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Jeden Morgen

von SamMumm
KurzgeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Myka Berring Pete Lattimar
03.06.2013
11.07.2013
3
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Vollständig durchnässt, von Kopf bis Fuß. Hoch, hoch, bitte, nun mach schon, streng dich an! Alle Kraft, die Muskeln angespannt, aber trotzdem schwierig, sie weiterzureichen. Klammernde Hände, verkrampfte Finger. Alles nass, unglaublich nass. „Alles wird gut!“ Flehen, Bitten. Und Angst. Todesangst. Markerschütternde Schreie. Wieder und wieder und wieder. So lange, so verdammt lange! Beruhigende Worte, eine tiefe, ermutigende Stimme. Mit Hände in großen, gelben Handschuhen. Nur noch ein Stück, nur noch ein ganz, ganz klein wenig. Fingernägel auf ihrer Haut. Unter ihrer Haut. Verzweiflung und Unverständnis und dann – geschafft.
Sieben Atemzüge.
Neunzehn Sekunden.
Einunddreißig Herzschläge.
Dann waren beide Mädchen sicher im Korb und sie lief los, zurück zur Balkontür, aus der dunkler, beißender Rauch quoll. Bis die Handschuhe auch sie packten, grob und unnachgiebig, ihr Winden und Ringen ignorierten, sie über das Geländer hoben. Sie wusste, dass sie schrie, spürte die Vibration ihrer Stimmbänder, den Schmerz in ihrer Kehle, doch sie konnte nichts hören, als den alles erfassenden Lärm, mit dem das Dach zusammenbrach und in das Gebäude stürzte. Dröhnen und Donnern und Wummern, überall, von den Füßen zu den Knien, über die Hüfte hinauf und vom Kopf aus nach unten, Schultern, Ellenbogen, Fingerspitzen.
Sie hielten sie fest, die gelb behandschuhten Hände, in dem engen Korb mit den verzweifelt aneinander geklammerten Mädchen und Händen ohne Handschuhe, die ein schwarzes Funkgerät an einen Mund pressten. Kaum, dass sie den Boden erreichten und die Tür des Korbes sich öffnete, stürmte sie heraus und rannte los. Wieder hielten sie Hände zurück und das machte sie wütend, so verdammt wütend! Was bildeten sich diese Hände ein? Wussten die nicht, wer sie war? Wussten die nicht, worum es ihr ging? Verstanden die nicht, dass sie gar keine andere Wahl hatte, verdammt noch mal? Sie schlug und trat, drehte und wendete sich, traf verschiedene Körperteile, stolperte, bis die Hände sie mit einem Ruck hoch und herum rissen und so fest an den Handgelenken hielten, dass es kein Entrinnen gab. Sie hob den Kopf, willens, ihn ihrem Gegenüber gegen die Stirn zu rammen oder in den Magen, funkelte ihn aus zornerfüllten Augen an.
Sah, dass die Hände zu Steve gehörten.
„...aufhören!“ Steves Augen, groß und gerötet. Von Rauch und Qualm?
Sah, dass seine Lippen sich bewegten.
„Myka!“ Steves Augen, in denen etwas schimmerte, glänzte.
Sah, dass Blut aus seiner Nase lief.
„Bitte! Hör auf damit!“ Steves Augen, aus denen dünne, feine Tränen kullerten.
Aufhören.
Ja. Richtig. Das alles sollte aufhören. Es musste aufhören. Es konnte nur aufhören.
Ein böser Traum, genau, das war es. Sie musste nur aufhören, zu träumen, aufwachen, die Augen öffnen und aus dem Bett steigen und dann würde, nur eine Tür weiter, Pete quer in seinem Bett liegen, im Schlaf vor sich hinmurmelnd und Kekskrümel an der Wange.
Steve, der den Kopf schüttelte, Tränen in den Augen, auf den Wangen, am Kinn. „Myka, hör auf zu schreien … bitte ...“

Die Krankenschwester war wenig hilfreich, ebenso der Pfleger, der sogar versuchte, sie wieder zurück in ihr Zimmer zu bugsieren. Dafür hatte Myka jedoch weder Zeit, noch Nerven. Sie verzog ihre Augen zu Schlitzen, schob ihren Kiefer kampflustig vor und sagte ihm, er solle lieber zwei Mal überlegen, ob er sich ihr tatsächlich in den Weg stellen wollte.   Er musterte sie kurz und trat dann beiseite. Dennoch war sie keinen Schritt weiter und sie befürchtete bereits, der Pfleger würde in wenigen Minuten mit Verstärkung zurückkehren und sie mit vereinten Kräften in ihr Bett bringen, bevor sie ihr Ziel erreichen konnte, als ihr suchender Blick einen Rücken erhaschte, der ihr wohlvertraut war.
Myka straffte ihre Gestalt und marschierte auf die Tür zu, fest entschlossen, jeden umzurennen, der ihr in die Quere kam. Zum Glück kreuzte niemand ihren Weg und so öffnete sie nur wenige Augenblicke später die Tür zu einem der Krankenzimmer. Nachdem sie vor wenigen Stunden seinen Namen eine gefühlte Ewigkeit lang geschrien hatte, glitt nun bei seinem Anblick nur ein leises „Pete“ über ihre Lippen, dennoch laut genug, um die Aufmerksamkeit aller auf sich zu ziehen.
Artie saß in einer Ecke, drei Schritte entfernt, betrachtete sie mit einer Mischung und Sorge und Verärgerung; sie hätten das Haus nicht betreten dürfen, nicht ohne Ausrüstung. Darüber würden sie mit Sicherheit noch sprechen, aber – nicht jetzt. Nicht hier. Seine buschigen Brauen entspannten sich und die darunter liegenden, dunklen Augen schenkten ihr einen tröstenden Blick. Myka nickte, sah aus den Augenwinkeln Claudia und Leena, die auf Stühlen ganz nah am Bett saßen und sie mitfühlend betrachteten. Und dann war da auch noch Steve. Er lehnte mit dem Rücken an der Wand, die Arme vor dem Oberkörper verschränkt. Myka ließ ihren Blick einen Moment lang auf ihrem Kollegen ruhen, musterte das weiße Pflaster auf seiner blau-rot geschwollenen Nase und fühlte sich schlagartig schuldig. „Steve“, setzte sie zu einer Entschuldigung an und hob hilflos die Hände, aber Steve schüttelte nur sachte den Kopf und erwiderte: „Schon gut.“
Leena stand auf, führte sie zu dem freien Stuhl und drückte sie sanft darauf. Sie spürte die Hände ihrer Freundin auf ihren Schultern, spürte die Ruhe und Wärme, die von ihr ausgingen, und war ihr dafür unendlich dankbar. „Was haben die Ärzte gesagt?“, fragte Myka schließlich und betrachtete Petes blasses Gesicht, das fast zur Hälfte von einer Sauerstoffmaske bedeckt war.
„Ein, zwei Wochen Krankenhaus, danach noch eine Weile Ruhe und Erholung. Aber er wird wieder ganz gesund“, antwortete Leena und fügte dann hinzu: „Und das alles wegen einer Puppe.“
Myka stutzte, kniff die Brauen zusammen und wandte sich um. „Was?“
„Lizzie, die Freundin, die nachmittags zum Spielen zu den Mädchen gekommen ist – als die Feuerwehrleute Pete im Kinderzimmer gefunden haben, hatte er eine Puppe in der Hand. Auf ihr Kleidchen war der Name Lizzie gestickt.“
„Nein. Nein, das ist nicht …“ Mykas Blick wanderte von einem Kollegen zum anderen, ungläubig, fassungslos. „Die Mädchen haben laut nach ihr geschrien, panisch. Sie hatten Angst um Lizzie, sie waren ...“ Sie schluckte, schloss die Augen. „Als wir sie in den Korb heben wollten, hat Jenna plötzlich die Augen aufgerissen und angefangen, den Namen zu schreien. Dieser Blick, wenn ihr das gesehen hättet.“ Müde schüttelte Myka den Kopf, öffnete die Augen wieder und legte ihre Hand auf Petes, vorsichtig und behutsam, um nicht den Zugang zu berühren, der auf seinem Handrücken angebracht war.
„In dem Alter und vor allem in einer traumatischen Situation – die Mädchen hatten wirklich Angst um das Leben ihrer Freundin Lizzie; dass diese nur eine Puppe ist, spielt dabei keine Rolle“, erwiderte Leena und wollte noch etwas hinzufügen, als die Türe erneut geöffnet wurde und eine Ärztin eintrat.
„Ich verstehe, dass sie sich um ihn sorgen, aber er braucht Ruhe. Bitte gehen sie nach Hause, kommen sie morgen wieder“, ordnete die Ärztin kurzerhand an, freundlich, aber bestimmt.
Myka bemerkte die Erleichterung, die ihre Kollegen erfasste. Sie hätten Pete nie von sich aus alleine gelassen, wären nie einfach gegangen, egal, wie erschöpft, hungrig und mitgenommen sie auch waren. Doch nun, da die Ärztin sie aus seinem Zimmer verwies, konnten sie guten Gewissens gehen und sich um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern, die vermutlich mit eng mit einer Dusche, Suppe und Schlaf verbunden waren. Myka beobachtete, wie Leena Pete sanft über die Wange strich, Claudia ihn auf die Stirn küsste, hörte Artie etwas nuscheln und Steve ein paar Abschiedsworte sagen, Schlaf gut, Retter der Witwen, Waisen und Puppen. Die Ärztin blieb bei der Tür stehen, wartete. „Darf ich noch einen kurzen Moment bleiben? Bitte?“, fragte Myka, obwohl sie bereits entschieden hatte, noch ein wenig an seinem Bett sitzen zu bleiben.
„Fünf Minuten“, entgegnete die Ärztin und verließ ebenfalls den Raum.
Mykas Augen schweiften kurz über die verschieden Anzeigen auf dem Monitor, grüne, blaue, rote Linien, die unterschiedlich geartete Zacken schlugen, und lauschte dem gleichmäßigen Piepen, das das Gerät von sich gab. Als ihr Blick zurück zu Petes Gesicht wanderte, bewegten sich seine Lider. Allein der Versuch, seine Augen zu öffnen, schien schier unermesslich viel Kraft zu kosten. Letztendlich gelang es ihm, seine Lider etwa zur Hälfte anzuheben. Myka rückte noch näher an das Bett, beugte sich über ihn, damit er sie sehen konnte. Sie legte ihm behutsam eine zerkratzte Hand auf sein Haar und lächelte. „Glaubst du, mit der Nummer kannst du noch ein paar Urlaubstage herausschinden? Allein für den Versuch wird Mrs. Frederick dich Vierteilen lassen.“
Petes Augen spiegelten Unverständnis und Verwirrung.
„Es wird alles wieder gut“, begann Myka mit beruhigender Stimme auf ihn einzureden, „Du bist im Krankenhaus, aber nicht lange. Bald bist du wieder auf den Beinen und gehst mir auf die Nerven.“ Sie grinste, legte den Kopf schief und strich ihm über die Wange. „Du musst nur ein bisschen schlafen, ja?“
Plötzlich riss er die Augen auf, voller Angst, Panik, seine Hände schnellten in sein Gesicht, streiften Myka dabei unsanft, rissen an seiner Maske.
„Nein, nein, warte, nicht“, widersprach Myka nach einem kurzen Augenblick der Schreckstarre und hielt ihn davon ab, die Maske vom Gesicht zu ziehen. „Pete, hör mir zu, es ist alles in Ordnung. Es ist alles in Ordnung, bitte.“ Die letzten Worte schienen zu ihm durchzudringen, er hörte auf, sich zu wehren und blickte sie aus müden, traurigen Augen an. Durch die Maske hindurch erkannte sie, dass sich seine Lippen bewegten, Buchstaben, Worte formten, einen Satz vielleicht, eine wichtige Nachricht, eine Frage?
Sieben Atemzüge.
Neunzehn Sekunden.
Einunddreißig Herzschläge.
Und dann verstand sie, welche Sorge durch sich seinen verwirrten Kopf schleppte. Myka atmete tief durch, lächelte wieder und antwortete: „Du hast sie gerettet, Pete. Lizzie ist in Sicherheit.“ Sie sah, wie sich seine Gesichtszüge entspannten, seine Hände wieder neben ihm auf die Bettdecke glitten. Er schloss die Augen und sein Brustkorb hob und senkte sich wieder in einem ruhigen, gleichmäßigen Rhythmus. Myka lächelte, küsste ihn auf die Stirn und flüsterte: „Du hast uns alle gerettet.“ Widerwillig stand sie auf, löste sich von Pete und verließ das Zimmer, wo bereits die Ärztin und der Pfleger warteten. Mit einem leisen Seufzen fügte sich Myka in ihr Schicksal und ließ sich zurück in ihr eigenes Zimmer eskortieren. Ihr Kopf sagte ihr sehr deutlich, dass sie sich ebenso ausruhen musste, auch wenn sie gerne noch länger an seinem Bett gesessen hätte. Als sie wenige Minuten später einschlief, eingewickelt in eine warme, weiche Decke, unter den wachsamen Augen des Pflegers, der daraufhin das Licht dimmte und den Raum verließ, waren all die Angst, all der Schmerz und das Leid des Tages vergessen und ein Lächeln umspielte ihre Lippen.
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