nachtauges Senden ermahnte ihn und Felsenspringer, keinen Streit zu beginnen. Dann wandte der Anführer sich an Schwarzfeuer: ”Es ist wohl wahr, daß wir mit der Lebensweise dieser Tiere nicht so gut vertraut sind. In unseren Bergen trifft man sie fast nie. Genausowenig kennen wir die Gründe, die das Leben deines Stammes bestimmen. Aber vielleicht kannst du uns etwas darüber erzählen?”
Die ruhige Art des Stammesältesten verfehlte ihre Wirkung nicht. Einige der Bergelfen, die während des Wortwechsels die Stirn gerunzelt hatten, nickten Schwarzfeuer nun zu. Felsenspringer schien noch gespannter als die anderen zu sein, und zu ihrem Erstaunen las die Wolfsreiterin auch in Zwei Rabens Miene verhaltenes Interesse. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, schloß sie die Augen und band die Bergelfen in ein offenes Senden ein.

Felsenspringer erzitterte, als er die geistige Berührung spürte - zu sehr erinnerte sie ihn an das, was ihm am Morgen widerfahren war. Ein Bild tauchte in seinen Gedanken auf: ein Hain ungewöhnlich starker, dicker Bäume, von Magie in seltsame Formen gezwungen. Ein Riese von einem Baum ragte in ihrer Mitte auf - Vaterbaum hörte er den Namen, den Schwarzfeuers Stamm ihm gegeben hatte. Ein Former hatte Höhlen in ihn gegraben, gemütliche Baumnester, in denen die fremden Elfen lebten.
Das es so etwas gab - Former, die lebende Pflanzen umgestalten konnten! Windfeder hätte an diesen Bildern ihre helle Freude gehabt und alles darüber wissen wollen. Wie froh war Felsenspringer, daß sie bei Ari und Blitz im Berglager geblieben war, deren erstes Kind in diesen Tagen auf die Welt kommen sollte. Sie und Schwarzfeuer und den Ruf des Erkennens - das hätte er nicht ertragen können.
Ein vielstimmiges Heulen klang durch die Nacht - und es kam nicht nur aus Tierkehlen! Auf den Ruf der Elfen eilten Wölfe herbei, begrüßten sie spielerisch, ließen sich kraulen und duldeten es, daß die Elfen aufsaßen, um auf ihren Rücken zu reiten. Mit fasziniertem Staunen beobachtete Felsenspringer diese ungewöhnlichen Verbündeten. *Seit Anbeginn, als die Hohen in diese Welt kamen, sind die Wölfe die Brüder unseres Stammes. Wir lernten die Jagd von ihnen, und den Kampf um das Überleben. Sie sind mehr als Freunde. Sie sind ein Teil von uns*, erklärte Schwarzfeuer im Senden.
Felsenspringers Hände schlossen sich zu Fäusten, als er - wohl als einziger von allen - begriff, was Schwarzfeuer damit wirklich meinte. Er hatte es gespürt im Moment des Erkennens und es nicht wahrhaben wollen. Er weigerte sich immer noch, schob diesen Gedanken weit von sich, richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf die Bilder, die folgten.
Menschen!
Der Bergelf erstarrte beim Anblick der grobschlächtigen Gestalten, die, Legenden entsprungen, plötzlich vor seinem inneren Auge zum Leben erwachten. Groß, zornig und voller Haß. Einen Moment lang fragte er sich, ob sie wirklich so waren oder ob er nur betrachtete, was Schwarzfeuer und ihre Stammesgefährten in ihnen sahen. Aber diese Frage verschwand, als Bruchstücke eines Kampfes erschienen, Speere im Flug, heftiger Schmerz, ein höhnisch lachendes Menschengesicht, fünffingrige Hände, die Keulen hielten und auf eine schmale, gekrümmte Gestalt einschlugen, die sich schon nicht mehr regte. Hilfloser Zorn erfaßte den Jäger - er konnte nur zusehen, nichts weiter.

Schwarzfeuer unterbrach das Senden, blickte in entsetzte, fassungslose Gesichter. Nachtauges Miene sah aus wie erstarrt. ”Ich wollte euch nicht erschrecken”, flüsterte sie, selbst noch unter dem Eindruck der eigenen Bilder stehend. ”Aber ... aber so sind sie. Wir - die meisten von uns - halten uns fern von ihnen. Doch wir wissen uns auch zu wehren, wenn sie den Kampf suchen! Und wir lassen niemanden in ihrer Gewalt - sollte er noch leben.”
Ihre Stimme zitterte, von einer Erinnerung gestreift. Wildbach, die ihr zur Rechten saß, ergriff spontan ihre Hand. Schwarzfeuer zuckte bei der unerwarteten Berührung leicht zusammen, schüttelte den Kopf und reckte sich mit einem tiefen Atemzug. ”Trotzdem würden wir unseren Hain nie aufgeben”, sagte sie fest, sah dann zu Zwei Raben hinüber. ”Und ohne unsere Wolfsfreunde wäre mancher Kampf anders ausgegangen.”
”Mag sein”, brummte der Schwarzhaarige. ”Aber ich ziehe es trotzdem vor, ihnen fern zu bleiben!”
Felsenspringer verstand die Wolfsreiterin. Das Bild der Lichtung im Rund mächtiger Bäume, zwischen deren Stämmen Glühwürmchen tanzten, stand ihm deutlich vor Augen. Dieser Hain besaß eine Aura von Alter und seltsamer Unberührtheit - und war in Schwarzfeuers Erinnerung von der gleiche Wärme begleitet wie in seiner das Berglager. Welche Kraft es diese Elfen kosten mußte, und welche Wachsamkeit, immer zur Verteidigung bereit und dennoch in ihrem Leben auch glücklich sein zu können?
Nachtauge ließ langsam den angehaltenen Atem entweichen. Seine Augen waren ernst, er wechselte einen Blick mit Eisgänger, seinem besten Jäger, der ebenfalls beunruhigt aussah. ”Ihr habt kein leichtes Leben, scheint mir”, sagte der Älteste. ”Und wir, befürchte ich, haben uns zu sehr darauf verlassen, daß das, was fern ist, auch fern bleibt. Wie nah sind sie diesem Ort hier? Droht uns Gefahr?”
”Sie sind nicht nah”, versuchte Schwarzfeuer, die Besorgnis des Anführers zu dämpfen. ”Ich bin mehrere Mondwechsel durch den Wald gezogen und habe nur in den ersten Tagen ihre Spuren gesehen. Aber ich war vorsichtig - auch als der Wald sicher zu sein schien.”
Aber die Heiterkeit, die Nachtauge bisher empfunden hatte, war verschwunden. Er winkte Eisgänger zu sich, um auch seine Gedanken anzuhören.
Schwarzfeuers Senden wirkte nach. Nur langsam wich der Schreck aus den Gesichtern. Leise - und manche auch lautlos - tauschten die Bergelfen sich über das Gesehene aus.
Schwarzfeuer verschloß die Erinnerungen wieder tief in sich. Was half es, über Dinge zu grübeln, die man nicht ändern konnte und die das Leben im Jetzt erschwerten?
Manches mußte man akzeptieren, wie es kam, ganz egal, was daraus entstehen mochte.
Weil man keine andere Wahl hatte.
Sie blickte verstohlen zu Felsenspringer hinüber. Seine Miene war undurchdringlich. Schweigend starrte er in die Flammen des Feuers, während sich seine Stammesgefährten ringsum mit gedämpften Stimmen unterhielten. Zwei Raben musterte ihn einen Moment lang fragend und nachdenklich. Diese Verschlossenheit war er von ihm nicht gewohnt.
”Laßt uns langsam zur Ruhe gehen”, sagte Nachtauge schließlich. ”Der Weg hinauf wird morgen für uns alle anstrengend genug.” Sein Blick fand Schwarzfeuer. ”Du kannst gern die Nacht in unserem Lager verbringen, wenn du möchtest.”
Schwarzfeuer gelang es gerade noch so, ihre Überraschung zu verbergen. ”Ihr geht zurück?”, fragte sie. Ihr Blick huschte ein wenig erschrocken zu Felsenspringer.
”Ja. Das war unser letzter Aufenthalt hier für diesen Herbst. Mit dem, was wir morgen hinauftragen, sind unsere Vorratshöhlen gut gefüllt.”
Felsenspringer war bei Nachtauges Worten leicht zusammengezuckt. Er hatte gar nicht mehr daran gedacht, daß es schon so bald zurück zum Berglager gehen würde. Unbehagen ergriff ihn. Er würde eher entscheiden müssen als angenommen. Er hob den Kopf und begegnete Schwarzfeuers dunkelgrünen Augen. Wieder erklang ihr Senden in seinen Gedanken, diesmal eindringlich und bittend: *Wir müssen reden!*
*Ich ... ja.* Das mußten sie wohl.
*Ich verlasse das Lager, wenn sie schlafen*, teilte Schwarzfeuer ihm rasch mit, bevor sie Nachtauge mit einem Lächeln dankte. ”Wenn es euch recht ist, dann bleibe ich.”

Die regelmäßigen Atemzüge der Schlafenden waren die einzigen Geräusche, die an Felsenspringers Ohr drangen. Er hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrte die Kiefernzweige an, die der Wind hoch über ihm sacht bewegte. Er spürte keine Müdigkeit. Seine Gedanken ließen ihm keine Ruhe.
Die Elfen lagerten im Freien, noch waren die Nächte warm genug dafür. Felsenspringer regte sich nicht, als sein Blick eine Bewegung wahrnahm. Schwarzfeuer schlug ihre Decke zurück, erhob sich lautlos.
*Ich warte am Fluß.*
Wie ein Schatten huschte sie aus dem Baumrund. Als Felsenspringer sah, daß alles ruhig blieb, folgte er ihr.
Schwarzfeuer saß am Ufer des Flusses und lauschte dem Wasser zwischen den Steinen. Sie erhob sich, als der Jäger nähertrat. Felsenspringer spürte die Spannung, die immer noch zwischen ihnen hing.
”Schön, daß du mal nicht mit Messern nach mir wirfst”, versuchte er zu scherzen.
Schwarzfeuer ging nicht darauf ein. ”Wolltest du einfach so verschwinden?”, fragte sie mit hörbarem Vorwurf in der Stimme. ”Wärst du mit ihnen hinaufgestiegen, wenn ich euch nicht gefolgt wäre?” Sie sah, wie der Jäger überrascht zu einer Erwiderung ansetzte, ließ ihn aber gar nicht zu Wort kommen: ”Du kannst es nicht verleugnen! Niemand kann das!”
Ihre endgültig klingenden Sätze verwandelten Felsenspringers Willen, irgendwie eine Lösung für diese Situation zu finden, sofort wieder in Abwehr.
”So?”, fragte er gedehnt. ”Kann ich nicht? Und wenn ich es doch tue? Zwingst du mich dann dazu?”
”Vielleicht könnte ich es ja”, erwiderte Schwarzfeuer, gereizt von seinem spöttischen Lächeln. *Immerhin kenne ich deinen Seelennamen - Rim!*
Felsenspringer erstarrte, kämpfte die Gefühle nieder, die dieser kleine Laut in ihm auslöste. Sein Blick war hart und voller Zorn, als er Schwarzfeuer heftig am Arm packte.
”Ich will nicht, daß du meinen Seelennamen noch einmal aussprichst!”, zischte er. ”Und du kannst mir nicht drohen, Wolfsreiterin. Mich zwingt auch niemand zu etwas, das ich nicht will. Du am allerwenigsten!”
Schwarzfeuer entwand sich mit einer raschen Bewegung und rieb sich das schmerzende Handgelenk. Finster erwiderte sie den bohrenden Blick des Jägers. Sie hatte nicht darüber nachgedacht, als sie seinen Seelennamen sagte. Sie hatte Felsenspringer einfach aus der Fassung bringen wollen - und das war ihr gelungen.
”Dann geh doch zurück zu deiner Liebsten”, erwiderte Schwarzfeuer, nun ihrerseits mit einem höhnischen Unterton. ”Ich weiß, was passiert, wenn jemand sich dem Erkennen verweigert. Du wirst es nicht lange aushalten, du Großmaul. Nicht einmal sie wird dich davon abhalten können, diesem Ruf zu folgen.”
”Du weißt nicht, wie stur ich sein kann, wenn ich will.” Felsenspringer verschränkte die Arme vor der Brust. ”Ich liebe meine Gefährtin. Und ich werde nichts tun, was sie verletzt, Erkennen hin oder her. Für dich empfinde ich nicht mehr als du für mich - nämlich gar nichts.”
”Woher willst du wissen, was ich fühle?!” Schwarzfeuer konnte ihren Zorn nur noch mühsam zurückhalten. ”Na schön - wenn du es so haben willst? Ich verschwinde von hier!” Sie drehte sich auf dem Absatz um, schlich ins Lager zurück, nahm ihren Bogen an sich und verließ das Baumrund, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Felsenspringer hielt sie nicht zurück. Regungslos stand er am Fluß und starrte in die Dunkelheit, voller Erleichterung darüber, daß die Wolfsreiterin so plötzlich aus seinem Leben verschwand, wie sie darin aufgetaucht war.

Schwarzfeuer stürmte durch den nächtlichen Wald, ohne einmal anzuhalten. Die Worte des Jägers erfüllten sie mit Zorn. Jetzt immer noch, obwohl sie sich schon weit vom Lager der fremden Elfen entfernt hatte. ”Dann sieh zu, was du davon hast, du Idiot!”, zischte die Wolfsreiterin. ”Dem Erkennen trotzen! Du bist ja verrückt!” Sie sprang über einen Baumstamm, erhaschte aus den Augenwinkeln eine Bewegung im Unterholz und wirbelte herum. Der wütende Schwung ihrer Würfe nagelte den Erdwühler gleich mit zwei Dolchen gegen den Stamm.
‚Wenigstens dafür hat sich der Weg gelohnt‘, dachte Schwarzfeuer in grimmiger Zufriedenheit, während sie ihre Beute aufnahm, die Dolche reinigte und zurück in die Lederscheiden schob. ‚Stürmer wird Fleisch bekommen. Hoffentlich ist er auf der Lichtung geblieben, ohne Dummheiten zu machen.‘ Sie warf einen finsteren Blick in die Richtung, aus der sie gekommen war. ... Rim ...
Mit einer heftigen Bewegung wandte sie sich ab und schritt mit erhobenem Kopf weiter. Felsenspringer würde schon sehen, was ihm seine Weigerung einbrachte. Und sie würde stärker sein als er, das schwor sie sich! Sie hoffte es jedenfalls, denn schon jetzt spürte sie wieder die Macht des Rufes, der ihre Seelen aneinander band. Aber sie würde ihm nicht noch einmal hinterherlaufen, um erneut zurückgewiesen zu werden. Schließlich war sie eine Wolfsreiterin! Und Wolfsreiter hatten ihren Stolz!
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