Warum Segeltuch immer die Lösung ist

von Roheryn
KurzgeschichteAllgemein / P12
07.06.2013
07.06.2013
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Warum Segeltuch immer die Lösung ist


Disclaimer: Mir gehört nichts an dieser Geschichte, die Charaktere gehören Tolkien, ebenso Mittelerde.

Kurzbeschreibung: Der Krieg des Zornes ist geschlagen, die Drachen vom Himmel gefallen und Morgoth gefangen. Doch davon sind nicht alle Wunden geheilt, das Land geht dennoch unter. Vom langen Weg in den „sicheren“ Osten.

Hier haben wir meinen dritten Beitrag zum Projekt Das Alter schlägt zu, was bedeutet, dass ich mir einen der Gegenstände selbst raussuchen durfte, ohne ihn von der Liste zu nehmen


Frei gewähltes Wort: Feder

Listenworte: Segeltuch

Waffenrock


Ort: Ruinen

Danke DeepSilence
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Warum Segeltuch immer die Lösung ist



Es schien vorbei zu sein, er sah keine weiteren Drachen mehr, doch seine Adler waren verstreut.
Sofern sie noch lebten, einige konnte er auf dem Boden erspähen, mit versengten Flügeln und gebrochenen Gliedern, blutenden Wunden und auf andere Arten entstellt und zerbrochen. Niemand, der ihre Körper nun sah, hätte sie mit den mächtigen Wesen, die sie eigentlich waren, in Verbindung gebracht.
 Herren der Lüfte, freie und mächtige Adler... gefährlich, aber hilfsbereit. Mächtige Kämpfer, auch gegen die Drachenbrut, der sie eigentlich unterlegen waren. Sie hatten kein Feuer, über das sie verfügen konnte, keine harten Schuppen, an denen Krallen nicht einmal eine Spur hinterließen. Sie hatten weiche und empfindliche Federn und auch keine langen Fangzähne, sondern einen Schnabel, der zwar scharf, aber mehr auch nicht war.
 Thorondor kreiste noch einmal und sah bedrückt auf das Feld unter sich. Sein Volk war in diesem Krieg des Zornes stark geschrumpft, er hatte viele Freunde und Verwandte verloren. Adler, die er kannte, seit sie aus ihren Eiern geschlüpft waren. Dazu seine Nestgefährtin, er hatte gesehen, wie ein Drache sie gepackt hatte. Der Drache war tot, dafür hatte er gesorgt und dann hatte er  neben ihr gesessen, während das Leben sie verließ, denn der Aufprall hatte sie nicht getötet.
 Er war müde, wie er es noch nie zuvor gewesen war und sein Leben kannte viele Anstrengungen.
 Dort unten lagen auch Elben, Menschen, neben den Drachen und Adlern und die Kreaturen, die Morgoth auf dem Boden ausgeschickt hatte. Dann bemerkte der König der Adler eine Bewegung. Jemand stand taumelnd auf, nur um wieder umzufallen, es war ein Elb, eindeutig, und einer, dem es nicht gut ging, dass konnte er nicht übersehen.
 Für einen Moment zögerte der müde Adler, er wusste, dass die Überlebenden seines Volkes nun in den Osten flogen, solange sie noch die Möglichkeit hatten, auf dem Weg zu rasten. Langsam ließ er sich hinuntersinken, er landete neben dem Elben, der sich nun zum wiederholten Male auf die Beine kämpfte.
 „Auf meinen Rücken mit dir“, wies er an, er war zu erschöpft, um sich mit Höflichkeiten zu plagen. Als er aber bemerkte, dass dem Elb die Kraft fehlte, legte er sich hin. Thorondor wollte ihn nicht in seinen Klauen tragen, diese waren von den Kämpfen mit den Drachen gezeichnet. Immerhin besaß der Zweibeiner genug Verstand, um nicht mit ihm diskutieren zu wollen, sondern zog sich mühsam auf den großen Rücken des Adlers. Erst als dieser sicher war, dass der Andere sicher saß, erhob er sich wieder.
 „Danke“, murmelte es auf einmal und der Adler hätte beinahe seinen Kopf geschüttelt. Elben! Immer sprachen sie ihren Dank aus, dabei hatte niemand etwas davon.
 „Schon gut... ruh dich aus“, erklärte er, während er an den Himmel emporstieg. Seine Schwingen protestierten, doch danach ging er nicht. Er wollte weg von diesem Ort des Jammers, besonders, da die Schlacht endlich geschlagen war. Morgoth war gefangen genommen worden, sein Gezücht gefallen.

Einige Stunden vergingen, während des Fluges gab der Elb auf seinem Rücken keinen Ton von sich.  Er hoffte nur, dass der Zweibeiner nicht auf seinem Rücken gestorben war. Zwar hatte er schon Tote getragen, doch das war nichts, was er gerne tat. Es war schlimm genug Blut von den Federn zu bekommen, Verwesungsgeruch war noch hartnäckiger. Nur im Moment würde es eigentlich keinen Unterschied mehr machen, er stank, so wie das Schlachtfeld gestunken hatte.
 Langsam hatte er auch begonnen, sich zu fragen, warum er den Zweibeiner mitgenommen hatte. Aber er hatte noch nie wegsehen können, wenn andere litten. Deswegen hatte er so oft eingegriffen. Viele sagten, dass Manwe ihn dann geschickt hatte, doch was wäre ihm neu, er hatte jedes Mal frei gehandelt. Da war er sich sicher, er war niemandem zur Treue verpflichtet. In Freundschaft vielleicht, aber das war es auch schon wieder.
 Thorondor ließ sich in die Tiefe hinab sinken, seine Schwingen ächzten und die Ruinen, die er nun anpeilte, schienen ein vernünftiger Rastplatz zu sein, besonders da er den Zweibeiner bei sich hatte, der noch empfindlicher als ein Küken war. Er hatte damit gerechnet, dass er ganz besonders vorsichtig sein musste, als er landete, doch der Zweibeiner hatte sich wohl etwas gefangen und lag nicht länger wie ein nasser Sack auf seinem Rücken. Das machte alles etwas einfacher.
 Als er auf dem Boden aufkam, kreischte er auf, seine Klauen schmerzten, schlimmer, als er es in der Luft wahrgenommen hatte, doch da hatte sie auch der Wind gekühlt. Dann senkte er sich auf den Boden, damit der Elb von seinem Rücken klettern konnte.
 Nun hatte er zum ersten Mal Gelegenheit, diesen zu betrachten, der Zweibeiner kam ihm irgendwie bekannt vor. Doch konnte er ihn nicht einordnen. Wichtiger war, dass der Elb noch lebte, auch wenn er ausgezehrt aussah.
 „Du musst selbst nach deinen Wunden sehen, ich bin nicht wirklich geeignet“, erklärte Thorondor und betrachtete den Zweibeiner weiterhin.
 „Ich... denke, mir fehlt nichts, was die Zeit nicht wieder richten würde“, murmelte der Elb, allerdings rollte er sich mehr oder weniger auf dem Boden zusammen.
 Zögerlich hob Thorondor seinen Flügel an und erlaubte dem Elben sich darunter zu legen, wo er es warm haben würde. Es konnte nicht schaden.

So verging die Nacht, als die Sonne wieder an den Himmel kletterte öffnete Thorondor seine Augen und streckte seinen einen Flügel vorsichtig. Den anderen hielt er ruhig, da sich darunter noch der Elb befand. Zwar spürte der große Adler den Atem des Zweibeiners an seinem Bauch, aber sonst regte dieser sich nicht.
 Er musste daran denken, wie es gewesen war seine Küken unter dem Flügel gehabt zu haben, lange war es her, dass es zuletzt der Fall gewesen war, aber ein unbeschreibliches Gefühl. Die kleinen Körper, die schlagenden Herzen und alles, er hatte es geliebt seine Kleinen groß zu ziehen, doch nun war es wohl vorbei.
 Thorondor fragte sich, wie viele seiner Küken überlebt hatten und wie viele er wohl verloren hatte, sicher alle waren lange erwachsen gewesen, doch für ihn würden sie immer seine Kleinen bleiben.
 Die Sonne stieg höher und höher am Himmel und irgendwann regte sich der Elb, der unter den Schwingen des Adlers lag. Behutsam hob Thorondor seinen Flügel und ermöglichte es seinem Findling sich zu bewegen. Der Elb stand allerdings nicht auf, er setzte sich nur behutsam hin. Sein Blick ruhte auf Thorondor.
 Lange sagte keiner der beiden etwas, der Greifvogel begann damit sein Gefieder notdürftig zu putzen, es musste sein, auch wenn es nicht ausreichen würde, was er nun machen konnte. Auf einmal hielt er inne, etwas war ihm in die scharfen Augen gestochen.
 Seine Federn sahen anders aus als sonst, zerzaust und verdreckt, aber dort, an seiner linken Schwinge auf der Innenseite, da war eine Feder, die grau war. Er setzte erneut an, in der Hoffnung, dass es doch nur Dreck gewesen war, aber die Feder blieb gräulich, zwar weißgrau, aber es blieb grau. Ein Laut, der einem Seufzen gleichkam, entwich Thorondor und brachte den Elben dazu unbeholfen zurück zu rutschen.
 „Kein Grund zur Angst, Elb. Es ist nur, jetzt sieht man mir also an, was ich durchstehen musste“, kam es dann vom Adler und der Elb sah ihn weiter hin nur an.
 Es dauerte, ehe er den Mut fand das Schweigen zu brechen. „Es war kein Zeichen von Schwäche, in der alten Zeit“, begann er langsam und wie der Adler sehen konnte, war sein Haar unter dem Dreck und dem Blut hell, entweder weiß oder grau.
 „Ehe die Sonne aufging, sagte man mir nach, meine Haare hätten die Farbe der Sterne, die unser Licht waren. Das Licht der Sterne, nach denen mein Volk sich benannt hat. Nachdem die Sonne aber aufging, war es anders…und besonders nachdem wir den Menschen begegnet sind, ist Grau ein Zeichen der Schwäche, aber am Anfang war es das nicht, großer Adler.“
 „Thorondor“, klärte der Adler, er war nicht irgendjemand, er war der Herrscher der Lüfte und niemand würde ihm diesen Titel nehmen, bis zu dem Tag nicht, an dem er ihn nicht länger für sich beanspruchte. Niemand konnte sich mit seiner Flügelspannweite messen und auch mit seiner Kraft war er den anderen seines Volkes überlegen. Seine Küken waren groß und stark geworden, aber ihn übertrafen sie doch nicht. Nur wenige von ihnen flogen schneller als er.
 Der Elb senkte seinen Kopf. „Es ist mir eine Ehre…“
 „Es bedeutet mir nichts, sage mir lieber, wer du bist, ich weiß gerne, wen ich getragen habe.“
 „Círdan“, antwortete der Elb langsam und der Adler erkannte an, dass er jemanden vor sich hatte, der ähnlich alt war wie er selbst. Einen der ältesten Elben, die es noch gab, einen der Erwachten.

 „Es scheint der Weg der Welt zu sein, aber in meinem Fall stimmt es, der Krieg hat mich geschwächt. Doch es ist nichts, was mich zu Boden ringen würde.“
 „Dann ergeht es uns gleich.“ Círdan bemerkte die Klauen Thorondors, die verbrannt und blutig waren. Er bekam Mitleid mit dem großen Vogel, seine eigenen Wunden, die nicht länger bluteten, aber noch immer schmerzten, änderten nichts daran. „Warum habt Ihr gekämpft?“, fragte er langsam.
 „Weil ich mein Reich, den Himmel, verteidigen musste. Hat nicht ein Elb einmal gesagt, dass ein König sein Reich verteidigen muss, wenn er ein König bleiben will? Auch kann ich dir dieselbe Frage stellen, haben die meisten der Teleri sich doch geweigert zu kämpfen.“
 „Es mag sein, dass diese Worte ausgesprochen wurden, doch nicht von mir. Auch bin ich kein König und doch, ich liebe meine Heimat. Oder habe sie geliebt, denn nun ist sie doch dabei zu zerbrechen, ich spüre es. Ich habe gekämpft, um zu verteidigen, was mir am Herzen liegt. Ich war bereit mein Leben dafür zu lassen, das musste ich nicht, doch habe ich Freunde und bekannte Gesichter verloren. Und dazu haben meine… unsere Feinde Wunden gerissen. In Fleisch und Fea.“
 Vorsichtig rappelte sich der Elb auf und ging auf Thorondor zu. Er zog sich den halb zerrissenen Waffenrock, den er über seiner verbeulten Rüstung trug, aus und versuchte die Klaue Thorondors, die schlimmer anmutete, zu verbinden. Der Vogel hielt still, er wusste die Bemühungen zu schätzen, auch wenn er noch nie Erfahrungen dieser Art gemacht hatte. Bislang war immer er es gewesen, der die Elben gerettet hatte, nie hatten sie nach ihm gesehen. Aber es war kein Wandel zum schlechteren. Auch wenn er bezweifelte, dass der zerschlissene Stoff der Kleidung des Elben etwas brachte, vor allem war es ohnehin zu wenig, er war zu groß. Statt eines Waffenrockens hätte man eher etwas von der Größe einer Decke gebraucht.
 „Wären wir nur an der Küste“, murmelte Círdan. Der Raubvogel legte seinen Kopf schief. „Unbehandeltes Segeltuch, das wäre, was ich jetzt bräuchte, um nach Euren Krallen zu sehen. Auch wäre ein Schiffsmast mit gerafften Segeln weicher als dieser Fels es jemals sein könnte. Egal um was es geht, Segeltuch ist immer eine Lösung.“
 „Dennoch werden wir das Meer weit hinter uns zurücklassen und trotzdem wird es uns folgen“, erklärte der Adler müde und wartete darauf, dass der Elb wieder auf seinem Rücken kletterte. Círdan verstand die wortlose Aufforderung. Es fiel ihm schwer, sich mit seinen Verletzungen und der verbeulten Rüstung zu bewegen. Doch alleine konnte er sie nicht ausziehen.
 Als er schließlich mehr oder weniger sicher saß, hob der Adler ab.
 Thorondor und Círdan flogen gen Osten.
 „Ändert die graue Feder etwas?“, fragte der Teler nach einer Weile vorsichtig.
 „Sie zeigt mir, dass ich nicht so weitermachen kann, wie ich es bislang tat. Vermutlich werde ich mir einen Horst errichten und meinen Frieden suchen“, entgegnete der Vogel nachdenklich. „Weißt du was, Elb? Du bist der Erste, der mehr getan hat, als mir leere Worte des Dankes auszusprechen. Der Erste, der mit mir gesprochen hat. Vielleicht sollte ich mich in der Nähe von dem Ort, an dem du bist, niederlassen und einmal sehen, ob es sich auf einem Schiff so gut sitzt, wie du es gesagt hast. Vorausgesetzt, wir zwei sind noch stark genug für den Weg in den Osten.“
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