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Jeden Morgen

von SamMumm
KurzgeschichteMystery, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Myka Berring Pete Lattimar
03.06.2013
11.07.2013
3
7.615
 
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03.06.2013 3.046
 
„Tun Sie das nicht, Mendelson!“
Der Pfeil löste sich aus dem Bogen und schoss surrend durch die Luft. Im gleichen Moment packte Claudia die Waffe und entriss sie dem Schützen. Myka hielt eine Tüte bereit und wandte den Blick ab, als Claudia den Bogen hinein warf. Blitze und Funken stoben aus der Tüte, dann war der Spuk vorbei. Mendelson starrte wie vom Donner gerührt geradeaus, das Gesicht bleich, die Augen geweitet. „Oh Gott“, entfuhr es ihm, „das habe ich nicht gewollt, wirklich, das habe ich nicht gewollt, das müssen Sie mir glauben, wirklich.“
Steve legte ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter. Auch ohne seine Gabe, ein wandelnder Lügendetektor zu sein, war es kein Hexenwerk, das aufrichtige Bedauern und die Fassungslosigkeit vom Gesicht des Mannes abzulesen. „Schon gut, ist ja zum Glück niemandem etwas passiert.“ Er zog einen Stuhl heran und drückte den Mann, der in langen Lederhosen und einem beigefarbenen Baumwollhemd steckte, sanft, aber bestimmt darauf. Sein eben noch rötlicher Kinnbart verschwand vollständig, sein braunes Haar verfärbte sich schwarz und schließlich saß vor ihm das typische Abbild eines niedrigen Regierungsbeamten, blasser Teint, billiger, schlecht sitzender Anzug, dunkle Augenringe, derart stereotyp, dass Steve sich für einen kurzen Moment fragte, ob Mendelson nicht doch noch ein weiteres Artefakt bei sich trug.
„Das sieht er bestimmt anders“, erwiderte Mendelson leise und ließ endlich die Arme sinken.
Myka, Steve und Claudia sahen zu Artie, der sich murrend vom Boden aufrappelte und Staub von seiner Kleidung klopfte. Seine linke Hand zierte eine hässliche Schürfwunde, die er sich zugezogen hatte, als er sich auf den Boden warf und mit der Hand an einer alten Küchentheke aus Holz entlang schrammte. „Mit Artefakten spielt man nicht“, brummte Artie und warf dem Robin Hood Imitat einen strengen Blick zu. „Lassen Sie in Zukunft die Finger davon.“
Eine recht milde Mahnung, dachte Steve bei sich. Der Mann hatte nicht nur auf Artie geschossen, sondern fast den gesamten Vorstand eines großen Konzerns verfolgt und mehrere Anschläge ausgeführt, die zum Glück alle glimpflich verliefen. Genau genommen hatte das weniger mit Glück, als mit Bodyguards und extrem paranoidem Sicherheitspersonal zu tun, die ihre Schützlinge beim Auftauchen eines sehr wütenden Helden in Strumpf- bzw. Lederhosen auf ihren Kameras sofort in die dafür vorgesehenen Panikräume sperrten. Dennoch … es war nicht Arties Art, etwas einfach gut sein zu lassen. Steves Blick kehrte wieder zu Mendelson zurück, der derart bemitleidenswert auf dem Stuhl saß, dass es dem Agenten die Brust zusammen schnürte. Vielleicht war dies ja der Grund für Arties ungewohnte Zurückhaltung.
„Artie, auch wenn du glaubst, die Welt dreht sich um dich – dieses eine Mal war wohl ich gemeint ...“, meldete sich Pete zu Wort, der etwa einen halben Meter neben seinem Kollegen stand und Mendelson unverhohlen anstarrte.
Artie verzog genervt das Gesicht über Petes Bemerkung und wandte sich zu ihm um. Erschrocken fuhr er zurück, wobei ihm ein „Heilige Mariamuttergottes!“ entfuhr.
„Ist es schlimm?“, fragte Pete in die Runde, der noch immer Blickkontakt mit dem bleichen Mendelson hielt, bevor ihm die Füße wegsackten und er rückwärts gegen den Kühlschrank fiel. Artie bekam einen Arm zu fassen und bremste den Sturz etwas ab. „Blöde Frage, was? Schließlich steckt ein Pfeil in meiner Schulter.“ Pete versuchte zu lachen, doch es klang erstickt.
„Nicht direkt deiner Schulter, vielmehr zwischen erster und zweiter Rippe“, entgegnete Artie und kniete sich neben Pete. Er rückte seine Brille zurecht und riss das Hemd rund um den Pfeil weiter auf, um sich wie Wunde genauer anzusehen.
Steve schluckte hart, während seine Hand unwillkürlich die Stuhllehne umschloss. Verdammt. Er hatte ja schon viel gesehen, aber ein Pfeil, der aus einem Menschen herausragte, noch dazu einem Freund, war weit verstörender, als er es sich vorgestellt hätte – hätte er jemals ein derartig abstruses Szenario erdacht ...

Als der Pfeil eingedrungen war, hatte Pete keinerlei Schmerz gespürt. Nur ein dumpfes Drücken, wie beim Zahnarzt, sobald dieser nach der Bestäubung mit seiner Arbeit begann. Für einen kurzen Augenblick hatte er gehofft, sich den Druck in seiner Brust nur eingebildet zu haben. Aber dann senkte Pete seinen Blick und sah den Pfeil mit eigenen Augen – und mit einem Mal schoss der Schmerz durch seinen Oberkörper. Seine Beine gaben nach, er sackte zusammen, doch irgendwie schaffte Artie es, ihn abzufangen. Und jetzt saß Artie vor ihm und tastete mit seinen Fingern die Wunde ab. Konnte der Tag denn noch besser werden?
Pete zuckte zusammen, biss die Zähne aufeinander. „Wirklich, Artie? Wie spannend.“
„Die Wunde ist nicht lebensbedrohlich. Der Pfeil hat keine inneren Organe oder größeren Blutgefäße getroffen“, konstatierte Artie fachmännisch und studierte konzentriert die Wunde.
„Wie schön ...“, murmelte Pete und schloss für einen Moment die Augen, doch die Funken tanzten trotz geschlossener Lider weiterhin vor seinem Sichtfeld, weshalb er sie wieder öffnete.
„Ich werde den Pfeil jetzt herausziehen.“
„Was?“ Pete hob den Kopf und stemmte sich mit der gesunden Schulter gegen den Kühlschrank, um sich aufzurappeln, scheiterte aber an den sich ausbreitenden Schmerzen und dem überhand nehmenden Schwindelgefühl. Er löste den Blick von Artie und sah die anderen hilfesuchend an.

„Warte – nein! Myka!“
Myka erwiderte seinen Blick, trat etwas näher heran und kniete sich neben Artie. Sie betrachtete den Pfeil und die Wunde, aus der zum Glück kaum Blut floss. Gut möglich, dass Artie Recht hatte und die Verletzung nicht lebensbedrohlich war, dennoch widerstrebte es ihr, den Pfeil einfach so aus dem Fleisch zu ziehen. Nicht gerade das, was sie in all den Erste Hilfe Kursen gelernt hatte. „Sollten wir ihn nicht lieber in ein Krankenhaus bringen, damit der Pfeil dort entfernt wird?“, fragte sie vorsichtig und legte eine Hand beruhigend auf Petes Oberschenkel, da ihr Kollege aussah, als würde er eher aufspringen und davon laufen, als die von Artie vorgeschlagene Prozedur über sich ergehen zu lassen. Myka konnte ihm das nicht verdenken.
Aber Artie schien nicht geneigt, von seinem Plan abzuweichen. „Wofür haltet ihr mich? Für einen Anfänger? Ich kenne mich mit Pfeilwunden aus.“ Er korrigierte den Sitz seiner Brille und studierte die Maserung des Pfeils. „Ich muss nur den Pfeil herausziehen, darauf achten, dass sich die Spitze nicht vom Schaft löst, dann wird das Ganze desinfiziert, verbunden und ruhig gestellt.“
Pete stöhnte. „Ich bin immer noch dagegen.“
Claudia sah von ihrem Smartphone auf. „Das nächste Krankenhaus ist nur fünf Meilen entfernt. Du hast selbst gesagt, die Wunde ist nicht lebensbedrohlich. Also, warum laden wir Pete nicht dort ab und geben ihm die Chance, Bekanntschaft mit einer niedlichen Krankenschwester oder Ärztin zu machen?“
„Der Pfeil ist Teil des Artefakts. Wir wissen nicht, was der Pfeil anrichtet, wenn er noch länger in Pete steckt.“
„Der Pfeil ist die Bestrafung für all das Leid, das der Getroffene anderen Lebewesen angetan hat“, meldete sich Mendelson. „Ich verstehe zwar nicht, was damit gemeint ist, aber das hat zumindest diese Stimme in meinem Kopf gesagt.“ Er wandte sich zu Steve und sah ihn aus erschöpften, aber auch ängstlichen Augen an. „Bringen Sie mich jetzt in eine Irrenanstalt? Mit Zwangsjacke und Gummizelle und so? Ich fühle mich nicht so wohl in geschlossenen Räumen, wissen Sie. Ich kann nicht einmal bei geschlossenen Fenstern schlafen, obwohl meine Frau immer Angst hat, dass da mal jemand bei uns einbricht.“
Steve schenkte dem Mann ein aufmunterndes Lächeln. „Nein, das wird nicht nötig sein. Sie standen unter einer Art Hypnose. Was passiert ist, war nicht Ihre Schuld und in Zukunft werden Sie auch keine Stimmen mehr hören.“
Das schien Mendelson ein wenig zu beruhigen. Er nickte langsam und senkte dann wieder den Blick auf seine ineinander verschränkten Hände.
Claudia kauerte sich neben Artie und Myka auf den Boden. „Dann ist das Problem doch gelöst. Pete ist einer von den Guten. Der Pfeil wird ihn nicht bestrafen“, erwiderte sie mit gesenkter Stimme, in dem Versuch, etwas Rücksicht auf Mendelson zu nehmen.
„Das Artefakt ist nicht der Weihnachtsmann, Claudia. Es interessiert sich vermutlich nicht für die Gründe, aus denen man andere verletzt hat, sondern nur für die Tatsache, dass man es getan hat.“
Pete spürte, wie sich ihm der Brustkorb zuschnürte und etwas die Luft aus seinen Lungen presste. Bilder tanzten vor seinen Augen, Fäuste, Waffen, Feuer. Ohne Vorwarnung explodierte Schmerz an den unterschiedlichsten Stellen seines Körpers. „Artie hat Recht“, stöhnte er und hob seine Hand, aus deren Rücken plötzlich ein Mittelhandknochen ragte. „Tommy Patricks, zweite Klasse.“
„Okay, Pete, ich ziehe den Pfeil jetzt heraus“, erwiderte Artie und umschloss den Schaft des Pfeils mit seiner behandschuhten Hand. Er atmete einige Male tief durch, bevor er begann, den Pfeil langsam und behutsam herauszuziehen, bemüht, ein Gefühl für das Geschoss und den Wundkanal zu bekommen.
Pete stöhnte verzweifelt auf und verzog das Gesicht. Er biss die Zähne derart fest aufeinander, dass sie knirschten. „Artie“, quetschte er gequält durch seine Zähne hindurch, während knackend Knochen brachen, seine Haut sich blau, grün, lila verfärbte, Platzwunden rote Löcher in seine Haut rissen. Tränen rannen über sein Gesicht, Schweiß und Blut.
Claudia schluckte hart und musste sich zurückhalten, nicht nach dem Pfeil zu greifen und ihn mit einem Ruck herauszuziehen. „Artie, beeile dich!“
„Wenn ich nicht aufpasse, bricht die Spitze ab und wir müssen Pete aufschneiden. Also hör auf, mich zu drängen“, entgegnete Artie, den Blick stur auf den Pfeil gerichtet. „Gleich … noch ein kleines Stück ...“
Steve schnappte sich die Tüte, in der bereits der Bogen ruhte, und hielt sie Artie entgegen.
Ein letztes Mal zog Artie an dem Schaft, dann warf er den Pfeil in die Tüte und atmete erleichtert auf. Eine Art Lächeln huschte über sein Gesicht. „Geschafft.“ Sein Blick glitt über Pete und verfinsterte sich sogleich wieder. „Claudia? Ruf einen Krankenwagen.“

„Siebeneinhalb Stunden kein Mucks und genau dann, wenn Leena mit den Keksen kommt, wirst du wach“, hörte Pete Claudias gespielt vorwurfsvolle Stimme. Er blinzelte müde, sah ihr Gesicht, zuerst verschwommen, dann immer klarer, schärfer. Claudia saß auf einem Stuhl und hatte die Füße auf seinem Bett abgelegt, Leena ging an ihr vorbei und stellte eine Tüte mit Keksen auf dem weißen Nachttisch ab. Von allen anderen fehlte jede Spur.
Leena sah ihn an, lächelte und sagte: „Artie hat gesagt, du sollst sofort ab nach Hause und ins Bett, Claudia.“ Sie wandte sich der jungen Frau zu und nickte Richtung Tür. „Na los, ich übernehme die nächste Schicht.“
Widerspruchslos stemmte sich Claudia aus dem Stuhl und verließ mit einem „Bis morgen, Pete“ das Zimmer.
Siebeneinhalb Stunden.
Pete schluckte, sein Mund und seine Kehle trocken.
Er versuchte, sich an die Ereignisse zu erinnern, doch vor seinen Augen huschten nur Bilder von toten Wachmännern vorbei, aus deren Brustkörben Pfeile ragten. Unwillkürlich hob Pete eine Hand an die Schulter und streifte dabei das Krankenhaushemd, in dem er steckte. Darunter spürte er einen weichen, mehrschichtigen Verband. Sein Blick glitt von seiner Hand aus den Schlauch entlang zum Infusionsbeutel, der an einem Ständer baumelte. Dann hob er die andere Hand und stellte fest, dass sie in einem dicken Verband steckte, aus dem zwei Schläuche führten, in denen rötliche Flüssigkeit abfloss.
Leena reichte ihm einen Becher mit Wasser und zog den Stuhl dann näher an sein Bett heran. Im Gegensatz zu Claudia hatte sie vermutlich nicht die Absicht, die Beine auf dem Bett abzulegen. Während Pete trank, machte Leena es sich ein wenig bequem und öffnete dann die Tüte mit den Keksen. Sofort stieg ihm der Duft frischen, noch warmen Gebäcks in die Nase und Pete konnte nicht anders, als zu lächeln.
„Danke“, murmelte er und stellte den leeren Becher zur Seite. Er wollte etwas sagen, doch bevor er es aussprechen konnte, war ihm der Gedanke wieder entwischt. Pete vermutete, dass es an den Schmerzmitteln lag, die sie ihm eingeflößt hatten. Nicht, dass er damit nicht einverstanden wäre. Nein, ganz im Gegenteil. Die Schmerzen. Er erinnerte sich an sie. An das Gefühl, zerrissen zu werden, von innen heraus. Und an die Gesichter und Stimmen. Er hatte Tommy Patricks gehört, wie er schrie, am Spielplatz, voller Angst und Panik. Über die Jahre hinweg hatte Pete vollkommen vergessen, worum es bei dem Streit ging. Nun wusste er es wieder – und das machte die ganze Angelegenheit nicht gerade leichter. Natürlich war es nicht seine Absicht gewesen, Tommy derart fest zu schubsen und schon gar nicht, ihn ernsthaft zu verletzen. Getan hatte er es dennoch, mit voller Wucht.  
„Pete?“, fragte Leena leise.
Pete hob den Kopf und betrachtete ihr besorgtes Gesicht. „Du musst nicht hier bleiben. Ich bin schon ein großer Junge“, erwiderte er nach einer Weile, obwohl es das Letzte war, was er gerade wollte. Krankenhäuser zählten nicht unbedingt zu seinen liebsten Aufenthaltsorten. Das viele Weiß, der Geruch nach Desinfektionsmitteln, die Geräusche … nein, er wollte wirklich nicht hier sein. Und schon gar nicht ganz alleine. Aber es war nicht fair, von Leena zu verlangen, sich seinetwegen hier die Nacht um die Ohren zu schlagen. „Ich brauche nur ein bisschen Schlaf. Und Kekse. Viele Kekse.“ Er bemühte sich um ein Lächeln und glaubte auch, dass es ihm gelang. So ganz sicher war er sich da aber nicht, irgendwie befürchtete er, dass sein Gesicht im Moment nicht sonderlich ansehnlich war und Schwellungen und Blutergüsse seine Mimik verzerrten.
Leena aber schüttelte bedächtig den Kopf. „Du weißt, dass das nicht stimmt.“
Selbstverständlich wusste er es. Und er wusste auch, dass er es vor Leena nicht verbergen konnte. Pete hatte keine Ahnung, wie die Aura eines Menschen aussah, aber ihm war klar, dass Leena den Unterschied zwischen seiner üblichen, ausgeglichenen Aura und der augenblicklichen, mitgenommenen Version deutlich erkennen konnte. Vermutlich sah sie jetzt, was er vor einigen Stunden recht schmerzlich hatte herausfinden müssen: dass er nicht der nette Kerl war, für den er sich immer gehalten hatte. Pete schloss die Augen und zuckte mit den Schultern, was er sofort zutiefst bereute. Trotz Schmerzmitteln schoss ein brennender Schmerz von den beiden Schultern aus direkt ins Genick und von dort aus ins Gehirn hinauf und das Rückgrat hinunter.
Als der Schmerz verebbte und Pete die Augen wieder öffnete, saß Leena noch immer unverändert neben seinem Bett. Er seufzte leise, schluckte. „Ich weiß, dass ich viele Dinge angestellt habe, die falsch waren. Dass ich viele Menschen verletzt habe. Aber … bisher habe ich immer gedacht, letztendlich, alles in allem, versuche ich zu helfen. Das Richtige zu tun. Mir war nie so bewusst, wie vielen Menschen ich weh getan habe und zwar mit voller Absicht. Und dabei meine ich nicht Verbrecher. Freunde, Familie. Menschen, die ich mag.“ Seine Stimme verebbte wieder und er brachte kein weiteres Wort mehr heraus. Sie steckten in seiner Kehle fest und erzeugten dort ein vages Gefühl von Übelkeit und Schwindel.
Leena betrachtete ihn lange schweigend, dann schürzte sie plötzlich die Lippen und sagte: „Meine Tante wohnte nur zwei Häuser weiter, meine Cousins waren wie Brüder für mich. Liam ist drei Jahre jünger, als ich. Er tanzte gerne vor dem Fernseher herum, wenn ich etwas ansah, das er nicht sehen wollte. Irgendwann habe ich die Geduld verloren und die Fernbedienung nach ihm geworfen. In dem Moment drehte er sich um und die Fernbedienung knallte in sein Gesicht. Ich weiß noch, dass ich für einige Sekunden gedacht habe: geschieht ihm Recht, dem kleinen Mistkerl. Und Kyle? Ein Jahr älter, als ich, glaubte er immer, dieses eine Jahr würde ihn zum Boss machen. Wir hatten eine kleine Bande mit einigen Nachbarkindern gegründet und ich wollte die Bande anführen. Kyle hat mich ausgelacht, weil ein Mädchen keine Bande anführen kann. Außer vielleicht eine Bande voller Mädchen. Ich habe ihm ins Gesicht und dabei einen Zahn ausgeschlagen.“ Leena zuckte mit den Achseln. „Es war falsch. Und ich habe noch viele andere falsche Dinge getan, auf die ich heute ganz bestimmt nicht stolz bin. Aber deswegen bin ich noch lange kein schlechter Mensch und weißt du, warum? Weil ich es zutiefst bereut habe. Ich habe mich bei den beiden entschuldigt und trotzdem weiterhin miserabel gefühlt, Tage lang. Und ich habe seitdem nie wieder eine Fernbedienung nach jemanden geworfen und auch keinem mehr ins Gesicht geschlagen – außer, es diente meiner eigenen Verteidigung. Niemand wird als Heiliger geboren, Pete. Jeder macht Fehler. Die Frage ist nur, ob und was man aus seinen Fehlern lernt.“

Jimmy, der Postbote, winkte ihm schon von Weitem zu und grinste breit. Er hielt ein braunes, kleines Paket in die Höhe und schwenkte es durch die Luft. Etwas irritiert überlegte er, um welche Bestellung es sich dabei handeln konnte und war sich fast sicher, nichts bestellt zu haben. Nun gut, vielleicht eine Werbesendung. Probepäckchen, irgendetwas in der Art. Also setzte er sich in Bewegung und ging Jimmy entgegen.
„Morgen, Jimmy.“
„Und was für einer!“, erwiderte der Postbote strahlend. „Letzter Arbeitstag vorm Urlaub, morgen geht’s ab an den Strand, Sonne, Meer, Sand, Frauen in Bikinis.“ Jimmy zwinkerte ihm zu und überreichte ihm den kleinen Karton. „Viel Spaß damit!“
„Danke, schönen Urlaub!“, entgegnete er, nahm das Paket und kehrte damit auf die Veranda zurück. Im Schatten des Daches und einiger großer Bäume ließ er sich in einen Schaukelstuhl fallen, fischte ein Taschenmesser aus seiner Hosentasche und öffnete den Karton. Er entwickelte den Gegenstand, der sorgfältig in Seidenpapier gewickelt war, bis er schließlich eine kleine Actionfigur in Händen hielt, deren linker Arm eine Bruchkante an der Stelle aufwies, an der der Arm wieder an die Figur geklebt worden war. Er zog die Brauen zusammen, seine Stirn legte sich in Falten.
Plötzlich glitt eine schlanke Frauenhand in den Karton und fischte eine Karte heraus. „Damals hast du meine Entschuldigung nicht angenommen – vielleicht kannst du mir heute verzeihen. Pete“, las die Frau vor und er konnte ihren fragenden Blick auf sich ruhen spüren. „Was hast du denn da wieder angestellt, Tom?“
Ein Grinsen huschte über sein Gesicht. Sie las eine Karte, auf der ihn jemand um Verzeihung bat und dennoch fragte sie ihn allen Ernstes, was er angestellt hatte? Dazu war wirklich nur seine Liz fähig. Und wie so oft lag sie mit ihrer Vermutung nicht gänzlich daneben, musste Tom sich eingestehen. „Eine dumme Sache. Ewigkeiten her, nicht wichtig.“
Tom hob den Blick und sah in ihr nachdenkliches Gesicht.
„Thomas Eugene Patrick, für diesen Mann ist es offensichtlich wichtig genug, dir nach all der Zeit eine Karte und eine dieser schrecklichen Actionfiguren zu schicken, auf die du so sehr stehst. Also wirst du gefälligst den Anstand besitzen und ihm auch darauf antworten.“
Pete.
Wie lange er doch nicht mehr an ihn gedacht hatte.
Tom drehte die Actionfigur behutsam in der Hand, strich mit vorsichtigen Fingern über die Bruchkante und seufzte leise.
Vielleicht war die Zeit ja tatsächlich reif für eine Aussöhnung.
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