Tsubaki

von mimi-maus
KurzgeschichteHumor, Fantasy / P12
Gestaltwandler
09.06.2013
09.06.2013
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Tsubaki



„Hast du schon den Flecken an ihrem Bauch gesehen? Es sieht aus, wie ein… Ach, keine Ahnung  was!“ „Zeig mal her.“ Die Frau, die mich bis eben festgehalten hat, gibt mich an das junge Mädchen, ich schätze, sie ist etwa 15 Jahre alt, weiter. „Er sieht aus wie eine Blume, genauer wie eine Kamelie. Im Schulgarten wachsen solche.“ Blöde Klugscheißerin. Mädchen wie sie kann ich so überhaupt nicht ausstehen. „Und? Wie willst du sie nennen, Flora?“, fragt die Frau, während die Klugscheißerin, die offenbar Flora heißt, mich in ein plüschiges Hundekörbchen stopft. „Mal sehen. Sie wird einen blumigen Namen bekommen, damit sie perfekt zu mir passt und natürlich auch meinen Namen ergänzt.“ Meine Güte, wie ist die denn drauf? Sie ist durchweg gruselig, als wäre sie gerade einem Horrorfilm entsprungen, indem… Ach, was weiß ich, eine Superrasse-Zombies Jagd auf Aliens macht. Oder so ähnlich. Ich kenne mich mit Horrorfilmen nicht so gut aus, sei’s drum. „Wie findest du ,Fauna‘?“ „Mama, der ist nicht blumig!“ „Okay, dann eben,… lass mich nachdenken, wie steht’s mit ,Lilian‘?“ „Nein, der passt auch nicht so gut. Wie findest du den Namen ,Tsubaki‘?“ „Keine Ahnung, was ist das für ein Name, den kenne ich nicht!“  Ich dafür umso besser, so heiße ich nämlich wirklich, was ich den dummen Gänsen aber nicht auf die Nase binden werde. Wobei, ,Gans‘ klingt echt lecker, Gänsefleisch ist so köstlich. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. „ ,Tsubaki‘ bedeutet  ‚Kamelienblüte‘, das passt doch gut zu ihrer Fellfärbung.“ „Klugscheißerin“, lacht die Frau und drückt ihrer Tochter einen Kuss ins Haar. Habe ich doch gewusst, dass sie eine blöde, fiese und hinterhältige Klugscheißerin ist. Aber vielleicht sollte ich mein Maul nicht zu weit aufreißen, vielleicht gibt es ja Gans oder Hühnchen zum Mittagessen, dann würde ich alles zurücknehmen. Jedenfalls fast alles. „Mama, vielleicht sollte Tsubaki mal etwas fressen!“ Oh ja, super Idee, die beste, die sie bisher gehabt hatte. „Stimmt. Sie muss total hungrig sein, nach der langen Autofahrt.“ Wie jetzt, ich bin Auto gefahren und habe nichts davon mitbekommen? Ehrlich, da hätten sie mich ruhig wecken können, den fehlenden Schlaf würde ich dann jetzt nachholen. Ob das diese Flora stören würde, juckt mich kein bisschen. Die Frau betätigt ein Glöckchen. „Jean, bringen Sie bitte das Futter für Tsubaki!“ Menno, muss die gleich so losbrüllen? Hat sie keinen Respekt vor meinen empfindlichen Ohren? Am liebsten würde ich sie jetzt so richtig löwenmäßig anbrüllen, doch alles was ich zusammenbekomme, ist ein klägliches Maunzen. Was habe ich denn da für einen Frosch in der Kehle? „Bitte schön, die Damen, das Futter für die Katze.“ Was ist denn das für ein schräger Typ, der sieht aus wie ein Pinguin. Reden tut der auch so merkwürdig, als stünde er vor einer königlichen Hoheit. Sind diese schrägen Kreaturen etwa adelig, ich hoffe mal nicht, bei den Manieren! Das wäre ja eine Schande für die Gesellschaft. „Schau mal, Tsubaki, das ist alles für dich!“ Flora hebt mich aus dem Hundekörbchen, also wirklich, ich bin eine Katze, da will ich auch ein Katzenkörbchen; und setzt mich vor einen vollgefüllten Fressnapf. Neugierig schnuppere ich daran. Igitt, da riecht ja selbst Hundekot besser, von dem Zeug fresse ich garantiert nichts, aber wenn sie es so toll finden, können sie es ja selbst essen! Ich springe von dem Tisch, auf dem ich abgesetzt worden bin und untersuche das Zimmer, wenn ich Glück habe, finde ich hier irgendwo ein Schlupfloch zum Entwischen. Hier halte ich es keine 24 Stunden aus, garantiert. Zur Abwechslung habe ich wirklich Glück, die Tür zum Balkon steht sperrangelweit, Moment mal, wo sind eigentlich die Türflügel, auf. Zielstrebig halte ich darauf zu. „Halt, da darfst du nicht hin, Tsubaki, das ist viel zu gefährlich für so kleine Katzen wie dich!“, ruft Flora ängstlich. Ich, kleines Kätzchen? Was denkt sie eigentlich, wer sie ist, hä? Wenn ich will, kann ich jede Katzenart der Welt verkörpern, was meinem Freund besonders an mir gefällt, gleich nach meiner unschlagbaren Niedlichkeit, Frechheit und ähm,  wahrscheinlich auch meinem Aussehen. Ähem . Jedenfalls gelange ich mit einem für meinen kleinen Körper recht großen Sprung auf den Balkon, bevor diese dämlichen Menschen die Türen zumachen, wie dämlich. Zu gerne würde ich ihnen gehässig zuwinken, aber stattdessen wähle ich den Sprung vom Balkon, freien Fall finde ich einfach toll. Dann flitze ich durch den Garten zur Straße. Bäh, ein Tor versperrt mir den Weg, allerdings könnte ich mich durchzwängen, breit genug sind die Abstände zwischen den Stäben ja. Es klappt. Juhu, endlich bin ich frei, ein tolles Gefühl! Bevor die Menschen aus dem Haus kommen, nehme ich meine menschliche Gestalt an, jedenfalls fast menschlich, ich habe immer noch meinen Katzenschwanz und meine Katzenohren, die ich unter einer weiten Mütze mit Schirm verberge.  Die Ohren, nicht den Schwanz, den kann ich nicht verstecken. Mal überlegen, wo war ich von Gaara, meinem Freund, getrennt worden? Irgendwo an einem breiten Fluss, über den eine einzige Brücke führt, die nicht von Autos befahren wird. Nur wo ist sie? Hier ist auch niemand, den ich fragen könnte. „Hey, Sie!“, reißt mich jemand aus meinen. „Haben Sie ein orange-farbendes Kätzchen gesehen?“ Ich drehe mich um, während ich mir eine meiner feuerroten Haarsträhne aus dem Gesicht streiche. „Ein Kätzchen? Nee, hier ist keines entlanggelaufen“, antworte ich dem ordentlich gekleideten Mann. „Mal eine andere Frage, gibt es hier eine Brücke, die für Autos verboten ist?“ „Ja, im Industriegebiet, etwa 50 Minuten zu Fuß von hier.“ „Ah, danke.“ Ich will schon losgehen, aber der Mann sagt noch was. „Hübsche Tattoovierung. Was für eine Blume ist das, ich kenne sie nicht!“ Ah, muss ich mich mit solchen Fragen aufhalten, ich hab es eilig, ich will zu Gaara! Trotzdem antworte ich höflich: „Das ist eine Kamelie, die wachsen in Japan.“ „Vielen Dank für die Auskunft, das werde ich mir merken!“ Wieso starrt der mich so merkwürdig an? „Soll ich Sie fahren?“ Eigentlich würde ich gerne mit einem Auto fahren, aber das würde mich anderseits auch wieder aufhalten oder, wenn es hochkommt, zu peinlichen Fragen führen, zum Beispiel, was ich denn im Industriegebiet wolle. „Vielen Dank, aber ich muss ablehnen. In welcher Richtung geht es zum Industriegebiet, ich habe es wirklich eilig.“ „Einfach die Straße hinunter zur Hauptstraße, dort müssen Sie dann links abbiegen und der Straße bis zum Ende folgen, da ist die Brücke, die Straßenführung für die Autos macht dort eine Biegung.“ „Vielen Dank.“ Ich renne los. Unterwegs werde ich von allen Leuten, denen ich begegne, angestarrt. Was haben die bloß, ist mein Katzenschwanz so auffällig? In weniger als den angegebenen 50 Minuten habe ich die Brücke erreicht. Gaara lehnt am Geländer, den Blick auf das trübe Wasser im Fluss gerichtet, das braune Haar wird vom fast schon sturmartigen Wind zerzaust. Langsam gehe ich zu ihm. „Hey!“ „Da bist du ja wieder!“ „Vielen Dank, dass du dir Sorgen gemacht hast.“ Er sieht mich an. „Ich brauche mir keine Sorgen zu machen, ich wusste, dass du wieder herfindest.“ „Miau.“  Leise lächelnd nimmt er mir die Kappe vom Kopf und krault mich zärtlich zwischen den Ohren.  „Braves Kätzchen.“ Ich ergreife seine Hand, ziehe Gaara von der Brücke auf den Sonnenuntergang zu. „Wundervoll, oder?“ „Ja, aber auf unserer Reise werden wir noch viele magische Momente erleben.“ „Sag mal, warum starren mich die Menschen eigentlich immer an, sehe ich so merkwürdig aus?“ „Nun ja, du bist recht knapp bekleidet, mit nur dieser extrem kurzen Hose und dem mehr als bauchfreien Top.“ Wir lachen. „Eines verspreche ich dir, Gaara: Uns wird ab heute niemand, wirklich niemand, mehr trennen.“ Mit eben diesen Worten wandelt sich dieser merkwürdige Tag, der auch irgendwie lustig war, in eine sternenklare Nacht.
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